Part 16
»Nur um Dir einen Begriff von Amerika, oder vielmehr dem kleinen Teilchen von Amerika, so wir jetzo noch inne haben, zu machen: so kann ich nicht unterlassen zu rühmen, dass es ein recht schönes, angenehmes und ebenes Land, und New-York, obgleich der Teil nach der See zu abgebrannt ist, eine der schönsten und pläsantesten Seestädte ist, so ich noch gesehen habe. Denn die Häuser sind nicht nur alle englischer Façon, regulär und schön gebaut, mithin den wahrsten Palästen ähnlich; sondern sie sind auch alle tapeziert und aufs kostbarste ausmöbliert. Es ist deswegen Schade, dass dieses Land, welches auch sehr fruchtbar ist, von solchen b--schen Menschen bewohnt wird, die vor Wollust und Üppigkeit nicht gewusst, was sie haben anfangen wollen, und daher auch nichts anderem als ihrem Hochmut ihren Fall zu danken haben. Jeder, der bei uns ihre Partei nimmt und glaubt, sie hätten eine begründete Ursache zur Rebellion, sollte nur einmal zur Strafe eine zeitlang unter ihnen sein und dabei die hiesige Verfassung kennen (denn der schlechteste Mann hier kann, wenn er nur etwas thun will, leben wie der reichste bei uns) der würde gewiss bald aus einem andern Tone sprechen und mit mir einsehen, dass nicht die Not, wohl aber Frevel und Wollust die Ursache der ganzen Rebellion sei. Denn obgleich die meisten von verlaufenem Lumpengesindel, das von anderen Orten vertrieben worden, abstammen, so sind sie doch so hoffärtig hier und treiben aller Orten, zumalen aber in New-York einen solchen Staat, als wohl nirgend in der Welt getrieben wird. Z. B. so gehen die Weibsleute hier, so fast alle sehr schön sind, es seien, Schusters-, Schneiders- oder Tagelöhners-Frauen (deren letztere jedoch sehr wenig hier sind, weil fast jeder Mensch einige Neger als Sklaven zu seiner Bedienung hat) täglich in zitzenen, nesseltuchenen und seidenen Schlendern. Welcher Staat denn, da sie das viele Geld von den Truppen lösen, indem sie nicht ein Salzkorn umsonst zu geben brauchen, täglich zunimmt. Wobei dann nichts ärgerlicher ist, als dass diesem Volke, welches im Grunde noch lauter Rebellen sind, von den Soldaten auf expressen Befehl des Königs nicht nur auf das Artigste muss begegnet werden, sondern auch, wie schon gedacht worden, nicht ein Salzkorn umsonst abgefordert werden darf. Es müssten daher auch die armen Soldaten Hungers sterben, wenn ihnen nicht täglich für 3 Pences die Schiffskost geliefert würde, welche täglich aus 1 Pfund Zwieback, eingesalzenem aber fast ungeniessbarem Schweinefleisch, einigen muffigen Erbsen, etwas Hafermehl und etwas Rum besteht, welches sie dann, obgleich sehr viele davon ungesund werden, erhalten muss.«
Bei den Scharmützeln und kleineren Unternehmungen um New-York herum waren die Hessen im Allgemeinen beteiligt und es mag der Mühe wert sein, einen Blick auf einige dieser Ereignisse zu werfen, bevor wir uns zu den wichtigeren Operationen in den Süd-Staaten wenden, durch welche das Schicksal des Landes schliesslich entschieden wurde.
