Part 13
Ich suchte mich dadurch zu zerstreuen, dass ich mich viel mit unsern Blessierten beschäftigte. Ich machte ihnen Thee und Kaffee und bekam dagegen tausend Segenswünsche. Oft teilte ich auch mein Mittagsessen mit ihnen. Eines Tages kam ein canadischer Offizier in unsern Keller, der sich kaum noch aufrecht erhalten konnte. Wir kriegten endlich von ihm heraus, dass er fast Hungers stürbe. Ich fand mich sehr glücklich, ihm mein Essen anbieten zu können, welches ihn wieder zu Kräften brachte und mir seine Freundschaft erwarb. Bei unserer nachmaligen Zurückkunft nach Canada lernte ich seine Familie kennen. Eine unserer grössten Beschwerden war der Geruch der Wunden, wenn sie anfingen zu eitern.
Einst unternahm ich die Kur eines Majors Plumfield, Adjutanten des Generals Phillips, dem eine kleine Flintenkugel durch die beiden Backen gegangen war und ihm die Zähne zerschmettert und die Zunge gestreift hatte. Er konnte gar nichts im Munde behalten; die Materie erstickte ihn fast, und er war nicht im Stande, andere Nahrung zu sich zu nehmen als ein wenig Bouillon oder sonst etwas Flüssiges. Wir hatten Rheinwein. Ich gab ihm eine Bouteille, in der Hoffnung, dass die Säure des Weines seine Wunde reinigen würde. Er nahm immer etwas davon in den Mund, und das allein that so glückliche Wirkung, dass er geheilt wurde, wodurch ich wieder einen Freund mehr bekam. Und so hatte ich mitten in meinen Leiden- und Kummerstunden Augenblicke freudigen Genusses, die mich sehr glücklich machten.
An einem dieser Tage wünschte General Phillips mich zu besuchen und begleitete meinen Mann, der täglich ein- oder zweimal mit Gefahr seines Lebens zu mir kam. Er sah unsere Lage und hörte mich meinen Mann flehentlich bitten, mich im Fall eines schleunigen Rückzuges nicht zurückzulassen, er redete mir selbst das Wort dabei, wie er meinen grossen Widerwillen sah, in den Händen der Amerikaner zu sein. Beim Weggehen sagte er zu meinem Manne: »Nein, um zehntausend Guineen komme ich nicht wieder hierher, denn mein Herz ist ganz zerrissen.«
Indessen verdienten nicht alle, die bei uns waren, Mitleid. Es waren auch Feige darunter, die um nichts in dem Keller blieben und nachmals, als wir in die Gefangenschaft gerieten, sich recht gut in Reihe und Glied stellen und paradieren konnten. Wir blieben sechs Tage in dieser schrecklichen Lage. Endlich sprach man von Kapitulieren, da man zu lange gezaudert hatte und der Rückzug nun abgeschnitten war. Es wurde ein Waffenstillstand gemacht, und mein Mann, der ganz erschöpft war, konnte in dem Hause zum erstenmal seit geraumer Zeit sich wieder einmal zu Bett legen. Damit seine Ruhe gar nicht gestört wurde, hatte ich ihm in einer kleinen Stube ein gutes Bett machen lassen und legte mich mit meinen Kindern und meinen beiden Frauen in einem Saal daneben schlafen. Aber ungefähr um 1 Uhr in der Nacht kam jemand und verlangte ihn zu sprechen. Mit dem grössten Widerwillen sah ich mich genötigt, ihn aufzuwecken. Ich bemerkte, dass ihm die Botschaft nicht angenehm war, dass er den Mann sogleich nach dem Hauptquartier abfertigte und sich dann verdriesslich wieder niederlegte. Bald darauf liess der General Burgoyne alle andern Generale und Stabsoffiziere zu einem Kriegsrate, der gleich am frühen Morgen abgehalten werden sollte, zusammenberufen, in welchem er auf einen erhaltenen falschen Bericht vorschlug, die Kapitulation zu brechen, die bereits mit dem Feinde gemacht worden. Es wurde aber endlich entschieden, dass dieses weder thunlich noch ratsam sei; und dieses war ein Glück für uns, denn die Amerikaner sagten uns nachher, dass, wenn wir die Kapitulation gebrochen, wir alle massakriert worden wären, welches sie desto leichter thun konnten, da wir nicht über 4 bis 5000 Mann stark waren und wir ihnen Zeit gelassen hatten, über 20 000 zusammen zu bringen.
