Part 1
+--------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription: | | | | Der Text wurde weitgehend in seiner Ursprungsform | | belassen, auch in zweifelhaften Fällen wie: | | "Bankroft", obwohl vermutlich jeweils George | | Bancroft gemeint ist. Gesperrter und kursiver Text | | ist als _Text_ markiert, Fettdruck als =Text=. | | | | Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich am | | Ende des Texts. | | | +--------------------------------------------------------------+
Die Hessen und die andern deutschen Hilfstruppen im Kriege Gross-Britanniens gegen Amerika 1776-1783
Von Edward J. Lowell.
Uebersetzt mit Autorisation des Verfassers von O. C. Freiherrn von Verschuer Major z. D.
Mit 8 Plänen
Zweite, um eine Einleitung vermehrte Ausgabe.
Braunschweig und Leipzig Verlag von Richard Sattler 1902.
Seinem ehemaligen Regiments-Kommandeur
Herrn Generalmajor z. D. von Gersdorff in Dankbarkeit und Verehrung gewidmet von dem Uebersetzer
Einleitung des Übersetzers.
In vorliegendem Buche will der Verfasser das Auftreten der »Deutschen Hilfstruppen« in Amerika einer genauen Beleuchtung unterwerfen, insbesondere will er den Legenden entgegentreten, die sich in seinem Vaterlande im Laufe der Zeit über die Hilfstruppen -- mit dem Sammelnamen »Hessen« bezeichnet -- gebildet haben. Seine Anschauungen in Betreff der Subsidien-Verträge mit England und der an diesen beteiligten Fürsten stimmen im allgemeinen mit den Ansichten weiter Kreise in Deutschland überein, viele urteilen bei weitem schärfer, aber bei einer grossen Menge werden die abfälligen Urteile nach verschiedener Richtung hin mehr oder weniger scharf bekämpft. Wie erklärt sich dieser Zwiespalt der Meinungen, und wie könnte er einigermassen überbrückt werden? Er erklärt sich m. E. hauptsächlich dadurch, dass viele Geschichtschreiber die Frage des sogenannten Soldatenhandels nicht genügend im Lichte der damaligen Zeit betrachten, und dass diese Frage bisher nicht in ihrer Vielseitigkeit und mit derjenigen Gründlichkeit behandelt worden ist, die zur Erlangung eines objektiven Urteils unbedingt notwendig ist. Ein solches Urteil wird nur erlangt werden können durch eine genaue Prüfung und Vergleichung der bereits vorhandenen und eine Untersuchung der noch unbenutzt liegenden Quellen, ferner durch gleichzeitiges in-Betrachtziehen der politischen und militärischen Verhältnisse und Zustände -- und ihrer Entwickelung -- in _allen_ Staaten, die im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts je an dem Überlassen von Truppen gegen Subsidien beteiligt gewesen sind, und schliesslich durch ein sich-Vertiefen in die Anschauungen der Zeit und zwar aller Kreise: der Fürsten, Landstände, Offiziere, Soldaten und des Volkes. Nur aus dem Geiste der Zeit heraus kann das Übereinkommen deutscher Fürsten mit England im Jahr 1776, können die Urteile der Zeitgenossen für und wider -- verstanden, erklärt werden. Von grosser Bedeutung aber ist die Thatsache, dass die Verträge mit England und das Auftreten deutscher Soldtruppen in Amerika in den Zeitabschnitt fallen, der der französischen Revolution vorausging. Hervorragende Geister der damaligen Zeit bemühten sich, weiten Kreisen in Europa bei Gelegenheit des ungewöhnlichen Falles der Verschickung deutscher Truppen über den Ozean zum Bewusstsein zu bringen: _was das Überlassen von Menschen an fremde Souveräne gegen Geld zu bedeuten habe!_ Wie in vielen andern Dingen so auch in dieser Frage beginnt sich ein Wandel in den Anschauungen Bahn zu brechen. Das was die Fürsten und die an den Verträgen mit England interessierten Kreise -- im Geiste ihrer Zeit, in ihren Ideen und ererbten Überlieferungen befangen, sowie unter Berufung auf die Reichsverfassung -- zu thun für Recht hielten, wird als »Menschenhandel« bezeichnet. So erklärt es sich, dass bei den Verträgen des Landgrafen Friedrich II. und der andern beteiligten Fürsten Ausdrücke wie »Verkauf« und »Seelenhandel« anfangen laut zu werden, während man zu Zeiten der frühern Subsidien-Verträge in dem Überlassen von Truppen etwas Althergebrachtes, nichts Unrechtes erblickte.
