Die Herrin und ihr Knecht

Part 18

Chapter 183,534 wordsPublic domain

Auch der Kosak billigte diese Form der Verständigung. Umständlich kniete er in seinen faltigen Gewändern nieder, lehnte das Gewehr an die Wand, und nachdem er das Talerstück in seine schlappe Hosentasche versenkt, blieb er liegen und grinste in die offene Tür hinein.

»Haben Sie nicht gehört, Ihren Höchstkommandierenden wünsche ich zu sprechen,« rief der Konsul, indem er sich mühsam der russischen Sprache bediente.

Der Kniende jedoch schüttelte lebhaft die wirren Haare, dann aber, als er ernstlicher über das Verlangen seines vornehmen Gefangenen nachgedacht hatte, streckte er den Zeigefinger vor die Stirn, sprang auf und schmetterte mit einem Fußtritt die Tür wieder ins Schloß.

»Solch eine Bande,« keuchte der Pferdehändler Kowalt und führte einen schallenden Schlag mit dem Peitschenstiel gegen das eisenbeschlagene Holz. »Unsinn -- wer wird uns hier zu unserem Recht verhelfen? Glauben Sie etwa, wir werden verhört? I wo, morgen nehmen sie uns zwischen die Pferde und dann -- hui nach Sibirien. Unsinn!«

Und der Produktenhändler Manasse, ein Mann, dem noch nach alttestamentarischer Weise graue Ringellocken über die Ohren fielen, streichelte unaufhörlich seinen Filzhut, ließ ungeniert dicke Tränen auf seinen schwarzseidenen Rock herabrinnen und seufzte schwer in sich hinein:

»Sibirien ganz gut, aber Hände und Füße abschlagen -- Gott, Gott, meine arme Frau hat -- -- --«

»Sst, sst, die Hauptsache ist, daß wir uns ruhig verhalten,« begütigte der ängstliche Tischlermeister Majunke und stellte sich quer vor die Tür, als wolle er jedes verdächtige Wort abwehren und auffangen.

Ein allgemeines gedämpftes Gemurmel erhob sich. Nur der Konsul äußerte nichts mehr. Er verzog die blasse Stirn, dachte nach und schritt mit seinem elastischen Gang an den verlassenen Holzschemel zurück. Hier schlug er die Arme untereinander, und während er zum erstenmal seine Gefährten eingehender musterte, fiel es kühl und geschäftlich wie immer von seinen Lippen:

»Bitte wollen Sie mir jetzt der Reihe nach mitteilen, wie Sie hierher gekommen sind. Da ich alles daran setzen werde, um mir Gehör zu verschaffen, kann es für Sie nur nützlich sein, wenn ich auch Ihre Angelegenheiten vor die geeigneten Stellen bringe. Also Herr Kowalt, wie war's?«

In dem engen Raum, in dem schon am frühen Morgen eine feuchte brütende Hitze um die vielen Menschenköpfe herumwogte, zog nun vor aufhorchenden Ohren Schicksal um Schicksal vorbei. Eintönig und gleichlautend.

Konsul Bark aber saß und zeichnete über die Anfänge all dieses Trübsals kurze schlagkräftige Bemerkungen in seinen winzigen goldenen Notizblock. Immer heißer und stickiger wurde es, Hunger und Durst begannen die eng Zusammengedrängten empfindlich und quälend zu plagen, und die Unruhe, ob sie Gehör und Gerechtigkeit bei den fremden Gewalthabern finden würden, zehrte an ihnen, wie ein gefräßiges Tier.

Ob sich nun nicht bald die schwere Tür öffnete? Vergebliche Hoffnung. Stunde auf Stunde verging, und aus den Schlägen der Kirchturmuhr von St. Sebaldus, die als einzige Stimmen ihrer früheren Welt zu den Eingekerkerten sich hineinschwangen, erkannten die aus dem lebendigen Getriebe Herausgerissenen die enteilende Zeit.

Herrgott, Herrgott, es mußte schon der Nachmittag angebrochen sein.

