Part 14
Zwei Tage des Wartens hinkten über das Land. Auf allen fahrbaren Wegen knarrten schwer beladene Wagen dahin, deren Besitzer von der gefährdeten Grenze den Städten zustrebten. Oft stand Johanna aufgerichtet an den Torpfosten ihres Gehöfts zu Maritzken und sah die traurige Völkerwanderung, dieses unvorstellbare Elend an sich vorüberwallen. Denn es war ja nur eilig zusammengeraffter Besitz, zerzaust und gebrechlich, was die Flüchtenden hier stumm und ohne ein Wort der Klage vorbeischafften. Kommoden und Schränke, Bettzeug und Vogelbauer, Säcke voll Lebensmittel, Kleidungsstücke und Kochgeschirr, Kinder und junges Vieh, alles rollte, wirr zusammengepreßt, in endlosem Zuge dahin.
Aber auch Militärkolonnen marschierten an der versonnenen Beobachterin vorüber. Gleichfalls still, in sich gekehrt, ohne Lieder. Denn sie hielten die Stirnen nicht dem Osten zugewandt, wie es ihr junger Mut ersehnte, sondern sie folgten höherem Befehl, der sie zu zusammengefaßter Tat aufsparte. Im Staub und Dämmer des Augusttages verschwanden die lockeren Kolonnen.
Einmal löste sich eine Gestalt aus einer der dahinziehenden Kompagnien, trat schnell auf die Gutsherrin zu und streckte ihr rasch die Hand entgegen. Zuerst erkannte Johanna den Grüßenden nicht, denn die neue graue Uniform hatte den gewohnten Eindruck verändert. Aber dann drückte sie die dargebotene Rechte stark und fest, als ob sie den Offizier, der keinen Blick auf den weißen Hof warf, überzeugen wolle, daß hier auch ehrliche und treue Gemüter lebten, Herzen, die den Trommelwirbel der Zeit nachschlugen und nicht im Walzertakt hüpften. Kein Wort wechselten die Beiden miteinander. Aber es war doch ein Abschiednehmen über die Dauer des Seins hinaus. Und in dem Händedruck, mit dem Johanna den Scheidenden entließ, barg sich ein mütterlicher Segenswunsch. Dann ein stummes Zurücktreten in die grauen Haufen, und auch diese Scharen wurden eingesogen von der undurchdringlich sich dahinwälzenden Staubwolke.
Über die schlängelnden Feldwege aber jagte und raste das Gerücht. Schattenhaft grau stäubte es dahin, menschlichen Augen manchmal nur als ein mit gestreckten Läufen flüchtender Hase erkennbar. Doch das lechzende Tier sollte aus einem brennenden Haferfeld hervorgebrochen sein.
Barmherzigkeit, war das möglich? Wer hatte es erzählt, wer zuerst geglaubt?
An den Kreuzwegen der Felder, an den schmalen Brücken der hellen Bäche, die durch die sanft gewellten Talmulden blitzten, überall knirschte und schlürfte es. Greise und alte Weiber, die einzigen Einwohner verlassener Ansiedlungen, schlichen hier zusammen. Wackelnde Köpfe, erstorbene Stimmen erzählten sich Gräßliches:
»Wißt ihr schon? Es ist wahr. Man kann es beschwören. Das Rittergut Lutheinen ist abgebrannt bis auf den Erdboden. Da, wo das Schloß stand, liegt ein Kohlenhaufen.«
»Im Frieden, denkt euch, mitten im Frieden!«
»Woher sie kamen und wohin sie entschwunden sind, das weiß kein Mensch. Aber acht Meilen weit ritten sie ins Land hinein. Sie trieben vor sich her, was vor ihre Lanzen kam. Die Mädchen wurden an die Pferde gebunden, die Kinder gehetzt, bis sie erstickten.«
»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«
»Ich sah es nicht selbst, aber der Landbriefträger hat es erzählt. Dem Schmied von Löthau haben sie, als er einen von den Mordbrennern mit dem großen Hammer totschlug, mit seinem eigenen Viehstempel eine Marke ins Genick gesengt. Der Mann ist wahnsinnig geworden.«
