Die Herrin und ihr Knecht

Part 16

Chapter 163,567 wordsPublic domain

Der Russe hob das verschwommene gutmütige Haupt, und aus seinen verkniffenen blinzelnden Augen brach ein Strahl von Respekt und bedingungslosem Gehorsam. Einer solch imponierenden Frauengestalt, die so befehlend und deutlich ihre Wünsche durch ein Zeichen der Hand auszudrücken verstand, mußte der Slawe in seinem heimatlichen Garnisonsnest niemals begegnet sein. Demütig hob er die zerbeulte Mütze von seinem wilden Schopf, beugte sich und ließ klirrend das Gewehr auf den Steinen der Diele aufstampfen. Selbst der Hund kroch murrend unter die Stufe der Treppe.

»Ist Fürst Fergussow zu sprechen?« fragte die Blonde.

Verlegen wandte sich der Wachtposten hin und her. Sein Deutsch war so mangelhaft, daß er sich fast nur durch Zeichen zu verständigen vermochte. Deshalb hielt er das Bajonett auf den Hof hinaus und zeigte damit durch das Tor.

»Weit,« sagte er.

Johanna atmete auf, und doch ergriff sie ein leichter Schrecken.

»Ist der Fürst schon abgerückt?« drängte sie weiter.

Jetzt kraute sich der Wachtsoldat hinter den Ohren, und da seine Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, immer mehr wuchs, so verlegte er sich völlig auf die den Slawen so geläufige Weise der pantomimischen Darstellung. Schallend warf er sein Gewehr an die Wange, nahm eine drohende Miene an und tat so, als ob er mit einem fernen Gegner Schüsse wechsle. Gleich darauf stach er mit dem Bajonett kräftig in die Luft, warf den Oberkörper vor und stampfte so schrecklich mit den Füßen, daß sein zottiger Hund unter dem Treppenabsatz furchtsam aufzuwinseln begann.

Johanna hatte begriffen. Sie faßte rasch nach dem Geländer der Treppe und warf hastig hin:

»Es findet also hier in der Nähe ein Treffen statt, nicht wahr? Ist Fürst Fergussow dabei?«

Der Russe nickte lebhaft und befriedigt.

»Schon zu Ende,« stoppelte er mühsam aneinander. »Nemzows alle hin« -- er schlug mit dem Kolben auf die Erde, schloß die Augen und streckte die Zunge heraus -- »spitze Mützen viel zu wenig -- viel zu wenig.«

Die Gutsherrin ließ ihren Halt fahren und richtete sich auf. Nun wußte sie, was die geschäftigen Bienen bei Tagesgrauen vor ihren Fensterscheiben gesummt hatten. Eine kleine Schar deutscher Männer, die es versucht hatte, die widerrechtlich Eingedrungenen zu vertreiben, sie war der Übermacht, der stupiden Masse, erlegen. Und Fürst Dimitri, der elegante Liebling der Petersburger Salons, der Träger der letzten und überfeinertsten Kultur, hatte es sicherlich nicht verschmäht, seinen Degen in das Blut der halb Wehrlosen zu tauchen. Wie selbstgefällig und von eigener Bewunderung geschwellt er jetzt wohl dort draußen über ihr zerstampftes Weizenfeld reiten mochte, unter dessen Halmen die verstummten Landsleute sich zum letzten Schlafe verkrochen hatten.

Ein heftiges Gefühl des Widerwillens durchfuhr die Nachdenkende. Und mit einer entschiedenen Bewegung wandte sie sich zur Tür, als ob sie den Infanteristen, dessen darstellerischem Geschick ihr quälender Wissensdurst soviel verdankte, ohne weiteres beiseite zu schieben gedächte. Indessen der Russe bewegte wiederum bedauernd sein plumpes Haupt, knickte zusammen und streckte in seiner kauernden Stellung sein Gewehr quer vor den Eingang.

