Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen
Part 8
»Lotte, es geht nicht! Laß mich wenigstens am Henkel mit anfassen, da wird's besser gehen!«
So einigten sie sich und trugen den Koffer miteinander den Weg entlang.
Der Frühling lachte aus dem Walde heraus, und Heinrich Raschdorf ward auf einmal wohl ums Herz. Die Bangigkeit war verschwunden, und wie durch ein Wunder war die Ferienfreude in sein Herz eingekehrt.
»Lotte, ich freu' mich so, daß ich Dich getroffen habe.«
Das Mädchen sah ihm unschuldig ins Gesicht und lachte.
»Ja, sieh mal, Heinrich, das ist halt, weil ich doch eigentlich Deine Braut bin. Weißt Du noch damals vom Feuer?«
»Ich weiß es noch!«
Der Knabe war rot geworden. Er war schon reifer als das Kind, und es ging ihm jetzt wie eine langsame Lähmung durch die Glieder. Er hatte immer jene Mitschüler für schlechte Subjekte gehalten, die davon redeten, daß sie eine »Flamme« hätten. Es waren so fünf bis zehn Stück davon in der Klasse. Und ein paar machten sogar Gedichte. Herauskommen durfte so etwas nicht, da wäre einer einfach »abgesägt« worden. Eine schlechte Nummer wäre das mindeste gewesen.
Eine Angst packte Heinrich, ohne daß er doch ein heimliches Glücksgefühl los wurde. Und der junge Herkules wußte gar nicht, daß er da mit seinem Koffer auf einem Scheideweg herumlief.
Lotte begann wieder zu reden.
»Jetzt nach Ostern komm ich auch auf die Schule. In eine Höhere Töchterschule. Weißt Du, Stunden hab' ich ja schon viel gehabt, auch im Französischen, aber jetzt soll ich nu die richtige Bildung lernen. Vielleicht auf vier Jahre komm ich fort.«
»So, so, Lotte. Da wirst Du ja eine feine Dame werden.«
»Ja, der Vater will's. Viel Spaß macht mir's nicht. Aber ich denke, wenn Du doch so viel lernst, da muß ich auch nicht so dumm sein, wenn wir uns schon einmal heiraten.«
Das Mädchen ging von seinem Eheprojekt nicht ab.
»Du hast doch niemand was erzählt, Lotte?« fragte Heinrich ängstlich.
»Soll ich nicht?«
»Nein, Lotte, Du darfst nichts erzählen -- niemand! Hörst Du -- niemand: Das paßt sich nicht!«
»Das paßt sich nicht?«
Das Mädchen wurde nachdenklich. Zum ersten Male kam ihr ein dumpfes Bewußtsein, daß es sich hier um etwas handele, was niemand wissen dürfe. Und das tat ihr leid.
»Aber -- aber so einen niedlichen Ring könntest Du mir auch schenken.«
Dem Knaben wurde schwül, und er sah sich ängstlich um, ob auch niemand in der Nähe sei.
»Ich möchte schon, aber ich hab' keinen, und wenn's geht, schenk' ich Dir einen.«
»Ach, da würd' ich mich aber freuen, Du! Schrecklich tät ich mich freuen!«
Heinrich begann ein alltägliches Gespräch, und das setzten sie fort, bis sie sich eine Strecke vom Buchenhofe entfernt verabschiedeten.
Unterm Hoftor blieb Heinrich stehen. Er kannte das väterliche Gehöft kaum wieder. Vieles war verändert. Eine Menge Baumaterialien war im Hofe aufgeschichtet und eine Schar Arbeitsleute war geschäftig tätig.
Abseits an einer Mauer saßen Hannes und Lene. Sie hatten ein jedes einen Hammer in der Hand, und damit schlugen sie Kalk los von alten Ziegeln.
Als sie Heinrich sahen, kamen sie rasch auf ihn zu. Mit herzlicher Freude begrüßten sie den Heimkehrenden.
»Jesses,« schrie Hannes, »nu hat niemand an den Koffer gedacht. Na, da haste gut schleppen können. Gib mal her! Schwerleck, der zieht! Na, siehste, Heinrich, Du mußt nich immer so viel Bücher reintun, denn sie sind schwer, und pauken tuste in den Ferien doch nich!«
»Von wem haste denn den Strauß?« fragte Lene.
