Die Herrin und ihr Knecht

Part 26

Chapter 263,487 wordsPublic domain

Nach dieser ausführlichen Beschreibung der Treppe, die, wie der Konsul sehr wohl begriff, nur deshalb so umständlich gegeben wurde, um durch das bedeutungslose Geschwätz die Besorgnis vor dem Kommenden zu zerstreuen, wurden die beiden Verhafteten in den ersten Stock und in ein kahles Vorzimmer geleitet, wo zwei Gendarmen an einem Tisch saßen und die Häupter aufstützten. Hier verabschiedete sich ihr bisheriger Führer von seinen Schutzbefohlenen, indem er so glücklich lächelte, als habe er zwei Verirrte endlich auf den sehnsüchtig begehrten Weg gebracht.

»Hier sind wir,« bestätigte er aufatmend. »Sie befinden sich auf der Geheimpolizei, was natürlich gar nichts zu bedeuten hat. Der Herr Pristav, der die Messungsarbeiten versieht, wird Sie sogleich vernehmen.«

»Die Messungsarbeiten?« fuhr Konsul Bark zurück, wie wenn sein Gehör ihm etwas Irrsinniges vorgespiegelt hätte, -- »Sie werden doch unmöglich -- --« Ein verzweifelter Blick glitt zu seiner Gefährtin hinüber.

»Aber ich bitte Sie,« widersprach der Herr im grauen Rock und streichelte in der Luft herum; »wer kann an solchen Kleinigkeiten Anstoß nehmen? Es ist eine eingeführte Sitte, tut nicht im geringsten weh und beschleunigt Ihre Angelegenheit ungemein. -- Warten Sie, ich melde Sie sofort an und hole Sie gleich wieder ab.«

Devot zusammengekrümmt klopfte er an eine niedrige Seitentür, steckte auf eine Sekunde den Kopf herein und schob nach ein Paar mit äußerster Untertänigkeit hingehauchten Worten die beiden Deutschen in das anstoßende Gemach.

Es war ein ziemlich großes Zimmer mit einem grünen Teppich belegt, und ein Paar lederne Klubsessel, sowie ein deckenhoher Spiegel legten Zeugnis davon ab, daß der Pristav, der die Messungsarbeiten leitete, die Bequemlichkeiten des Lebens, sowie äußere Eleganz keineswegs außer acht lasse. Über diese Auffassung wurden die beiden sich stumm Verneigenden auch sofort eindringlich belehrt, als sich auf ihren Gruß hinter dem gelben Fichtentisch ein junger, schwarzhaariger Mann erhob, der ganz offenbar noch immer damit beschäftigt war, seine Toilette für irgendeine Abendgesellschaft zu vervollständigen. Unter seinem sehr kurzen Smoking prangte ein blitzendes Oberhemd, ein überhoher Stehkragen hatte ihm bereits einen roten Rand unter das Kinn geschnitten, und im Augenblick putzte er gerade mit einem Lederinstrument auf seinen Fingernägeln herum, obwohl sie bereits einen wundervollen Glanz ausstrahlten.

»Schon gut,« erwiderte der Pristav auf den Gruß der Eintretenden flüchtig, »Sie müssen warten. Ich werde alles vorbereiten lassen.«

Wiegend schritt er an einem kleinen offenen Seitenkabinett vorüber, und es milderte das schreckhafte Unbehagen der Verschleppten durchaus nicht, als sie jetzt gleichfalls einen Blick in diese Kammer werfen durften. Unter einer Art Galgen saß dort ein hagerer Gendarm. Mit bösen, schielenden Augen glotzte er die Fremden an. Vor ihm auf einem Tisch lagen mehrere riesenhafte Messingzirkel, eiserne Meßgeräte, und als Hauptstück des Ganzen zeigte sich auf dem Estrich ein Kupferkessel voll flüssigen Gipses, in dessen Breimasse der Gendarm ab und zu eine Holzkelle kreisen ließ.