»Was heißt das?« widersprach Johanna ungehalten, »sehen Sie nicht, daß ich auf meinen Hof hinaus will?«

Der Posten aber schüttelte seine dichte Mähne noch stärker. »Nix,« suchte er zu erklären, »keiner heraus.«

Da stieg eine feurige Röte in die sonst so blassen Wangen der Gutsbesitzerin, und sich verächtlich abwendend, schritt sie ohne ein weiteres Wort der Entgegnung an die Tür des kleinen Salons, den sie am verflossenen Abend für den Verwundeten geöffnet, und klopfte laut an das dunkle Holz. Zu ihrer größten Verwunderung rief Mariannes immer gleichmäßige und ruhige Stimme: »Herein.«

Was war das?

Unwillkürlich lauschte die große Blonde, als wünschte sie den entschwundenen Laut noch einmal zu erhaschen. Das war doch nicht möglich?! Wie konnte das unbesonnene Geschöpf es wagen, ohne die Erlaubnis der Ältesten den verwundeten Krieger in seinem Zimmer aufzusuchen, und zwar zu einer Zeit, zu der die sonst immer Müde und Phlegmatische noch lange der Ruhe zu pflegen gewohnt war? Allmächtiger Gott, war denn alles, was bis dahin als unverbrüchliches Gesetz galt, mit dem Einrücken der Fremden über den Haufen geworfen? Gab es nichts mehr, was in einer deutschen Wirtschaft unverrückbar feststand, nichts Solides und Sicheres, dem man sich williger beugte und unterwarf, als der dummen zufälligen Macht der Hereingeschneiten?

Festen Schwunges öffnete Johanna die Tür, und so groß war die Gewalt ihres Armes, daß das zurückfallende Holz einen schneidenden Luftzug verursachte, vor dem der Verwundete auf dem Sofa gestört das bärtige Gesicht verzog. Aber wie seltsam hatten sich die Züge des robusten Rittmeisters verwandelt. Die glänzende Rundung seiner Wangen dunkelte hohl und eingefallen, unter der aufgerissenen Uniform hob sich die entblößte Brust schwer und rasselnd, und der schlaff herabhängende Arm zeigte die innere Ermattung deutlicher, als alles andere. Nur die großen blauen Augen blitzten noch ebenso wild und unstet, wie am Abend zuvor.

Dicht vor ihm, tief in einen mattblauen Samtsessel zurückgelehnt, schlug Marianne ihre Füße gefällig übereinander und schien eben aus einer jener leichten Plaudereien aufgestört, die sie so heiter und zugleich so inhaltslos zu führen wußte. Hinter dem Kopfende des Sofas jedoch verharrten, wie in wachem Schlaf und mit halb geschlossenen Augen die Frau des Verwalters Baumgartner sowie ihr halbwüchsiges Töchterchen, obwohl sie sich vor Mühe, Angst und Anstrengung kaum noch auf den Füßen zu halten vermochten. Wahrlich, für die Hereintretende lag ein empörender Unterschied in dem völligen Zerfall dieser beiden arbeitenden und geplagten Geschöpfe und der unbekümmerten Behaglichkeit ihrer eigenen Schwester. Jedoch die Verletzte bezwang sich und hob, nachdem sie »guten Morgen« geboten, nun in ihrer kurzen und sehr verständlichen Weise an:

»Wie kommt es, daß du heut schon so früh zu sehen bist, Marianne?«

Die Schwarze lächelte trotzig. Jetzt, da eine andere, eine fremde Gewalt hier im Hause herrschte, da schien es ihr Vergnügen zu bereiten, sich dem Willen der älteren Schwester immer mehr zu entziehen. Und in ihrer spöttischen und selbstbewußten Art versuchte sie, es der Großen, die ihr so wenig Freiheit ließ, deutlich zu zeigen. Ohne ihre lässige Stellung aufzugeben, warf sie gleichgültig hin:

»Oh, ich sitze schon etwa eine Stunde hier. Ich hörte unseren Gast ein paarmal laut rufen, und da meinte ich -- --«

Doch die Ältere ließ sie nicht zu Ende gelangen.

»Unseren Gast?« unterbrach sie scharf und richtete ihre strengen Augen wenig erfreut auf das blutleere Antlitz des Mannes, der ihr schönes blaues Samtsofa so unbarmherzig zerdrückte.