Am 16. Oktober des Morgens musste mein Mann wieder auf seinen Posten und ich nochmals in meinen Keller.
An diesem Tage wurde unter die Offiziere, welche bis dahin nur gesalzen Fleisch bekommen, das die Wunden der Blessierten sehr verschlimmerte, viel frisches Fleisch verteilet. Die gute Frau, welche uns immer Wasser geholt, machte eine treffliche Suppe davon. Ich hatte allen Appetit verloren und die ganze Zeit nichts zu mir genommen als eine in Wein getunkte Brotrinde. Die blessierten Offiziere, meine Unglücksgefährten, schnitten das beste Stück Rindfleisch ab und präsentierten es mir mit einem Teller Suppe. Ich sagte ihnen, ich wäre nicht vermögend etwas zu essen; da sie aber sahen, wie nötig es für mich war, etwas Nahrung zu mir zu nehmen, so erklärten sie, dass sie selbst nicht einen Bissen anrühren würden, bis ich ihnen das Vergnügen gemacht hätte, davon zu nehmen. Ich konnte ihren freundschaftlichen Bitten nicht länger widerstehen, worauf sie mir versicherten, dass es sie sehr glücklich mache, mir das erste Gute, was sie gehabt, anbieten zu können.
Den 17. Oktober wurde die Kapitulation vollzogen, Die Generale verfügten sich zum amerikanischen General en chef Gates, und die Truppen streckten das Gewehr und ergaben sich zu Kriegsgefangenen. Nun bekam die gute Frau, welche uns mit Gefahr ihres Lebens Wasser geholt, den Lohn ihrer Dienste. Jeder warf ihr ganze Hände voll Geld in ihre Schürze, und sie bekam zusammen über 20 Guineen. In solchen Augenblicken scheint das Herz für Gefühle der Dankbarkeit empfänglich zu sein.«
Kapitel XV.
Die Braunschweiger in Gefangenschaft.
Die Bedingungen, unter welchen sich Burgoynes Armee bei Saratoga ergab, wurden niemals erfüllt. Die Soldaten wurden im Wesentlichen als Kriegsgefangene behandelt. Dieses führte zu heftigen Klagen ihrerseits sowohl zu jener Zeit, wie von Seiten deutscher und englischer Geschichtsschreiber bis auf den heutigen Tag. Es wird von Bankroft berichtet, dass bei der Übergabe die Konvention von den Briten dadurch gebrochen worden sei, dass die Kriegskasse und anderes Staatseigentum verheimlicht worden sei, um welches die Vereinigten Staaten auf diese Weise betrogen wurden. Im November 1777 schrieb Burgoyne eine unüberlegte und grundlose Klage gegen die Verletzungen durch die Amerikaner und folgerte daraus, dass er den angeblichen Bruch benutzen könnte, sich und seine Regierung von allen Verpflichtungen zu entbinden. Burgoyne verweigerte auch, die notwendigen Listen aller in die Übergabe einbegriffenen Personen herauszugeben. Der Kongress weigerte sich daraufhin, seine Armee eher einzuschiffen als bis die Kapitulation durch die Regierung von Grossbritannien bestätigt wäre.
