Die Herrin und ihr Knecht

Part 15

Chapter 153,536 wordsPublic domain

Noch redete der Fürst, als die Gutsherrin plötzlich etwas Kaltes, feucht Durchfröstelndes an ihrem Arm spürte, und mit der Berührung schoß ihr ihre Lage, ihre rettungslose Auslieferung an eine fremde Gewalt mit schmerzhafter Klarheit ins Bewußtsein. Zuvorkommend lächelnd sah der durchnäßte Offizier mit an, wie das blonde Haupt sich mit einer gewaltsamen Anstrengung erhob, ja, er fühlte eine Art von Bewunderung für die furchtlose Ruhe, die so unvermutet in den eben noch verstörten Zügen lebendig wurde. Nur ungemein blaß blieben die Wangen des großen Weibes, das so hoheitsvoll und unnahbar vor ihm gelegen hatte, und er konnte nicht umhin, seine zudringlichen Augen niederzuschlagen, als er bemerkte, wie sie mit rastlosen Händen ihren leinenen Mantel um ihre Schultern zusammenzog.

»Ist Krieg ausgebrochen?« war das erste, was sich rauh ihrer Kehle entwand, während sie mit einer raschen Bewegung aus dem Bett glitt. Ganz nah stand sie dem Manne jetzt gegenüber, von dem sie sich blitzartig entsann, daß er Dimitri heiße, ihre Hände hielt sie unter dem Hals zusammengefaltet, und ihre langen hellen Haare fielen ihr über die Schulter.

Auch der Russe stand ohne sich zu rühren, nur die Nasenflügel bebten ein wenig, und in seinen Blick drang etwas Unsicheres, das zu seiner gewohnten vornehmen Überlegenheit nicht völlig paßte.

»Ist Krieg ausgebrochen?« stieß Johanna noch einmal hervor, und ihre in der matten Beleuchtung fast dunklen Augen umspannten aufmerksam die nahe Tür, als begänne sie bereits jetzt zu berechnen, wie man den Ausgang gewinnen könne. »Uns ist von einer Erklärung nichts bekannt,« setzte sie schon etwas anklagender hinzu, denn ihr Gerechtigkeitssinn klammerte sich selbst in diesem Weltuntergang an Ordnung und Herkommen.

Der Offizier jedoch zuckte verbindlich die Achseln und riß sich mit einem entschuldigenden Murmeln die durchnäßte grüngraue Mütze von seinem Lockenhaupt, denn jetzt, da die große blonde Nemza so kühl und frostig, wie er sie im Gedächtnis bewahrte, vor ihm aufragte, da erinnerte sich sein anerzogener Takt daran, daß er immerhin vor einer Dame stände und zwar in ihrem Schlafgemach.

»Gnädigste,« sagte er rasch, indem er die kleine Schußwaffe in die Manteltasche gleiten ließ, um sein Gegenüber nicht unnötig zu ängstigen, »ich bedaure es außerordentlich, daß ich für Sie der erste Bote der bereits seit gestern begonnenen Streitigkeiten sein muß. Ob diese Differenzen vorher angekündigt wurden oder nicht, bin ich leider nicht in der Lage zu übersehen. Jedenfalls bringt der rasche Einbruch für uns Vorteile, die ich wahrzunehmen gezwungen bin.«

In dem Bestreben, die Gutsherrin zu beruhigen, wollte der Dragoner augenscheinlich noch etwas anfügen, als sich hinter ihm ein Poltern und Schreien erhob. Ein paar völlig mit Kot bespritzte, vom Regen beinahe durchweichte Soldaten waren die Treppe heraufgestürmt. Sie hielten eine brennende Stallaterne vor sich und starrten neugierig in das offene Stübchen, mit einem heimlichen Schmunzeln, das Johanna, obwohl sie jetzt erst den vollen Ernst ihrer Bedrängnis erkannte, innerlich empörte.

