Part 17
Der Fürst verzog die Augenbrauen und sah in die Luft. Er schien sich auf seine eigene Anordnung nicht mehr ganz sicher zu besinnen. Dann glitt ein gewinnendes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund.
»Ich errate, mein Fräulein,« sagte er liebenswürdig. »Ihre Wirtschaft, der Sie sich zu meiner Bewunderung so umsichtig widmen, leidet offenbar Schaden, wenn Sie die Baulichkeiten auf Ihrem sauberen weißen Hof nicht mehr inspizieren können, nicht wahr?«
»Jawohl,« nickte Johanna.
Der Fürst stieß achtlos unter die Generalstabskarten auf den Tisch: »Das möchte ich selbstverständlich vermeiden. Mir liegt Ihnen gegenüber jede Härte vollkommen fern. Nein, bitte halten Sie dies nicht für ein Kompliment, ich tue dies schon aus Respekt vor meiner eigenen Rasse. Ihnen steht also von heut an der Aufenthalt auf Ihrem Hof frei, vorausgesetzt, daß Sie auch mir eine kleine Bedingung erfüllen.«
»Worin besteht die?« forschte Johanna kühl. »Sie haben ja die Macht, Durchlaucht,« setzte sie bitter hinzu, »alles zu erzwingen.«
Dimitri Fergussow wurde ungeduldig. Die ernsthafte Unterhaltung schien seinen vibrierenden Nerven lästig zu fallen.
»Sie werden mir also das ehrenwörtliche Versprechen geben,« erklärte er leichthin, »die Grenzen Ihres Hofes auf keinen Fall zu überschreiten. Auch für Ihre Familienangehörigen sowie für Ihre Angestellten bin ich gezwungen, von Ihnen diese Bürgschaft zu verlangen.«
»Ich soll mich verpflichten ...?« rief Johanna zurücktretend.
Jetzt leuchtete es in den schönen Männerzügen abermals auf. Es war ganz das sonnige Strahlen, das das arbeitsgewohnte Mädchen so schwer begreifen konnte. Aber in dem halbdunklen Zimmer wurde es förmlich hell davon.
»Sie müssen mich nicht mißverstehen,« sagte der Offizier, leicht auf sie zuschreitend, »ich habe nämlich den Eindruck, als wenn Ihr fester Wille hier von allen geehrt und gefürchtet würde. Auch von dem Fräulein Schwester; übrigens ein sehr erfreulich lebhaftes Temperament,« setzte er hinzu. »Empfangen Sie mein Kompliment zu dieser graziösen, ganz undeutschen Erscheinung.«
Da runzelte die Blonde schwer die Stirn, ihre Figur straffte sich, so daß die kräftigen Glieder hervortraten, und ihre Wangen flößten durch ihre Marmorblässe dem Beschauer ein erneutes Befremden ein.
»Das ist mir unlieb zu hören,« warf sie frostig hin. »Aber darüber schulde ich Ihnen keine Rechenschaft.«
»Gewiß nicht,« lenkte der Russe betreten ab und schüttelte den Kopf.
»Im übrigen gebe ich Ihnen, wenn auch ungern, das verlangte Ehrenwort. Ich werde also den Verkehr mit der Außenwelt vermeiden,« hob sie deutlich hervor, um ihrem Gegenüber zu zeigen, daß sie seine Absicht verstanden hätte. Dann aber wurde sie unruhig, und die Finger ihrer Rechten irrten tastend auf ihrem Gewand herum. »Verzeihen Sie noch eine Frage, Herr Oberst,« rang sie sich endlich ab, »das Gefährt, das meine Schwester Isa gestern abend auf das benachbarte Gut Sorquitten bringen sollte, ist nicht zurückgekehrt. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, eine Erkundigung nach dem Verbleib unserer Jüngsten einzuziehen?«
Der Fürst blinzelte ein wenig und maß die Gutsherrin, die ihm in ihrer Sorge weiblicher als bisher erschien, von den Blondhaaren bis zu den Füßen.
