Die Herrin und ihr Knecht

Part 31

Chapter 313,655 wordsPublic domain

»Nun die Uhr. Es war ein grausiges Ding, ich hab' sie nie ansehen mögen. Aber mein Meister hat damit ein Lebelang verbracht. In der Kirche sah es die ganze Zeit über fürchterlich aus. Diese Hunde, diese Wilden zeigten nicht den geringsten Respekt. Weder vor dem herrlichen Bau noch vor dem wundervollen Glockenspiel, noch vor der gewaltigen Orgel. Ich sag' Ihnen, sie lachten auch über die vielen Bildwerke und hieben ihnen Nasen und Ohren ab. Wenn mich auch die Heiligen in den bunten Röcken nichts angehen, die schöne Frau mit dem Fuß auf der Schlange und der weiße Mann mit dem goldenen Schlüssel, Sie können mir glauben, es gab mir jedesmal einen Stich, so oft ich die heillose Schändung mit ansah. Denn es waren doch kunstvolle Hände, die so prächtige Sachen vor mehr als fünfhundert Jahren geschnitzt hatten. Aber das war noch nicht alles. Die Breitmützen hatten einen vollständigen Stall aus den steinernen Gängen gemacht. Die Kirchenbänke konnte man jeden Abend in die Wachtfeuer wandern sehen, und statt ihrer lagen nun hunderte von schmutzigen Kerls auf Strohbündeln in den Gängen und fraßen und schnarchten. In den letzten Tagen wurden es so viele, daß man sagen konnte, es war kein Winkel mehr von dem Ungeziefer frei. Nun kam die Nachricht, daß die Fremden da hinten an den Seen ihren Lohn erhalten hätten. Und wir hörten auch, sie wollten sich in unserer Stadt, in unserer schönen, sauberen Stadt zur letzten Wehr setzen. Da sagte der Herr Leutnant Harder, nun wäre es Zeit. Er hatte es so einzurichten gewußt, daß wir eine Anstellung in dem Dom gefunden hatten. Werden Sie es für möglich halten, wir fegten nämlich den Schmutz und den Mist alle Abend aus der Kirche heraus. Für ein paar Pfennige natürlich. Und gewöhnlich erhielten wir noch einige Lanzenstöße als Trinkgeld dazu. Nun, es war kein Herrenleben. Aber gestern abend, da sagte der Herr Leutnant, jetzt dürfe man keine Minute mehr verlieren. Es sollte nämlich der Horde ein Schreck eingejagt werden, damit sie sich in der Stadt nicht länger für sicher hielte. Herr Konsul und Fräulein Grothe, was soll ich Ihnen lange erzählen? Der junge hübsche Mensch, der so verändert in dem Arbeitsanzug aussah, er stieg auf den Orgelsitz hinauf, und ich mußte die elektrischen Blasebälge andrehen. Auf diese Weise, nämlich durch sein Spiel, da wollte er die Halunken von mir und meinem Geschäft ablenken. Ehe wir uns trennten, reichte er mir noch die Hand und sagte mit einem Gesicht ganz voller Sonnenschein -- in meinem Leben werd' ich's nicht vergessen -- »Herr Bienchen, Sie sind jetzt auch ein Soldat. Denken Sie daran, was Ihnen das Vaterland alles geschenkt hat und zahlen Sie es pünktlich zurück.« Dann stieg ich auf den kleinen Hinterturm hinauf, wo wir den Knopf angebracht hatten. Ich versichere Sie, alles wie im Traum, Herr Konsul. Mit einemmal fing die Orgel an zu spielen. So was Schönes, Herrliches und Erhabenes hab' ich noch nie vernommen. Es hörte sich an, als wenn der Herr unser Gott leibhaftig in die Kirche getreten wär' und sänge nun selbst mit seiner ewigen Donnerstimme. Wie schön sind doch diese deutschen Lieder, es liegt alles darin, was wir an dem Land und seinen Menschen lieb haben. Ich hatte mich auf einen Fensterbogen gesetzt, Fräulein Grothe, und konnte das Ohr von der Musik nicht abwenden. Auch die Russen waren aufgestanden, hielten ihren Atem an und starrten herauf. Keiner rührte sich. Sie fühlten wohl, wie der Herr schon seine eiserne Hand auf sie gelegt hatte. Ich hätte noch bis zum nächsten Morgen so sitzen mögen, aber plötzlich da hob der Herr Leutnant, den ich nur vom Rücken aus sehen konnte, die Finger seiner Rechten hoch in die Höhe. Und diese Finger, sie drohten mir und griffen mir geradewegs ins Herz. Was dann geschah, Herr Konsul, das ist mir alles nur so bewußt, als hätt' ich es aus einem dunklen Grab heraus belauscht. Das Dach der schönen Kirche flog in die Höhe, so daß alle Sterne des Nachthimmels für eine Sekunde zu uns herunterblitzten. Und dann -- es war grauenvoll das Gewinsel und Gewimmer. Die große Orgel stürzte zusammen, die ungeheuren Zinkpfeifen spießten sich gegeneinander, und dann brach das ganze Werk in die Tiefe. Mit mir aber, Herr Konsul, geschah ein Wunder. Ja, ja, als sollte mir gezeigt werden, wie ich armer kleiner Jud' eigentlich gar nicht in die Kirche gehörte. Ich sauste nämlich in großem Bogen aus dem Fenster herunter und mitten in einen Heuwagen hinein. Gleich darauf jagte das Gespann wie wahnsinnig aus der Stadt heraus. Und erst dicht hier an der Grenze, da haben mich die Unmenschen heruntergeprügelt. Ein Rad ist noch dazu über meinen Fuß gefahren, und ich meine, mein Gang wird dadurch nicht schöner geworden sein. Aber Herr Konsul und Fräulein Grothe« -- und der Uhrmacher hob die Hände in die Höhe und begann bitterlich zu weinen, -- »was will das alles heißen? Unser Land hat sich erhoben, unser herrliches Land, und hat die Heuschrecken von sich abgeschüttelt. Der Herr, der in der Kirche so schön sang, er hat unsere Feinde geschlagen. Hören Sie, Herr Konsul, dort draußen blasen schon die preußischen Trompeten? Das Herz geht einem auf, wenn man es hört! Der Herr singt weiter!«