»Durchlaucht,« wandte sie sich ohne noch eine Spur von Beängstigung zu verraten, an den Offizier, und ihre Stimme klang streng und ernst wie immer, »bitte schicken Sie Ihre Leute fort, denn ich bin nicht so bekleidet, um mich vor Fremden zeigen zu können. Das gilt auch für Sie. Und dann bitte sagen Sie mir, was Sie von mir wünschen und welches Schicksal mich und die Bewohner von Maritzken erwartet.«

Der Russe wandte sich erst zur Tür, warf die Hand gebieterisch vor und rief ein einziges fremdartiges Wort. Aber seine Weise, Befehle zu erteilen, schien von der Gewöhnung diktiert, Gehorsam zu erzwingen. Sofort krümmten sich die durchnäßten struppigen Gestalten auf dem dunklen Flur zusammen und tappten lautlos die Treppe herunter. Nur ein starker Mann, der wohl die Charge eines Wachtmeisters einnahm, raffte den Säbel militärisch an sich und erstattete eine kurze Meldung. Daraufhin flog ein Schatten über die Züge des Fürsten, er wandte sich ein paarmal unentschlossen hin und her, um dann von neuem auf die Besitzerin des Hauses zuzutreten. Diesmal jedoch klang seine Anrede nicht mehr so devot und rücksichtsvoll, sondern sie war beherrscht von dem Willen eines Machthabers, der für seine Wünsche Beachtung zu finden gesonnen ist.

»Meine Gnädige,« begann er, »ich hätte es sicherlich vorgezogen, Ihnen erst morgen meine Aufwartung zu machen, wenn ein Unfall uns nicht zwänge, Ihre tätige Mitwirkung zu erbitten. Ich brauche ein gut eingerichtetes Zimmer für einen Verwundeten,« fuhr er knapp und berechnend fort. »Drinnen in der Stadt ist einem meiner Offiziere von einer bekannten Persönlichkeit ein Empfang bereitet worden, wie wir ihn von einem uns freundschaftlich nahestehenden Herrn nicht erwarten durften.«

»Um Gottes willen, von wem reden Sie?« rief Johanna von einer Ahnung durchschlagen.

Der Offizier jedoch schüttelte diesmal abweisend das Haupt. »Ich bedaure, darüber keine Auskunft erteilen zu können,« lehnte er mit einer leichten Verbeugung ab. »Dagegen muß ich Sie noch einmal ersuchen, für meinen verwundeten Kameraden die umfassendste Sorge tragen zu wollen. Er glaubte, hier eine unserer Sanitätskolonnen erreichen zu können, aber dieses Vorhaben ist uns leider mißgeglückt. Bitte wollen Sie deshalb, mein Fräulein, sofort ein geräumiges Zimmer aufschließen lassen und uns sodann die etwa vorhandenen Leinen- und Verbandstoffe anvertrauen.«

»Darf ich mich erst umkleiden?« drängte die Älteste von Maritzken gepreßt.

Der Offizier bewegte bedauernd die Hand.

»Ich vermag Ihren Unwillen vollkommen zu begreifen,« wandte er immer noch mit seiner konzilianten Haltung ein, »allein wie ich schon betonte, unser Fall verlangt die größte Eile. Bitte, wollen Sie vorantreten,« forderte er dann noch zielbewußter, »und seien Sie überzeugt, Ihnen wird nicht nur von mir, sondern auch von allen meinen Untergebenen jeder Respekt entgegengebracht werden!«