Von dem harten Ton getroffen schlug auch der Rittmeister erstaunt und weltenfremd seine blauen Augen auf, die er für einen Moment kraftlos geschlossen. Unwillkürlich stützte er sich mit der Rechten krampfhaft auf das Polster der Seitenlehne, während er sich bemühte, selbst in seiner jetzigen traurigen Verfassung eine seiner gewohnten Verneigungen auszuführen. Allein er brachte es nur bis zu einem ruckartigen Vorstrecken des zerzausten Hauptes, um gleich darauf in ein nur schwer verhehltes Stöhnen auszubrechen.

»=Bon jour=, Gnädigste,« rasselte er in dumpfen Tönen, »hoffe, daß nicht gestört worden sind. Ich selbst vortrefflich geruht, ganz vortrefflich,« und er schlug sich mit der flachen Hand auf die nackte Brust, so daß es ein merkwürdiges fleischiges Geräusch verursachte. »Pompöses Quartier,« fuhr er fort, wobei er müde und ausdruckslos seinen Blick über die Samtmöbel fortgleiten ließ, bis er an der prachtvollen Gestalt von Marianne haften blieb. »Damen bemühen sich um unbedeutende Unpäßlichkeit gar zu aufopfernd. Darf ich fragen,« hauchte er und dehnte sich von Schmerzen zerrissen hin und her, »ob Arzt -- Arzt schon benachrichtigt wurde? Handelt sich zwar nur um Kleinigkeit -- versichere Sie, um absolute Bagatelle -- aber man möchte sich doch möglichst bald wieder an lustigem Herumstreifen beteiligen.«

Jetzt gab Marianne ihre ruhende Stellung auf, und während sie sich über ihr welliges Haar strich, da äußerte sie recht warm und bedauernd, als ob ihr das Leiden des fremden Reiters besonders nahe ging:

»Herr Rittmeister, vor einer halben Stunde hat Ihr Wachtmeister bereits gemeldet, daß Herr Doktor Küster, unser Landarzt, leider nicht mehr aufzufinden wäre.« Und unbekümmert und ohne auf die schreckensstarre Schwester zu achten, setzte sie noch hinzu: »Das Haus des Doktors soll vollständig herabgebrannt sein.«

»Herabgebrannt?!« stieß Johanna, die ihren Platz an der Tür noch immer nicht aufgegeben hatte, sich vergessend hervor, und ihre Fäuste ballten sich. »Herr Rittmeister, haben Sie gehört? Wie wollen Sie eine solche Schandtat verantworten?«

Inzwischen hatte sich Leo Konstantinowitsch mühsam in die Höhe gerichtet, und sein Bewußtsein gelangte allmählich zu größerer Klarheit. Bedauernd zuckte er die Achseln.

»Sicherlich nur Zufall, Gnädigste,« beschwichtigte er. »Unter meiner Führung wäre gewiß nicht geschehen. Aber Fürst Fergussow, der hier kommandiert,« fuhr er berechnend und immer mehr aufwachend fort, und ein heimtückischer Zug verbreitete sich um seine groben Lippen, »Fürst Fergussow von Petersburger Garde steht viel zu hoch und -- wie sage ich -- denkt viel zu liberal, als daß er gemeinen Soldaten ein so harmloses Pläsier verwehren sollte.«

»Aber das ist ja nicht möglich,« schnitt Johanna verächtlich ab. »Wie können Sie einem Aristokraten Ihres Landes Freude oder gar Duldung für ganz gewöhnliche Brandstifterei, für Raub und Diebstahl nachreden?«

Der Russe verbeugte sich wieder und schlug mit der Hand abwehrend durch die Luft.

»Pah, unsere Aristokraten,« zischte er, und seine unerträglichen Schmerzen rissen das letzte Bedenken nieder, über dasjenige herzufallen, was ihm in besseren Zeiten so oft den Weg versperrt hatte. Auch zwang ihn fressender Neid, jenen schönen Kameraden, von dem er immer argwöhnte, daß er sich ohne Mühe alle Weiber dienstbar zu machen wisse, gerade vor diesen beiden prangenden Geschöpfen herunterzureißen und zu besudeln. »Setzen sich, schöne Damen, -- setzen sich Gnädigste.« Er schob mit dem freien Fuß krachend und ohne Verständnis für die Unschicklichkeit, der Ältesten von Maritzken einen Samtsessel hin. »Setzen sich,« schrie er ungeduldig, als er sie zögern sah.