Im zweiten Teil des August 1778 wurde das Jäger-Korps auf den Spyt den Duyvels Hills, bei Courtland's Plantation postirt. In der Frühe des 31. August wurde ein Kapitän mit 150 Jägern, von denen 15 beritten waren, zu einer Rekognoszierung gegen Phillips House vorgeschickt. Sie hatten kaum eine halbe Stunde Weg zurückgelegt, als sie von einer Abteilung Amerikaner und Indianer unter dem Chevalier Armand, welcher sich in einer Schlucht rechts von der Strasse in Hinterhalt gelegt hatte, überrascht wurden. 16 Jäger wurden getötet, verwundet oder gefangen, die Übrigen entkamen. Oberst von Wurmb, welcher das Jäger-Korps kommandierte, eilte zur Unterstützung des Detachements, sobald er das Feuern hörte, herbei, aber Chevalier Armand zog sich mit seinen Gefangenen zurück und überschritt den Phillips Manor bei East Chester, wo die Oberstlieutenants Cathcart, Simcoe und Emmerich mit ihren leichten Truppen standen.
Die Oberstlieutenants erfuhren, dass Armand im Anrücken sei und bereiteten sofort einen Hinterhalt vor. Simcoe und Cathcart auf dem rechten und linken Flügel, zogen ihre Infanterie in die Wälder zurück und stellten sich so auf, dass sie das Defilee beherrschten, welches die Amerikaner und Indianer passieren mussten. Emmerichs Infanterie hatte Aufstellung genommen, um den Angriff zu erwarten, mit dem Befehl, sich vor dem Feinde zurückzuziehen. Emmerich hatte sich mit der Kavallerie hinter einem Hügel aufgestellt, um sich auf den angreifenden Feind zu werfen, sobald er in die Falle gegangen wäre. Kapitän Ewald war mit zwei Kompagnien Jäger von Oberstlieutenant von Wurmb zur Unterstützung von Emmerichs Infanterie vorgeschickt worden.
Der Plan der Oberstlieutenants war mit Erfolg gekrönt worden. Ungefähr um 4 Uhr nachmittags erschienen die Amerikaner und Indianer auf dem Gefechtsfeld. Emmerichs Plänkler zogen sich vor ihnen zurück und lockten sie in ein Feld von indianischem Korn, wo sie plötzlich in Front, Rücken und beiden Flanken angegriffen wurden. Alle Indianer mit Ausnahme von einem, welcher den Hergang erzählen sollte, wurden getötet. Sie gehörten dem Stockbridge-Stamme an und wurden von Sachem Neham geführt. Ungefähr 50 Amerikaner wurden gefangen genommen, Armand aber entkam mit einigen anderen durch die Büsche.
Eelking bemerkt bei dieser Gelegenheit, dass dies ein Beweis ist, dass die Amerikaner die Verwendung von indianischen Bundesgenossen in diesem Kriege ebensowenig verschmähten als die Briten. Man muss aber wohl einen Unterschied machen zwischen der Verwendung von Indianern gegen britische und deutsche Soldaten, wie sie von Seiten der Amerikaner geschah, und der Entsendung derselben gegen die Bewohner von einsamen Farmhäusern und unbeschützten Gehöften, wie es beständig von den Dienern des Königs gehandhabt wurde. Der Stockbridge-Stamm soll durch diese Expedition, wie gesagt wurde, so sehr gelitten haben und so völlig entmutigt worden sein, dass er keinen weiteren Anteil an dem Kriege nahm.
