Die Herrin und ihr Knecht

Part 29

Chapter 293,595 wordsPublic domain

Wo waren die Lebensart, die nie versagenden Formen des Hofmannes geblieben? Er begrüßte die Dame des Hauses nicht, er gab ihr über den Zweck seines Wiedererscheinens keine Auskunft, er versuchte nicht, sein Hemd über der nackten Brust zusammenzuziehen. Müde, leer, unwillig, wie jemand, der sich über einen unwillkommenen Zuschauer ärgert, streifte er das schweigende Landmädchen mit einem mißtrauischen Blick, bis er sich schließlich stöhnend und scharrend auf einen Stuhl am Tisch niederließ. Mitten durch die Dunkelheit verfolgte Johanna, wie Dimitri Sergewitsch dort seinen Kopf in beide Hände nahm, wobei es ihm endlich auffiel, daß die Feldmütze noch immer sein Haupt bedeckte. Mit einem Fluch schleuderte er sie auf die Erde. Und erst durch jene Anstrengung völlig zu sich gebracht, schien er über sich und seinen Zustand nachzubrüten.

»Geben Sie mir etwas zu essen,« war das erste, was er forderte. Er verlangte es in einem Ton, der keinerlei Bekanntschaft mit der Angeredeten ahnen ließ und der nichts als stummen Gehorsam erwartete.

»Unsere Vorräte sind ausgeraubt,« erwiderte Johanna trotzig, denn ihr Triumph über die ungeheure Zerschmetterung der bisherigen Bedränger verleitete sie zu der Unklugheit, die noch immer vorhandene Macht der Fremden geringzuschätzen. Auch durchströmte sie ein seltsames Wohlbehagen dabei, als sie sich jetzt zum erstenmal den Geboten dieses glatten Machthabers zu widersetzen wagte.

Doch der Mann am Tisch sprach weiter, als wäre ihr Einspruch spurlos an ihm vorübergeweht.

»Machen Sie Licht,« verlangte er, unbehaglich und nervös mit den Stiefeln scharrend, »und dann bringen Sie mir eine Tasse Tee und Fleisch, viel Fleisch. Ich bin hungrig.«

Allein Johanna rührte sich noch immer nicht von der Stelle.

»Ich sagte Ihnen schon ...«

»Gehorchen Sie,« schrie der Russe plötzlich in einer Wut, vor der Johanna wie vor einem Faustschlag zurückfuhr. »Ihre Landsleute haben uns gelehrt, wie Krieg geführt werden muß. Verstehen Sie? Glauben Sie vielleicht, daß ich Lust und Zeit habe, Tanzstundenredensarten zu verschwenden? Danken Sie Gott dafür, daß ich noch immer an Roheiten keinen Geschmack gewinnen kann. Sonst müßte ich Ihrem Volke gegenüber meine Wünsche mit anderem Nachdruck vertreten. Und nun, bitte, bringen Sie, worum ich Sie ersuchte. Auch eine Flasche Wein wünsche ich auf den Tisch.«

Er streckte die Hand gegen die Tür wie ein Herr, der seine Untergebene zur Eile mahnt. Johanna aber warf das blonde Haupt in den Nacken und verließ aufgerichtet und selbstbewußt das Zimmer. Nicht durch das Zucken einer Wimper verriet sie dabei, wie schmerzhaft der Schreck über das veränderte Wesen des früher so zartfühlenden, weichen Menschen in ihr wühlte. Allein auch jetzt, da die verwüstete Erscheinung hinter ihr versunken war, sollte die Gutsherrin zu keiner Klarheit über das gelangen, was doch die nächsten Stunden bringen mußten. Nur eines schwang vor ihren starren Augen in roten Kreisen herum, er sollte nicht fort von hier, bevor -- ja bevor -- --

Hier jedoch verwirrte sich bereits ihr Verlangen, denn sie schrak vor ihren eigenen durcheinander rasenden Plänen zurück, weil ihre Absichten körperlich wie mit schwarzen Flügeln um ihr Haupt taumelten. Auch sollte sie scheinbar nicht die letzten Grenzen ihrer Wünsche durchmessen, denn als sie in der Dunkelheit noch eine kurze Weile auf der rot gepflasterten Diele verweilte, da vernahm sie zusammenfahrend, wie eine vertraute, lang vermißte Stimme flüsternd ihren Namen nannte.