»Wehe, wehe, wie wird es uns gehen! Wer wird uns zu essen geben, wenn wir nicht mehr weiter können?«
»Lauft zu dem Fräulein von Maritzken, sie hat Milcheimer aufgestellt und Brote hingelegt.«
»Herr Jesus, ist sie noch da?«
»Ja, die Grothe-Marjellen sind noch da. Wir haben ihre hellen Kleider durch die Büsche gesehen.«
»Oh, sie muß uns Brot und Milch geben. Und dann weiter, weiter, hier bleiben wir nicht!«
* * * * *
In dem kleinen gemütlichen Eßzimmer zu ebener Erde saßen die beiden ältesten Grothe-Schwestern, und es schien, als ob sie trotz ihrer Verlassenheit ruhig die Hefte der Journalmappe durchstöberten, die zum Teil aufgeschlagen die Platte bedeckten. Über ihnen sandte die grün verhangene Hängelampe ihr sanftes elektrisches Licht aus, und in dem kleinen Gemach waltete eine Stille, die man in anderen Zeiten behaglich genannt hätte. Heute aber war es, als ob der Tag an seiner Rüste beklemmt den Atem anhielt, bevor er von neuem seinen Mund zu wilden blutrünstigen Märchen und Erzählungen öffnete. Eben schlug es von dem nahen hölzernen Kirchturm die neunte Stunde. Durch die Wipfel der hochstrebenden Eichen vor dem Hause fuhr ein ziehendes Wehen, ein unheimliches Ächzen, das die innere Unruhe nur vermehren konnte, als die Seitentür knarrte, und Isa in einem grauen Reisekleid, einem schwarzen Lackhut auf den roten Haaren, völlig gerüstet hereintrat. In dem feinen Gesicht der Siebzehnjährigen nistete eine erschreckende Blässe. Ihre großen Goldaugen schienen wie von Nebel verhängt und irrten unruhig von den beiden älteren Schwestern hinweg zu dem einzigen Fenster der Stube hin, vor das die Nacht jede Aussicht sperrend ihr schwarzlockiges Haupt gedrängt hatte. Vergebliches Mühen, denn die Jüngste der Grothe-Marjellen fing dennoch in ihrer aufgereizten Einbildungskraft tolle, sich überstürzende Begebnisse auf, die sich dort draußen unter erstickten schreckhaften Rufen verkündeten. In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte des Tisches herum und zupfte an den Ecken der Journalhefte, ohne zu empfinden, wie sehr sie dadurch ihre ruhige Schwester Marianne in ihrer Lektüre beeinträchtigte.
Da trat Johanna auf das furchtgeschüttelte Mädchen zu und klopfte ihr leise die Wange. Von der Berührung zu sich selbst gebracht, drängte sich Isa dicht an die ragende Gestalt ihrer ältesten Schwester heran, und eine kurze Sekunde war es der Kleinen, als ob hier an den festen Gliedern der ruhigen und gefaßten Frau auch für sie ein Schutz, eine Zuflucht geboten werden könnte. Im nächsten Moment freilich flackerten ihre Blicke wieder begehrlich um die nahe Tür, denn der ungestüme quälende Hang nach Flucht und Rettung überwältigten das zitternde Geschöpf von neuem.
»Du willst also wirklich diese Nacht nicht bei uns verbringen?« fragte Johanna in ihrem gewohnten Ernst, wobei sie es jedoch vermied, irgendeinen Tadel oder eine Abmahnung mitklingen zu lassen, »du bleibst dabei, zu so später Stunde zu unserer Tante Adelheid nach Sorquitten zu fahren? Aber wie, Kind, wenn Fedor Stötteritz und die meisten seiner Leute schon fort wären? Ich will dich nicht ängstigen, aber es ist doch möglich.«
Die Jüngste jedoch ließ sich von dem Einwurf nicht treffen, sie schüttelte das rote Haupt nur bestimmter und sicherer, als ob es für ihre Pläne kein Hindernis geben könnte.
