Die Herrin und ihr Knecht

Part 10

Chapter 103,514 wordsPublic domain

»Sehen Sie, sehen Sie,« rief Sassin nach der Vorstellung laut durch das Zimmer, »die wunderschönen Damen von Maritzken. Aber ist es nicht wahr -- ist es nicht wahr,« wiederholte er beseligt, »welch ein wundervolles Beispiel die drei Damen und mein bester Freund Rudolf Bark uns allen in dieser Stunde geben? Sie verachten das widerliche und blödsinnige Geschwätz, das nur in den Köpfen von ein paar Narren entstanden ist. Sie leisten damit etwas sehr Wichtiges. Ist es nicht so, Exzellenz?« erkundigte er sich eindringlich bei der Giraffe, die mit weit vorgeneigtem Hals die drei deutschen Mädchen betrachtete.

Und seltsam, es war, als ob in diesen Zimmern, die vor Neuheit und mit ihrer eben erworbenen Einrichtung wie poliert glänzten, niemals Wut und Neid und die Freude am Zerstampfen mit lechzenden Wolfszungen geheult hätten. Äußerst zufrieden blickte sich Herr Bobscheff um. Kaum jemals zuvor war es der Giraffe so stark wie heute in das Bewußtsein gedrungen, wie meisterhaft seine Landsleute die Verstellungskunst zu üben wußten und welchen hohen Grad der allgemeinen Schauspielerei diese Rasse erreicht hatte. Da stand seine dicke Tatiana -- zum Henker, sie wurde immer faßähnlicher; wenn man sich vorher an den bestrickenden Linien der brünetten Deutschen erlabt hatte, da verdarb einem diese unwahrscheinliche Anhäufung des Fettes jegliche gehobene Stimmung -- da stand die Kugel neben dem zierlichen deutschen Rotkopf, streichelte dem schmiegsamen Mädchen unaufhörlich die Wangen und sprudelte aus den Plusterbacken Lobeserhebungen und Hymnen über die schmalen Füßchen der Kleinen, die in so allerliebsten weißen Halbschuhen steckten. »Unsere Schuhfabrikation ist besser und reeller als der Schund da drüben,« dachte der Gouverneur. »Aber das Reizvolle, das Scharmante steht auf jener Seite. Obwohl auch bei uns -- ach ja, es gibt schon Frauen -- --,« seufzte er kopfschüttelnd in sich hinein, und er blickte wie zur Bestätigung auf die schlanke Gestalt von Maria Geschowa, die, verdeckt durch das Fensterstore, eine ihrer angeregten und sprudelnden Unterhaltungen mit dem fremden Kaufmann zu führen schien; »sieh einmal, diese berechnete Intriguantin,« dachte die Giraffe trauervoll und drückte den Daumen der Linken schmerzhaft in die rechte Handfläche. »Sie zeigt ihm dort draußen auf der Straße einen vorübergehenden Kosaken. Zum Teufel, die Kerle sollen doch in ihren Kasernen bleiben! Aber wozu muß sie sich dabei so eng an seine Schulter lehnen? Der verwünschte Schmarotzer hält beinahe seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen. Die Vorurteilslosigkeit dieser schönen Frau ist jedenfalls nicht zu billigen.«

Die Deutschen bildeten bald den Mittelpunkt der Gesellschaft. Es war, als ob alle anderen nur eingeladen wären, um den Gästen das Bild eines harmlos sich vergnügenden Kreises einzuprägen, der weit davon entfernt war, an eine Unterbrechung seiner gewohnten Zerstreuungen zu glauben. Überall flogen leichte Scherzworte auf, die Fähigkeit der Slawen, geschätzte Personen zu ehren und zu bedienen, äußerte sich in jeder Handreichung.