Gegen den Pfosten des Eingangs drückte sich eine untersetzte Gestalt.

»Fräulein!«

»Ja, wer sind Sie? -- Herr im Himmel, Baumgartner!«

»Ich bin's,« kam es von der anderen Seite kaum vernehmlich zurück. »Treten Sie einen Augenblick zu mir auf den Hof, gnädiges Fräulein, denn ich habe Ihnen etwas auszurichten.«

Mit einem Sprung, atemlos, fuhr Johanna an die Seite des Verwalters. In der Aufregung, den Verlorengeglaubten unverletzt wiederzusehen, streckte sie dem treuen Mann beide Hände entgegen. Der Wirtschafter aber machte ihr mit der Schulter warnende Zeichen gegen die dunklen Gestalten hin, die den Hof bevölkerten, und flüsterte in seltsam verhaltener Erregung dasjenige hervor, was sein erschüttertes Gemüt nicht länger verschließen zu können meinte.

»Wie sind Sie hierher gekommen, Baumgartner? Waren Sie gefangen?«

»Später Fräulein, alles später. Um Gottes willen vorsichtig. Ich habe ihn gesehen.«

»Wen?«

»Unseren Nachbar, Ihren Vetter, Herrn von Stötteritz. Sie streifen dort hinten schon in den Wäldern herum. Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, in längstens drei Stunden sei er mit den Ulanen hier.«

»Baumgartner, besinnen Sie sich, ist das wahr?«

»Es ist so wahr, wie ich meine Frau und meine kleine Marielle gesund wieder zu treffen hoffe. Ach, Fräulein,« zischte es haßerfüllt und lauter, als es die Vorsicht gebot, aus dem sonst so stillen Menschen heraus, »wenn man die Mordbrenner nur so lange hier festhalten könnte! Dann würde ihnen heimgezahlt werden für alles, was sie uns angetan. Aber diese Bande hat Lunte gerochen und wird sich verkriechen.«

Durch Johanna rieselte eine schneidende Kälte.

»Das werden wir sehen,« sprach sie sich aufrichtend.

* * * * *

Die letzten verborgenen Vorräte prangten auf der Tafel des kleinen Eßzimmers. Leuchtend bedeckte das beste weiße Damastleinen den Tisch. Statt der elektrischen Birnen, die schon seit langem unterbunden waren, verbreitete eine hohe altertümliche Porzellanlampe unter einer matten Milchglocke hervor ihren dämmernden Schein, und sogar das ehrwürdige Familiensilber hatte unvermutet wieder den Weg aus den Kellern an seine alte Stätte gefunden. Auch die Hausherrin ließ es sich nicht nehmen, ihren hochgeborenen Gast selbst zu bedienen. Ohne zu zögern hatte sie sich ihm gegenüber niedergelassen, und sie wurde es nicht müde, dem halb Verschmachteten, der so gierige und verlangende Blicke auf Speise und Trank heftete, das oft geleerte und hastig heruntergestürzte Glas immer von neuem mit dem schweren dunklen Rotwein zu füllen.

Kein überflüssiges Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, keine Unterhaltung wollte aufkommen, nur als die Älteste von Maritzken beiläufig von dem Verschwinden Mariannes berichtete, da fing sie feindselig auf, mit welch völliger Gleichgültigkeit, ja wie erleichtert der russische Oberst von der unerklärlichen und beängstigenden Tatsache Kenntnis nahm.

