Die Hessen und die andern deutschen Hilfstruppen im Kriege gross-britanniens gegen Amerika, 1776-1783

Part 9

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General Riedesel brach von Braunschweig am 22. Februar 1776 nach Stade an der Elbe auf, an der Spitze von 2282 Mann. Die Truppen wurden zwischen dem 12. und 17. März eingeschifft und gingen am 22. März in See. Es waren 77 Soldatenfrauen mit dieser Division. Der Rest des braunschweigischen Kontingents marschierte im Monat Mai nach Stade. Die einzelnen Teile zusammen beliefen sich auf die Gesamtsumme von 4300 Mann. Das Regiment von Hessen-Hanau, 668 Mann stark, schloss sich der Expedition in Portsmouth an. Die Braunschweiger wurden besichtigt und für den englischen Dienst gemustert durch den Oberst Faucitt, welcher von dem Aussehen der Soldaten nicht befriedigt war. Viele waren zu alt, viele nur halbwüchsige Jungen. Die Uniformen der ersten Division waren so schlecht, dass die englische Regierung gezwungen war, Riedesel 5000 £ vorzuschiessen, um die Leute in Portsmouth neu auszurüsten. Er wurde von den englischen Lieferanten betrogen, denn als man die Kisten mit Schuhen auf der See öffnete fand man Damenschuhe darin enthalten. Für einen Feldzug in Canada waren keine Mäntel vorgesehen. Neue Uniformen für die erste Division wurden im Laufe des Sommers nachgeschickt.

Der General war von dem Geiste seiner Truppen sehr befriedigt. »Ich weiss die Zufriedenheit unserer Soldaten nicht genugsam zu beschreiben, -- -- alles ist munter und guter Dinge,« schreibt er von Bord des Schiffes aus an seinen alten Chef, Prinz Ferdinand von Braunschweig. Bald indessen gesellte sich die Seekrankheit zu der Unbequemlichkeit auf den vollgepfropften Schiffen. »Die Soldaten sind meistens alle seekrank gewesen. Die meisten sind es noch, wie auch meine Leute«, schreibt Riedesel an seine Frau von Dover aus. »Der arme Koch ist es so sehr, dass er gar nicht arbeiten, ja nicht einmal den Kopf aufheben kann. Das ist eine grosse Unbequemlichkeit für uns, denn Kapitän Foy und ich müssen unsere Küche selbst besorgen, welches Dich belustigen würde, wenn Du es sähest.« Vor Beendigung der Reise war das Wasser verdorben.

Die Flotte von 30 Schiffen lichtete die Anker in Portsmouth am 4. April und kam vor Cap Gaspé am 16. Mai an, vor Quebec am 1. Juni. Riedesel erhielt hier das Kommando über ein besonderes Korps, welches aus 1 englischen und 2 deutschen Bataillonen mit 150 Canadiern und 300 Indianern bestand und den St. Lawrence-Strom entlang zwischen Quebec und Montreal postiert war. »Das hiesige Land wird Dir sehr gefallen; es ist so schön, wie es nur sein kann,« schreibt Riedesel am 8. Juni an seine Frau; und weiter sagt er am 28.: »Du wirst die Gegenden hier herrlich finden, nur schade, dass die Kolonien noch in ihrer Kindheit sind, und man also Gemüse, Obst und andere dergleichen zu einem guten Tisch gehörige Sachen sehr selten findet; Fleisch, Geflügel und Milch aber hat man im Ueberfluss. Die Häuser sind alle nur von einem Stockwerk, haben aber inwendig viele Zimmer und sind sehr reinlich. Die Einwohner sind überaus höflich und dienstfertig, und ich glaube nicht, dass unsere Bauern bei einer ähnlichen Gelegenheit sich so artig bezeigen würden.«