»Ruhe, Ruhe, nur nicht laut werden, man darf sie nicht reizen!«

»Unsinn, -- wenn sie nicht bald was zu trinken bringen, dann stoß ich die Tür ein. Alles andere ist ja barer Unsinn.«

»Weh, weh, Herr Nachbar, wie können Sie nur so schreien? Ich sag' Ihnen, mich haben sie gestern schon mit ihren Knuten geprügelt, und meine arme Frau hat -- --«

Unaufhörlich fuhren die Laute aus den vertrockneten Kehlen durcheinander, als wollten sie sich selbst den schwachen Trost gönnen, daß sie noch nicht erstorben seien. Dem Konsul jedoch war die klare Erkenntnis für all diese kleinmütigen Äußerungen längst versunken. Ein Bein lässig über das andere geschlagen, saß er auf dem einzigen Holzschemel, den ihm die anderen aus altgewohnter Ehrfurcht willig überlassen, starrte über die schweißnassen Häupter der kleinen Handwerker hinweg in eine Ecke hinein, und manchmal kam es ihm vor, als ob er dort hinten an der schmutzigen, spinnwebigen Wand einen hellen Schein gewahre und auf dieser belichteten Stelle sich selbst und das rote Mädchen und die verdämmerten Mosaikgestalten der Evangelisten in dem beleuchteten Refektorium, das eigentlich sein elegantes Privatkontor war. Und hinter seinem Schreibtisch sah er, wie die gewaltige bunte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus den halbzerbrochenen goldenen Hirtenstab hob, um ihn, kupferrot vor Zorn, gegen eine hereinstampfende Russenhorde zu schwingen, die Rittmeister Sassin befehligte. Er legte sich die Hand vor die Stirn, und ein heftiges Mißtrauen wurde geweckt. Wie waren die Eindringlinge in das fest verschlossene Haus hineingelangt? Wer hatte ihnen geöffnet? Und erlaubte sich sein teurer Freund Leo Konstantinowitsch nicht, in seinem offenbar trunkenen Zustande den Arm um die Taille des zitternden Mädchens zu schlingen? Bei Gott, er hob die Zappelnde hoch empor. In den Gedanken und Bildern des Konsuls überschlug sich etwas. Wirr, trunken tastete er umher, als ob er nach der kleinen Schießwaffe suche. Dann ein Knall, und ein grauer Flor umschleierte wieder die sengend-klaren Gestalten. Wollten sie in ihren Nebel zurückkehren? -- Wie war denn das alles?

* * * * *

Unbegreiflich schnell war die slawische Woge in die erste deutsche Grenzstadt geschlagen. Eben stritt man sich darüber, ob überhaupt eine ernsthafte Gefahr vorläge. Emsig suchte man nach beruhigenden Gründen, warum die preußische Garnison an einem Morgen bis auf den letzten Mann verschwunden war. Noch hielt man in unerschütterlichem Ordnungssinn daran fest, daß an eine kriegerische Austragung vorläufig gar nicht zu denken wäre, weil ja über die Grenze keine rechtsmäßige, von dem weißen Zaren gesendete Absage geschickt sei, noch gab man sich tausenderlei widersprechenden Vermutungen hin, ob man die großen Speicher, die Fabriken, die Kontore, Läden und Handwerksstuben räumen und ohne Aufsicht lassen sollte, da tauchte eines Tages in der Stunde zwischen Nacht und Dämmerung der Hausmeister Pawlowitsch in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen in dem englischen Schlafgemach seines Gebieters auf und zupfte hastig an den weißen Kopfkissen.

»Herr Konsuhl, -- verzeihen Sie -- wachen Sie auf -- auf den Chausseen vor der Stadt streift russische Kavallerie herum.«

Der Großkaufmann, dessen Stolz es nicht gelitten hatte, das von den Vätern ererbte Geschäft zu verlassen, fuhr auf und rückte an dem eleganten Nachtanzug.

