Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen
Part 7
»-- nichts verschweigen und nichts hinzusetzen --«
Schräger raffte sich auf, und wie alle, die das Elend trifft, versuchte er den Kampf mit der furchtbaren Furie, die das böse Gewissen heißt, den nutzlosen, törichten Kampf, den auf die Dauer kein Sterblicher besteht, wenn nicht die starke, heilige Gnadenhand Gottes die eisernen Krallenfinger mächtig und linde aus den blutenden Schultern löst.
»Was hab' ich denn getan? Was hab' ich denn gesagt? Ich hab' nur erzählt, was ich wußte. Nur das!«
»-- nichts verschweigen --«
Schräger blickte scheu nach dem Bette.
Eines hatte er verschwiegen: das, was alles gelöst hätte.
»Wissen Sie, wer der Brandstifter ist?«
»Nein!«
Und die schwarze, hohläugige Gegnerin warf den Einsamen in den Lehnstuhl zurück. Dort preßte er das Gesicht gegen die Lehne.
Da, wie er sich sammelte, aufraffte, kam ihm eine neue Waffe.
»Es ist niemand verpflichtet, gegen sein eigen Fleisch und Blut zu zeugen. So sagt wenigstens das Gericht, wenn auch nicht die Religion.«
Er atmete auf. Das würde die Erlösung sein, der Sieg! Der Dämon stand an der Tür, als wolle er gehen. Aber er wandte sich noch einmal um.
»Trauen Sie dem Angeklagten das Verbrechen zu?«
Wie ein Lavastrom flutete die Frage durch die Seele des Einsamen, die Frage und die meineidige Antwort, die er gegeben: »Ich weiß es nicht genau. Er wird es wohl gewesen sein!«
Leise kam der Dämon näher und beugte sich an Schrägers Ohr. Das Fenster knackte und knisterte ein wenig. Das klang wie leises, böses Lachen. Und es war, als ob die furchtbare Stimme zischelte:
»Und weißt Du, was Du weiter getan hast? Das Geld hast Du ihm gekündigt, ihn bankerott zu machen; zum Müller bist Du gegangen, ihn aufzuhetzen, und da hat Dein Freund die Flinte genommen und ist hinübergegangen. Und Gott hat gefragt: »Woher kommst Du? Ich habe Dich nicht gerufen!« Mit Donnerstimme hat Gott es gefragt. Dein Freund aber hat mit bleicher Hand hinabgezeigt auf Dich und gesagt: »Der hat mich auf den Weg gezwungen zu Dir, der! ...««
»Gustav, wach' auf! Wach' auf, Gustav! Ich kann nicht allein sein!«
Der Bursche fuhr erschrocken auf.
Und Julius Schräger suchte bei ihm Hilfe, bei dem Idioten, der verschlafen wimmerte und bald wieder einschlief.
Ein wenig später rasselte draußen ein Fuhrwerk vorbei. Schräger sprang ans Fenster. Wie eine Erlösung betrachtete er die brennenden Wagenlichter. Da waren doch Menschen -- Menschen.
Aber bald darauf kam noch ein Licht langsam über die Felder herauf, ein einsames Licht, vor dem es dem erregten Manne schauerte. Wie gebannt sah er hin; er konnte sich nicht wegrühren vom Fenster, als wenn jenes Licht ihn zwinge. Er rieb sich die Augen, er wollte das Blendwerk bannen. Es gelang nicht. Näher kam das Licht, immer näher, gerade auf das Haus zu. Und nicht auf der Straße kam's, nein, über die Felder, ein weißes, blasses, taumelndes Licht.
Der Wind wimmerte draußen, und der Mond war untergegangen hinter schwarzem Gewölk. Es war fast ganz dunkel.
Jetzt war das Licht da. Wie eine Laterne war's und hatte doch nicht die Form gewöhnlicher Laternen.
Jetzt -- jetzt konnte er's sehen! Eine schwarze Gestalt trug die Laterne, und ihr folgte eine weiße. Schräger sah es deutlich im Lichtschein.
Und jetzt verschwanden die Gestalten mit dem Lichte huschend drüben im Buchenhofe.
Mit verzerrtem Gesicht drehte sich Schräger um.
Der Tod, der den Raschdorf heimführt, fiel ihm ein.
Er war sonst nie furchtsam gewesen. Aber seit er einen unter dem Rasen hatte, dem er den Atem genommen, kam die grauenhafte Angst -- die wahnwitzige, abergläubische Furcht.
Finster war's, schauerlich finster, und der Junge röchelte so schwer.
Ein Mittel! Ein Mittel, um der Qual zu entgehen!
An den Wänden tastete sich Schräger hin, zur Tür hinaus und dann leise wie ein Dieb die Treppe hinunter nach der Gaststube.
Dort atmete er auf. Es wurde ihm ein bißchen wohler. Vorsichtig schloß er die Fensterläden, dann zündete er die Lampe an. Licht! Licht ist allein schon eine Wohltat.
Aber doch war's auch hier einsam und furchtsam.
Da suchte er das Mittel.
Zum ersten Male trank er viel Schnaps. Dadurch wurde er mutiger. Schließlich füllte er eine Flasche, löschte das Licht aus, tappte nach seiner Schlafstube zurück, um den Jungen nicht allein zu lassen, setzte sich in den Lehnstuhl und trank -- trank aus der Flasche.
* * * * *
Am andern Morgen lag ein lichter Dreikönigstag über der winterlichen Erde.
Schräger erhob sich müde und zerschlagen aus dem Lehnstuhl, in dem er ein paar Stunden im dumpfen Schlummer des Rausches gelegen hatte. Es war acht Uhr vorbei. Er weckte seinen Sohn und gebot ihm noch einmal eindringlich Schweigen. Dann versprach er ihm, er würde ein zweites Bett in diese Stube schaffen lassen, und Gustav könne jetzt immer bei ihm schlafen. Nur dürfe er nichts sagen.
Drunten im Hause polterten die Dienstleute. Das tat Schräger wohl. Auch das Licht beruhigte ihn. Mehr aber half ihm ein guter Gedanke, den er in der Nacht gefaßt hatte: er wollte hinüber zur Frau Raschdorf gehen und die Kündigung zurücknehmen.
Schlafen mußte er wieder können, ruhig mußte er wieder sein, selbst auf die Gefahr hin, daß er den Buchenhof nicht bekam. Sonst, meinte er, würde er verrückt werden vor Furcht.
So ging er gleich vor dem Frühstück nach dem Buchenhofe. Unter der Tür traf er die Magdalene Raschdorf.
Das schöne Kind sah ihn herb an.
»Lene, ist Deine Mutter schon aufgestanden?«
Das Mädchen schüttelte finster den Kopf.
»Ich möchte mit Deiner Mutter gern sprechen.«
»Sie ist krank!« sagte Lene und wandte ihm den Rücken.
»Ganz wie der Vater,« dachte Schräger, »so stolz und abweisend.« Aber er zwang sich, freundlich zu sein.
»Lene, ist es schlimmer geworden mit der Mutter?«
Das Kind nickte und schlug die Hände vors Gesicht; dann lief es ins Haus.
Eine Magd erschien und klärte Schräger auf. Die Frau hatte in der Nacht Blutsturz bekommen. Ein Gespann hatte den Doktor geholt und eine barmherzige Schwester aus der Stadt mitgebracht, und der Pfarrer und der alte Kantor waren auch in der Nacht gekommen.
»Mit einer Laterne?« fragte Schräger stockend.
»Ja, mit einer Kirchenlaterne!«
»Aah!« seufzte Schräger auf und nickte.
Der Arzt kam die Treppe herab.
»Was wünschen Sie?« fragte er Schräger.
»Ich -- ich habe der Frau Raschdorf Geld gekündigt, und ich will die Kündigung zurücknehmen.«
»Lieber Freund, da kommen Sie leider zu spät. Frau Raschdorf ist eben gestorben.«
Ein schriller Schrei ertönte von oben. Das war die Lene, die es auch jetzt eben erfuhr. -- Schräger ging mit schweren Schritten heim. -- -- -- --
Wieder flog die Todeskunde durchs Dorf, und die Leute wurden still. Ein Schrecken kam über die Menschen.
So viel Trauer in einem Hause weckte überall Furcht. Ein leises Grauen mischte sich drein, als sei hier eine Strafe des Himmels sichtbar und offenkundig in Erscheinung getreten für Sünden, die die Menge nicht genau kannte. Aber ein Mitleid regte sich in den weicheren Herzen für die zwei verwaisten Kinder. Dieses Mitleid hätte zum Siege verhelfen können im Kampfe um die Heimat. Durch Mitleid hätte Heinrich Raschdorf sich jenen Herzboden bei den Mitgliedern der Gemeinde erkaufen können, um den er lange Jahre hindurch so bitter kämpfen mußte. Es kam ein günstiger Augenblick, wie er nicht mehr wiederkam. -- Ein paar Sympathiekundgebungen kamen aus dem Dorfe. Gespanne wurden angeboten, auch sonstige Unterstützung, und zwölf Männer meldeten sich freiwillig als Träger der Leiche. Der Bauer, der sich vor Tagen wegen Influenza entschuldigt hatte, hatte die zwölf Männer gesammelt. Er schickte eine Magd und ließ fragen, ob die Träger gebraucht würden.
Mathias Berger brachte seinem Mündel Heinrich die Nachricht aus der Küche in die Wohnstube.
»Die Leute werden vernünftig, Heinrich! Siehst Du, schlecht sind sie gar nich. Sie haben sich bloß mit Deinem Vater nich verstehen können. Es is schon gut, Heinrich, wenn Du mit den Leuten auskommst, denn sonst bleibst Du in der Fremde, auch wenn Du zu Hause bist. Das kannst Du mir glauben.«
»Den Vater haben sie nich tragen mögen,« sagte der Junge finster. »Warum nicht?«
Mathias Berger wußte nicht gleich eine richtige Antwort. Eine leidenschaftliche Röte flammte über das Knabengesicht.
»Weil sie dumm sind, weil sie schlecht sind! Mathias, ich hab's gehört, ich hab' gehört, wie sie auf meinen Vater schimpften, damals in der Stadt. Alle haben sie gelacht über den schuftigen Barbier, und wie ich ihm die Nase blutig gehau'n hab', da haben sie über mich herfallen wollen -- zwanzig Männer über einen Jungen! Mathias, sie dürfen meine Mutter nicht tragen. Ich leid's nicht!«
Die stolze, herrische Art der Raschdorfs brach bei dem Knaben durch. Mathias blieb ruhig und milde.
»Heinrich, sie lassen sich selber anbieten. Es ist nun einmal so Sitte auf dem Dorfe. Wenn wir das abschlagen, das is eine riesige Beleidigung.«
»Und die? Haben die meinen Vater nicht beleidigt? Gebettelt hab' ich, gebettelt, Mathias, daß sie's glauben sollen, sie haben nicht gemuckst. Ich leid's nicht, Mathias, ich leid's nicht, daß sie die Mutter tragen.«
»Hör' mich mal an, Heinrich! Siehst Du, die Scheune werden wir wieder aufbauen, den Stall auch. Das is nich schwer. Auch die Wirtschaft kriegen wir wieder rauf. Das is auch nich schwer. Das läßt sich alles machen, wenn man a bissel Geld hat und fleißig is. Aber Heinrich -- die Leute, die Leute! Die müssen auch wieder lernen, freundlich mit uns zu sein. Das is die Hauptsache, Heinrich! Das is wichtiger, als daß wir die Wirtschaft wieder aufbauen. Sieh mal, ich war früher so a armer Kerl. Ich hatte kaum a paar Sonntaghosen. Aber zu Hause war ich, 'ne Heimat hatt' ich. Das war, weil mir die Leute gut waren. Dein Vater, Heinrich, der hat keine solche Heimat gehabt.«
»Willst Du auch auf den Vater schimpfen, Mathias?«
»Wein' doch nich, Heinrich! Ich will ja bloß mit Dir reden, weil Du doch schon ein großer, kluger Mensch bist. Sieh mal, ich sage, das war eben das Unglück von Deinem Vater, daß a sich nich mit a Leuten im Dorfe vertrug. Ich sag' ja nich, daß a schuld war. Ich sag' bloß, es war sein Unglück. Denn siehst Du, immer alleine konnt' a nich sein, immer in die Stadt fahren konnt' a auch nich, na, und da wurd' a verdrossen und ging zum Schräger, und das war sein Verderben.«
Der Knabe weinte leise vor sich hin. Berger schlang den Arm um seine Schulter.
»Heinrich, Du hängst so an zu Hause. Es ist notwendig, Heinrich, daß wir gute Freunde im Dorfe haben. Ich bin zu a ungeschickter Kerl, ich kann Dir's nich so beschreiben, wie ich mir's denke. Aber das weiß ich: Wir brauchen die Leute, auch wenn wir sie nich brauchen. Wir müssen's annehmen, Heinrich!«
»Da -- da sag' ihnen, sie sollen die Mutter tragen; Du bist ja klüger, Du mußt's ja wissen.«
In demselben Augenblick öffnete sich die Tür, und Magdalene Raschdorf trat hastig ein.
Ihre braunen Augen standen voll Tränen. Die Stimme bebte ihr, als sie sprach: »Mathias, sie hat gesagt -- sie hat zu unserer Martha gesagt -- Sie -- Sie haben -- Sie haben unsere Mutter geküßt!«
»Lene! Was fällt Dir ein! Wer sagt das?« rief Berger.
»Wer sagt das, Lene?« stammelte Heinrich.
»Die -- die Magd vom Perschke-Bauer, die da is -- die hat's zur Martha gesagt -- und ich -- ich hab's gehört!«
Mathias sprang aus der Stube hinüber nach der Küche. Eine junge Magd stand schwatzend bei einer andern.
»Frauenzimmer, erbärmliches, was hast Du gesagt? Zu dem Kinde? Zu dem Kinde?«
Die Magd wurde blaß und floh in einen Winkel.
»Was ist denn? Was ist denn? Jeses! A will mich hau'n!«
»Was hast Du gesagt von mir und der toten Frau Raschdorf -- Mädel?«
Berger, der ihr gefolgt war, trat drohend und keuchend vor sie.
»Ich hab' nichts gesagt -- ich hab' -- Jeses --!«
Ein Schlag klatschte ihr auf die Wange.
»Gesteh's, Frauenzimmer, oder --«
»O Gott, o Gott, lassen Sie mich!«
»Was Du gesagt hast, will ich wissen!«
Wieder erhob er drohend die Faust.
»Ich hab's bloß nachgesagt, der Herr sagt's, die Frau, 's ganze Dorf. Ich kann nicht dafür --!«
»Das ganze Dorf? Raus! Und sag' Deinem Herrn, wenn sich noch eins auf dem Buchenhof sehen läßt, da hetz' ich die Hunde!«
»Ich bring' sie um! Ich schlag' sie tot!« schrie Heinrich in rasender Wut und klammerte sich an das Mädchen. Berger riß ihn los.
»Laß sie! Laß sie laufen, Heinrich!«
»Loslassen, Mathias, los! Ich schlag' sie tot!«
Heinrich schlug mit den Füßen gegen Mathias, der ihn festhielt, während das Mädchen heulend davonlief.
Nach langer Zeit, als sie sich etwas beruhigt hatten, sagte Berger:
»Es war unrecht, Heinrich! Das dumme Ding quatscht bloß nach, was ihr die Leute vorreden. Aber, Heinrich, ich war ein großer Esel. