Part 12
Da meldete sich ein fernes Rollen. Im Galopp kam der Landauer des Konsuls über den Marktplatz gerasselt, und schon von weitem erkannte man, daß der Rittmeister Sassin selbst das Gespann lenkte. Mit klatschenden Peitschenschlägen trieb er die Pferde die steile Straße hinan. Kaum hatte er die Brücke erreicht, als er auch schon dem deutschen Kutscher die Zügel zuwarf und klirrend herabsprang. Unter beständigem betrübten Kopfschütteln, und während er sich unausgesetzt den starrenden rotblonden Schnurrbart strich, schritt die mächtige Gestalt bis mitten auf den Holzweg, wo sich der Konsul, sowie seine Schutzbefohlenen, soeben von ihren russischen Begleitern verabschiedeten. Laut dröhnte die metallische Stimme des Rittmeisters zwischen die letzten höflichen Worte der Scheidenden.
»Rudolf Bark, mein teurer Freund, meine gnädigsten Damen, welch ein Malheur, welch ein lächerliches Mißverständnis! Nie werde ich wahnsinnigen Zeitungsschreibern, die an allem schuld sind, vergeben, was sie an mir verbrochen haben. Einen der schönsten Tage meines Lebens haben mir die elenden Narren gestohlen. Es ist unbegreiflich, Rudolf Bark, wie auch Ihre bekannte Kaltblütigkeit sich von solchem Geschwätz beirren lassen kann.«
Der Konsul hatte die Mädchen erst über die hölzerne Schwelle geführt, welche die Grenze der beiden mächtigen Reiche bildete. So merkwürdige Vorstellungen nisten in den Köpfen auch kluger Menschen, daß der Kaufmann seine Begleiterinnen erst völlig geschützt wähnte, als sie hinter dieser eingebildeten Schranke weilten. Er selbst aber trat noch einmal zurück, nicht nur um seinen Wagen herbeizuwinken, sondern auch in der Absicht, das Gebaren seines bisherigen Gastgebers, das er deutlich durchschaute, durch ein paar derbe und offene Worte vor den anderen bloßzustellen. Aber wie erstaunte er, als er merkte, daß diese Aufgabe bereits von dem vornehmen Offizier aus Petersburg übernommen sei. Lässig lehnte Dimitri Sergewitsch an dem Brückengeländer, nur eine heftige Kopfbewegung verriet, wie widerlich und unanständig ihn das unaufrichtige Verhalten des Kameraden anmutete.
»Leo Konstantinowitsch,« bemerkte er kurz, »Sie mögen gewiß Gründe haben, die gegenwärtige Lage so optimistisch zu beurteilen. Mich selbst aber, und wie ich glaube auch den Herrn Obersten, befriedigt es ungemein, weil wir die deutschen Herrschaften in dieser gespannten Zeit dort wissen, wohin sie gehören.« Und sich noch einmal, ohne die anderen zu beachten, direkt vor Johanna verbeugend, rief er noch hinüber: »Kommen Sie gut nach Hause, mein gnädigstes Fräulein; nein bitte, keinen Dank. Was hier geschehen ist, würde jeder andere genau so verrichtet haben. Übrigens -- hier kommt Ihr Wagen. Und nun guten Abend.«
Ein kurzes Gedränge entstand, hastig schlüpften die Mädchen durch den Schlag, der Konsul zog noch einmal den Hut vor dem salutierenden Obersten, und fort rollte der deutsche Wagen der Heimat zu.
Ungefährdet.
Im Lichte der Abendsonne aber lehnte Fürst Fergussow, so lange er das Gefährt noch verfolgen konnte, an dem Brückengeländer. Er hatte sich eine Zigarette entzündet, und die weißen Wolken ringelten sich fröhlich in den matter werdenden Himmel.