Und erst, als Johanna, um den Kranken nicht zu heftigerem Toben zu reizen, seinen Wunsch befolgt hatte, da sprach der Leidende in gieriger Verkleinerungssucht weiter. Aus jedem seiner Worte tröpfelte bitterer Haß. Der Bauernsohn, der todgezeichnete, schlug mit der Faust gegen das goldene Schild des hoch Gefürsteten, von dem er wußte, daß er selbst für ihn immer nur ein freigelassener Leibeigener geblieben sei.

»Oh, Damen kennen nicht,« fiel es giftig und neidisch von seinen Lippen, und vernehmlich redete sein brennendes Fieber mit: »wie wenig reiche Hofherren sich um ihre Untergebenen kümmern. Wir existieren gar nicht für sie. Wir sind nur Namen, Namen, die man in Listen schreibt oder wieder wegstreicht. Und besonders Dimitri Fergussow. Glauben mir, ich sage Ihnen, um Sie vor dieser glatten Maske zu warnen. Denn ist ja möglich, daß mich lächerlicher Ritz dorthin befördert, wohin wir gestern schon eine Anzahl von uns versteckt haben. Eingeschaufelt, verstehen Sie? Ich bitte um Vergebung, ist sehr häßlicher Gedanke, aber Teufel hält uns alle am Halskragen. Ja, besonders dieser Fergussow trägt Stein in der Brust. Wie könnte er sonst leben, wie könnte er ruhig schlafen? Ist ein Mörder, glauben Sie mir, ein Frauenschlächter, natürlich nicht mit Messer. Aber an seinen Händen klebt mehr heißes Blut, als hier an Säbel, den ich gestern noch munter hin und her tanzen ließ.«

Da reckte sich Johanna und machte Miene sich zu erheben.

»Das interessiert mich nicht,« lehnte sie frostig ab. »Mich gehen die Schicksale Ihres Vorgesetzten nichts an.«

»Doch, doch,« widersprach Sassin eifrig, als ob er fürchte, der heimlich gehaßte Kamerad könnte ihm auch jetzt wieder entwischen, »Sie wissen nicht. Aber ist schändlich, schreit zum Himmel. Ganz Petersburg beklagt noch heute kleine Kroniatowska.«

»Lassen Sie das,« befahl Johanna halblaut, und doch rührte sie sich nicht, ja sie wandte gegen ihren Willen das blonde Haupt dem Liegenden zu, als Marianne neugierig näher rückte.

»Wer ist die kleine Kroniatowska?« warf die Schwarze gespannt dazwischen, und ihr dunkles Antlitz belebte sich. In diesem Augenblick waren die letzten Reste der Erinnerung an die Not und das Grauen, die sich über Nacht auf das Land herabgesenkt hatten, von der Leichtsinnigen vergessen. »Ich erinnere mich, es wurde auch während unseres Besuches bei Ihnen von der Dame gesprochen. Es muß ein sehr junges Mädchen gewesen sein.«

»Sehr jung? Sagen Sie Kind?« stieß Leo Konstantinowitsch hervor, und die Sucht, seinen Gefährten in einem möglichst ungünstigen Lichte erscheinen zu lassen, verlieh ihm eine vorüberblitzende Spannkraft. »Vollkommenes Kind, meine Damen,« rief er mit kräftigerem Ton als bisher, »fünfzehnjährig. Wie man sagt, zweifelhafter Nachkömmling von großer Katharina.«

»Bitte, das wünschen wir nicht zu hören,« verwies hier Johanna ernstlich entrüstet und machte Miene aufzustehen.

Allein der Kranke faltete beinahe flehend die Hände und stammelte inbrünstig:

»Bleiben Sie, bleiben Sie, vergesse mich nicht wieder. Wollte Ihnen nur erzählen, wie durch betrügerischen Halunken von Mönch guter Dimitri mit kleiner ahnungslosen Prinzessin bekannt wurde. Eifer von Herrn Adjutanten soll damals in Glaubenssachen so überwältigend und überzeugend gewesen sein, daß armes Ding in dem demütigen und zerknirschten Bekenner einen Erweckten, -- haha -- einen Erleuchteten sah. Ist nicht hübsch? Einem solchen Heiligen gegenüber durfte man natürlich keinen eigenen Willen besitzen.«

»Hören Sie auf,« befahl Johanna von Grauen geschüttelt und starrte ihn an.

