Die Herrin und ihr Knecht

Part 19

Chapter 193,052 wordsPublic domain

Hastig wird die Abwesenheit des alten Dieners zu erklären versucht, und unmittelbar darauf huscht die Kleine schon, die Laterne in der Hand, über Treppen und wurmstichige Holzgänge in die Küche hinab. Wie die Furcht ihre Glieder dabei mit eisiger Hand anfaßt, wie hohl ihre Tritte auf den alten Dielen schallen, wie kühl die Zugluft um die vorspringenden Mauerecken herumstreicht, und vor allen Dingen, wie unheimlich ihr eigener Schatten an den Wänden hin und her hüpft! Und doch -- das ängstliche Geschöpf hat die Begleitung des Hausherrn weit von sich gewiesen. Was würde er denken, wenn sie sich jetzt kindisch benähme. Nein, weiter, weiter, trotz Grauen und häufigem bangen Zurückschauen.

»Sieh da,« ruft Konsul Bark nach einer Weile, als er den Rotkopf auf einem gewaltigen Tablett eine ganz unwahrscheinlich irdene Kanne, umgeben von ein paar eilig zusammengerafften Tassen, daherschleppen sieht, »wo haben Sie denn diese Kostbarkeiten aufgelesen, Isachen? Aber das tut nichts, die Hauptsache ist, daß es aus dem braunen Ding hier sehr vertrauenerweckend dampft.« Er beugt sich ein wenig herab und schnuppert herum. »Also wirklich ein großartiges Aroma! -- Tischzeug? Nein, mein Kind, das vermag ich jetzt nicht aufzutreiben. Sehen Sie, ich decke ein nagelneues Taschentuch hier über dieses Tischchen, und passen Sie auf, der Trank wird uns auch so munden. Es ist eben Belagerungskaffee.«

Und nun sitzen die beiden vor dem groben Gesindegeschirr, schlürfen von dem brennend heißen Getränk und beginnen an ihrer trostlosen Vereinsamung beinahe ein romantisches Gefallen zu finden.

Wieder wähnen sich beide auf eine winzige Insel verschlagen, und hingegeben an den wohligen Schauer der immer näher rückenden Gefahr, horchen sie auf die wilden Geräusche, von denen draußen die Straße widerhallt. Es klirrt und rasselt, galloppiert, schreit und tobt, gröhlende Lieder, in einer fremden Sprache gebrüllt, schlagen zu ihnen herein, und plötzlich schmettert etwas durch die Eisengitter der Fenster hindurch, und klirrende Glasscherben spritzen innen gegen die geschlossenen Holzläden.

»Ruhig, ruhig,« beschwichtigt der Kaufmann und fährt wieder mechanisch über die bebende Mädchenhand.

Doch Isa rührt sich nicht. Still, wie bisher, sitzt sie auf der Lehne des Stuhles, hält den Atem an, und die Nähe ihres Gefährten wirkt so stark auf sie, daß sie sogar versucht, das rasche Jagen ihrer Brust zu bezwingen.

Ein Augenblick der Stille tritt ein. Scharf und schreckhaft hebt sich die lähmende Ruhe des großen Gemaches ab von dem dröhnenden Toben der Straße. Und so schmerzend sicher schlürft das bis aufs Äußerste angestrengte Gehör der beiden Einsamen jeden Ton in sich hinein, daß nicht allein die schneidenden Schwingungen der fremdartigen Hornsignale, die dort draußen den Lärm übergellen, ihr Innerstes durchstoßen, sondern auch das Knistern und Zucken der vielen Lichter bis an ihre zum Zerreißen aufmerksamen Sinne dringt.

Da --

»Herr Konsul,« fährt Isa auf.

Auf den Pflastersteinen der Einfahrt hallt es von unzähligen Fußtritten.

Ist es möglich? Der Konsul erhebt sich langsam. Ein törichter Kindertraum däucht ihm das Ganze, denn das schwere Eingangstor ist ja bis jetzt nicht dem geringsten Angriff ausgesetzt gewesen. Oder sollte etwa -- --

Allein alle diese Zweifel und Bedenken gelangen nicht mehr an ihr Ende.

