Part 13
»Gern? Nun gut, Marianne, auch das genügt mir. Aber dann wollen wir jetzt hinunter gehen, um den Deinen unser Verlöbnis, das sie erwarten, mitzuteilen. Auch meinen Eltern möchte ich die Freudenkunde nicht länger vorenthalten.«
»Aber sieh mal, Fritz,« versuchte sich das blühende Geschöpf zu entwinden, das die unwillkommene Einzwängung zwischen Beschränkung und Kleinbürgerlichkeit auf sich einrücken sah, wie die beiden Kneif-Enden einer riesigen Zange, »ich habe natürlich nichts dagegen -- ich meinte nur -- --«
»Was meinst du? -- Gibst du deine Einwilligung?« beharrte der Offizier mit einer ihm ganz fremden Unerbitterlichkeit.
Heftig entzog ihm die Gequälte, die sich nicht binden lassen wollte, ihren Arm, da er ihn noch immer umspannt hielt. Nein, wie konnte solch ein armer, unbedeutender Leutnant, der beinahe auf nichts, als auf seine Löhnung angewiesen war, eine derartige Zusage im Ernst von ihr verlangen? Von ihr, der Glänzenden, Vielbegehrten, deren Zukunft in einem goldigen Nebel schwamm? O, wenn sie wollte, wenn sie bloß winkte, dann würde -- -- -- Im Grunde war es eigentlich, -- ja, sie konnte es nicht anders nennen, -- es war eigentlich eine Anmaßung, daß der hartnäckige, in seine Bücher verbohrte junge Mensch, der das Leben so wenig kannte, sie veranlassen wollte, so plötzlich, so unüberlegt eine Entscheidung zu treffen, die sie für immer von allen glänzenderen Hoffnungen entfernen mußte. Und warum? Es blieb wirklich halb lächerlich. Weil man einen kleinen ungefährlichen Flirt getrieben hatte, weil man dem hübschen Menschen mit den ernsten Zügen ein paar Zärtlichkeiten gestattet, die man eben an irgend jemanden verschwenden wollte. Warum nicht an ihn, auf dessen Verschwiegenheit man doch bauen konnte? Und zum Lohn dafür jetzt dieses beinahe unhöfliche Drängen? Nein, das war sicherlich Johannas Werk, die es nicht erwarten konnte, die schöne Schwester, deren Eleganz und Damenhaftigkeit sie natürlich heimlich beneidete, in ein ebensolches Arbeitsdasein zu stoßen, wie sie es selbst führte. Herrgott, Herrgott, wenn man nur einen Ausweg fände, ein Entschlüpfen! Und plötzlich warf sie sich in den Sessel zurück und schlug beide Hände vor ihr Antlitz. Heftig und wild schluchzte sie auf. Ja, der von einem peinlichen Schrecken durchschlagene Offizier merkte sogar, wie zwischen den Ritzen ihrer Finger helle Tränen hindurchtröpfelten. Das hatte er noch nie bei ihr wahrgenommen. Und eine Sekunde lang war es ihm, als müsse er sich über die Ringende beugen, um ihr unter tausend guten Worten Trost zuzusprechen. Es war ja eigentlich alles so natürlich. Dem Unverdorbenen schien es, als ob diese Tränen, dieses aufgelöste Schluchzen nur ein unverstandenes Abschiednehmen von Mädchentum und Jungfräulichkeit bedeuteten, ein rührender Kummer, der ihm sein Mädchen in einer ganz neuen, zarten und demütigen Schwäche zeigte.
Wenn nur die Zeit, die machtvoll aufbegehrende Zeit derartige Erwägungen nicht wie Spreu im Sturm auseinander gesprengt hätte. Horch! Begann dort draußen nicht mit einem Mal das Glockenwerk von dem Turm der Sebaldus-Kirche zu läuten? Ein Ton immer eherner und markerschütternder, als der andere? Fritz Harder begriff nicht, warum die Kunstschöpfung des alten Uhrmachers Adameit, seines Hauswirtes, in dem allgemeinen Tumult ihre Stimme erhöbe, aber der seelenumwühlende Donnerton raubte ihm jedes weichliche Mitleid. Fest und zielsicher trat er an den roten Sessel heran, um seine Hand noch einmal auf ihre Schulter zu stützen. Doch merkwürdig, nur ein wenig regte die in sich Versunkene die volle Rundung, aber die Bewegung genügte, damit die Hand abglitt. Empfand der Betroffene auch die leise Gereiztheit, die sich hier äußerte, den beleidigten Mißmut und die schlecht verhehlte Empörung über Zwang und Gehorsam?