Es scheint mir, dass in der Behandlung dieser Angelegenheit der Kongress seine Ehre und die des Landes nicht richtig wahrte. Es war richtig, dass Gates einen schlechten Handel gemacht hatte. Aber dieser Handel war mit Bewusstsein gemacht worden und Burgoynes Soldaten hatten dadurch, dass sie die Waffen streckten, die wichtigsten der ihnen auferlegten Bedingungen erfüllt. Es lag nunmehr den Amerikanern ob, auch ihrerseits dem Vertrage nachzukommen, und schlimmstenfalls eine offenbare Verletzung der untergeordneten Artikel der Kapitulation oder der sehr deutliche Beweis der Absicht auf englischer Seite, das Wort zu brechen, hätte den siegreichen Teil veranlasst haben sollen, die Erfüllung seiner Versprechungen zurückziehen.
Während der Kongress gesonnen war, die deutschen Gefangenen in Amerika zu behalten, beeilte sich ihr eigener Fürst keineswegs, sie wieder nach Europa zurückzuerlangen. Auf die Nachricht der Kapitulation von Saratoga schrieb der Minister des Herzogs von Braunschweig an den englischen Kommissionär, dass man den Leuten, die sich ergeben hätten, die Rückkehr nach Deutschland verwehren sollte, damit sie nicht noch andere von der Einreihung in die Armee abschreckten. »Schickt die Übriggebliebenen auf eine Eurer Inseln in Amerika, steckt sie in Europa auf einer von Euren Inseln, wie z. B. auf der Insel Wight fest.« Auf keinen Fall durften die armen Teufel nach Hause kommen.
Am 17. Oktober 1777 streckten General Burgoynes Soldaten die Waffen in Saratoga. Dies durften sie ohne Beisein irgend einer amerikanischen Truppenabteilung thun. General Riedesel hatte Befehl gegeben, dass die Fahnen der braunschweigischen Regimenter nicht überliefert werden sollten. Er liess die Fahnenstangen verbrennen und verbarg die Fahnentücher, indem er den Amerikanern gegenüber vorgab, dass die letzteren auch verbrannt wären. Er verbarg sie, bis die Gefangenen einige Zeit in Cambridge verweilt hatten und er die Baronin in das Geheimnis eingeweiht hatte. Frau von Riedesel nähte sie mit Hilfe eines »recht ehrlichen Schneiders« in eine Matratze ein, und es wurde unter irgend einem Vorwand ein Offizier durch die Linie nach New-York gesandt, der die Matratze als Teil seines Bettes mitnahm. So wurden die braunschweigischen Fahnen gerettet. Burgoyne hatte sein Ehrenwort gegeben, dass die Offiziere nichts von dem königlichen Eigentum in ihrem Privat-Gepäck mitnehmen würden. Vielleicht meinte man, dass die Fahnen dem Herzog von Braunschweig gehörten und nicht dem König, der sie nur gemietet hatte in Gemeinschaft mit den Verteidigern derselben.