Nachrichten bekam man zu jener Zeit so spät, dass die Niederlage von Montgomery und Arnold vor Quebec am 31. Dezember 1775 in England noch nicht bekannt war, als die Flotte von dort absegelte. Riedesel und seine Begleiter hörten erst davon auf ihrem Wege den St. Lawrence-Strom hinauf. Kurz nach ihrer Ankunft wurde Canada von den »rebellischen« Truppen bis zum Nordende von Lake Champlain gesäubert, auf welchem See die Amerikaner eine Flotte improvisirt hatten, bestehend aus 4 Schaluppen, 8 »Gondolas« und 3 Ruder-Galleeren. Den Sommer brachten die Briten damit zu, Kriegs- und Transportschiffe zu bauen, um den See hinauf vorzudringen. Die Truppen wurden einquartiert oder in Lager untergebracht den St. Lawrence- und Richelieu-Fluss entlang, und nur ein bedeutendes Scharmützel vermochte die gewohnte Thätigkeit des Drillens und Schanzenbaues und des gleichzeitig fortschreitenden Bootsbaues durch Rückwärtsmarschieren zu unterbrechen.

Am 23. Juni wohnte General Riedesel einer feierlichen Versammlung bei in der früheren Jesuitenkirche in Montreal von General Carleton, dem Gouverneur von Canada und den Häuptlingen der fünf Nationen. Alle höheren Offiziere der Armee waren dazu eingeladen worden und ungefähr 300 Indianer waren anwesend. Die europäischen Offiziere waren mit Stühlen auf dem Chor der Kirche versehen, der Gouverneur in der Mitte, den Hut auf dem Kopfe. Die Indianer sassen auf Bänken im Mittelschiff der Kirche und rauchten ihre Pfeifen. -- Nachdem Reden gehalten und verdolmetscht waren, wurden die Dienste der Indianer durch den englischen General angenommen, und es wurden ihnen Stellungen angewiesen. Die Indianer reichten den europäischen Offizieren die Hände, und den Generalen Carleton, Burgoyne und Phillips wurden Skalpe von Rebellen geschenkt. Was die englischen Herren mit diesen reizenden Geschenken ihrer menschenfreundlichen Bundesgenossen thaten, ist nicht ersichtlich. Bei einer späteren Zusammenkunft, die General Carleton mit Indianern mehr von Westen her abhielt, erschien einer von diesen in der Uniform des General Braddock, welchen er getötet zu haben behauptete.

Von Montreal sagt Riedesel: »Diese Stadt ist in der That etwas feiner als Quebec und hat ungefähr 1600 Häuser. Sie ist von nichts anderem umgeben als einer Mauer mit Schiessscharten für Kanonen und Musketen, und was man Citadelle nennt ist ein Blockhaus in sehr schlechter Verfassung. Diese Werke waren im Jahre 1736 angefangen worden. Die ganze Insel Montreal, gleichwie auch die Stadt gehören dem Seminar.... In der Nähe dieses Seminars ist der beste Garten von ganz Canada, aber er ist nicht besser angelegt, als der von einer Privatperson bei uns zu Hause. Sie haben die meisten Arten der europäischen Pflanzen hier.« --

Schliesslich war am 9. September der Transport fertig, um auf dem Lake Champlain vorzudringen. Es war indessen notwendig, wegen der Kriegsfahrzeuge noch einen Monat länger zu warten. Sobald diese vollzählig waren, übertrafen sie die der Amerikaner um mehr als das doppelte, sowohl an Zahl als an Gewicht. Sie waren mit aufgegriffenen englischen Seeleuten bemannt, während die Schaluppen und Gondolas unter Benedict Arnold meistens von Nicht-Seeleuten bemannt und befehligt waren. Das Resultat war vorauszusehen. Arnold wählte am 10. Oktober 1776 eine unvorteilhafte Stellung zwischen Valcour Island und dem westlichen Ufer des Sees. Hier bestand er einen ungleichen Kampf am 11. und von da entwischte er in der folgenden Nacht, verwegen durch die Linie der britischen Flotte hindurchschlüpfend. Am 13. wurde er in der Nähe der Insel der vier Winde von Carleton eingeholt. Einige der Boote zertrümmerten, andere wurden auf den Strand gesetzt und verbrannt; nur fünf entkamen. Arnold und sein Haufe bewiesen die grösste Tapferkeit bis zu Ende; aber Tapferkeit allein konnte den Mangel an Seetüchtigkeit und die Minderzahl nicht ausgleichen. Einige von den Deutschen nahmen an dem Seegefecht vom 11. teil, und eins der Schiffe, auf dem die Hanauer Artillerie war, wurde durch das amerikanische Feuer zum Sinken gebracht. Die Soldaten und Seeleute, welche es bemannten, wurden indessen durch ein anderes Boot gerettet. --

