Part 28
»Schönes Fräulein -- schönes Fräulein,« hauchte er kaum noch vernehmlich, obwohl die sich bäumende Brust eine letzte Anstrengung hergab, »ich muß fort. Es geht mir überraschend gut, und deshalb muß ich es riskieren. Wo steckt mein Bursche? Ich habe ihn schon seit drei Tagen nicht mehr gesehen! Der Hund ist klug, er hat sich auf die Strümpfe gemacht. Ich will auch nicht länger in dieser Mausefalle sitzen bleiben, verstehen Sie? Unsere Idioten, diese verschlafenen Strohköpfe haben uns in nichts als Teiche und Sümpfe geführt. Sind wir Katzen, die man ersäufen will? Kommen Sie, kommen Sie, ein Blick auf meine Karten genügt. Jedes Schulmädchen wird das einsehen. Hier -- und hier -- und hier ... Eine gotteslästerliche Wirtschaft!« Wütend ballte er die Papiere zusammen und schleuderte sie, zu einer Kugel geformt, in die Ecke. »Jede Nacht habe ich davon geträumt, ich steckte immer bis zum Hals im Wasser. Aber jetzt ist es zu spät! Glauben Sie mir, man wird hier etwas Gräßliches erleben.«
Gewaltsam richtete sich der Russe auf, und es schien, als ob er durch die Tür von dannen stürzen wollte. Allein in der nächsten Sekunde mußte er sich mit beiden Händen an den Tisch klammern. Er schwankte, die stark duftenden Juchtenstiefel suchten vergeblich einen Halt.
Johanna jedoch, obwohl ihr Herz zu jagen anhob, vergaß, was sie dem Hilflosen schuldete, und regte sich nicht. In ihrem weißen Antlitz brannten die sonst so kühlen blauen Augen in einem bösen Feuer. Ein gieriges Lächeln, ganz widerspruchsvoll und unheimlich, schlängelte sich um ihre Lippen. Wie sie so aufragte, da hätte sie auch einem minder Verzweifelten Furcht einflößen können. Und der Kranke, der sich nicht aufrecht zu erhalten vermochte, beugte den Hals vor und starrte in plötzlich aufspringendem Entsetzen auf seine unbewegliche Gastgeberin.
»Was wollen Sie?« keuchte er, »halten Sie mich nicht auf!«
Aber Johanna sperrte ihm ungerührt den Weg.
»Herr Rittmeister« brach es mit einem Mal hell und voll versteckter Wollust aus ihr heraus, »meinen Sie, daß Ihrem Heer irgendeine Katastrophe bevorsteht?«
»Das weiß ich nicht, -- das habe ich nicht gesagt -- nicht die leiseste Andeutung gemacht. Ich bin krank. Meine Gedanken gehorchen mir nicht mehr. Sie wissen, sie springen herum, wie auf einem Tanzboden. Was lachen Sie mich so an? Oh, ich weiß, was Sie uns wünschen! Sie sollten sich hüten!«
Jedoch die Älteste von Maritzken hütete sich nicht. In ihren Mienen verkündete sich immer deutlicher eine wilde Wonne.
»Herr Rittmeister« sog sie förmlich aus dem ihr Unterlegenen heraus, »nicht wahr, Fürst Fergussow befindet sich gleichfalls auf den Linien, die Sie vorhin auf der Karte bezeichneten?«
»Ja, was geht er mich an? Der Teufel soll ihn holen!«
Die Blonde drängte erbarmungslos weiter.
»Und Sie vermuten, es werden nur wenige aus den Wasserläufen entwischen?«
Jetzt brach dem Rittmeister der Schweiß aus. Er wurde erdfahl und vermochte seine herunterfallende, wie im Krampf bebende Kinnlade nicht mehr zu bändigen.