»Das wird ja nicht sein,« stammelte sie in der Sucht, sich an einen irgendwo in der Ferne gaukelnden Rettungsschimmer wie an ein starkes Seil zu hängen, »das ist ja ganz gewiß nicht der Fall. Fedor, und der Inspektor, und alle seine Knechte sind noch da. Dort befindet man sich dann endlich in Sicherheit. Nicht wahr, das meinst du doch auch? Komm mit, Johanna,« setzte sie plötzlich dringend hinzu, während sie die Hand der Blonden mit fieberhafter Glut umspannte, »komm mit, ich bitte dich. Begleite du mich wenigstens, Marianne. Ich kann euch nicht schildern, was ich hier leide. Wenn wenigstens ein Mann uns zur Seite stände, wenn Konsul Bark -- --«
»Laß den Konsul zufrieden,« schnitt Johanna rasch ab. »Er wird jetzt für sich selbst zu sorgen haben. Und du, mein Kind, fahre in Gottes Namen. Baumgartner wartet draußen schon mit dem Wagen auf dich. Und um uns brauchst du dich nicht zu beunruhigen, hörst du? Der Landrat hat mir versprochen, daß wir sofort durch Depesche benachrichtigt werden, wenn irgendeine Gefahr im Anzuge sei. Grüße Tante Adelheid und auch Fedor von mir und sage ihnen, sobald es zum Äußersten kommt, werde ich selbstverständlich auch an mich denken. Nun geh, mein Kind, mache dir den Abschied nicht schwer, denn ich denke, wir sehen uns in den nächsten Tagen wieder. Und Baumgartner soll das Verdeck hochschlagen, verstanden? Denn es sieht aus, als ob es regnen wollte.«
Ein paar Minuten später rollte der Wagen mit seiner einsamen Insassin bereits über die Chaussee. Kühl lag die Nacht auf Feld und Steg. Schwarzgezackte Wolken segelten an dem sternenlosen Himmel dahin und schoben sich zu ungeheuren drohenden Gebilden zusammen. Nur ab und zu jagte ein bleicher Mond aus den gähnenden Klüften dort oben heraus und goß einen schnell verschwindenden Lichtsturz auf die reifen Felder herab. Ein paar vereinzelte Regentropfen klatschten hohl auf den Weg.
Ungeduldig rückte Isa unter dem engen Lederverdeck hin und her. Es war so dunkel und stickig unter der schwarzen Kappe. Jede Aussicht wurde versperrt. Und ein unbestimmtes banges Gefühl befahl ihr, noch einmal nach der entschwindenden Heimat zurückzuschauen. Pochenden Herzens erhob sie sich, um ihrem Kutscher einen leichten Schlag auf den Rücken zu versetzen. Überrascht wandte sich der still vor sich hinstarrende Mann zurück.
»Was wollen Sie, Fräulein?«
»Baumgartner,« schmeichelte Isa, während ihre Hand immer noch unbewußt über die Schulter des Statthalters glitt, »es ist so beklommen hier drinnen; schlagen Sie das Verdeck zurück.«
Der Mann schüttelte bedenklich das Haupt und zog die Zügel etwas an.
»Aber Fräuleinchen,« wehrte er sich, »es feuchtet hier draußen. Hören Sie nicht die Regentropfen?«
»Das schadet nichts, lieber Baumgartner, ich bitte Sie, tun Sie mir den Gefallen. Ich kann hier unter dem Leder nicht ordentlich atmen.«
Jetzt murmelte der treue Verwalter etwas vor sich hin, sprang aber sofort herab, und gleich darauf faltete sich der dunkle Plan über dem Haupt der sich Zusammenduckenden, der schwarze Nachthimmel dehnte sich über ihr, und ein feuchter Windzug pfiff an ihren Wangen vorüber.