Viel Aufsehen hat seiner Zeit das Buch von Friedrich Kapp über den »Soldatenhandel« erregt. Er nennt es »Beitrag zur Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts.« Niemand wird den Wert, den es hat, bestreiten. Ein Buch aber, das sein Entstehen einer Tendenz verdankt, wie sie der Verfasser im Eingang zum Ausdruck bringt, kann unmöglich Anspruch auf Objektivität machen. Und wer eine so leidenschaftliche Sprache wie Kapp führt, kann nur ein einseitiges, kein gerechtes Urteil fällen.
Wie wir sehen, stützt Lowell sein Urteil über die deutschen Zustände im 18. Jahrhundert zum grossen Teil auf die Forschungen Kapps, sowie auch auf Seume (dessen Zeugnis aber ebenfalls nicht kritiklos hinzunehmen ist). Dieser Teil des L.schen Buches wird deshalb sicher -- wenngleich ihn eine völlig objektive Ausdrucksweise auszeichnet -- von einer spätern Geschichtschreibung berichtigt und ergänzt werden. Von unbestreitbarem Wert wird aber ebenso sicher der Hauptteil seines Buches sein, in dem er -- dank seiner umfassenden und gewissenhaften Quellenforschungen -- besser, und nebenbei fesselnder, als irgend ein Geschichtschreiber vor ihm, uns erzählt, von welcher Art deutsche Offiziere und Soldaten waren, die in der »Neuen Welt« auftraten, welche Eindrücke sie von ihr bekamen, und dass sie unter den schwierigsten Verhältnissen ihre Schuldigkeit gethan haben.
Zum Schluss möchte ich noch einmal darauf hinweisen: das Vermieten von Truppen ist eine Erscheinung im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts, die der Geschichte einer grossen Zahl von deutschen Staaten, darunter die bedeutendsten, angehört. Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte wird in vorliegendem Buche in Erinnerung gebracht. Dunkel sah es mehr oder weniger in _allen_ deutschen Landen -- in mancher Hinsicht -- um die Zeit des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts aus. Gleichzeitig wissen wir aber zu unserm Glück, dass dieses Dunkel einem Licht hat weichen müssen, das uns das 19. Jahrhundert gebracht hat.
_Frankfurt_ a. M., im März 1902.
=v. Verschuer.=
Vorwort
Die Geschichte der deutschen Hülfstruppen, die im Revolutionskriege für Gross-Britannien fochten, hat von amerikanischen Geschichtsschreibern nicht den Grad von Beachtung gefunden, den ihre Wichtigkeit berechtigt erscheint zu verdienen. Es ist sehr viel Wesen davon gemacht worden, dass 7000 französische Soldaten und 19 000 französische Seeleute den Vereinigten Staaten bei der Belagerung von Yorktown beistanden, aber vergessen haben wir, dass eine Macht von zwischen 15 und 20 000 Deutschen im Verlauf von 7 Jahren gegen uns kämpfte, dass mehr als 29 000 zu diesem Zweck nach Amerika gebracht wurden, dass mehr als 12 000 niemals nach Deutschland zurückkehrten. Ich weiss von keinem amerikanischen Geschichtsschreiber ausser Bankroft, der gründliche Studien über diesen Gegenstand in den Original-Quellen gemacht hätte; dem ganzen Charakter seines Werkes nach wäre es nicht angängig gewesen, die Geschichte der deutschen Truppen in ihren Einzelheiten zu schreiben. Doctor George Washington Greene hat interessante Auszüge aus 3 Kapp'schen Büchern herausgegeben, und die Erzählungen der Baronesse Riedesel sind ins Englische übersetzt worden von William L. Stone Esq., der auch den Teil von Eelkings »Leben von Riedesel«, welcher vom Revolutionskrieg handelt, übersetzt hat.