»Verwünscht,« röchelte er, schlug mit den Armen in die Luft und wankte haltlos bis zur Tür, »Sie foltern mich! Was habe ich Ihnen getan? Hören Sie nicht? Hören Sie es nicht? Da ist es wieder, das ungeheure Gurgeln, Schnaufen und Schmatzen, das mich wahnsinnig macht.«
Er fiel auf der Treppe nieder und rollte wie ein schweres Bündel die Stufen herab. Johanna hörte noch einen schrillen Angstschrei, und als sie ans Fenster eilte, gewahrte sie, wie der Kranke in einer letzten Anspannung und mit vorgestreckten Händen über den Hof taumelte. Unsichtbare Geißeln schienen auf seinen Rücken zu klatschen. Der Sturm schmiß ihn hierhin und dorthin, und wie ein grauer Schemen verschwamm das unselige Menschenbild in den wirbelnden Staubwolken der Landstraße.
* * * * *
Das weiße Haus aber sollte noch einen anderen seiner Bewohner hergeben.
Draußen auf den Wegen und Stegen fing es an, lebendig zu werden. Zuerst waren es nur kleine Kosakentrupps, die in einem rasenden Galopp über die Straße fegten. Die Nachmittagssonne brannte ihnen auf den Rücken, und es schien, als ob die toll gewordenen Tiere ihren eigenen Schatten fressen wollten. Mit tief herabhängendem Halse stäubten sie ihrem vorausfliehenden schwarzen Abbild nach.
Doch es blieb nicht bei den wenigen. Bald erbebte der Boden unter dem Gedröhn zusammengeballter Reitermassen. In einer finsteren Gier, fluchend und tobend, heulten sie vorüber, und nur der Wille, gewaltige Strecken zwischen sich und irgend etwas Folgendem zu legen, hielt diese Horden noch zusammen. Voll frohlockenden Entsetzens erkannte Johanna, die jene fessellose Jagd, weit aus einer der Bodenluken gelehnt, verfolgte, wie diese zusammengeduckten Reiter Lanzen und Karabiner von sich schleuderten, so oft sie meinten, einen Vorsprung vor ihren sich stauenden Vordermännern erreichen zu können. Menschen und Tierleiber waren von einer dicken schlammigen Kruste bedeckt, und manche der Verfolgten umklammerten noch immer in vollkommener Bewußtlosigkeit dicke Büschel ausgerissenen Seegrases, als gelte es, vor allen Dingen diesen letzten Schutz nicht aus den Fingern zu lassen. Bleich, blutend, gespensterhaft raste alles vorüber. Die Beobachterin jedoch preßte ihre Hände gegen die kreisrunde Einfassung ihres Ausguckloches, als müsse sie die Mauern auseinanderbrechen, um das Bild noch weiter, gesättigter in sich aufnehmen zu können.
»So peitscht Fürst Fergussow seinen müden, zusammenbrechenden Schimmel vielleicht auch über eine unserer Chausseen,« schoß es ihr dann durch die vom Schauen aufgewühlten Sinne, »blutend, zerfetzt, jeder Männerwürde beraubt, genau so wie die Geschlagenen, Gedemütigten, die dort in den dampfenden Staubwolken, umheult und zerzaust vom Winde, ihr nacktes Leben zu retten trachten.«
Und ihre Seele erlabte sich an der Vorstellung, wie der glatte glänzende Kavalier, der ihr die Schande ins Haus getragen, sein Ende vielleicht in einem Kothaufen gefunden, nachdem der peinlich Saubere vorher alle Qualen des Ekels vor dem Schmutz seines Grabes durchkostet. Aber nein, nein, wenn sie ganz wahrhaft gegen sich selbst verfuhr, dann drängte sich noch ein anderes Bild, ein heißerer Wunsch vor den lodernden Brand ihrer Rache. Er durfte ja noch gar nicht verkommen und verdorben sein, solche geschmeidigen Naturen wie dieser im Innern verpestete Aristokrat, sie fanden gewiß tausend Mittel, um dem auf sie lauernden schimpflichen Verlöschen zu entweichen. Welch ein Glück, welch eine rasende Wonne, wenn der zu Boden Geschlagene und alles Hochmutes Entkleidete noch einmal gleich einem schuldbewußten Dieb oder Bettler vor sie hintreten müßte! Ja, darauf lauerte sie. Diese Erwartung trug Möglichkeit auf Möglichkeit in ihre Gedanken, bis die Landtochter nicht einen Moment mehr daran zweifelte, ihr würde diese erlösende Vergeltung von dem Schicksal, das jetzt über Staaten und Völker rollte, beschieden sein.