»Du bist verrückt, Pawlowitsch.«

Der Frack verbeugte sich. »Vorzüglich, Herr Konsuhl.«

Selbst in dieser Minute der sichtlichsten Angst, -- denn das schneeweiße Männchen zitterte auffällig am ganzen Leib -- mußte das Halbblut sein Entzücken über jede Äußerung des Chefs dartun. Der Kaufmann jedoch gelangte immer mehr zu klarer Erkenntnis seiner Lage. Er stützte sich auf den Ellbogen, und seine kühlen Augen hefteten durch die Schatten der Nacht einen spähenden Blick auf seinen Diener. Dann versuchte er, die elektrische Flamme über seinem Lager anzudrehen, allein das Licht blieb aus.

»Was ist das, Pawlowitsch?«

»Ich weiß es nicht, Herr Konsuhl,« stotterte das Faktotum, und es war, als ob seine Zähne leise gegeneinander klapperten, »ich glaube, sie haben die Drähte bereits zerschnitten.«

»So, so, -- aber eines ist doch seltsam, wie hast du mitten in der Nacht die russischen Patrouillen auf der Chaussee feststellen können?«

Dabei streckte der Liegende seinen Arm aus und faßte kräftig in die Brustfalte des Alten. Der Herangezogene wandte sich und setzte mehrfach zum Sprechen an, bevor er auf diese klare Frage eine Antwort erteilen konnte.

»Verzeihen Sie, Herr Konsuhl -- ich konnte nicht schlafen -- die Hitze -- ich mußte in den letzten Nächten immer spazieren gehen -- die Angst -- --«

»Donnerwetter, höre endlich mit dem dummen Zeug auf. Bringe mir sofort meine Kleider. Wir sind deutsche Kaufleute und haben nach unserem Eigentum zu sehen.«

»Ja gewiß, Herr Konsuhl.«

»Sind dir die Adressen unserer jungen Leute bekannt?«

»Alle.«

»Dann begibst du dich jetzt unverzüglich, da dir ja soviel an nächtlicher Bewegung liegt, zu jedem Einzelnen und bestellst, daß heute früh, wie an jedem anderen Tage hier gearbeitet wird. Sie sollen sich durch die Hintergasse in dem Lokal einfinden, denn vorn wirst du sofort das Tor verschließen und die eisernen Stangen vorlegen. Hast du mich verstanden, Pawlowitsch?«

»Vorzüglich, Herr Konsuhl. Hier ist auch schon der Anzug von gestern abend.«

Der Kaufmann sprang aus dem Bett. »Gut, gut, du brauchst mir nicht zu helfen. Aber Licht muß ich haben. Hier hast du die Schlüssel, lauf rasch in das Detailgeschäft und hole ein paar Pfund Kerzen herauf. Davon stellst du auch einige in mein Arbeitszimmer. Dalli, dalli!«

»Herr Konsuhl,« jammerte plötzlich der Hausmeister, der, anstatt sich zu entfernen, unschlüssig an der mit Fries gepolsterten Tür stehen geblieben war, um nun krampfhaft die Hände umeinander zu reiben, »Herr Konsuhl,« rief er in wirklich ausbrechendem Schmerz, »darf ich nicht wenigstens noch das Service mit heißem Kaffee in das Arbeitszimmer bringen?«

»Jawohl, du Dummkopf,« gab sein Herr, der so schnell wie noch nie in seine Kleider gefahren war, etwas versöhnter zurück. »Aber nun, Mensch, wirf endlich die Beine um die Ohren. Heute ist keine Zeit zu Rasiergesprächen.«

»Ja, ja, gewiß, vorzüglich, Herr Konsuhl -- guten Morgen -- die Jungfrau Maria behüte Sie.«

Mit wirrem Haupthaar, kaum ein wenig von dem abgestandenen Wasser befeuchtet und erfrischt, stieg der Prinzipal in sein altertümliches Büro herab. Merkwürdig, die Kerzen brannten schon überall auf Tischen und allen erdenkbaren Vorsprüngen und erleuchteten den weiten Raum mit seltsam schwebenden Schatten. Ein Weben und Gleiten ging unter den weißen gotischen Bogen dahin, und die starren blassen Gesichter der Evangelisten in den Mauernischen, sie schienen sich zu neigen und zu drehen, als wenn auch sie furchtgeschüttelt von dannen schweben wollten. Auf dem Sockel der großen Petrusstatue stand eine alte Blechlaterne aus dem Geschäft, und die in ihr brennende Kerze sandte einen flackernden Qualm zu dem hölzernen Riesen empor. Weihrauch der Angst.