* * * * *
Wie anders sah das Land aus, in das der deutsche Wagen auf seinen prallen Gummireifen hereinrollte, als dasjenige, das seine Insassen eben von Grauen geschüttelt, verlassen hatten. Dort ein wüstes schmutziges Durcheinander, grundlose, ungepflasterte Straßen, baufällige Häuser, und eine Stadt, die von der segensreichen Tochter des Himmels, der Ordnung, nie durchschritten war. Und hier, kaum daß man den schwarz-weißen Grenzpfahl passiert, dem man zum erstenmal im Leben wie einem alten schutzbereiten Wächter aufatmend zugenickt hatte, hier empfing die Heimkehrenden eine glatte Chaussee aus blauweißen Steinchen, sauber gekehrt und auf beiden Seiten besetzt von buschigen Kirschbäumen, die bereits der Frucht zustrebten.
Gleich vor dem ersten Bauerngehöft stand neben den in der Abendsonne blitzenden Glaskugeln des Vorgärtchens eine hochgewachsene blonde Frau, auf dem Arm ihr Töchterchen tragend. Sie rief etwas in das Haus hinein, als sie den herannahenden Wagen gewahrte. Auf den weithallenden Schrei trat sofort ein Mann in Lederhosen und Hemdsärmeln aus der Tür, schnallte sich den Gurt etwas fester, strich sich die düster-blonden Haare aus der gebräunten Stirn und schritt dann dem heranrollenden Gefährt entgegen.
Der Konsul beugte sich in seinem weißen Mantel hinaus. Er erinnerte sich nicht, den jungen Bauern, der offenbar ein Anliegen hatte, jemals gesehen zu haben. Und doch beherrschte ihn die merkwürdige Empfindung, daß es jetzt notwendig und angebracht sei, jedem Landsmann Rede und Antwort zu stehen.
»Guten Abend, Herr Konsul Bark,« begann der Bauer, indem er freimütig grüßend an den Schlag herantrat; und sich gewissermaßen vorstellend, fuhr er fort: »Ich kaufe schon seit langem meinen Kram bei Ihnen dort drinnen. Aber deswegen halte ich Sie nicht fest. Ich bin hier Gemeindevorsteher, und die Nachricht ist eben bei mir eingelaufen. Sie kommen von drüben, Herr Konsul, und da wollte ich fragen, ob wir uns wirklich fertig machen müssen.«
Als er dies sprach, reckte sich die gedrungene Gestalt des Mannes und kehrte sich halb gegen Osten, als ob er irgend etwas von dort Andrängendem den Weg sperren müsse. Der Konsul aber reichte ihm rasch die Hand heraus und bestätigte mit einem leisen Seufzer:
»Ja, ja, ich fürchte es steht schlimm, Herr Gemeindevorsteher.«
»Schlimm?« wiederholte der andere erstaunt, und in seine braunen Augen drang ein seltsames Flimmern, »ich stand dort drinnen als Sergeant bei der Artillerie, Herr Konsul, und ich denke, wir werden auch ein Wort mitzureden haben. I wo, ich will uns nicht loben, aber wir werden uns nicht lumpen lassen, Herr Konsul.«
Es lag etwas so Frisches, Selbstverständliches in der Überzeugung dieses gedienten Soldaten, daß seine Zuhörer wie von einem heißen, belebenden Trank durchrieselt wurden.
»So ist es,« stimmte Johanna zu, innerlich beglückt, nach all dem französischen Parlieren wieder die derben heimatlichen Laute zu vernehmen, »wenn wir fest zusammenhalten, kann uns nichts geschehen.«
Der Landmann aber schüttelte ganz verblüfft das unbedeckte Haupt. Er schien den Sinn der Anrede durchaus nicht zu begreifen.
»Zusammenhalten?« wiederholte er langsam und prüfend. »Aber das ist doch selbstverständlich, Fräulein, -- Ehrensache. Ne, da kennen Sie uns nicht, die Sache wird gemacht.«
»Das meine ich auch,« nickte die Älteste von Maritzken, in deren Seele sich die alte trotzige Widerstandskraft erhob.
