Part 9
»Sagten Sie etwas, Herr Konsul?« fragte Johanna.
»Nein, lieber Hans.« Er warf dem Rotkopf einen warnenden Blick zu, der sie zum Schweigen verpflichtete. »Kommen wir.«
* * * * *
In dem braun getäfelten Herrenzimmer endigte zu demselben Zeitpunkt, als der Wagen der Deutschen die Vortreppe der Villa erreichte, ein lebhaft schwirrendes Gespräch. Die französische Konversation erstarb wie durch Zauberschlag, und Herren wie Damen zogen sich möglichst unauffällig an die heruntergelassenen Fenstervorhänge heran, um die Aussteigenden gleich unter dem ersten Eindruck richtig abschätzen zu können.
Das war natürlich von höchster Wichtigkeit.
Als auf dem Tritt der weiße Schuh von Isa sichtbar wurde, warfen sich die jüngeren Offiziere unwillkürlich in die Brust und strichen ihre Waffenröcke glatt. Zu einem unverhohlenen Murmeln des Beifalls jedoch steigerte sich das männliche Interesse erst, wie gleich darauf Marianne, kaum auf die dargereichte Hand des Konsuls gestützt, mit einer ihrer lässigen Bewegungen den Wagen verließ. Dies veranlaßte freilich eine sehr untersetzte rundliche Dame, die Gattin des Zivilgouverneurs Bobscheff, die über ihre hervorquellenden Pausbacken kaum noch mit heftig zwinkernden Äuglein herüber zu blinzeln vermochte, ein Urteil zu fällen, von dem sie infolge ihrer bevorzugten Stellung erwarten durfte, daß es dem gesamten Kreis fernerhin als Maßstab zu dienen hätte.
»Gott,« flüsterte sie als eine Art Selbstbekenntnis, indem sie ein mächtiges Schildplattlorgnon vor die halbgeschlossenen Augenritzen führte, »sie sieht aus wie die Tänzerin Litwina Dimitrewna aus Moskau.«
»Ah,« sagte an dem anderen Fenster die junge Frau des Obersten Geschow aus Mariampol, deren feingliedrige Gestalt noch mehr als ihr zigeunerhaft gelber Teint oder die schwimmenden braunen Augen ihre tatarische Abkunft verrieten, »ist das nicht jene Balletteuse, über die ich neulich in der Nowoje Wremja las, daß sie herrliche Brillantbänder um die Fußknöchel zu tragen pflegt?«
»Maria Paulowna,« entgegnete die Zivilgouverneurin mit einem ganz leisen Verweis, denn der Rang der Obristin war von dem ihren nicht wesentlich unterschieden, »ich nehme an, daß Sie vor den Extravaganzen solcher Weiber den gleichen Abscheu hegen wie ich.«
»Lieber Himmel, man interessiert sich,« verteidigte sich die junge Tatarin, wiegte sich in den Hüften und gab über ihre Schulter hinweg einem hinter ihr weilenden jüngeren Offizier ein anmutiges Zeichen, er möge ihr eine Zigarette reichen. »Man genießt in unseren weltverlorenen Garnisonstädten ja keine andere Abwechslung, als die Lektüre.«
Die Offiziere stimmten der geschmeidigen, anziehenden Mariampolerin durch ein beifälliges Gemurmel unbedingt zu. Frau Bobscheff jedoch, die ihre lokale Würde gefährdet sah, pustete Luft von sich und lenkte dann etwas sanfter ein:
»Man hört jetzt soviel von dem sittlichen Verfall der Jugend in unserem heiligen Rußland. Über die Ursachen hat eben jeder seine eigene Ansicht. Nicht wahr, Wladimir Petrowitsch?« wandte sie sich an ihren Gatten, der lang wie eine Telegraphenstange hinter ihr stand und nun sein von weißen borstigen Haaren gekröntes Raubvogelantlitz willfährig zu ihr herunterneigte, »nicht wahr, Wladimir Petrowitsch,« verlangte sie befehlend, »ich verfechte oft diese Ansichten?«