Als sich der Herr all dieser Schätze umblickte, befiel ihn etwas wie ein Schütteln und Schneiden, ein nicht abzuwehrender Frost. Es war doch gut, daß der alte Mann an einen Trunk heißen Kaffee gedacht hatte. Aber wo blieb Pawlowitsch? Ungeduldig eilte der Konsul an seinen Schreibtisch und drückte auf den elektrischen Knopf. Die Klingel ließ ihr feines Rasseln ertönen. Doppelt schrill klang es in dem verlassenen Haus. Allein der Geforderte ließ sich nicht herbeirufen. Wie war denn das zu verstehen? Sollte der Hausmeister, der doch ein verschlagener und zäher Patron war, diesmal wirklich so aus der Fassung gebracht worden sein, daß er sogar den Wunsch seines Herrn nach einem Morgenimbiß vergessen haben konnte? Von einer unerklärlichen Ahnung durchschlagen, ergriff der Herr des Goldenen Bechers die kleine Blechlaterne, um sich über das merkwürdige Fernbleiben seines Verwalters auf alle Fälle Gewißheit zu verschaffen. Durch die altertümlichen Gänge des schlafenden Hauses glitt er dahin, geschmeidig, mit unhörbaren Schritten, über Treppen und schmale Altane, und nichts Lebendiges fand er, als seinen eigenen Schatten, der ihm überlebensgroß voraufeilte. So gelangte der Suchende in das Erdgeschoß, wo sich noch von Klosterszeiten her die geräumige, weiß getünchte Küche befand. Die Tür stand offen, drinnen alles leer. Ungläubig streckte der Konsul die Laterne in den verlassenen Raum, bis ihm ein kalter Luftzug das qualmende Lichtlein zu verlöschen drohte. Dabei nahmen seine leidenschaftslosen Züge einen immer herberen und kühleren Ausdruck an. Deutlich offenbarte ihm sein geschäftlicher, von allen Äußerlichkeiten unbeeinflußbarer Sinn, mit dem Verhalten seines Faktotums müsse es eine ganz eigene Bewandtnis besitzen. Aber welche? Ein heftig um sich greifendes Mißtrauen erfüllte ihn ganz und gar. Ob der Alte wenigstens für die Sicherheit des Hauses gesorgt hatte? In ein paar kurzen Sprüngen fuhr der Chef die breite knarrende Holztreppe in die Höhe, erreichte sein Arbeitszimmer und lief über die drei grünen Porphyrstufen auf die pflastersteinbelegte Einfahrt hinaus, um sich von dem Verschluß der mächtigen Eisentür zu überzeugen. Im ungewissen Schein der Laterne sah er, wie die beiden mächtigen Eisenquerbäume ordnungsgemäß vorgelegt waren, auch den ungeheuren eisernen Schlüssel mit dem wunderlich verschnörkelten Kopf aus einer frühen Zeit der Technik fand seine fühlende Hand fest im Schloß. Beruhigt atmete er auf. Durch die oberen eisenvergitterten Butzenscheiben, die sich wie herausgeschlagene Boden grüner Weinflaschen ausnahmen, stahl sich bereits ein schwächliches Dämmern des neuen Tages. Schwalben schossen dort draußen zirpend durch die Luft, und ganz von fern meldete sich ein eigentümliches Poltern und Rasseln, wie wenn ungefüge Karren eine Ladung von Eisen über unebene Straßen zu schaffen hätten. Der Kaufmann zog seine goldene Uhr und hielt sie vor das rauchende Licht: ein Viertel auf drei. Wer konnte zu dieser frühen Stunde eiserne Gerätschaften in die Stadt transportieren? Oder sollte sich die Meldung von Pawlowitsch im Ernst bestätigen? Und der elegante Mann tat etwas, was er sich vor einer Stunde gewiß noch nicht hätte träumen lassen. Er legte das Ohr an die kalte Platte der Tür und lauschte angestrengt auf das nervenerregende Geräusch, das sich dort draußen in der Weite immer mehr verstärkte.