»Und was wird aus Ihrer Wirtschaft?« warf der Konsul dazwischen, »aus Frau und Kindern?«
»Ja, deswegen ist bereits vom Landratsamt telephoniert worden. Die Wirtschaft muß ich vorläufig sich selbst überlassen,« meinte der Mann stirnrunzelnd, »aber alles, was Beine hat, das bringe ich morgen in die Stadt. Dort spreche ich mal vor, Herr Konsul.«
»Ja, tun Sie das,« ermunterte der Herr des Goldenen Bechers so freundschaftlich, als ob er den einfachen Menschen schon seit vielen Jahren kennen würde. »Ich werde mich freuen, Sie gesund wiederzusehen. Vorwärts, Johann.«
Und als das Gefährt bereits an dem kleinen Gärtchen mit den bunten Glaskugeln vorüberrollte, da sah Isa, die sich zurückwendete, wie der Mann in den Lederhosen noch immer mitten auf der Landstraße weilte, das Haupt gen Osten gekehrt und das rechte Bein trotzig gegen die Muttererde vorgestemmt.
»Die Sache wird gemacht,« klang es Johanna durch den befreiten Sinn.
Weiter ging es.
Bald hatten sie den winzigen Marktflecken Schorweiten erreicht, der nur aus einer einzigen langgezogenen Gasse bestand mit einer windschiefen Einbuchtung für das kleine niedrige Holzkirchlein. Grünmoosig hing das Rohrdach fast bis zur Erde herab. Hier hielt ein berittener Gendarm und erteilte, tief von seinem Roß herabgebeugt, den ihn umringenden Landbewohnern bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. Vor der Kirchenschwelle aber stand eine kleine Schar von Buben und flachsköpfigen Mädchen. Sie trugen Papierhelme auf den Häuptern, und der kleinste von ihnen schwenkte eine deutsche Kinderfahne in den Händen. Lustig flatterte das Schwarz-weiß-rot in dem Abendwind, der von dem nahen Landsee herüberstrich. Und da hörten die im Schritt Vorbeifahrenden zum erstenmal jenes Lied, das seit langer Zeit Bedeutung und Sinn für sie verloren hatte, und das ihnen jetzt mit der brausenden Gewalt eines Orkans ans Herz fuhr. Aus Kindermund schallte es zu ihnen hin, silberrein und doch trotzig und voll werdender Mannheit:
»Lieb Vaterland magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«
Da konnte sich Johanna nicht länger zurückhalten. Eine Leidenschaft stieg in ihr auf, von der sie selbst nie geahnt hatte, daß sie in der kühlen Geschäftigkeit ihrer Tage noch nicht untergegangen wäre. Aber der Anblick der ruhigen, auf alles gefaßten Landbewohner, der singenden Kinder und der kleinen strohgedeckten Häuschen, über die sich der friedliche Abend herabsenkte, das alles zusammen überwältigte sie. Mit einer starken verbündenden Bewegung streckte sie dem Konsul, dessen Augen gleichfalls ernsthaft, fast liebevoll, auf den fremden Leuten dort draußen ruhten, die Hand entgegen, um gleich darauf die weinende Isa fest an ihre Brust zu raffen, von wo der schluchzende Rotkopf sich nicht mehr erhob. Nur Marianne saß daneben und lächelte. Sie war furchtlos. Ja, die seltsam schmerzhafte Aufregung tat ihr wohl. Aber das Ungeheuerliche, das in diesen Augenblicken aus der ruhigen Heimaterde vor ihr aufstieg, der gerüstete Riese, in den ein ganzes Volk zusammenwuchs, und der nun schwerfällig, treuherzige Lieder singend, zur Landesgrenze wandelte, er blieb den geistigen Blicken der eleganten Dame verborgen. Ihn erkannte sie nicht. Die vergangene Zeit mit ihren fremden Lüsten und Eitelkeiten ließ sie nicht los. Dazu war ihr kleines unbedeutendes Frauenschicksal der Gefallsüchtigkeit und Freudegierigen zu weit überschattend vor alles Geschehen der Umwelt gewachsen.
Dicht hinter dem Dorfteich setzte sich der Wagen in schnellere Bewegung. Fern aus dem graublauen Dämmer des Abends stiegen bereits zerfließend und verschwimmend die Linien der hohen Kirche auf, deren Schatten sie zustrebten. Ein kühlerer Luftzug wehte erfrischend über die Felder.