»So, nun aber weiter,« sprach Baumgartner, der inzwischen den Bock wieder eingenommen hatte, zu der noch immer hinter ihm Stehenden, und dann murmelte er abermals etwas, was Isa trotz aller Anstrengung nicht verstand, spähte nach rechts und links über die dunklen Feldwege und ließ endlich seine Peitsche sausend über die trabenden Pferde dahinklatschen. »Vorwärts, vorwärts,« trieb er.
Hinter ihnen verglommen die letzten zuckenden Lichtschimmer, die die Gegend von Maritzken andeuteten, und immer näher wanderte ihnen die dunkle Linie eines Tannenschlages. Von fern hörte man bereits das Ächzen und Knarren der Wipfel.
»Vorwärts, vorwärts,« drängte Baumgartner abermals und wollte seine Peitsche weit ausholend durch die Luft streifen lassen. Aber mitten im Schwung erschrak er und hielt ein.
»Wir sind doch bald da?« forschte Isa über seine Schulter herüber.
»Ja -- jawohl -- wir sind bald da. Eine halbe Stunde.«
Allmählich ließ sich das Mädchen wieder in die Wagenecke zurücksinken, krampfte die Hände zusammen und saß hochaufgerichtet da. So ausgesetzt, so allein, so der tröstenden Hilfe bedürftig, wie jetzt inmitten der farblosen, gestaltenschwangeren Nacht, meinte sie sich noch nie befunden zu haben. Unwillkürlich hob sie den behandschuhten Finger an ihre bebenden Lippen, wie sie es als Kind in Not und Bedrängnis getan, und starrte voraussuchend in die dicke Finsternis, die nur ab und zu durch vorüberhuschende weiße Chausseesteine unterbrochen wurde.
O, jetzt ein Schutz, jetzt ein lachendes gutes Wort!
»Baumgartner, sind wir bald da?«
»Ja, Fräuleinchen, knapp eine Viertelstunde -- aber -- --«
Jedoch seine Insassin vernahm die Einschränkung des Mannes auf dem Bock nicht mehr, denn während ihre Augen furchtsam das dunkle Untergestrüpp des Waldes durchirrten, dessen schlanke Stämme bis dicht an die Chaussee herantraten, da lungerte ihre aufgescheuchte Einbildungskraft sehnsüchtig nach den Rettern aus, von denen sie meinte, daß sie ihr allein Erlösung und Trost verbürgen könnten. Die muskulöse Riesengestalt des Recken von Stötteritz tauchte vor ihr auf, dann entsann sie sich der ernsten Entschlossenheit von Fritz Harder. Aber körperlicher als diese beiden fühlte sie den um vieles älteren Konsul neben sich lehnen, und ihre Glieder erwärmten sich beinahe, als sie sich vorstellte, wie spöttisch und väterlich die Stimme des gereiften Mannes jetzt klingen würde: »Na, kleines Rotfeuer, man wird ja gleich das Kinderbettchen aufschlagen. Nur Geduld, es dauert nicht mehr lange.«
Erschreckt fuhr sie empor, denn in demselben Augenblick hatte wirklich etwas zu ihr gesprochen. Der Wagen hielt. Mitten in der engen Waldstraße, nicht hundert Schritt von dem Austritt in das freie Feld entfernt, das im fahlen Mondenlicht weiß herüberglänzte.
»Baumgartner, sagten Sie etwas?«
»Ja, Fräulein.«
Sie sprang empor, stützte sich auf das eiserne Bockgeländer und brachte ihr Haupt so nahe an den Verwalter heran, bis sie seinen feuchten Ärmel an ihrer Wange spürte.
»Warum halten wir hier?« ging es ihr schwer über die Zunge. Und zugleich merkte sie, wie sie unfähig wäre, auch nur ein Glied zu bewegen, weil ihr ganzer Körper von einer starren Lähmung geschlagen war. »Baumgartner, um Gottes willen, was beobachten Sie dort vorn auf dem Feld?«
Allein der Mann erteilte keine Antwort. Mit einem einzigen Sprung setzte er plötzlich vom Wagen, und die Zurückgelassene erkannte wie hinter einem Flor, daß ihr Schützer in weiten Sprüngen am Waldrand entlang huschte, immer ängstlich bemüht, das hereinfallende Mondlicht zu meiden.
Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr.
Seltsam, seltsam! Was waren das für dunkle, bewegliche Schatten dort hinten am Ende des Waldausschlages? In dichten Massen schienen sie dahinzugleiten, fremde, unentzifferbare Laute schlugen deutlich durch das Gehölz. Und jetzt -- nein, sie täuschte sich nicht -- da und dort blitzten kleine runde Lichter auf. Sie waren dem wandernden Zuge eingefügt und sandten vorüberschwebende, spähende Lichtkegel durch die aufgleißenden grünen Nadelzweige.
Horch und jetzt!?
Ein Kälteschauer schnitt ihr über die Brust, der Atem stockte der Entsetzten, denn ohne daß sie das geringste merkte, war plötzlich eine Gestalt neben dem Wagen aufgewachsen, schwang sich auf den Bock und riß die Zügel an sich.
»Baumgartner, um Gottes Barmherzigkeit willen, sind Sie's?«
Allein der Mann, der die Führung des Wagens übernommen hatte, blieb stumm. Mit Aufbietung aller Kräfte warf er die Pferde zurück, schlug ihnen mit dem Peitschenstiel über die Köpfe und ließ das Gefährt über den Graben hinweg in den Seitenschlag hineinrasen. Von dem Stoß getroffen wurde das Mädchen in die Polster zurückgeschleudert. In wahnsinniger Flucht schossen die Baumriesen an ihr vorüber, überhängende Zweige schlugen ihr ins Gesicht, der Wagen sprang und polterte, daß sie von einer Ecke in die andere geschleudert wurde, und dazwischen zischte etwas um sie herum, etwas gänzlich Fremdes, nie Gekanntes, wie vorübersausende Bienen, die einen bösen pfeifenden Ton ausstießen. Und bei alledem behielt die Überwältigte noch genügend Besinnung, um ein schwaches Erstaunen darüber zu empfinden, warum der Pfad vor ihnen so schwarz und unbeleuchtet blieb. Der Mann auf dem Bock mußte die Laternen gelöscht haben. Und weiter flog der Wagen über Baumwurzeln und Maulwurfsgruben. Jetzt eine knirschende Schwenkung, und mitten hinein ging es in ein rauschendes Feld. Surrend, gleich zischenden Dampfwolken wogten die starken Halme rechts und links an dem Gefährt vorüber.
Und dann --
Eben meldete sich ein sanfteres Rollen, da schrien mehrere wilde Stimmen neben ihnen auf. Ein sausender Schlag wie mit einem eisernen Schaft traf das lederne Verdeck, die Wagenpferde stiegen und wieherten, ein erneutes tolles Herumschwenken und abermals rauschte und strich das Meer der wogenden Ähren um die versinkenden Räder herum.
Allein das Mädchen fürchtete nichts mehr, denn das klare Bewußtsein war ihr untergegangen.
Als Isa wieder zu sich kam, da wölbte sich über ihr der mit Wappenschilden bunt bemalte Torbogen der Stadt. Trüber Mondschein sickerte noch aus den Wolken. Auf dem Bock saß Baumgartner, und obwohl dem Treuen über das übernächtigte Antlitz der Schweiß rann, fragte er doch freundlich, erlöst:
»Wohin, Fräuleinchen?«
Isa besann sich nicht:
»Zu Konsul Bark,« sagte sie rasch.
* * * * *
Über den Hof von Maritzken schritt durch die Schwärze der Nacht die hohe Gestalt eines Weibes. In ein Umschlagetuch gehüllt lehnte Johanna eine Weile an der Einfahrt und lauschte auf die Chaussee heraus, ob sich noch immer nicht das Rollen des zurückkehrenden Wagens anmelde.
Kein Laut.