Unmittelbar nach diesem Seekampf besetzte Carleton Crown Point ohne Gegenwehr. Streifparteien wurden bis in die Nähe von Ticonderoga vorgetrieben. Riedesel war am 22. oder 23. Oktober dieser Festung so nahe, dass er sie von einem Hügel aus vollkommen sehen konnte. Er dachte, sie könnte wohl leicht von der britischen Armee in Canada genommen werden, wenn die ganze Armee in Bewegung gesetzt werden würde, doch er rechnete die Stärke der eigentlichen Besatzung entschieden zu hoch. Sir Guy Carleton hielt es für zu spät, in diesem Herbst weitere Eroberungen zu unternehmen. Selbst Crown Point verliess er und zog sich nach der Nordspitze des Sees zurück.

Die Truppen wurden in Winterquartiere gelegt, die Deutschen den Riechelieu-Fluss entlang und in die Umgebung des Sees St. Pierre. Riedesels Hauptquartier war in Trois-Rivières. Man bemühte sich, die Anwesenheit der Soldaten nicht zu schwer auf den Einwohnern lasten zu lassen, abgesehen von denen, die Sympathien mit den Rebellen gezeigt hatten. Eine strenge Disziplin wurde aufrecht erhalten. Die Soldaten empfingen ihre Verpflegung und fällten sich ihr Holz zum Feuern in den Wäldern. Die Arbeit des Tragens des Holzes, sobald es gefällt worden war und des Kochens scheint den Einwohnern obgelegen zu haben. Die Soldaten waren versehen mit langen Hosen von dickem Tuch, die bis hoch zum Leibe hinauf reichten, und mit warmen Fausthandschuhen und Kapuzen.

Die zweite Braunschweigische Division war im September nach einer langen und stürmischen Ueberfahrt in Canada angelangt. Offiziere und Leute waren schliesslich auf halbe Ration von verdorbenen Lebensmitteln gesetzt worden. Als die Division von ungefähr 2000 Mann in Quebec ankam, waren 19 Mann gestorben und 131 krank an Scorbut.

Der lange Canadische Winter brach unmittelbar darauf herein. Er wurde von Riedesel zur Ausbildung der Truppen verwendet wenn das Wetter es erlaubte, besonders zur Ausbildung im Schiessen. Er hatte bemerkt, dass die Amerikaner bessere Schützen als die Deutschen waren, und er bemühte sich eifrig, diesem Mangel bei seinen Soldaten abzuhelfen. Im Laufe des Winters reiste er über 1800 Meilen im Schlitten, um die zerstreut liegenden Detachements zu besichtigen, und um General Carleton in Quebec und Montreal seine Aufwartung zu machen. An ersterem Orte war er am 31. Dezember 1776, als ein feierlicher Gottesdienst in der Kathedrale gehalten wurde zum Andenken an die Befreiung der Stadt von Arnold und Montgomery an diesem Tag des vergangenen Jahres. Die Feierlichkeit wurde geleitet von dem Bischof, und 8 unglückliche Canadier mussten öffentlich Busse thun, mit Stricken um den Hals, und Gott, die Kirche und König Georg um Verzeihung bitten dafür, dass sie den Amerikanern beigestanden hatten.