»Soll brausende Glut zwischen Beiden gewütet haben. Natürlich nur himmlische. Was weiß ich? Einige Monate später freilich lag Kleine aufgebahrt zwischen Wald von weißen Lilien. -- Vergiftet. -- Seine Durchlaucht aber weinte und schluchzte, klagte sich des gräßlichsten Verbrechens an, und Kammerdiener soll ihm zweimal Revolver entwunden haben. Ja, ist gutmütige und mitfühlende Seele, und beruht gewiß auf Verleumdung, wenn Klubgenossen einige Wochen darauf behaupteten, Fürst Dimitri hätte jeden Zusammenhang mit der fatalen Affäre schroff abgelehnt, ja achselzuckend geäußert, man könne doch nicht verlangen, daß zu seinen übrigen Hofämtern noch Charge von Kinderbonne übernehme. Witzig, meine Damen, nicht wahr? Treffend! Kavalier, dem alle Herzen zufliegen. Leo Konstantinowitsch Sassin kann sich natürlich nicht messen, ist nur armer Bauernsohn. Aber Teufel hole all diese wahnsinnigen Unterschiede! Man bekommt sie satt, wenn man so da liegt, wie ich.«

Der Rittmeister schwieg und sank zurück. Die übermäßige Anstrengung brachte ihn um den Genuß, den Erfolg seiner Boudoir-Geschichte beobachten zu können. Und doch wäre er vielleicht mit der Wirkung, die er bei den beiden Mädchen erzielt hatte, zufrieden gewesen. Denn Marianne unterdrückte kaum ihr vielbedeutendes üppiges Lächeln, und ihr Geist, der nur bei derartigen Intrigen eine Teilnahme verriet, wo es auf den Kampf zwischen Mann und Weib ankam, er schien durch das Geheimnisvolle dieser sündigen Affäre angenehm erregt. Auch Johanna lächelte. Aber es war die kalte Befriedigung eines Menschen, der sich wohl fühlt, weil seine Abneigung und sein Haß endlich einen gesicherten Grund gefunden. Ein müdes, schlaffes Schweigen breitete sich in dem kleinen Gemache aus. Man hörte nur noch das Plätschern des Wassers, so oft das schlaftrunkene Weib des Verwalters dem Verwundeten eine neue Kühlung auf die Brust legte. Und eine ganze Weile saß die Älteste von Maritzken, die sonst für jede Minute des Tages eine besondere Beschäftigung wußte, teilnahmlos und stumm, gemartert von der unbeschreiblichen Leere der Zwecklosigkeit, da ihr Wirken und Schaffen von einer brutalen Gewalt unterbunden war.

Plötzlich fuhr sie auf. Wie lange sie so vor sich hingesonnen, wußte sie nicht mehr. Jetzt sah sie, wie Marianne eilfertig das Fenster aufriß, und zu gleicher Zeit klang ein Trompetensignal über den Hof. Das Getrappel vieler Rosse, sowie das laute Gewirr sich verschlingender Stimmen erfüllte die Morgenluft.

»Fürst Fergussow kommt eben durch das Tor,« meldete Marianne, als ob es sich um einen längst ersehnten Befreier handle, »welch einen schönen Schimmel er reitet.«

»Arabische Zucht,« murmelte von seinem Sofa Leo Konstantinowitsch, obwohl er sich seinem Dämmerzustand nicht mehr entwinden konnte. »Zarengeschenk -- verwünschte Bande!«

»Komm, Johanna,« drängte Marianne noch einmal und winkte lebhaft mit dem Finger, »denke nur, Durchlaucht hat mich schon bemerkt und ist schon vom Pferde herunter. Jetzt wirft er die Zügel einem anderen zu und nähert sich direkt unserem Fenster. Willst du ihn nicht begrüßen?«

Von der Lagerstatt des Kranken drang ein Schnauben herüber. Die Blonde aber regte sich nicht, sie sank nur noch tiefer in ihren Stuhl zurück, als könnte sie sich auf diese Weise vor den Blicken des jungen Mannes verbergen, der sich soeben mit einem höflichen Gruß in die Fensterhöhlung hineinbeugte.