Da -- was war das? Ein leichtes Rollen fuhr über den Markt, das gleichmäßige Getrappel von Wagenpferden verkündete sich und brach wie auf einen Schlag ab. Unmittelbar vor seiner Tür schien ein Wagen zu halten. Gleich darauf wurde an dem Schloß der Einfahrt gerüttelt, aber es klang mehr wie ein hastiges Kratzen und stammte von einer schwächlichen Hand. Der Konsul räusperte sich. Dann nahm er sich zusammen und rief mit seinem gemütskalten Ton:

»Heda, wer ist dort draußen?«

Wer aber konnte das Erstaunen des Mannes beschreiben, als die wohlbekannte Stimme des Rotkopfes von Maritzken durch das Schlüsselloch hindurchflüsterte:

»Herr Konsul -- ich bin es -- Isa -- schnell machen Sie auf, ich bin in großer Gefahr.«

In der nächsten Minute poltern die Querbäume herab, ächzend schiebt sich ein Spalt des mächtigen Tores auseinander, und im Dämmergrauen des Morgens wirft sich ein junges Geschöpf, um das ein zerzauster Regenmantel flattert, völlig haltlos in die Arme des Mannes.

Draußen wirft der Wagen herum und stäubt wie ein Unwetter davon.

»Isa, um alles in der Welt, was bedeutet das? Wie kommst du hierher?«

Der von Schrecken Gepeinigte vergißt im Moment alle Erziehung und Höflichkeit und sieht in dem bebenden Wesen nur das schutzbedürftige Kind, dessen fröhliches Heranwachsen er wie ein Vater beobachten durfte. Jetzt klammert sie sich wortlos an seine Brust, mit einer irren, befremdlichen Kraft, und ihre feine Hand deutet schwankend auf die nahe Pforte des Arbeitszimmers. Da besinnt sich der Kaufmann nicht länger. Mit der Rechten wirft er auf einen Schlag die Querbäume vor das Tor, und ohne weitere Frage trägt er das Mädchen, das sich nicht mehr rührt, in das Refektorium.

Wieder gleiten die Schatten hin und her, die Evangelisten bewegen sich und schütteln die Häupter, und die blauen Holzaugen des Himmelspförtners wetterleuchten im Glanz, als sie gewahren, wie unbeholfen der Kaufmann seine Last in den geräumigsten der Kirchenstühle niedersetzt. Ganz sacht und behutsam. Er bettet sogar, ohne sich dabei etwas zu denken, den Regenmantel über die Knie der Kleinen zusammen. Dann zieht der Herr des Goldenen Bechers für sich selbst einen Klubsessel heran und setzt sich so, daß er dem Mädchen in das feine blasse Antlitz schauen kann. Geduldig wartet er, bis sich in dem verstörten Gesicht die dichten Wimpern heben. Kaum aber trifft ihn der erste Blick aus diesen klugen frühreifen Augen, da besinnt sich Rudolf Bark auf das eigentümlich väterliche Verhältnis, das zwischen ihm und dem zusammengekauerten Ding waltet, er entreißt sich seinen eigenen Sorgen, beugt sich vor und klopft ihr wohlwollend, herablassend die weiche Wange.