Während des zweiten Teils des Winters gab Riedesel in Trois-Rivières jede Woche einen Ball, teils um sich die Zuneigung der Einwohner zu erwerben, teils um seine Offiziere von Thorheiten abzuhalten. Der 20. Januar, der Geburtstag der Königin von England, wurde mit grossem Pomp gefeiert. 40 Gäste waren zum Diner geladen. Gesundheiten wurden in Champagner ausgebracht, und eine kleine Kanone wurde nach jedem Toast abgefeuert wie im ersten Akte von »Hamlet«. Am Nachmittag und Abend war ein Ball, zu welchem nicht weniger als 37 Damen erschienen. Diesen wurde des Abends ein Souper serviert, wobei ihnen die Herrn aufwarteten. »Demoiselle de Tonnencour«, schreibt ein Augenzeuge, »erhöhte ihre Reize durch ihre Juwelen, aber die arme Demoiselle R--e, in ihrem schäbigen baumwollenen Kleid, wurde vor vielen von uns vorgezogen wegen ihrer natürlichen und angenehmen Art und ihrer schönen Stimme. Sie müssen wissen, lieber Herr, dass die kanadischen Schönen französische und italienische Lieder an der Tafel singen, und dass bereits mehrere Lieder zu Ehren von General Riedesel geschrieben und komponiert worden sind, und dass diese oft in Trois-Rivières gesungen werden«. Auf diese Weise, mit Dienst und Vergnügen, gingen die Monate dahin bis zu Anfang Juni 1777, wo sich eine ereignisreiche Campagne für die Braunschweiger eröffnete.

Kapitel XI.

Baronin Riedesels Reise 1776 und 1777.

Die Baronin von Riedesel war aufgebrochen, um sich mit ihrem Gemahl zu vereinigen und hatte ihre drei kleinen Töchter mit sich genommen, von denen die Älteste erst 4 Jahre und 9 Monate alt war und die Jüngste ein Säugling von 10 Wochen. Die Reise von Deutschland nach Kanada war in jenen Tagen keine leichte Sache, sie war weder frei von unberechenbaren wie wirklichen Gefahren. »Man stellte mir nicht allein die Gefahren zur See vor, sondern sagte mir auch, dass wir besorgen müssten von den Wilden gefressen zu werden; dass man sich in Amerika mit Pferdefleisch und Katzen ernährte; und doch schreckte mich alles dieses noch weniger als der Gedanke, in ein Land zu kommen, wo ich die Sprache nicht verstand. Inzwischen war ich auf alles gefasst, und der Gedanke, meinem Manne zu folgen und meine Pflichten zu erfüllen, hat mich im ganzen Lauf meiner Reise aufrecht erhalten.«

Die Baronin verliess Wolfenbüttel in der Nähe von Braunschweig am 14. Mai 1776 und reiste über Calais nach England. »In Mastricht warnte man mich, auf meiner Hut zu sein, weil die Wege durch Strassenräuber sehr unsicher gemacht wurden, deren in vierzehn Tagen 130 teils gehängt, teils auf andere Art hingerichtet worden, welches aber noch nicht der vierte Teil von denen wäre, die sich noch da befänden; und dass man sie gleich ohne weiteren Prozess auf den Landstrassen und an den Orten aufhinge, wo sie ihr Wesen trieben. Diese Nachrichten setzten mich sehr in Furcht, und ich nahm mir vor, nicht bei Nachtzeit zu reisen; da ich aber sehr schlechte Pferde bekam, so musste ich doch in der Dämmerung durch einen Wald, wo etwas hängendes mir durch das offene Fenster in den Wagen hineinschlug. Ich fasste darnach, und als ich etwas rauhes fühlte, fragte ich was es sei? -- Es war ein Gehängter mit wollenen Strümpfen. Noch ganz erschrocken darüber, wurde mir noch weit mehr angst, als man vor einem ganz einsam stehenden Hause in diesem nämlichen Walde stille hielt, wo die Postillons nicht weiter fahren wollten. Der Ort hiess Hune, ich werde es nie vergessen! Ein Mann von ziemlich verdächtigem Aussehen empfing uns und führte uns in eine sehr abgelegene Stube, wo ich nur ein Bett fand.