* * * * *

In der dunklen Schlafkammer von Maritzken herrschte noch immer bleierne Stille. So schwer drückte die Lautlosigkeit herab, daß die an ihren Stuhl gebannte Gutsherrin das flüchtige Ticken der Uhr wie das unerträgliche Stampfen einer Maschine empfand. Ängstlich streiften ihre Blicke über die Fensterscheiben, die unter dem Leuchten des heraufsteigenden Mondes einen stählernen Glanz annahmen. Manchmal war es auch, als ob ein flackernder Feuerschein vorüberhusche. Dann vermeinte die Einsame eilende Hufschläge aufzufangen. Doch wenn sie, zum Sprung bereit, eifriger hinhorchte, so schlug nichts an ihr Ohr als das Sausen des Nachtwindes. Und immer wieder sank sie zurück und kämpfte gegen den Sturm und den wilden Tanz ihrer Nerven. Aber noch mehr gegen das widerstandslose Herabsinken in völlige Erschöpfung. Zuweilen riß die Nacht vor ihr auseinander. Dann glaubte sie etwas zu sehen, dann murmelte sie etwas, dann betete sie wirr und verständnislos darum, daß das, was sie mit vorbereitet, in nichts zerschellen möge. Um gleich darauf alle Fibern anzustrengen, ob sie aus dem unteren Zimmer nicht etwa einen Laut des Entweichens auffinge.

Was mochte ihr Gast, der auf sie wartete, jetzt treiben? Ob er noch immer zermürbt und zerschlagen am Tisch hockte, ein vor sich hin stierender, seiner früheren Wesenheit beraubter Mensch? Johanna stöhnte auf, wehrte und wand sich und rüttelte an ihrem Stuhl, um sich zur Besinnung zu bringen.