Nachdem die Waffen niedergelegt waren, marschierten die Braunschweiger durch das amerikanische Lager, wo die siegreiche Armee aufgestellt war, um sie zu empfangen. Nicht ein Regiment war richtig uniformiert, sondern jeder Mann war in den Kleidern, die er auf dem Feld, in der Kirche oder im Bierhaus trug. Aber sie standen da wie Soldaten, in guter Ordnung und sehr militärisch, zur grossen Verwunderung der deutschen Offiziere. »Die Leute standen so still, dass wir mit Erstaunen erfüllt wurden,« schreibt einer, »nicht ein Mann machte Miene auch nur mit seinem Nebenmanne zu sprechen. Ausserdem standen die Leute alle so aufgerichtet im Gliede, sahen so schön und kräftig aus, dass es ein Vergnügen war sie anzusehen, und wir alle waren verwundert über diesen schönen Menschenschlag..... In der That, Englisch-Amerika übertrifft den grössten Teil von Europa, was die Grösse und Schönheit seiner Männer anlangt.«
Nur wenige Offiziere in Gates Armee trugen Uniformen, und diese wenigen trugen sie nach ihrer eigenen Fantasie, von irgend welchem Tuch, das ihnen in die Hände kam. Grosse und kleine Perrücken, schwarze, weisse und graue zierten oder verunzierten ihre Köpfe. Einige von ihnen sahen aus, als trügen sie ein ganzes Schaf auf ihren Schultern. Diese grossen Perrücken flössten, unserem Braunschweiger zufolge, dem gewöhnlichen Volk grosse Ehrfurcht ein. Unter den Trägern dieser Perrücken waren viele 50 bis 60 Jahre alt, und nunmehr zum ersten Mal in Reihe und Glied, zwar etwas schwerfällig ihrer Erscheinung nach, aber durchaus eifrig, ohne sich zu vernachlässigen, besonders in den Wäldern. »In vollkommenem Ernst,« sagt der deutsche Offizier, »diese ganze Nation hat viel natürliche Beanlagung zum Krieg und Soldatenleben.«
Als die Truppen, die sich ergeben hatten, durch die Reihen der Amerikaner schritten, zeigte ihnen nicht ein Mann von der siegreichen Armee seine Missachtung oder verhöhnte sie wegen ihres Missgeschickes. Die Deutschen bezeugen insgesamt, dass Offiziere sowohl wie Soldaten sie mit Güte und Wohlwollen behandelten. General Gates lud alle höheren Offiziere in sein Zelt ein und behielt die Generäle zum Mittagessen zurück. Schuyler erwies Frau von Riedesel besondere Artigkeit. Er kam ihr entgegen, als sie in das Lager kam, hob ihre Kinder aus dem Wagen, küsste sie und half ihr aus dem Wagen aussteigen. Nach wenigen ermutigenden Worten führte er sie zu General Gates, mit dem sie Burgoyne zusammen stehen sah, der anscheinend auf ganz freundschaftlichem Fuss mit ihm stand. Er sagte zu ihr, dass sie keine Angst haben sollte, denn ihre Leiden hätten nun ein Ende. »Ich antwortete,« schreibt die Baronin, »ich würde freilich Unrecht haben, noch Besorgnisse zu haben, wenn unser Chef keine mehr hätte und ich ihn auf einem so guten Fuss mit General Gates sähe.«
Schuyler hatte Frau von Riedesel und ihren Kindern in seinem eigenen Zelt ein Mittagessen auftragen lassen (»geräucherte Zunge, Beefsteak, Kartoffeln, gute Butter und Brod«), und sie verbrachte drei Tage mit seiner Familie in Albany, wo sie mit der grössten Freundlichkeit behandelt wurde. Burgoyne war auch Schuylers Gast in Albany. Er machte Entschuldigungen dem letzteren gegenüber, dass er ihm sein Haus und seine Scheunen in Saratoga verbrannt hätte. »Das ist das Schicksal des Krieges«, erwiderte der brave Mann, »lassen Sie uns davon nicht weiter reden.«
Die Gefangenen oder »Konventionisten«, wie sie sich nannten, traten nun ihren Marsch durch Massachusetts hindurch an. Das Wetter war kalt und die Wege schlecht. Der Marsch dauerte vom 17. Oktober bis zum 7. November. An einigen Orten weigerten sich die Einwohner, die Gefangenen in ihre Häuser aufzunehmen, und an andern Orten, wo es nötig war Halt zu machen, waren nicht Häuser genug, um sie zu beherbergen. Die Einwohner ihrerseits beklagten sich, dass die durchmarschierenden Gefangenen ihre Gelände verbrannten, ihr Viehfutter unbrauchbar machten und Kleider und Möbel aus ihren Häusern stahlen. Von allen Seiten strömte das Landvolk zusammen, um die Gefangenen zu sehen und man drängte sich in die Häuser, wo sie einquartiert waren, bis die Offiziere anfingen zu argwöhnen, dass die Hauswirte Geld für dieses Schauspiel nähmen.