Es war kalt, ich liess also Feuer in einem grossen Kamin machen; unser ganzes Abendbrod bestand in Thee und in sehr grobem Brode. Mein treuer Rockel (ihr alter Diener) kam zu mir mit einem sehr ängstlichen Gesicht und sagte mir: »Hier ist's nicht richtig! es ist da eine Kammer voller Gewehre, ich glaube die andern Leute sind aus; gewiss sind es Spitzbuben! Ich werde aber die Nacht vor ihrer Kammer mit meinem Gewehr sitzen und werde mein Leben teuer verkaufen. Der andere Bediente soll in der Kutsche sitzen auch mit seinem Gewehr.« Alles dieses machte natürlich meinen Schlaf nicht ruhig, ich hatte mich auf einen Stuhl gesetzt und den Kopf auf das Bett gelegt. Doch schlief ich endlich ein, und wie gross war mein Entzücken beim Erwachen, als man mir um 4 Uhr des Morgens zu sagen kam, dass alles zur Abreise fertig sei, und ich darauf den Kopf zum Fenster herausstreckte, und in dem Walde, worin wir uns befanden, eine Menge Nachtigallen um uns her bemerkte, welche durch ihren angenehmen Gesang mir alle meine überstandene Angst vergessen machten.«

Solcher Art waren die Unbequemlichkeiten einer Reise auf dem Kontinent vor 100 Jahren. Wir werden gleich sehen, was für unangenehme Abenteuer Fremde in England zu gewärtigen hatten. Die Baronin gelangte glücklich von Calais hinüber nach Dover und erreichte London mit der Post. Der Hotelbesitzer in Calais hatte ihr gesagt, dass es nicht sicher für sie sei, allein zu reisen und, nachdem er so gethan hatte, als wenn er eifrig gesucht hätte, stellte er ihr einen Mann vor, von dem er vorgab, dass er ein Gentleman sei, der eingewilligt hätte, die Begleitung zu übernehmen. Dieser begleitete sie bis London, wo sie in dem 4. Stock eines Hotels einlogiert wurde, obwohl sie gute Räume verlangt hatte. In ihrem Tagebuch sagt sie: »Den Tag darauf kam mein Hauswirt mit einer ganz verschämten Miene zu mir und fragte mich sehr ehrerbietig, ob ich den Menschen kenne, mit welchem ich gekommen wäre, und den ich ihm empfohlen so gut zu bewirten (denn ich hatte es für unschicklich gehalten, ihn in London mit mir essen zu lassen). Ich sagte ihm, dass es ein Edelmann wäre, der auf die Bitte des Herrn Guilhaudin, meines Wirts in Calais, mir die Gefälligkeit erzeigt hätte, mich auf der Reise zu begleiten. Ha! erwiederte er, dies ist einer von seinen Streichen! Es ist ein Lohnbedienter, ein Erzgauner, den er dazu gebraucht, seine Geschäfte zu machen; und wie ich Sie mit diesem Menschen im Wagen sitzen sah, als Sie ankamen, so muss ich Ihnen bekennen, dass ich nicht glaubte, dass Sie das wären, wofür Sie sich ausgäben, und also dafür hielt, dass diese Stuben gut genug für Sie sein würden; da ich jetzt, nach den Leuten, die zu Ihnen kommen, urteilen kann, dass ich mich geirrt habe: so bitte ich Sie sehr um Verzeihung, und ersuche Sie andere anzunehmen, für welche Sie mir nicht mehr bezahlen sollen, als für diese hier; so sehr wünsche ich mein Versehen wieder gut zu machen. Ich dankte ihm und bat, dass er mich doch sobald als möglich von dem Menschen befreien sollte, der mir aber doch noch 4 oder 6 Guineen (ich erinnere mir nicht mehr genau wie viel es war) für seine Begleitung abforderte.«