»Sie sehen mich so an,« stotterte Johanna immer verwirrter, und eine Ahnung stieg ihr auf, in ihrer Frage könnte für den Russen etwas Verdächtiges enthalten sein. »Sehen Sie,« suchte sie sich zu entlasten, »es handelt sich um ein ganz junges, unerfahrenes Ding. Ich vertrete Mutterstelle bei ihr.«
Der Fürst wiegte noch immer bedenklich das Haupt, und seine Augen gruben sich unausgesetzt und prüfend in die des großen Mädchens. Endlich sagte er vorsichtig:
»Ich bin in der Tat in der Lage, Ihnen, auch ohne Erkundigung, eine Angabe über den Verbleib des Fräuleins zu machen, denn ich habe die junge Dame selbst gesehen.«
»Sie? Um Gottes willen, Durchlaucht, wo? Ist sie gesund? Ihr ist doch nichts Schlimmes widerfahren?«
Jetzt schien der schlanke Offizier mit sich einig zu sein. Er bettete die Hände leicht auf den Rücken und schritt hinter dem Tisch auf und ab. Leise klirrend begleiteten die Sporen seinen federnden Gang.
»Verehrtes Fräulein,« meinte er, -- aber Johanna war es doch, als ob er jedes seiner Worte besonders prüfe und wäge -- »Sie brauchen sich über die Lage Ihrer Jüngsten, soweit ich es beurteilen kann, keinen Befürchtungen hinzugeben. Die junge Dame befindet sich in der Stadt, im Hause eines befreundeten Herrn -- --«
»Konsul Bark,« fiel hier Johanna atemlos ein.
Der Russe nickte und warf ihr einen verständnisinnigen Blick zu. »Ganz recht, und ich hoffe, daß der Ausfall der kriegsgerichtlichen Untersuchung es dem Fräulein ermöglichen wird, recht bald in Ihre schützenden Arme zurückzukehren.«
»Untersuchung?«
In Johannas Wesen verwandelte sich etwas. Wo blieb die gemessene frostige Zurückhaltung, die den eleganten Offizier bisher stets in der Meinung befestigt, es hier mit etwas ganz Unpersönlichem, Abgestorbenem zu tun zu haben? Alle Wetter! Dimitri Fergussow wurzelte fest und vergaß im Moment seine eigene Ermüdung und das zuckende Tanzen seiner Nerven, die das Fest des Blutes noch immer nicht überwunden hatten. Alle Wetter, wie die Glieder der Nemza sich dehnten, wie die Fäuste sich ballten und die Arme schwollen, als wollten sie die enge, blau und weiß gepunktete Hülle sprengen. Dazu das dunkle Blitzen der Augen, das feine Rosenrot, das über die weiße Haut jagte, -- der Fürst stand still, atmete tief und verwandte keinen Blick mehr von der aufgeregten Germanentochter. Ein seltsames Geschöpf, schoß es ihm durch den Sinn.
»Fürst Fergussow,« fiel es endlich von den herrischen Lippen Johannas, und es erregte die Bewunderung des fremden Offiziers, wie die doch von Leidenschaft Durchbebte ihr Organ in der Gewalt hatte; es klang sicher, bestimmt und ein wenig befehlshaberisch, wie immer; »Sie werden einsehen, daß Sie mir jetzt eine weitere Aufklärung nicht mehr verweigern dürfen.«
Fürst Dimitri regte fast unmerklich die Hand. Es war eine jener formvollendeten Bewegungen, die bei diesem äußerlich so gefälligen Menschen eine deutlich vernehmbare Sprache redeten. Und Johanna begriff sie sofort.
»Sie schlagen mir diese natürliche Bitte ab?« fuhr sie auf.
Der Russe sah ihr starr in das reine Antlitz, dessen Züge ihm immer mehr wie die einer belebten Marmorstatue erschienen.
»Es fällt mir sehr schwer,« suchte er sich ihr beinahe schmerzlich zu entziehen, »Ihnen gegenüber bei meiner Pflicht zu bleiben, indessen -- -- --« und wieder folgte die Drehung der fein geformten Hand.