Auf diese Weise sahen die Deutschen viel von der weiblichen Landbevölkerung, und derselbe Offizier, der die obenerwähnte Beschreibung der amerikanischen Soldaten verfasst hat, hat uns die ersten Eindrücke von Neu-Englands Frauen auf ihn hinterlassen.
»Die Frauen in allen Gegenden von Boston bis New-York sind schlank und gerade gewachsen, wohlgenährt ohne plump zu sein. Sie haben hübsche, kleine Füsse, gute, kräftige Hände und Arme, eine sehr weisse Haut und eine sehr gesunde Gesichtsfarbe, sodass sie sich nicht zu malen brauchen. Kaum eine von denen, die ich gesehen habe, hatte Pockennarben auf dem Gesicht; denn das Impfen ist hier schon seit vielen Jahren gebräuchlich. Ihre Zähne sind sehr weiss, ihre Lippen schön und ihre Augen lebhaft und lachend. Obendrein haben sie natürliche und ungezwungene Manieren, eine freie und fröhliche Miene, eine natürliche Sicherheit im Auftreten. Sie geben viel auf Reinlichkeit und gutes Schuhwerk. Sie ziehen sich sehr hübsch an, aber ihre Kleider müssen sehr eng anliegen..... Sie locken ihr Haar jeden Tag, machen es von hinten zu einem Chignon zurecht und vorn über ein Kissen von mässiger Höhe. Gewöhnlich gehen sie barhäuptig aus, oder setzen höchstens ein kleines herzförmiges Ding oder irgend eine derartige Kleinigkeit auf ihren Kopf. Hier und da lässt eine Land-Nymphe ihr Haar fliegen und schmückt es mit einem Band. Obschon die Hütte, in der sie leben, ärmlich sein mag, so tragen sie doch einen seidenen Mantel und Handschuh, wenn sie ausgehen. Sie wissen sich sehr hübsch in den Mantel zu hüllen, so dass ein kleiner, weisser Ellbogen daraus hervorguckt. Dann tragen sie eine Art gut gearbeiteten Krempenhut, unter welchem sie mit ihren schelmischen Augen kokett hervorsehen. In den englischen Kolonien haben die Schönen eine Vorliebe für Mäntel von roter Seide oder Wolle. In dieser Art gekleidet, läuft, springt und tanzt das junge Mädchen umher, wünscht Ihnen einen »Guten Morgen« oder giebt, der Frage entsprechend, eine schnippische Antwort. So standen sie zu Dutzenden den ganzen Weg entlang, liessen uns Revue passieren, lachten mokant über uns oder liessen von Zeit zu Zeit eine boshafte Bemerkung fallen und händigten uns einen Apfel ein. Wir dachten erst, dass es Mädchen aus der Stadt wären oder wenigstens von der zweiten Klasse, aber keineswegs! Sie waren die Töchter von armen Bauern, die man an ihrer Kleidung als arme Bauern erkennen konnte.«
Der Offizier fährt mit seinen sozialen Beobachtungen fort. Es scheint, dass in ganz Amerika die Männer den Frauen völlig unterthan sind. Die letzteren gebrauchen ihre Gewalt in Kanada zum Besten der Männer, in New-England aber zu ihrem Ruin. Die Frauen sind extravagant. Wie sie es fertig bekommen, den Männern so schwer zur Last zu fallen, ist unserm guten Deutschen ein Rätsel, da er sieht, dass sie weder kratzen, noch beissen, noch Ohnmachtsanfälle bekommen. Bei all diesem setzten sie ihre Hoffnung auf die britische Krone. Die Frauen tragen jetzt ihren Sonntagsstaat an den Wochentagen. Wenn es abgetragen ist, wird Friede mit Grossbritannien gemacht sein, um dann neu mit allem versorgt zu werden.