Damit ergriff der Russe ohne weitere Erlaubnis die kleine Petroleumlampe, trat an die Schwelle der Tür und hob die Leuchte hoch in die Höhe. Johanna aber durchdrang, während sie schweigend an ihm vorüberschritt, zum erstenmal das peinigende Gefühl des Unterworfenseins. Es war ja eigentlich eine ganz lächerliche Veranlassung, aber als der fremde Mann, der sie doch mit ausgesuchter Höflichkeit behandelte, den Porzellangriff des Lämpchens umklammerte, mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte von nun an alles, was zu diesem Hause gehörte, unbedingt und ohne Widerrede seinen Wünschen zu dienen, da schnitt dem Landfräulein etwas ins Herz. Etwas, das nie wieder heilen sollte und wodurch in ihr Denken ein Verlangen hineingetragen wurde, das sie sich vorläufig noch nicht zu deuten vermochte, vor dessen Gewalt aber ihr ruhiges Gleichmaß schließlich in die Knie brach. Eilfertig, wie ihr geheißen war, stieg sie die Treppe herunter, ihre Hände zogen noch immer instinktiv die leinene Hülle fest unter ihrem Halse zusammen, aber während sie bereits kühl und folgerichtig überlegte, welche Anordnungen nun zunächst zu treffen wären, und ob nicht etwa Knechten und Mägden bereits ein Unheil widerfahren sein könnte, da spürte sie in den Tiefen ihres Wesens ein unheimliches wildes Klopfen und Drängen, ein Fluten, das wie ein unstillbares Fieber von nun an ihren Leib umhüllte, auch wenn ihr Mund lächelte. Mit leichten Tritten war ihr Fürst Fergussow gefolgt. Sie hörte seine Sporen noch auf den Stufen klirren, als sie bereits zu ebener Erde vor einer breiten Tür stehen blieb, um dann durch einen Schlüssel des mitgebrachten Bundes das Schloß zu öffnen. Allein noch war das Räuspern und Winden des Schlüssels nicht ganz verklungen, als hinter der Abgewandten eine hohle Stimme sich bemerkbar machte, die mit größter Anstrengung Mark und Tiefe in ihr Organ zu zwingen suchte.

»Ah =bon soir=, schönstes Fräulein,« röchelte es in gebrochenen Lauten.

Johanna kehrte sich betroffen um, und bei dem trüben Lampenlicht, das vor der einströmenden Luft zuckte und flimmerte, fing sie mit Schauder auf, wie neben dem Eingang ein bärtiger Mann zusammengesunken auf einem alten zerfetzten Bauernstuhl hockte, den die Russen scheinbar von weit her mitgeschleppt hatten. Über dem grauen Mantel hatte sich ein verkrustetes Blutrinnsal gebildet, und aus dem breiten Gesicht, das einen fahlen Widerschein von sich gab, leuchteten ein paar funkelnde, bösartige Augen.

»Diese Schweine,« fuhr die hohle Stimme mit zitternden Schwankungen fort, »Sie haben mich festgebunden, sonst würde ich aufstehen. Ganz gewiß. Leo Konstantinowitsch Sassin weiß, was er schönen Damen schuldet.« Und dann versickerten die schwächlichen Laute, und Johanna fühlte beschämt, wie die brennenden Augen des Verwundeten spürend an ihrem weißen Gewand herumtasteten. »Aus dem Bett geholt?«, keuchte der Blutende und richtete einen seltsamen Blick auf den Fürsten Fergussow. »Dieser verfluchte Krieg, wir wünschen ihn nicht.« Aber gleich darauf warf sich der Rittmeister so gut er konnte, zu den ihn umstehenden Soldaten herum und schrie wütend, so daß es jetzt wirklich durch das Haus gellte: »Schert euch endlich zu einem Arzt, ihr Müßiggänger. Wollt ihr mich hier noch länger anstarren? Und Sie, Durchlaucht, verschaffen mir vielleicht durch Ihre vorzüglichen Verbindungen ein Sofa oder eine Chaiselongue. Ich brauche nur ein paar Stunden Schlaf. Sie sollen sehen, nichts weiter. Oh, dieser verwünschte deutsche Heuchler, wenn ihm doch heimgezahlt würde!«