Da klang über die Chaussee harter Hufschlag. Kurz und regelmäßig, wie von einem gut galoppierenden Pferde. Und ehe die aufgestörten Reisenden, die jetzt auf jedes ihnen sonst gleichgültige Geräusch achteten, noch ihre Meinung über den Herannahenden austauschen konnten, da schwenkte der eilige Reiter schon ganz dicht um die nächste Wegbiegung.
»Ein Soldat,« sagte der sich herausbeugende Konsul.
»Fritz Harder,« rief Marianne zum erstenmal lebhaft dazwischen, und im gleichen Moment fühlte sie, wie die Augen ihrer ältesten Schwester mahnend und dringend auf ihrem Antlitz ruhten.
Aber sie hielt den ernsten Blick, der immer finsterer wurde, mit ihrer gewohnten überlegenen Lässigkeit aus. Ja, in ihr prickelte das Gefühl des Wichtigen und des Begehrenswerten so angenehm und erregend, daß es ihr vor allen Dingen darauf ankam, den seidenen Mantel kleidsam um sich zu werfen und die weißen Handschuhe etwas höher über den Arm zu streifen. Was galt ihr das in Fieberschauern zitternde Vaterland, wenn sie an die ihr eigene geheimnisvolle Macht dachte?
»Guten Abend, Herr Leutnant,« rief der Konsul, der aufgesprungen war, aus dem Wagen, »so spät noch im Dienst?«
Der Reiter zog die Zügel an, das Pferd stieg ein wenig, und an der Art, wie es seinen Herrn hin und hin schleuderte, da erkannte Marianne -- selbst eine Meisterin im Sattel -- daß der Infanterist auf diesem Gebiete seine Lorbeeren nicht zu suchen schien.
»Nicht im Dienst,« schöpfte Fritz Harder nach dem harten Ritt Luft, und während er die Hand hastig zum Gruß an die Mütze führte, beugte er sich vor und ergriff in voller Erregung die Rechte Johannas. Aber seine Augen hingen unausgesetzt an dem gleichmäßig lächelnden Antlitz seiner Geliebten. »Ich hörte heute vormittag,« keuchte er noch immer atemlos, »von Ihrer Fahrt über die Grenze, und da wollte ich mich unter allen Umständen nach Ihnen umsehen. Sie wissen doch, was hier inzwischen geschah?«
»Ja,« entgegnete Johanna, warm berührt von der Herzensangst des jungen Mannes, indem sie kräftig seinen vertraulichen Handdruck erwiderte. »Wir wissen es und danken Gott dafür, daß wir wieder im Lande sind. Es war eine in dieser Zeit etwas absonderliche Unternehmung,« setzte sie mit einem Blick auf Konsul Bark hinzu. »Wie steht es in der Stadt, lieber Harder?«
Der Reiter hatte sein Pferd an die andere Seite des Wagens herangeschwenkt und begrüßte nun Marianne, die den weiß behandschuhten Arm hob, als ob sie einen Handkuß erwarte. Allein merkwürdig, auch der junge Offizier schien gänzlich von dem drängenden Ernst der Stunde erfüllt. Er bemerkte ihre auffordernde Bewegung gar nicht, sondern berichtete, dicht neben dem Schlag reitend, in seinem jagenden Tone weiter:
»Meine Damen, ich bin leider für Sie der Überbringer einer unangenehmen Botschaft. Nein, nein, es ist nichts Ernstliches,« beruhigte er sofort, als er sah, wie sich Isa erschreckt zu ihm herumwarf, »nur die Chaussee nach Maritzken ist für heute nacht durch unsere Pioniere gesperrt.«
»Ja, aber um Himmels willen, warum denn?« fuhr Johanna auf.