Sieh -- sieh, es ist wirklich, als ob durch brennende Fiebergesichte alle möglichen bekannten Gestalten taumeln. Jetzt wird die Tür über den drei grünen Porphyrstufen aufgerissen, draußen in der gewölbten Einfahrt drängt sich Kopf an Kopf. Lauter breitrandige Mützen schieben sich durcheinander, Säbelgehänge, die über den Schultern befestigt sind, gleiten über grün-graue Uniformen herab, rauhe, unbearbeitete Reiterstiefel scharren auf den Fliesen.

Doch wie kann es geschehen, daß sich aus dem dunklen Schwarm eine so überaus vertraute Figur ablöst? Ja, er ist es, er ist es wirklich!

Breitspurigen Trittes, mit etwas nachgebenden Knien, drängt sich Rudolf Barks ›bester Freund‹ Leo Konstantinowitsch Sassin in das Gemach. Ein kotbespritzter grauer Radmantel hängt schief eingehakt um seine breiten Schultern, die Mütze sitzt ihm schräg auf dem linken Ohr, und auf dem brutalen Antlitz glüht eine sonderbare Hitze. Zwischen zwei Brustknöpfen seines Waffenrockes lugt der schwarze Kolben eines Revolvers hervor. Als der Russe des Paares ansichtig wird, das fast regungslos unter dem zersplitterten Fenster weilt, da reißt der Offizier seine hervorquellenden Kinderaugen auf, und um seine blondumbarteten Lippen fliegt ein sonderbar befriedigter Schein. Was hier Ausdruck gewinnt, ist nicht die Freude des Wiedersehens. Es bedeutet vielmehr eine dumm-dreiste Überlegenheit, wie sie Ungebildeten eignet, wenn sie plötzlich über Höherstehende Macht erlangen.

»Ah, guten Abend, Rudolf Bark, mein Kompliment für das junge Fräulein von Maritzken,« poltert der Dragoner in einem rohen Lachen hervor. »Nicht fürchten -- keine Ursache -- gut Freund. So lange hier keine Dummheiten macht, werden Euch vorzüglich behandeln. Was stieren mich so an, Rudolf Bark? Mein bester Freund?! Wundern sich, wie zu Ihnen hereingekommen? Hehe, zweiunddreißigsten Dragoner verstehen durchs Schlüsselloch zu reiten. Haben unsre kleinen Geheimnisse.«

Damit tritt der Redende nicht ganz sicher an den Tisch, hebt die braune Kanne in die Höhe und läßt sie aus Ungeschicklichkeit oder mit Absicht auf den Teppich niederstürzen. In einer breiten Lache ergießt sich die braune Flüssigkeit aus den zersprungenen Scherben über das dunkle orientalische Gewebe.

»Wie, was -- Kaffee? Seit wann, Rudolf Bark, sind Sie ein altes Weib? Es muß hier doch Wein im Hause sein. Bei der Mutter von Kasan! Tausende von Flaschen, ganze Fässer. Ich kenne Ihre Gastfreundschaft, bester Freund. Natürlich, wer sollte sie besser kennen?! Weiß, brennen darauf, arme, müde Soldaten des Zaren -- wie sagt man -- =à régaler=.«

Und sich zur Tür und zu den Haufen seiner Reiter wendend, schreit er in russischer Sprache, die der Prinzipal des »Goldenen Becher« sehr wohl versteht, hinaus:

»Lauft, ihr durstigen Kinderchen, sucht, meine braven Söhne! Habt ihr verstanden, ihr pfiffigen Spitzbuben? Hier unten in den Kellern gibt es Wein. Alkohol ist euch verboten, aber Wein hat der große Zar erlaubt. Und mein Freund Rudolf Bark ist kein Knauser. Er ist glücklich, uns bewirten zu dürfen. Macht, daß ihr fortkommt! Aber nicht betrinken. Hört ihr? Der Rausch ist für einen russischen Soldaten unanständig.«

Nach dieser mit wildem Triumph gehaltenen Rede läßt Leo Konstantinowitsch die Flügeltüren zurückfallen und schwankt ziemlich unsicher an den Tisch, wo er krachend in den nächsten Stuhl fällt. Seine glitzernden Augen aber, die bebenden Nasenflügel und der kurze Atem bekunden deutlich, wie er selbst das Alkoholverbot seines Gossudars durchaus nicht für verbindlich erachtet hat. Eine müde Handbewegung ladet die beiden anderen zum Platznehmen ein.

