Die Herrin und ihr Knecht

Part 20

Chapter 203,469 wordsPublic domain

Eiligst schritt der gedemütigte Knabe voran, und so wild entfernte er sich durch ein Seitengäßchen von der großen Fahrstraße, daß dem Konsul bereits der Gedanke an Flucht durch den Kopf schoß. Freilich, ein Blick auf das viele Militär, das da und dort unbeschäftigt vor den Häusern herumlungerte, ließ ihn einen solchen Plan als gänzlich aussichtslos sofort wieder verwerfen. So gelangten sie vor das Gebäude des Magistrats, das mit seinen mittelalterlichen, im Artus-Stil gehaltenen Lauben und Bogengängen fast gänzlich die eine Schmalseite des Platzes einnahm. Vor dem Haupteingang schilderten zwei russische Infanteristen. Sie hatten ihre Uniformen der noch immer herrschenden Hitze wegen über der Brust aufgerissen und unterhielten sich laut und ungeniert miteinander. Aber das war es nicht, was dem Konsul das ungeheure Erlebnis, das seit gestern über die Stadt dahingebraust war, so schmerzhaft zur Erkenntnis brachte. Es war etwas anderes. Unwillkürlich zuckte er zurück und griff sich an die Stirn. Nein, er träumte nicht; -- oben von der Krönung des Torbogens war das Wappenschild des preußischen Adlers herabgerissen und lag jetzt auf dem Fahrdamm in der Gosse, wo das schwarzgelbe Spülwasser schwammig über das Symbol der Staatshoheit hinweggurgelte. Hunderte von Malen war Rudolf Bark achtlos an dem schwarzen Wappentier vorübergeeilt. Ja, wenn man ihn genau befragt hätte, so hätte er nicht mit absoluter Sicherheit angeben können, ob dort oben über den gotisch gerillten Bogen überhaupt eine derartige Verkörperung des Staates gethront habe. Jetzt aber, wo absichtliche Geringschätzung, wo eine gemeine Freude an der Erniedrigung anderer das alte Ideal in den Kot geschleudert, da krampfte es sich in seiner Brust zusammen, und etwas von jenem ihm bisher ganz fremden Haß wuchs atemraubend empor, von jenem wilden, unerbittlichen Völkerhaß, der fortan über den Gemeinschaften der Erde wie ein riesenhafter, alles Licht überschattender, Geier schweben sollte. Mit geschlossenen Augen schritt er unter der grün-weißen Fahne hindurch, die jetzt die Stelle des alten Wappens einnahm, und während er mit seinem jungen Führer die breiten, ausgetretenen Steinstufen heraufstieg, da errechnete sich sein zählender Verstand, daß er jetzt selbst an der Pforte der Vernichtung angelangt sei. Was war da noch lange zu überlegen? Wozu nach Auswegen suchen? In der ersten Stunde dieses niederträchtigen Überfalls hatte er auf einen bei ihm einquartierten Offizier der Besatzungstruppen gefeuert. Möglicherweise war der Verwundete sogar schon seinen Verletzungen erlegen. Da wurde er eben vor ein Kriegsgericht geschleppt, und wie das in dem Machtbereich des weißen Zaren seines Amtes zu walten pflegte, darüber gab sich der Kaufmann keinem Zweifel hin. Vielleicht erwartete ihn schon hier der fertige Spruch. Nun gut, da nahm er wenigstens die Genugtuung in das Unbetretene mit hinüber, auch ohne eine militärische Charge seiner Mannespflicht gegen ein schutzloses deutsches Mädchen genügt zu haben. Ein wärmendes Gefühl der Befriedigung überkam ihn, als er jetzt vor der bunten Glastür des Beratungssaales an Isa dachte. Wahrhaftig, er hatte recht wie ein Vater gehandelt. Wie ein zurückhaltender reifer Mann einem kleinen zierlichen Mädchen gegenüber. Und er genoß ein seltsam prickelndes Wohlbehagen, als er sich vorstellte, wie der Rotkopf mit den leuchtenden Goldaugen später, viel später, wenn er längst unter einem Galgen vermodert war, Kindern und Kindeskindern dankerfüllt von ihrem Retter erzählen würde.