»Ah,« murmelte er, sich den Mund wischend, »die junge Dame ist sehr gewandt. Ich wette, sie wird irgendwie in die Stadt geraten sein.« Und sich zurücklehnend und langsam seine Uniform zurecht streichend, setzte er wie in der Rückerinnerung an seine ehemalige hilfreiche Art hinzu: »Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, dort drinnen in Ihrem Namen eine Erkundigung einzuziehen.«

Da glitt ein Schatten über das Antlitz der Wirtin. Und mit Anstrengung und einem so unsicheren Ton, daß es ihrem verdüsterten Gast auffiel, rang sie sich ab:

»Wollen Sie denn heute noch weiter, Durchlaucht?«

»Ja, ich muß, ich muß,« stieß Fürst Fergussow hervor, der sich inzwischen erhoben hatte und ans Fenster getreten war. »Dieser Abschnitt wird von anderen unserer Truppen besetzt werden. Aber seien Sie unbesorgt,« kehrte er sich langsam zu ihr, und allmählich drang wieder etwas von seiner einfangenden Höflichkeit in sein Wesen, »ich lasse Ihnen auch diesmal einen Schutzbrief zurück und hoffe, daß man ihn trotz unserer mißlichen Umstände beachtet.«

»Sie sind sehr müde,« sprach Johanna zögernd, und wenn der andere genauer hingehorcht hätte, dann müßte er unfehlbar die schleppende Anstrengung aus ihrem Vorschlag herausgefunden haben, »Sie sehen eingefallen und kränklich aus,« drängte es unwillkürlich aus ihr weiter, und ohne daß sie es wußte, gewannen für einen Augenblick Angst und Besorgnis für dieses zerbrochene Menschenbild in ihr die Oberhand. Eine Verwirrung, eine Umwälzung gärten in ihr, der selbst die kräftige Walküre nicht gewachsen blieb. »Sie sollten sich hier noch eine Nacht lang Ruhe gönnen. Ich glaube bestimmt, das wird Sie aufrichten.«

»Nein, nein, ich danke Ihnen, -- ich danke Ihnen aufrichtig,« wehrte sich Dimitri Sergewitsch, während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt.

Wechselnde Schatten huschten dabei über seine verstörten Züge, die das frühere glatte Lächeln völlig verlernt zu haben schienen. Nervös griff er mit den Händen hierhin und dorthin. Es war ein Jammer, die fliegende Unrast dieses gehetzten Mannes beobachten zu müssen. Plötzlich warf er sich wieder an dem Tisch nieder, strich sich die braunen Locken zurecht und stützte das Haupt schwermütig auf seine Rechte.

Johanna bebte.

Denn die dunklen Augen, die sie jetzt so verzweifelt, so anklagend umfaßten, es waren dieselben, die Jahre um Jahre wie eine Verkündung ihres Loses auf sie herabgeschaut hatten.

»Liebes Fräulein,« begann der Sitzende zu flüstern, und in seinen Augen sprühte das Entsetzen höher und höher, »wenn Sie wüßten, was wir verurteilt waren, zu sehen! Nein, ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen. Die menschliche Natur ist in ihren Urzustand zurückgesunken. Die Bestien heulen sich an, reißen sich mit den Hauern das Fleisch von den Knochen und saufen ihr Blut. Das Grauen und der Ekel wird zu einer wollüstigen Unterhaltung. Und doch -- oh, es ist fürchterlich -- während wir den widerlichen Geschmack auf der Zunge spüren, während alle Maßstäbe des Menschlichen zwischen unseren Händen zerbrechen, da summt etwas Irrsinniges, etwas Aufreizendes in unseren Adern. Eine ungezügelte, wahnsinnige Lust, alle Schrecken von neuem durchzukosten, damit wir unsere tanzenden Nerven mit noch unvorstellbareren Scheußlichkeiten sättigen.«

»Wünschen Sie sich gleichfalls etwas Ähnliches?« fragte Johanna hart, denn bei seinem Ausbruch fiel ihr plötzlich ein, wen sie vor sich hatte.