»Setzen Sie sich, Rudolf Bark,« sprudelt er herablassend, »und hier neben mich das schöne Fräulein. Ohne Angst. Leo Konstantinowitsch ist Ihnen freundlich gesinnt. Sie glauben gar nicht, wie gut Sie es bei uns haben werden. Und nun schaffen Sie ein paar Flaschen Champagner an, Rudolf Bark, ich schlafe heute bei Ihnen.«

Und dann rast alles, wie von irrsinnigen Geistern gehetzt vorüber. Von unten aus den Kellergewölben dringen dumpfe Schläge herauf, ein wildes Geheul der Freude kreischt dazwischen und ehe noch der Kaufmann Zeit finden kann, seinem Bedränger auseinanderzusetzen, wie mitten in der Nacht natürlich keine Dienerschaft vorhanden sei und daß die Schlüssel der Vorratskammern jetzt ebensowenig aufzutreiben wären, da drängen sich bereits ohne weitere Förmlichkeiten ein paar russische Dragoner an den Tisch. Unter den Armen allerhand Weinflaschen und in den Händen eiligst zusammengerafftes groteskes Trinkgeschirr. Bierseidel, Weingläser, Kaffeetassen und Milchtöpfe, alles toll und wüst durcheinander.

»Gut, gut,« schreit Sassin, und dabei schleudert er Mantel und Mütze mitten in die Stube, »sehen Sie, Rudolf Bark, wie treulos Sie sich benehmen? Sie verwickeln sich in Widersprüche, bester Freund. Wozu Dienerschaft? Wozu Schlüssel? Ich habe alles bei mir. Das weite Russland braucht nichts Fremdes, es besorgt sich alles selbst. Vorwärts, meine guten Jungen. Jeder drei Flaschen! Rudolf Bark gibt es euch gern. Seht, wie er sich freut. Fehlt euch noch etwas, meine guten Söhne?«

»Nein, es lebe Väterchen Rittmeister!«

»Ich danke euch, ich weiß, daß ihr mich liebt. Und nun packt euch hinaus, seht ihr nicht, daß ich hier mit vornehmen Nemzows sitze?«

Wieder befinden sich die drei allein, immer wiehernder schallt das Gelächter des Trunkenen durch den großen Raum, immer ungebändigter werden seine Scherze. Empört erhebt sich der Konsul. Er ist kaum noch imstande, seinen Zorn und seine Verachtung gegen den halb der Besinnung Beraubten zu unterdrücken. Nur ein Blick auf das Mädchen, das mit weit aufgerissenen Augen die widerwärtige Trinkorgie verfolgt, flößt dem Kaufmann noch Beherrschung und Zurückhaltung ein.

»Herr Rittmeister,« ruft er, indem er mit zusammengekrümmtem Zeigefinger nervös auf die Tischplatte pocht, »wünschen Sie dies Gelage noch lange fortzusetzen? Ich finde, Ihr Zustand erfordert es, daß Sie sich eiligst zur Ruhe begeben.«

»Ich?« Der Russe spreizt die Beine von sich und lehnt sich weit zurück. Die stieren blauen Augen quillen ihm dabei immer mehr aus dem Kopf. »Zustand? Wieso, Rudolf Bark? Pah, ich kenne keinen Zustand. Wenn Sie wüßten, wie frisch ich mich fühle! Acht Stunden im Sattel gesessen. Keine Ader schlägt mir danach.« Hier brüllt er laut auf und stößt mit der Faust vor die Brust. »Solch einen Ritt wünsche ich Ihnen, Rudolf Bark. Herrlich, herrlich! Grenzwache haben wir überritten, ehe sie sich besann. Unter meinem Pferd lag etwas Zappelndes. Können Sie sich diese weichliche Nachgiebigkeit vorstellen, wenn man zum erstenmal über einen Menschen reitet? Man hört das Aufschmettern des Hufes, man fühlt das Einsinken -- es ist aufregend!«

»Hören Sie auf,« ruft der Konsul sich vergessend, »Sie wissen nicht mehr, was Sie reden.«