Stunde auf Stunde vertröpfelte, das Mondlicht schwamm schon in breiter Bahn zu ihren Füßen, und die Hausherrin hing noch immer regungslos auf ihrem harten Sitz, hing zwischen Wachen und Traum. Und alles, was um sie herum geschah, es drang zu ihr wie der Nachhall von etwas Unwirklichem. Abermals hörte die Schwankende ein dumpfes Klopfen. Doch es klang, wie wenn man die Hufe eilender Pferde mit Werg und Lappen umwickelt hätte. Und sie sann darüber nach, ob es die Schläge ihres eigenen Herzens wären? Dann zischte und knatterte es, und die Blonde konnte es sich in ihrer Benommenheit nicht anders erklären, als ob blaue puffende Funken aus einem Holzfeuer in die Höhe knisterten. Und jetzt -- mischten sich jetzt nicht heiße, trunkene Stimmen zu einem einzigen brausenden Ruf? Nun wieder Leere, durchwinselt von den aufreizenden Klagen des Windes. Und dann -- aus den Dielen zu ihren Füßen schien ein dumpfes, trockenes Stöhnen aufzusteigen.

Herr im Himmel was geschah hier? Bedeutete das doch mehr als gestaltlos jagende Traumgesichte?

Vielleicht war die Jagd, die hinter dem Menschenwild hetzte, schon hereingebrochen? Wie, wenn das Opfer, das in einem Gehege von List und Schlauheit zurückgehalten war, bereits verröchelnd am Boden lag, und sein brechender Blick nach der Hinterlistigen suchte, die den Köder geworfen? Oh, der Fang war durch dieselben unwürdigen Künste geglückt, welche die auf ihre Reinheit Stolze bei der jüngeren Schwester so verachtet hatte. Mischte sich nicht auch bei ihr, wenn sie vor Gott ihr Innerstes auftat, ein schauererfülltes Wohlgefühl darein, ein nie gekanntes, so oft sie, sei es auch nur von fern und mit Abscheu sich das Rasende ausmalte, das der Getäuschte da unten erwartete? Seltsam, zu unerklärlich -- und das blonde Weib schlug sich die Hände schallend vor die Stirn -- und deswegen setzte sich der unglückliche Mensch dort unten dem sicheren Tode aus?! So hoch bewertete er seine Hoffnungen, oder so wenig lag ihm am Dasein?

Johanna horchte auf. Von unten tönte es wie das Knarren einer Tür. Ihre Vorstellungen kreuzten durcheinander. Sie wußte nicht mehr, ob sie aus Scham vor dem Betrug den vertrauensseligen Mann warnen, oder ob sie das Entweichen des Übeltäters verhindern wollte.

Und dann -- und dann -- die Uhr tickte so laut -- es war keine Zeit mehr zu verlieren.

Ohne Überlegung -- mit wildem Entschluß drehte sie an dem Schlüssel, stürzte aus der Dunkelheit heraus und fegte die Treppe hinab, wie sie die Stufen noch nie übersprungen. In ihrem Ungestüm vergaß sie das Anklopfen. Ohne ein Zeichen trat sie ein. Ihr Atem flog so stoßend über ihre Lippen, daß sie sich an dem Pfosten des Eingangs eine Stütze suchen mußte. Dann erst vermochte ihr scheuer Blick sich einige Klarheit zu verschaffen.