»Ich?« Der Fürst sprang auf, preßte die Hände zusammen und schlug sie verzweifelt gegen seine Stirn. »Wie kann ich Ihnen das beschreiben?« stieß er unglücklich und zerbrochen hervor, und ein schriller Wehlaut entrang sich ihm. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das alles mitteilen soll, denn was gehen Sie mich im Grunde an? Vielleicht habe ich auch um Sie nicht viel Gutes verdient, und es ist sehr möglich, daß Sie mich hassen.«

Jetzt erhob sich auch das große blonde Mädchen. Schwerfällig griff sie hinter sich an die Decke einer altertümlichen Kommode, um sich zu stützen. Ihre stählernen blauen Augen folgten unausgesetzt den wilden Gängen ihres Gastes, ihre Lippen bewegten sich, aber irgendeine Einwendung, die der aufgescheuchte Offizier zu vernehmen wünschte, sie vertrocknete ihr auf der Zunge. Und in seiner jagenden Hast hatte der erregte Mann auch längst wieder vergessen, was er eben noch zu erkunden begehrte. Oder es schien ihm nebensächlich, gleichgültig. Mit fliegender Hand zauste er an den Gardinen, die weiß und traulich vor der hereinbrechenden Nacht hingen, und ohne Rücksicht, ja ohne zu ahnen, wie grauenhaft es wirkte, preßte er das dünne Gewebe vor seine Stirn, um sich den perlenden Schweiß zu entfernen.

»Ich bin vielleicht feige« stöhnte er dabei in einer schneidenden Entladung, »ich mag auch aus diesem grauen Wams und dem krummen Säbel kein Gewerbe machen. Aber wenn man mit ansehen muß, wie diejenigen Leute, die kurz vorher mit einem aßen und tranken, die sich auf dasselbe Stroh streckten, warm wie ich, hilflos, ja hilflos wie wir alle, wenn man mit ansehen muß, wie diese Erbarmungswürdigen ihren Verstand verloren, wie sie mit wütenden Sprüngen in Sumpf und Morast setzten und zu Hunderten, zu Tausenden, umheult, umzischt von feuerspeienden Geschossen, in dem weichen, grünen, schwammigen Morast einsanken, Zoll für Zoll, Strich für Strich, dann -- dann -- --«

»Was?« kam es von Johanna scharf.

»Dann,« keuchte der Offizier, und seine Finger kratzten auf den Brustklappen der Uniform herum, als wolle er sie von neuem aufreißen, »dann schreit man auf zu der Vernunft oder zu irgend etwas, was besser ist als wir, und zetert und brüllt um Antwort, warum es zur Verschiebung von ein paar Kilometer Sprach- oder Kulturgrenzen so vieler aufgeputzter Mörder bedürfe.«

Er stand wieder vor den Fensterscheiben, und abermals fuhr der Gehetzte mit dem Tüll der Gardine über sein gelbes, erdfahles Gesicht. Johanna lehnte noch immer an der Kommode. Und obwohl irgendein unwiderstehlicher Zwang sie dazu antrieb, über die Schulter ihres abgekehrten Gefährten in die Dunkelheit hinauszuspähen, so regte sich gleichzeitig eine unnennbare widernatürliche Freude in ihr, aus dem angstgeschüttelten Menschen noch mehr Todesgrauen herauszuziehen. Ihre Hände wurden eiskalt, die Zähne bebten ihr leise gegeneinander, und ihre Augen maßen unaufhörlich die wohlgebildete, wenn auch jetzt zusammengesunkene Gestalt des Fürsten, während ihre Gedanken fortwährend von der Vorstellung durchschnitten wurden: »Du ruhst auch bald -- du auch -- du auch.«

»Haben Sie viele von den Ihrigen verloren?« fragte sie unwillkürlich weiter, und sie konnte nichts dafür, daß es trotz ihres eigenen Bangens überlegt und berechnet klang.

Ein tiefes Atmen stöhnte zu ihr herüber.

»Viele?« stammelte der andere sich schüttelnd, »hören Sie auf. Merken Sie denn nicht, daß da oben bei mir die Stränge und Fäden reißen? Daß ich ein jemand bin, der vergessen hat, wie er heißt und wo er hingehört?«

Er wandte sich plötzlich zurück, und seine Blicke fuhren aufgescheucht in den Ecken umher, bis er auf dem Ruhebett seinen abgeschnallten Säbel entdeckte, auf dem Boden die Feldmütze und auf einem Stuhl die abgelegten, von Schmutz umkrusteten Handschuhe.