»Wie? Was?« Der Russe versucht sich aufzurichten, allein er vermag es nicht mehr. Die Geister des verschwenderisch genossenen Weines reißen ihn auf seinen Sitz zurück. »Wie sprechen mit mir, teurer Freund? Sollten vielleicht vergessen, daß wir hier als Herren einzogen? Hat ein Ende mit der Unverschämtheit der Germanen. Wer sind Sie, wenn ich meine Hand jetzt von Ihnen abziehe? Kein Hahn kräht nach Ihnen. Aber lassen wir diese Dummheiten.«

Schwerfällig wendet er sich zu Isa, bemüht, eine Verneigung auszuführen, allein der Versuch wirft ihn nach vorn, so daß sein flammendes Haupt haltlos gegen die Schulter des Mädchens sinkt.

Hei, welche Wärme, welch eine zuckende Haut, welch eine atmende Rundung! Das betäubte Hirn des ungebildeten Bauern verliert darüber die letzte Spur angelernter Lebensart.

»Kommen Sie, =ma chère=,« flüstert er, wobei er der Zurückschaudernden immer näher rückt und beide Arme um sie schlingt, »wir trinken noch ein Gläschen. Wissen Sie auch, daß Sie scharmant sind? Der Teufel hole Ihre Schwestern. Sie sollen leben, ich habe immer für schlanke Glieder geschwärmt. Nicht wahr, Rudolf Bark, Sie können es bezeugen?«

Roh, zudringlich, in einer gemeinen Vertraulichkeit schließen sich die Fäuste des von Gier und Rausch Bezwungenen hinter dem Hals des Mädchens zusammen. Von Starrheit geschlagen, rührt sich Isa kaum. Keine Bewegung wagt sie auszuführen aus Scham oder aus Angst, und nur einen einzigen hilflosen, beschwörenden Blick sendet sie zu dem vor Wut verzerrten Antlitz des Hausherrn empor. Sie sieht noch, wie sich die Zähne des Konsuls in seine Unterlippe graben, schauernd fühlt sie, daß das kleine Tischchen, einem Fußtritt des durch ihn genierten Russen nachgebend, polternd und klirrend zu Boden stürzt, und gleich darauf zischt etwas vor ihren Ohren. Ein blendender Strahl zwingt sie, ihre Lider zu schließen, so daß sie kaum noch merkt, von wessen Hand sie jetzt emporgerissen wird.

Entsetzen!

Für eine Sekunde fassen die drei Ernüchterten dasselbe Bild in schonungsloser, peinigender Klarheit auf. Elegant, geschmeidig, tadellos angezogen wie immer, lehnt Rudolf Bark hinter dem hohen Kirchenstuhl. In dem hübschen glatten Gesicht verrät keine Blässe, kein nervöses Zucken auch nur eine Spur von Abscheu vor seiner eigenen Tat. Nein, neugierig fast beobachtet der Kaufmann, dessen Finger noch immer die Waffe umspannen, die er seinem Gastfreunde aus dem Waffenrock gerissen, wie Leo Konstantinowitsch Sassin mitten in der Stube über seinem eigenen Mantel auf dem Rücken liegt, um mit der Rechten unter Lachen und einem schmerzlichen Brüllen an den Uniformknöpfen oberhalb der Brust herumzureißen. Draußen unter der Einfahrt drängt es sich schon wieder Kopf an Kopf, obwohl keiner, von der Furchtbarkeit des Geschauten gelähmt, es wagt, die tolle Stätte dieses blutigen Gerichts zu betreten. Stumm recken sie die Hälse vor, um auf das zu horchen, was sich niemand erklären kann.

