Die Herrin und ihr Knecht

Part 22

Chapter 223,611 wordsPublic domain

Bedrückt atmend schritt das Gutsfräulein tiefer in den Schatten des Gartens. Sie konnte sich ja jetzt öfter eine Erholung gönnen, seitdem diese Asiaten ihr geregeltes Tagewerk auseinandergeschlagen hatten. Mit einer geheimnisvollen Kraft zog es sie bis zu dem dicht umbuschten Grenzgraben, von wo sie dem Klirren der Sensen lauschen wollte. Es war doch ein gewohntes Geräusch, wenn es auch nicht mehr auf ihr Geheiß und zu ihrem Nutzen laut wurde. Dicht an der ausgetrockneten Wasserscheide, zwischen den braunen schlangenhaften Stämmen eines wild verschlungenen Haselnußgestrüpps, stand eine Bank. Vom herabdringenden Regen war sie halb vermorscht, grüne Moosfleckchen hatten sich an der Rücklehne fest angesiedelt, und Johanna erinnerte sich kaum, daß sie jemals jene Sitzgelegenheit benutzt. Jetzt aber trat sie unter das schattenspendende Blätterdach und ließ sich auf dem breiten Brett nieder. Eine Weile schloß sie die Augen. Sie war müde von all dem Widersprechenden, an das sie zu denken hatte. Jedoch kaum senkte sie ihre Lider herab, so tauchten auch schon wie hinter einem grünschwarzen Vorhang jene Gestalten auf, hinter denen ihre Einbildungskraft beständig herjagte. Sie sah ihre Schwester Isa und Konsul Bark in der russischen Grenzstadt, in deren verräucherten Mauern sie selbst noch vor kurzem geweilt, und ihr Herz schlug laut, wenn sie sich vorstellte, welch ein Schicksal den beiden dort bereitet werden könnte. Oh, diese Ungewißheit! Ob man jemals wieder von den Fortgeschleppten etwas hören würde? Vielleicht gelang es doch dem Fürsten, bei dem Nachdruck, den ihm sein Name verlieh, eine Erkundigung einzuziehen. Und er, der sich stets so glatt und willfährig zeigte, der feine Weltmann, der für die Wünsche einer Dame fast niemals eine Weigerung hatte, obwohl er sich gewiß nicht das geringste dabei dachte, er würde sicherlich auch ihrem Verlangen mit seiner geschmeidigen Bereitwilligkeit dienen. Es lag eigentlich etwas Verletzendes in seiner überhöflichen Art. Etwas bewußt Überhebungsvolles, als lohne es sich gar nicht, auf die Eigenart fremder Naturen näher einzugehen. Dem großen Herrn bedeutete es genug, wenn er mit seinem strahlenden Lächeln und namentlich ohne langen Disput den ihm nahenden Bittstellern eine Gefälligkeit erweisen konnte, die ihn im Grunde genommen nichts kostete.

Die Blonde fuhr empor, ihre Augen öffneten sich weit. Sie sagte sich nicht, daß sie selbst jede Unterscheidung für andere Art und fremdes Volkstum verloren, sie empfand nur einen brennenden Haß, der immer stärker über ihr zusammenschlug. Wie geringschätzig der schöne Mann gelächelt hatte, als er den unpassenden Vergleich zwischen ihr und der bluttriefenden Jüdin gezogen, die mitten in der schmerzhaftesten Wollust ihrem Bezwinger, nach dem sie sich doch sehnte, das Haupt nahm. Zu ihrer eigenen Strafe, um sich selbst und ihre Raserei und ihr ganzes früheres Leben damit zu töten, dachte die Einsame.

Der Sitzenden sanken die Arme herunter, mit einem harten Entschluß reckte sie sich auf, und um ihren Mund lagerte sich ein verächtliches Lächeln. Also bis zu solchem Widersinn, bis zu solch häßlichen Torheiten konnte man durch das Gefühl der Bedrückung und des Unterworfenseins getrieben werden. Es war einfach schmählich, auf den gleichgültigen und fremden Mann so viel schwächliches Nachdenken zu verschwenden. Was hatte sie überhaupt hier zu suchen? Ach ja, nach den sensenden Soldaten hatte sie ausspähen wollen. Langsam bewegte sie sich auf das Erlengestrüpp der Wasserscheide zu und zog ein paar Zweige auseinander.