»Guten Morgen,« rief die wohlklingende Stimme, indem sich der elegante Reiter über die glatte Mädchenhand neigte, die ihm ohne Zögern überlassen wurde; in demselben Augenblick jedoch erfaßten seine scharfen Augen auch schon die hohe Gestalt in dem Dunkel des Zimmers. »Ah, ich sehe, die Damen betätigen sich bereits in ihrem schönsten Metier, Sie bringen Trost und Hilfe ohne Ansehung der Person. Ich bin Ihnen zu größtem Danke verpflichtet, weil Sie sich um den armen Kameraden so sorgsam bemühen.«

»Ja, ausgezeichnet, fabelhaft,« rief der Verwundete vom Sofa aus dazwischen, und man wußte nicht, ob seine Wut oder sein Dankbarkeitsgefühl überwog, »fühle mich wie im Himmel.«

»Das ist gut, Leo Konstantinowitsch, das ist gut,« begrüßte ihn der schlanke Oberst nun mit einem lebhaften Winken der Hand, »Sie sehen schon viel besser aus, lieber Kamerad.«

»Ganz sicherlich,« schrie der andere, »Wohlbefinden steigert sich mit jeder Minute.«

»Das freut mich, Leo Konstantinowitsch, das freut mich wirklich ungemein.« Auf seinem schönen Gesicht strahlte es auf, die Besserung in dem Ergehen des Kameraden bedeutete offenbar für ihn eine Erleichterung. »Denken Sie, lieber Freund,« fuhr er eifrig fort, indem er sich mit der Hand auf das Fensterbrett stützte, »ich habe auch endlich einen Stabsarzt aufgetrieben, einen vortrefflichen Mann, Korsakow mit Namen, den ich von einem Aufenthalt in der Krim her kenne, wo er sich merkwürdigerweise mit der Züchtung junger Haifische abgab.«

»Gut, gut,« stöhnte Sassin, »dann ist er gerade für mich der passende Mann.«

Der Fürst mußte lachen, und Johanna, die noch immer unbeweglich in ihrem blauen Samtsessel verharrte, entdeckte mit einigem Unbehagen, wie unglaublich frisch und unberührt das Antlitz des Aristokraten leuchtete, sobald er offen seine Freude äußerte. Es wollte zu ihrem Bilde nicht stimmen. Und sie schüttelte sich leicht. Dann lauschte sie gespannt weiter.

»He, Korsakow,« rief der Fürst inzwischen laut über den Hof, »hier ist Ihr Patient.«

Und als sich aus dem Getümmel der zum Teil abgesattelten, zum Teil vor einer Brunnentränke sich erfrischenden Pferde eine kugelrunde schwarzbärtige Gestalt mit einer ungeheuren zerbeulten Schirmmütze abgelöst hatte, da eilte ihm der Oberst elastisch entgegen, um den Arzt ohne weiteres an der Achselklappe bis dicht vor das Fenster zu ziehen.

»Hier drinnen, lieber Doktor,« erklärte er, »finden Sie Ihren Patienten. Machen Sie schnell, daß Sie hereinkommen.«

Allein zu Johannas Verwunderung rührte sich die dicke Kugel nicht. Der Mann zupfte vielmehr an seinem verworrenen schwarzen Bartgekräusel, rückte sich die merkwürdig großen Horngläser auf der plumpen Nase zurecht und starrte den Verwundeten auf dem Sofa unverwandt an.

»Was wollen Sie?« schrie Sassin wütend.