Auf diese Aufforderung, der sich der demütige Herr in Gegenwart so vieler anderer nicht zu entziehen vermochte, räusperte sich der Gouverneur erst hörbar, dann zog er sein Taschentuch, wischte den Mund und brachte schließlich in seiner merkwürdig schüchternen, kratzbürstigen Heiserkeit hervor:
»Ganz recht, Tatiana. Seitdem du die Kurse in dem Frauenlyzeum besuchst,« -- hier wischte er sich wieder den Mund -- »seitdem ist deine Kenntnis sozialer Zustände sehr beachtenswert.« Von neuem krächzte er und suchte mit den dürren Fingern krampfhaft unter dem Frack mit den goldenen Knöpfen nach einem isländischen Bonbon. »Ich komme leider wegen der vielen Arbeiten in unserem Kohlenrevier nicht dazu, mich mit derartigen Dingen zu beschäftigen,« schloß er vollkommen heiser, »aber ich hege Ehrfurcht vor ihnen.«
»Gut,« lobte die Gouverneursfrau und richtete sich ein wenig auf den Zehen empor, »es freut mich, daß du dies äußerst, Wladimir Petrowitsch.« Und mehr für den ganzen Kreis berechnet, setzte sie noch hinzu: »Der Mutter Gottes sei Dank, die Harmonie unserer Anschauungen ist beinahe eine vollkommene.«
Die anwesenden jüngeren Zivilbeamten, die der Zucht des Herrn Bobscheff, dieser wandelnden Giraffe, unterstellt waren, verbeugten sich hier beifällig, nur Alexander Diamantow, ein schwarzhaariger Bergbaustudent, der hier in den Kohlengruben sein Studium abschließen sollte, und von dem man behauptete, daß er ein übergetretener Jude sei, er verzog in einer Ecke sein melancholisches Antlitz zu einem leisen Lächeln. Er erinnerte sich daran, wie er bei seiner Antrittsvisite bei den Bobscheffs bereits vor den Türen des Dienstgebäudes ein wildes Gekreisch vernommen, und daß ihm auf seine Frage ein herumlungernder Polizeibeamter anvertraute, die Gouverneurin suche im Moment ihren Gatten zu ihren Ansichten zu bekehren. Und Diamantow wußte, daß eine solche Bekehrung nicht immer leicht gewesen sein müsse. Denn Herrn Bobscheffs Schwäche gegen wohlgebaute Bittstellerinnen war im ganzen Gouvernement bekannt. Daher datierten auch die Ermittlungen, welche die umfangreiche Tatiana über den Verfall der Sitten im heutigen Rußland angestellt hatte. Der junge Bergbaustudent stützte an dem verlorenen Tischchen in der Ecke das Haupt in die Hand, so daß ihm die wirren schwarzen Haarsträhne in die Stirn fielen, und in seiner unruhigen Seele klangen die Ansichten und Meinungen wieder, die sich hier noch eben bekämpft hatten, bevor das samtne Rollen des deutschen Gefährts hörbar wurde. Denn auch vor ihrer Ankunft hatte das Gespräch bereits den fremden Gästen gegolten.
»Es wird Zeit,« hatte der Hausherr geäußert, indem er sich nur mühsam einem Geplänkel mit der hübschen Regimentskommandeuse aus Mariampol entriß, obwohl Sassin nach Diamantows Ansicht nicht ahnte, daß die Tatarin den Dragonerrittmeister wegen seiner nur oberflächlich lackierten, fast dörflichen Unbildung innerlich verachtete, »es wird Zeit, meine Herrschaften, daß ich den Deutschen bis an die Brücke entgegengehe. Die kopflosen Hunde, die man dort postiert hat, könnten uns sonst leicht einen Strich durch die Rechnung ziehen. Außerdem -- der Kaufmann, den ich erwarte, besitzt verteufelt helle Augen. Sie alle werden gut daran tun, sich gegen ihn recht vorsichtig zu benehmen.«
»Ist er jung?« fragte Maria Geschowa.
»Hm,« erwiderte der Dragoner etwas gestört, denn er ärgerte sich über die Funken, die in den Zigeuneraugen der jungen Frau aufblitzen konnten, »er steht so auf der Grenze, wo man selbst nicht weiß, ob man jung oder bejahrt ist. Jedoch er hat früher viele Abenteuer gehabt.«
»Von den Deutschen,« meinte Frau Bobscheff betrübt, und sah aus ihren verkniffenen Augen wie in Scham an ihrer Tonnengestalt herab, »von diesen verwünschten Heiden sind unsere guten altväterlichen Sitten von Grund aus verdorben. Gönnen sie selbst der ehrbarsten Frau ihren Frieden? Kennen die schamlosen Tiere überhaupt die Heiligkeit der Ehe? Was denkst du darüber, Wladimir Petrowitsch?«
Die Giraffe schnäuzte sich und wandte den langen Hals hin und her, um zu beobachten, wie weit die Lächerlichkeit, in die er geriet, von diesen neugierigen Spionen etwa festgestellt werden könnte. Da sich aber nichts anderes ereignete, als daß dieser verwünschte heimliche Jude Diamantow sein verletzendes Räuspern ausstieß, für das der Beamte ihn schon gelegentlich büßen lassen würde, so fuhr sich der Gouverneur über die borstigen weißen Haare und erwiderte dem kleinen dicken Ei, das sich so unangenehm an ihn lehnte, mit ernster Feierlichkeit:
»Es ist ja bald so weit, meine Liebe, daß wir den unsauberen Stall dort drüben reinigen werden. Sei überzeugt, unsere Verwaltungsmethoden, die der heiligen Kirche einen so breiten Platz einräumen, können auch dort drüben ihre Wirkung nicht verfehlen.«
Der Rittmeister stand bereits in der offenen Tür, wo ihm von einer der grünen Livreen die blaue Militärmütze sowie ein paar weißer Handschuhe gereicht wurde. Während des Aufstreifens der Glacés aber warf er noch einmal warnend zurück:
»Nicht wahr, meine Herrschaften, Sie denken daran, nach meiner Rückkehr nicht die geringsten Andeutungen mehr. Es liegt alles daran, die Nemzows total zu überraschen. Bitte, Maria Geschowa, wollen Sie diesen meinen Wink auch untertänigst Seiner Durchlaucht dem Fürsten Fergussow hinterbringen. Er probiert dort drinnen in dem kleinen Mahagonizimmer zusammen mit Ihrem Gatten, dem Herrn Oberst, mein neues Billard. Also wie gesagt: Vorsicht! Und nun, =au revoir, mes chers=!«
Damit verneigte sich die kräftige Gestalt, und man hört seine Sporen gleich darauf über die Steinstufen klirren. Allein der Hausherr hatte das Kommende, Unbestimmte, das in der Luft schwebte und die Stirnen der Menschen wie mit Geisterhänden schmerzhaft zusammenpreßte, dieser verwünschte stiernackige Sassin hatte es in seiner bäuerlichen Ahnungslosigkeit so sicher und ohne die geringsten Skrupel als etwas Feststehendes hingemalt, daß der klobige Stein nun mitten in der Stube lag, und jeder sich an ihm die Füße wundstoßen mußte.
Da waren besonders zwei Herren in schwarzen Gehröcken mit sehr deplacierten weißen Krawatten, die bei den letzten Worten des Rittmeisters kreidebleich wurden, um darauf völlig nervös, jeder für sich, durch die Gesellschaft zu irren. Es waren die Gebrüder Miljutin, Millionäre, denen die große Porzellanmanufaktur gehörte, wo sie zahlreiche Deutsche in ihrem Betriebe beschäftigten. Namentlich die Blumenzeichner mußten sie gezwungenermaßen aus dem Nachbarstaat engagieren, weil die Ideen der einheimischen Künstler als zu verworren und phantastisch auf dem Weltmarkt keine Geltung besaßen. Die beiden Gehröcke sprachen bald diesen, bald jenen an. Immer deutlicher perlte ihren Besitzern der Angstschweiß auf der Stirn.