Das waren sicherlich die nötigen Vorbereitungen für den Empfang der Verdächtigen, und Rudolf Bark stieg das Blut in den Kopf, als er sich ihre Anwendung vorstellte. Wie? Man ging in dem entwürdigenden Verfahren gegen Wehrlose so weit, sie mit ganz gemeinen Verbrechern auf eine Stufe zu stellen? Man würde es wagen, jene scheußlichen Apparate, die an die Folterinstrumente des Mittelalters erinnerten, auch um Isas feines Haupt zu legen? Ein Rauschen klang vor den Ohren des Mannes, ohnmächtige Wut rüttelte an ihm, er fühlte, wie er jetzt zum zweitenmal für dieses zerbrechliche Geschöpfchen in einen Akt verzweifelter Selbsthilfe verfallen würde. Unwillkürlich schlang er seinen Arm unter denjenigen des Mädchens, und es befestigte ihn nur in seinem Entschluß, als er merkte, wie eng sich der Rotkopf an ihn drängte. Aber auch der schwarzhaarige Pristav, der von seiner Abendgesellschaft so ärgerlich ferngehalten wurde, hatte dieses gegenseitige Suchen wahrgenommen.

Interessiert klemmte er sich ein Monokel ins Auge, lächelte verschmitzt zu der jungen Dame herüber, um gleich darauf durch ein wütendes Amtsgesicht seine Entgleisung zu sühnen! Es war ganz klar, daß er seinen Fehler durch eine besondere Kälte wieder ausgleichen mußte. In seinem affektierten Wiegeschritt begab er sich deshalb vor den Spiegel und begann umständlich an dem schwarzen Schnurrbärtchen zu ordnen. Dann prüfte er die Weiße seiner Zähne und fing schließlich, auf und ab wandernd, von neuem an, seine Nägel zu polieren. Alles, ohne sich um die Fremden im geringsten zu kümmern. Plötzlich jedoch riß er eine silberne Uhr an einer Talmikette aus der Tasche.

»Der Teufel weiß, es ist ein Viertel auf elf,« stieß er nervös hervor. »Weshalb erscheinen Sie so spät?«

»Diese Frage möchte ich an Sie richten,« antwortete der Konsul aus seiner Erstarrung erwachend.

»Wie? -- was? -- Sie richten eine Frage?« Der Pristav unterbrach sein Poliergeschäft, warf einen verwirrten Blick in den Spiegel, als müsse er sich erst von dem Fortbestand seiner eigenen Person überzeugen, und trommelte dann erregt auf seinem steifen Oberhemd herum. Er war über die Möglichkeit, daß auch er einem Verhör unterworfen werden könnte, derartig außer Fassung gebracht, daß sich auf seinem Antlitz Freundlichkeit und Wut wie Sonnenschein und Regen jagten.

»Mann,« sog er endlich einen tiefen Atemzug und warf sich in den Stuhl hinter dem Tisch, »ich glaube gar, Sie wissen nicht, wo Sie sich eigentlich befinden.«

»Oh doch, man hat es mir eben mitgeteilt, ich möchte jedoch erfahren, was ich hier zu suchen habe?«

»=Stoy=« (Halt!), schrie der Russe wütend. »Geben Sie mir Ihre Papiere.«

»Ich besitze keine Papiere.«

»Keine Papiere?« erstarrte der Pristav immer mehr über die Seltsamkeit dieses Falles. »Wie ist das möglich? Ilija Petrowitsch muß irrsinnig sein, weil er einen Menschen ohne Papiere zu mir hereinführt. Um elf Uhr in der Nacht!« ereiferte er sich von neuem, während er die silberne Uhr abermals herauszerrte. »Was ist hier zu tun?« -- Verärgert fegte er einige Aktenstöße auf dem Tisch beiseite, bis ihm ein erlösender Einfall aufzublitzen schien: »Legen Sie Ihre Wertsachen ab,« forderte er, sich befriedigt zurücklehnend, »Geld, Uhr, Kleinodien, Ringe.« Und als er gewahrte, wie sein Gegenüber von einem eisigen Schrecken angeflogen wurde, triumphierte er entzückt über den Verfall des großmäuligen Deutschen weiter: »Mir steht das Recht zu, Sie und das Mädchen sofort entkleiden zu lassen, also ich rate Ihnen, nichts zu verheimlichen.«