Marianne lag in einem Schaukelstuhl und wiegte sich leise auf und nieder. Um sie herum bewegte sich ein ganzer Troß von Offizieren, die sich den Wünschen des verführerischen Weibes dienstbar zu machen strebten. Der eine hielt ihr ein Aschenschälchen, denn sie sog mit Genuß an einer der ihr angebotenen aromatischen Zigaretten; ein zweiter hütete den silbernen Untersatz des Teeglases, an dem sie nippte; zwei weitere hielten den Stuhl in seiner schaukelnden Bewegung, und vor ihr stand der Rittmeister Sassin, den das Schweben und Gleiten der Brünetten bereits bis zur Tollheit begeistert hatte. Seine blauen Knabenaugen schwammen vor Erregung, und er fand es direkt sündhaft, weil sich auch seine Kameraden an den Huldigungen für das berückende Geschöpf beteiligen durften. Wahrhaftig, dazu hatte er doch nicht die Kosten dieser so ungewohnt vornehmen Teestunde auf sich genommen. Ob man es wagen konnte, der Schwarzen einen erläuternden Gang durch das gesamte Hauswesen anzubieten? Hm, der teure Freund Rudolf Bark, dem er doch eine so überaus ablenkende Gesellschaft zugewiesen, der verfluchte Krämer mit den ernsten Augen, er behielt immer noch Zeit, die Gruppe um den Schaukelstuhl aufmerksam zu verfolgen. Dazu schoß Leo Konstantinowitsch plötzlich eine ganz widerspruchsvolle Eifersucht durch den Kopf. Blitzartig fiel ihm ein, wie er bei seinem letzten Besuche in der deutschen Stadt von allerlei Beziehungen hatte flüstern hören, die Marianne an einen Offizier der dortigen Garnison knüpften. Sie hatte ein Verhältnis. Das machte sie nur noch begehrenswerter. Zum Teufel, wie hieß doch der Dummkopf? Und in diesem Augenblick fiel der Aufgeregte aus der Rolle und beging eine Torheit.

»Gnädigste,« sagte er mit seinem lauten Organ, das er um keinen Preis dämpfen konnte, »ich hatte die Freude, Sie neulich auf den Wallgängen der Stadt mit dem ganz ausgezeichneten Fritz Harder promenieren zu sehen. Darf ich mir die Frage erlauben, ob dieser Bevorzugte das Glück besitzt, Ihre Freundschaft zu genießen?«

»Gott,« warf Marianne hin, die inmitten so vieler Anbeter die Nähe ihrer Schwestern vergaß, und sie errötete weder, noch gab sie das angenehme Wiegen auf, »ein guter Bekannter von mir, wie viele andere. Was bezwecken Sie übrigens mit der Frage, Herr Rittmeister?« setzte sie gleichgültig hinzu, schlug die Füße leicht übereinander und blies eine feine Dampfwolke von sich.

»Oh,« rief Leo Konstantinowitsch strahlend und mit der ihm angeborenen Begabung für schlaue Galanterie, »das schafft mir die einzige Feindschaft vom Halse, die ich einem deutschen Offizier etwa entgegentragen könnte. =Merci=, mein Fräulein.«

»Leo Konstantinowitsch ist ein Schlaukopf,« fing Konsul Bark dicht neben sich das geheimnisvolle Raunen zweier Unterleutnants des Dragonerregiments auf, um deren weiche Knabengesichter noch kaum der Flaum zu sprossen begann, »hörst du, Alexei, wie er das schwarze Pferdchen zu einem Gang durch die Villa antreibt? Ich wette, sie wird sich erbitten lassen?«

»Wahrscheinlich,« pflichtete der angeredete Fahnenjunker bei und über sein kränklich blasses Antlitz, das er unausgesetzt dem Schaukelstuhl zugewendet hielt, flog ein frühreifer, übersättigter Schein, »du hast recht, da erhebt sie sich.« Aber gleichzeitig zuckten die Lippen in dem fahlen Gesicht, und unwillig kehrte sich die zarte Jünglingsfigur ab. »Merkwürdig, wie Leo Konstantinowitsch gerade heute Lust und Neigung für so etwas aufzubringen vermag,« stieß er noch ungehalten zwischen den Zähnen hervor.

»=Mon Dieu=, Alexei, was soll man tun?«

»Ich habe heut vormittag mein Testament aufgesetzt,« erklärte der kränkliche Fahnenjunker ganz still. »Man kann nie wissen. Ich schrieb darin meinem Vater, dem Polizeioberst in Kiew, vieles, was ich bei uns im Hause, aber auch draußen anders wünschte. Er hätte es sonst nie von mir hingenommen, denn wir mußten immer schweigen. Freilich, für ein solches Schriftstück kann man später nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.«

»Ja, du machtest dir immer viele Gedanken, Alexei, anstatt dem Leben, wie wir anderen, ein Paar vergnügte Stunden abzugewinnen. Aber st! -- --, lieber Bruder, dort unter dem Fenster spitzt man die Ohren. Komm, laß uns in das Billardzimmer gehen und hören, was Fürst Fergussow aus Petersburg zu erzählen weiß. Die Entscheidung kann ja nicht mehr lange währen.«

Damit strichen die beiden Knaben ihre Waffenröcke zurecht und schlenderten auf den eleganten Lackstiefeln fast unhörbar in den Nebenraum.

Also doch -- also doch!

Der Konsul fühlte, wie ihm etwas durch die Stirn schnitt. Es war, wie wenn man einen klirrenden Pfeil durch sein Gehirn geschossen hätte. Eine Sekunde lang konnte er sich durchaus nicht mit der Lage vertraut machen, in der er sich befand. Auch dafür, daß draußen die Welt und alles, was bisher als feststehend galt, binnen kurzem wie ein mürber Teig in einer Riesenschüssel von Gigantenfäusten durcheinander gerührt werden konnte, auch dafür fehlte ihm plötzlich jede Vorstellung. So lähmend war die Mattigkeit, die seine sonst so geschmeidigen Glieder befiel, daß er immer noch mit demselben vieldeutigen Lächeln den Fragen Maria Geschowas lauschen konnte, die zu ihrer Freude in ihm einen Kenner des Theaters entdeckt hatte.

»Also Sie kennen die kleine Schwarz?« sagte die Tatarin und schlug die dunklen Augen, die nie ihren auffordernden Ausdruck verloren, langsam gegen ihn empor. »Ich sah sie neulich in einem Ihrer modernen Stücke spielen. Ich vermag die Zustände bei Ihnen natürlich nicht zu beurteilen, aber in der Darstellung der schönen Person fiel mir die Wichtigkeit auf, die sie ihrer Bedeutung als Frau, ja darüber hinaus der ganzen weiblichen Liebeshuld beizumessen schien. Ich glaube, das alles wird in Ihrem Vaterland sehr überschätzt.«

»Oh,« entgegnete der Konsul gewohnheitsmäßig, obwohl er sich mit aller Kraft an dem Messingknopf des Fensters festhalten mußte, »es gibt doch einzelne Frauen, denen gegenüber die Schätzung nie hoch genug gegriffen werden kann.«

Es sollte einschmeichelnd klingen, aber Maria Geschowa mit ihrem feinen Ohr hörte deutlich heraus, wie weit der Geist des hübschen Mannes von ihr entfernt weilte.

»Lassen wir das,« sagte sie hochmütig und wiegte sich ablehnend in den Hüften, »wir Slawen beschäftigen uns in der Kunst mehr mit sozialen Verhältnissen. Diese Dinge erfüllen unsere ganze Phantasie. Aber was haben Sie, lieber Freund?« unterbrach sie sich eifrig, denn sie sah, wie der Kaufmann starr auf die Straße hinausblickte, wo drei Soldaten in Kosakentracht singend und brüllend vorüberliefen.

Jetzt vermochte der Konsul nicht mehr das nervöse Zucken der Mundwinkel noch den kurzen Atem, der ihm durch den Schrecken eingegeben war, zu verbergen. Da draußen die drei langröckigen, halbbarbarischen Gesellen, die unter ihren Pelzmützen dahintaumelten, wie kamen sie hierher? Er wußte doch, daß in der Grenzstadt kein Kosakenregiment lag. Und diese hier -- er glaubte es an den sauberen Uniformen und den blitzenden Silberverschnürungen zu erkennen -- sie gehörten sicher der Petersburger Garde an. Immer ängstlicher und aufgescheuchter tobten seine Gedanken gegeneinander. Die Selbstbeherrschung und feste Sammlung, die trotz seiner leichten Manieren sein ganzes Wesen ausmachten, stoben in diesem Augenblick, wo er das Rollen eines Völkergewitters schon über seinem Haupte poltern hörte, von ihm ab. Obwohl der Herr des Goldenen Bechers genau wußte, daß es töricht sei, die Maske des Vertrauens und der sicheren Überlegenheit gerade vor der klugen Tatarin, neben der er weilte, zu lüften, die Spannung, die in ihm zerrte, zerriß jedes Bedenken. Nein, er mußte hören, wie eine Vollblutrussin den schweren Verdacht, der ihn überwältigte, entkräften würde. Was diese reizende Person jetzt wohl zusammenlügen wird? dachte er halb neugierig.

Und da sprach sie bereits. Sie legte ihm die Spitze des Zeigefingers fest auf die Brust und fragte mit ihrer warmen, immer leise vibrierenden Stimme:

»Wie heißen Sie, lieber Freund?«

»Ich? -- Ich heiße Rudolf Bark.«

»Nun, Rudolf Bark,« lächelte die Tatarin, indem sie sich geschmeidig mit dem Rücken gegen das Fenster schob, so daß er jetzt gezwungen in ihr dunkles Antlitz blicken mußte, »sind Ihnen die drei Kosaken dort auf der Straße wirklich interessanter, als ich, die ich mir doch soviel Mühe gebe, Ihnen zu gefallen?«

Der Angeredete, der so unvorbereitet seine Gedanken erraten sah, erschrak. Zum Teufel, wie klug doch diese Russin war, viel gescheiter und gebildeter als die Männer ringsumher. Zu jeder anderen Zeit hätte er das Geplänkel fortgesetzt, um zu ergründen, wie weit das eigenartige Geschöpf durch ihre Koketterie geführt werden könnte; allein jetzt -- jetzt -- alle diese Nichtigkeiten erschienen ihm im Moment widerwärtig und abscheulich. Er begriff gar nicht, daß er ihnen jemals Bedeutung beigelegt.

»Es überrascht mich,« entrang es sich ihm ohne jede Vorsicht, die er doch unter allen Umständen einzuhalten gewillt war, »wie die drei Kosaken hierher gelangt sind. Nach meiner Kenntnis gab es bis vor kurzem keine derartigen Truppen hier. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Gnädigste,« setzte er rasch hinzu, als er den langen, weichen, fast betrübten Blick der jungen Frau empfand, »aber sehen Sie, wir Deutschen besitzen nun einmal die unangenehme Eigenart, alles Militärische besonders stark auf uns wirken zu lassen.«

Wie hübsch der elegante schlanke Mann sprach und wie rot sich seine Wangen vor innerer Aufregung gefärbt hatten. Maria Geschowa schämte sich, daß sie an dem albernen Komplott, das ja bereits von dem erfahrenen Kaufmann durchschaut wurde, mitwirken sollte. Daneben aber glühte in ihr die echt weibliche Begierde auf, einen Mann in den Maschen eines Netzes zu verstricken, dessen Verschnürungen man selbst fest in der Hand hielt. Im Grunde war es doch eigentlich ein wohliges Gefühl, zu wissen, daß man unbeschränkte Macht besäße über das Schicksal so freier und aufrechter Menschen. Darin lag ein eigenartiger Kitzel, ein ganz neuer Genuß. Und fortgerissen und lebhaft fand sie sich in die Rolle und zuckte deshalb ein wenig verächtlich die weichen Schultern:

»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Rudolf Bark,« versetzte sie mit feiner Ironie, und auch die vollen Lippen bekundeten eine gewisse trotzige Sucht nach Lüge und Intrigue. »Die drei Burschen dort draußen gehören zur Begleitung meines Mannes. Sie werden selbst sehen, die Wichte verstehen es viel besser, mir meinen seidenen Mantel umzulegen, als einen Karabiner loszudrücken.«