»Ist es denn nun absolut sicher und beschlossen?« fragte der ältere von ihnen, ein beleibter Herr mit einer goldenen Brille, der etwas hinkte, und dabei vergaß er sich in seinem Entsetzen so weit, daß er an einem der metallenen Frackknöpfe des Gouverneurs leichtsinnig zu drehen begann, ein Versehen, das er freilich durch eine überschwenglich tiefe Verbeugung sofort wieder sühnte, »ist es denn nun absolut sicher, Exzellenz, daß unser Reich dieses ungeheure Wagnis unternimmt?«
Hier wurde von den Offizieren laut gelacht, und selbst die Damen zuckten mitleidig die Achseln. Ja, gerade die Frauen schienen das rot umnebelte Abenteuer kaum noch erwarten zu können. Es lag soviel Spannungsvolles darin. Und dann -- man wurde doch herausgerissen aus der Stille, die langweilig und drohend zugleich über dem riesigen endlosen Lande herniederdrückte, von dem ein Ende das andere nicht kannte. Auch die bohrenden Grübeleien über dies und jenes hörten mit einem Schlage auf, und vor allen Dingen -- man würde endlich, endlich den hochmütigen, vielbeneideten Nachbarn beweisen können, wo der junge, der zukunftsfrohe Gebieter der Welt säße.
»Stellen Sie sich vor,« gab Herr Miljutin der Ältere dem Gouverneur Bobscheff ängstlich zu bedenken, indem er beinahe flehend in das Raubvogelangesicht des anderen hinaufstarrte, »meine Fabrik -- ich werde sie schließen müssen. Die einheimischen Arbeiter werden eingezogen, und auf die Frauen und Mädchen ist kein Verlaß.«
»Oh,« krächzte Herr Bobscheff, und es klang, als ob man eine Handvoll Glasscherben gegen eine Fensterscheibe drücke, »es befinden sich unter Ihren jungen Mädchen ein Paar recht kräftige und wohlgebaute.«
Frau Bobscheff zuckte zusammen, soweit dies ihre unglückliche Figur zuließ.
»Wladimir Petrowitsch,« erinnerte sie in erhobenem Ton, »Herr Miljutin wünscht von dir zu erfahren, ob du die kriegerische Auseinandersetzung mit den Nemzows für unvermeidlich hältst oder nicht?«
»Ja, ich halte sie für unvermeidlich, meine Teure,« rang sich die Giraffe aus dem nervös vornüberschwankenden Halse ab, denn er machte sich mit Recht Vorwürfe, weil er die Gegenwart seiner gewichtigen Lebensgefährtin, wenn auch nur für einen Moment, übersehen hatte, »ich halte sie für völlig unvermeidlich, Herr Miljutin. Ich bin hier der erste Beamte, und in meinen Bureaus fließen die Stimmungen des Gouvernements gewissermaßen zusammen. Täglich lese ich zehn bis zwölf Zeitungen. Und wenn diese die Abrechnung auch nicht laut fordern dürfen, so muß man doch verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?« examinierte er väterlich wohlwollend weiter.
Der Porzellanfabrikant rang heimlich die Hände.