Da fuhr sie heftig zurück.

Auf dem jenseitigen Ufer, schon auf den abgemähten Stoppeln, lagen fünf bis sechs Männer auf dem Rücken, kehrten ihre rotflammenden Gesichter der Sonne zu und schliefen. An ihren zerfetzten, schmutzigen Hemden, die die verbrannte Brust offen ließen, und den zerlumpten und zerschlissenen Beinkleidern erkannte der geübte Blick des Landfräuleins sofort eine zusammengetriebene Horde von Landstreichern oder Knechten, die von den Russen irgendwie zu ihrer Arbeit ohne großes Entgelt gezwungen wurden. Aber das, was die Aufmerksamkeit der Gutsbesitzerin so besonders fesselte, daß sie sich immer weiter vorbeugte, damit ihr nichts mehr entgehen konnte, das gipfelte in einem Umstand, der auch in harmlosen Friedenszeiten ihr Befremden erregt hätte. Einer dieser Landstreicher nämlich hatte gerade in dem Moment, wo Johanna ihre Hand zwischen die Blätterwand streckte, seinen blank geschorenen Schädel, in dessen Schweiß sich die Sonne spiegelte, über die Schar seiner schnarchenden Genossen erhoben, und es dünkte die Beobachterin auffällig, mit welch spähendem Interesse der Mensch den Schlummer der anderen zu prüfen schien. Was bedeutete das?

Manchmal pfiff der Bursche ziemlich laut vor sich hin, um gleich darauf sein Haupt wieder in die Stoppeln einzuwühlen, als wollte er abwarten, ob seine Gefährten das Geräusch vernommen hätten. Allein nichts regte sich um ihn, und nach einiger Zeit sah Johanna, wie der Zerlumpte, schlangenhaft auf dem Boden kriechend, seinen Körper gegen die Wasserscheide zuwälzte. Einen Augenblick lang wollte sie Furcht beschleichen, aber durch ein ganzes Leben daran gewöhnt, hier auf ihrem Grund wie ein Mann zu walten, zwang sie sich ihre alte Fassung ab, um mit immer lauter werdendem Herzklopfen das weitere Gebaren des Fremden zu verfolgen. Jetzt war der Landstreicher an dem Graben angelangt. Hier blieb er eine Weile starr und regungslos liegen, und nur Johanna merkte, wie seine Beine ganz allmählich eine Schleife ausführten, bis die Gestalt des Burschen sich wagerecht dem Grabenlauf anschmiegte. Die hohen Halme des Unkrauts, das hier wuchs, bedeckten ihn fast.

Plötzlich rollte der Körper in den Schlamm des Grabens herab.

Johanna schrie leise auf und wartete. Jedoch sei es, daß der Fremde durch ihren Ruf erschreckt war, oder ob er sich dem weichen Morast nicht leicht entwinden konnte, jedenfalls dauerte es bange Minuten, bevor die Blonde den kahlen Schädel, der jetzt vollkommen mit grünen Linsen übersät war, in scheuer Zurückhaltung in dem Gebüsch zu ihren Füßen auftauchen sah. Der Landstreicher jedoch schien sie sofort zu erkennen, anders wenigstens vermochte sich die Sprachlose die warnende Bewegung nicht zu erklären, mit der der schwarze, triefende Bursche seinen Finger an den Mund hob.

»Fräulein Grothe,« keuchte eine Stimme, die Johanna sich bestimmt erinnerte, schon gehört zu haben.

»Um Gott, wer sind Sie?«

Inzwischen hatte der Unbekannte seinen Leib völlig durch das Gebüsch geschoben, so daß er nun auf den Knien vor dem Mädchen lag. Jetzt sprang er trotz der überstandenen Anstrengung elastisch auf die Füße. Sein Antlitz war durch den Schmutz des Feldes und den Morast des Grabens gleichsam mit einer schwarzen Larve bedeckt, und doch schoß Johanna bei dem Anblick dieser schlanken Glieder eine blitzartige Erinnerung auf.