»In eine Schlächterkammer war ich eingesperrt,« schrie er plötzlich, »die draußen mit Nägeln zugehämmert war, während drinnen -- --«

Ohne zu vollenden stürzte er völlig haltlos auf das weiche Polster zu, warf sich seinen Degen um die Schulter und streifte sich erschöpft und zitternd die Handschuhe über. Dann riß er das Fenster auf und rief einen kurzen Befehl zu dem dort draußen haltenden Soldatenpiquet hinaus. Es klang wie ein Angstschrei.

»Gute Nacht, gute Nacht, liebes Fräulein,« stotterte er und prüfte mechanisch die Füllung seiner Pistolentasche, »ich habe mich schon zu lange aufgehalten. Wer kann wissen, was hinter einem ist? Nichts gehört einem mehr, selbst der Wille ist uns genommen. Leben Sie wohl. Und wenn Sie sich zuweilen meiner erinnern, dann, ja dann denken Sie nicht an das, was aus mir gemacht wurde. Nein, nicht an das,« wiederholte er bitter und drückte sich die Mütze achtlos auf den Kopf.

In diesem Augenblick vollführte der Oberst eine Bewegung, die das Schicksal der Bewohner des weißen Hauses zu Maritzken entschied. Hinter Johanna, auf der Platte der Kommode, stand ein Bild, das Marianne vorstellte. Fürst Fergussow ergriff es, warf einen leeren Blick darauf und stellte es rasch wieder an seinen Platz, eilfertig und voll Scheu, als wäre das Bild ein Dorn, an dem er sich die Finger blutig gerissen.

»Gute Nacht,« wiederholte er ohne besondere Bewegung, »gute Nacht.«

Da regte sich Johanna zum erstenmal. Jedes Bewußtsein war von ihr gewichen, sie hörte nur immerfort dasselbe wilde Summen, das, solange sie hier weilte, beständig durch ihr Denken trommelte. Abwehrend griff auch sie nach dem Rahmen, und die Hände der beiden Menschen schlossen sich umeinander.

»Sie sollten diese eine Nacht noch bleiben,« murmelte sie mit einem irren Lachen.

Was dann folgte, wußte sie nicht mehr.

Der Fürst starrte sie eine lange Zeit verständnislos an, dann nahm er langsam seine Mütze vom Haupt, zuckte die Achseln und ließ sich müde, geistesabwesend von neuem an dem Tisch nieder.

Er wartete.

* * * * *

An dem Fenster ihres verschlossenen Schlafzimmers lauschte Johanna in die Dunkelheit. Hinter ihr in dem schmucklosen Raum herrschte vollkommene Finsternis, denn in ihrer angstgeschüttelten Verwirrung hatte die Gutsherrin nicht gewagt, ein Licht zu entzünden. Nun fing das harrende Weib jeden Laut auf, der von dort hinten herüberdrang, wo sich vor ihrem geistigen Auge die dichte Wand der Wälder dehnte.

Von dorther mußten sie kommen.

Die Befreier, die reinen und hellen, die sich selbst zur Bürgschaft einsetzten für das Gelübde, das sie der Heimat verpfändet. Todesschreie würden gellen, ein roter Sprühregen zischen, und doch -- ihr Handel war gut und recht, und das tiefste Empfinden, die heißeste Sehnsucht eines Volkes sprach ihn heilig.

Aber sie, die hier am Fenster lauerte, was verübte sie inzwischen? Durfte sie den Plan, das trügerische Gespinst auch für rein und hell ausgeben, in dessen Maschen sie einen seiner Kraft und wohl auch halb des Verstandes Beraubten einzuschnüren suchte?

Doch, doch, nur jetzt nicht grübeln und zerfasern, um alles in der Welt nicht. Man würde sie loben, ganz sicher, es handelte sich ja um einen Fürsten, um einen höheren Offizier, um einen verächtlichen Wicht, der sich nicht gescheut hatte, das Gewand schuldloser Frauen in Fetzen zu reißen.

Schuldlos?

