Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen
Part 9
Indessen kam Heinrich in eine schwermütige Stimmung. Seine Gedanken flogen hinab nach Breslau. Heute begann das neue Schuljahr. Die Ober-Sekunda! Jetzt mußte eigentlich alles erst recht interessant werden. Der Ordinarius in Ober-Sekunda war bekannt als tüchtiger Lehrer. Ach, er durfte seinem Unterricht nicht lauschen; er mußte pflügen lernen, mußte stumpfsinnig die Furchen entlang gehen, immer hin und her ohne alle Abwechslung, ohne jedes bißchen Geist.
Aber er hatte es ja doch so gewollt; er hatte um jeden Preis in der Heimat sein wollen.
Und wieder dachte er nach, was für eine Bewandtnis es um die Heimat habe.
»Na, nu kommst Du dran, Heinrich; nu nimm Dich aber zusammen!«
Heinrich trat an den Pflug, und sein Gesicht war so rot, als ob ihm eine schwierige Examenaufgabe gestellt worden sei, von deren guter Lösung alles abhing. Krampfhaft fest faßte er die Holmen des Pfluges.
»Los!« sagte er mit erregter Stimme.
»Los versteht der Schimmel nich,« korrigierte Hannes; »jüh mußte sagen.«
»Jüh!«
Das Pferd zog an. Ein paar Schritte ging es. Heinrich taumelte hinter dem Pfluge hinüber und herüber wie ein Betrunkener; schließlich flog die Pflugschar aus der Erde heraus, der Pflug fiel um, und Heinrich sprang beiseite, um nicht geschlagen zu werden.
Der Schimmel blieb verdutzt stehen und schaute sich mitleidig um. Hannes aber zuckte empört die Schultern.
»Schweinisch, sag' ich, einfach schweinisch!«
Das war seine Kritik, dann zog er den Pflug zurück, verbesserte die »verhunzte Furche«, fuhr bis auf die Mitte des Ackers und bot Heinrich abermals den Pflug an.
Ach, der Erfolg war nicht besser als vorher. Hannes schimpfte, und über Heinrich kam tiefe Verzagtheit.
»Es geht nicht, Hannes, es geht absolut nicht.«
Hannes steckte sinnend die Hände in die Hosentaschen.
»Heinrich, ich glaube, Du wirst a ganz miserabler Pauer werden.«
Das fürchtete Heinrich auch, und die Frage, ob es nicht besser für ihn gewesen wäre, bei den Büchern zu bleiben, tauchte ihm schon an diesem ersten Tage seiner Bauerntätigkeit auf.
Trotzdem nahm er mit großer Energie immer wieder das Geschäft des Pflügens auf, und einmal gelang es ihm, eine ganze Furche entlang zu fahren. Da rötete sich sein Gesicht vor Freude. Als er aber den Pflug umwenden wollte, um zurückzufahren, geschah ein Unglück. Er setzte sich das schwere Ackergerät heftig auf den Fuß. Laut auf schrie er, warf den Pflug hin und setzte sich an den Feldrand.
Wieder wandte sich der Schimmel um und machte eine so undeutliche Miene, daß niemand wissen konnte, ob sie Mitleid oder Ironie bedeute.
Hannes kam mit langen Schritten heran und besah sich den blutenden Fuß, von dem Heinrich indessen den Stiefel gezogen hatte. Zorn und Mitleid kämpften in ihm.
»Das allerbeste is, Du gehst nach Hause. Das is ja lebensgefährlich für Dich!« --
»Du -- dem Großbauern blutet der Fuß. A hat sich gewiß a Pflug drauf gesetzt. Na und die Furche, sieh mal, die hat a gemacht.«
Darauf ein schallendes Gelächter.
Drüben am Wege standen der Barbier und der junge Riedel.
Heinrich wandte sich ab vor Scham. Hannes aber, der die beiden Männer auch nicht hatte kommen sehen, da das Ackerfeld hinter einem kleinen Erlengebüsch lag, knirschte vor Zorn.