Heinrich wurde rot und suchte nach einer Ausrede. Aber dann sagte er mit möglichstem Gleichmut:
»Ach, ich hab' die Schräger Lotte getroffen, und die hat ihn mir geschenkt!«
»Die Schräger Lotte?« fragte Lene streng.
»Die Schräger Lotte?« wiederholte Hannes entrüstet. »Na, ich danke, mit der gibst Du Dich noch ab und läßt Dir Sträuße schenken? Das hätt' ich nich von Dir gedacht!«
»Aber was -- was ist denn?«
Hannes und Lene sahen sich an.
»Er weiß noch nich. Na, ich werd' Dir's sagen, Heinrich. Rat' mal, wo unser Mathias is!«
»Unser Mathias? Zu Hause! Wo sonst?«
Die Lene trat ganz dicht an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr:
»Im Gefängnis is a!«
»Im Gefängnis -- das ist nicht wahr!«
»Ja! Der Schräger hat'n verklagt, und da hat a zehn Tage gekriegt. Wegen der Beleidigung!«
Der Knabe stand wie erstarrt.
»Na, und Du läßt Dir von der Lotte 'n Strauß schenken?«
Heinrich konnte kein Wort sagen, kein armseliges Wort. Ein Stückchen Heimat hatte sich vor ihm aufgetan, als er mit dem Nachbarskinde vorhin wanderte. Und das wurde ihm so grausam wieder genommen.
»Seit wann ist er fort?« brachte er endlich heraus.
»Heute is der vierte Tag. A hat sich gerade über die Feiertage einsperr'n lassen, daß a dann wieder mit arbeiten kann. Na siehste, die Schrägerleute, das sind eben alles Lumpe.«
Jenseits des Hoftors schallte eine krächzende Stimme:
»Eingesperrt -- eingesperrt! -- Sechs Dreier und einen Hund, einen großen Hund!«
»Das ist der Gustav, das blödsinnige Heft! -- Da! Hier habt Ihr Euren Mist wieder!«
Und Hannes riß Heinrich den Strauß aus der Hand und schleuderte ihn über das Tor.
»Was machst Du, Hannes, was --«
Aber draußen schrie der Idiot schon wieder: »Blumen! Blumen! O, schöne Blumen! A Pukettel! A Pukettel! Ich putz mich! Ich mach mich fein! Sechs Dreier und einen Hund -- einen gro--o--o--ßen Hund!«
Damit verschwand er singend im Kretscham.
Heinrich stand mit gesenktem Kopfe da.
»Unser Mathias! Aber das war doch nicht recht, Hannes! Die Lotte kann doch nichts dafür.«
Die Antwort gab seine Schwester Lene.
»Das is ganz egal! Von den Schrägerleuten darfst Du keinen Strauß nehmen. Das paßt sich nicht!«
»Du wirst doch nich etwa zu den'n halten! Das hätt' sich der Mathias gerade verdient. Na komm, Lene, wir müssen wieder Ziegeln abkratzen. Geh nur in die Stube, Heinrich.«
Die Kinder gingen fort, und Heinrich nahm den Koffer und trat ins Haus.
Niemand war in der großen Wohnstube. Leer und einsam lag das Zimmer. Da fühlte Heinrich Raschdorf, daß hier die Heimat nicht mehr war.
Müde sank der Gast auf einen Stuhl und stützte sich auf den Tisch. Und so saß er ohne klare Empfindungen. Nur eine große Bangigkeit war in ihm.
Er hatte wohl auch Hunger. Aber es kam niemand, ihn zu fragen, ob ihm etwas fehle.
Der Lehnstuhl der Mutter stand am Fenster -- leer. Zuguterletzt ging Heinrich mit zagen, scheuen Schritten näher und setzte sich in den Stuhl. Das Gesicht preßte er gegen die Lehne.
Und auch in dem Stuhle war nicht die Heimat. Nur eine wilde, quälende Sehnsucht kam, indes es draußen langsam dunkelte.
* * * * *
Drüben über der Straße ging indes eine Kindheit unter.
Die Kindheit Lottes.
Wer von allen weiß, wie lange Kindheit dauert? Bei manchen Wesen ist sie früh verloren; bei manchen dauert sie das ganze Leben.