Ich kann nicht behaupten, bei der Bearbeitung des vorliegenden Buches annähernd alle die sehr inhaltreichen Quellen, die die Bibliotheken und Archive in Deutschland enthielten, benutzt zu haben. Ich habe indessen deutsche Originalberichte von jedem wichtigen Engagement gefunden und von beinahe jedem Scharmützel im Revolutionskriege vom Jahr 1776 bis zum Ende, ausgenommen einige von den Gefechten, die in Carolina und Georgia stattfanden und in denen wenige, wenn überhaupt, Deutsche engagiert waren. Einige von diesen Berichten sind, glaube ich, niemals einem amerikanischen Schreiber vor Augen gekommen.
In Deutschland haben die Verträge in Betreff der Überlassung von Hilfstruppen an Gross-Britannien und die Geschichte dieser Truppen mehr Beachtung gefunden als in Amerika. Zwei Geschichtsschreiber sind unter denen, die diesen Gegenstand behandelt haben, besonders hervorzuheben. Der eine ist Fritz Kapp, einst Mitglied des Reichstages und vordem in der Verbannung in Amerika. Diesem Buche verdanke ich sehr viel, direkt und indirekt, wegen der vielen Fingerzeige, die dasselbe enthält, besonders in den ersten fünf Kapiteln. Der andere Geschichtsschreiber ist Max von Eelking, Hauptmann in Sachsen-Meiningen'schen Diensten und korrespondierendes Mitglied des New-Yorker Geschichtsvereins. Seine zwei Werke, »Die deutschen Hilfstruppen im nordamerikanischen Befreiungskriege« und »Leben und Wirken des Herzoglich Braunschweigischen Generallieutenants Friedrich Adolf von Riedesel«, stellen die Geschichte vom deutschen Standpunkt aus dar. Hauptmann von Eelking stand ein sehr reichhaltiges Material zur Verfügung. Die Liste der für das erste Werk benutzten Handschriften (von denen viele Eigentum von Privatpersonen) enthält 38 Nummern. Bei der Lebensbeschreibung von Riedesel hatte er die Erlaubnis, alle Briefe und Schriften, die der General hinterlassen, zu benutzen. Wenn Hauptmann von Eelking so viel Sorgfalt im Gebrauch des Materials als Fleiss in der Sammlung desselben entwickelt hätte, so würden seine Werke sehr wertvolle Beiträge zur amerikanischen Geschichte sein. Leider erleiden die Resultate seines Fleisses durch Ungenauigkeiten Einbusse. Ich habe ihn oft benutzen müssen, habe es aber mit Vorsicht gethan.
Der Leser wird in diesem Buche Stellen finden, die mehr dem Gebiete der Biographie oder Anekdote als der reinen Geschichte angehören. Die Abenteuer von verhältnismässig unwichtigen Persönlichkeiten wie Wiederhold, Ewald oder Baronesse Riedesel sind mit ziemlicher Ausführlichkeit erzählt. Es war meine Aufgabe, einen Begriff davon zu geben, was für eine Art Leute die Hilfstruppen waren und was für einen Eindruck Amerika und die Amerikaner auf sie machten. Zu diesem Zweck habe ich mich nicht gescheut, scheinbar unbedeutenden, gewöhnlichen Stoff da zu verwenden, wo er charakteristisch geschienen hat, oder Meinungen und Beschreibungen anzuführen, die, obschon echt, irrig waren.
=Der Verfasser.=
Inhalt.