Nur das hohle Aufschlagen der vereinzelt dahinstiebenden schweren Regentropfen fing ihr gespanntes Ohr auf, und dazwischen strich ein feuchter Wind zischend und raschelnd um die Pfeiler der Einfahrt. Eine leise Unruhe stieg in der Besonnenen auf. Sollte der Wagen vielleicht irgendwo eine Beschädigung erlitten haben? Jedenfalls wollte sie wach bleiben, um das Eintreffen Baumgartners zu erwarten. Fröstelnd hüllte sie sich tiefer in das warme Tuch und schritt langsam über den Hof zurück. Überall waltete schwere lastende Ruhe. Aus den Kuhställen drang ein vereinzeltes Brummen hervor, und aus den vergitterten, halb angelehnten Fenstern schlug eine bleiche Wolke tierischer Wärme heraus. Dicht vor dem Hause lösten sich zwei schlanke Schatten ab. Es waren die beiden munteren Schäferhunde, die jetzt wedelnd an ihrer Herrin in die Höhe sprangen. Eigentümlich grell leuchteten die Augen der Tiere durch die Finsternis.
Und weiter schritt Johanna durch das Haus. Hier und da legte die Sorgliche die Hand auf eine der Türklinken, um zu prüfen, ob auch überall verschlossen wäre. Dann stieg sie in den ersten Stock hinauf und blieb vor Mariannes kleinem Gemach stehen. Selbst bei dem trüben Licht des Petroleumlämpchens, das den schmalen Gang auch in der Nacht erhellte, konnte man erkennen, wie sich die Stirn der Einsamen verzog, als sie jetzt die tiefen Atemzüge der dort drinnen gewiß sorglos Schlummernden auffing. Bedrückt schüttelte sie das Haupt, und ein kurzer Seufzer entrang sich ihr, bevor sie sich losriß, um ihr eigenes Schlafzimmer aufzusuchen. Überaus eng und einfach bot sich der weiß gedielte Raum dar. Ein festes eichenes Bett, darüber an der bläulich getünchten Wand ein Holzkreuz des Erlösers, ein altertümlich geschnitzter Schrank, eine breite Eichenkommode, die zugleich als Waschtisch diente, -- sonst nichts. Kein Schmuck, kein Zierat; nur an der Seitenwand hing der gebräunte Buntstich des Preußenprinzen Louis Ferdinand, und die dunklen, schwermütigen Augen des Bildes verfolgten das große blonde Weib, als es sich jetzt hart auf den Rand seines Bettes niederließ, und verhinderten sie daran, zum erstenmal an dem Arbeitstage ruhig ihre fleißigen Hände in dem Schoß zu verschränken. Das einzige Fenster des Zimmerchens stand noch offen, und die Einsame wandte ihr Haupt und lauschte von neuem. Draußen schüttelten die schmal geschnittenen Eichen ihre hochragenden Kronen, und die Blätter wisperten und raunten in scharfer, spitzer Geschwätzigkeit. Müde erhob sie sich, um das Fenster zu schließen. Dann begann sie, sich gedankenlos zu entkleiden. Sie löste das reiche blonde Haar, das jetzt, nachdem es entfesselt war, in lichten Wellen an ihr herniederfiel. Aber die Besitzerin dieses Schmuckes wandte keinen Blick auf die weiche Pracht, sondern warf hastig ihre Bluse ab. Und wieder zuckte sie betroffen zusammen, als sie merkte, wie fröstelnd es ihr am Abend des heißen Augusttages über die entblößten Arme schnitt.
Jetzt -- aber mein Gott, was war das? Was bedeutete es, daß die Augen des toten Prinzen dort oben auf dem Bilde einen immer sprechenderen Ausdruck annahmen? Ein matter Zug von Sattheit und doch unterdrückter Lebensgier spielte dabei um die fein geschwungenen Lippen, und es lag etwas Spöttisches, Wegwerfendes in der Art, wie das Bild ihr auf Schulter und Nacken herabschaute.
Minute auf Minute verstrich. Von draußen summte der matte Schlag der Dorfuhr herein, und dazwischen hämmerten schwere Tropfen, jetzt ununterbrochen, gegen die Fensterscheiben. Ein unablässiges Spritzen und Rinnen. Sie wandte sich und sah, wie der weiße Vorhang des Fensters in der Zugluft, die durch die undichten Fugen schlüpfte, leise hin und her bewegt wurde. Um das Lämpchen auf dem Waschtisch schwirrte und gaukelte ein winziger Nachtfalter. Von Zeit zu Zeit vernahm sie das Anschlagen seiner Flügel.