So stand sie und starrte in die Umgegend hinaus, auf den fernen Feuerschein, auf die Felder, die von schwarzen Gestalten zu wimmeln begannen, auf die blauen Gehölze, die zerschossene, verwirrte Gespanne und rasselnde Züge schwarzer Kanonenrohre von sich ausspien.
Vorbei, vorbei. Das Klirren, das Sohlenknirschen unzähliger sich fortwälzender Fußgänger, der Wogenschlag und die Brandung heiserer vernichteter Menschenstimmen lärmten ununterbrochen an dem weißen Anwesen vorüber.
Der Erwartete aber kam nicht. Er kam nicht, wie sehnsüchtig und gierig auch zügellose Wünsche nach ihm ausschweiften. Und der Gutsherrin bemächtigte sich die Furcht, Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren, der Inbegriff und das Sinnbild einer zerfressenen Kultur, er könnte von den schwarzen Wellen dort unter ihr bereits unerkannt vorübergetragen sein.
Wenn das möglich wäre, wenn er sich so gleichgültig gebärdete, so rücksichtslos, so bitter feige! Und zum erstenmal in ihrer bangen Erwartung preßte sich Johanna die Faust auf die Brust, und ein Frösteln flog über ihre Glieder, weil sie den tiefsten Grund ihres irren Verlangens nicht mehr unterscheiden konnte.
Auch ein paar andere Augen wühlten sich beutehungrig hinter einem der nach der Straße gelegenen Fenster in den vorüberschießenden Menschenstrom ein. Schwarze, leuchtende Augen, die merkwürdigerweise in einem sehnsüchtigen Glanz schwammen, obwohl sie doch in Wahrheit nur von einem heißen, eigensinnigen Begehren erfüllt waren. Gleich Angelhaken schwankten Mariannes Blicke mit der sturmgdrängten, brüllenden und schreienden Masse dahin. Immer nur bereit, sich an ein einziges ersehntes Idol anzuklammern. Nicht eine Spur des Triumphes war in ihr, daß die eisengepanzerte Faust ihres Heimatlandes mit wuchtigem Schlag die fremden Bedränger vor sich her stieß, nicht die geringste Erhebung weitete ihre Brust über die dumpfe Wut und das ohnmächtige Entsetzen, welches die vorüberstürmenden Slaven empfanden, nachdem sie zum erstenmal in das gerunzelte deutsche Antlitz geblickt hatten. Nein, ihr abenteuernder und irrlichterlierender Geist errechnete nur schwindelhafte Möglichkeiten, wie sie für sich selbst mitten aus dem Zusammenbruch den blassen Schemen irdischen Glanzes erraffen könnte. Eine goldene Fürstenkrone auf ihr schwarzes duftendes Haar. Die gebührte ihr, die hatte man ihr zugesichert unter tausend zärtlichen Eiden. Und die alles Urteils Beraubte und von ihrer eigenen Schönheit völlig Betörte glaubte unverbrüchlich an diese ihr zäh im Gedächtnis haftenden, lächerlichen Schwüre. Bald streckte sich Marianne in dem kleinen Zimmer auf ein Ruhebett aus, um ihre widerspenstig zuckenden Nerven durch die Lektüre eines Romans zu beruhigen, bald schleuderte sie das Buch, aufgeschreckt durch das brausende Toben, das durch die Mauern quoll, verstört und verständnislos wieder von sich. Eben huschte sie vor den gebräunten Mahagonispiegel, denn in all dem Graus und Lärm mußte sie sich doch davon überzeugen, ob sich der schwarze Ledergürtel nicht störend verschoben hätte, da wurde rasch die Tür geöffnet, und mit hastigen Schritten trat Johanna zu ihr ein. Über der großen Blonden flammte noch das sonderbare Leuchten, der Abglanz des unerhörten Begebnisses, und das weiße Antlitz strahlte wieder stolz und kraftbewußt wie sonst.