»So 'ne lausige Plamage! Nu haben die Kerle zugesehn!«
Aber dann wandte er sich nach dem Wege hinüber:
»Macht, daß Ihr fortkommt! Das hier geht Euch gar nischt an. Der Raschdorf Heinrich hat mehr Verstand in einer großen Zehe als Ihr in der ganzen Figur, die Mütze noch mitgerechnet.«
»Nu, so ein Lausejunge!«
Der Barbier und Riedel kamen übers Feld.
Hannes ergriff die Peitsche.
»Heinrich, Du nimmst a Barbier, ich nehm' a Riedel!«
Heinrich sprang auf. Mit dem blutenden, nackten Fuße stand er auf dem schwarzen Boden. Aber er stand stolz und herrisch da.
»Zurück! Das ist mein Grund und Boden! Ich verbiete Euch, daß Ihr ihn betretet.«
Die beiden Störenfriede blieben stehen.
»Das is Hausfriedensbruch!« schrie Hannes. »Dafür setzt's Kittchen!«[1]
[1] Gefängnis.
Sie stutzten. Sie glaubten das von »Hausfriedensbruch« und kehrten um mit der Drohung, der Hannes laufe ihnen schon noch in die Hände.
Dann machten sie noch ein paar hämische Bemerkungen und gingen nach dem Dorfe.
Dort entstanden dem landwirtschaftlichen Erstlingswerk des jungen Buchenbauern zwei üble Kritiker. --
»Nu werd' ich den Schimmel einspannen und Dich nach Hause fahr'n. Laufen wirste wohl nich können.«
So geschah es. Als Hannes wieder aufs Feld zurückkam und nun den Acker in prächtigen, geraden Furchen pflügte, dachte er jedesmal, wenn er voll Freude sein Werk betrachtete:
»Bloß gut, daß ich nie aufs Gymnasium gegangen bin.«
* * * * *
Der junge Buchenbauer aber saß trostlos daheim in seiner Stube. Die Liese verband ihm den Fuß.
Mit zärtlicher Sorgfalt wusch sie die Wunde, und als sie den heilsamen Arnikasaft darauf goß, sah sie ängstlich nach Heinrich, ob es ihm auch nicht zu große Schmerzen verursachte.
Mit geschickten Fingern legte sie den Verband an.
Heinrich betrachtete das zarte, hübsche Mädchen. Sie war jetzt siebzehn Jahre alt. Lichtblondes Haar fiel gescheitelt um die reine, weiße Stirn. Das Gesicht war etwas blaß.
Heinrich dachte daran, wie zärtlich Mathias dieses Mädchen liebte, und er nahm sich vor, all sein Leben lang freundlich zur Liese zu sein. Das, meinte er, erfordere schon die Dankbarkeit gegen Mathias, seinen großen Wohltäter.
Und dieser Gedanke, daß Mathias sich freuen würde, wenn er gut und lieb zur Liese wäre, faßte ihn stark zu dieser Stunde. Bisher hatte er kaum daran gedacht. Jetzt ward ihm die hohe Pflicht inne.
Er strich dem knienden Mädchen sanft mit der Hand über den Scheitel.
»Du bist so gut zu mir, Liese. Ich danke Dir!«
Da sah sie ihn an mit strahlenden Augen, und ihre blassen Wangen färbten sich ein wenig rot.
»Ich tue es gern,« sagte sie schlicht.
In diesem Augenblick sah Mathias zum Gartenfenster herein. Einen Augenblick betrachtete er die beiden, dann trat er lautlos zurück.
Im Garten lehnte er sich an einen Baum. Die ersten Knospen waren aufgesprungen und schauten ihn an wie eben aufgegangene Sterne. --
Die folgenden Tage war Heinrich an die Stube gefesselt. Der Fuß war ihm stark geschwollen.
Da bat er die Liese, sie möchte ihm einige von seinen Büchern bringen.
Wie die Bücher vor ihm lagen, strahlten die Augen des jungen Buchenbauern. Es war, als ob er alte Freunde wiedersehe.
Dann brachte der Postbote einen Brief. Er war von einem guten Freunde Heinrichs aus Breslau, einem Schulkameraden, der in der Klasse neben ihm gesessen und auch in derselben Pension mit ihm gewohnt hatte.
Mit einem Jubelrufe empfing Heinrich das Schreiben und las mit leuchtenden Augen. Lauter interessante Neuigkeiten von Leuten, die er gut kannte. Und am Schluß kam die Schilderung des Lebens und Treibens in der neuen Klasse.