In dem kleinen Zimmer wiegte sich bange Stille. Unordentlich und achtlos war der Mantel des Fürsten über einen Stuhl geworfen, seinen Säbel hatte der Besitzer auf das Ruhebett geschleudert, und Dimitri selbst saß an dem Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen. Tief herabgebeugt ruhte das Haupt des Übermüdeten auf seinen ausgebreiteten Armen, und die Lauscherin pries den schweren Schlaf, der ihm das Schicksal seines Volkes sowie sein eigenes für eine Weile wohltätig verhüllte. Allein sie täuschte sich, denn der Fürst richtete sich langsam auf, und sofort erfaßte das Landmädchen, wie seine Augen nichts von der Blendung des Schlummers zeigten. Ihr Gast schien vielmehr angestrengt nachgedacht zu haben. Kaum erkannte er sie, als auch schon sein zuvorkommendes Lächeln in seinen gespannten und angestrengten Zügen aufleuchtete. Nur wollte es Johanna dünken, als wenn eine bittre, entsagungsvolle Schwermut sich über das auch jetzt noch edle Antlitz verbreitet hätte. Und im Moment zitterte sie davor, wie sich der Oberst ihr unvermutetes Hereindringen deuten würde. Aber gottlob, die Haltung des fremden Aristokraten blieb tadellos und beherrscht. Langsam erhob er sich, und während er ein paar Schritte gegen sie tat, verbeugte er sich leicht. Wieder verursachte es der Beobachterin einen stechenden Schmerz, als sie vernahm, wie schwer sich ihr Gast über den Estrich schleppte.

»Es ist sehr gütig von Ihnen, mich nicht zu lange meiner eigenen Gesellschaft zu überlassen,« begann Dimitri Sergewitsch in seinem schmeichelnden Tonfall. »Ich versichere Sie, sie ist nicht die beste. In diesen Stunden habe ich so manches an mir vorüberziehen lassen. Und wenn es noch einen Zweck hätte, dann könnte ich darüber trauern, weil ich so wenig bleibende und lohnende Erinnerungen besitze. Aber wozu? Es hat keinen Zweck.«

Er stand jetzt vor ihr und ließ seinen Blick flüchtig über sie fortgleiten. Das schimmernde Blondhaar der Preußin schien ihn besonders einzufangen. Allein auch jetzt noch eignete ihm Erziehung genug, um nicht eine einzige verletzende Gebärde der Vertraulichkeit zu wagen. Und Johanna dankte Gott dafür, daß dieser immerhin vornehme Herr die Formen bis zum letzten zu wahren verstand. Dafür wollte sie sich erkenntlich zeigen, dafür alles andere vergessen.

»Fürst Fergussow,« stieß sie plötzlich hervor, nachdem sie einen Blick der Angst durch das dunkle Fenster geschickt hatte, »ich fühle mich verpflichtet, es Ihnen zu entdecken, obwohl -- obwohl -- nein, das tut nichts zur Sache -- es lauert hier Gefahr auf Sie. Hören Sie? Sie sind hier nicht mehr eine Stunde sicher. Rufen Sie Ihre Leute zusammen und verlassen Sie schleunigst den Hof. In höchster Eile, Herr Oberst, in allerhöchster. Sonst ist es zu spät.«

Als sie dies hervorstieß, taten sich die harten blauen Augen der Gutsherrin erschreckend weit auf, ihre Hände verschlossen sich über der Brust, und in ihrer Stimme bebte etwas so Schmerzliches, als ob sie selbst mit einem Messer gegen sich gestoßen hätte. Sie fühlte, daß sie dies alles nicht sagen durfte, und daneben verging sie beinahe in dem Rausch, daß ihre Überwindung doch etwas Schönes, Zärtliches und Menschliches berge. Auch der Fürst stand eine Weile regungslos. Er schien mehr dem heiß erregten, unerwarteten Tonfall zu lauschen als dem Sinn jener Warnung. Dann zuckte er leicht die Achseln, wandte sich ein wenig und zeigte durch das Fenster.

»Meine Leute soll ich rufen, liebes Fräulein?« entgegnete er müde. »Überzeugen Sie sich selbst. Die dort draußen waren klüger, als ich. Oder auch dümmer, denn sie glauben noch nicht an die Wertlosigkeit, an den absoluten Zufall des menschlichen Auf und Ab, und haben mich längst im Stich gelassen. Ich bin allein hier.«

»Ihre Leute sind fort?« stammelte Johanna erblassend und griff wieder nach dem Pfosten der Tür.