»Um Gottes willen, Mariellchen, Ihr Besuch ist zwar ehrenvoll, aber doch leidlich früh. Wenn ich nicht zufällig wie mein eigenes Gespenst durch das Haus schlürfte, ja, dann hätten Sie mich höchstens aus kummervollen Träumen wecken müssen. Aber nun im Ernst, liebes Kind, was treibt Sie her? Wie steht es in Maritzken? Was macht Johanna?«

Und dann kommt der Moment, wo die Heimatlose seine Hand ergreift und sich auf die Lehne seines Fauteuils niederläßt, als müsse sie aus Furcht vor der großen, leeren, fremdartig beleuchteten Stube dem Freunde ihres Hauses all die Schrecknisse der Nacht ins Ohr raunen. Dicht aneinandergeschmiegt sitzen sie, und in überstürzter Schilderung entwirft der feine Mund dem immer gespannter Aufhorchenden die düstern Schattenbilder, die diese furchtbarste Nacht ihres Daseins durchrast. Knappe Fragen wirft der Mann zwischen die ängstliche Rede, ihm liegt namentlich daran, die einzelnen Gegenden zu wissen, an die sich für Isa so schreckhafte Erinnerungen knüpfen, er wirft ein, daß das Mädchen wohl nur einem Patrouillentrupp begegnet sein könne, der die Stadt in weitem Bogen umgangen, er fragt nach Zahl, Bewaffnung und Sprache der Uniformierten, und allmählich quillt der Verschüchterten aus der gleichgültigen Ruhe des Kaufmannes eine neue Sicherheit zu. Ganz gewiß, es kann nicht so schlimm stehen, das Ganze bildet vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis, denn Rudolf Bark lehnt ja vor ihr in seinem modischen Anzug, der nichts von seiner tadellosen Glätte eingebüßt, und im Vollbesitz seiner sachlichen Nüchternheit, deren kühles Gleichmaß für den Rotkopf stets das Ziel einer sie erregenden Bewunderung gewesen.

»Herr Konsul, glauben Sie, daß nun die Stadt und die Umgegend von diesen schrecklichen Menschen überschwemmt wird?«

»Ja, Isachen, damit wird man leider rechnen müssen.«

Ein schnelles Atmen.

»Und wird das für Sie und für Johanna und auch für mich mit Gefahr verknüpft sein? Sie können es mir ruhig sagen. Nach dem, was ich heut nacht erlebt, bin ich auf alles vorbereitet. Kann es uns ans Leben gehen oder werden wir verschleppt werden?«

»Liebes Kind« -- der Kaufmann sah seiner Gewohnheit gemäß auf die Kappen seiner Lackschuhe, die ihm der Hausmeister, dem langjährigen Brauch folgend, hingestellt, und blickte dann in das blasse Gesicht seiner Gefährtin empor; in der gleichen Minute aber war er mit seinen blitzschnellen Erwägungen auch schon am Ende angelangt -- »liebes Kind, ich denke, daß die fremden Gewalthaber voraussichtlich alles mögliche aufbieten werden, um bei der kommenden Besetzung die Ordnung und die Sicherheit aufrecht zu erhalten. Da man bei unserer Bevölkerung doch einen guten und harmlosen Eindruck zu erwecken wünschen muß, so werden sie nach meiner Meinung hier mehr als die guten Naturburschen auftreten, mit denen es sich leicht und gemütlich verkehren läßt. Ich hoffe also, eine persönliche Gefahr wird uns nicht drohen. Nur geschäftlich werden ungeheure Summen verloren gehen.«

»Auch Ihnen, Herr Konsul?«

»Auch mir. Da wir für die nächste Zeit abgeschnitten sind, so werden alle geschäftlichen Beziehungen zerreißen, auf denen der Handel beruht, und es wird bald eine traurige Lähmung eintreten, eine sehr traurige.«

Er sieht wieder auf seinen schmalen Fuß herunter und doch verzieht sich in dem gefaßten Antlitz nicht eine Miene.

Da fühlt der Rotkopf, es müsse doch noch höhere Interessen geben, als die unverhüllte Sorge um Leben und Wohlergehen, und urplötzlich fliegt ein helles, huschendes Rot über ihr verstörtes Gesicht.