Da war die Unwahrheit heraus. Und seltsam, als Maria Geschowa ihren Blick jetzt in die kühlen, von Zweifel erfüllten Augen des Mannes richtete, von dem sie beinahe hoffte, daß er sie durchschauen möge, da malte sich auf ihren dunklen Bronzezügen ein freches, wildes Flimmern, wie sie es wohl als Kind den Ihrigen daheim auf dem kaukasischen Gebirgsgut gezeigt, wenn sie entwendete Äpfel zu verleugnen hatte. Und siehe da, ihr Partner blieb ihr gewachsen. Es bereitete ihr selbst eine wollüstige Befriedigung, als er mit seinem gewinnendsten Lächeln entgegnete:

»Aha, die Begleitung Ihres Mannes -- und sie legen Ihnen den Mantel um -- --, ich bin leider durchaus zivil, gnädige Frau, aber bei einer derartigen militärischen Verwendung würde ich mich sofort auf Avancement melden -- --«

»Pfui,« atmete Maria Geschowa, bei der der lauernde und gespannte Zug noch immer nicht entschwunden war, erleichtert auf, »Sie werden unartig, bester Freund. Darf ich Ihnen nicht lieber eine Tasse Tee bereiten? Solch ein Trank aus unserem Samowar schwemmt uns alle unnötigen Sorgen fort.« Und indem sie ihm abermals mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust tippte, forschte sie ungeduldig: »Weshalb sehen Sie so unausgesetzt nach der großen, blonden Walküre, die Sie mitgebracht? Sind Sie ihr Vormund?«

Ja, der Prinzipal des Goldenen Bechers hing sich mit allen Sinnen an die aufrechte Gestalt der Ältesten von Maritzken, weil ihn nicht eine Sekunde die treibende Furcht verließ, daß er hier unter diesem fremdsprachigen, auf der Lauer liegenden Volke ihr einziger Schutz und ihre letzte Hilfe sei. Wenn er doch nur unauffällig an ihre Seite gelangen könnte, um ihr seine aufkeimenden Bedenken bemerklich zu machen. Allein Johanna weilte in zwangloser Unterhaltung mit dem Fabrikbesitzer Miljutin an demselben Tischchen, das der Student Diamantow vor kurzem verlassen, und an ihren suchenden, manchmal hilflosen Gebärden erkannte Rudolf Bark, wie sie bei dem russischen Kaufmann sicherlich in der ihr nicht ganz geläufigen französischen Sprache allerlei geschäftliche Erkundigungen einzog. Ihr heut leicht gewelltes Blondhaar leuchtete selbst in der dämmrigen Ecke so voll Glanz und hellem Schimmer, ihre Haltung war so frei und dabei doch so stolz und straff, daß den Beobachter plötzlich die fast berauschende Genugtuung durchströmte -- eine deutsche Frau!!

Wenn er sie nur erreichen könnte!

Allein Johanna war zu sehr in die praktischen Erläuterungen vertieft, die ihr Herr Miljutin hinter seiner goldenen Brille, ein wenig stockend und schüchtern wie immer, angedeihen ließ, als daß sie auf ihren einzigen wahrhaften Freund in dieser Gesellschaft geachtet hätte. Das Kapitel des Pferdeeinkaufs war bereits zu ihrer Befriedigung abgehandelt worden, jetzt berichtete ihr der Fabrikant voll Stolz von seinen eigenen Erzeugnissen, und daß er auch Decke und Sims des kleinen Billardzimmers mit ganz neuartigen, perlmutterfarbig irisierenden Kacheln ausgelegt hätte:

»Als Borten, mein teures gnädiges Fräulein,« lispelte Herr Miljutin, »sind Goldmajoliken verwandt, und an der Breitseite ist aus lauter kleinen Mosaik-Porzellanstückchen das Bild unseres erhabenen Zaren als Ritter Sankt Georg eingelegt. Ja, es ist ein schönes Werk des Friedens,« murmelte der Fabrikbesitzer mit kaum hörbarem Kummer, und indem er auf seinem verkürzten Fuß einen Schritt voranhinkte, verneigte er sich an der Schwelle und vollführte eine einladende Bewegung. »Sie würden mich außerordentlich ehren, teures Fräulein, wenn Sie meine bescheidenen Leistungen selbst beaugenscheinigen wollten. Bitte, treten Sie ein.«

Demütig hob er den Vorhang, und Johanna nickte zustimmend und schritt über die Schwelle.