Ewald beschränkte sich nicht nur auf Erzählungen, welche den Ruhm der eigenen Partei verherrlichen. Neben Berichten über Trenton, Redbank und andern wichtigen Begebenheiten, bei welchen Hessen oder Engländer geschlagen wurden, behandelt er in einem besondern Kapitel die kühnen und glücklichen Streiche, die von kleinen Abteilungen Amerikaner geführt wurden. So erzählt er uns, wie im Frühjahr 1777 die Briten eine grosse Menge Fourage in Sag Harbor auf Long-Island angesammelt hatten und wie in Beziehung hierauf Colonel Meigs von Guilford in Connecticut mit weniger als 200 Mann in Walfisch-Booten aufbrach. In einer stürmischen Nacht gingen sie über den Sund, zogen ihre Boote über das Land, setzten sie von neuem aus, landeten bei Sag Harbor, überfielen die Wache, zerstörten die Vorräte, verbrannten mehrere Schiffe, nahmen eine Anzahl Engländer gefangen, bestiegen ihre Boote wieder und erreichten glücklich Guilford. Eine ähnliche Landung wurde in der Cow Bay im November 1780 bei hellem Tage ausgeführt. Im Jahr 1781 wurde ein braunschweigischer Major von seinem Quartier auf der Nordseite von Long-Island weggeschleppt. Es war in der That zur Gewohnheit geworden, dass kleine Häuflein Amerikaner auf der Insel landeten, die englischen und deutschen Soldaten ärgerten und die Tories plünderten. Diese Streifzüge wurden mit grosser Kühnheit ausgeführt und bilden, Ewald zufolge, eine vollkommene Widerlegung der Anschuldigungen wegen Mangels an Mut in diesem Kriege, die einigemal gegen die Amerikaner erhoben worden sind. »Der, welcher gegen diese Nation gekämpft hat,« sagt er, »wird von dem Gegenteil überzeugt sein und wird nicht mit Verachtung von ihr reden.«
Ewald erzählt mit grosser Bewunderung die schneidige Wegnahme von Stony-Point durch die Amerikaner unter Anthony Wayne am 16. Juli 1779. »Verdienen diese Menschen nicht bewundert zu werden, welche noch vor etlichen Jahren Rechtsgelehrte, Ärzte, Geistliche oder Landwirte waren, die in so kurzer Zeit sich zu vortrefflichen Offizieren bildeten, die so viele von unserm Stande beschämen, welche unter den Waffen grau geworden, und denen himmelangst werden würde, wenn sie zur Ausführung eines solchen Plans den Auftrag erhielten? Man wird mir vielleicht antworten, dass diese Menschen von Natur mit grossen Talenten zum Krieg begabt worden sind. Dieses kann wohl der Fall bei einem oder dem andern sein, aber im Ganzen ist die Natur mit ihren Ritterschlägen nicht so verschwenderisch. Man erlaube mir, diese Leute erwählten nicht den Kriegsdienst als einen Zufluchtsort, so wie ihn gewöhnlich der Adel wählt, nicht als ein Zuchthaus für einen ungeratenen Sohn, der auf Akademien nichts hat lernen wollen, wie oft der Fall bei denen von bürgerlichem Stande ist; sondern sie wählten diesen Stand mit dem festen Vornehmen, sich auf alle Art zu beeifern, ihrem Vaterlande mit Nutzen zu dienen und sich durch Verdienste hervorzuthun. In Erstaunen bin ich manchmal geraten, wenn während dem damaligen Kriege etwas Gepäck von den Amerikanern uns in die Hände fiel, wie jeder elende Schnapsack, in welchem oft nur einige Hemden und ein Paar zerrissene Beinkleider steckten, mit militärischen Büchern angefüllt war, z. B. die Instruktion des Königs von Preussen an seine Generale, Thielkes Feld-Ingenieur, die Parteigänger Jenny, Grandmaison und dergleichen mehr, die alle in die englische Sprache übersetzt waren, sind mir hundert mal durch unsere Leute in die Hände geraten. Dieses war eine wahre Anzeige, dass der Offizier in dieser Armee im Lager den Krieg studiert, welches nicht der Fall bei den Gegnern der Amerikaner war, wo man wohl eher die Mantelsäcke mit Puderbeuteln, wohlriechenden Pomadenbüchsen, Karten (keine Land-, sondern Spielkarten), und dann wohl obendrein manchmal mit einigen Romanen oder Schauspielen angefüllt fand.«
Die Briten behielten zwei oder drei Plätze auf der Westseite des Hudson in fortwährendem Besitz. Einer dieser Plätze war Paulus Hook, jetzt Jersey City. Der Hook war eine aus steinigen, felsigen Bergen bestehende Halbinsel und teils vom Hudson, teils von einem Sumpf, der von Bächen und Gräben durchschnitten war, umgeben. Die Stellung, die durch sich selbst stark war, war mit Palisaden, Blockhäusern und Redouten befestigt. Sie war von einem Bataillon New-Jersey-Tories unter Oberstlieutenant Bushkirk besetzt.