»Gott, es werden dort allerlei Ehrenpforten für den Empfang der Herren von dort drüben gebaut, wenn sie etwa den Besuch der Damen zu erwidern gedenken. Die Herrschaften werden für heute mit ein paar Hotelzimmern vorlieb nehmen müssen. Und ich bitte jetzt bereits um Vergebung, weil ich mir erlaubt habe, diese Räume für Sie im ›Deutschen Hause‹ belegen zu lassen, denn der Andrang war heute nachmittag ein sehr großer.«
»Wie zartfühlend und freundschaftlich von Ihnen, lieber Herr Leutnant,« sagte Johanna dankbar. »Wir machen natürlich von Ihrer gütigen Bestellung Gebrauch.« Und in ihrer Seele legte sie sich wieder prüfend die Frage vor: »Ob meine Schwester Marianne auch einen solchen Mann verdient? Und ob sie das Gemüt und das Innenleben eines solch Nachdenklichen zu würdigen weiß?«
Ehe sie sich jedoch hierüber die bang zurückgehaltene Antwort erteilen konnte, da wandte sich jetzt der junge Offizier direkt an sie selbst, und sein dunkles, ernstes Antlitz nahm den Ausdruck der offenen Sorge an.
»Liebes gnädiges Fräulein,« bat er, »Sie müssen mir auch ein anderes Anliegen nicht übel deuten. Die Verhältnisse haben sich leider so geändert, daß auf eine günstige Wendung, an die wir ja alle noch heute vormittag glaubten, kaum gerechnet werden darf. Und da wir waffenfähigen Männer binnen kurzem nicht mehr hier weilen werden, so ist es für mich und gewiß für viele andere,« setzte er in Beziehung auf den Konsul hinzu, »ein unerträglicher Gedanke, Sie dort draußen auf Ihrem einsamen Gute ohne rechten Schutz zu wissen. Nicht wahr, ich darf mich doch der Hoffnung hingeben, daß die Damen ihren Aufenthalt in der Stadt so lange ausdehnen, bis die nötige Sicherheit von uns geschaffen wurde? Darin verrechne ich mich doch hoffentlich nicht?«
»Ja, Hans,« drängte jetzt auch Konsul Bark auf die Älteste von Maritzken ein, und der spöttische Gesellschaftston des Lebemannes war wie weggewischt, »der Bitte unseres Freundes schließe ich mich auf das dringendste an. In einer solchen Zeit, liebes Kind,« entfuhr es ihm achtlos, ohne daß er die zärtliche Benennung zu verdecken suchte, »müßten ja eigentlich all die lächerlichen Bedenklichkeiten zum Teufel fahren. Mein ganzes Haus steht leer. Ich besitze so viele Zimmer, daß ich ein Regiment unterbringen könnte. Wäre es nicht das Allernatürlichste -- --«
»Nein,« schnitt die große Blonde mit aller Bestimmtheit ab, »das verstehen Sie nicht, lieber Konsul.« Und leiser fügte sie an: »Sie sind vielleicht allein daran schuld, daß ich Ihr freundliches Angebot für meine Schwestern nicht akzeptieren kann. Ich selbst komme ja gar nicht in Betracht.«
»Sie selbst nicht?« fragte der Kaufmann mit einem Schatten von Mißfallen, das der lebhaft aufhorchenden Isa nicht entging.
»Nein,« beendete die Gutsherrin das Gespräch in der ihr eigenen entschlossenen Weise, »lieber Freund, Sie wissen ja, wie das gemeint ist, wir wollen keinen unnötigen Streit darauf verwenden. Nein,« wiederholte sie völlig entschieden, »ich selbst kehre morgen auf das Gut zurück, um dort alle Anordnungen zu treffen, die jetzt gewiß sehr nötig werden. Aber über den ferneren Verbleib meiner Schwestern werde ich gern mit Ihnen beraten.«
»Schön, Hans,« erklärte sich der Konsul, der seine Fassung gewaltsam zurückzwang, in einem nicht ganz frei klingenden Gelächter zufrieden. »Und hier,« machte er abschweifend seine Schutzbefohlenen aufmerksam, »fahren wir bereits über die ersten holprigen Straßen. Merken Sie die Stöße? Weiß Gott, niemals sind sie mir so vertraut und gemütlich vorgekommen, als heute, seit wir aus dem gottverfluchten Polackennest -- na ja, über dies und vieles andere unterhalten wir uns bei dem berühmten Fischgericht im ›Deutschen Hause‹ eingehender. Sie werden mich des Vergnügens nicht berauben, lieber Hans, die Mitglieder meiner Expedition noch einmal an dem runden Tisch zu vereinigen. Wer weiß, wann wir wieder so nach altväterlicher Sitte beieinander sitzen werden! -- Langsam, Johann, langsam.«
Und die Mahnung an den Kutscher war berechtigt. In den schmalen, schon von den Abendschatten verhängten Gassen der ernsthaften Handelsstadt wogte das Volk durcheinander. Überall Gedränge, überall schwarze Massen auf Fahrdamm und Trottoiren. In den matt erleuchteten Läden lauter Disput.