»Marianne,« forschte der junge Mann noch einmal in äußerster Zurückhaltung, »Marianne, ich begreife deine Tränen nicht. Liegt denn in meiner Bitte, in meinem Verlangen, eine Beleidigung?«
Und mit einem plötzlichen Entschluß entfernte er ihre Hände von ihrem Antlitz. Dann erschrak er. Der braune Samtton war von ihren Wangen entwichen, und auf ihren erschreckten Zügen lauerte etwas, was er sich durchaus nicht erklären konnte. Für einen Erfahreneren freilich, für Konsul Bark, hätte ein Blick genügt, um zu wissen, daß es die Teufel der Lüge waren, die dort ihre geschäftige Arbeit verrichten wollten.
Jetzt hatte sie sich auch gefaßt. Ja, ihr Mund lächelte wieder halb schmollend zu ihm empor.
»Wie kannst du nur so etwas fragen, Fritz?« widerlegte sie, während die Tränen immer noch ihre großen schwarzen Augen feuchteten, »ich denke doch nur darüber nach, daß du jetzt, gerade jetzt, vielleicht morgen schon, von meiner Seite gerissen wirst.«
»Ja, das ist wahr,« bestätigte ihr Zuhörer betroffen.
»Und sieh einmal -- --«
»Ja, was denn -- was denn -- erkläre dich deutlicher.«
Sie beugte sich herab und ließ die glänzenden Lackhalbschuhe wieder leicht gegeneinander schnellen. Noch hatte sie den gewünschten Schlupfwinkel nicht völlig gefunden, in den sie sich verkriechen wollte.
»Sieh einmal, Fritz,« suchte sie noch immer unsicher, »du sagst selbst, es gerät jetzt alles ins Wanken. Kein Mensch weiß, ob er den anderen am nächsten Tage wieder sehen wird. Meinst du nicht auch, daß man lieber abwarten sollte, bis sich alles geklärt hat?«
Noch sprach das schöne Geschöpf ungewiß und zögernd, da fuhr sie plötzlich erschreckt auf. Woher die ungewohnte atempressende Stille? Draußen hatte unvermittelt der Gesang der Volksmenge wie mit einem Schlag ausgesetzt. Eine einzelne ferne Stimme wurde hörbar und dann folgte kurz und knapp, gleich dem Aufschlagen einer brandenden Welle, ein einziges vieltausendstimmiges Hurra. Das eigentümlich knirschende Geräusch, das stets vernehmbar wird, wenn Massen sich in Bewegung setzen, drang zu den Einsamen empor. Die improvisierte Versammlung auf dem Marktplatz schien ihr Ende erreicht zu haben. Jedoch die ungewohnte Ruhe war es nicht allein, die das aus der Fassung gebrachte Mädchen so unheimlich in ihren Bann schlug.
Jetzt wußte sie es -- die grauen Augen des Offiziers waren es, die sie festhielten. Lieber Himmel, sie mußten die kleinen betrüglichen Künste durchschaut haben, sonst hätten sie niemals einen solch kalten, einbohrenden und doch zugleich verzweifelten Glanz strahlen können. Schon wollte die Verängstigte aufspringen, um durch eine neue Zärtlichkeit, die ihr ja leicht fiel, die unbehagliche Situation zu unterbrechen, als sie an ihrem Platz vollkommen erstarrte. Keiner Bewegung mächtig, mußte sie mit ansehen, wie ihr Gefährte, ohne sie nur im geringsten zu beachten, an den Tisch herantrat, von wo er langsam seine Mütze an sich nahm. Dann streifte sich der junge Mann, immer mit derselben unnatürlichen Ruhe, die weißen Handschuhe auf und hakte mit einer mechanischen Bewegung den Degen ein. Eine Sekunde verharrte er wie in Nachdenken. Allein je tiefer ihm das kurz geschorene Haupt auf die Brust sank, desto deutlicher erkannte die entsetzte Beobachterin, wie seine dunklen Augenbrauen sich immer finsterer und entschlossener zusammenzogen.