»Herr Konsul Bark, wir sind an der Reihe,« riß Unterleutnant von Karström den Achtlosen aus seinen Gespinsten.

Ob man Isa auch hierher transportiert hat? blitzte es Rudolf Bark noch durch den Sinn.

Dann reckte er sich, strich, seiner Gewohnheit gemäß, über den gut sitzenden hellen Anzug und trat an der Seite des jungen Balten in den Saal. Gemessen verbeugte er sich, dann blickte er sich um.

In dem mit bunten Holzmalereien geschmückten Raum zogen sich an beiden Längsseiten, hintereinander ansteigend, die Schranken der Stadtverordneten hin. Das Kopfende der Halle wurde von den Sitzen des Magistrats eingenommen, zu dessen Wirkungsstätte drei mit grünem Tuch überspannte Stufen hinaufführten. Im Moment aber saßen auf den Bänken der Stadtverordneten, von einem Pikett russischer Feldgendarmen bewacht, der weißbärtige erste Bürgermeister der Stadt und neben ihm fünf der angesehensten Senatoren, denen die Niedergeschlagenheit über eine mit dem Kommandanten soeben geführte Unterhaltung aus den müden, übernächtigten Gesichtern abzulesen war. Der russische Befehlshaber selbst, dem jetzt an Stelle der Stadtväter jede Machtbefugnis zustand, wanderte indes in seiner grau-grünen Uniform mit auf dem Rücken verschränkten Händen sporenklirrend auf der grünen Plattform des Magistrats auf und ab, hatte die Stirn gerunzelt und zuckte mehrmals im Selbstgespräch die Achsel, als wenn es ihm unmöglich wäre, eine soeben getroffene Verfügung wieder zurückzunehmen. Es war eine untersetzte männliche Gestalt mit schlichtem, graugescheiteltem Haar. Und trotz der ihm von seinem Amte auferlegten Kürze, ließen die klugen, hellen Augen doch ahnen, daß er die unglückliche Lage dieser Stadtbürger nachzuempfinden wisse. Jetzt wandte sich der Kommandant rasch herum, und in demselben Moment durchzuckte den Konsul ein kurzer, beinahe freudiger Schreck. Es war Oberst Geschow, derselbe Offizier, dessen noble Ritterlichkeit Rudolf Bark schon bei seinem Ausflug über die Grenze schätzen gelernt hatte. Auch der Oberst erkannte den Kaufmann auf der Stelle. Er spreizte die Beine, setzte die Fäuste in die Hüften und rief mit kräftiger Stimme herunter:

»Herr Konsul Bark, welcher Teufel hat Sie geritten? =Mille tonnères=, sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie sich nicht allein selbst, sondern die ganze Bürgerschaft durch Ihr wahnsinniges Benehmen ins Unglück gestürzt haben? --«

»Herr Oberst -- --«

»Ruhe, jetzt spreche ich. Ich möchte Ihnen von vornherein bemerken, daß es für Ihre Handlungsweise keinerlei Entschuldigungen gibt. Muß ich Ihnen erst sagen, was es auf sich hat, wenn in Kriegszeiten ein Offizier von einem Zivilisten angefallen wird?«

»Herr Oberst, bitte mir gütigst eine Frage zu gestatten: Ist für die junge Dame, die sich gestern abend in meinem Hause befand, gesorgt worden? Und darf ich hoffen, daß sie als Augenzeugin vernommen wird?«

Der Oberst gab seine breitbeinige Stellung nicht auf, sondern beugte sich vielmehr noch etwas weiter nach vorn. Aber die erste Erkundigung seines Gefangenen schien ihn nicht unangenehm zu berühren.