»Wenn ich Sie nun aber bitte,« stieß Johanna hervor, und sich vergessend verließ sie zum erstenmal ihren Platz, schritt an den Obersten heran und streckte den Arm gegen ihn aus, so daß Dimitri Fergussow gar nicht anders konnte, als diese weißen Finger zu ergreifen; sie waren kalt wie Stein. »Wenn ich Sie nun aber inständigst bitte?« jagte die große Blonde weiter. »Nicht wahr, dann werden Sie einsehen, daß ich nichts Unrechtes verlange? Hier handelt es sich ja gar nicht um die Feindschaft unserer Länder, um Russen und Deutsche, hier geht es ja lediglich um eine arme versprengte Familie. Um meine Ruhe, begreifen Sie das?«
Der Fürst hielt die weißen Finger in seiner Hand, beugte sich und wollte, einem raschen Trieb nachgebend, seine Lippen auf die festen Gelenke drücken. Allein mitten in der Bewegung befiel ihn ein Zaudern und Schwanken. Zu ernst und flammend sprühten die dunklen Augen auf ihn herab, die sein Vorhaben verständnislos begleiteten. Er wollte scherzen, er gedachte allerlei flatterhafte Bedingungen zu stellen, doch vor diesem großen und wahrhaften Geschöpf fiel ihm durchaus nichts Leichtes und Gewandtes ein. Sehr fatal -- fast schmerzlich verzog er den Mund, als er sich so von einem fremden Wesen, von einer anderen ihm rätselhaften Kultur gefangen und verpflichtet sah. Und nur mühsam preßte er zwischen den Zähnen hervor:
»Sie dürfen es wirklich als ein Zeichen meiner Achtung nehmen, wenn ich mich von Ihnen so leicht zu Konfidenzen verleiten lasse, die der Dienst sonst streng verwehrt. Also kurz: Ihr Fräulein Schwester ist leider Zeuge gewesen, wie sich Herr Konsul Bark in einem Moment des Zornes oder des Leichtsinns zu einer unüberlegten Handlung gegen einen unserer Offiziere hinreißen ließ.«
»Gegen Rittmeister Sassin,« warf Johanna schwer atmend dazwischen.
Jetzt zuckte der Oberst ablehnend die Achsel. »Sie müssen sich mit meinen Andeutungen begnügen. Aber ich füge noch hinzu, da das kleine Fräulein nach meiner Meinung wahrscheinlich nur die Ursache des Streites war, so dürfte man sie nach dem Verhör ungekränkt entlassen.«
»Herr Oberst,« forderte Johanna klar und rasch, die aus ihrem geschäftlichen Wirken gewöhnt war, alle Vorteile sofort wahrzunehmen, »würden Sie sich in dieser Richtung selbst für Isa verwenden?«
»Ich? Nun bei der heiligen Mutter von Kasan --«
Der schlanke Mann, der sich unmittelbar nach seinem ersten Waffengang selbst in einem so sprühenden Rausch befand, er stand dicht vor der Bittenden, und in seinem sprechenden Antlitz, das er im Moment nicht beherrschte, zuckten die widerstrebendsten Neigungen durcheinander. Die Sucht, sich nicht zu einer so auffälligen Bevorzugung mißbrauchen zu lassen, das Mißfallen an der so plump und klar vorgetragenen Bitte, und daneben doch die heimliche Begierde, diese Vertraulichkeit gegen die majestätische Göttin auszunützen. Allein plötzlich brach er in ein helles jugendliches Lachen aus. Gesund klang es, frisch und überzeugt, hervorgerufen durch den seltsamen Gegensatz, er, der hohe Aristokrat, der gewesene Adjutant des Zaren, solle für den pikanten Rotkopf an hoher Stelle ein erlösendes Wort einlegen! Wie man das dort wohl auffassen würde? Sehr eindeutig. Fraglos. Und er gab sich von neuem seiner liebenswürdigen Heiterkeit hin, ließ sich in den Stuhl hinter dem Tisch fallen, und indem er Papier und Feder ergriff, rief er zu der über den plötzlichen Wechsel Fassungslosen herüber:
»Ja, was vermag ich gegen die gestrenge Quartiermacht auszurichten? =Rien du tout!= Es geschieht also auf Ihre Gefahr, mein verehrtes Fräulein! Ich werde mein eigenes Zeugnis für die Unschuld der jungen Dame anbieten, und wir wollen hoffen, daß ich für einen unverfänglichen Beobachter gehalten werde.«
Seine Feder flog hurtig über das Papier, und von Zeit zu Zeit warf er von der Seite einen schalkhaften Blick der blonden Nemza zu. Wie warm und ehrlich sie sprechen konnte, als sie jetzt mit mühsam erkämpfter Fassung hervorbrachte:
»Das kann ich Ihnen niemals vergelten, Durchlaucht!«
»Oh doch, doch, Sie müssen es nur versuchen. Ich wäre zum Beispiel für einen kleinen Imbiß jetzt ganz besonders dankbar. Und wenn ich hoffen dürfte, daß die beiden Damen später beim Diner meine etwas« -- er zeigte auf seine toll übereinander geworfenen Monturstücke -- »meine etwas wirre Tafel zieren möchten, so würde ich darüber ein ungemessenes Vergnügen empfinden. Natürlich,« setzte er hinzu und verbeugte sich höflich, »soll dies nur geschehen, sobald es sich ohne Überwindung bewerkstelligen läßt. So, meine Gnädigste, jetzt bitte ich noch um etwas Siegellack. Das von Ihnen mit soviel liebenswürdiger Energie verlangte Dokument ist fertig. =Voilà!=«
* * * * *
Das Dokument aber lautete:
»Mein lieber Oberst Geschow!
Ich beglückwünsche Sie zu dem kecken Handstreich, der die erste Stadt unserer Gegner -- zu dem Worte ›Feinde‹ vermag ich mich aus Geschmacksrücksichten immer noch nicht aufzuschwingen -- so überraschend in Ihre Hand spielte. Alle Kriegsgötter schützen Sie ferner! Auch wir haben hier ein kleineres Detachement Preußen eiligst still gemacht. Tapfere Leute, von einer wunderbar ausgebildeten Disziplin, die für mich, offen gesagt, etwas Unheimliches und Störendes besitzt. Eine fleischgewordene Idee, ein wild gewordener Schulmeister kämpft gegen uns. Das Einmaleins schlägt gegen den Analphabeten. Für mich eine sehr lästige Vorstellung. Aber Sie wissen ja, ich bin auch als Soldat nur Dilettant und schließe mich gern dem allgemeinen Glauben an, daß die Heuschreckenschwärme auch das bestbestellteste Feld zu fressen vermögen.
Und nun, bester Fedor Juliewitsch, lächeln Sie über mich, tadeln Sie mich, aber bedenken Sie, es ist mein gutes Herz, das mich antreibt, mitten im männermordenden Streite eine Bitte für eine Dame auszusprechen. Es handelt sich um das rothaarige Fräulein, das man, wie auch Ihnen wohl bekannt ist, im Hause des Herrn Konsul Bark festnahm. Ich kann mir nicht denken, daß die rote Hexe etwas Ernsthaftes gegen die Sicherheit und das Glück des Zaren ersann. Und da ich im Hause ihrer Schwester, einer überlebensgroßen blonden Walküre, hier draußen im Quartier liege, so würde es für mein Wohlbefinden und meine Verpflegung, die Ihnen als einem Organisator des Sieges sicherlich auch nicht unwichtig erscheinen, von großem Werte sein, wenn man das schmale Frauenzimmerchen recht bald wieder laufen ließe. Könnten Sie zu diesem Zwecke irgend etwas beitragen, so würde dies meine freundschaftliche Bewunderung für Sie, wenn es möglich ist, noch erhöhen. Wenn nicht, -- =mon dieu=, dann werde ich der verminderten Beköstigung seitens der marmornen Landsmännin Richard Wagners unsere durch alle Welt so berühmte slawische Genügsamkeit entgegensetzen.