Der Konsul griff sich an die Brust, er war unfähig, sich von dem einzigen Mittel, das vielleicht noch Rettung verhieß, zu trennen. Und der rauschende Zorn und daneben doch die klare Erkenntnis, wie jeder Widerstand ihre Lage nur verschlimmern würde, sie versetzten ihn in einen Zustand der Lähmung und der zähneknirschenden Entschlußlosigkeit. Um so unfaßbarer mutete es ihn daher an, als er seine Gefährtin ohne Zögern noch Bedenken an den Tisch herantreten sah, wo sie mit einer hastigen Bewegung nicht nur ihre Ringe und das Armband abstreifte, sondern auch ihr kleines seidengestricktes Geldbeutelchen vor den Pristav niederlegte.

Dieser griff einen zierlichen Kettenreif heraus, versuchte, wie weit er sich über seinen eigenen kleinen Finger ziehen ließ, und blinzelte dann in einem abermaligen Anfall von Vergessenheit die hübsche Nemza verschmitzt an. Als sich jedoch in dem blassen Jungfrauengesicht nicht eine Muskel regte, besann sich der Pristav überraschend schnell wieder auf seine Machtfülle und schien entschlossen, sie in ihrem ganzen Umfang auszukosten.

»Beeilen Sie sich,« herrschte er den Kaufmann an, der noch immer an seinem Platz wurzelte. »Weshalb gehorchen Sie nicht? Sie scheinen mir ein anmaßender Mensch zu sein. Oder haben Sie vielleicht Grund, sich gegen eine Leibesuntersuchung zu sträuben? -- He, Gendarm, ich meine, hier ist ein Widerspenstiger.«

Auf den schrillen Pfiff fuhr der Gendarm drinnen in dem Kabinett aus seiner gebückten Stellung empor und trat auf die Schwelle. Einen Augenblick schwebte dunkle, zuckende Gefahr um den Konsul. Doch auch Rudolf Bark fühlte, wie es gleich einer unsichtbaren Gerte über ihm schnellte. Und, in einem langen Geschäftsleben daran gewöhnt, noch in der letzten Sekunde auf die rettende Planke zu springen, verbarg er die in ihm arbeitende Erregung und trat mit einem so gleichmütigen, geschmeidigen Wesen an den Tisch, daß nicht allein von Isa der schnürende Bann wich, sondern auch der Herr in dem kurzen Smoking diese rasche Wandlung augenscheinlich nicht gleich begriff. Und nun wickelte sich alles wie ein einfaches, glattes Geschäft ab. Der Konsul legte eine Brieftasche vor dem Pristav nieder, erklärte, es seien ungefähr 4-5000 Mark in dem Portefeuille vorhanden -- ungefähr -- und eine Empfangsbescheinigung wäre bei der Sicherheit einer so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.

Begierig griff der Pristav nach der Tasche, zuckte jedoch gleich darauf wie vor einem fressenden Feuer zurück, lächelte und begann geschmeichelt mit dem roten Leder von neuem zu spielen.

»Auf Ehre,« versicherte er zuvorkommend und war wieder ganz der wiegende Gesellschaftsmensch von vorhin, »Sie haben recht. Wozu unnötige Schreibereien bei der späten Stunde? -- Vier bis fünftausend Mark. -- Nun gut, man wird aufs peinlichste darüber wachen, ich verspreche es Ihnen. Übrigens -- ich begreife gar nicht, warum man Ihnen und der Dame mitten in der Nacht so viel Unbequemlichkeiten verursachte. Es ist lächerlich. Als ob dies nicht bis morgen früh Zeit gehabt hätte! Freilich die unteren Beamten! Wozu lungerst du hier herum?« schrie er plötzlich den schielenden Gendarmen an und wies mit ausgestrecktem Arm befehlend auf das nahe Kabinett. »Hörtest du nicht, daß die Herrschaften absolut unverdächtig sind?«

In diesem Augenblick begann das Tischtelephon heftig zu läuten.