»Fritz!« sprang sie empor.
Er hob das Haupt und sah sie an.
Es war ein Blick aus so unendlicher Entfernung, ein so fremder und stolz gefaßter Blick, daß Marianne vor Zorn, Scham und Zurücksetzung hätte schreien mögen. Im Halse schnürte sich ihr etwas zusammen, sie glaubte ersticken zu müssen. Als sie ihre Umgebung wieder vollständig zu deuten wußte, da schloß sich bereits, unhörbar, die hohe weiße Tür, und eine Scheidewand wuchs empor zwischen ihr und der Vergangenheit voll Spiel und Kurzweil.
Wirklich Vergangenheit?
Pah -- sie hatte sich wiedergefunden. Beflügelt eilte sie vor den altertümlichen Goldspiegel des Zimmers, um ihr verwirrtes Haar in Ordnung zu bringen. Und als sie ihre in purpurner Pracht siedenden Wangen gewahrte, als sie die tadellosen Linien ihrer Gestalt abmaß, da zwang sie etwas, spöttisch die Achsel zu zucken. Aufatmend trat sie unter die Gardine und öffnete das Fenster. Von dem großen viereckigen Marktplatz zogen noch immer die dunklen Scharen ab und marschierten in schwarzen Zügen durch die Nebengassen. Hoch über ihren Häuptern folgte ihnen das Donnergeläut des Glockenwerks. Mit tausend Goldaugen beobachtete der Nachthimmel das Aufbegehren und die Erhebung eines ganzen Volkes. Köstlich reine Luft strich zu dem Fenster herein und fächelte dem schönen Mädchen erfrischend die Stirn. Und in diesem Augenblick durchdrang selbst die Gleichgültige, Unbedachtsame ein zitterndes Nachgefühl von dem, was dort unten die davonstrebenden Züge der Stadtbürger erfüllt haben mußte. Ganz sicher, es schwebte etwas Ungeheuerliches, Niegeahntes in der Luft. Es flog von da und dort heran, schwirrende Möglichkeiten, die man ergreifen mußte, um sich auf ihren Flügeln von dannen tragen zu lassen.
In die Höhe.
Und der verschleierte Abenteurersinn des Mädchens, das da an dem Eckpfeiler des Fensters lehnte, reckte sich und verlangte gleichfalls hinaus, fort auf die Wege, die sich weit über die Täler des Alltags emporschlängelten.
Dann neigte sie sich weiter vor. Ihr scharfer Blick hatte aufgefangen, wie das trübe Laternenlicht in einer Degenscheide widerglitzerte. Und sie erkannte die Gestalt, die langsam und etwas vornübergebeugt dort drüben in der Dunkelheit der engen Rosenkranzgasse verschwand.
Ja, dort Finsternis und hier Licht, nichts als Schimmer und goldspinnende Helligkeit.
Wahrlich, eine große, eine tolle Zeit.
Beglückt, heiß, erglühend stützte sich die Fortgerissene nochmals auf das Marmortischchen des Goldspiegels und starrte sich an, als wenn sie imstande wäre, sich die Zukunft auf hoch erhobenen Armen entgegenzutragen.
Ja, das Vaterland befand sich in Gefahr, aber sie selbst war schön, einfangend schön.