Rasch springt sie auf und zaust geräuschvoll an ihrem steifen Regenmantel:

»Herr Konsul Bark.«

Der Ruf klingt in der trüben Gegenwart und mitten in der langsam vorüberkriechenden Nacht so frisch und lebenshell, daß der Geschäftsmann unvermutet den ihn umblitzenden Zahlen entrissen wird, um sich ganz verwundert an seine jetzige Lage zu erinnern. An das befremdliche Fortbleiben seines Verwalters, an das leere verschlossene Haus voller Vorräte, und an sein Zusammentreffen mit dem jungen Mädchen, das er irgendwie behüten muß, wenn ihm auch augenblicklich jedes Machtmittel dazu fehlt. Draußen klirren die unheimlichen Wagen mit ihrer rasselnden Eisenladung immer näher. Und als er jetzt seinen Blick umherschweifen läßt, als er innen hinter den vergitterten Fenstern die fest geschlossenen Holzläden prüft, und indem er erwägt, wie lange die halb herabgebrannten Kerzen noch ihr Licht spenden können, da erfaßt ihn die merkwürdig zerstreuende Erkenntnis, daß mitten in all dieser schlimmen, eisengeschüttelten Erwartung ein junges hübsches Mädchen steht, mit dem er sich allein in einem festungsähnlich verbarrikadierten Hause befindet. Es ist zwar lächerlich, jetzt über derartiges nachzudenken, aber in dem bangen Harren tanzen die Gedankenreihen so wild und glitzernd durcheinander, wie sonnenbeschienene Telegraphendrähte, wenn der Zug donnernd vorüberbraust. Nein, er muß sich auf etwas Wirkliches, auf etwas Vorhandenes beschränken. Rasch erhebt er sich, und während er fühlt, wie ihm die Mädchenaugen auf seinem Weg folgen, da unterdrückt er gewaltsam eine ihn umspinnende Schlaffheit, die wohl von der Aufregung und der unterbrochenen Nachtruhe herrührt. Und wieder schwingt und glitzert und sticht eine ganz unvorhergesehene Idee durch das nüchterne Hirn. Donnerwetter ja, er ist zweiundvierzig Jahre alt. In dem biegsamen Körper, der wie eine Stahlklinge jedem Druck nachzugeben weiß, ist bisher nie die Überlegung aufgetaucht von Einhalten und Schonung und herannahendem Alter. Aber wie er jetzt an dem Schreibtisch steht, um noch einmal entschlossen auf den elektrischen Knopf zu drücken, in der Hoffnung, sein Hausmeister könnte sich vielleicht doch wieder eingefunden haben, da muß er, obwohl ihm ein Ärger dabei aufsteigt, das junge blühende Geschöpf mit den rotleuchtenden Haaren messen und mitten in der Bedrohung und Not findet er es dumm und verächtlich, solch albernen Erwägungen nachzuhängen. Er ist eben ein älterer Mann und hat sich vor allen Dingen darum zu kümmern, das mit Waren bis unter das Dach vollgestopfte Geschäftshaus, an dem seine ganze Existenz hängt, zu hüten bis zum Äußersten. Teufel, unten lagern zum Unglück lauter Waren, die das rohe Volk, das hier bald herrschen soll, von jeher mit gierigen Augen angestarrt hat. Tee und Wein, Kaffee und Zucker, Reis, Tabak, Schokolade und ungeheure Mengen lockender Konserven. Wenn seine Leute nur zur Zeit kämen! Es gibt hier unten in dem ehemaligen Kloster einige Löcher und Winkel, die man schon nicht mehr Keller, sondern unterirdische Gänge nennen kann. Dort muß ein großer Teil der Vorräte verborgen werden.

Durch das Haus schmettert die Klingel, gellt und schrillt und der Prinzipal merkt erst jetzt, wie es schon minutenlang vergeblich läutet. Pawlowitsch bleibt verschwunden, aber der Durst nach etwas Warmem, Stärkendem meldet sich immer ungestümer.

Da plötzlich ein befreiender Einfall. Ganz ernsthaft wendet er sich an seinen Gast und fragt so dringend und kurz, wie er seine Angestellten anzureden gewohnt ist:

»Verzeihen Sie eine sonderbare Frage, Isa, können Sie Kaffee kochen?«

»Ich?« das Mädchen starrt ihn verblüfft an. »Ja gewiß, Herr Konsul Bark. Wünschen Sie denn zu trinken?«