Es tat ihr nicht gut, unausgesetzt die ebenmäßige Reitergestalt zu umspannen. Unvermerkt, stärker und stärker bildete sich eine Zusammengehörigkeit heraus, die mächtiger war als der Widerwille der Völker, als Familienehre und alle Gesetze von Gut und Böse. Ihr schwindelte, und nur das Sträuben gegen ihre Schwachheit hielt sie noch aufrecht.

»Dann gehen Sie allein,« forderte sie trotzdem herrisch.

Der Fürst stand wieder vor ihr, hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und auch er sann wohl in dumpfer Verwunderung über die Weichherzigkeit der straffen Nemza nach.

»Sie lehren mich wenigstens etwas kennen,« gestand er endlich, obwohl er keine Miene machte, dem dringenden Befehl zu gehorchen, »das mir bisher recht fremd blieb. Sie sorgen sich um mich.« Er schlug ein leichtes Gelächter auf. »Ist es nicht eigenartig, daß ich etwas Ähnliches erst bei dieser Gelegenheit erfahre? Und von der Angehörigen einer von uns so entfernten Rasse? =Mon dieu=,« setzte er mit einem verächtlichen Zucken der Mundwinkel hinzu, »man hat sich viel um mich gekümmert. Ich leugne es nicht, auch Frauen taten dies. Doch ich müßte lügen, wenn sich mir gegenüber jemals eine mütterliche Teilnahme äußerte. Ich glaube, gerade die kennt Ihr Deutschen. Und die tut wohl, sehr wohl.« Und wieder verbeugte er sich, wie es die Slaven stets befolgen, wenn sie etwas Liebes, Schmeichelndes verkünden wollen.

Da schrie Johanna auf. Halb vor Zorn und halb weil sie fühlte, wie sie dem reuigen Schmerz dieses zerbrochenen Lebens unterlag.

»Warum gehen Sie dann nicht?« stieß sie noch einmal rauh hervor, und ihre Hand zeigte auf die Tür, »warum bringen Sie sich nicht in Sicherheit, wie ich Ihnen vorschlug?«

Jetzt regte sich der Fürst, zögerte einen Moment, und seine sprechenden Augen suchten den Boden, als er tastend und verlegen hervorbrachte:

»Ich glaubte Ihre Meinung vorhin so deuten zu dürfen, daß Sie mir noch eine Nacht eine sichere Zufluchtsstätte anboten.«

Die wenigen Worte waren mit größter Mühe zusammengesucht und verrieten die deutliche Absicht, weder anzustoßen noch zu verletzen. Johannas Antlitz jedoch flammte auf.

»Ich verlange aber jetzt von Ihnen, daß Sie gehen,« rief sie erbittert und konnte es doch nicht hindern, daß sich ihre Hände flehend zusammenpreßten. »Ich will nicht -- --«

»Was wollen Sie nicht?«

»Ich will nicht,« stammelte das Mädchen wild, »daß Ihnen gerade in meinem Hause ein Unheil widerfährt. Mir graut davor.«

Der Oberst trat ihr noch etwas näher. Dabei vollführte er eine Bewegung, als wolle er ihre Hand ergreifen.

»Das fürchte ich keineswegs,« gab er nachdenklich zurück, »soweit werden sich unsere Verfolger schwerlich vorwagen. Und dann, mein Fräulein, woher wissen Sie, daß das Dasein für mich noch einen besonderen Reiz enthält?«

Er hob seinen Blick zu ihr empor und siehe da, es waren wieder die schwermütigen Sterne des alten Kupferstichs, die ein Leben lang auf ihr gleichgültiges Wirken herabgeschaut. Jetzt starrte sie entgeistert in sie hinein.