Wir kommen nun zu den Negern. Diese findet man auf den meisten Farmen westlich von Springfield. Die schwarze Familie lebt in einem kleinen Hinterhaus. »Die Neger sind sehr fruchtbar hier, wie das übrige Vieh. Die Jüngeren werden sehr gut gefüttert, besonders während sie noch Kälber sind. Überdies ist die Sklaverei sehr erträglich. Der Neger wird als der Knecht des Bauern angesehen; die Negerin thut die ganze grobe Hausarbeit; und die schwarzen Kinder warten die weissen Kinder. Der Neger kann für seinen Herrn zu Felde ziehen, und so sieht man nicht ein Regiment, in welchem sich nicht eine grosse Anzahl Schwarzer befindet; und es giebt gutgewachsene, starke und stämmige Burschen unter ihnen. Es sind auch viele Familien freier Schwarzer hier, die gute Häuser inne haben, Mittel besitzen und ganz nach Art der andern Bewohner leben. Es sieht komisch genug aus, wenn Miss Negerin ihr wolliges Haar über ein Kissen zurechtfrisiert, einen kleinen Hut mit Krempe auf den Kopf setzt, sich in ihren Mantel hüllt und in diesem Putz die Strasse entlanggrätschelt mit einer Negersklavin, die hinter ihr herwatschelt.«
Baronin Riedesel machte ihre ersten Beobachtungen über die Amerikaner. Sie erzählt, dass eines Nachts ihr Mann krank war, und dass die Wache vor seiner Thür trank und Lärm machte. Er schickte hinaus und liess sie bitten ruhig zu sein, worauf sie ihren Lärm noch verdoppelten. Frau von Riedesel ging darauf hinaus, sagte ihnen, dass ihr Mann krank sei und bat sie, sie möchten weniger Geräusch machen. Darauf waren sie sofort ruhig, »ein Beweis«, sagt die Baronin, »das diese Nation auch Achtung vor unserm Geschlecht hat.« Die Bürger-Offiziere waren den Deutschen ein fortwährendes Rätsel. Keine Geschichte war ihnen zu aussergewöhnlich, um sie zu glauben. »Ihre Generale, die uns begleiteten, waren zum Teil vom Schuster-Handwerk und machten an den Rasttagen Stiefel für unsere Offiziere, besserten auch wohl die Schuhe unserer Soldaten aus. Sie setzten einen grossen Wert auf das gemünzte Geld, welches bei ihnen selten war. Einem unserer Offiziere waren seine Stiefel ganz zerrissen. Er sah, dass ein amerikanischer General ein gutes Paar anhatte und sagte ihm zum Spass: »Ich gäbe ihm gern eine Guinee dafür.« Gleich stieg der General vom Pferde, nahm die Guinee, gab seine Stiefeln, und setzte sich mit des Offiziers zerrissenen Stiefeln wieder auf.« General von Riedesels Gemütsstimmung zu jener Zeit war durch mangelhafte Gesundheit und sein Missgeschick verbittert. Wir müssen dies berücksichtigen, wenn wir sein Urteil hören, welches er über die Amerikaner fällt. Allerdings es wird erwähnt, er habe gesagt, dass er nur einen amerikanischen Offizier in Cambridge getroffen, vor dem er Respekt gehabt habe. Von den Mitgliedern des General Court of Massachusetts macht er eine merkwürdige Schilderung. »Man sieht in diesen Männern genau den National-Charakter der Eingeborenen von Neu-England; vornehmlich zeichnen sie sich vor andern durch die Art sich zu kleiden aus. So behaupten sie alle unter einer überaus dicken, runden, gelblichen Stutzperrücke eine recht ehrenhafte Magistratsmiene. Ihre Kleider sind nach der ganz alten englischen Mode, darüber sie im Winter und Sommer einen blauen Roquelaure mit Ärmeln tragen, den sie mit einem ledernen Riemen fest um den Leib schnallen. Selten sieht man einen ohne Peitsche. Meistens sind sie alle untersetzter