»Darüber kann ich Sie beruhigen,« herrschte er den Kaufmann an. »Ihre Landsleute werden sich schon daran gewöhnen müssen, uns nicht als Halbwilde zu betrachten. Gleich nachdem mir gestern der Vorfall gemeldet war, habe ich mich selbst in Ihr Haus zu einer Visitation begeben. Die junge Dame, die mir persönlich bekannt ist, hat mir an Ort und Stelle ihre Angaben gemacht, und sie befindet sich noch jetzt in Ihrer Wohnung, und zwar unter guter Obhut. Sie sehen also, meine Herren,« rief der untersetzte Befehlshaber auch zu den Stadtvätern auf den Holzbänken herüber, »daß uns der gute Wille, Sitte und Anstand zu erhalten, keineswegs fehlt.«

Bei den Senatoren erhob sich ein gedrücktes Gemurmel. Rudolf Bark jedoch verbeugte sich leicht. Er atmete auf. Also Isa in verhältnismäßiger Sicherheit!

Inzwischen hatte sich Oberst Geschow abgekehrt und begann wieder klirrend auf der Plattform auf und nieder zu schreiten. Dabei warf er von Zeit zu Zeit unter seinen grau überbuschten Augenbrauen einen ungehaltenen Blick auf den Störer jenes bürgerlichen Einvernehmens, an dem dem Kommandanten augenscheinlich so viel gelegen war. Plötzlich trat er an einen Tisch voll Akten, Listen und Papieren und riß einen Brief hervor, um das Schreiben, sobald er es überflogen, heftig in kleine Stücke zu zerreißen.

»Sie kennen den Fürsten Dimitri Fergussow also persönlich?« warf er gereizt hin.

»Ich habe den Vorzug,« entgegnete der Konsul aufhorchend.

Jetzt klirrte der Oberst die Stufen herunter und pflanzte sich ganz dicht neben Rudolf Bark auf. Hastig riß er an seinem starren grauen Schnurrbart.

»Zu unangenehm,« schimpfte er halblaut, und man sah es ihm an, wie sehr er diese Amtshandlung verwünschte. »Ich mache kein Hehl daraus, verehrter Herr, mir liegt nichts an dem Wirtschaften mit Pulver und Blei oder mit Strick und Galgen hinter der Front. Aber ist es nicht schändlich,« fuhr er grimmig auf und stampfte mit dem Fuß, »daß Sie die kaum warm gewordene Behörde zu solchen Maßnahmen zwingen? Glauben Sie vielleicht, Ihre Leute würden anders handeln? Es mag ja möglich sein, daß für Sie gewisse Milderungsgründe in Betracht kommen -- ich gebe es zu,« schrie er empört und schlug mit der Faust durch die Luft -- »aber =sacré nom de dieu=, das alles erspart Ihnen keineswegs das Kriegsgericht. Es tut mir leid, Herr Konsul, Ihnen das ankündigen zu müssen, und Sie sind sich wohl auch über die Folgen klar.«

»Ja,« sagte der Konsul ruhig und sah zu Boden.

Der Oberst maß ihn eine kurze Weile und riß von neuem an seinem Bart, bis er endlich, knurrend und fluchend, die drei grünen Stufen abermals hinaufstieg. Kaum aber war er an dem Aktentischchen angelangt, so schlug er mit der Faust unter die Papiere und wandte sich ruckartig zurück. Im nächsten Moment ließ er sich in einen der Magistratssessel sinken, schlug die Arme untereinander und sah starr nach oben auf die bunt bemalte Decke.

»Ein weiteres Eingreifen von mir ist ausgeschlossen,« preßte er sich zum Schluß ab. »Das einzige, was ich in diesem besonderen Falle tun konnte, das ist bereits erledigt. Ich habe bei unserem Auditoriat veranlaßt, daß Ihre Angelegenheit hinter der Front, in unserer nächsten Gouvernements-Stadt verhandelt wird.« Und als er eine stumme Frage in den Augen des Konsuls wahrzunehmen glaubte, fuhr er in seiner kurzen Weise fort: »Sie haben dort den Vorteil der gründlicheren Untersuchung, was bei der Schwere Ihres Vergehens hier nicht möglich ist.« Damit hob er den Arm und revidierte die kleine Armbanduhr auf seinem Handgelenk. »Es ist jetzt ein Viertel nach sieben,« stellte er fest. »Ist der Wagen für die Herrschaften bereits vorgefahren?« wandte er sich an den jungen Unterleutnant.