Seite Kapitel I. Die Fürsten 1
" II. Die Verträge 12
" III. Die Verträge vor dem Parlament 22
" IV. Die Soldaten 30
" V. Von Deutschland nach Amerika 37
" VI. Die Schlacht von Long-Island 1776 41
" VII. Von der Okkupation von New-York bis zur Wegnahme von Fort Washington, 15. Sept.-16. Nov. 1776 51
" VIII. Trenton, 26. Dez. 1776 64
" IX. Der Winter 1777 75
" X. Die Braunschweiger in Canada 1776 90
" XI. Baronin Riedesels Reise 1776 u. 77 98
" XII. Ticonderoga und Bennington, Juli und August 1777 108
" XIII. Stillwater, am 19. Sept. u. 7. Okt. 1777 120
" XIV. Saratoga, vom 11-16. Okt. 1777 129
" XV. Die Braunschweiger in Gefangenschaft 145
" XVI. Brandywine, Germantown und Redbank, September und Oktober 1777 160
" XVII. Der Rückzug der Briten durch New-Jersey, Januar bis Juli 1778 170
" XVIII. Newport, vom November 1776 bis Oktober 1779 174
" XIX. Die Umgegend von New-York 1777-79 180
" XX. Wiederholds Reise -- eine Episode -- Sept. 1779 187
" XXI. Savannah, Charleston und Pensacola, 1778-1781 195
" XXII. New-York in den Jahren 1780 u. 81 208
" XXIII. Der Feldzug im Süden im Jahre 1781 216
" XXIV. Schluss 230
Seite =Anhang.=
A. Quellen-Verzeichnis 241
B. Die hessischen Regimenter und ihre Namen 244
C. Übersicht über die Zahl der von jedem deutschen Staat nach Amerika gesandten Truppen und über die Zahl derer, die nicht zurückkehrten 248
D. Verlustliste der Deutschen in den Haupt-Schlachten und Gefechten des Revolutionskrieges 250
=Karten und Pläne.=
1. Schlacht von Long-Island 1776 48
2. Operationen in New-Jersey und Pennsylvanien 1776 64
3. Affaire bei Trenton 1776 74
4. Burgoynes Übergabe 1777 128
5. Schlacht von Brandywine 1777 160
6. Überfall auf Paulus Hook 1779 186
7. Lord Cornwallis Operationen im Süden 1781 216
8. Yorktown 1781 224
Die Hessen
und die andern deutschen Hülfstruppen im Kriege Gross-Britanniens gegen Amerika 1776-1783.
Kapitel I.
Die Fürsten.
Die Stadt Cassel ist für den durchreisenden Fremden eine der anziehendsten in Mitteldeutschland. Ihre Galerien, Parks und Gärten, sowie ihre grossen Paläste erregen Bewunderung und Staunen. Hier brachte Napoleon III. die Monate seiner Gefangenschaft zu inmitten einer Umgebung, die ihn an die Grossartigkeit von Versailles erinnert haben möchte, welche den Schöpfern dieser herrlichen Anlagen wohl als Vorbild vorschwebte. Die Anlagen und Schlösser rührten hauptsächlich aus dem XVIII. Jahrhundert her, als die Augen der meisten Fürsten von Europa auf den französischen Hof gerichtet waren; und kein Hof folgte eifriger und konsequenter, in äusserem Gepränge wenigstens, dem Beispiel des französischen Hofes, als der des Landgrafen von Hessen-Cassel. Die Ausgaben für alle diese Bauten und Parkanlagen waren ungeheuer, aber es war im allgemeinen Geld im Staatsschatz. Das Land jedoch war arm. Die 3-400 000 Einwohner lebten hauptsächlich vom Ackerbau, während die Landgrafen Finanzmänner waren. Es war ein einträglicher Handel, den sie betrieben. Nach der Ware, die sie verkauften oder ausliehen, war grosse Nachfrage im damaligen Jahrhundert, wie in allen Jahrhunderten, es waren eben _Menschen_, mit denen die Landgrafen von Hessen-Cassel Handel trieben. Daher kam es, dass Landgraf Friedrich II. und seine Leute in der amerikanischen Geschichte eine Rolle spielten und dass der Name »Hessen« eine landläufige Bezeichnung in den Vereinigten Staaten wurde. Die Landgrafen nahmen es nicht sonderlich genau mit den Ländern und den Abnehmern, mit denen sie in Verbindung traten. 1687 stellte einer derselben 1000 Mann den Venetianern für Geld zur Verfügung, um gegen die Türken zu fechten. 1702 dienten 9000 Hessen unter den Seemächten und 1706 waren 11 500 Mann in Italien. England war der beste Kunde. Während eines grossen Teils des XVIII. Jahrhunderts hatte es Hessen in seinem Sold. Ein Teil derselben war bei der Armee des Herzogs von Cumberland während des Prätendenten Invasion 1745, aber es ist festgestellt, dass sie sich zu fechten weigerten, um einen Vertrag wegen Auslieferung der Gefangenen zu erlangen. Es würde für viele von ihnen günstig gewesen sein, wenn sie sich aus demselben Grunde geweigert hätten nach Amerika zu gehen. So wenig spielte bei den Landgrafen der Patriotismus oder die Politik eine Rolle, dass im Jahre 1743 Hessen gegenüber Hessen standen, 6000 Mann, die in der Armee des Königs Georg III. von England und 6000 Mann, die im gegnerischen Heere des Kaiser Karl VII. dienten.