»Oh du verfluchter deutscher Hund, du Vieh, du hinterlistiges Schwein, so behandelst du deinen Freund? Pfui, man möchte weinen! Warte nur, du widerlicher Affe, wie sauber dir unser Profoß die Schlinge um den Hals legen wird. Was steht ihr hier und haltet Maulaffen feil? Hat man nicht euer Väterchen ermordet? Schnell, nehmt ihn fest, die Rothaarige auch. Und mir gebt zu trinken. Einen Topf Champagner. Mir ist ein wenig schlecht. Oh, Rudolf Bark, mein bester Freund, ich wollte, ich könnte dich selbst zappeln lassen. Ich gäbe den ganzen Feldzug darum. Pfui, du treulose, deutsche Spinne, ich trete dir den Kopf ein.«

* * * * *

In der Gefängnistür rasselte ein Schlüssel. Und das Geräusch unterbrach den auf dem Schemel hockenden Kaufmann in seinen rückwärts gerichteten Gedanken. Er fuhr auf und sah nach der Uhr: es war hoch am Spätnachmittag. Aus der Schar der vor Müdigkeit Eingeschlafenen erhob sich der kahle Schädel des Tischlermeisters Majunke, und seine befleckten Hemdsärmel sägten aufgeregt durch die Luft.

»Um Gottes willen, sie kommen,« zischte er durch die Zahnlücke, »schnarcht nicht, Kinderchen, sie könnten es uns übelnehmen. Herr Kowalt, verstecken Sie Ihre Peitsche, man kann nicht wissen, was sie dazu denken.«

Langsam drehte sich das schwere Holz, und auf dem rot gepflasterten Ziegelflur stand neben dem ehrfurchtsvoll geduckten Kosaken eine schmächtige Jünglingsgestalt in grauer Uniform, dessen blasses kränkliches Antlitz der Konsul sich besann, schon einmal gesehen zu haben. Richtig, das war einer der beiden Fahnenjunker, der im Hause Sassins erzählt hatte, welch ein freimütiges Testament er für seinen Vater, den Polizeioberst in Kiew aufgesetzt hätte. Der glatt rasierte Knabe hielt einen Bogen Papier in der Hand und sah kurzsichtig und mit blinzelnden Augen in den dumpfen Raum, aus dem eine Wolke schwüler Hitze herausschlug. Dann trat er auf die Schwelle, zog sich den grauen Waffenrock zurecht, und indem er ein wenig mit der Degenscheide klirrte, gab er sich den Anschein einer amtlichen Würde.

»Rudolf Bark,« rief er mit seiner gebrochenen Knabenstimme, in die er vergeblich einen militärischen Kommandoton zu legen suchte, »ist hier der Konsul Rudolf Bark anwesend?«

Der Prinzipal des »Goldenen Becher« erhob sich.

»Was steht zu Diensten?« fragte er kurz.

»Sie sind es? Ach ja,« erinnerte sich das uniformierte Kind und errötete leicht; dann aber besann es sich und verbeugte sich förmlich. »Unterleutnant von Karström,« stellte er sich vor.

Und Rudolf Bark erriet nicht allein aus dem Namen, sondern vor allem an der flüssigen Aussprache des Deutschen, daß er einen Balten vor sich habe.

Der Unterleutnant blinzelte flüchtig in sein Papier und fuhr fort:

»Sie werden mir folgen. Ich habe den Befehl, Sie auf das Rathaus zu unserem Kommandanten zu bringen.« Und einen Blick auf den eleganten hellen Sommeranzug seines Gefangenen heftend, setzte er mit einer Rücksicht, die er durchaus nicht verleugnen konnte, höflich hinzu: »Bitte bedecken Sie sich mit Ihrem Hut.«

Hier zuckte der Konsul die Achsel. Und nachdem er erklärt, daß man ihn barhäuptig hierher transportiert, da errötete der junge baltische Adlige von neuem und schüttelte ratlos das schmale, kränkliche Haupt. Selbst den Konsul rührte diese kindliche Unbeholfenheit.

»Ich werde mir mit Ihrer Erlaubnis, Herr Unterleutnant,« half er deshalb rasch ein, »einen Hut von einem meiner Mitgefangenen ausborgen. Nicht wahr, Herr Kowalt, Sie sind so freundlich?«

»Ja allerdings, bitte tun Sie das,« atmete der Balte ganz erleichtert auf. Dabei verbeugte er sich unwillkürlich, als der Kaufmann nun mit dem abgetragenen fettigen Hut des Pferdehändlers in der Hand an ihm vorüberschritt.

Auf der Diele hatte der Kosak inzwischen von einem Stuhl einen handfesten Strick genommen, mit dem er sich nun dem Konsul geschäftig näherte.

»Was soll das?« fragte der Leutnant, wobei er sichtlich zusammenschrak.