Draußen strich der Wind über die Strohdächer der Scheunen, und die Aufgeregte hätte darauf schwören mögen, daß sie soeben ein geisterhaftes Lachen vernommen. Vorsichtig schloß sie das Fenster und verschränkte beide Hände gegen die Stirn. Ihre Finger schauerten so kalt gegen die Schläfen, daß in das Denken der Einsamen eine unerbittliche Klarheit drang.

Schuldlos?

Nein, das war eine bequeme Lüge. Das eine der Mädchen von Maritzken hatte sich dem Eindringling gewiß jubelnd preisgegeben, denn er war herrlich von Ansehen, und irdischer Glanz strahlte blendend von ihm aus. Und die andere?

Ahnte irgend jemand etwas von dem Aufstand und dem Brand geweckter Sinne? Von dem wahnsinnigen Gewitter einer erträumten Hingebung, das hier in dem engen Raum einstmals in widerspruchsvoller Einsamkeit gewütet?

Und wenn nichts als dieses Letzte wahr blieb! Johanna biß sich auf die Lippen, riß ungestüm ein Zündholz an und beleuchtete das Zifferblatt der kleinen Standuhr. Die Zahl zuckte auf, es war drei Viertel auf sieben. Höchstens noch eine Stunde, dann mußte alles vorüber sein.

Allein, aus dem verendeten Lichtschein sprang plötzlich weiß, schattenhaft und doch voll zitternden Lebens das Haupt des toten Preußenprinzen empor. Und Johanna hielt inne und horchte auf die Schläge ihres sich krampfenden Herzens.

So fahl und leblos mußte bald ein anderes Antlitz dämmern.

Und dann dieser letzte Blick, in dem noch die Erkenntnis verendete, daß hier eine häßliche Spinne gesessen, die beutehungrig Fäden auf Fäden um einen arglos Vertrauenden gesponnen. Pfui, das war jammervoll. Das ertrug die aller List Abgewandte nie und nimmer. Dagegen verknisterte die Trauer um ihre verlorenen und versprengten Angehörigen zu Asche. Und in einer besinnungslosen Aufwallung rüttelte Johanna an dem Griff der Tür.

Doch das Holz blieb verschlossen. Ah richtig, sie hatte sich ja selbst in kühler Berechnung eine Mauer gegen jedes weichliche Mitleid errichtet. Und mit einem schmerzlichen Stöhnen sank die Hausherrin auf den nächsten Stuhl, faltete matt die Hände in ihrem Schoß, und zwischen Fieber und Erschlaffung hörte sie, wie die Zeit mit verhängtem Zügel weiter raste.

* * * * *

Zu derselben Frist, da die Älteste von Maritzken ihre unstete Sehnsucht nach den ihrem Schutz anvertrauten Mädchen ausschickte, da kletterte die eine von ihnen, Marianne, mitten auf dem Marktplatz der Stadt, verstohlen und wie im Traum, aus dem Planwagen der Verwundeten herab. Niemand hinderte sie, keiner hätte sie eine Minute später in dem wütenden Lärm, in dem Schreien und Toben, das ringsherum wirbelte, zu unterscheiden vermocht. Eine dicke Finsternis lagerte über dem früher so ordnungerfüllten Gemeinwesen. Keine Gasflamme warf ihren Schimmer auf die Bürgersteige. Seit einer Stunde versagten aus einem geheimnisvollen Grunde die Zuflußrohre der Leitungen. Statt dessen hörte man in kurzen Abständen aus der fernen Anstalt dumpfe, knatternde Explosionen in die Höhe knallen. Und doch gab es hie und da eine Art trauriger Beleuchtung. Einzelne Häuser der Vorstädte oder der weniger betretenen Seitengassen hatten Feuer gefangen, überall in der Luft wehte ein beizender Dunst von Petroleum und Benzin, und der Verdacht lag nicht fern, plünderungssüchtige Banden, die in dieser allgemeinen Auflösung weniger denn je den Namen von Soldaten verdienten, hätten die gefährlichen Flüssigkeiten selbst über die kleinen ehrbaren, schiefwinkligen Häuserchen gegossen.