»Marianne,« rief sie mit unterdrückter Stimme, die nur schwer das geheime Frohlocken bändigte, »siehst du dort draußen, wie diese schlimmen Tiere von dannen ziehen?«
»Ja, ich sehe,« versetzte die Schwarze an sich haltend, denn es verdroß sie, sich ihrer rasenden Hoffnung nicht länger hingeben zu können.
»Das haben die Unsrigen vollbracht. Oh, jetzt wird hier alles wieder aufwachen, alles besser werden. In wenigen Stunden müssen unsere Truppen hier sein. Mir ist es immerfort, wie wenn ich sie schon singen hörte.«
Da zuckte Marianne widerwillig die Achseln.
»Was sollen jetzt diese Übertreibungen?« widersprach sie mit der ihr eigenen aufreizenden Lässigkeit, und die Absicht, den Jubel ihrer älteren Schwester zu stören, trat feindlich zutage. »Vorläufig hört man doch nur das Gestampfe und Getrappel der anderen. Was verstehen wir überhaupt von solchen Dingen?«
Entsetzt schlug Johanna die Hände zusammen. Länger vermochte sie die schweigende Spannung, die zwischen ihnen beiden herrschte, nicht zu ertragen. Es wurde alles klar um sie herum, jetzt mußte unbedingt auch die Säuberung des verunreinigten Hauses folgen. Jetzt, bevor die Befreier ihren Einzug hielten.
»Mir scheint,« begann sie mit erhobener Stimme, indem sie näher auf die noch immer vor dem Spiegel Weilende zutrat, »daß du mit der Horde, die unser Dorf plünderte und ansteckte, die unsere Freunde und Verwandten niederschlug, nachdem sie unsere ganze Provinz bis zur Erschöpfung ausgesogen, ein überflüssiges Mitleid empfindest.« Voll und ohne abzuirren ruhten jetzt ihre großen blauen Augen auf den dunklen Zügen der Schwester, mit der sie ihre Rechnung zu Ende führen wollte. »Marianne« fuhr sie klar und unerschrocken fort, »ich habe nicht gelernt, Versteck zu spielen. Nimm an, ich wüßte genau, woher deine Sympathie stammt.«
»Ich hege keine Sympathie für die da unten« schrie Marianne ausbrechend und stampfte besinnungslos mit dem Fuß auf, denn die drohende Auseinandersetzung verstärkte ihren Widerwillen gegen die große, empfindungslose Blonde, die nicht wußte, in welchen Zwiespalt lodernde und glückfordernde Seelen geraten können.
Doch die Älteste von Maritzken blieb unerschütterlich. Ruhig hob sie das fortgeschleuderte Buch auf, um es sauber geglättet auf den Tisch zu legen, dann aber richtete sie sich zur Höhe und beharrte mit immer härterem Ton auf ihrer Meinung.
»Für die Masse vermagst du dich vielleicht nicht zu ereifern, um so mehr aber leider für einen Einzelnen.«
»Wie?«
Die Angegriffene fuhr empor, stützte sich auf die Tischplatte, und im Augenblick hatte sie den lange Jahre bewahrten Respekt vor der Großen völlig vergessen. Spurlos entschwirrte ihr die Erinnerung, wie die Arbeit dieses nüchternen blonden Weibes Tag auf Tag, Monate auf Monate Not und Schmach von der gemeinsamen Schwelle ferngehalten, ohne dafür etwas anderes zu verlangen, als daß auch die anderen Insassen des Hauses sich ihre eigene spröde Sauberkeit zum Muster nähmen. Nein, das alles entfiel der Erregten. Einzig und allein wurde sie von der fressenden Vorstellung geschüttelt, hier stände jemand, aus dem nichts als Haß und Neid emporschlage über das unerhörte Glück, das schon so nahe, zum Greifen nahe, über der Jüngeren, Schöneren geschwebt hatte. Und jetzt, gerade jetzt konnte jene goldene Hoffnung vielleicht dort unten vorübertraben, während sie gezwungen wurde, die kostbare Zeit durch ein dummes Familiengeschwätz zu vergeuden! Nie und nimmer!