Wer ein Wissender wurde, ist kein Kind mehr. Nur die sind Kinder, die vor den verschleierten Bildern des Lebens wunschlos stehen und nicht fragen.
Wer mit zweifelnder Hand den Schleier hob, oder wem ein Sturm die großen, öden Bilder enthüllte, der ist weit von der Kindheit.
Und wer weit von der Kindheit ist, ist nahe dem Tode.
Die Scham war diesem Mädchen gekommen wie ein dunkelrotes Licht, das ein trübes Erkennen brachte, das Erkennen, daß Lieb' und Treue gemißhandelt werden können.
O, ihr welken Anemonen! O, ihr toten, traurigen Veilchen!
Drei Jahre später. Die Osterglocken läuteten genau so wie damals, als der Buchenhof wieder aufgebaut wurde. Ganz derselbe Akkord! Ganz dasselbe Osterlied. Nur ein neuer Kantor ging vor der singenden Menge; der andere war bei der stillen, großen Zuhörerschar, die ungesehen hinter der frühlingsgrünen Rasengardine nach Auferstehungsliedern lauscht.
Vorweg im kirchlichen Zuge gingen die Musizierenden, dann kam der Priester mit seiner Begleitung und dann die Gläubigen in Reihen zu fünf oder sechs Leuten.
Eine solche Reihe bestand aus Heinrich und Lene Raschdorf, Mathias Berger, Liese, dem Schaffer und seinem Sohne Hannes.
Die Buchenhofleute gingen immer für sich. Sie vermischten sich mit den anderen nicht.
Früher waren sie mit bei der Musikkapelle gewesen, jetzt schon lange nicht mehr. Sie waren einmal beleidigt worden.
»Das ist kein Schade,« hatte der Mathias damals gesagt, als er mit seiner Trompete nach Hause kam, die sonst auf dem Chor neben der Orgel hing, »gar kein Schade, denn die Sänger und Musikanten sind die unandächtigsten Leute in der ganzen Kirche. Wenn sie musizieren, da haben sie bloß immer aufzupassen, daß sie nich aus 'm Takt kommen, und könn'n an a Herrgott nicht denken, und wenn Pause is, da schnaupen sie sich die Nasen aus oder quatschen miteinander. Na, ich sage: Wenn der Herr Jesus mal auf so 'n Chor käm', der schlüg' manchem die Baßgeige um die Ohren.«
»Is richtig,« hatte der Schaffer gesagt und sonst nichts, hatte aber auch damit seine künstlerische Stellung als Paukenschläger begraben.
Am nächsten Sonntag aber, als Reichel mit Mathias in der Kirche unten im Schiff saß, schlief er ein. Da sagte Mathias auf dem Heimwege, für den Schaffer wäre das Paukenschlagen immer noch der allerbeste Gottesdienst.
Nach der kirchlichen Feier an jenem Ostermorgen gingen die Buchenhofleute miteinander heim.
Sie waren sehr fröhlich, denn es ging ihnen gut. Heinrich war nun endgültig von der Schule zurück. Er hatte die Berechtigung zum Einjährigen-Dienst erworben, und Mathias Berger war zufrieden mit ihm. Heinrich war ein hochgewachsener, etwas blasser, aber hübscher Bursche geworden.
»Nun kann's gehen, wie's will, Heinrich, nu find'st Du immer 'ne Stelle.«
Übrigens ging es gut. Der Hof war völlig neu eingerichtet, und ein paar günstige Jahre sowie Fleiß und Anspruchslosigkeit, die keiner Steigerung mehr fähig waren, hatten zuwege gebracht, daß Mathias Berger nicht nur die Zinsen pünktlich bezahlen konnte, sondern immer neue Verbesserungen im wirtschaftlichen Betrieb anlegte, wenn er auch vorläufig noch kein Geld sparte.