* * * * *
Ruhig schritt Fritz Harder seines Weges. Rechts und links von ihm zogen die Bürger mit ihren Frauen und Kindern dahin, und er mußte manchmal zur Seite treten, um die Drängenden vorüberzulassen. Dabei fing er immer wiederkehrende Worte auf: »Der Kaiser -- der Zar -- Frankreich.« Und er wunderte sich, daß er dies so klar vernahm, daß nichts anderes, nichts Tieferes in seinem Ohr mitsummen wollte. In der schmalen Rosenkranzgasse schimmerte aus allen Fenstern noch Licht, und die Einwohner der Häuser standen vor den Türen und tauschten über die geringe Breite der Straße hinweg ihre Ansichten miteinander aus. Und wieder schüttelte der in sich gekehrte Wanderer erstaunt das Haupt, denn er begriff nicht, warum seine Augen dies alles so scharf, so untrüglich in sich aufnahmen. Einmal blieb er stehen und sah durch den schmalen Spalt der Gasse zu dem mächtigen Nachthimmel empor. Nein, er konnte keinen Unterschied entdecken. Dort oben waltete dieselbe schweigende, ungekünstelte Ruhe, wie hier unten und wie in seiner eigenen Brust. Eine wundersame, schwere, auf alles vorbereitete Fassung, die ihre spähende Aufmerksamkeit nur auf das Nächste richtete und entschlossen war, sich selbst zu vergessen.
Merkwürdig, er wollte sich zwingen, das formvollendete, das schönheitgesättigte Bild der Geliebten vor sich erstehen zu lassen, die ihn aus schneidendem Eigennutz verworfen hatte, aber er vermochte bei aller Anstrengung das lockende Geschöpf sich nicht mehr als Ganzes vorzustellen. Aus der trüb durchbrochenen Nacht tauchten wohl ihre Umrisse vor ihm auf, allein jeder Kopf eines gleichgültigen Bürgers schob sich vor seine arbeitende Einbildungskraft und überschattete sie. Ja, als die Ablösung einer Militärwache an ihm vorüberzog, die ihm mit klappenden Paradetritten die Ehrenbezeugung erwies, da war jedes Gedenken an sein eigenes Erlebnis von ihm entwichen und, wie alle anderen, so mußte auch er den funkelnden Helmen nachschauen, während ihm innerlich das Herz bis in den Hals zu klopfen begann.
»Prima, Herr Leutnant,« krächzte plötzlich eine gallige Stimme hinter ihm, und als sich der seinen Träumen Entrissene umwandte, da entdeckte er hinter sich den schlottrigen und knickbeinigen Uhrmachergesellen seines Hauswirts, den ewig mit der Welt hadernden Leiser Bienchen, der tief den zerbeulten Filzhut mit der herabhängenden Krempe vor ihm lüftete, um dann krampfhaft in die Tasche seiner Beinkleider zu greifen, weil ihm diese stets herabzufallen versuchten, »prima, Herr Leutnant,« krächzte die gallige und stets unzufriedene Scherbenstimme, »unsere Soldaten! Ich mag zwar das verfluchte Pflasterzerreißen nicht leiden, und wenn sie so mit den Kommißstiefeln aufdonnern, möchte man Kopfschmerzen kriegen. Aber was tut das, Herr Leutnant? Jetzt sind sie einem ein Trost, ein ganz großer Trost, der einem die Nachtruhe wiedergibt.«
Und sich noch näher an den jungen Offizier drängend, umklammerte er mit der Rechten ängstlich das faltenreiche Kinn, als wolle er verhindern, daß ihm seine bewegliche Karpfenschnauze, die ihm statt eines Mundes verliehen war, aus den wild durcheinander fahrenden Runzeln davonliefe. So fassungslos und erschüttert hatte Fritz Harder den Uhrmacher noch nie gesehen.
»Was meinen Sie, was hier geschehen ist, Herr Leutnant?« tuschelte der kleine Jude seinem vornehmen Hausgenossen unter ewigem Kopfschütteln von neuem zu.