Aufgeschreckt sprang der Pristav in die Höhe, verzog ingrimmig die Stirn und während er schon die Hand nach dem Hörer ausstreckte, riß er mit der Linken noch einmal seine Taschenuhr hervor und gebärdete sich wie ein Verzweifelter.

»Oh, du niederträchtiger Leuteschinder,« murmelte er bissig, »du herzlose Schlafmütze -- ah, Sie selbst, Ew. Hochgeboren, keineswegs -- macht durchaus nichts, Ihre Befehle gehen allem anderen vorauf. -- Jawohl, die Deutschen befinden sich bei mir -- gewiß -- sofort -- ich gehorche.«

Kaum eine Minute nach diesem Gespräch durchmaßen die beiden Verdächtigen, über die sich bereits bleischwere Müdigkeit herabgesenkt hatte, abermals einen der langen Korridore, bis ihr Führer, der Pristav, der sich inzwischen mit einem Zylinder bedeckt hatte, seinen glänzenden Hut ehrfürchtig vor der friesgefütterten Tür des Zimmers Nr. 2 lüftete. Noch in dem dunklen Zwischenraum der beiden Eingänge krümmte der Herr im Smoking seine Gestalt vor Devotion und Anbetung zusammen, behielt aber doch noch Zeit, den Eintretenden ironisch zuzuflüstern:

»Sie brauchen nichts zu sprechen. Ich werde alles besorgen. Der Herr Polizeimeister-Stellvertreter liebt es nämlich nicht, auf Einwendungen zu stoßen.«

»Guten Abend, lieber Freund,« kaute in dem saalartigen, hellerleuchteten Raum eine schmatzende Stimme, und während an dem großen, mit grünen Tuch ausgeschlagenen Tisch direkt unter dem Kronleuchter zwei Schreiber hingen, die vor Müdigkeit abwechselnd gähnten, da hockte die Kugelgestalt des Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin selbst in einer Ecke auf einem Ledersofa, und seine fleischigen Hände fuhren unermüdlich zwischen den Bestandteilen seines Mahles herum, von dem Huhn zur Weinflasche und von dem Brot zu der Schüssel voll grünen Salates. Dies alles aber geschah ganz mechanisch, als ob die dicken Finger des Schmausenden ein eigenes Sehvermögen besäßen, denn Herr Tolmin hatte vor die Wasserflasche ein Zeitungsblatt aufgestellt, dessen Inhalt seine kleinen glitzernden Augen ebenso gierig verschlangen, wie sein Mund die umfangreichen Bissen herunterwürgte.

»Ah, guten Abend, Nicolai Feodorowitsch,« stöhnte er wohlbehaglich und schlug, um sich Luft zu schaffen, die offene grüne Uniform noch etwas weiter zurück, »da bringst du die beiden Verbrecher. Wir wissen schon alles. Der Mann hat einen Offizier erschossen. Und das Weib hat ihm Beihilfe geleistet. Es ist schändlich. Es ist barbarisch.«

Herr Tolmin vertrieb sein Grauen über die geschilderte Untat durch ein paar mächtige Züge Rotwein und goß sich einige Tropfen auf die ehemals weiße Weste. Dann ließ er vor Behagen und Befriedigung die kurzen Beine in den Stulpstiefeln kräftig gegen die Ledereinfassung des Sofas prallen.

»Aber alle Umtriebe unserer Feinde,« röchelte er weiter, »erweisen sich, der heiligen Mutter sei Dank, als vergeblich. Höre, Nicolai Feodorowitsch, was ich da lese. Es bewegt mein Herz, und es wird auch dich begeistern. Die Belgier haben die Preußen auseinandergesprengt, haben die Nemzows über den Rhein geworfen und sind gestern in Köln eingezogen. 200000 Gefangene. Der deutsche Kronprinz ist gefallen. Was sagst du, lieber Freund? Köstlich -- köstlich, der grüne Salat. Er wird für mich mit Zitronensäure angerichtet, seitdem der Militärarzt Isaac -- so heißt der Jude -- den Essigzusatz für mich verboten. -- Aber, wie gesagt, 200000 Gefangene. Ja, es ist ein köstlicher Genuß.«

Damit hob Herr Tolmin nach der Art der Kurzsichtigen das Zeitungsblatt wieder ganz dicht vor sein grauwelliges, unförmiges Haupt, und indem er sich vollkommen in seine erfreuliche Lektüre versenkte, schlug er sich wiederholt schallend auf den Leib, und dem Hingerissenen schien jede Erinnerung an die übrige Mitwelt entschwunden zu sein.