»Fritz Harder, sind Sie es?« stammelte sie unentschieden.

Der Fremde reichte ihr die Hand, zog sie aber im nächsten Moment mit einem matten Lächeln wieder zurück, als er die Verunreinigung seiner Finger bemerkte. Dann ließ er sich auf die Bank nieder, und indem er sich angelegentlich das rechte Knie rieb, das wohl durch das Kriechen einige Risse und Schürfungen empfangen hatte, fragte er plötzlich, indem er sich leicht nach der Richtung des Herrenhauses umwandte:

»Steht alles gut bei Ihnen, Johanna? Sind Sie alle wohlauf? Ist niemand in dieser schlimmen Zeit etwas Böses zugestoßen?«

Niemals zuvor war die Gutsbesitzerin von dem nachdenklichen jungen Offizier mit ihrem Vornamen angeredet worden. Aber als sie jetzt, umgeben von der nahen Gefahr, in der dunklen verschlungenen Haselnußlaube weilten, fand die Blonde das Benehmen des jungen Mannes ganz natürlich. Und einer mütterlichen Wallung unterliegend, und ohne Rücksicht auf ihre saubere Kleidung, strich sie ihrem atemschöpfenden Gefährten aufmunternd über die schmutzige Wange. Dann flog die Rede zwischen ihnen hin und her.

»Nein, Fritz, es ist niemand von uns etwas zugestoßen. Niemand,« setzte sie mit besonderer Betonung hinzu, da sie die dunklen Augen des Offiziers so beharrlich ihr Wohnhaus suchen sah, »nur meine Schwester Isa ist bis jetzt nicht zu uns zurückgekehrt, und wir leben daher in schwerer Besorgnis.«

»Das weiß ich, Fräulein Grothe, das weiß ich. Sie müssen nicht glauben, daß wir uns so ganz ohne Kenntnis über die hiesigen Zustände befinden. Oh nein, wir wissen weit mehr, als sich diese Eisbären träumen lassen. Sie sehen ja, wir spazieren hier sogar ganz ungeniert in ihren Linien herum.«

»Ja, um alles in der Welt, Fritz, -- verzeihen Sie, wenn ich danach frage -- aber was haben Sie denn hier vor? Was bedeutet Ihr abscheulicher Aufzug? Sie sind doch nicht etwa als Spion hierher geschickt?«

Jetzt zuckte der triefende junge Mensch unwillkürlich zusammen. Das schonungslose Wort schien ihn für eine Weile zu verdüstern. Schwermütig verzog er die Augenbrauen und starrte eine Zeitlang auf den braunen Lehmboden zu seinen Füßen.

»So müssen Sie meine Tätigkeit nicht bezeichnen, liebes Fräulein,« sagte er endlich ruhig. »Ich habe es mir gründlich überlegt, ehe ich mich zur Ausführung dieses Befehls meldete. Denn es gehört einer dazu, der -- --« Hier stockte der Redende, als hätte er schon zu viel geäußert.

»Was Fritz, erklären Sie sich deutlicher!«

Der junge Mann aber warf die Rechte abschneidend durch die Luft.

»Nichts,« entgegnete er besonnen und lächelte zuversichtlicher. »Ich darf selbst Ihnen wirklich nicht mehr verraten, liebe Johanna. Es geht ganz gegen die Ordre. Aber wenn Sie vielleicht eine alte Uhr zum Reparieren für meinen Quartierwirt Adameit mitzugeben haben,« fuhr er mit gutmütiger Neckerei fort, »dann will ich sie dem alten Tausendkünstler pünktlich in die Hände liefern.«

Johanna traute ihren Ohren nicht.