Dieser öffnete die bunte Glastür, rief etwas heraus und meldete darauf, daß das Gefährt schon vor dem Tor des Rathauses hielte.

»Nun gut, ich danke Ihnen.« Der Oberst erhob sich, und ohne seinen gesenkten Blick von den herumliegenden Akten abzulenken, sprach er mit mehr innerer Bewegung als bisher: »Dann fahren Sie alle mit Gott, meine Herren. Ich hoffe, daß Sie die Berechtigung meiner Maßnahmen einsehen, und ich wünsche, wir könnten uns alle als zufriedene Untertanen des Zaren und als Bürger eines beruhigten Staatswesens wiederfinden. Für Ihre Verproviantierung ist gesorgt. Sie sind entlassen.«

* * * * *

Ein Leiterwagen, dessen beide Innenseiten man mit zwei langen Sitzbrettern versehen, das war die würdige Equipage, die man für die als Geiseln bestimmten Magistratsherren ausgesucht hatte. Der Fußboden war kräftig mit Stroh beschüttet und sowohl vorn neben dem uniformierten Kutscher, als auch auf dem letzten quergestellten Sitzbrett hockten ein paar Infanteristen mit aufgepflanztem Bajonett.

»Bitte, nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren,« forderte der junge Balte auf, der als Führer des Transportes zu dienen schien; und mit einem gefälligen Lächeln wandte er sich an Rudolf Bark: »Herr Konsul, Sie wünschen vielleicht neben der Ihnen bekannten jungen Dame zu sitzen? Ich habe nichts dagegen.«

Dem Angeredeten schlug das Herz. Herr im Himmel, dort am Ende des Wagens, direkt vor der Wachmannschaft, da lehnte Isa in ihrem grauen Regenmantel, und der schwarze Lackhut krönte so kleidsam ihr feines, schmales Haupt, als ob es Gott weiß zu welcher Lustfahrt ginge. Als sie ihres Freundes ansichtig wurde, da warf sie sich herum, musterte ihn von Kopf bis zu den Füßen und winkte dann lebhaft mit der Hand. In dem blassen Antlitz zeigte sich nicht mehr eine Spur von Furcht oder Bedrückung, ja, sie lächelte sogar, da der Kaufmann nun auf die Deichsel sprang, um dann über das raschelnde Stroh bis an ihren Sitz zu gelangen. Und das erste, was der Rotkopf äußerte, das war in der Tat eine Bemerkung, die darauf schließen ließ, wie das gestern noch so zitternde Ding sich bereits an Gefangenschaft, Druck und Gefahr gewöhnt habe.

Ach, diese ahnungslose Jugend, dachte Rudolf Bark unwillkürlich, als er sich mit einem herzlichen Händedruck neben dem Mädchen niederließ und nun gewahrte, wie sie den Zeigefinger ihrer Rechten voller Abscheu gegen seine Kopfbedeckung ausstreckte.

»Aber um Gottes willen, Herr Konsul, wie kommen Sie zu diesem fürchterlich fettigen Schmalztopf?«

Und wirklich, sie lachte hell auf, was von den drei russischen Infanteristen hinter ihr mit gutmütigem Kopfnicken begleitet wurde. Allein der Konsul ging auf den Scherz nicht ein.