Die Landgrafen von Hessen waren nicht die einzigen Fürsten, die ihre Truppen in fremden Sold gaben. Im amerikanischen Revolutionskrieg überliessen sechs deutsche Fürsten ihre Soldaten an Gross-Britannien. Diese waren Friedrich II., Landgraf von Hessen-Cassel, Wilhelm, sein Sohn, unabhängiger Graf von Hessen-Hanau, Carl I., Herzog von Braunschweig, Friedrich, Fürst von Waldeck, Carl Alexander, Markgraf von Anspach-Bayreuth und Friedrich August, Fürst von Anhalt-Zerbst. Die Handlungsweise dieser Fürsten stand in keinem Einklang mit der Politik des Kaiserreichs und dem sittlichen Empfinden der damaligen Zeit, der Kaiser aber hatte keine Macht es zu verhindern, denn die Abhängigkeit von denjenigen Teilen des Reiches, die ausserhalb seiner Erblande lagen, war wenig mehr wie nur dem Namen nach vorhanden.
Die Karte von Deutschland im XVIII. Jahrhundert zeigt ein ausserordentliches Flickwerk. Ueber den nördlichen Theil des Landes, von Osten nach Westen, aber nicht in ununterbrochener Folge, ziehen sich die Gebiete des Königs von Preussen. Die österreichischen Erblande, in einer ziemlich kompakten Masse, nehmen die südöstliche Ecke ein. Ueber die Grenzen dieser zwei grossen Mächte hinaus liegt Alles durcheinander. Kurfürstentümer, Herzogtümer, Erzbistümer, Besitzungen von Markgrafen, Landgrafen, Fürsten und freien Städten sind unentwirrbar zusammengewürfelt. Es gab beinahe 300 souveräne Staaten in Deutschland, neben über 1400 Besitzungen des hohen Adels, die direkt unter dem Kaiser standen und viele Souveränitätsrechte hatten. Einige von diesen 300 Staaten waren nicht grösser als Stadtgebiete von Neu-England, viele nicht grösser als amerikanische counties. Auch war keiner derselben in sich geschlossen, die Besitztümer waren meist aus getrennten Länderteilen zusammengesetzt. Jedes kleine Fürstentum hatte seinen kleinen Fürsten mit seinem Hof und seiner Armee zu unterhalten. Die Fürsten waren regelrecht despotisch. Die Ueberreste von dem, was einst konstitutionelle Versammlungen gewesen waren, bestanden in manchen Orten noch (Landstände), aber sie repräsentierten im besten Falle nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Die Städte wurden durch die privilegierten Klassen verwaltet. Auf dem Lande war den Bauern in einigen Gegenden ein wenig Freiheit in der Verwaltung ihrer Orts-Angelegenheiten belassen, aber im allgemeinen waren die Bauern nicht viel besser daran wie Leibeigene und Gegenstand der Tyrannei einer Horde von Beamten, die bei jeder Gelegenheit sich einmischten. Der Handel war durch Zölle und Abgaben gehemmt; jeder kleine Staat hatte sein eigenes Finanz-System, Handel und Industrie waren durch Monopole beschränkt. An einigen Orten regelten drückende Gesetze die Kleidung und Kost der Bevölkerung.