Wenn ihn aber Heinrich fragte, ob er sich auch gewissenhaft die Zinsen für sein eigenes Kapital nähme, wurde er immer verstimmt und sagte:
»Möchtest mir wohl auch gern Lohn geben wie einem Großknecht? Sei nur still! Ich komm schon zu meiner Sache, wenn's erst besser geht. Später rechnen wir ab. Ich schreib' alles auf. Und weißt Du, was ich brauche, nehm' ich mir, und meiner Schwester und der Liese schick' ich Milch und Butter, Kartoffeln und Speck. Das sind genug Zinsen.«
Nun trug sich Mathias Berger mit großen Plänen. In einem Hügel, der zum Buchenhof gehörte, hatte er ein Lehmlager entdeckt. Also wollte er eine Ziegelei anlegen und erhoffte von dieser reichliche Erträge. Nur klug und vorsichtig müsse man es anfangen. Jedenfalls sei die Sache bei der regen Bautätigkeit, die im Kreise entfaltet werde, durchaus aussichtsvoll. Als Anlagekapital wollte Mathias Berger seine letzten 7000 Mark zu Hilfe nehmen.
»Und wenn das Geld verloren geht, wenn wir pleite werden, wenn Du stirbst, was wird dann aus der Liese?«
Bergers Gesicht verfinsterte sich etwas.
»Aus der Liese?! Na ja! Aber sieh mal, da muß sie halt arbeiten -- wie wär's, wenn ich das Geld nicht gewonnen hätte? Und dann is vom Pleitewerden gar keine Rede. Geht der Krempel nicht, hör'n wir zur rechten Zeit auf!«
Heinrich dachte nach.
»Jawohl, und ich würde ja auch die Liese nicht verlassen, ich würde alles tun für sie -- alles!«
Da leuchteten Mathias Bergers Augen. Es lag ein eigener Osterglanz darin. Und er drückte Heinrich stumm die Hand.
Der aber sah den Weg hinauf.
Dort ging im jungen Morgenlicht eine schlanke, feine Mädchengestalt. Sie trug ein lichtes Kleid und einen ganz modischen Hut.
Neben ihr ging ein junger Bursche, und vornweg trollte der Idiot. --
»Du,« sagte Hannes zu Lene, die auch miteinander gingen, »eigentlich ist doch die Schräger Lotte a sehr hübsches Mädel geworden.«
Lene antwortete nicht.
»Na, ich sag' ja, Lene, Du bist ja auch ganz hübsch, wenn Du och nich so fein und klug bist. Und was die Hauptsache is, Du bist doch viel kräftiger als wie die Lotte.«
Das hielt Hannes für eine Schmeichelei. Die Lene aber fuhr ihn zornig an, daß er es für ratsamer hielt, sich Heinrich anzuschließen, der indes langsam herankam.
»Was ist denn los? Ihr habt Euch wohl wieder gezankt? Könnt Ihr Euch denn nicht vertragen?«
»Nee, dazu is die Lene zu grob. Sie hat keene Bildung! Am besten is, ich red' überhaupt nich mehr mit ihr.«
»Was habt Ihr denn wieder mitsammen?«
»Ach, ich hab' bloß gesagt, daß mir die Lotte gefällt, und da is se wahrscheinlich eifersüchtig oder so was.«
Heinrich sah vor sich nieder auf den Weg.
»Damals hattest Du Lottes Strauß auf die Straße geworfen, alter Freund. Weißt Du, daß sie seit der Zeit nie mehr mit mir gesprochen hat?«
»Ja. Aber im Grunde genommen is 's ja besser so. Freundschaft könn'n wir doch mit a Schräger-Leuten nich halten. -- Sieh mal a jungen Riedel! Ich globe, der will se poussier'n. A lauft alle Tage zum Schräger. Na, das wär' auch, als wenn sich der Ochse mit 'm Kanarienvogel verheiratete!«
In diesem Augenblick wandte sich Gustav Schräger um und brüllte aus vollen Lungen den Bergweg herunter:
»Sechs Dreier und einen Hund! Einen gro...o...ßen Hund!«
Man hörte den jungen Riedelbauer lachen, während Lotte den Idioten offenbar scharf zur Ruhe wies. Da blieb er hinter ihr und ihrem Begleiter zurück, drehte sich von Zeit zu Zeit um, drohte mit der Faust nach den Buchenhofleuten oder warf Steine den Weg herab.