Baronin Riedesel hatte Bekannte in London getroffen unter anderen Schlieffen, den Gesandten des Landgrafen von Hessen-Cassel, den Mann, der das grösste Geschäft bei dem Verkauf von deutschen Truppen an England gemacht hatte. Sie verkehrte etwas in der Gesellschaft, war aber wegen ihrer kleinsten Tochter viel an das Haus gefesselt. »Eines Tages«, schreibt sie, »hatte ich eine unangenehme Geschichte in London. Man hatte mir gerathen, dass ich mir ein kleines Mäntelchen und Hut kaufen sollte, ohne welche ich nicht ausgehen könnte. Ich war zum Essen beim Herrn von Hinüber, dem hannöverischen Minister. Seine Frau schlug mir einen Spaziergang nach St. James vor, versäumte aber, mir vorher zu sagen, was in unserer Kleidung wider das englische Kostüm war. Gustchen war nach französischer Art gekleidet, trug einen kleinen Panier (Reifrock) und einen hübschen, kleinen, runden Hut. Ich bemerkte, dass man fast mit Fingern auf uns wies und fragte nach der Ursache. Sie sagte mir, ich hätte einen Fächer, welchen man mit einem Hut nicht tragen dürfe, und meine Kleine wäre zu geputzt, daher man uns für Franzosen hielte, die hier schlecht angeschrieben wären.«

»Den Tag darauf ging ich wieder dahin, und wir waren alle ganz auf englische Art gekleidet, also glaubte ich, dass man uns nicht bemerken würde; ich irrte mich aber, denn ich hörte wieder rufen: French women! pretty girl! (Französinnen! hübsche Mädchen!) Ich fragte den Lohnbedienten, warum man uns für Französinnen hielt, und erfuhr, dass es deshalb wäre, weil ich meinen Kindern Bänder angesteckt hatte. Ich riss sie ab und steckte sie in die Tasche, aber man begaffte mich immer noch, und ich hörte, dass es wegen der Hüte war, welche die Kinder in England von einer anderen Form trugen. Ich sah daraus, wie nötig es war, sich nach der Sitte des Landes zu richten, um mit Annehmlichkeit dort zu sein, denn der Mob (Pöbel) läuft gleich zusammen, und wenn man sich mit ihm in Wortwechsel einlassen wollte, so setzte man sich Beschimpfungen aus.«

Einige Tage später reiste die Baronin nach Bristol. Sie schreibt: »Gleich den Tag nach meiner Ankunft rief mich meine Wirtin zu einem (wie sie es nannte) allerliebsten Schauspiel. Wie ich ans Fenster trat, erblickte ich zwei nackte Menschen, die sich mit der grössten Erbitterung boxten. Ich sah wie ihr Blut floss und wie die Wuth in ihren Augen gemalt war. Zu wenig an einen solchen hässlichen Anblick gewöhnt, zog ich mich geschwind in den innersten Winkel des Hauses zurück, um nicht das Freudengeschrei zu hören, das die Zuschauer dabei machen, wenn einer einen Stoss bekommt. Während meines Aufenthalts in Bristol hatte ich einen unangenehmen Auftritt. Ich trug ein zitzenes Kleid mit einem Besatz von grünem Taft. Dieses mochte den Bristolern als etwas zu Fremdes aufgefallen sein, denn wie ich eines Tages mit Madame Foy spazieren ging, versammelten sich über 100 Matrosen um uns, wiesen auf mich mit Fingern und riefen: French whore! (französische Hure!) Ich floh so geschwind als möglich in das Haus eines Kaufmanns, und nahm den Vorwand dort etwas zu kaufen; mittlerweile verlief sich das Volk wieder. Das verleidete mir aber mein Kleid, und wie ich wieder nach Hause kam, so schenkte ich es meiner Köchin, ob es gleich noch ganz neu war.«