Grinsend deutete der Kosak auf die Hände des Gefangenen. Da warf der junge Offizier wie beschwörend die Rechte vor.

»Keineswegs,« stammelte er, »davon steht kein Wort in meiner Instruktion. Der Herr ist nicht fluchtverdächtig. Auf der Stelle wirfst du den Strick fort.« Und sich zu dem gelassen dastehenden Rudolf Bark wendend, versuchte der junge Mensch eine Entschuldigung anzubringen. »Bitte vergeben Sie, mein Herr,« sagte er trotz seiner Kindlichkeit mit einer Haltung, die ganz zweifelsfrei die gute Erziehung eines halbdeutschen Adelshauses verriet, »das war keineswegs beabsichtigt.« Und indem er mit dem Haupte auf den wieder zusammengesunkenen Kosaken deutete, warf er noch eifrig hin: »Der Mann stammt aus den Donschen Steppen. Die Leute haben dort eine ganz eigene Gerichtsbarkeit, die von der unsrigen erheblich abweicht. Sie sollten daraus keine allgemeinen Schlüsse ziehen, mein Herr.«

»Gewiß nicht,« beruhigte ihn Rudolf Bark mit einem kaum merklichen Lächeln.

Dann schritten sie gemeinsam die Steinstufen herunter und befanden sich bald in einer der nüchternen Gassen der Vorstadt. Aber wie hatte sich das Gepräge dieses sonst so regen Handelsplatzes verändert! Es versetzte dem Kaufmann, in dem doch selbst die Sorge vor der Zukunft brütete, einen Stich ins Herz, als er die auffallende Verwandlung feststellte. Obwohl noch lange nicht die Stunde des allgemeinen Ladenschlusses angebrochen war, hatten die kleinen Gewerbetreibenden überall Jalousien und Lattenverschläge vor ihre Auslagen gezogen, und die Straßen selbst schienen von den Eingeborenen wie ausgestorben. Kein bekanntes Gesicht wollte sich zeigen. Dafür wimmelte jedoch die fremde Soldateska gleich einem schwarzen Ameisenhaufen durcheinander, immer neue Truppen zogen singend von den Landstraßen aus herein, und man sah es den befriedigten Gesichtern an, daß ihnen die Besetzung dieser ehemaligen Festung, die längst ihre Bedeutung verloren hatte, als ein nicht zu unterschätzender Erfolg galt. Lange Züge von Infanterie wechselten mit Munitions- und Artilleriekolonnen, und von dem Klirren der schweren Geschütze auf dem schlechten Pflaster bebten die kleinen leichtgebauten Häuschen. Aber auch andere Fuhrwerke kamen ihnen aus der Stadt entgegen, deren Ladung, obwohl die Wagen von Soldaten gelenkt wurden, durchaus nicht dem kriegerischen Bedürfnis entsprach und deshalb die regste Verblüffung von Rudolf Bark hervorrief. Ohne um Erlaubnis zu bitten, hielt der Kaufmann plötzlich in seinem Weg inne und wies mit der Hand auf einen mächtigen Leiterwagen, auf dem die tollsten Dinge widerspruchsvoll übereinander gepackt waren. Seidene Möbel, eiserne Geldschränke, ein umfangreicher Benzinmotor, ungeheure Berge bescheiden angefertigter Konfektionsanzüge, Mehlsäcke, ja sogar ein Klavier hatte man zwischen die Leiterbäume gepreßt, und die drei kutschierenden Soldaten beschäftigten sich eben damit, vorn auf dem Bock die Keule eines rohen Schinkens gemeinschaftlich mit ihren starken Zähnen zu benagen und zu zerreißen.

»Was ist das?« stieß der Prinzipal des »Goldenen Bechers« beinahe der Sprache beraubt, hervor.

Doch der junge Russe antwortete nicht. Flammend rot waren seine blassen Wangen übergossen, und in seiner Scham und Bestürzung vermochte er nur fast bittend hervorzubringen:

»Mir sind die Gewohnheiten der Intendantur unbekannt, ich weiß nicht, was das bedeutet. Aber bitte, mein Herr, wollen Sie mir rasch folgen, denn ich habe Sie bis um sieben Uhr auf dem Rathause abzuliefern.«