Später erinnerte sie sich unausgesetzt jenes Augenblicks. Es war, wie wenn eine Nonne die Zelle des Friedens verläßt, um sich in das ihr unbekannte Getümmel zu verlieren.

V.

Die Portiere schloß sich über den Eintretenden, allein dicht hinter ihr wurzelte Johanna fest. Ihre Hände suchten nach rückwärts die Falten des bunten Vorhanges zu gewinnen, als müsse sie sich um jeden Preis an etwas Irdisches, ihr Gewohntes anklammern. Es war nicht das trauliche und mit wirklich erlesenem Geschmack eingerichtete Gemach, das das erdgebundene Wesen des Landmädchens für eine vorüberschnellende Sekunde so sehr verwirrte, bis es von allem, was sie bisher erlebt, abgelenkt war; es war auch nicht, wie sich Herr Miljutin vielleicht schmeichelte, der merkwürdige Meerglanz der Decke, die unwahrscheinliche, feuchtfunkelnde Strahlen auf sie herabschoß, es war vielmehr die ihrem prosaischen Gemüt vollständig unerklärliche Vorstellung, ein Götterbild oder ein Heros, jedenfalls irgend etwas Übermenschliches verkünde sich ihr unvermutet in ruhiger, selbstverständlicher, beinahe eisiger Schönheit. Aber das war nicht das richtige Wort. Herr im Himmel, sie fand kein anderes, als sie in dem ersten Schrecken, der ihre arbeitsame, unempfindliche Natur anfaßte, dasjenige zu bezeichnen suchte, was ihr so ungeahnt jede Beherrschung raubte. Da lehnte vor ihr an der schweren Mahagonieinfassung des Billards eine wunderbar ebenmäßige Männergestalt, breitschultrig und dabei schlank und wohlgefügt, als wenn ein Künstler den Körper aus Marmor geformt hätte. Nur bizarrer Eigensinn schien die muskulösen und doch jugendlich weichen Glieder mit der eleganten dunkelblauen Dragoneruniform aus feinstem Tuch bekleidet zu haben, um deren Achselbiegung sich ein paar blitzende Silberschnüre herumzogen. Und nun welch ein Haupt!

Johannas Nüchternheit war weit davon entfernt gleich nervösen rasch gewonnenen Genossinnen ihres Geschlechts etwa bei dem ersten Blick in schwärmerischer Anbetung aufzulodern. Nichts dergleichen empfand ihre herbe deutsche Fassung dem völlig neuartigen Bild von Männerschönheit gegenüber, das wie aus dem Himmel gefallen plötzlich vor ihr aufragte. Nur ein ungeheures kindliches Staunen erfüllt sie ganz und gar. Und mit einer namenlosen Bewunderung betrachtete sie das Meisterwerk in einer Andacht, die nicht frei war von künstlerischer Erhebung. Durchaus natürlich fand sie es ferner, daß auch der fremde Offizier in vollkommener Bewegungslosigkeit vor ihr verharrte, und nicht der leiseste Verdacht beschlich sie, der junge strahlende Mann könnte nur deshalb seine lässig angelehnte Stellung so dauernd beibehalten, weil seine großen braunen Augen sich in dem hellen Ährenschimmer ihres Haares verfangen hatten.

Eine Erinnerung peinigte das Landmädchen. Wo hatte sie doch das feine schmale Haupt mit der fast griechischen Nase und den sanft überbräunten Wangen bereits einmal gesehen? Und vor allen Dingen, die wirre Fülle kurzer, brauner Locken, von denen die hohe Stirn trotzig und widerwillig umrahmt wurde, mußte sie ihr nicht den Eindruck verstärken, als wenn das alles ihre Phantasie schon oft beschäftigt hätte?