Am 18. August 1779 wurde eine Abteilung von 40 Hessen mit 2 Offizieren übergesetzt, um die Besatzung von Paulus Hook zu verstärken, und um 9 Uhr abends an jenem Tag brach Bushkirk zu einer Unternehmung gegen die ungefähr 14 Meilen entfernte neue Brücke über den Hackensack auf. Inzwischen näherte sich Major Henry Lee von Virginia mit ungefähr 300 Mann, unterstützt von Lord Stirling mit weiteren 500 Mann, der neuen Brücke von der entgegengesetzten Richtung her, unter dem Vorwande zu fouragieren. Stirling machte hier Halt, Lee aber kam während der Nacht bis an Paulus Hook heran, indem er an Bushkirk unbemerkt vorbeigegangen war. Lee entsandte einen Offizier mit einer kleinen Abteilung gegen das Fort, um zu rekognoszieren. Der Offizier meldete, dass die Besatzung unbewacht zu sein scheine. Lee ging darauf mit seinem Detachement vor. Sie durchwateten die Gräben, drangen in das Fort ein und überfielen eine Anzahl Provinziale, die in einem Blockhaus schliefen. Darauf näherten sie sich dem zweiten Blockhaus, das von einer kleinen Abteilung Hessen besetzt war. »Wer da!« rief der Posten. »Stony Point!« antworteten die Amerikaner. Der Posten feuerte und machte dadurch Alarm, aber der das Blockhaus befehligende Unteroffizier musste sich mit 10 oder 15 Mann ergeben. Lee überfiel und besetzte darauf die Haupt-Redoute, und der ganze Paulus Hook schien ihm schon zu gehören. Da hatten indessen zu ihrem Glück ungefähr 25 Hessen ihren Verstand und ihre Geistesgegenwart beisammen. Sie warfen sich in eine kleine Redoute, wo sie sich mit ihrem Kapitän und Major Sutherland, dem Kommandeur des Postens, vereinigten, und weigerten sich zu ergeben. Lee, der nicht gewusst hatte, dass sich Hessen in dem Fort befanden und der wahrscheinlich ihre Zahl überschätzt hatte, machte sich, noch ehe es Tag wurde, davon, ohne selbst die Kanonen zu vernageln oder das Kriegs-Material zu zerstören. Er nahm ungefähr 150 Gefangene mit. Lee hatte den Befehl erhalten, nicht zu versuchen, den Platz zu behaupten, und ein beschleunigter Rückzug war nötig, um nicht abgeschnitten zu werden; die 25 Hessen hatten aber jedenfalls durch ihr tapferes Verhalten die Wegnahme oder die Zerstörung der Vorräte und Werke in dem Fort verhindert und ihre Partei vor der Schmach einer vollkommenen Niederlage gerettet.
A. Annäherung und Stellung der Rebellen auf den Höhen von Bergen zur Deckung des Rückzuges.
B. Angriff auf die Brücke und Blockhaus 1, 2 und 3 und auf das Fort C das mit 7 Sechspfündern armiert war, die aber nicht zu Schuss kamen.
D. Barracken, in denen die 110 Mann starke englische Besatzung gefangen genommen wurde.
E. Schanze, welche ein hessischer Hauptmann, 1 Offizier mit 25 Mann besetzt hielt, woraufhin die Rebellen bei Tagesanbruch mit ihren Gefangenen den Rückzug antraten.
Kapitel XX.
Wiederholds Reise. Eine Episode -- September 1779.