»Isa,« flüsterte er hastig und sah ihr voll in das Gesicht, »sind Sie heil und gesund? Und hat man Sie ordentlich verpflegt, mein Kind?«

»Vollkommen, Herr Konsul.« Und ohne die geringste Befangenheit setzte sie hinzu: »Denken Sie sich, man hat mich sogar in Ihr Bett stecken wollen, ich habe es aber höflich dankend abgelehnt.«

Rudolf Bark maß das frische, unbekümmerte Gesicht von neuem. Er wollte eigentlich so etwas erwidern, wie: »es wäre auch für mich zuviel der Ehre gewesen,« aber die bange Erwägung, daß er an dem Ungemach der Kleinen die Hauptschuld trüge, schlug die aufspringende Lebenslust sofort wieder zu Boden. Zu weiteren Eröffnungen blieb keine Zeit, denn inzwischen hatten die Geiseln unter der Führung ihres weißbärtigen Bürgermeisters auf den gegenüberliegenden Bänken Platz genommen, ein Korb mit Eßvorräten und eine Laterne wurden noch in den Wagen verladen, und nachdem als letzter Unterleutnant von Karström das Gefährt bestiegen, da drohte der Soldat, der die beiden kräftigen Pferde lenkte, unter Schreien und wildem Rufen gegen die Volksmenge, die den traurigen Transport von Anfang an umlagert hatte.

»Sehen Sie, Herr Konsul,« zeigte Isa, »da haben sich auch die Frauen und Verwandten der Senatoren eingefunden. Pfui, sie weinen und schreien. Ich möchte mir die Ohren zuhalten.« Und sie wandte sich ab und sah starr und hochmütig auf die Zacken und Giebel der Sebaldus-Kirche, um die das Abendrot seinen glühenden Mantel schlang.

Wiehernd zogen die Pferde an, rasselnd und in heftigen Stößen ging es über den Marktplatz. Aber gerade, als sie in die Hauptverkehrsader der Stadt einlenkten, wo der Konsul sich noch einmal zurückwandte, um mit einem ernsten, abschiednehmenden Blick nicht nur sein Geschäftshaus, sondern auch das herrliche ehrwürdige Bauwerk der Kirche mit ihren grün-schwarzen Dächern zu umfangen, da bemerkte Isa befremdet, wie der Gefährte neben ihr plötzlich zusammenschreckte. Unvermittelt beugte er sich nach rückwärts, legte die Hand über die Augen und spähte aus, wie jemand, vor dem eine ganz unerwartete, schreckhafte Gestalt emporsteigt. Nur eine Sekunde. Dann schwenkte der Leiterwagen völlig in die Seitengasse herum, und Platz und Kirche versanken hinter gleichgültigen Mauern.

»Lieber Freund,« fragte das Mädchen, das sich nicht länger zurückhalten konnte, warm, und ihre Stimme klang teilnehmend und eindringlich, »sahen Sie dort etwas Unangenehmes?«

Der Kaufmann saß schon wieder ganz ruhig, nur die verzogene Stirn und das Nagen an der Unterlippe verrieten noch eine nicht überwundene innere Bedrängnis. Dennoch lächelte er wegwerfend, wie es seine Art war.

»Nicht das geringste, mein Kind,« versicherte er mit angenommener Gleichgültigkeit, »ein ganz bedeutungsloser Bekannter fiel mir auf, nichts weiter.«

Nach dieser Ausflucht, deren hohle Fadenscheinigkeit das Mädchen sofort durchschaute, schwiegen beide, und der Konsul beugte sich herab und sah angelegentlich auf die Strohhaufen zu seinen Füßen nieder. Aber auch auf den gelben Halmen kehrte die Erscheinung, die den Kaltblütigen so außer Fassung versetzt hatte, in winzigem Ausmaß und doch grell und farbig zurück. Eine rote Ziegelnische der Sebaldus-Kirche buchtete sich dort aus, und hinter einer schwarz verräucherten Ecke tauchte vorsichtig, behutsam ein weißgescheiteltes Haupt hervor. Trotz der großen Entfernung erkannte der Herr des »Goldenen Becher« ganz deutlich dieses stechende, schwarze Augenpaar, das sich sofort betroffen senkte, als es sein Ziel erreicht zu haben glaubte. Unmutig scharrte der Kaufmann mit dem Fuß über das raschelnde Stroh, als könnte er seine eigene Beängstigung damit fortwischen. Allein seine ausschwärmenden Gedanken ließen sich weder binden noch fesseln. War der Mann hinter der Kirchenmauer wirklich der Kammerdiener Pawlowitsch gewesen? Gar kein Zweifel. Aber aus welchem Grund hatte sich der Mensch gerade beim Hereinbrechen der Gefahr aus dem Hause entfernt, um es nicht wieder zu betreten? Und weshalb suchte er sich auch jetzt zu verbergen? Nur aus Feigheit? War es denkbar, daß diese Slawen ihren Rasseverwandten an goldenen Banden zu sich herübergezogen hatten? Hastig hob Rudolf Bark das Haupt und ließ seinen forschenden Blick eine kurze Weile auf den plumpen unintelligenten Gesichtern der drei Wächter auf dem Rücksitz ruhen.