Und richtig, ein erlösender Blitz riß ihre Befangenheit auseinander. Jetzt wußte sie es. In ihrem Schlafzimmer zu Maritzken hing ein alter, halb verräucherter Buntstich, der die anmutigen und doch nachdenklich-melancholischen Züge des Preußenprinzen Louis Ferdinand wiedergab, des edlen Opfers von Saalfeld. Oh, wie seltsam die schöpferische, vielgestaltige Natur sich wiederholte! Hier saß in jeder Linie derselbe Mensch, bequem und doch voll anerzogener Eleganz auf der Umrahmung des Billards, und ohne daß er ein Wort äußerte, sagten die sanften lächelnden Augen des Offiziers ganz deutlich, daß ihm das große blonde Mädchen eine erfreuliche Erscheinung böte.

»Nur reichlich verwöhnt scheint der vornehme Herr mit den silbernen Achselschnüren zu sein,« dachte die praktische Johanna, die sich plötzlich ihrer Bewunderung mit einem harten Ruck entriß, weil der Offizier ein Lebenszeichen von sich gab, indem er sich gefällig gegen sie verneigte. »Bei uns pflegen sich Militärs zu erheben, wenn sie eine Dame begrüßen. Wozu schlenkert dieser so anhaltend mit den hohen Reiterstiefeln aus Lackleder? Und Himmel, trägt er nicht goldene Sporen? Das muß ein großes Tier sein!«

»Teures Fräulein,« hauchte neben ihr der Fabrikbesitzer Miljutin und rückte viel verschüchterter, als sonst, an seiner goldenen Brille, »bevor ich die Ehre habe, Ihnen das Mosaikbild unseres allergnädigsten Gossudars zu zeigen, erlauben Sie gütigst eine Vorstellung.« Er verbeugte sich tief gegen das Billard, als wäre es viel wichtiger, die Zustimmung des Dragoneroffiziers einzuholen, und fuhr zitternd vor der Bedeutung seines hohen Bekannten fort: »Dies ist Fürst Dimitri Sergewitsch Fergussow von den Petersburger Gardedragonern. Er genoß die Ehre, einer der Adjutanten unseres Zaren gewesen zu sein, den der lebenspendende Christus erhalten möge. Und dieser Herr hier,« sprach Herr Miljutin weiter, nachdem Johanna ihr Haupt stolz und gemessen geneigt hatte, als wollte sie sich selbst durch doppelte Zurückhaltung für ihre anfängliche kindische Fassungslosigkeit bestrafen, »dieser Herr ist Oberst Geschow aus Mariampol.« Und mit einer halb wegwerfenden Handbewegung setzte der Fabrikant noch hinzu: »Ach, richtig --, daß ich es nicht vergesse, dies hier ist Alexander Diamantow, ein Bergbaustudent.«

Die Älteste von Maritzken hatte den Fürsten Fergussow mit Unrecht verdächtigt. Denn während die anderen beiden Herren sich verbeugten, wie man sich eben vor einer eintretenden Dame verneigt, gab der Aristokrat mit einer gewissen Hast seine lässige Stellung auf, ganz wie wenn er für die Zwanglosigkeit, in der man ihn überrascht, lebhaft um Nachsicht zu werben hätte. Und die Art, wie er nun der blonden Deutschen seine Ehrfurcht bewies, ließ auf den ersten Blick erkennen, daß der schöne Mensch seine Erziehung auf dem Parkett des Hofes genossen haben müsse. Ohne das Wort an die Fremde zu richten, trat der Dragoneroffizier höflich zur Seite, um den Ankömmlingen den Weg zum Mosaikbilde freizugeben. Kaum hatte ihm Johanna jedoch den Rücken gekehrt, da folgte ihr ein müder, etwas gleichgültiger Blick, der dann zu dem Obersten und dem Bergbaustudenten herüberglitt und von einem Achselzucken begleitet war. Die Gebärde schien auszudrücken: »Wozu die Unterbrechung?« Trotzdem begaben sich die drei Herren gleichfalls an die Breitseite der Wand, als wollten sie den Eindruck beobachten, den das Mosaikbild auf diese kühle, große Frau hervorbringen würde.