»A wird immer blödsinniger,« sagte Hannes. »Aber das Versel vom Barbier kann a immer noch. 's is das einzige, was a auswendig kann. Na, und sein Vater is bald nich mehr klüger wie er.«
»Du mußt nicht so reden, Hannes.«
»Na, Du hast eben keine Ahnung, Heinrich, wie der Schräger sauft. Alle Tage is a besoffen, manchmal schon frühmorgens. Und weißte, das is komisch: a sauft gerade seit dem Tage, wo Deine Mutter gestorben is.«
»Wieso?«
»Früher hat doch der Schräger kaum amal genippt, und an dem Tage, wo Deine Mutter frühmorgens starb, da war a mittags schon so besoffen und hat so gelärmt im Kretscham, daß man's bis bei uns gehört hat. Weißte, was Mathias sagt? Das is das böse Gewissen! Das will a totsaufen!«
»Das kann kein Mensch behaupten.«
»Behaupten wird's der Mathias nich mehr, dafür hat a ja zehn Tage gekriegt. Weißte noch, jetzt sind's grade drei Jahre. Das war a schlechtes Osterfest. Der Mathias kann alles vergessen, aber daß a hat sitzen müssen, das frißt an 'm. Deswegen is a auch bloß mit a Leuten im Dorfe nich mehr gutt. Die geh'n nu amal doch zum Schräger, und den Schräger kann a nich leiden.«
»Eigentlich ist es schlimm, daß wir uns mit den Leuten nicht vertragen, aber ich hoffe, daß es doch mal besser werden wird!«
»Da kannste lange hoffen! Wenn wir jetzt erst noch Ziegeleibesitzer sind, da fressen sich die Leute selber uff vor Neid. Denn im Grunde genommen nehmen sie's uns doch bloß übel, daß wir damals nich pleite geworden sind. Wenn Dein Vater eingesperrt worden wär', und die Wirtschaft hätte der Schräger, und Du wärst Knecht, da wär'n Dir die Leute ganz gutt. So aber nich!«
Heinrich seufzte. Hannes fuhr fort zu reden.
»Und was haben sie alles gesagt: Dein Vater hat angezünd't oder Du! Ja, ja, guck nur! Das sagen sie immer noch. Zwar nich laut, denn da setzt's ja zehn Tage, aber sie sagen's. Du oder Dein Vater, oder beide! Und dann, daß a sich erschossen hat. Und von Deiner Mutter und vom Mathias --«
»Hör' auf, Hannes, hör' auf! Ich mag nichts mehr hören davon!« -- -- -- --
Ein Stückchen weiter den Weg hinauf sagte Lotte Schräger zum jungen Riedel: »Es ist doch unrecht von den Dorfleuten, daß sie so garstig zu den Raschdorfs sind.«
»Unrecht, hä! Zu solchen Feuermachern und Selbstmördern?!«
»Wer kann das beweisen? Kein Mensch!«
»Beweisen! Hä! Das Gericht freilich nich. Aber wir wissen's alle. Und der Berger. Wo hat a denn das Geld her? 40000 Mark a Lumpenmann! Was?«
»Das weiß ich nicht.«
»Nee, das weeß keen Mensch, das weeß a bloß selber. Da müßt' sich's Gericht drum bekümmern; aber darum schert sich keen Teufel. Zu knapper Not, daß a damals was aufs Maul kriegte, wie a 's Deinem Vater in die Schuhe schieben wollte, ein'm Manne, der überhaupt nich aus der Stube gekommen is. Das sind feine Leute, was?«
Lotte schwieg.
»Na, und dann -- a hat die Raschdorfen geküßt. Die Glasen hat's gesehen. Und das, während der Hof brennt in der Nacht. Feine Leute!«
»Riedel, bitte, nicht -- nicht so was --«
»Und warum interessiert a sich denn gar so sehr für den Heinrich? Warum nimmt a weder Lohn noch Zinsen?«
»Das kann ich nich sagen.«
»Na, und der alte Raschdorf hat mit kein'm Menschen Freundschaft gehalten, und die jetzt scheinen auch drauf zu warten, daß sie's ganze Dorf um Verzeihung bitten kommt. Hol' der Teufel die hochnäsige Bande!«
»Riedel, ich leid' solche Redensarten nicht.«
»Leid'st sie nich? Na, da -- da kann ich wohl gehen, da kann's ja die Schräger-Lotte mit a Buchenhofleuten halten. Aber der studierte Heinrich, der gefällt vielleicht der Lotte, da hält sie's lieber gegen a Vater --«
»Riedel, das leid' ich nicht! Solches Gerede paßt sich nicht, überhaupt auf dem Kirchwege! Da geh lieber!«
Der Bursche sah mit finsterem Gesicht auf den Boden. Zwanzig Schritte weit ging er noch mit, dann bog er in einen Feldrain ein. Lotte ließ ihn gehen und schritt ernst weiter. Der Idiot aber schlich dem jungen Riedel nach.