Die Gesellschaft arbeitete ja mit solchen Mitteln. Aber welche Gegenleistung konnte ihnen eine so untergeordnete Persönlichkeit wie Pawlowitsch bieten? Oder sollte die Bestechung und Unterwühlung der unteren Volksschichten hier bereits ganz gewöhnlich und allgemein geworden sein?

Er schauerte ein wenig zusammen, denn ein Luftzug von den nahen Landseen strich mit plötzlicher Kälte über die Fahrenden dahin. Zu gleicher Zeit glitt Isas Hand an seinen Arm entlang.

»Frieren Sie, Herr Konsul?« fragte sie besorgt.

»Ich?« Der Kaufmann raffte sich zusammen. »Keine Spur, liebes Fräulein, obwohl eine größere Reichhaltigkeit unserer Toiletten ja nicht ganz von der Hand zu weisen wäre.«

Von der langen Seitenbank wurde eine schüchterne Stimme laut:

»Ich werde an unserem Bestimmungsort für den Bedarf der Herrschaften an Kleidungsstücken, soweit es mir möglich ist, zu sorgen versuchen,« warf der russische Unterleutnant, der dem Paar gegenüber saß und das letzte wohl aufgefangen hatte, höflich dazwischen.

Und dann hörte man eine lange Zeit nichts als das Rollen der Räder und das Knallen der Peitsche. Auf den Feldern rechts und links von der Fahrstraße schwamm noch der Abglanz eines glühenden Sonnenunterganges. Die hohen reifen Halme senkten ihre schweren Häupter der Erde entgegen, und ein leichter Nebel tanzte um die Ufer der fernen Landseen. An dem noch mattblauen Himmel stand die volle goldene Scheibe des Mondes, und aus den Feldern drang stark und unablässig das tausendfältige Singen und Schwingen der Heimchen.

Es war der Friede eines deutschen Sommerabends, wie man ihn oft achtlos durchwandert und genossen. Aber den Vorüberfahrenden bedrückte all diese süße Heimlichkeit ahnungsvoll das Herz. Noch eine kurze Weile des Schweigens und dann durchrasselten sie den kleinen Marktflecken Schorweiten. Gottlob, all die winzigen schindelgedeckten Häuschen zeigten sich noch unversehrt, das struppige Strohdach des uralten Kirchleins senkte sich noch immer fast bis auf den Boden herab, nur statt der spielenden Kinder liefen auf dem Kirchplatz viele kleine, herrenlose Hunde kläffend durcheinander. Scheuchend schlug der russische Kutscher mit der Peitsche nach ihnen. Aber wo waren die Bürger, die bisher hier geweilt hatten? Nicht ein einziger war mehr zu entdecken. Statt ihrer, die die Windsbraut des Krieges längst in das Innere der Heimat geschmettert hatte, sah man überall die russischen Besatzungsmannschaften vor den offenen Türen auf Bänken und Stühlen sitzen, und die Vorüberfahrenden gewahrten, wie die Fremden das zurückgebliebene Gerät der Abwesenden rücksichtslos benutzten.

Vorbei.