Herr Oberst, ich bin Ihr Ihnen in unauslöschlicher Freundschaft verbundener
Dimitri Sergewitsch Fergussow.«
* * * * *
Es gab Johanna einen Stich ins Herz, als sie zuerst den prachtvoll gedeckten Tisch wahrnahm, für dessen Ausschmückung Marianne zu sorgen übernommen hatte. Da funkelte das alte schwere Familiensilber, das von der Ältesten nach dem Zusammenbruch Stück für Stück zurückgekauft war, um nun von ihr wie ein Heiligtum gehütet zu werden. In schneeiger Weiße leuchtete das glänzende feine Leinen auf der Tafel. Und als die Blonde gar noch die schlanken Flaschen des seit Jahren abgelagerten Rheinweins ins Auge faßte, als sie das Klingen der dünnwandig-geschliffenen Gläser auffing, da tat es ihr in ihrem grübelnden Sinnen weh, weil sie selbst an jenem Tisch Platz genommen, der für heute sicherlich nicht ihr eigener war. Reue und Beschämung befielen sie, weil sie geduldet, daß ihre sorglose Schwester ein festliches weißes Gewand angelegt, als ob es sich um eine strahlende Siegesfeier handele.
Und wahrlich, wurde nicht eine Siegesfeier begangen?
Horch, von dem halbzerschossenen Holzkirchlein trug der Wind unaufhörlich zerrissene und unregelmäßige Glockentöne herüber, als ob von ungeschickten Händen und zum Spiel an den Strängen gezerrt würde. Und die Gutsbesitzerin erriet mit einem kurzen Zusammenschauern, wie die fremden Reiter, die in dem Gotteshause ohne Scheu und Achtung ihre kotbespritzten Rosse untergebracht haben sollten, nun auf diese kindliche Weise ihrer wilden Freude über das erste blutige Treffen Ausdruck zu verleihen suchten.
Ungern hob sie den niedergeschlagenen Blick, um ihren fröhlichen Gast zu mustern, der so sprudelnd und blendend heiter mit der sichtlich von seiner vornehmen Art entzückten Marianne plauderte. Nein, die Beobachterin täuschte sich nicht. Die Melancholie aus seinen Augen war verschwunden. Ein sprühendes Leuchten und Blitzen lebte in ihnen, ein gesteigertes Wohlbefinden, ein lachender Übermut, sie bekundeten sich in jeder Bewegung. Ganz sicher, auch er beging in diesem Augenblick seinen ersten Sieg, berauscht, hingerissen, und von seinem Erfolg betäubt, wenn er auch zu viel Erziehung besaß, um seinen Triumph vor den deutschen Damen nicht soweit als möglich zu verbergen. Allein schon daß er den Wunsch geäußert, gegen den es ja kein Widerstreben gab, die Angehörigen der im Moment vor ihm unterlegenen Rasse an seiner heimlichen Siegesfeier teilnehmen zu lassen, dieser kaltblütige und grausame Sinn empörte die große Blonde innerlich und ließ es ihr geraten erscheinen, die erzwungenen Pflichten der Wirtin kühl, abgemessen und beinahe wortlos zu erfüllen. Sie erteilte dem aufwartenden Mädchen wohl hier und da einen Wink, dem fremden Offizier diese oder jene Schüssel zu reichen, aber nie hätte sie es über sich gewonnen, dem strahlenden Mann das Glas mit dem klaren Wein zu füllen, denn dies hielt sie für ein Zeichen rückhaltsloser deutscher Bewillkommnung. Und doch mußte sie manchmal an sich halten, um der hinreißend frischen Unterhaltungskunst des Fremden nicht doch endlich mit wärmerem Gefühl zu erliegen. Eines war ganz klar, und die kühle Beobachterin konnte es keineswegs übersehen: an ihrem Tisch saß ein Hochgeadelter, der Liebling eines Hofes, ein Fürst, der gewiß über fabelhafte Reichtümer gebot, die mächtige Vorfahren aus dem Fleiß zahlloser Leibeigener aufgespeichert. Und dieser Verwöhnte versagte es sich dennoch, den beiden einfachen Mädchen den weiten Abstand seiner Geburt fühlbar zu machen. Ja noch mehr, ja noch viel erstaunlicher, aus seinen Urteilen, aus seinen witzigen Bemerkungen konnte man deutlich die überlegene Kritik eines hohen Herrn heraushören, der die Schwächen und Schäden weder seiner Umgebung, noch seines Landes zu schonen gewillt war. Mit welch lässigem Spott der glänzende Offizier gelegentlich die ihm so wohlbekannten Personen seines Hofes streifte. Mit welchem achselzuckenden Fatalismus er sich über die Unzuverlässigkeit der Beamtenschaft aussprach! Das alles zeigte einen Geist, der sich zu hoch dünkte, um an kleinlichen Unwahrheiten teilzunehmen. Und diese Offenheit, diese Wahrheitsliebe interessierten die Gutsherrin von Maritzken, denn ihre eigene Natur wurzelte ja in ähnlichen Neigungen, und ihr schuldloses Gemüt ahnte nicht, daß der vornehme Herr, der ihr gegenüber saß, mit demselben gleichgültigen Achselzucken auch seine eigenen Laster und Verfehlungen entschuldigt haben würde, als Schickungen, gegen die es sich nicht lohne anzukämpfen.