»Doch nichts Schlimmes, lieber Bienchen?«
»Was heißt schlimm?« wehrte sich der andere, die Achseln ganz hoch in die Höhe ziehend, als wolle er den Himmel für seine traurigen Schicksale zum Zeugen anrufen. »Unter uns, es kann geben eine fürchterliche Zerstörung. Aber soll man es ihm übelnehmen, wenn er an einem solchen Tag mit dem Kopf ins Dunkel fährt? Ich sag' Ihnen ins dunkelste Dunkel, Herr Leutnant.«
Fritz Harder mußte lächeln. Er wußte, daß der Gefolgsmann des alten Adameit mit dem unbestimmten und geheimnisvollen »er« stets seinen Chef zu bezeichnen pflegte. Und so forschte er denn vorsichtig weiter:
»Haben Sie wieder Grund zur Unzufriedenheit mit ihm, lieber Bienchen?«
»Ich habe nicht gesagt unzufrieden,« zuckte der Geselle ärgerlich zurück und sein Mundgeschirr klappte unendlich oft gegeneinander, »der unausstehliche Kerl ist ja trotz allem ein Genie. Aber als ich ihm heute in meiner Aufregung unten in dem Keller, wo wir wir immer sitzen, -- Sie wissen schon, Herr Leutnant -- die Nachricht überbrachte, können Sie sich denken, was er getan hat? Dieser zahnlose Unmensch ist plötzlich aufgestanden, hat die Kapsel an dem Stahlzylinder geschlossen, obwohl die Sicherung noch immer nicht ganz fertig ist, und hat in seiner vermoderten Sprache, die nur ich ordentlich versteh', gesagt: Dann schließe ich mit dem heutigen Tage meine Arbeit ab. Unter der Erde hat sie so lange gelegen und unter der Erde wird sie auch bleiben. Aber sie wird unserer lieben Scholle eine Kraft und eine Wut verleihen, wie -- wie -- Ich glaube, er hat gesagt, wie einer Jungfrau, die sich gegen die Schande wehrt. Und nachdem er das gesagt hat, hat er mir die Hand gedrückt, was noch nie da war, ist in die Ecke gegangen, hat sich den Schmutz abgewaschen und schließlich seinen Bratenrock angezogen. Herr Leutnant, da hab' ich's nicht mehr länger ausgehalten. Mir ist so feierlich geworden, daß mir die Knie zu zittern anfingen, und ich mußte aus dem Keller raus und an die frische Luft. Und was aus ihm geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hab' bloß seine Stimme aus Ihrem Zimmer gehört, Herr Leutnant, wo er bei dem fremden Herrn sitzt.«
»Bei einem fremden Herrn?«
»Wie ich Ihnen sage, Herr Leutnant. Wenn Sie wollen, können Sie auch sein Zischen und Pusten und Fauchen hören, denn Ihr Fenster steht offen, und Ihr Bursche hat die Lampe bereits angesteckt.«
Da riß sich der junge Offizier hastig los, und zu gleicher Zeit schüttelte er energisch die Traumgespinste ab, die aus dem dämmernden Keller des alten Adameit geheimnisvoll bis zu ihm emporgekrochen waren. Ungeduldig drückte er sich in den engen Schlitz hinein, der in dem blauen und rosigen Pfefferkuchenhäuschen die Haustür vorstellte. Aber der Uhrmacher hinkte ihm nach, so rasch es seine schlecht befestigten Beinkleider erlaubten, und hauchte dem Voranstürmenden in seinem heiseren Krähenton nach:
»Ein großes Tier, Herr Leutnant, Ihr Besuch, mit roten Streifen an den Beinen und ein Verwandter dazu. Er hat es ausdrücklich angegeben. Nu, sehen Sie, habe ich gelogen? Da tritt Herr Nikolaus Adameit gerade aus Ihrem Zimmer. Gewaschen, gekämmt und in dem schwarzen Bratenrock. Hier oben kennt er mich nicht. Er kennt mich bloß unten im Keller. Aber es gibt mir doch ein Gefühl von Hochachtung, weil ich mitgeholfen hab'. Man ist doch nicht bloß wie Öl in der Kanne gewesen oder wie ein totes Rädchen. Nu, gute Nacht, Herr Leutnant, und wenn Sie Bedienung benötigen, Sie brauchen bloß zu klingeln. Ich pass' auf.«
* * * * *
Heftig riß Fritz Harder die Tür seines Zimmers auf. Und richtig, im Schein der kleinen weißen Porzellanlampe, die vor ihm auf dem ovalen Tisch brannte, saß der Erwartete, Geahnte auf dem grünen Plüschsofa. Spähend schob sich bei dem Geräusch der Tür das bartlose glatt rasierte Haupt zur Seite, und unter einem Büschel gänzlich unpreußischer grauer Locken nahmen ein paar versonnener blauer Augen plötzlich den Glanz einer warmen Freude an.