»Ich meinte -- ich hoffte -- ich glaubte --«
»Tun Sie das nicht, Herr Miljutin,« schluckte der Gouverneur krampfhaft. »Die öffentliche Meinung ist für den Krieg, und in der Umgebung des Zaren, den der lebenspendende Christus erhalte --,« hier verbeugten sich alle anwesenden Offiziere und Beamten -- »gedenkt man nicht länger jede unverschämte Herausforderung hinzunehmen. Seien Sie nicht kleinmütig, Herr Miljutin,« fuhr die Giraffe ernst und strafend fort, als sie merkte, welchen Eindruck ihre Rede erzielte und wie selbst die korpulente Tatiana in der Schar der Hinzudrängenden sich auf den Zehen erhob, damit sie besser lauschen könne. »Wir müssen der Welt endlich beweisen, daß der slawische Riese nicht dauernd auf seinem weichen Stroh liegt und schläft.«
»Bravo,« sagten einige Stimmen. »Haben Sie gehört? Weiches Stroh. Das ist ein ganz vorzügliches Bild. Wladimir Petrowitsch ist der geborene Redner.«
»Und dann,« schnaubte der Gouverneur aus seiner einsamen Höhe und fuhr gewohnheitsmäßig mit dem Taschentuch über die Hakennase, »Herr Miljutin, ich wundere mich, warum Sie die Hauptsache vergessen. Ist man nicht auf der ganzen Erde gegen uns in Liebe entbrannt? Die glorreiche französische Nation schätzt die Originalität unseres Geistes und sieht in unserer ungebändigten Kraft« -- der Gouverneur erinnerte sich hier an eine kürzlich gelesene Floskel, warf sich in die Brust und krächzte schwimmend in Selbstbewunderung und Genuß -- »ja, sie sieht in uns eine gigantische Dampfwalze, dazu bestimmt, eine breite Straße zu ebnen, auf der das französische Genie uns entgegeneilt, um uns zu umarmen.«
Die ganze Gesellschaft applaudierte. Rufe des Entzücken wurden laut, und die Beamten des Gouverneurs schlürften jene Floskel in sich ein, als müßten sie eine fette Auster kunstgerecht über die Zunge gleiten lassen. Die runde Kugel aber, die dem Gouverneur angetraut war, rollte auf die Gattin des Obersten aus Mariampol zu, umarmte sie, wobei sie ihre fleischigen Arme freilich nur um die Hüften der Tatarin schlingen konnte, und küßte die junge Frau auf die Brust.
»Maria Geschowa,« entlud sie sich stürmisch, »hörten Sie, wie Wladimir Petrowitsch sich eben über die Lage äußerte? Oh, es ist nichts Kleines um einen politischen Blick. Wie glücklich müssen Sie sein, Teuerste, weil Sie in Frankreich Ihre Erziehung genossen. Wie beneide ich Sie!«
»Darf ich Ihnen ein Glas Tee bereiten, Exzellenz?« warf die Tatarin ziemlich gleichgültig hin, als ob ihre Gedanken mit etwas ganz anderem beschäftigt wären. Und wirklich, die dunklen Augen der jungen Frau flammten über die gepolsterten Schultern der Gouverneurin hinweg und in eine matt erleuchtete Ecke. Und so gepackt und gefangen beugte sie das schmale Haupt nach jener Richtung, daß ein großer Teil der anwesenden Herren, für die Maria Geschowa mit ihrer lächelnden orientalischen Verführungskunst überhaupt den Mittelpunkt bildete, sich gleichfalls über den dämmrigen Platz vergewissern mußte.
Ganz plötzlich trat in dem lebhaften Gespräch eine Stille ein.
Selbst der Gouverneur Bobscheff stieg aus seinen Weihrauchswolken hinab und entdeckte mit steigendem Mißbehagen, wie dort hinten an dem einsamen runden Tisch der Bergbaustudent Alexander Diamantow saß, das Haupt mit den überquellenden schwarzen Haaren in beide Hände gestützt. Der junge Mann schien, leidenschaftlich in sich versenkt, das Bild der schwatzenden Menge absichtlich von sich fernhalten zu wollen. Unbeweglich und tief gebeugt verharrte er, nur die rasch atmende Brust zeigte, daß ihn etwas quäle.
»Alexander Isidorowitsch,« krächzte Bobscheff fast kreischend.
Durch den schmalen Körper des Angerufenen ging ein Zucken. Und merkwürdig, in der gleichen Sekunde wurde auch der dunkelhäutige Nacken der Mariampolerin von einem kurzen Schauer überkräuselt. So völlig vermochte sich die Leidenschaftliche in die Stimmungen der Menschen zu versetzen, die sie interessierten.