Vor Eintritt in das letzte Viertel des Jahrhunderts hatten in politischer Beziehung bessere Verhältnisse Platz gegriffen. Friedrich der Grosse von Preussen und Joseph II. von Oesterreich waren, jeder in seiner Art, erleuchtete Fürsten, und ihr Beispiel hatte viele von den besseren Souveränen bewogen, einigermassen für das Wohl des Volkes zu sorgen. Der Einfluss der freiheitlichen Bewegung in Frankreich machte sich ebenfalls fühlbar. Aber die Ideen von politischer Freiheit hatten selbst bei den am weitesten vorgeschrittenen Geistern in Deutschland kaum Eingang gefunden. Die gute oder schlechte Gesinnung des Fürsten stand nicht _mehr_ unter dem Einfluss der öffentlichen Meinung als der Zustand des Wetters. Die Lehre vom passiven Gehorsam war an der Tagesordnung, obschon nicht völlig unbestritten. Wenn, wie ein Geschichtsschreiber in Betreff politischer Verhältnisse auseinandersetzte, es die Pflicht des Untergebenen wäre zu gehorchen, selbst wenn sein Fürst aus reiner Willkür sein Leben von ihm fordern würde, so kann man hoffen, dass es ebenso richtig war, wenn ein anderer Geschichtsschreiber sagte, dass »in fürstlichen Häusern alle Tugenden erblich sind«.
Wir wollen nun etwas eingehender die speziellen Erben aller Tugenden betrachten, die Söldner nach Amerika sandten.
Der bedeutendste von ihnen war Friedrich II., Landgraf von Hessen-Cassel. Dieser Fürst war der katholische Fürst eines protestantischen Landes. Seine erste Gemahlin war eine englische Prinzessin, eine Tochter Georg II. Sie hat sich bei seinem Uebertritt zum Katholizismus nur von ihm getrennt und nach Hanau zurückgezogen mit seinem vorzüglichen Sohn, von dem ich sogleich sprechen werde.
Friedrich hatte in Cassel ein fröhliches Leben geführt. Er hatte eine abgedankte Maitresse des Herzogs von Bouillon zu sich genommen, aber er hielt nicht viel von der Treue und soll mehr als 100 Kinder gehabt haben. Es wurde ein französisches Theater und eine Oper mit französischem Ballet unterhalten. Französische Abenteurer mit guten Empfehlungen waren willkommen und erhielten selbst verantwortliche Stellungen im Staat. Der Hof war nach französischem Muster eingerichtet. Französisch war ebenfalls -- und ist es noch lange nachher geblieben -- die Sprache der Fürsten, Hofmänner und Diplomaten. In dieser Sprache korrespondierte Friedrich der Grosse mit vielen seiner Verwandten, seine Schwester schrieb darin ihre Memoiren, und französisch wurde gesprochen am Hofe des kleineren Friedrich, welchen wir vor Augen haben.
Zur Zeit der amerikanischen Revolution lebte der Landgraf mit seiner zweiten Frau. Er war ungefähr 60 Jahre alt und scheint damals etwas gesetzter geworden zu sein. Er war ein tüchtiger Regent. Seine Truppen, durch Konscription ausgehoben und nach preussischem System gedrillt, bestanden aus guten Soldaten. Seine Armee zählte im Jahre 1781 22,000 Mann, während die Bevölkerung seiner Gebiete wenig mehr als 300,000 Seelen betrug; aber viele Fremde wurden zum Dienen angeworben. Ein Teil wurde nicht ununterbrochen bei der Fahne gehalten, sondern während des grössten Teils des Jahres beurlaubt, um nur auf einige Wochen zu den Uebungen eingezogen zu werden. Friedrich nahm grosses Interesse an seiner Armee und korrespondierte mit seinen Offizieren in Amerika um allen seinen Einfluss nutzbringend fühlen zu lassen. Auch bekümmerte er sich um die inneren Angelegenheiten des Landes und hinterliess bei seinem Tode einen vollen Staatsschatz. Er gründete Schulen und Museen und liebte wie seine Vorfahren, Prachtbauten. Als er 12,000 Mann nach Amerika sandte, setzte er die Steuern für deren Hinterbliebene herunter, und, obschon diese, traurig und niedergeschlagen, ihre Söhne und Brüder, die jenseits des Ozeans für fremde Interessen kämpfen mussten, betrauerten, so verdient Friedrich von Hessen-Cassel in gewisser Hinsicht Nachsicht im Urteil, da er immerhin persönliche Würde zeigte und einer der wenigst scrupellosen Fürsten war, die Söldner nach Amerika schickten.