»Du,« sagte er tückisch, »wir werden sie schmeißen!«
Riedel antwortete ihm nicht, aber er blieb stehen. Indessen kamen Heinrich und Hannes näher, ein Stück dahinter Mathias und Lene. Der junge Riedel sah Heinrich herausfordernd an. Dann lachte er roh und rief laut herüber:
»Die Schräger Lotte möchte lieber mit a Buchenhofleuten gehn!«
»Die Schräger Lotte läßt a Herrn Raschdorf schön grüßen, und sie möchte gern seine Liebste sein!«
Heinrich blieb erschrocken stehen und wurde feuerrot.
»Ja,« fing der junge Riedel wieder an, »und sie nimmt ihm gar nischt übel, nich a Brand und rein gar nischt!«
»Riedel! Ich -- ich --« Heinrich ging ein paar Schritte auf den rohen Burschen zu und blieb dann stehen. Er schämte sich, tätlich zu werden. Riedel hielt das für Feigheit.
»Oho, komm nur her, fang' nur an; Du bist mir gerade recht!«
Da kam der Schaffer. Er ging schweigend auf Riedel zu. Der stand verlegen still, denn den Schaffer fürchtete er.
»Mit Ihnen hab' ich nischt,« sagte er halb trotzig und halb beklommen. Darauf bekam er keine Antwort.
Der Schaffer faßte ihn an beiden Schultern und kommandierte: »Kehrt!« Damit drehte er den jungen Mann mit einem gewaltigen Ruck um, gab ihm einen freundlichen Stoß in den Rücken und sagte: »Marsch!«
Der junge, starke Bauer kochte vor Wut. Aber es nützte nichts; diesem Riesen war er bei weitem nicht gewachsen, und so mußte er einen Schritt vor ihm hermarschieren den Berg hinab, wenn er nicht das Schlimmste gewärtigen wollte.
Jedesmal, wenn er sich widersetzen oder stehen bleiben wollte, bot ihm der Schaffer in gutmütigem Tonfall eine riesige Tracht Prügel an.
Und so mußte er gehen und konnte nur schimpfen, denn wenn er geprügelt worden wäre, das wäre eine zu große Schande gewesen.
Als sie ein großes Stück gegangen waren, sagte Reichel:
»'s is heiliger Tag heute! Da soll man nich brüll'n, nich schimpfen und überhaupt keene Stänkerei machen!« Mit dieser Ermahnung verließ der tapfere Christ den wütenden jungen Riedel und ging schweigend zurück.
Hannes hatte sich indessen aus hellem Vergnügen über das Bravourstück seines Vaters lang auf den Wiesenrain geworfen und mit Füßen die Erde getrommelt. Diese Beifallskundgebung trug ihm einen häßlichen Fleck auf seinem neuen Sommeranzug und außerdem das bedrückende Bewußtsein ein, daß er für seine Leute nicht Partei ergreifen dürfe, ohne Schaden zu nehmen. Und es blieb ihm nichts übrig, als vorläufig auf das Benzin und auf die Zukunft zu hoffen.
* * * * *
Fünf Tage nach diesem Ostermorgen begann Heinrichs Tätigkeit als Bauer.
O du liebe, schwere Zeit!
Eine Mahnung sollte jeder verständige Mensch beherzigen: Wenn du geeignet bist, lateinische Schriften mit Geschick zu übersetzen und algebraische Aufgaben mit Richtigkeit zu lösen, so unternimm es nicht, Pferde anzuschirren, sonst kannst du an all deinen Talenten irre werden und andere auch.
Hannes stand als Lehrmeister neben Heinrich, der sich bemühte, einen Ackergaul anzuschirren. Der junge Magister war schlechter Laune.