»Um Himmels willen,« brachte sie mühsam hervor, und eine jäh aufspringende Angst veranlaßte sie durch die Lücken des Geästes nach allen Seiten hinauszuspähen, »Sie glauben doch nicht, daß Sie durch die vielen Tausende hier ungefährdet bis in die Stadt gelangen werden?«

»Das hoffe ich allerdings bestimmt,« gab der Sitzende unerschüttert zurück; »und auf Grund eines von dem hiesigen Etappenkommandanten ausgestellten Arbeitscheines werde ich sogar mit den größten Ehren empfangen werden.« Er fuhr in seine Brusttasche und zog einen Fetzen bestempeltes Papier hervor. »Sehen Sie, Fürst Dimitri Sergewitsch Fergussow -- hier steht es -- bestätigt dem Arbeiter Paul Bramschek usw. Wenn es nichts Wichtigeres zu verrichten gäbe, könnte ich sogar hier bleiben und heute nacht unter Ihrer Obhut diesen russischen Prinzen -- --« er spreizte beide Hände und machte die Gebärde des Erwürgens.

Johanna wurde dunkelrot.

»Großer Gott,« flüsterte sie, ohne ihre Besinnung wieder erlangt zu haben, »Sie müssen hier fort. Denken Sie nur, welch ein Unglück Sie auf uns alle herabbeschwören könnten.«

Kaum hatte das Mädchen eine Spur von Besorgnis geäußert, als der junge Mann sofort seinen Platz auf der Bank aufgab und sich zum Gehen anschickte.

»Sie haben ganz recht, Johanna,« pflichtete er ernsthaft bei, »in der Freude Sie zu sehen und zu hören, hatte ich ganz vergessen, daß es üble Folgen haben kann, mit mir in einer Unterhaltung getroffen zu werden. Leben Sie wohl, Fräulein Grothe, und Sie brauchen keinem zu sagen, daß ich hier war. Sie verstehen mich, keinem, ohne Ausnahme.«

Da stieg es heiß in dem großen Mädchen auf. Beide Hände legte sie dem von Unrat Übergossenen fest auf die Schultern. Und während ihre ehrlichen Augen die seinen suchten, preßte sie sich ab:

»Nein, bleiben Sie noch, Fritz; eines müssen und dürfen Sie mir anvertrauen: wie steht es bei uns dort draußen? Müssen wir jede Hoffnung aufgeben, in die gewohnten und lieben Zustände zurückzukehren? Wann wird das Unheil, das sich hier breit macht, fortgefegt? Denn es ist ein Unheil, Fritz, es ist ein großes Unheil.«

Der in Lumpen und Fetzen gehüllte junge Mensch wandte sich auf ihren verzweifelten Ruf plötzlich voll zu ihr, und ein sonderbares Leuchten und Strahlen überglänzte seine eingefallenen, verhärmten Züge.

»Fräulein Grothe,« begann er endlich, und er preßte beide Fäuste zusammen, als könne er die Fülle, die er in sich barg, nicht anders bändigen, »unsere dünnen Reihen wurden jammervoll zugerichtet, und wir sind von weiten Landstrichen verdrängt worden. Aber was sich jetzt bei uns vorbereitet, glauben Sie mir, das wird und kann nicht fehlschlagen. Sie werden nicht mehr lange mit Ihrem Prinzen an einer Tafel sitzen, verlassen Sie sich darauf,« stieß er heftig hervor, und aus dem verunreinigten Gesicht blitzten die weißen Zahnreihen so wild und begierig, daß sich Johanna, um eine unerklärliche Angst niederzukämpfen, die Hand fest um den Hals spannte.

»Fritz, wird es bald sein?« fragte sie verwirrt und wandte ihr Haupt ungewiß nach dem Herrenhaus.

Der andere zuckte die Achseln, und seine Stimme wurde immer dunkler und drohender. »Sie werden von uns hören, Fräulein Grothe, und von mir auch,« setzte er frohlockend hinzu. »Nein, nein, lassen Sie,« wehrte er ab, als er merkte, wie das Mädchen noch einmal ihr Drängen nach seinen Plänen zu wiederholen suchte, »lassen Sie mich hier in dem Graben entlang waten, so komme ich am besten um das Gut herum.«

Damit kauerte er sich wieder an der Erde nieder, bis seine Füße über die Böschung herabhingen, und während Johanna gleich darauf den Morast aufspritzen hörte, wurde unten das Erlengestrüpp noch einmal zur Seite geschoben, und der kahl geschorene Schädel tauchte abermals auf.