Während sie so nachsann, entging es ihr, wie die Unterhaltung der beiden anderen jungen Menschen immer ungezwungener und entfernter von beengenden Rücksichten dahinfloß. Die Feuer des Weines hatten die Wangen Mariannes mit einem dunklen Hauch überglüht, und unter ihren langen Wimpern spritzten kleine züngelnde Flammen hervor.
Johanna erschrak. Was mußte sich der Russe von dem sinnlosen, dem unpassenden Benehmen einer solch Ungebändigten denken!? Und mit Grauen stürzte plötzlich eine Erinnerung auf sie herab: der Fürst war ja ein ›Frauenschlächter‹, wie der verwundete Rittmeister sich ausgedrückt hatte. Gewöhnt, mit allen Mitteln seine Opfer zu umstricken. Nein, hier mußte sie Halt gebieten.
Während sie sich entschlossen aufrichtete, vernahm sie, wie ihre beiden Gefährten sich eifrig über deutsche Musik unterhielten. Aber es kam ihr vor, als ob dies alles nur einen Vorwand bildete, als ob hier ohne laute Worte über etwas ganz anderes geredet würde. Und mit einer herben Bewegung erhob sie sich und stand nun in ihrer vollen Höhe da. Das Mittagsmahl war aufgehoben, und der Fürst, der die Plötzlichkeit dieser Zeremonie wohl nicht ganz begriff, war liebenswürdig genug, um der Blonden sein gefülltes Glas entgegenzuhalten, und sich dann in seiner gefälligen Art vor ihr zu verneigen.
»Mein Fräulein,« sagte er, »Sie gestatten mir, Ihnen auf diese Weise meine Dankbarkeit zu bezeigen. Ich würde glücklich sein, wenn ich an Ihrer Tafel als ein wirklich geladener Gast hätte sitzen dürfen. Wir wollen hoffen, daß die Begebnisse der Zeit eine solche Möglichkeit nicht ausschließen.«
Noch einmal hob er das Glas und trank dann die spiegelnde Flüssigkeit in langsamen Zügen aus. Noch waltete Schweigen in der so unvorhergesehen gestörten Runde, als plötzlich hart an die Tür gepocht wurde. Der herkulische Wachtmeister trat ein, salutierte und überbrachte dem Oberst ein gestempeltes Schreiben. Dieser erbrach es hastig, las und ließ das Papier allmählich aus seiner Rechten herabgleiten. Dann atmete er tief, bis er mit seinem gewohnten Achselzucken eine Last oder zum mindesten etwas Unwillkommenes von sich abzustreifen schien.
»Meine Damen,« sagte er ruhig, und doch zitterte seine Stimme leicht, »ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß mit dem heutigen Morgen die Kriegserklärung zwischen unseren Regierungen offiziell gewechselt wurde.« Und mit einem erzwungenen Lächeln setzte er hinzu: »Sie können jedoch überzeugt sein, daß, soweit es in meiner Macht liegt, diese reine Förmlichkeit keinerlei Veränderungen in Ihrem jetzigen Dasein hervorrufen wird. Erlauben Sie gütigst, daß ich mich zu meinen Offizieren begebe. Ich danke Ihnen.«
Zweites Buch.
I.