Über diesen Brief bekam Heinrich das Heimweh, und zwar so bitter und stark, wie er es früher kaum gekannt hatte. Er schaute sich um. War er denn nicht zu Hause? War das nicht seine Stube? War das nicht die heimatliche Straße draußen? Wie konnte er Heimweh bekommen? Was war es doch um die Heimat?
Der Jüngling wußte es nicht; er glaubte immer noch, die Heimat sei ein sichtbarer, bestimmter Raum.
Als ein Weilchen später Mathias in die Stube trat, sagte Heinrich: »Mathias, ich hab' ein Anliegen. Ich hab' hier einen Brief von einem Freunde bekommen, der jetzt in Ober-Sekunda ist. Ich möchte mir gern die Bücher von der neuen Klasse schicken lassen. Es interessiert mich doch, was jetzt kommt, und dann, manchmal werd' ich ja doch Zeit haben, ein wenig zu lernen.«
»Ja, Heinrich, das machst Du recht, wenn Du weiter lernen willst.«
So kam es, daß der junge Buchenbauer ein Studierender blieb. An all den langen Abenden saß er bei den Büchern, auch an den Regentagen. Und sein reger Geist faßte das meiste richtig. Dabei versäumte er nicht, sich in den landwirtschaftlichen Arbeiten auszubilden; und es ging auch ganz gut, seit er den schweigsamen, geduldigen Schaffer zu seinem Lehrmeister gemacht hatte. Hannes hatte keine Unterrichtserfolge bei ihm erzielen können, weil er ein zu heißsporniger, bissiger Pädagoge war. Also ward ihm sein landwirtschaftliches Mentoramt auf Grund eines Familienbeschlusses entzogen, und er fügte sich in diese Absetzung mit Würde.
Und wieder waren Jahre vergangen, fünf Jahre, in denen sich wenig geändert hatte. -- Dieselbe Heimat, dieselben Menschen! Nur die Kinder waren vollends herangewachsen. Der Buchenhof war völlig wieder ausgebaut und in tadellosem Zustande. Er war stattlicher und schöner als je. So war die Prophezeiung des Mathias wahr geworden: daß es nicht schwer sein würde, die Wirtschaft wieder emporzubringen.
Auch die Ziegelei hatte sich gut bewährt. Das Lehmlager in dem Hügel hatte sich als viel ergiebiger und besser herausgestellt, als anfänglich erwartet worden war. Der Betrieb war geordnet, der Absatz ausgezeichnet. So brachte das Unternehmen Überschüsse, und etliche Leute rechneten aus, daß der Buchenbauer allein durch die Ziegelei ein steinreicher Mann werden müsse.
Da wurde es möglich, nach und nach Schulden zu tilgen. Heinrich bestand darauf, daß Mathias Berger seine Zinsen und seinen Gewinnanteil von der Ziegelei einkassierte und für Liese anlegte. Er selber sparte für seine Schwester Lene.
Also stand alles wohl. Geld ist am Ende von geschickten Leuten immer leicht zu verdienen.
Dagegen waren die Buchenhofleute in der Sympathie ihrer Mitbürger kaum vorwärts gekommen. Die räumliche Heimat hatten sie gerettet, die andere, wirkliche, ideelle war ihnen noch versagt.
Es ist sehr schwer, bei schlichten Landleuten alte Vorurteile auszurotten. Dazu kam, daß sich in all den Jahren im Dorfe nichts Aufregendes ereignet hatte. Die Buchenhofaffäre war aktuell geblieben. Das Unaufgeklärte, Ungewisse behielt den Reiz. Immer blieb die Hoffnung, es werde noch einmal Licht kommen in die dunklen Geschehnisse.
Es soll nicht gesagt sein, daß die Schuld ganz auf der Seite der Dorfleute lag. Die Schlesier sind im allgemeinen gute, gemütliche Menschen, nicht hart, finster und abgeschlossen, wie sonst die Leute in der großen, nordischen Ebene vielfach sind, sondern leicht zugänglich, lustig und eher den fröhlichen Süddeutschen vergleichbar. Das Gebirgsvölklein namentlich ist von leichterem Schlage und hat viel Sonne in der Seele.