»Wundfieber,« murmelte der andere und zog sich von dem Fenster ein wenig zurück, als ob er sich vor einer ansteckenden Krankheit zu hüten hätte. »Der Einschuß sitzt zwei Zentimeter rechts von der Lunge, und die Kugel behindert die Atmung.«

»Herr,« sagte Dimitri, ihn verblüfft musternd, »Ihr Kombinationstalent auf diese Distanz ist erstaunlich. Aber hegen Sie nicht das Verlangen, sich etwas dichter in die Nähe meines verletzten Freundes zu begeben? Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich in fremde Angelegenheiten mische, aber mir scheint, in einem solchen Fall pflegt von Ihren Kollegen die Sonde angewendet zu werden.«

»Ganz recht, die Sonde, ganz recht,« stotterte der Schwarzbärtige und tastete nach einem Instrumententäschchen, das ihm quer über den Bauch herabhing; als es jedoch drinnen klirrte, erschrak er sichtlich. »Sie müssen nämlich wissen, Durchlaucht,« offenbarte er sich endlich, während ihm der Schweiß unter der großen Mütze hervorlief, »daß ich bisher nur auf dem Katheder stand. Es ist nicht mein Wunsch, mich so plötzlich in die Praxis versetzt zu sehen. Aber immerhin, immerhin,« setzte er sich zusammenraffend hinzu, »es wird gehen, man wird sich Mühe geben. Schließlich« -- er zuckte die Achsel -- »eine gute Natur muß uns unterstützen, sonst vermögen wir alle nichts. Ich werde den Kranken untersuchen.«

* * * * *

Eine halbe Stunde später war Leo Konstantinowitsch Sassin bereits in das verlassene Zimmer Isas geschafft. Und nachdem der umfangreiche Stabsarzt unter Aufbietung des äußersten Mutes zu seinem eigenen Erstaunen die Kugel leicht und ohne große Hindernisse, nur unterbrochen durch ein häufiges Aufbrüllen des Verwundeten, aus dem verletzten Körper entfernt hatte, da lag nun der Rittmeister in dem schneeweiß angestrichenen Bett des jungen Mädchens und erzählte seinem Helfer zu dessen drückendster Verlegenheit wirre und krause Geschichten.

»Verwünschte Bande, am Hofe, lieber Doktor -- wir Bauern nichts als Leibeigene für die Herren. -- Sagen Sie, Teurer, haben Sie vielleicht üppige schwarze Nemza gesehen, wie sie unter Wald von Lilien lag? -- Zum Teufel, halte nicht aus, Durchlaucht.«

Zu derselben Zeit klopfte Johanna mit harter Hand gegen die Tür des kleinen Eßzimmers, das Fürst Fergussow sich für seinen persönlichen Gebrauch vorbehalten hatte.

»=Entrez=,« rief eine helle, klangreiche Stimme.

Und als der im Zimmer erregt auf und nieder Wandelnde seine blonde Gastgeberin in dem einfachen blau und weiß gepunkteten Kattunkleid gewahrte, da knöpfte er gewandt die halb offene Uniform zusammen, und blickte hilfsbedürftig nach dem Tisch, wohin er seine Mütze, Säbel, einen Revolver und mehrere Karten achtlos übereinander geworfen hatte.

»Sie müssen vergeben,« begann er rasch und schüttelte sich leicht; »man ist doch ein wenig außer Fassung, wenn man, wie ich, zum erstenmal mit dem Sensenmann Karten spielte. Das peitscht auf die Nerven zuerst mächtig ein,« atmete er, trat an den Tisch und ließ die Säbelscheide verloren durch seine Hand gleiten. Aber gleich darauf hielt er inne, bezwang die eigene Unrast, und während er energisch sein verwirrtes braunes Gelock zurückwarf, blieben seine dunklen Augen an der aufrechten Gestalt der Deutschen haften, und er fragte sich, warum sie wohl so bestimmt und fordernd vor ihm aufrage. »Darf ich fragen, ob ich Ihnen mit irgend etwas dienen kann, Gnädigste?« begann er in seinem verbindlichen Ton, obwohl die Floskel im Moment etwas müde klang.

»Ja, Fürst Fergussow,« entgegnete Johanna, »Sie müssen mir jetzt einige Fragen beantworten.«

»Muß ich? Mit Vergnügen! Bitte sprechen Sie offen.«

»Nun gut, dann entdecken Sie mir, ob Sie wirklich an Ihre Wachtposten den Befehl erteilten, mich nicht mehr aus meinem Hause zu lassen.«