Schüchtern wagte es der Pristav, der auch für sich selbst die Zeit immer unwiederbringlicher enteilen sah, mit dem Fuß auf eine freie Stelle des Estrichs zu scharren. Gestört schüttelte sich der Polizeimeister:

»Ach ja, was gibt es noch, Nicolai Feodorowitsch?«

»Ich meinte,« sagte der Pristav sich verbindlich verneigend, »Euer Hochgeboren hätten den Wunsch geäußert, das Protokoll über diese beiden Deutschen --«

»Ach ja, das Protokoll,« warf Herr Tolmin ungnädig dazwischen und wanderte nun, die fleischigen Hände auf den Rücken gelegt, mehrere Male keuchend über den Teppich. »Du hast ganz recht, mich daran zu erinnern. Aber solltest du nicht auch meinen, Nicolai Feodorowitsch,« fuhr er schließlich fort, wobei er, da er wieder in die Nähe des Tisches gelangt war, den Resten des Huhnes einen kosenden Blick zuwarf, »solltest du nicht auch meinen, daß sich diese ganze Prozedur besser auf morgen verschieben ließe?«

»Gott -- ich glaubte eigentlich --«

»Was glaubtest du? Wir sind alle etwas abgearbeitet. Du siehst selbst, welche Plage es mir macht, diese Murmeltiere von Schreibern wach zu erhalten. Wie? Sagtest du etwas? Nun gut, wer weiß, wie lange man die beiden Nemzows noch beaufsichtigen muß? Ich habe sie jetzt gesehen, das genügt mir. Du kannst sie vorläufig abführen lassen, Nicolai Feodorowitsch.«

Der Polizeimeister warf sich wieder auf das Sofa und kehrte hinter seinem Zeitungsblatt zu dem bedenklich erkalteten Huhn zurück. Bald hörte man von dem Gewaltigen nur noch ein Klirren und Schnaufen.

Der Pristav aber wandte sich unentschlossen hin und her.

»Euer Hochwohlgeboren, wo befehlen Sie, daß die Deutschen untergebracht werden?« wagte er endlich den Vorgesetzten hinter seiner papiernen Wand hervorzulocken. »Wäre etwas dagegen einzuwenden, wenn die Gefangenen in ihr Hotel zurückkehrten?«

»Ist es möglich? Du bist noch da?« schalt Herr Tolmin und ballte gereizt das Zeitungsblatt zusammen. »Du siehst, ich denke bereits über etwas anderes nach. Was zum Henker sprachst du von einem Hotel?«

Der Pristav setzte die Füße zierlich gegeneinander und schwenkte untertänig seinen Zylinder. Dann erlaubte er sich, seine Ideen noch einmal zu erläutern. Allein der Polizeimeister-Stellvertreter, der schon wieder Messer und Gabel in den Händen hielt und nun endlich wünschen mochte, seinem Imbiß dauernd den Garaus zu bereiten, er schnitt seinem Untergebenen ärgerlich das Wort vom Munde ab.

»Du bist zu rücksichtsvoll, Nicolai Feodorowitsch,« kaute er, »wie oft soll ich dich noch darauf hinweisen? Das Verbrechen der Deutschen ist zu niederträchtig, als daß ich geneigt wäre, ihnen irgendwelche Vergünstigungen zu gönnen. Du mußt wirklich dein gutes Herz bezähmen. Setze mir den Mann vorläufig in den Turm, und das Weib --,« er klirrte etwas lauter mit dem Geschirr -- »wir wollen nicht vergessen, was wir ihrem Geschlechte schulden, -- das Weib kann den Morgen in einem der Büros erwarten. Und nun gute Nacht, Nicolai Feodorowitsch, ich denke, du wirst es selbst eilig haben.«