Wie ein Traum, rasch, schemenhaft, wesenlos, glitt von nun an alles an der Gutsherrin vorüber. Sie sah, wie der Kranke auf seinem Stuhl von zwei Soldaten in das geöffnete Zimmer getragen wurde und spürte die schwere stickige Luft, die aus dem Raum herausschlug, weil es eines jener Staatsgemächer war, die mit verhängten Fenstern fast das ganze Jahr unbenutzt in dunklem Schlafe lagen. Ihr war es so, als ob der Verwundete auf das veilchenblaue Samtsofa gebettet würde, und vorüberfliehend preßte die Erwägung ihr hausmütterliches Herz zusammen, wie sehr das kostbare alte Ebenholzmöbel unter der beschmutzten Kleidung des Mannes sowie vom herabrinnenden Blute leiden müßte. Ihr schien es, als ob die junge Frau des Verwalters Baumgartner, die ihr halbwüchsiges Töchterlein an der Hand führte, von ein paar rohen Männerfäusten zur Bedienung des Kranken über die Schwelle gestoßen wäre, und für einen hinzuckenden Moment erkannte sie die bleichen Züge der beiden halb Bekleideten, in denen ein starres Entsetzen lauerte. Dann fand sie sich selbst vor dem mächtigen Bauernschrank auf dem Flur, aus dem sie Leinenstoffe und allerlei Verbandzeug herausgab.

Aber plötzlich wurde alles still, der Lichtschein entschwand hinter der geschlossenen Tür, und nur ein paar nahe, regelmäßige Atemzüge verrieten ihrem herumtastenden Bewußtsein, daß sie jetzt mit dem Fürsten Fergussow allein in der Finsternis weile. Empfindlich schauerte sie zusammen, denn sie glaubte den fremden Atem ganz dicht an ihrem Nacken zu spüren.

Da lief unvermutet ein neuer Lichtbach die Treppe herunter, und in dem huschenden Schein sah Johanna, wie der Russe sich zusammenraffte, um grüßend die Hand an die Mütze zu führen. Über die obere Galerie beugte sich Marianne herab, und aus ihrem Nachtkleid dämmerten die entblößten Arme voll und wohlgeformt hervor, so daß selbst die widerstrebende älteste Schwester innerlich zugeben mußte, selten ein lockenderes Bild erschaut zu haben. Allein nur eine Sekunde konnte bei der Umsichtigen eine derartige Erwägung dauern, denn kaum hatte sie festgestellt, mit welch bewunderndem Glanz sich die Augen des fremden Offiziers erfüllten, da klang es bereits hart aus ihrem herrischen Munde hervor:

»Marianne!«

»Was willst du?«

»Du siehst, wir haben Einquartierung erhalten. Begib dich auf dein Zimmer zurück und schließe hinter dir zu.«

Aber der verbindliche Gruß des fremden Offiziers mußte auf das schöne Geschöpf in dem losen Nachtkleid dort oben durchaus die gewünschte Wirkung hervorgebracht haben. Um ihren Mund huschte ein wohlgefälliger Zug, sie schien weit davon entfernt, auch nur die winzigste Vorstellung von dem Jammer zu besitzen, der nicht allein ihre bisherige Wohnstätte, sondern doch sicherlich auch die ganze Umgegend betroffen hatte. Mit einer feinen Biegung verneigte sie sich zum Abschied vor dem fremden Eindringling, und während sie sich bereits von der Galerie abkehrte, da warf sie über die Schulter noch einen ihrer samtweichen Blicke zurück. Es war ganz die Art, wie wenn sich eine Tänzerin nach dem Ball von ihrem Kavalier zögernd und vielsagend trennt. Gleich darauf klang langsam und ohne sonderliche Eile die Tür. Es wurde wieder dunkel.

»Ich werde Licht holen,« äußerte die klare, grobe Stimme Johannas.

Fürst Fergussow griff in seine Manteltasche, zog eine kleine elektrische Laterne hervor und drückte den Knopf. Sogleich strahlte ein runder, goldiger Kreis auf, in dessen Mitte das starre Haupt der Nemza in einer steinernen Weiße hervorschimmerte.

Und als der elektrische Blitz sich in den Augen der vom blendenden Licht Umrahmten spiegelte, da fuhr der Beobachter zurück vor der eisernen Grausamkeit, die dort unversteckt funkelte und glitzerte.

»Pfui Teufel, zwei beleuchtete Messer,« dachte der Fürst widerwillig.