»Spielen Sie nicht mit so etwas,« verwies sie herb, obwohl sie nicht mehr den richtigen Begriff von all dem spürte, was hier geschah. »Es stirbt kein Mensch gern.«

»Wer weiß?!« flüsterte der Russe mehr für sich, »wir Slaven lieben die Selbstvernichtung. Können Sie sich nicht denken, wie jemand, der an dem ungeheuren Grab seines Volkes, an der Gruft alles Menschlichen und an dem Abgrund jeder erträumten Entwicklung stand, sich voller Widerwillen in Schwärze und Vergessenheit hinabstürzt? Nur müßte auch darin Schönheit liegen. Die Alten kannten das. Heiter riefen sie den Tod zu Gast und feierten ihn unter Kränzen und mit huldreichen Frauen.«

Vor den Ohren des Landmädchens summte es. Sie hatte ihre Lider fest zusammengepreßt, und so geschah es, daß sie erst jetzt merkte, wie ihr Gefährte sacht über ihr blondes Haar streichelte.

Hölle und Entsetzen! Dieser eine Augenblick genügte, um alle Besinnung, alle Klarheit auf sie herabzuzerren. Die erste Berührung der fremden Hand riß jede heimliche Zuneigung wie ein üppiges Gewand von ihrem Körper, nichts blieb übrig als der Schauder vor dem Fremden und seinem Wesen. Ein Schlag hätte die Gutsherrin nicht mehr reizen können, als jenes verborgene Langen nach ihrer Würde. Voller Verachtung straffte sie ihre Arme, und dann -- -- die beiden Menschen hielten inne und starrten sich an.

Ganz in der Nähe schmetterte ein Trompetensignal. Die Hofmauern warfen es zurück, ein helles Wiehern prallte gegen die Fensterscheiben, und wie in einem rasenden, dahintaumelnden Wahn begannen Traum und Irrsinn in dem kleinen Zimmer umherzuhüpfen.

Keiner Bewegung mächtig lehnte Johanna noch immer an der Tür. Sie sah, wie der Fürst ohne Aufregung eine Pistole aus der umgegurteten Tasche lüftete, sie fing auf, wie er von ihr abließ, blitzschnell das Fenster öffnete und sich rittlings auf das weiße Brett schwang.

Draußen auf dem Flur knirschten viele Tritte.

Laternenschein durchbrach auf dem Hof die Finsternis und spiegelte sich in den todbleichen Zügen des Obersten.

»Zurück,« schrie Johanna besinnungslos und wollte die Arme in die Luft werfen. Aber sie fielen ihr unkörperlich, gleich leblosem Eisen gegen den Leib.

Der auf dem Fensterbrett Reitende schien den weiteren Sprung aufgegeben zu haben. Mit einer Gebärde des Widerwillens hob er die Pistole, und zweimal begleiteten draußen grelle Schreie das Aufzucken der beiden roten Feuerfunken.

Johanna reckte sich. Sie taumelte nicht, sie brach nicht zusammen, eine steinerne Figur hätte nicht starrer ragen können wie sie. Ein dicker roter Qualm wallte vor ihren Augen, und durch seine Nebel hindurch sah sie, wie Fürst Dimitri sich zu ihr zurückwandte, um ihr mit seinem alten gewinnenden Lächeln zuzunicken.

Der Gruß rüttelte an ihr wie eine Faust. Gleich darauf schrie Johanna auf. Ihr schnellte es vor den Blicken, als ob der Oberst die Waffe gegen seine eigene Schläfe gerichtet hätte. Noch einmal zischte es, und das letzte, was in die steinerne Bildsäule hineinschlug, war der Nachhall eines dumpfen Falles.

Dann war alles leer, sie stand allein in der Stube.

* * * * *

Dicht vor der weißen Mauer wartete eine Schar deutscher Ulanenoffiziere in respektvollem Schweigen, bis sich die Gutsherrin von der hingestreckten Gestalt abwendete, deren Umrisse man kaum noch unterschied. Dann schüttete einer von ihnen ein Bündel Stroh über den Gefällten. Ernst und schweigsam suchten die Herren die erleuchtete Stube auf, und nur ihr riesenhafter Rittmeister blieb draußen in der Dunkelheit bei seiner Verwandten zurück. Auch zwischen ihnen wollte sich kein Wort einstellen. Unbeweglich, gesenkten Hauptes verweilte Johanna. Übermächtig wühlte in ihr die Vorstellung, ein gräßliches Wahnbild wäre eben für immer zersprungen, und erwachend überfiel sie die Qual, ob sie wirklich in dieses grause Ende verstrickt sei.