Dunkler und dunkler wurde es. Aus den Pappeln und den Kirschbäumen des Weges rief nur noch die Schwarzdrossel ihren vollen kräftigen Schlag, und im Lichte des Mondes warfen das Gefährt und seine Insassen bereits huschende Schatten. Seltsam, einer der Ratsherren sprach halblaut ein paar Strophen aus dem Lenauschen Gedicht »Der Postillon«:

»Wald und Flur im schnellen Zug Kaum gegrüßt -- gemieden; Und vorbei, wie Traumesflug, Schwand der Dörfer Frieden.«

Der glattrasierte alte Mann wollte keinerlei Rührseligkeit erzeugen, aber um so stärker und inniger griffen diese deutschen Laute an das Gemüt der Gefangenen.

Ganz eigenartig, dachte Konsul Bark. Anstatt sich in unnütze Vermutungen über das sie erwartende Los zu ergehen, geben sich diese harten Geschäftsmenschen der Erinnerung an die halbvergessenen Poesien eines Dichters hin. Das entspricht wohl am tiefsten unserem Wesen.

Und davon mitteilsamer gemacht, ergriff die Hand des Kaufmanns unbemerkt die Finger seiner Gefährtin, und während er sie tröstend drückte, fragte er sorgsam:

»Liebes Kind, Sie sehnen sich gewiß nach Haus und Schwestern zurück, nicht wahr?«

Aber die Antwort, die ihm wurde, ließ ihn vollkommen verstummen.

»Oh nein, Herr Konsul, was würde denn aus Ihnen werden, wenn ich jetzt nicht für Sie reden und eintreten könnte? Ganz gewiß, ich freue mich furchtbar, daß auch ich einmal eine solche Wichtigkeit habe.«

Fort ging es über die letzte Bodenwelle der Heimat, tief unter den von dannen Geführten blinzelten bereits aus dem großen dunklen verschlafenen Land einzelne Lichter der Fremde herauf.

»Weiter ging's durch Feld und Hag Mit verhängtem Zügel; Lang' mir noch im Ohre lag Jener Klang vom Hügel.«

II.

Gewitterbange Wolken grollten über Maritzken dahin. Die russische Invasion, die zuerst nur in stoßweisen Überfällen sich einzelner Grenzstädte und des dazu gehörigen schmalen Hinterlandes bemächtigt hatte, schlug nun planmäßig in breiter Woge über das Land und grub ein weites fruchtbares Gebiet, das von arbeitsamen, ernsthaften und lernbegierigen Menschen erfüllt war, von seinem natürlichen Zusammenhang ab. Nicht nur wenige kecke Truppenkörper, sondern eine ganze Armee, deren Glieder eng miteinander verbunden waren, hatte jetzt ihren Vormarsch angetreten, und die Bewohner von Maritzken sahen in bunter Folge fast alle Waffengattungen ihrer Bedränger auf dem Durchzug bei sich einquartiert. In dem Herrenhause kampierte dann häufig die Generalität mit ihren Stäben. Elegante Herren, die in blitzenden Equipagen vorfuhren und deren anspruchsvolle Gewohnheiten noch nicht auf den Krieg eingestellt waren. Sie tauchten in der Nacht auf, entfesselten ein tolles Gewimmel, Feldtelegraphen spielten und Flieger senkten sich herab, um am nächsten Morgen fast spurlos wieder zu verschwinden. Von den deutschen Heerscharen aber hörte man vorläufig nur, daß sie sich damit begnügten, an den Grenzen des aufgegebenen Landes eine dünne Kette gezogen zu haben, die elastisch zurückprallte, sobald der Gegner mit eisernem Stoß gegen sie ausholte. Aber merkwürdig, nach dem Aufeinandertreffen fanden sich die metallenen Glieder wieder stets zusammen, und die dünne Kette hing noch immer störend und drohend vor dem weiteren Wege der Eroberer. Die vermaledeite eiserne Schnur sperrte auf eine geradezu lächerliche Art die Straße nach Berlin.