Jedoch allmählich vermischten und verwirrten sich die Geräusche. Das Frösteln über ihrer Brust zwang sie, sich tiefer zu verhüllen, sie griff in den weißen Bettüberzug, lehnte sich weiter zurück, und noch einmal war es der Versinkenden, als vermöge ihr drohender und abweisender Blick das merkwürdige Lächeln von dem Bilde dort oben zu verscheuchen.
Draußen regnete es heftiger, aber in der kleinen Schlafstube wurde es still.
War es das klirrende Summen des Nachtfalters oder wurden in der Tat vor den Ohren der Dahingesunkenen weiche Saitenklänge laut? Aber wie fern und fremdartig! »Es ist ein tatarisches Bauernlied,« sagte eine schmeichelnde Stimme, vor der sich Johanna wie in Schmerzen hin und her wand, »gestatten Sie, Gnädigste, daß ich Ihnen den Text übersetze:
»Ich küsse dich, Anuschka. Ich küsse dich, Iwan. Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«
Gegen die Fenster flog ein Regenguß, dann zitterten die Scheiben, und die Tür des kleinen Zimmers brach auf.
»Es bereitet mir aufrichtige Betrübnis, meine Gnädigste, Sie um diese Zeit wecken zu müssen,« fuhr die wohllautende Stimme fort, und ein Hauch von Kälte und Feuchtigkeit strömte über das Lager.
Entsetzen!
Johanna flog empor. Das Kissen unter ihrem Haupt fiel zu Boden, und ihre Rechte rieb wild über ihre Augenlider, als sei es nur so möglich, dieses wahnsinnige Traumbild zu vertreiben. Allein es blieb. Es stand vor ihr in einem faltenreichen grauen Mantel, von dem der Regen triefte, und sobald es sich bewegte, klirrten Sporen und Säbel. Die Augen des Phantoms jedoch, diese halb traurigen, halb begehrlichen Augen, ruhten ohne Erbarmen auf der von Schrecken und Entsetzen Niedergeworfenen.
Ungläubig, wild, vor den Ohren ein strömendes Rauschen, so lag sie kraftlos in ihren Kissen, unfähig, durch die matteste Bewegung ihre Blöße zu decken, und während ihre gebannte Zunge den Versuch machte, einen verständlichen Laut hervorzustoßen, da saugten sich ihre herumirrenden Augen, die noch immer nicht zu unterscheiden vermochten, an dem matten, schwarzen Lauf eines Revolvers fest, den der Eindringling gestreckt vor sich hielt, obwohl die Waffe von dem herabwallenden Mantel halb verborgen wurde.
Ein paar eilige Sekunden regte sich in dem kleinen Zimmer nichts mehr, in dumpfem Anschlag hörte man den Falter gegen den glühenden Zylinder taumeln, die Menschen jedoch schienen an das unerhörte Begebnis wie festgeschmiedet. Erst als die Atemzüge der Liegenden immer vernehmlicher röchelten, als ob ein Sterbender von allem Gewohnten Abschied nimmt, da schüttelte der verhüllte Offizier seine eigene Beklemmung ab und legte begütigend die Hand auf das Kissen, ohne darauf zu achten, wie die Waffe sich mit über das weiße Linnen schob.
»Meine Gnädige,« begann die reine einfangende Stimme von neuem, die das Deutsche in einem so wunderlich reizvollen Tonfall vortrug, »bitte nehmen Sie die Situation, wie sie in unserem Falle genommen werden muß. Ich habe allerdings den Befehl, Ihr Gehöft zu besetzen, aber schon der Umstand, daß ich den großen Vorzug Ihrer Bekanntschaft genieße, muß Sie von dem Mangel jeder persönlichen Gefahr überzeugen.«