Langsam ließ der Student seine Rechte sinken, und um seinen ausdrucksvollen bartlosen Mund spielte ein mattes Lächeln, als er die gereizte Giraffe jetzt mit einer merkwürdig tiefen und für seine Jugend ungewöhnlich markigen Stimme fragte:
»Wünschen Sie etwas, Exzellenz?«
»Ja -- ja gewiß, Alexander Isidorowitsch, sind Sie krank?«
»Ich? -- Durchaus nicht -- oder doch nur so, wie die meisten meiner Altersgenossen.«
»Was meint er damit?« flüsterten ein Paar der Offiziere verständnislos, »was meint der verfluchte Jude damit?«
Man war allgemein empört. Nur Herr Miljutin der Ältere schob seinen schwarzen Gehrock zögernd neben den Sitz des Studenten, denn in seinem verängstigten Gemüt dämmerte es, der hagere bartlose Mensch könne womöglich sein einziger Bundesgenosse in diesem Kreise von Wütenden und Blutlechzenden sein. Außerdem war Diamantow ein Jude und liebte deshalb gewiß das Geld und die geschäftliche Sicherheit.
»Fahren Sie fort, junger Mann,« hauchte der Fabrikant hinter dem Stuhl des Ingenieurs beinahe unhörbar und begann ermunternd die Lehne des Sessels zu streicheln.
Aber auch Maria Geschowa schritt mit ihrem kräftigen wiegenden Gang geschmeidig an das runde Tischchen heran und setzte ohne Überlegung das Teeglas, das sie eigentlich für die Gouverneurin bestimmt hatte, vor Alexander Diamantow nieder. Das dunkle, kräftige Organ des Studenten hatte etwas in ihren Adern entzündet und brannte dort weiter. Inzwischen hatte sich der Gouverneur gleichfalls an das Tischchen herangedrängt und pochte jetzt mit seinen langen Knochenfingern höhnisch auf die Platte:
»Mir scheint, Alexander Isidorowitsch,« überschlug er sich fast vor Heiserkeit, »Sie mißbilligen unsere große heilige Sache? Sie haben kein Herz für sie. Ist es möglich, daß Menschen so denken, die unserem Staate eigentlich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet wären? Herr, Sie sind noch jung, stehen Sie etwa gar in einem militärischen Verhältnis?«
»Wie gründlich Wladimir Petrowitsch vorgeht,« verkündete Frau Bobscheff hier mit großer Bewunderung.
»Ja, ich bin Offizier,« sagte Diamantow ruhig und erhob sich.
»Er ist Offizier,« echote es im Kreise. »Man denke, -- wie fürchterlich.«
»Herr, und in einer solchen Stellung, da fehlt Ihnen die Begeisterung für die Zukunft unseres Volkes?« schnaubte Herr Bobscheff weiter.
»Sie fehlt mir nicht,« entgegnete der Student ruhig, indem er seine Hände in die Seitentaschen seines einfachen Jacketts vergrub, »ich suche sie nur nicht in kriegerischen Eroberungen.«
»Und warum nicht?« fragte Maria Geschowa, die ihm jetzt, nur durch das Tischchen getrennt, dicht gegenüberstand. Ihre heißen Augen tranken dabei schon im voraus die Antwort von seinen hageren Zügen, und ihre Finger glitten auf der Tischplatte unmerklich gegen die seinen, als wünsche sie ihn dadurch zu ermuntern. »Und warum nicht?«
»Weil ich fürchte -- --,« sagte der von allen Seiten Bedrängte, der sehr gegen seinen Willen zum Mittelpunkt der Unterhaltung geworden war, und zu gleicher Zeit wich er dem Blick von Maria Geschowa aus und starrte unverwandt auf das Muster des persischen Teppichs, »weil ich fürchte -- -- --«
»Was fürchten Sie zum Teufel?« inquirierte die Giraffe unbarmherzig weiter.
»Ich fürchte,« äußerte Diamantow mit geschlossenen Lidern, wie wenn er sich dadurch von den anderen abschließen könnte, »daß die spärlichen Keime einer freien Entwicklung, die von der Jugend hie und da gesät wurden, durch die Kriegsmaschine entwurzelt, zerstampft und wieder auf ganze Epochen unterdrückt werden könnten.«
»Ja,« sprach Maria Geschowa ganz leise.