Am 4. September 1779 erhielten die Regimenter von Knyphausen und von Lossberg Befehl, sich mit all' ihrer Baggage und allen transportfähigen Kranken zur Einschiffung bereit zu halten. Ihr Bestimmungsort war Quebec, wovon die Truppe aber damals nichts wusste. Die Regimenter Knyphausen und Lossberg waren zwei von denen, die bei Trenton in Gefangenschaft geraten waren. Alle, die bei dieser Gelegenheit gefangen genommen waren, wurden wieder ausgewechselt, und die beiden Regimenter, deren Überreste zu einem kombinierten Bataillon formiert worden waren, traten nun wieder selbstständig auf.
Wiederhold hatte eine Stelle als Kapitän im Regiment von Knyphausen erhalten. Die beiden Regimenter waren am 8. September auf 6 Schiffen untergebracht worden. Wiederholds Quartier war auf dem Triton, einer Brig, die mit 6 kleinen Kanonen und 2 swivels (ganz kleine Kanonen, die auf Gabeln ruhen) armiert. Die Brig war überfüllt und sehr unbequem eingerichtet, und hatte zuerst eine Bemannung von 7 Mann, einschliesslich des Kapitäns, Kochs und Stuarts. An Hessen befanden sich an Bord ein Oberstlieutenant, der krank war, 2 Kapitäns, 1 Lieutenant, 1 Fähnrich und 1 Arzt, und beinahe 2 Kompagnien Infanterie.
Die Brig ging am Abend des 9. September in See, kam aber sofort in einen starken Wind (gale) hinein und wurde von der Flotte getrennt. Der Kapitän, der keine Befehle wegen seines Reiseziels bekommen hatte, war genötigt, am Morgen des 10. wieder nach Sandy Hook zurückzusteuern. An jenem Tag kam ein Schiff in Sicht, und es wurden Vorbereitungen zum Angriff getroffen, für den Fall, dass es ein amerikanischer Privateer sein sollte. Die Kanonen wurden gereinigt und geladen, und 1 Unteroffizier mit 6 Mann mit ihrer Bedienung betraut. Das Schiff erwies sich jedoch als ein freundliches, ein Transportschiff mit Teilen des 44. englischen Regiments an Bord. Der Triton segelte in Gemeinschaft mit diesem Schiff weiter und vereinigte sich am Morgen des 11. mit der Transport-Flotte, die aus 23 Transportschiffen und Handels-Schaluppen bestand und von 2 kleinen Schiffen mit 20 und 14 Kanonen bedeckt wurde. Von einem dieser Schiffe erhielt der Triton noch 2 Matrosen -- junge, unerfahrene Burschen.
Die Flotte stach sofort nach Ankunft des Triton in See, und am 11. und 12. verlief alles gut. Am 13. aber trat stürmisches Wetter ein, welches den 14. über andauerte. Am 15. nahm der Wind noch mehr zu und wurde des Abends zu einem wahren Orkan. Die Flotte wurde vollkommen zerstreut, die Nacht war stockfinster. Ungefähr um 9 Uhr abends brach der Hauptmast unter der untersten Querstange ab, und bevor dieser mit seinem Tauwerk gänzlich weggeräumt war, brach der Vordermast kurz über dem Verdeck ab und stürzte über Bord. Die Brig wurde nun, den Wellen preisgegeben, hin und hergeworfen und lag oft ganz auf der Seite. Während der Kapitän im Begriff war, ein Kajütenfenster mit einem darklight (Totenfenster) zu vernageln und Wiederhold mit einem Licht zu seiner Hilfe bei ihm stand, stürzte eine Welle mit solcher Gewalt hinein, dass beide kopfüber in die Kajüte geworfen wurden.
Darauf entstand eine neue Gefahr. Auf dem Deck hatte sich eine Kanone nach der andern losgerissen, rollte hin und her und stürzte schliesslich über das Geländer in die See. Vier davon gingen nacheinander auf diese Weise verloren, nahmen sogar den grossen eisernen Kessel noch mit, der gross genug war, um für die ganze Schiffsbesatzung darin zu kochen. Die fünfte Kanone öffnete sich selbst durch Hin- und Herrollen die hatch (eine Öffnung im Verdeck), hob sich von ihrer Lafette ab und stürzte durch diese Öffnung in den untern Schiffsraum, wo sie auf eine dem Kapitän Wiederhold gehörende grosse Kiste fiel, die Wein, Spiritus, Essig, Senf und dergleichen enthielt. Die Kiste und ihr Inhalt wurde in tausend Stücke zerschmettert, aber sie hatte dem fallenden Geschützrohr Einhalt gethan und den Boden der Brig vor einer schweren Beschädigung bewahrt.