»Gottlob, daß ich dich noch treffe, mein lieber Junge,« sagte eine freundliche Stimme, während die hohe, breitschultrige und mannbare Figur sich langsam erhob; und dabei streckten sich dem Eintretenden feine weiße Gelehrtenhände entgegen. »Ich fürchtete, du könntest bei dem Trubel schon Gott weiß wohin abkommandiert sein. Deshalb ist es ein rechtes Glück, daß ich dich noch erreiche. Komm, Fritz, laß dich einmal anschauen.«
Die hohe Gestalt mit dem gütigen Gelehrtenhaupt stand jetzt dicht neben dem jungen Mann und begrüßte ihn durch einen leichten Schlag auf die Schulter.
»Onkel Siebel,« wollte Fritz erregt ausbrechen, denn eine unnennbare Erleichterung überkam ihn, als er unvermutet in dieser Wirrnis ein verwandtes Herz neben sich wußte, »Onkel Siebel, daß du gerade heute kommst! Du ahnst gar nicht, was -- --«
»Doch,« unterbrach der alte Militär, die Augen ein wenig zukneifend, »doch, mein Junge. Du siehst nicht so aus, wie ich dich erwartete. Was ist das für eine kränkliche Blässe? Und wohin hast du dein frisches Jungenlächeln versteckt? Erinnerst du dich, deine liebe Mutter behauptete ja, du wärest immer anzusehen, als wenn du gerade etwas geschenkt erhalten hättest? Also was gibt's? Beklemmung vor der großen Weltkatastrophe?«
»Nein, Onkel.«
»Ärgernis, Zurücksetzung im Dienst?«
»Auch das nicht, obwohl --«
»Na ja, ich weiß schon. So ein junger Leutnant darf dienstlich überhaupt nicht zufrieden sein, -- wäre ganz reglementswidrig. Aber nun sage mal, Fritz, bist du krank?«
Eine leichte Pause entstand. Unschlüssig, mit sich kämpfend, sandte der Jüngere seinen Blick gegen das Lämpchen, das seine dämmrigen Friedensstrahlen unverwandt ihm entgegenschickte. Der alte Herr jedoch wurde ungeduldig, und knöpfte an seinem ziemlich salopp herabhängenden Waffenrock herum.
»Na also, offen, offen, mein Kerlchen,« drängte er überredend, »ich habe nämlich deinen Eltern so eine kleine Inquisition versprochen, sonst würde ich mich ja nicht so beharrlich in derartige Geheimnisse mischen. Wir haben, weiß Gott, jetzt anderes zu denken, nicht wahr, Fritz? Aber in euren kleinen dumpfen Garnisonen wachsen manchmal wunderliche Geschichten auf. Und da findet solch alter, kalter Bücherwurm wie ich vielleicht doch besser durch, als so ein feuriges Temperament mit dem bewußten Napoleon-Gesicht. Also Junge, ich bitte um Vertrauen.«
Da ermannte sich der Gefragte, und in seinen dunklen Augen, die er zu dem gütigen Verwandten erhob, stand seine ganze Leidensgeschichte geschrieben, als er sich stockend abrang:
»Onkel, du hattest recht. Ich war krank. Ich glaube, ich habe ein böses Fieber überwunden.«
Jetzt nahm der Alte den Kopf des Offiziers tröstend, besänftigend, beinahe liebkosend in seine beiden Hände. Es war unbeschreiblich, welch eine wackere, mannhafte Güte von dem gelehrten Krieger ausging.
»Also überwunden, Fritz? Wirklich und wahrhaftig?« fragte er eindringlich.