Natur und mittelmässig gross, sodass es schwer fällt, einen vom andern zu unterscheiden, wenn sie als Delegaten ihrer Townships zu dem Konsul von Boston gefordert werden, oder in Miliz-Angelegenheiten erscheinen müssen. Nicht der zehnte Teil von ihnen kann geschriebene Schrift lesen und noch weniger können sie schreiben. Diese Kunst ist ausser bei Leuten von der Feder nur allein bei dem weiblichen Geschlecht anzutreffen, welches überhaupt gut erzogen wird und daher die Herrschaft über die Männer mehr als eine andere Nation in der Welt zu behaupten weiss. Die Neu-Engländer wollen alle Politici sein, lieben daher die Tavernen und Grog-bowl, bei welchen sie ihre Geschäfte abthun, und vom Morgen bis in die Nacht trinken. Sie sind im allerhöchsten Grad neugierig, leichtgläubig und bis zur Raserei für die Freiheit eingenommen, dabei aber auch zugleich so blind, dass ihnen das schwere Joch der Sklaverei unter ihrem Kongress, worunter sie eigentlich schon jetzt zu sinken anfangen, bisher noch ganz unsichtbar geblieben ist.«
Auf der andern Seite konnten die Amerikaner, wenn wir dem oben erwähnten braunschweigischen Offizier glauben wollen, nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Gefangenen verstehen. »Es war den Bewohnern schwer begreiflich zu machen,« sagt er, »dass unsere Offiziere kein Gewerbe trieben.« Sie hatten geglaubt, dass es Eigensinn von ihnen wäre, keine andere Beschäftigung zu haben.
Die deutschen »Konventionisten« wurden in Baracken auf dem Winter Hill bei Cambridge, Massachusetts, untergebracht, die Engländer auf dem benachbarten Prospekt Hill. Diese Baracken waren von den Amerikanern zu ihrem eigenen Gebrauch während der Belagerung von Boston errichtet worden und waren von der leichtesten Bauart. Der Wind blies durch die Wände, der Regen sickerte durch das Dach, der Schnee lag in Haufen auf dem Fussboden. Holz und Stroh war nur sehr knapp vorhanden, und die Uniformen, die einen schweren Feldzug in der Wildnis hatten aushalten müssen, hingen in Fetzen an den frierenden Soldaten herunter. Sie schnitten die Schösse von ihren Röcken ab, um sich Flicken für die übrigen Kleidungsstücke davon zu machen. Selbst im Hospital war es bitter kalt. Hoffnung und Enttäuschungen erfüllten abwechselnd die Brust der Gefangenen, je nachdem die Verhandlungen wegen ihrer Rückkehr nach England wieder aufgenommen oder abgebrochen worden waren. Einmal während ihres dortigen Aufenthaltes kam die Hoffnung auf Befreiung, und es wurden von den Deutschen Vorbereitungen getroffen, die freundliche Flotte zu begrüssen, von den Amerikanern aber, ihre Gefangenen nach Quartieren mehr im Innern des Landes zu transportieren. Die grössten Leiden die vielleicht die Gefangenen auszustehen gehabt hatten, bestanden in der Eintönigkeit ihres Gefangenenlebens. Es gab nichts zu thun, denn ein wenig Exerzieren ohne Gewehre kann schwerlich eine Beschäftigung genannt werden. Wir erfahren aus den Journalen und Briefen der Offiziere die Folgen dieser Unthätigkeit. Es gab Streitigkeiten mit der amerikanischen Wacht-Besatzung. In dieser Hinsicht verhielten sich indessen die Deutschen etwas besser als die Engländer. Riedesels Sorgfalt, die Disziplin unter seinen Leuten aufrecht zu erhalten, hatte man bemerkt, und die Amerikaner machten es sich zur Gewohnheit jeden deutschen Delinquenten seinen eigenen Offizieren zur Bestrafung zu überantworten.