So war's auch hier im Dorfe. Aber die Buchenhofleute hielten sich selbst abseits. Sie mochten nicht hingehen und um die Heimatsgemeinschaft werben, und eine freundliche Einladung wurde ihnen nicht zuteil.
Mathias Berger wußte, daß noch jetzt in vielen Behausungen die alten Zeitungsnummern aufbewahrt wurden, in denen die Verhandlung des Brandprozesses geschildert war und seine zwangsweise Abbitte an Schräger stand. Er hatte endlich auch gehört, daß er wegen seines Geldes verdächtigt wurde. Da hatte er sich nicht enthalten können, an Schräger einen Brief zu schreiben, in dem er ihm »spät, aber doch« dafür dankte, daß er ihn ehemals habe fünf Mark gewinnen lassen, für die er ein Glückslos gekauft habe. Das Geld habe gerade dazu gereicht, den Buchenhof zu halten, der wohl sonst das Besitztum des Wirtes unnütz vergrößert hätte. Der Brief war an einer neuen Injurie gerade noch knapp vorbeigegangen. Schräger hatte gewettert und geflucht, und die Dorfleute hatten die Lotteriegeschichte nicht geglaubt, sondern desto eifriger nach einer recht abenteuerlichen Lösung der Bergerschen Vermögensfrage gesucht.
Am wenigsten fand Heinrich den Weg, obwohl seine weiche Seele ihn suchte. Oftmals zwar redete er sich ein, er brauche die Gemeinschaft nicht, er habe ja Gesellschaft auf dem Hofe, lauter liebe Leute, die's treu zu ihm meinten. Aber er kam nicht um die alte Wahrheit herum, daß der Mensch nicht immer mit denselben Menschen verkehren kann. Die Schiffsleute, die lange auf demselben Fahrzeug eng zusammenlebten, gehen auseinander, wenn sie ans Land kommen. Sie haben einmal das Bedürfnis, die alltäglichen Gesichter auf eine Weile nicht zu sehen. Und es gibt viele Leute, die in Bureaus, Geschäften, Schulen friedlich und freundlich zusammenarbeiten und sich doch in ihren Freistunden nicht sehen und treffen mögen, sondern lieber Fremde aufsuchen oder allein sind.
Die Buchenhofleute lebten zusammen wie auf einem großen, einsamen Schiff. Im Winter vergingen Wochen, ohne daß sie ein Wort mit jemand von auswärts wechselten. Und so kam es, daß ein Händler, wenn er sich in das Gehöft verirrte, wie ein lieber Gast festgehalten und nach allem möglichen befragt wurde.
Am schwersten litt an solch trüben Wintertagen der Hannes. Es kam vor, daß er sich auf die Ofenbank legte und vor lauter Einsamkeit heulte. Dann schwor er hoch und teuer, wenn erst der Frühling käme, zöge er in die Fremde. Wenn die Lene das hörte, sagte sie, er solle nur geschwind machen, daß er fortkäme. Und das nahm er dann immer übel.
Auch Mathias litt an der Einsamkeit. Manchmal, wenn er den alten Pluto streichelte, der immer noch das Gnadenbrot bekam, dachte er an seine Lumpenmannszeit, und da kam es ihm vor, als sei er damals ein junger, glückseliger Vagant gewesen, der frei und unverdrossen auf grünen Straßen fuhr, heute hier, morgen dort, immer wieder bei anderen Leuten, immer lustig und überall gern gesehen.
Heinrich saß zu solchen Zeiten hinter seinen Büchern und studierte. Nur eine war glücklich und ganz zufrieden: das war die Liese. Diese einsamen Stunden waren ihre seligste Zeit. Dann saß sie mit ihrem Nähzeug still und freundlich da und hob nur manchmal die Augen, um nach Heinrich zu schauen.
Aber drüben im Buchenkretscham wohnte noch ein einsameres Menschenkind, ein Kind, das gar keine Heimat hatte: das war Lotte Schräger.
Sie hatte niemand. Der Vater war fast täglich betrunken, der Bruder ein Idiot. Und ihr verhältnismäßig hohes Maß von Bildung vermehrte nur das Unglück, erhöhte das Grauen, das ihre »Heimat« ihr einflößte.