»Was sollen deine heimlichen Andeutungen?« rief sie zitternd in der Scham einer Ertappten und doch voll Erbitterung darüber, daß sie noch immer wie ein kleines Kind gegängelt werden sollte, »ich bin selbständig und erwachsen und kann über mein Leben verfügen, wie ich Lust habe.«
»Ich weiß nicht, ob du das kannst,« entgegnete Johanna, sich noch einmal mit aller Gewalt bezwingend, »aber eines weiß ich sicher, ich würde in deinem Fall vor den Männern, die in wenigen Stunden hier sein werden, nicht die Augen aufzuschlagen wagen.«
»Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei? Ich bin genau so erbberechtigt wie du. Aber sei überzeugt, wenn es möglich wäre, hier fortzukommen, der Abschied würde mir nicht schwer fallen.«
Jetzt vermochte auch die Ältere den inneren Brand nicht mehr länger zu zügeln. Vor dieser bodenlosen Undankbarkeit barst ihre Verwandtenliebe und das erworbene Muttergefühl in Scherben auseinander. Eine Derbheit bemächtigte sich ihrer, die etwas Bäuerliches an sich hatte. Mit beiden Fäusten griff sie in die weichen Schultern der anderen und schüttelte sie hin und her, als wollte sie sich die Ungeratene vor die Füße schleudern.
»Genug,« kam es dabei ganz klar überlegt aus ihr heraus, »du sollst mir die Freude an der herrlichen Erhebung nicht vermindern. Du hast auch ganz recht, es wird Zeit, daß du dich auf eigene Füße stellst und die Verantwortung für dein Tun allein übernimmst. Ich wenigstens will und mag sie nicht länger tragen. Ich bin zu dumm und zu zurückgeblieben dazu.«
»Das bist du, das bist du,« schrie Marianne außer sich hinter der Schwester her, die bereits die Tür erreicht hatte; und in dem Bestreben, die Enteilende an einer besonders empfindlichen Stelle zu treffen, setzte sie die Hände in die Seiten und sprudelte, sich wiegend und in ihrem scharfen, rücksichtslosen Ton: »Auf eigene Füße soll ich mich stellen? Was steht mir nicht alles offen? Aber ich weiß schon was ich tue. Wenn sich mein Wunsch nicht erfüllt, dann -- ja dann werde ich Schauspielerin. Dazu passe ich. Das haben mir schon viele versichert.«
Und in befriedigtem Triumph warf sie sich wieder auf das Ruhebett und langte mit angenommener Gleichgültigkeit nach dem Buch, ganz als ob sie imstande wäre, das Rollen und Toben, das Galoppieren und Schnaufen, all die wahnsinnig drohenden Laute der sich hemmungslos vorwärts schiebenden Massen zu überhören.
Doch kaum hatte Johanna die Tür mit einem harten Schall zugeworfen, da sprang Marianne von ihrem Lager, raffte ein Tuch über die Schultern und stürzte ohne Furcht noch Zagen über den Hof bis an die Einfahrt. Fest umklammerte ihre schmale Hand hier den viereckigen Pfeiler des Tores. Dann beugte sie sich hinaus und bohrte ihre Blicke mit einer zähen, verbissenen, ihr sonst ganz fremden Beharrlichkeit in den aufgescheuchten, durcheinander quirlenden Zug hinein.
Da -- und da -- und dort! -- Überall einzelne Reitertrupps, unzusammenhängend, die verschiedensten Uniformen durcheinander gemischt, Kosaken, Dragoner, Artilleristen, dazwischen Teile versprengter Linienregimenter, triefend, kotig, die meisten ohne Waffen. Dahinter wild in die Voranrückenden hineingeschoben Proviantkolonnen mit flatternden und zerzausten Plantüchern, die der heulende Sturm hochtrieb und in Fetzen zerriß.