»Ja, Onkel Siebel,« bekräftigte der andere fest, »ich gebe dir mein Wort.«
»So, so,« erwiderte der Generalmajor bedächtig und gab langsam den Eingefangenen frei, »dann ist diese Angelegenheit ja für mich erledigt. Gottlob. Ich muß dir nämlich gestehen, Fritz, -- da mir Heimlichkeiten auf der Seele brennen -- daß deine liebe Mutter durch allerlei Klatsch und Zusteckereien über deine Affäre unterrichtet war. Die alte Dame fühlte sich innerlich recht beunruhigt, wenn sie es auch nach außen hin tapfer verschwieg. Aber nun, mein lieber Sohn, komm, setze dich zu mir an den Tisch und laß uns jetzt über das reden, wovon die Herzen aller deutschen Menschen voll sind. Ich wurde hierher geschickt, um den hiesigen Herren Offizieren einen kriegswissenschaftlichen Vortrag zu halten. Daraus wird natürlich nichts, denn jetzt werden wir ja in der Praxis zu erproben haben, durch die lebendige Tat, was wir wissen und erlernten. Komm, mein Junge, die beiden Flaschen Pilsener Trankes genügen für uns. Jetzt wollen wir Kriegsrat halten.«
Bis weit nach Mitternacht saßen die Beiden zusammen. Und während draußen jeder Laut erstarb, während die Stadt, um die ein ferner Feind bereits seine haarigen Riesenarme klammerte, in schweren, traumerfüllten Schlaf verfiel, in den letzten vielleicht, dem sie sich ungestört und im Besitz geheiligter Ruhe und Ordnung hingeben konnte, da zauberte der alte Mann, dem der Krieg mehr als blutiges Getümmel, tolles Einhersprengen und fröhliches Waffenklirren bedeutete, da zauberte der Kundige wundersame befreiende Gebilde vor den aufhorchenden Schüler hin. In blühender, fortgerissener Sprache schilderte er das Elementarereignis, das nicht zufällig über den geduckten Menschheitsnacken fortraste, sondern natürlichen, längst erwarteten, genau zu berechnenden Gesetzen folgte, die nicht nur Brand und Verderben, sondern auch Sammlung und Auferstehen mit sich führten. Der Krieg war kein sinnlos tobender Vernichter, sondern ein weiser, vorbedachter Haushälter unter den Erdenvölkern. Gleich dem Tod, der den Lebenden aus ihrem engen, arg bedrängten Bezirk immer wieder Luft und Raum schafft, so war auch der Krieg der grübelnde Gärtner, der ganze Völkerpflanzungen, auch wenn sie scheinbar noch blühten, umpflügte und zur Ruhe verdammte. Entweder, weil er in späterer Zeit anders geartete Früchte von ihnen erwartete, oder weil er dem ungestümen Drang jüngerer Schößlinge nach Ausbreitung für eine gewisse Dauer nachgeben mußte. Der Krieg waltete aber auch als der letzte eiserne Schulmeister der Gottheit auf der Erde. Was früher, solange Gemüt und Körper noch schwerer bildsam waren, Sintflut, krachende Weltteilabstürze oder eishauchende Vergletscherungen vollbracht hatten, nämlich die Erziehung ungeheurer, von den Elementargewalten betroffener Stämme nach einer bestimmten Richtung hin, zu einem ganz gewissen Ziel, das erst die Spätgeborenen, schaudernd vor der ewigen Gerechtigkeit, als planvoll und segensreich erkannten, dafür wurde jetzt unter den verfeinerten Lebensformen, sobald sie zur morschen Überreife neigten, der Krieg als allgemein verständlicher, jede Auflehnung erstickender Erzieher über die Erde geschickt. Und er hat jedesmal seine stählerne Rute gut geschwungen. Noch kennt das Menschengeschlecht keinen Examinator, der so klar die Talentvollen und Starken nicht allein über Schwache und Faule, sondern sogar über die fleißige Mittelmäßigkeit zu setzen wüßte. Und dann, -- seine Lehrstunde ist nur kurz, denn wenn er gesagt hat, was er weiß, dann schlägt er die Tür der Schulstube donnernd hinter sich zu und schreitet in den dichten Wald der Jahrhunderte. Aber das, was er seinen Schülern vortrug, bleibt eindringlich über Geschlechter hinaus haften und wirkt unvergeßlich fort bis zu späten Enkeln.
VI.