»Ich soll noch einen Gruß an Sie bestellen,« klang es aus dem Wasserlauf empor. »Ich habe Ihren Vetter von Sorquitten vor wenigen Tagen gesprochen.«

Da mußte Johanna lächeln. »Ach, Fedor Stötteritz,« meinte sie gutmütig, »wie geht es dem großen Jungen?«

»Als ich ihn zuletzt sah, stand er in der Abenddämmerung unter einem zerschossenen Schuppen neben seinem riesigen Pferde und rief mir nach, diesmal würden Sie es ihm wohl nicht übelnehmen, wenn er recht bald mit seinem lauten Wesen in Maritzken nach dem Rechten sähe. Ich bitte um Verzeihung, Fräulein Grothe, wenn ich den Auftrag wörtlich ausrichte, doch ich hoffe, daß er Ihnen verständlich sein wird.«

»Ich danke,« entgegnete Johanna beklommen und sah ernst zu Boden. »Ich verstehe seine Meinung recht gut.«

Abermals schlug ihr das Herz, und sie begann unwillkürlich zu lauschen, ob sich auf den Steinen des weißen Hofes nicht ein silberner Sporenklang melde. Als sie wieder aufblickte, hatten sich die Zweige zu ihren Füßen geschlossen, und nichts deutete mehr darauf hin, daß hier vor kurzem jemand geweilt, der zwischen ihr und der Außenwelt ganz unerwartet ein paar dünne Fäden geknüpft hatte.

* * * * *

Aber die Außenwelt brauste noch auf einem anderen Wege, gleich Gewitter und Hagelschlag, in den erzwungenen Frieden von Maritzken und schmetterte die künstlich schlaffe Ruhe, die hier wie eine kranke Blume aufgeschossen war, für immer zu Boden.

Ein Geheul und Gekreisch, das sich unmöglich aus Menschenlauten zusammensetzte, nein, das vielmehr von bösartigen, losgelassenen Geistern der Tiefe ausgestoßen schien, schrillte, pfiff, heulte und wieherte über die Landstraße und riß das vergrübelte Weib wie mit krallenden Nägeln aus der kühlen Haselnußlaube heraus. Entsetzt, unfähig, einen Gedanken zu fassen, stürzte die Herrin von Maritzken auf ihren Hof. Von allen Seiten flogen die Fenster auf, scheue, angstvolle Gesichter beugten sich heraus, und alles starrte auf die Chaussee, wo windschnell ein wüster schwarzer Haufe vorüberwirbelte. Tier und Mensch ununterscheidbar durcheinander. Dazwischen Flintenschüsse. Markdurchzitternde, gellende Hetzrufe. Und alles eingehüllt in eine dicke und doch blinkende Staubwolke. Gleich darauf schlug hinter den Bäumen des Parkes eine Feuerlohe in die Höhe. Von dem leichten Wind getrieben, stoben die Funken über die Dächer des Anwesens. Durch das Tor aber quollen junge Weiber herein, hoch aufgeschürzt, die meisten mit entblößten sonnengebräunten Armen; Mägde des Gutes und zurückgebliebene Tagelöhnerfrauen, die sich wie verzweifelt an die hohe Gestalt Johannas drängten als ob sie hier ihren letzten Rückhalt witterten.

»Fräulein -- Kosaken!«

»Sie sagen, es sei hier geschossen worden.«

»Den Laden von Kurra haben sie ausgeräumt und angesteckt.«

»Ja, und Tilly -- Tilly Baumgartner --«

»Was ist's mit Tilly?« stammelte Johanna betäubt und griff nach der Schulter einer der Mägde, um sich zu stützen.

Da drängte sich die Frau des Verwalters, der seit jener Ausfahrt nicht mehr wiedergekehrt, aus dem Haufen, und das Weib raffte sich ihre blaue Schürze vor das Gesicht und heulte unter dem Leinen hervor:

»Weggenommen haben sie sie mir, Fräulein, von meiner Hand gerissen, und mir selbst einen Schlag über die Augen, daß ich nicht sehen kann.«

Dann ein Wimmern der Mägde, von draußen herannahendes Galoppieren, Hetzen und Verwünschungen, und dicker qualmiger Staub, der über die Mauern des Hofes rauchte.

Da -- da -- durch die Einfahrt schoß es herein -- kleine Pferde, struppig wie nasse Hunde, vornübergebeugte Reiter, in ihren faltigen Röcken gleich bärtigen Frauen auf den Tieren hängend, Lammfellmützen tief auf die stieren Augen gedrückt, schwingende Fäuste, und von den weißen Mauern zurückgeworfen das wetternde Knallen unzähliger Peitschen. Jetzt schoß, sprang, wälzte und purzelte es aus den Sätteln; schon drängte sich das fremde Gesindel durch alle offenen Türen hinein. Wer ihm in den Weg geriet, wurde zurückgestoßen, bis er blutend auf das Pflaster taumelte. Tiefe gurgelnde Laute schienen entsetzliche Drohungen zu verkünden, und nichts, nichts hemmte die Horde, nichts wirkte dem sie beherrschenden Trieb entgegen nach Raub und Plünderung, nach Schandtat und Gewalt. Vergebens, daß sich im ersten Stock ein Fenster öffnete, und der abgezehrte Rittmeister Sassin mit wütenden Gebärden etwas Unverständliches herunterbrüllte, ganz umsonst, daß sich Johanna toll vor Wut und Scham auf einen schwarzhaarigen Riesen stürzte, in dessen Armen die kleine Tilly zappelte, unwürdigen, schmachvollen Liebkosungen ausgesetzt, umsonst, vergeblich, die Streitenden wurden voneinander getrennt, alles ging unter in dem brausenden Strudel, der ungebändigt mit einer irren elementaren Kraft zwischen den Mauern des eben noch so stillen Anwesens kochte.

»Scho--i, scho--i,« schrien die Kosaken, traten Zäune und Türen ein und hieben mit ihren Peitschen lechzend vor Irrsinn und Brunst durch die Luft.

»Der Fürst,« kreischten mitten in dem Graus ein paar heiser geschriene Frauenstimmen.

Unter dem Tor hielt eine einzelne Reitergestalt. Die Rechte hatte sie zum Schutz gegen die Sonne quer über den Schirm der zerbeulten Mütze gelegt, die Linke, die den Zügel hielt, spielte gleichzeitig achtlos mit einer reich vergoldeten Reitpeitsche. Aber die vorgeneigte Haltung und sein ungläubiges Hinstarren in das quirlende Menschengeschäume bewiesen, wie auch dem Besitzer des scharrenden Schimmels alles, was sich da vor ihm abspielte, gleich der tollen Ausgeburt einer dampfenden Phantasie erschien. Ganz gebannt schüttelte er das Haupt und zuckte die Achseln. Sein Anblick jedoch verschaffte Johanna, die, umrast von dieser nie geahnten Wildheit, ihre klare Vernunft völlig eingebüßt hatte, die nebelhafte Überzeugung, der Mann unter dem Tor müsse und würde sie gegen diese blutdürstigen und fauchenden Tiere schützen oder verteidigen. Mit übernatürlicher Kraft streifte sie die jammernden Mägde von sich ab, und es war wirklich die blonde, furchtlose Walküre, wie sie Dimitri Sergewitsch in den schwülen Augustnächten immer geahnt, als sie sich mit bebenden Gliedern von neuem gegen den riesenhaften Bedränger der kleinen Tilly warf.

»Fürst Fergussow,« schrie sie dabei mit einer vor Wut und Scham erstickten Stimme.

»Hund, ich schieße dir dein Spatzengehirn gegen die Mauer,« heulte der kranke Rittmeister, von Hustenanfällen unterbrochen, aus dem oberen Fenster, und seine zitternden Hände zogen bereits die Sicherung von einer Pistole ab.