Es hörte sie niemand, nur Alexander Diamantow hob die schweren Augenlider überrascht in die Höhe und sah die junge schöne Frau sonderbar an. Es lag etwas wie ein Erkennen in diesem kurzen sprechenden Blick, den die beiden miteinander tauschten. Dann schob sich der Student durch die widerwillig sich öffnenden Reihen hindurch und gedachte, vornübergebeugt wie stets, in das Billardzimmer zu treten, aus dem das harte Aufeinanderprallen der Elfenbeinbälle deutlich herüberklang. Vor der Schwelle jedoch wurde er noch einmal am Arm von dem Gouverneur zurückgehalten, der ihm nun in seiner ganzen Länge und zitternd vor Erregung den Weg vertrat:
»Alexander Isidorowitsch,« hustete Herr Bobscheff in einem krampfhaften Anfall, »verwünschte Heiserkeit -- in Momenten der Leidenschaft übermannt sie mich stets -- als Haupt der Verwaltung fühle ich mich für die Stimmung innerhalb meines Kreises verantwortlich. Sie würden mich deshalb sehr beruhigen, -- nein wirklich, junger Mann, sie könnten außerordentlich viel zu der inneren Fassung der Anwesenden beitragen, wenn Sie mir jetzt einen offenen und ehrlichen Aufschluß über Ihre Meinung erteilten. Es ist doch selbstverständlich, Alexander Isidorowitsch, -- verzeihen Sie, wenn ich mich so in Ihr Vertrauen dränge, allein ich bin es meiner Stellung schuldig -- ich setze voraus, daß Sie als Offizier Ihre Pflicht tun werden!«
Ein Ausruf des Unwillens folgte. Er kam von der Frau des Obersten, die ihre Hand quer durch die Luft warf, eine Zigarette an sich riß und rasch an ihren Platz unter dem Fenster zurückkehrte. Der Bergbauingenieur an der Schwelle jedoch richtete sich hoch auf. Eine Sekunde lang verzerrten sich seine Züge, und aus den dunklen Augen schoß ein solcher Strahl von Haß, daß die Offiziere unwillkürlich sich näher um die Giraffe zusammenscharten.
»Um Allerheiligen willen,« stammelte Herr Bobscheff und sank in ihrem Kreise zusammen, denn durch sein verschüchtertes Gemüt blitzte plötzlich die Erinnerung, daß dieser aufrührerische Jude unter den Kohlenarbeitern einen zahlreichen Anhang besäße. »Teuerster Freund, Sie werden mich doch recht verstehen?«
Inzwischen hatte der Student seine Hände wieder müde in die Taschen gleiten lassen. Nun neigte sich die gestraffte Gestalt abermals leicht nach vorn, und um den bartlosen Mund glitt ein kühles, resigniertes Lächeln, als er mit seiner dunklen Stimme stark und rückhaltlos erwiderte:
»Wozu wollen wir hier erst Selbstverständliches erörtern? Wir sind es gewohnt, unseren eigenen Willen unterzuordnen. Ich werde ebenso handeln, Exzellenz, und gehorchen. Das ist die Stimmung Ihres Kreises.«
Er nickte noch einmal bekräftigend mit dem schwarzen Haupt, drängte seine schlanke Gestalt durch die schweren Falten des Vorhangs und war verschwunden. Nur von nebenan hörten die Zurückbleibenden eine ungewöhnlich wohlklingende und einschmeichelnde Stimme rufen:
»Ah, Sie sind es, Alexander Isidorowitsch! Bei den strahlenden Jungfrauen von Kasan, wie kommen Sie hierher in den Kohlenstaub? Rasch, unser Spiel ist beendigt, dem Himmel sei Dank, daß sich eine wirkliche, lebende Seele zu uns verirrt. Wollen Sie eine Zigarette, Alexander Isidorowitsch?«
* * * * *
Dies war die Unterhaltung der teuren Freunde, in deren Kreis der Rittmeister Sassin seine deutschen Gäste, leuchtend vor Unbefangenheit und Frohsinn, einführte. Wirklich, die Fremden mußten den Eindruck empfangen, daß der ganzen Gesellschaft durch ihr Erscheinen eine offenkundige, unbestrittene Ehre widerführe, die sich in heitersten Mienen und jener fast übertriebenen slawischen Freundlichkeit äußerte. Noch immer schien das Übergewicht der Germanen dieser Völkerschaft gegenüber unerschüttert und von allen willig anerkannt.