Von den Buchenhofleuten sah sie selten jemand. Sie wurde auch von ihnen gar nicht beachtet. Die stolze Lene Raschdorf hatte ihr sogar zweimal einen Gruß nicht erwidert. Aber die Lene blieb manchmal stehen und sah sie mit ihren kohlschwarzen Augen herausfordernd und feindselig an. Sie war ganz wie ihr Vater, der alte Raschdorf, vor dem sich die Lotte auch immer ein wenig gefürchtet hatte. Und sie trug neuerdings am Sonntag modische Kleider. Sie trug sie wie eine Dame, ohne Fehler. Aber Lotte wußte, daß sie es ihr nachmache.
Den Heinrich Raschdorf sah Lotte sehr selten. Gesprochen hatte sie nicht mehr mit ihm nach jenem Tage, da sie ihm den Strauß geschenkt und den Koffer getragen hatte. Damals war sie ja ein dummes Kind gewesen, aber sie wurde jetzt noch rot, wenn sie an die alten Tage dachte. Daß er sie geküßt hatte, daß sie ihm zugeredet hatte, er möchte sie heiraten, daß er dann ihren Strauß auf die Straße geworfen hatte, daran dachte sie oft.
Wenn er sie jetzt traf, zog er mit städtischer Höflichkeit den Hut, und sie neigte ebenso kalt-höflich den Kopf. Sie wußte kaum, wie er aussah; nur daß er einen Schnurrbart trug, hatte sie einmal gesehen.
* * * * *
So war es wieder einmal Frühling geworden. Draußen war ein wunderbarer, weicher Abend, aber der Kretscham war voll von Leuten. Die saßen alle in üblem Tabaksqualm und sehnten sich nicht nach der herrlichen Luft draußen, durch die die Nachtigallen sangen, durch die der Flieder duftete, durch die die Sterne leuchteten.
Bauern haben gern schlechte Stubenluft, viel lieber noch als die Städter. Das ist merkwürdig genug, da doch die Luft im Freien, die sie meist atmen, die Bauern wählerisch und verwöhnt machen müßte. Es ist anzunehmen, der Tod habe das so eingerichtet, denn wenn die Bauern auch noch gesund wohnten und schliefen, so wie sie gesund arbeiten, würden wohl alle über hundert Jahre alt werden. Und das gäbe zu viele Auszügler. -- -- -- --
* * * * *
Es war Steuertag. »Gemeindegebot, Rente, Schulgeld, Schornsteinfegergeld und Nachtwächtergeld« wurden eingenommen. Da waren die meisten Hausväter persönlich erschienen, um ihre Steuer zu bezahlen. Kam aber irgendeine Frau, so neckten sich alle mit ihr, und Schräger mußte ihr einen Ingwer einschenken, den irgendeiner zum Besten gab. Das ist bäuerliche Ritterlichkeit.
Vom Buchenhofe brachte stets eine Magd die Steuer. Sie allein bekam keinen Ingwer.
An diesem Tage war im Buchenhofe große Aufregung gewesen, denn Hannes hatte plötzlich und ohne alle äußere Veranlassung erklärt, er werde selber gehen, um die Steuer abzuliefern. Er fügte noch die kühne Behauptung hinzu, daß er sich auch vor dem Teufel nicht fürchte, und daß er den Leuten beweisen wolle, daß der Buchenhof ebenso das heilige Recht habe, seine Steuer persönlich zu zahlen wie alle anderen. Zudem läge die Sache günstig, denn Mathias sei nicht zu Hause, der sonst dagegen reden würde.
Was Hannes zu seinem kühnen Plane begeistert hatte, ist, wie gesagt, schwer zu bestimmen. Es war zum Teil Laune, zum Teil die Lust, endlich einmal etwas Neues zu erleben und der Einsamkeit entrissen zu werden.