Und seit dieser Erkenntnis hegte er nur den lebhaften Wunsch, die unwillkommene Gesellschafterin rasch von sich abzuschütteln. Ohne weitere Überlegung sagte er deshalb in seinem in Höflichkeit erstarrten Ton:

»Ich würde es mir nie verzeihen, Sie noch länger aufzuhalten. Gute Nacht.«

Auch Johanna verbeugte sich und wollte aus der halbangelehnten Eingangstür in die Dunkelheit herausschreiten, der Offizier jedoch vertrat ihr plötzlich den Weg.

»Gestatten Sie, daß ich noch eine Form erfülle. Mein Wachtmeister hier wird Sie auf Ihren Gängen zu Ihrem Schutz begleiten.«

»Ich bin also eine Gefangene?« stockte Johanna mit bitterem Lächeln.

»Wie gesagt, es geschieht nur zu Ihrer Sicherheit. Alles Nähere werden wir dann morgen erörtern. Bis dahin, gute Nacht, meine Gnädige, und nochmals verzeihen Sie die Störung Ihrer Ruhe.« Und achselzuckend setzte er hinzu: »Der Krieg ist leider ein Handwerk, das sehr gegen meinen Geschmack mit groben Mitteln arbeitet.«

Er verbeugte sich leicht, und Johanna bemerkte noch im Zurückblicken, wie die schlanke Gestalt in das bereits erleuchtete Zimmer schritt und achtlos ihren durchnäßten Mantel über einen Schaukelstuhl schleuderte. Dann entzündete der Fürst sich eine Zigarette und begann flüchtig in den auf dem Tisch herumliegenden deutschen Journalen zu blättern. Die weißen Dampfwolken umschwebten ein apollinisch geschnittenes Antlitz.

* * * * *

Die Älteste von Maritzken saß in ihrer leichten Kleidung wieder auf dem Bettrand, um mit Aufbietung aller Sinne jedem Geräusch nachzuspüren, das von Hof und Haus zu ihr heraufschlug. Und die Nacht verschärfte und verzerrte alle Töne, die sonst für die Lauschende keinen Sinn aufgewiesen hätten und schob ihnen eine schreckhafte Deutung unter. Bald quoll ein wüstes Ächzen und Fluchen durch die Dielen des Fußbodens empor, und Johannas aufgeregter Geist malte sich aus, wie der Rittmeister Sassin, nur durch ein paar dünne Planken von ihr getrennt, jetzt gewiß schon mit einem tobenden Wundfieber rang. Herrgott, die Frau ihres Verwalters Baumgartner war ja gezwungen worden, dort unten hilfreiche Hand zu leisten. Und hatte die notdürftig Bekleidete nicht auch ihr blutjunges Töchterchen bei sich gehabt? Wenn nun den Beiden von rohen Soldatenfäusten etwas Beschämendes widerführe!?

Wild begann ihr das Herz bis in den Hals zu schlagen, jedoch ehe sie diese aufregende Gedankenreihe noch erschöpfen konnte, da wurde sie durch die Erinnerung an ihren Verwalter schon wieder auf eine neue Bahn gehetzt. Ob Baumgartner noch immer nicht zurückgekehrt war? Sie beugte sich über die kleine Uhr auf dem Nachttisch und fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß bereits die zweite Stunde des Morgens angebrochen sei. Durch die Vorhänge stahl sich schon ein mattes Grauen und Dämmern herein. Der Frühwind sauste in den Eichenkronen, und hier und da erhob sich das vorzeitige Zirpen eines träumenden Vogels. Aber durch all diese Anzeichen des Erwachens drang etwas anderes hindurch, etwas so Fernes, Verschwommenes, daß sich die Einsame aufs äußerste anstrengen mußte, um überhaupt das in der Weite vollkommen versickernde und verschwimmende Geknister unterscheiden zu können. Abermals griff sie in die Kissen, jedoch mehr um sich festzuhalten, und starrte unverwandt auf die geschlossene Gardine, als ob das leise sich bewegende Leinen kein Hindernis für sie böte. Wenn sie ihr Gehör bis zur Schmerzhaftigkeit spannte, dann schlug von draußen ein gedämpftes Rasseln bis an ihr Lager, rasch aufeinanderfolgende Laute, die sich wie das Klappern über Treppenstufen herabrollender Erbsen anhörten. Großer Gott, das kämpfende Weib begriff plötzlich, was das gleich bleibende Geknatter zu bedeuten habe. Nun, da sie das weiße Kissen in ihren arbeitsgewohnten Fäusten zerkrampfte, jetzt, wo sie lauschte und lauschte, atemlos, jeder Bewegung beraubt, gleich einem Sünder, dem man die letzte Stunde verkündet, da stürzte es plötzlich zerschmetternd auf sie herab. Die ganze unnennbare Erkenntnis von Zerfleischen, Untergang, Mord, Umpflügen und der entsetzlichen Wertlosigkeit des bisher so ängstlich behüteten Einzeldaseins. Vor Wut und Grauen hätte sie laut aufheulen mögen. Ihr gestraffter Körper warf und spannte sich, als müßte sie ihn zur Verteidigung von etwas Letztem, Kostbarstem, einem anstürmenden Bedränger entgegenschleudern.