»Heinrich, Du bist einfach 'n tapriger Hering. Hierum kommt der Riemen! Hier mußte festschnallen! Nu, Mensch, siehste denn die Schnalle nich? Nich zu locker! So, in das Loch! Herrjeh, Kerl, wenn Du als Primus schon so tumm bist, wie mögen erst die andren sein!«
»Bitte, Hannes, red' nicht so viel!«
»Da soll einer nich reden! Sieh ock, wie sich der Schimmel umguckt! Der lacht sich eens über Dich! Nanu a Zaum einmachen! Fürcht' Dich ock nich! Der Schimmel beißt nich; höchstens Haber! Geh weg, ich mach' a Zaum selber ein, das wär' mir a Gegratsche! Mach derweile a Mist aus a Hufen raus.«
»Was soll ich?«
»A Mist aus a Hufen rausmachen!«
»Womit denn -- womit soll ich denn, Hannes?«
»Womit? Schafkopp! Mit a Händen! Mit was denn sonst?«
»Pfui, das ist schrecklich unappetitlich!«
Hannes schüttelte über seinen talentlosen Schüler melancholisch den Kopf.
»Unappetitlich! Mensch! Als wenn da was zum Essen wär'! Na, da sieh mal her, so macht man a Mist aus a Hufen raus, schmeißt 'n natürlich weg und wischt sich an a Hosen die Hände ab. Möcht' ich wissen, was dabei unappetitlich is!«
Heinrich sagte gar nichts; er seufzte nur schwer. Dann bestieg er mit Hannes den Ackerwagen, und sie fuhren hinaus aufs Feld. Er selbst behielt die Zügel.
Wie sie ein Stückchen draußen waren, bückte sich der Schimmel nach dem Wegrain und fing an zu grasen, während er den Wagen langsam, sehr langsam hinter sich herzog. Heinrich ließ ihn gewähren, denn er meinte, solch ein Gebahren sei bei den Ackerpferden allgemein üblich.
Hannes aber saß stumm neben ihm mit verhaltenem Zorn und schwerer Verachtung. Nach einer Weile hielt er's aber nicht länger aus und er seufzte zynisch:
»Na, da werden wir ja hoffentlich zu Mittage draußen sein.«
Heinrich schrak aus seinen Träumen empor und wackelte energisch mit der Leine. Der Schimmel ließ sich dadurch nicht stören, sondern streckte gerade seine lüsterne Zunge nach einer frisch aufgeschossenen Maiblumenstaude aus -- da hieb ihm unvermutet der Hannes die Peitsche über den Rücken, daß er aufzuckte und sich in eine für sein Temperament verblüffend schnelle Gangart setzte.
Leider geschah es, daß Heinrich über den Hieb noch heftiger erschrak als der Schimmel, und daß ihm deshalb die Leine entglitt, die nun unten auf der Erde einherschleifte. Und in dieser für einen Kutscher sehr trostlosen Verfassung begegnete das dahinsausende Gefährt dem Barbier.
Der schlug ein Gelächter an und ging dann schnell dem Buchenkretscham zu. --
Auf dem Felde draußen sagte Hannes finster:
»Du plamierst ein'n kolussal!«
Heinrich wußte nichts zu erwidern. Da war er nun der Herr und Besitzer des Buchenhofes, hatte mehr gelernt als alle anderen Bauern und wußte nicht einmal einen fetten Gaul zu regieren.
Und nun kam die schwierigere Aufgabe. Heinrich sollte pflügen lernen. Hannes spannte den Schimmel an den Pflug und sagte:
»Den Rand mach' ich! Das is zu schwer für Dich. Geh mal nebenher und paß auf! So -- also so wird der Pflug gehalten. Fest muß man ihn halten, sonst springt a raus. Und 's Pferd muß immer'n Fuß breit weg von der Furche gehn. Jüh!«
Aufmerksam schritt Heinrich neben dem Pfluge einher. Er gab genau acht, und die Sache erschien ihm kinderleicht. Hannes machte allerlei Kunststückchen; er überbot sich in technischen Ausdrücken, namentlich in den direkten Anreden, die er an das Pferd richtete, und ließ bald die rechte, bald die linke Hand von den Holmen los, wie ein eitler Radler auf der Straße, wenn er den Passanten zeigen will, wie sicher er seiner Sache sei.