Und dann -- ein merkliches Strömen und Schieben nach der Gegend der zweistöckigen grauen Häuser hin, wo die öffentliche Meinung des Platzes gemacht wurde, -- nach den Zeitungen. An der schwarzen Tafel des Kreisanzeigers ein riesiges weißes Plakat mit Blaustift beschrieben: »Deutsches Ultimatum an die russische Regierung«. Und nun, je näher man dem Markt zustrebte, ein dumpfes Schwellen und Brausen, das manchmal sich zu einem rastlos wirbelnden Trommelschlag verminderte, manchmal aber auch dem Dröhnen und Toben stürzender Wellen verglichen werden konnte.
»Horch, sie singen,« sagte Isa erschauernd.
»Lieb Vaterland magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«
»Ist das nicht erhaben?« fragte Fritz Harder, dessen Antlitz schneebleich geworden war, von seinem wiehernden Tier herunter, »die deutsche Volksseele betet.«
Machtvoll und zwingend umfaßte dabei sein Blick Mariannens dunkle Züge, als müsse er sie gewaltsam zu seinen eigenen Erschütterungen reißen. Und sie? Sie lächelte, lehnte elegant in den Kissen des Wagens und knüpfte die Bänder ihres breithin schattenden Hutes fester an dem schlanken Hals zusammen.
* * * * *
Eine halbe Stunde später wurde leise an die Tür des Hotelzimmers geklopft.
»Bitte einen Augenblick,« rief eine frische Stimme von drinnen.
Dann ein Hin- und Herhuschen, gleich darauf öffnete sich die hohe weiße Pforte, und durch den Spalt lugte Marianne auf den von einer flackernden Gasflamme erleuchteten Gang hinaus. Draußen auf dem Läufer des Flurs wartete ein junger Offizier, die Mütze in der Linken und die Rechte auf den Degen gestützt.
»Ach du bist es, Fritz,« flüsterte Marianne, über die Heimlichkeit der Szene erfreut, und zog ihren Besucher eilig über die Schwelle. »Ist das nicht reizend, daß wir hier bleiben mußten? Denke doch, ein so unverhofftes Stelldichein.«
»Marianne!«
»St-- nicht so laut, Ihr Männer könnt Euch niemals an Diskretion gewöhnen. Hier nebenan sind Johanna und Isa einquartiert, und wenn sich meine Schwestern auch zum Glück bereits zu Konsul Bark in das Gastzimmer begeben haben, so darf dich doch auch kein anderer hören. Wie denkst du dir das eigentlich?« Und dabei schmiegte sie sich an ihn und streichelte ihm sanft die Wangen.
Draußen aber von dem Marktplatz hob sich wieder die gewaltige Woge, die dazu bestimmt war, ein ganzes Volk auf unerkannte Gipfel seines Daseins zu tragen. Tausendstimmig einten sich Kampfesmut, Vaterlandsliebe, Seligkeit und Schluchzen immer wieder zu der längst und heiß und willig beantworteten Schicksalsfrage. Himmelan brauste der wilde, der beschwörende Gesang, der das eiserne Gelöbnis enthielt.
Und siehe da, der junge Offizier machte sich schnell von der hingebenden Umschlingung frei, ja es lag ein Abschütteln in der Bewegung, als er jetzt rasch unter das Fenster trat. Einen vollen Blick sandte er auf die dunklen wogenden Häupter dort draußen hinaus, dann wandte er sich entschlossen zurück, und seine Stimme klang anders als sonst, kurz, gepreßt und voll innerer Entschiedenheit, da er jetzt zu seiner Geliebten dicht an den Tisch zurückkehrte.