Aus dem unentwirrbaren Knäuel der Bagagewagen schlich sich Marianne zur Seite. Hindurch durch Geschützbespannungen, durch schreiende und brüllende Haufen, die sich aus versprengten Trümmern wieder in ordnungsmäßige Kompagnien und Regimenter zu schichten suchten. Zwischen den wilden Schreien der Verwundeten wand sie sich dahin, die unbekümmert und in Hast mitten auf die Pflastersteine des Marktes ausgeladen wurden. Vorbei an scheuenden Pferden und hilflos am Boden kauernden Trupps, die sich niedergeworfen hatten und den Gehorsam zu verweigern schienen. Durch die Zertrümmerung und das Auseinanderbrechen einer zurückflutenden Armee, die noch einmal dazu zusammengerafft werden sollte, eine letzte Stellung zu verteidigen. Durch das Grauenvolle der in allen Rädern zerschmetterten Maschine, die nur noch sinnlos kreischte, rasselte und surrte. Und wie schwarz und ameisenhaft es sich um die Davonwankende herumdrängte, welche lasterhaften Flüche, welche rohen Beschimpfungen in einer fremden Sprache gegen sie brandeten, das Mädchen in den zerfetzten und blutbesudelten Kleidern besaß nicht mehr das geringste Verständnis für ihre Umgebung. Schlürfend tastete sie sich vorwärts, mit der Rechten kraftlos an den Mauern der dunklen Seitenstraße entlang gleitend. Was sie dort suchte, wußte sie nicht mehr. Sie wollte nur gehen und gehen und wandern, nachdem sie vorher schmachvolle Stunden, jeder Bewegung beraubt, auf dem faulenden Stroh des Planwagens verbracht. Das war gar kein Mensch mehr, sondern ein Wesen, das sich gedankenlos fortbewegte und nur noch eine stumpfe Freude darüber empfand, weil ihre verschnürten und gefesselten Glieder sich trotzalledem dehnten und regten. Zu anderen Zeiten hätte ein Vorübergehender stehen bleiben können, um der Bettlerin ein Almosen in die Hand zu drücken. So rasch, so von Grund aus, so irrsinnig hatte der Krieg, der der Umsturz alles Bestehenden ist, ein blitzendes Leben ausgelöscht und in den Kot geschleudert. Und gleich ihr Tausende, Abertausende, die noch atmeten und gar nicht begriffen, daß sie schon begraben waren.

Aber jetzt in der pechfinsteren und menschenverlassenen Gasse, da schlugen Stimmen an das Ohr der Gleichgültigen, von denen getroffen sie ihr müdes Weitertasten unterbrach, um in fernem Besinnen durch Dunst und Nacht zu horchen.

»Sehen Sie sich noch einmal nach ihm um, lieber Bienchen,« klang es wohllautend und doch zugleich von einer anheimelnden Güte durchdrungen, »ich werde hier auf Sie warten. Aber dann -- dann muß es sein. Länger dürfen wir es nicht mehr aufschieben, sonst könnten unsere ganzen Sorgen und Bemühungen vergeblich gewesen sein. Und das wollen Sie doch nicht?«

»Nu nein, ich will es nicht,« ertönte bekümmert und kleinmütig eine kratzbürstige Reibeisenstimme dagegen. »Wie darf ich Sie allein lassen bei dem Schauderhaften? Ich leb' sowieso nicht mehr. Wahrhaftig, ich stell' mir immer vor, daß ich mich nur noch auf Kredit, auf Borg hier unten befind'. Nun also, ich werd' durch den Keller gehen und mich nach ihm umsehen. Sie werden sich ganz ruhig verhalten und hier warten. Aber bei meinem Leben, 's ist schrecklich solch ein Geschäft.«

Während der letzten Worte wurde an einer unsichtbaren Tür geschlossen, und dann verloren sich hinunterschlürfende Tritte in einem Erdgeschoß.

Gleich darauf war alles still wie zuvor. Doch nein, hinter dem Häuservorsprung, den man kaum noch unterscheiden konnte, stahl sich eine Melodie hervor. Der Zurückgebliebene vertrieb sich die Zeit durch ein klangreiches Summen, und die feinen Schwingungen wie das zarte Taktgefühl bekundeten deutlich den geübten Musiker.