Konsul Bark raffte sich von dem niedrigen Holzschemel empor, auf dem er die lange finstere Nacht verhockt hatte. Ungläubig ließ er seinen Blick über die vielen Menschen dahinschweifen, die gleich ihm in der engen Kammer des Stadtgefängnisses eingepfercht waren, und sein verwöhnter Geruchssinn empfand mit Schaudern die vergiftete, bleischwere Luft, die bereits in Fäulnis übergegangen zu sein schien. An allen Gliedern zerschlagen, richtete sich der Großkaufmann auf, strich sich mit den Händen sein braunes Haar zurecht, das zum erstenmal seit langer Zeit am frühen Morgen nicht von seinem Kammerdiener Pawlowitsch mit wohlriechenden Bürsten geglättet wurde, und gewöhnt, auch den widrigsten Umständen eine besonnene und überlegte Arbeit entgegenzusetzen, schüttelte er seine Müdigkeit gewaltsam ab und drängte sich durch die auf dem blanken Erdboden herumliegenden Leidensgefährten bis an die dunkle, eisenbeschlagene Tür, gegen die er mit beiden Fäusten zu donnern begann.
»Um Gottes willen, Herr Konsul Bark,« zischte der fette Tischler Majunke durch die klaffende Zahnlücke, die ihm der gestrige Nachmittag eingetragen, und zugleich hob der Handwerker ein paar fleckige Hemdsärmel in die Höhe, um sich von seinem breiten kahlen Schädel einen Strom perlenden Schweißes herabzuwischen, »um Gottes willen Herr Konsul Bark, -- Sie entschuldigen wohl, wenn ich als einfacher Mann -- aber die dort draußen, die verfluchten Breitmützen, sie könnten uns einen solchen Spektakel übelnehmen.«
Und aus einer Ecke richtete sich der Pferdehändler Kowalt mit seiner rot und schwarz karierten Weste auf und schwenkte über den Häuptern der anderen wütend einen langen Peitschenstock, den man ihm bei seiner Verhaftung merkwürdigerweise gelassen.
»Unsinn,« schimpfte er drohend und riß die blutunterlaufenen Augen auf, »alles mit Ordnung -- Unsinn -- bei dieser Hitze haben wir doch wenigstens Kaffee oder Wasser oder so was Ähnliches zu verlangen. Habe ich nicht recht, Herr Konsul Bark, ist es nicht Unsinn?«
Doch der Kaufmann kümmerte sich um die Meinung seiner Gefährten nicht im geringsten, er hörte sie wohl gar nicht, sondern hämmerte mit rücksichtsloser Wut weiter.
Die Tür rasselte auf. Ein allgemeines Ah und ein Atmen der Erleichterung folgte. Draußen auf dem halbfinsteren Korridor stand ein untersetzter Kosak, eine schmutzige Lammfellmütze auf dem plumpen Haupt, und in der schwieligen Rechten, unachtsam herabhängend, ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett. Der Kerl schien sich gleichfalls eben erst seiner Nachtruhe auf den Steinfliesen entrissen zu haben, denn auf seinen faltigen Röcken zeichneten sich deutlich die roten Streifen der Ziegel ab. Auch gönnte sich sein schwülstiger Mund ein umfangreiches Gähnen.
Der Konsul aber fuhr ihn an, als ob es ganz selbstverständlich wäre, daß der Kriegsknecht ihm unbedingten Gehorsam schulde.
»Heda, Sie Mensch, ich verlange sofort Ihrem Höchstkommandierenden vorgeführt zu werden. Zeigen Sie ihm diese Karte und bringen Sie mir ohne Aufenthalt Nachricht.« Zu gleicher Zeit griff der so sicher und furchtlos Sprechende in seine Tasche und warf ein Talerstück klirrend vor den Wächter auf die roten Ziegel.
Die anderen horchten hoch auf. Ein Raunen des Beifalls und der Bewunderung ging durch ihre gedrückten Reihen. Ja, das war die richtige Art, mit diesen Halbwilden Geschäfte abzuwickeln. Der Konsul verstand's! Ja, wenn man bloß so in die Tasche zu langen brauchte -- fein, fein! Ein großer Herr!