»Du irrst, Marianne,« nahm er das Gespräch rasch wieder auf, »ich besuche dich hier mit Erlaubnis deiner ältesten Schwester.« Und bewußt setzte er noch hinzu: »Ich möchte dir übrigens gleich bemerken, daß Johanna, seitdem ich sie näher kenne, meine volle Verehrung genießt.«
»So?« spottete die Schwarze und ließ sich in dem verblaßten roten Plüschsessel des Hotelzimmers nieder, so daß ihr Besuch jetzt vor ihr stand, »das ist ja äußerst schmeichelhaft für die ganze Familie. Darf man auch erfahren, Fritzchen, was du mir in ihrem Auftrage überbringst?«
Dabei dehnte sie sich ein wenig und ließ die Spitzen ihrer schwarzen Lackschuhe leise gegeneinander klappen. Ihr Besucher indessen wurde von den Lockungen des Bildes nicht eingefangen. Bezwungen horchte er vielmehr auf den Gesang, der ungeschwächt um die dunklen Umrisse der Häuser fortbrandete, und ohne sich selbst darüber klar zu sein, so war es dem Lauschenden doch, als ob das bessere Teil von ihm, seine Seele, gar nicht hier drinnen in dem Zimmer weile, wo die höchsten Wünsche des Mannes sich erfüllen sollten, sondern draußen bei den Namenlosen, Durcheinanderwogenden, die dem in Gefahr befindlichen Vaterlande das Trostlied sangen.
»Marianne,« begann er, sich gewaltsam von diesem Gefühl losreißend, »die Zeit begünstigt keine Neckereien. Hat dir deine Schwester Johanna nicht mitgeteilt, daß ich heute vormittag bei ihr um deine Hand anhielt?«
Wie von einem Stoß in den Nacken getroffen flog Marianne empor. Zitternd vor Schrecken stand sie dicht neben dem Offizier, ihre Augen gruben sich aus nächster Entfernung ineinander.
»Nein,« brachte sie bestürzt heraus, und es war, als wenn sie ein leichtes Frösteln überwände, »das liegt nicht in Johannas Art. Sie hat mir nicht das geringste verraten. Um Gottes willen, Fritz, wie konntest du das?«
»Wie ich das konnte?«
In dem Manne verwirrte sich jedes Begreifen. Völlig entglitt ihm die Beherrschung dieser Zwiesprache, die so vollständig den Charakter einer landläufigen Unterhaltung anzunehmen drohte. Nein, der junge redliche Mensch vermochte sich durchaus nicht mehr zurechtzufinden. War es denkbar, die Herrscherin über sein zukünftiges Leben, dieses heiße, glühende Geschöpf, es jauchzte nicht auf, als all die unwürdigen Heimlichkeiten, all das böse Versteckspielen von ihnen abgleiten sollten? Sie bekannte sich nicht sofort bedingungslos zu ihm, sie verstand nicht, daß eine rechte deutsche Frau in der großen allgemeinen Not jeden Zweifel, jede Bedenklichkeit von dem Geliebten fortscheuchen und für immer entfernen müsse? Nein, das ertrug er nicht. Langsam umklammerte er ihren Arm, und obwohl er fühlte, wie sie schmerzhaft zuckte, fragte er noch einmal mit aller Zusammenfassung seiner Willensstärke:
»Marianne, du weißt, mein Dasein ist an das deine geknüpft. Gib mir deine Hand und bestätige mir noch einmal, daß du mein Leben, so bescheiden es auch ist, teilen willst.«
Hilflos schickte Marianne ihren Blick umher, ein rasches Aufatmen hob ihre Brust, und während sie, wie um ihren Bedränger zu besänftigen, ihm immer noch mit ihrer zarten, weichen Hand die Wange streichelte, da rang sie sich kleinlaut ab:
»Du weißt, Fritz, wie gern ich dich habe.«