Da streckte ihr der Riese von Sorquitten die Hand entgegen. Es war eine Bewegung so voll Treue und Ehrlichkeit, daß das Mädchen aus ihrem Hinbrüten emporfuhr. Zögernd verbarg sie ihre Finger unter ihrer dunklen Schürze.

»Es klebt Blut daran,« sagte sie tonlos.

Aber Herr von Stötteritz ließ sich nicht abschrecken. Seine Rechte suchte und fand die kalten Finger, die sich vor ihm versteckten, und überzeugt und markig, ungekünstelt und mit wuchtiger Gewißheit tönte die kräftige, allen Spuk vertreibende Männerstimme:

»Schadet nicht, Hans. Was von dir kommt, kann nur brav und richtig sein. Mach' dir keine unnötigen Gedanken, Kind.«

Und er nahm ihren Arm und führte die Widerstrebende voller Stolz zu seinen Kameraden in das erleuchtete Zimmer. Die Befriedigung, der nächste Verwandte einer deutschen Frau zu sein, die willensstark und kräftig mitten in dem tödlichen Gebrause standgehalten, strahlte von seinem wettergebräunten Gesicht. Auf dem Tisch standen noch ein paar Flaschen Rotwein. Ohne zu fragen hatten die Offiziere sich eingegossen und harrten nun, die Gläser in der Hand, wie auf Verabredung auf die Dame des Hauses. Aber diese sprach nichts. Ihr Geist verkehrte noch mit dem Schatten, der unsichtbar, lächelnd und schwermütig durch den Raum schwebte. Statt ihrer ergriff der Riese von Sorquitten einen Kelch, schwenkte ihn und sagte kurz und bestimmt:

»Meine Herren, dies war nur der Anfang. Wir haben keine Zeit uns auszuruhen, sondern müssen für das Ende sorgen. Das Feiern kommt später.«

Ein paar Minuten nachher hörte man bereits das Scharren und Trappeln der Ulanenpferde. Nur Herr von Stötteritz zögerte noch bei seiner Verwandten und ließ seine Hand noch immer wuchtig auf ihrer Schulter ruhen.

»Hans,« kam es ein wenig beschämt aus ihm heraus, »ich bin die dummen Gedanken nicht los geworden. Man soll natürlich keine Pläne machen, denn man weiß nicht, wie alles kommen kann. Und uns bleibt noch ein tüchtiges Stück zu tun. Aber weißt Du, Marielle, es wäre mir doch lieb, wenn ich zu dir zurück käme. Man muß eben vertrauen und warten.«

Dabei rüttelte er sie kräftig, drückte ihr klammerfest die Hand und schritt klirrend und ohne sich noch einmal umzuschauen hinaus.

Und die Älteste von Maritzken wartete.

Das ganze Land glaubte und harrte, spann Hoffnungen und richtete sich auf. Was in den Familien und bei den Zurückgebliebenen geschah, das glitt nur wie unwirkliche Schatten unter der glutroten Sonne des Völkerherbstes dahin. Man hörte es, man schüttelte den Kopf und lauschte auf das Sausen des großen Sturmes.

So durfte die Gutsherrin von Maritzken die kleine Isa umarmen und von ihr das Wunder erfahren, daß der Rotkopf in den »Goldenen Becher« drinnen in der befreiten Stadt einziehen würde. Und Johanna lächelte und schüttelte das Haupt. Sie hörte auch von den Bühnenstudien flüstern und raunen, die ihre Schwester Marianne mitten in Not und Gewühl in der fernen Hauptstadt betreiben sollte. Und wieder lächelte sie matt, und um ihren Mund spielte der alte herbe und verurteilende Zug.

Knechte und Mägde wurden angeworben, das Anwesen erstand unter ihrer Führung aus Schutt und Vernachlässigung, die Wintersaat wurde versenkt, und ein neuer Frühling sproßte empor.