Wie nun aber immer bei der Entscheidung »prinzipieller Fragen« viel und klug geredet wird, so auch hier. Sogar der Schaffer beteiligte sich an der Debatte, scheinbar gegen Hannes, im Grunde aber doch wie immer für ihn. Heinrich war unschlüssig, und nur Lene widersprach aufs heftigste. Aber schließlich siegte Hannes. Er bekam das Steuerbuch ausgehändigt, und Lene zählte ihm aus der »Schwinge« den Steuerbetrag auf und noch eine Mark darüber, wie Hannes wünschte. Sie mußte ihm sogar das große Paradeportemonnaie des alten Raschdorf borgen, das dieser immer nur bei besonders feierlichen Anlässen gebraucht hatte.
Also ausgerüstet schritt Hannes in seinem Sonntagsanzug über die Straße, stolz wie ein Held, der in den Kampf zieht, einer gegen alle.
Die Buchenhofleute sahen ihm vom Fenster aus nach. Das Herz klopfte allen, am meisten dem besorgten Vater des Helden. Am besten sei es, meinte der Schaffer, er bewaffne sich mit einem tüchtigen Stecken und stelle sich hinters Hoftor, damit er gleich hinüber könne, wenn er etwa den Hannes schreien höre.
Aber Hannes schrie nicht. Mit einem Ruck riß er drüben die Tür des Kretschams auf und trat hocherhobenen Hauptes in die Stube. Sein urplötzliches Erscheinen hatte wirklich den gewünschten Erfolg. Die Bauern waren über die Maßen verblüfft, und es entstand eine große Stille.
Diese Wirkung gedachte Hannes noch zu steigern. Er schnitt also ein Gesicht, das hoheitsvoll sein sollte, in Wirklichkeit aber verunglückte, trat an den Gerichtstisch und grüßte mit nachlässiger Stimme:
»Mahlzeit!«
In dem städtischen Gruße »Mahlzeit«, meinte Hannes, liege die ganze Summe von Hoheit und Vornehmheit, über die ein Mensch verfügen könne, klar ausgedrückt.
»Mahlzeit!« wiederholte er, da niemand antwortete. »Ich bringe persönlich die Steuer vom Buchenhofe, denn der Buchenhof hat das Recht dazu!«
Das bestritt niemand. Es antwortete überhaupt keiner der Anwesenden.
»Wieviel macht es?« fragte Hannes und zog das riesige Paradeportemonnaie des alten Raschdorf mit viel Umständlichkeit aus der Tasche. Er wußte zwar die Summe ganz genau, aber er hatte durch seine Frage Gelegenheit, das Portemonnaie herausfordernd in der Hand zu halten, während der Gerichtsschreiber die Summe ausrechnete.
»Also so?« sagte er, als er den Steuerbetrag erfahren hatte, und fing an, das Geld langsam aufzuzählen, wobei er jedes Stück einzeln aus dem Portemonnaie nahm. Gegen Ende hin aber wurde er plötzlich unruhig, überflog den aufgezählten Betrag, guckte betroffen ins Portemonnaie, zählte nochmals, verfärbte sich ein wenig und fragte beklommen:
»Wieviel macht es?«
Der Gemeindeschreiber wiederholte den Betrag.
O, ihr lieben Heiligen! Hannes hatte eine Mark zu wenig, statt einer Mark zu viel. Wie ein greller Blitz fuhr ihm die Erkenntnis durch den Kopf, die Lene habe einen Taler für ein Fünfmarkstück angesehen.
»Es langt nicht!« flüsterte irgendwo eine Stimme unter den gespannt zuschauenden Bauern, und ein heimliches Kichern brach an. Hannes richtete sich wütend empor.
»Was? Es langt nich? Bei wem langt's nich?«
Und er wandte sich wieder an die Ortsbehörde.
»Das Kleingeld langt allerdings nich,« sagte er und strich den aufgezählten Betrag wieder ein. »Können Sie auf einen Hundertmarkschein herausgeben?«
»O ja,« sagte der Schulze, »das können wir schon. Wo ist der Hundertmarkschein?«
Das hatte Hannes nicht erwartet. Er wurde fürchterlich verlegen. Als aber nun die Bauern und die Steuerbeamten in eine unbändige Heiterkeit ausbrachen, raffte er sich auf und schrie:
»Hundertmarkschein? Wir haben massig Hundertmarkscheine! Aber ich muß meinen unterwegs verloren haben. Wer ihn find't, kann ihn behalten. Versteht Ihr? Kann ihn behalten! Und ich geh einen neuen holen.«
Er gab sich Mühe, mit möglichster Würde wieder hinauszuschreiten, was die Bauern nicht hinderte, in ein dröhnendes Gelächter auszubrechen.