Die sechste Kanone aber, gerade über der Kajüte auf dem Hinterdecke, rollte noch immer hin und her und hatte bereits das Steuerrad und alles was ihr in den Weg kam, zertrümmert. Vier von den Matrosen konnten oder wollten nicht mehr arbeiten und hatten sich in ihre Betten gelegt. Niemand anders wollte sich, aus Furcht zerquetscht zu werden, der Kanone nähern. Die Soldaten lagen unter Seufzen, Weinen oder Beten umher und erwarteten ihr letztes Stündlein. Der Oberstlieutenant war zu krank, um irgend etwas zu thun. Wiederhold versuchte nun seine Leute zu ermutigen und sagte ihnen, dass Gott, der sie in dieser grossen Gefahr schweben liesse, sie auch wieder daraus erlösen könnte, wenn jeder nur thun wollte was er könnte, zuerst versuchen zu helfen, die Kanone über Bord zu werfen und dann an den Pumpen zu arbeiten, um das Schiff wenigstens bis zum andern Morgen über Wasser zu halten; dann würde ihnen der Himmel wohl Hülfe senden und entweder besseres Wetter oder ein Schiff zu ihrer Erlösung schicken.
Wiederholds eindringliches Zureden war zuerst erfolglos. Einige der Soldaten »waren ganz wie verstockt, andere antworteten sie seien krank.« Wiederhold stellte ihnen vor, dass er selbst schon seit vier Wochen am kalten Fieber litte, trotzdem hätte er, da niemand zur Rettung etwas beitragen wollte, sich herausgemacht, um etwas für die Erhaltung aller zu thun. Er zweifelte auch nicht, sagte er, dass Leute unter ihnen wären, die mehr Kräfte als er und so viel Liebe für ihn hätten, dass sie ihm folgen würden und thun, was er ihnen sagte. Er versprach, bei ihnen auf dem Verdeck zu bleiben, selbst Hand anzulegen und ihr Schicksal zu teilen, in der Hoffnung das Schiff und alles an Bord zu retten. Noch wollte niemand folgen, bis Wiederhold schliesslich rief: »Ist denn gar kein Unteroffizier da, der gesund ist, der Ambition und ein hessisches Herz hat, dass der mir folgen und helfen will?« Hierauf kamen ein Sergeant und zwei Korporals, denen etwa 15 bis 20 Mann folgten. »Nun wohlan,« sagt Wiederhold, »kommt, lasst uns erst die Kanone in die See zu schmeissen suchen.« Nach mehreren Versuchen, bei welchen sie in beständiger Gefahr waren zerquetscht zu werden oder mit der Kanone über Bord zu gehen, gelang es ihnen, ihrer Herr zu werden und sie über Bord zu werfen. Hierbei wurde einem Soldaten der Arm zweimal gebrochen und Wiederholds kleiner Finger zerquetscht.
Nun fing die Arbeit an den Pumpe an, in Ablösungen von 4 Mann. Jede Ablösung konnte es aber nur jedesmal 6 oder 8 Minuten aushalten und mussten sich entweder anbinden oder an dem Stumpf des grossen Mastes festhalten, um nicht von den Wellen weggespült zu werden. Gegen 3 oder 4 morgens aber brach die Pumpe und konnte in der Dunkelheit nicht ausgebessert werden, so dass sie sich mit Ausschöpfen vermittelst eines Eimers behelfen mussten, bis es Tag wurde und sie die Pumpe wieder in Stand setzen konnten.