* * * * *

Es schlug gerade Mitternacht, als Rudolf Bark in dem Teil des Gebäudes anlangte, den man sehr mit Unrecht als den Turm bezeichnete. Von Isa hatte er sich mit einem kurzen, fast gleichgültigen Händedruck getrennt, denn nur der eine Wunsch beherrschte beide gleichmäßig -- Schlaf und Ruhe. Auch glaubte der Konsul, daß es sich bei seinem Gewahrsam wahrscheinlich um ein Zimmer handele, wie es nach deutschen Begriffen den Voruntersuchungs-Gefangenen gewährt wird. Deshalb taumelte er beinahe betäubt zurück, als der begleitende Gendarm endlich eine Mauerhöhlung aufschloß, die der Kaufmann im Vorüberschreiten für einen Vorratskeller oder eine unterirdische Waschküche gehalten hatte.

»Du kannst dir diese Laterne mitnehmen,« gähnte der schielende Gendarm in einem Anfall von Mitleid. »Aber sobald du liegst, bitte ich mir aus, daß sie ausgelöscht wird. Es ist strenge Verordnung, hier kein Licht zu brennen, verstehst du?«

Damit drückte er dem Konsul die Leuchte in die Hand, schob ihn mit kräftigem Nachdruck in den finsteren Raum hinein und schloß gemächlich hinter dem Eingekerkerten wieder ab. Dem Konsul aber trat der kalte Schweiß auf die Stirn. Mit zitternder Hand streckte er die Laterne von sich und erkannte ein enges, kreisrundes Loch, das über und über mit Stroh beschüttet war. Ein fauliger, verwesender Geruch stieg aus den Halmen empor, und der scharfe Dunst eng aneinander gepreßter, verwahrloster Menschen mischte sich drein. Da lagen sie dicht nebeneinander, zerlumpte, bettelhafte Gestalten mit grüngrauen, eingefallenen Gesichtern, und keine Decke, kein Kissen wehrte von den fröstelnden Leibern den feuchten Dunst ab, der aus den schimmligen Ziegelsteinmauern herausschlug. Und dennoch füllte lautes Schnarchen dieses trostlose Gemäuer, und selbst das hereinstrahlende Licht und der neueintretende Leidensgefährte, sie veranlaßten keinen jener Ausgestoßenen auch nur das Haupt zu erheben, um sich über die späte Störung zu vergewissern.

Unfähig, noch weitere Eindrücke in sich aufzunehmen, ließ Rudolf Bark die Laterne sachte zu Boden gleiten und kauerte selbst in einer seltsam verkrümmten Stellung nieder. Die Füße, die er mit den Armen umschlang, dicht gegen das Kinn gepreßt, so hockte er auf der fauligen Schüttung, um seine weit geöffneten, ungläubigen Augen um ein entsetzlich besudeltes Faß kreisen zu lassen, das genau die Mitte des Raumes ausfüllte. Ein atemlähmender Geruch entströmte diesem Gefäß, und es war dem Gefangenen, wie wenn ihm eine Faust gegen die Stirn krache, als er endlich entdeckte, welchem Zweck das runde Gerät in der Mitte diene.

Ein Flimmern tanzte vor den Blicken des unbeweglich Zusammengekrümmten, und ein heiseres Stöhnen entrang sich seinen Lippen. Die ungeheure Demütigung, der prasselnde Sturz von den Höhen des Lebens bis in diese Höhle voll Aussatz und Verworfenheit, sie wendeten die Seele des sonst so sicheren und gefaßten Mannes um und schmetterten sie in eine fiebernde Verzweiflung. In seinem Hirn begann es zu bohren und zu nagen, als wenn sich Würmer dort Eingang verschafft hätten, die nun langsam ihres Weges krochen. Er fing an zu überlegen. Seiner Mittel war er beraubt. Von der Gefährtin hatte man ihn getrennt. Und wer konnte sagen, wie lange er hier in der finsteren Pesthöhle ausharren müsse? Bei dem stumpfen Geschehenlassen und der Unordnung, durch die sich russische Gerichte auszeichneten, konnte es sich -- namentlich in wild bewegten Kriegszeiten -- ereignen, daß Monate, daß Jahre vergingen, bevor man sich seiner erinnerte. Vielleicht war er längst lebendig verfault, ehe dem gefräßigen Polizeimeister zwischen Suppe und Braten das Gedächtnis an das unterlassene Protokoll aufstieg. Beschwerden? Wer würde die aus dem stinkenden Loch heraustragen und weitergeben, seitdem der Ausgestoßene nicht mehr imstande war, einen solchen Dienst gebührend zu belohnen?