Das erste Mal in ihrem Leben barst der Panzer von Vernunft und Sitte schallend über ihrer Brust auseinander. Es war ein anderes Weib, das, ohne eine Ahnung davon, wie es im Moment mit den frei gewordenen, zur Rache erhobenen Armen gleich einer Verkörperung ihres vergewaltigten Landes dasaß, es war ein anderes, wutgeschütteltes Geschöpf, das da, keinen Blutstropfen im Antlitz, mit unheimlich hervorblitzenden Zähnen zu dem schönen Männerkopf hinaufstierte.

Das Bild sah mit seinen heißen, lebenshungrigen Augen auf das frostgeschüttelte Geschöpf herab. Laut aufschreiend strauchelte sie und stürzte so wie sie war, quer über das Bett. Das letzte, was sie hörte, war das immer heftiger werdende Zischen und Schwärmen der wilden Bienen, die mit den Köpfen summend gegen die Fensterscheiben taumelten.

* * * * *

Eine Uhr schlug. Und zur gleichen Minute richtete sich Johanna auf, um sich die Augen zu reiben. So geregelt verfloß ihr Dasein, daß sie sich sogar aus Schauer und Krampf pünktlich um die fünfte Morgenstunde emporraffte, denn es war die Zeit, wo sie die Mägde beim Melken zu beaufsichtigen pflegte. Erstaunt, ungläubig schüttelte sie das Haupt, als sie ihre sonderbare Lage bemerkte. Im hellen Licht des Tages fehlte ihr bereits jedes Verständnis für das schwächliche Nachgeben einer überwältigten Natur. Derartige Dinge verachtete sie heimlich und hatte sie stets für die Anzeichen einer überfeinerten und kränkelnden Epoche gehalten. Und jetzt wollten ihre eigenen Nerven versagen?

Lächerlich!

Dazu war sie nicht geschaffen. Es traten jetzt soviel neue, eiserne Aufgaben an sie heran. Mußte sie nicht versuchen, durch das Ansehen ihrer Person die Zerstörung ihres Besitztums zu verhindern? Bildete sie nicht den letzten Halt für ihre Untergebenen, die nur im Vertrauen auf ihren Schutz nicht schon längst ihr Heil in einer eiligen Flucht gesucht hatten? Während sie sich ankleidete, stieß sie unhörbar das Fenster auf und beugte sich hinaus. Dort drüben über den dichten Weizenfeldern wallte ein bläulicher Qualm. Schwer und massig dampfte er über die Flächen, wo früher das Gewoge der gelben Frucht das Auge der Besitzerin erfreut hatte. Und Johannas geschärfter Blick entdeckte sofort, daß dies bleigraue Brodeln nicht die silbernen Gespinste des Frühnebels waren. Nein, dort draußen unter der dichten Decke verbarg sich etwas, das ihr Herz mit Grauen, aber auch mit lichter Hoffnung erfüllte. Vielleicht hatten die Männer ihrer Heimat dort unten auf dem Felde bereits eine furchtbare Ernte gehalten. Vielleicht war das Unkraut, das über Nacht aufgeschossen war, von schwieligen Händen ausgejätet und fortgesichelt, und das Stück Erde, auf dem sie groß geworden, der weiße Hof, dem ihr unermüdliches Wirken gegolten, sie waren womöglich schon wieder erlöst von ihren unheimlichen, nächtlichen Gästen. Noch gab sie sich solchen schimmernden Wünschen hin, als vom Hof ein lautes Gepolter und fremdartiger Lärm zu ihr heraufdrangen.

Welch ein Bild! Wie packte es mit rauhem Griff ihr aufpochendes Herz und stieß es hin und her. Warum hatte sie den tollen Tumult, der dicht unter ihr fessellos durcheinander quirlte, auch nur für eine Sekunde übersehen können? Oh nein, die fremden Einlagerer waren weder versprengt noch abgezogen. In unordentlichen Haufen, die meisten erst halb bekleidet, standen sie gröhlend und lachend umher, und das Heu, das in Strähnen an ihren grün-grauen Uniformstücken herumhing, bewies, wo die Mannschaften diese Nacht eine Ruhestätte gesucht hatten. Schmerzlich verzog die Hausherrin den Mund, als sie mit ansehen mußte, wie die feste Tür des Kuhstalles von ein paar herkulischen Gestalten durch derbe Fußtritte aufgestoßen wurde, und ihre Brust hob sich rascher, als sie sah, wie vier bis fünf Kälber, jung geborenes Vieh, ohne weiteres aus ihrer warmen Behausung herausgetrieben wurden. Jämmerlich blökten die Tiere und dann verschwanden sie unter der dunklen Halle einer Scheune, aus der sich den Widerstrebenden bereits blutgefärbte Fäuste entgegenreckten. Aus der Küche erscholl lautes Zetern. Fluchende Männerstimmen schienen dort etwas zu fordern, was sich in der Eile gewiß nicht so schnell herbeischaffen ließ, und die Lauscherin zuckte zusammen, als das furchtsame Aufschreien aus Mädchenkehlen an ihr Ohr schlug.

Oh, hier war die Hölle los. Alle Ordnung, jeder Respekt vor dem Hergebrachten, den die Älteste von Maritzken in ihrem Kreise mit soviel Mühe und Selbstaufopferung errichtet, alles das schien unter Hohnlachen von fremden Fäusten umgestürzt und in den Kot geworfen, als hätte es niemals das ganze Sein und Treiben hier beherrscht. Und mit einer Gebärde des Ekels und der Verachtung stürzte Johanna an ihren Schrank, um sich ein Gewand überzuwerfen. Eine flüchtige Minute strichen ihre Finger zögernd und prüfend über das zarte Geriesel eines waschseidenen Stoffes, denn eine ferne Vorstellung befiel sie von einem vornehmen Herrn und der möglichen Pflicht, ihr Haus stattlich zu vertreten. Aber gleich darauf schnürten sich ihre Augenbrauen unwillig zusammen, und mit einem kurzen Entschluß und ohne auch nur einen Blick an den Spiegel verschwendet zu haben, streifte sie ihr gewöhnliches blau und weiß gepunktetes Kattunkleid über, schnallte den schwarzen Ledergürtel fest über den Hüften zusammen und eilte mit einem einzigen Sprung bis zur Treppe. Allein schon auf der ersten Stufe besann sie sich. Gewaltsam zwang sie ihre alte Ruhe und Besonnenheit zurück. Sie strich sich eine Strähne ihres blonden Haares aus der Stirn und stieg mit ihrem gewohnten gebieterischen Gang die Treppe hinunter. Unten auf der Diele, dicht neben der Ausgangspforte, blitzte der Hausherrin im Morgenlicht ein metallischer Schein entgegen. Ein russischer Infanterist, dessen langer, rötlich-blonder Bart fast bis auf die Brust herabhing, hielt dort mit aufgepflanztem Bajonett die Wacht, während er einem struppigen Hund, den er an eiserner Kette hielt, zärtlich das Fell kraute.

»Treten Sie hier zurück, damit ich herunter kann,« herrschte Johanna den Mann mit ihrer festen Stimme an.