Frau von Riedesel blieb 10 Monate in England. Ihr Gemahl hatte ihr gesagt, dass sie nicht ohne Begleitung einer andern Dame reisen sollte, und hatte ihr die oben erwähnte Mrs. Foy empfohlen, die sich auch in Canada mit ihrem Mann vereinigen wollte. Diese Dame liess die Baronin den ganzen Sommer 1776 hindurch warten und weigerte sich schliesslich mit ihr zu gehen. Es war spät im Herbst und der Baronin Riedesel war angerathen, die Überfahrt nicht zu wagen, da sie den St. Lawrence-Strom mit Eis gesperrt finden möchte. Sie kehrte infolgedessen nach London zurück, wo sie bei liebevollen Menschen gute Wohnung fand und den folgenden Winter zubrachte. Die Sorge für ihre Kinder zwang sie, ein ruhiges Leben zu führen. Indessen wurde sie bei Hof vorgestellt, von welcher Ceremonie sie folgenden Bericht macht: »Man riet mir, an Hof zu gehen, da die Königin geäussert hätte, dass sie mich gern sehen wollte. Ich liess mir also eine Hofrobe machen, und Lady George Germaine präsentierte mich. -- Es war am Neujahrstage 1777. Ich fand das Schloss sehr hässlich und altfränkisch möbliert. Die Damen und Herren stellten sich alle in das Audienzzimmer; hierauf kam der König, welcher 3 Kavaliere vor sich gehen hatte, in das Zimmer. Ihm folgte die Königin links herum. Beide gehen keinen vorbei ohne ihm was zu sagen. Am Ende des Saals begegnen sie sich, machen sich eine grosse Reverenz, und gehen dann ein jeder von ihnen dahin, wo der Andere hergekommen ist. Ich frug Lady Germaine, was ich zu thun hätte, und ob der König, wie ich gehört hätte, alle Damen küsste? Nein, antwortete sie mir, bloss die Engländerinnen und Marquisen, und man hat nichts weiter zu thun, als stille auf seinem Platz stehen zu bleiben. Wie nun der König an mich heran kam, war ich sehr verwundert, dass er mich küsste, und wurde darüber feuerrot, weil es mir ganz unerwartet kam. Er fragte mich sogleich, ob ich Briefe von meinem Mann hätte? Ich sagte: Ja, am 22. November. Er ist wohl, erwiederte er, ich habe mich express nach ihm erkundigt, jedermann ist mit ihm zufrieden, und ich hoffe, dass ihm die Kälte nichts schaden wird. Ich antwortete, ich glaubte und hoffte, dass, da er in einem kalten Klima geboren wäre, ihm die Kälte nicht so beschwerlich fallen würde. Ich hoffe es auch, sagte er; allein dieses versichere ich Ihnen, dass die Luft daselbst sehr gesund und klar ist. Hierauf machte er mir noch einen sehr freundlichen Gruss und ging weiter. Als er weg war, sagte ich der Lady Germaine, dass ich durch den Kuss des Königs nun naturalisiert wäre. Hernach kam die Königin, die auch sehr freundlich gegen mich war und mich fragte, ob ich schon lange in London wäre? Ich sagte »2 Monat«. »Ich glaubte schon länger«, erwiederte sie. Ich antwortete, »in London nur so lange, aber in England bereits 7 Monat.« Sie fragte, ob es mir hier gefiele? Ich sagte »ja; dass ich aber doch sehr wünschte, erst in Canada zu sein«. »Fürchten Sie sich denn nicht«, frug sie weiter, »vor der See? Ich liebe sie garnicht.« »Ich auch nicht«, erwiederte ich, »allein es ist kein ander Mittel, meinen Mann wiederzusehen, und ich werde mit Freunden reisen.« »Ich bewundere ihren Muth«, sagte sie, »denn es ist eine starke Unternehmung und sehr beschwerlich, zumal mit 3 Kindern.«

»Aus dieser Unterredung sah ich, dass sie schon mehr von mir gehört hatte, und es war mir daher lieb, dass ich an den Hof gegangen war. Nach der Cour sah ich alle königlichen Kinder, bis auf eins, das krank war. Es waren ihrer 10, die ich alle bildschön fand.«