Während die Leute in der Dunkelheit arbeiteten, fiel ein Mann über Bord, erfasste aber im Fallen ein Tau und rief und schrie um Hilfe. Niemand konnte ihn sehen oder wusste, wo er war. »Wo bist du denn,« fragte Wiederhold. »Hier hänge ich an dem Schiff und wenn ihr mir nicht bald helft, so kann ich mich nicht länger halten, muss in die See fallen und ersaufen.« Seine Kameraden suchten an ihn heran zu kommen, aber bevor sie ihn erreichen konnten, war eine Welle geschwinder als sie und spülte ihn wieder an Bord; und Wiederhold sagt in seinem Tagebuch »er lebt noch und ist gesund.«
Während aller dieser Arbeit bemerkte Wiederhold, dass der Schiffs-Kapitän und einige Bootsleute mit einer Laterne um die auf dem Schiffe befestigten Boote herumgingen und versuchten, wie er glaubte, eins davon los zu machen. Wiederhold fragte den Kapitän, was er denn da mache. »O, nichts,« antwortete dieser, »ich sehe nur, ob sie fest genug sind.« Unter irgend einem Vorwand bat ihn Wiederhold darauf, ihm die Laterne für einen Augenblick zu leihen, und nachdem er sie hergegeben und dieselbe einem Soldaten eingehändigt hatte, nahm Wiederhold den Kapitain am Arm, führte ihn in die Kajüte hinunter und setzte ihn dort in Arrest unter Bewachung von zwei Offizieren. Dies geschah aus Besorgnis, dass der Kapitän mit seinen Matrosen sich von der Brig heimlich entfernen und die Soldaten ihrem Schicksal überlassen könnten. Bei Tagesanbruch fand man die Boote von den Wellen völlig zerstört. Sie wurden über Bord geworfen und der Schiffs-Kapitän wurde wieder in Freiheit gesetzt.
Am 16. September lies der Wind etwas nach und am 17. klärte sich der Himmel auf. Die Beobachtungen, die man um Mittag anstellte, ergaben 37° 19' nördlicher Breite, so dass die Brig bis auf die Höhe der Kaps von Virginien nach Süden hin getrieben war. Von der Länge hatten sie keine Ahnung.
Die losgerissenen Segelstangen, Taue und das zerbrochene Geländer wurden nun weggeräumt und der Schiffsboden untersucht, aber kein Leck darin gefunden. Die Soldaten kamen an Deck und trockneten ihre Kleider, denn sie hatten keinen trockenen Faden an sich, selbst nicht in ihren Tornistern, alles war mit Salzwasser und Schlamm durchnässt. Die Matrosen befestigten an dem Stumpf des Hauptmastes einen Hilfsmast, und Tags darauf noch einen am Vordermast.
Am 19. wurde von den Mannschaften eine Betstunde abgehalten, um Gott für ihre Errettung aus Sturm und Not zu danken. Es wurde ein Lied gesungen und der 107. Psalm vorgelesen. Selbst die Matrosen, die kein Wort von dem, was die Deutschen redeten, verstanden, waren sehr andächtig und beteten für sich.
Der Triton nahm langsam seinen Weg in nördlicher Richtung und hatte leidliches Wetter. Einige Schiffe kamen in Sicht, keins aber kam ihnen zu Hilfe. Wiederhold ersann einen Plan, wie er mit seinem kaum lenkbaren Wrack einem Privateer, der ihn angreifen würde, Widerstand leisten könnte. Er nahm sich vor, seine Leute unter Deck verborgen zu halten, eine Bootladung Amerikaner an Bord des Triton zu locken und sie dann gefangen zu nehmen. Der Privateer würde dann aus Besorgnis, seine eigenen Leute zu treffen, nicht feuern und das Schiff auch nicht ersteigen können wegen der überlegenen Zahl an Hessen. Es war vielleicht ein Glück für Wiederhold und die Seinigen, dass die Umstände es verhinderten, diesen ingenieusen Plan zur Ausführung bringen zu suchen.