Wütend schritt Hannes über die Straße, nicht, ohne sich ein paarmal umzusehen, als ob er etwas suche. Hinter dem Tor traf er seinen Vater, der einen dicken Knüppel in der Hand hatte.
»Haben sie Dir etwas getan?« fragte der Schaffer.
»Laß mich!« knurrte Hannes und stampfte nach der Stube. Dort wurde er mit erwartungsvollen Gesichtern empfangen.
»Plamiert sind wir!« schrie der heimgekehrte Gesandte und sank auf einen Stuhl. »Bis auf die Knochen plamiert! Ich hab' 'ne Mark zu wenig gehabt; die Lene hat mir 'n Taler für 'n Fünfmarkstück gegeben.«
Der Schaffer hieb mit seinem Knüppel auf den Tisch, daß die Stube dröhnte. Heinrich knurrte verdrießlich etwas von Albernheiten, und nur die Lene lachte.
Da fuhr Hannes zornig auf:
»Lene,« keuchte er, »hast Du das etwa gar absichtlich gemacht?«
Das Mädchen schaute ihn blitzend an.
»Meinste etwa, ich kann nich zählen? Meinste, ich kenne das Geld nich?«
»Lene, das is frech; das is -- ich -- ich -- o, da habt Ihr den Quark; ich -- ich -- das is 'ne Gemeenheet -- das laß ich mir nich gefallen -- zum Vierteljahr zieh ich fort -- werden schon sehen --«
»Werden schon sehen!« stimmte der Schaffer bei und stampfte hinter Hannes aus der Stube.
Auf dem Boden lag das Paradeportemonnaie des alten Raschdorf.
Die beiden Geschwister waren allein. Auch Heinrich war aufgebracht.
»Warum machst Du das, Lene? Warum blamierst Du ihn und uns?«
Das Mädchen sah ihn zornig an.
»Von uns hat niemand was bei den Leuten dort drüben zu suchen. Wenn's keiner versteht, ich versteh's! So ein Esel -- es ist ihm recht!«
Sie schob das Portemonnaie mit dem Fuße beiseite und ging hinaus.
Der junge Buchenbauer sah ihr nach. Zum erstenmal fiel ihm auf, wie wenig er im Grunde genommen auf seinem Hofe zu sagen habe. Er war nicht der Herr. Kein Mensch kümmerte sich um seine Meinung, höchstens Mathias. Sie waren alle Herren: Hannes, der Schaffer, am meisten Lene. Er hatte immer geschwiegen in dem Gefühl, daß die anderen es ja besser verstünden, und daß er ihnen doch zur Dankbarkeit verpflichtet sei.
Aber jetzt regte sich in seiner weichen Seele der Trotz. Er hob das Portemonnaie seines Vaters auf und schüttelte den Inhalt in seinen eigenen Geldbeutel.
Nun würde er selber zur Steuer gehen! Jawohl!
Die Berger-Liese kam herein.
»Heinrich, es muß jemand zur Steuer; es is die höchste Zeit. Ich werd geh'n. Mir werden sie ja nischt tun.«
»Nein, Liese, Du gehst nicht! Du am allerwenigsten! Aber Du bist ein vernünftiges Mädel!«
Er reichte ihr die Hand. Liese errötete, denn Heinrich sprach selten mit ihr.
»Wer soll denn aber gehn? Hannes mag nicht; ich hab' ihm schon zugeredet, aber er will nicht, und der Schaffer ist furchtbar böse.«
»Ich gehe selber!«
In diesem Augenblick kam Lene wieder in die Stube.
»Ich gehe selber zur Steuer!« wiederholte Heinrich.
Da wurde das Mädel blaß.
»Du gehst nicht!« sagte sie bestimmt und heftig.
»Jawohl, ich gehe! Ich gehe bald!«
»Du gehst nicht, sage ich!«
Er sah sie an.
»Lene, der Herr bin ich! Merk' Dir das!«