Immer emsiger irrten die Würmer durcheinander, einer stets auf der Spur des Voraufkriechenden, und sie schienen ein Gift auszuspritzen, das den Grübelnden bis zum Wahnsinn reizte. Wie würde sich das Los von Isa gestalten? Zum erstenmal in ihrem kurzen Dasein verbrachte das junge, unerfahrene Geschöpf eine Nacht in einem fremden Hause. Wie, wenn sich nun der Pristav, um sich für die entgangene Lustbarkeit der Abendgesellschaft schadlos zu halten, des wehrlosen Mädchens besonders annähme? Ein furchtbarer Einfall! Grinsend saß das Grauen auf der übelduftenden Tonne und schüttelte seine Schlangenhaare.

Da wälzte sich etwas neben dem Konsul, und eine geschwollene Hand näherte sich der Schraube der Laterne, um das Licht auf einen Zug auszudrehen. Aus der undurchdringlichen Finsternis aber, die jetzt das unwirtliche Bild verschlang, knurrte die wüste Heiserkeit eines Trunkenboldes:

»Sollen wir deinetwegen, du Lump, wieder Prügel kriegen? Wenn du die Lederriemen das erstemal gespürt hast, wirst du keine solche Unvorsichtigkeit mehr begehen. Je weniger wir hier sehen, desto besser. Strecke dich aus und schlafe. Oder dünkst du dich in deinen gestohlenen Kleidern etwa zu gut dazu? Warte nur, Brüderchen, sobald du erst mit uns allen aus einer Schüssel gegessen hast, werden dir deine hochmütigen Grillen schon vergehen. Und nun schnarche.«

* * * * *

Es mochte hoch am Tage sein, als der durch die widernatürlichen Dünste betäubte Schläfer aus der Lähmung seiner Sinne aufgerüttelt wurde. Zuerst glaubte der emportaumelnde Rudolf Bark, ein holdes Traumbild entschwirre langsam vor seinen müden Augen, um ihn die Schrecken der Gegenwart nur noch bitterer spüren zu lassen. Aber nein, nein, was bedeutete das? War ein solcher Umschwung wirklich zu fassen? Die Tür stand offen, und ein kalter Lichtschimmer, der ferne Abglanz des ausgesperrten Tages, kroch durch den breiten Spalt. Aber mitten in dieser für ihn jetzt überirdischen Beleuchtung stand der pockennarbige Sekretär in seinem grauen Jakettanzug, ein grünes Jägerhütchen flott auf den dunklen Haaren, und neben ihm, -- es war wohl doch eine Täuschung, nur die Ausgeburt brennender Wünsche -- neben ihm hielt sich Isa Grothe mit ausgestrecktem Arm an der gegenüberliegenden Wand fest, um vorgebeugt mitten in der schwimmenden Finsternis ihren Freund, den sie suchte, erkennen zu können.

»Isa!«

»Herr Konsul.«

»Ist Ihnen nichts geschehen? Fühlen Sie sich munter?«

»Vollständig. Großer Gott, wie sieht es hier aus, wie fürchterlich ist es hier! Aber denken Sie sich, wir kehren in das Hotel zurück.«

Und Ilija Petrowitsch, der Sekretär, der sich für den Gang über die Straße bereits wieder die braunen Glacéhandschuhe aufstreifte, er erlaubte sich mit seinem verbindlichsten Lächeln den vornehm gekleideten Gefangenen aus der Pesthöhle herauszuziehen, die gleich darauf, trotz der Wut und des aufgeregten Gemurmels der Übrigen, von einem mitgebrachten Gendarm durch einen Fußtritt geschlossen wurde.