Doch er brauchte sich nicht mehr zu bemühen. Mit einem kräftigen Sprung setzte der Schimmel des Fürsten in den auseinanderstürzenden Schwarm hinein, eine zielsichere Faust riß dem überraschten Riesen die Lammfellmütze vom Kopfe, und zu gleicher Zeit sauste ein Reitgertenhieb dem Aufjammernden quer über das Gesicht. Brüllend vor Schmerz ließ der struppige Kerl sein Opfer fahren, und es war für alle Zuschauer ein gräßlicher Anblick, wie der Oberst nun sein Pferd noch einmal gegen den Gebändigten antrieb, so daß dieser in dumpfem Fall vor die Füße des Tieres rollte.

»Du triebst natürlich nur einen kleinen Scherz,« sagte Dimitri böse und schneidend, und die erwachende Johanna sah mit Entsetzen, welche grausamen Lichter in den dunkel gewordenen Augen des Reiters zucken konnten, »nicht wahr, mein Söhnchen, so war es doch?«

»Ja, einen Scherz, Väterchen,« jammerte der Gefallene und streckte in sklavischer Demut beide Hände gegen die erhobene Peitsche aus, »nichts weiter, als einen Scherz.«

»Dacht ich's mir doch,« meinte Dimitri höhnisch durch die ängstliche Stille, welche plötzlich auf dem Hof nach all dem Lärm entstanden war. Und sich im Sattel umwendend, sagte er hell und durchdringend, so daß den Kosaken, die sich scheu an den Wänden herumdrückten, keines seiner Worte verloren gehen konnte: »Wehe, ihr Kanaillen, wenn ihr nicht alles, was ihr gestohlen habt, sofort wieder zurückgebt. Auf den Bäumen dort hat es Platz für viele von euch. Habt ihr mich verstanden?«

»Ja, Väterchen, verstanden.«

»Seid ihr hier einquartiert?«

»Bis morgen früh,« gurgelte unvermutet eine vor Ingrimm oder Trunk heisere Stimme in der Nähe des Fürsten.

Sie gehörte einem Kosakenrittmeister an, der bis jetzt einen Besuch in der Schenke abgestattet und nun sein klepperartiges Pferd am Zügel hinter sich herzog. Das erste, was der Mann tat, nachdem er sich durch einige Stöße in den Kreis hineingeschoben, bestand darin, daß er dem noch immer auf den Knien verharrenden Kosaken einen heftigen Fußtritt in die Seite versetzte.

»Was ist hier geschehen?« forschte er und stampfte grob auf den Steinen herum. »Ich frage, was hier geschehen ist? Ich war dienstlich verhindert, Herr Kamerad.«

Der Fürst jedoch schien keinen Wert auf die Zusammengehörigkeit mit dem Sohn der Donschen Steppe zu legen. Er ließ einen hochmütigen Blick über das brandrote Habichtsgesicht des Reiters hinweggleiten und sagte sehr ruhig:

»Oh nichts, was bei Ihren Formationen zu dem Auffallenden gehört. Aber ich möchte Ihnen doch empfehlen, Herr Rittmeister, Ihre Leute, so lange sie uns das Vergnügen schenken, in den Stall zu komplimentieren.«

»In den Stall?« brummte der andere, die Fäuste ballend; da er aber nicht wagte, gegen den vorgesetzten Gardeoffizier ausfällig zu werden, so versetzte er wenigstens dem liegenden Mann einen neuen Stoß, um ihn dann an den Ohren empor zu reißen. »Pack dich, Wassily, du Schuft! Was liegst du hier wie ein krankes Schwein herum? Was soll man von dem Beispiel denken, das ich Euch gegeben? Was soll man denken, frage ich? Warte, mein Guter, wir sprechen uns noch.«

III.

Die Menge hatte sich verlaufen, das Gutsgesinde war zu seiner gewohnten Beschäftigung zurückgekehrt, nur Johanna und der Oberst weilten noch auf dem Hofe.

»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte die Gutsherrin ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls beginnen; und als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie können mir glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier im nahen Walde wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlich mit Vergnügen das Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen zu bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung an. Sie sollten es wirklich nicht abschlagen,« vollendete er ganz treuherzig.