Eben noch dämmerte durch das schwerfällige Auffassungsvermögen des suchenden Mädchens eine dumpfe Ahnung, daß alles, was hier vorüber floh, ritt und rasselte, sich wie zerbrochene Scherben eines zerschlagenen Geräts ausnähme, verwüstet und niemals wieder zu einem bestimmten Dienst zusammenfügbar, -- da geschah das, was den hellen Stern, der so lange über ihrem Haupte gefunkelt, herunterriß, um ihn in Kot und Schmutz zu begraben.
»Hilfe!« schrie Marianne gellend.
Einer der mit vier Pferden bespannten Bagagewagen war plötzlich durch eine Verwirrung der Stränge aus der Bahn der übrigen geschleudert. Wild zur Seite setzend, preschten die Tiere in das offene Tor hinein, krachend zerschellte das schwere Gefährt an den Mauern der Einfahrt. Und einem irren Triebe gehorchend, sprang die Hinausstarrende mitten in die vorüberhetzenden Trümmer der geschlagenen Haufen hinein.
Ein Stoß -- und noch einer -- ein lauter Schmerzensschrei, -- dann ein Straucheln und Wiederemporgerissenwerden, -- haarige Fäuste, die sich roh in die Kleider des Mädchens einkrallten, -- zuletzt ein Schieben und Hinaufzerren der Bewußtlosen in einen der krachenden und kreischenden Planwagen. Was sich dort drinnen begab, das schlug zum Glück nur noch wie der letzte Schein eines Erblindenden gegen ihr Bewußtsein. Auf nassem Stroh lag sie ausgestreckt, inmitten blutender, stöhnender und fluchender Menschen, und doch fühlte sie noch im Versinken, wie eine verpestete, tierische Zudringlichkeit in ihrer ermatteten Schönheit wühlte.
Das Begehren nach der Huldigung Ungezählter und Namenloser, es hatte sich erfüllt. Jetzt riß es der Beraubten die goldene Fürstenkrone vom Haupt.
* * * * *
Wer sollte der Ältesten von Maritzken eine Aufklärung darüber erteilen, wann und wohin Marianne verschwunden oder entwichen war?
Keiner wußte es.
Die schwarze Faust des Krieges hatte eben nur höhnisch, spielerisch in den Hof hineingelangt, und es war nichts geschehen, als daß sich die eisengepanzerten Finger wie in grimmigem Scherz um ein junges, blühendes Geschöpf geschlossen hatten. Man sah nichts mehr von ihm, es war zerquetscht.
Verstört, verständnislos lief Johanna mit den wenigen Mägden in der Wirtschaft herum, laut hallend rief man den Namen Mariannes in das herbstliche Gehölz hinein, -- nirgends eine Spur von der Verlorenen.
»Vorwärts in den Keller,« trieb Johanna an, von der der Glaube nicht wich, es handle sich bei der Jüngeren nur um eine erklügelte Bosheit, die sie ersonnen hatte, um sich für die harte Zurechtweisung zu entschädigen.
Draußen auf der Landstraße kroch die gewaltige, schuppenhäutige Schlange langsamer, träger dahin. Sie schien ermüdet zu sein, und das Quirlen und Fauchen, das Heulen und Kreischen, das sie bisher ausgestoßen, wurde seltener.
Es war um die fünfte Nachmittagsstunde, als Johanna von ihrem vergeblichen Abstieg in die unteren Räume des Hauses kopfschüttelnd zurückkehrte. Schon von dem Flur aus bemerkte sie zurückzuckend, wie auf dem Hof ein Trupp russischer Kavalleriepferde rings um den blauweißen Pfahl des Taubenhauses zusammengekoppelt stand. Hochauf rauchte den Tieren das struppige Fell. Einzelne von den todmüden Kleppern waren vorn in die Knie gebrochen, andere hingen mit der Halsung bis auf das Pflaster herab, wo sie gierig die wenigen Haferkörner aufschnupperten, die von den Tauben übriggelassen waren. Ihre Reiter jedoch drängten sich in wilder Hast aus den offenen Stalltüren. Dort drinnen wurde zusammengeschlagen und auseinander gebrochen, was irgendwie einem Futterbehälter ähnlich sah. Es blieb klar, hier galt es keiner bequemen Einlagerung mehr, hier wurde nur noch in besinnungsloser Gier geplündert und fortgerissen, was man zur Erhaltung einer letzten verebbenden Widerstandskraft benötigte.
Von einer Ahnung durchschlagen, warf die Gutsherrin in hartem Schwung die Tür des kleinen Wohnzimmers zurück, in dem sie vor kurzem noch mit ihrer jüngeren Schwester gehadert und gestritten.
Und dann --
Ihre Hand erstarrte auf der Klinke.
Entsetzen -- nein, dem Himmel sei Dank -- nein, Entsetzen -- wer hatte sich dort auf das Ruhebett geworfen, um das noch der leichte Duft von Mariannes Parfüm schwebte? Unmöglich, es war nicht denkbar, daß diese zerrüttete, halb offene Uniform, daß die herabhängenden Arme, die von Kot überkrusteten Stiefel, die rücksichtslos über das untere Polster gebettet lagen, -- nein, ausgeschlossen, dies alles konnte nimmermehr zu der vollendeten, ebenmäßigen Gestalt gehören, die hier einst wie ein fremder, aber doch herrlicher und lächelnder Gott einhergeschritten.
Und doch -- alle Zweifel erwiesen sich als hinfällig, wo die Wirklichkeit in ihrer grausen Majestät waltete. Wozu noch nach Gründen forschen, weshalb Verknüpfungen zu verstehen suchen, jetzt, wo der prasselnde Hagelschlag dort draußen die ganze Giftpflanzung gottlob zu zerschmettern anhob! Hier lag nur eine einzige verkommene Blüte, ein gefährlicher Kelch, dessen süße Dünste Gift und Verwesung um sich gestreut hatten. Und solch ein zerknicktes Unkraut sollte man nicht vollends brechen und vernichten können?
Johanna wußte nicht, was sie dachte. Ohne klare Besinnung, wie ein großer wachsamer Hund, der einen gefährlichen Eindringling umlechzt, schlich sie näher. Auf Zehen.
Der zerbrochene, übermüdete und zerschlagene Körper da vor ihr regte sich nicht. In sich zusammengekrochen, mit schlaff herabhängenden Armen lag er über die Polster gekrümmt, und als sich Johanna vorsichtig über ihn beugte, entdeckte sie, wie bleierner Schlaf die sonst so gelenkigen Glieder des Offiziers wie in einen Schraubstock einpreßte. Zerbeult hing die Mütze ihm noch auf den wirren, schweißnassen Haaren. Grau und zerfurcht spannte sich die Haut über die plötzlich hervorstehenden Backenknochen, und sie drückten dem bekannten Antlitz unvermittelt ein nicht zu verkennendes slavisches Gepräge auf. Auch der offenstehende Mund entbehrte jener weichen Anmut, die ihn früher so verlockend umspielt.
Aber eine unvorsichtige Bewegung ließ das Landmädchen die Schulter des Hingestreckten streifen. Im gleichen Moment stieß der Schläfer einen lauten Schrei aus und sprang in so haltlosem Entsetzen auf die Füße, das rings umher alle leichteren Möbelstücke zitterten und bebten. Lodernd waren die großen dunklen Augen des Russen aufgerissen, und seine Rechte zuckte schwankend, betäubt nach einer umgeschnallten Pistolentasche, die er trotzdem nicht fand.
Sprachlos starrten die beiden Menschen sich an. Und es dauerte eine geraume Weile, bis sich Fürst Fergussow auf seine Umgebung und auf seine Gastgeberin zu besinnen schien, auf das blonde Weib, deren hohe festgefügte Wucht ihm in dem dunklen Zimmer alle Fassung geraubt hatte.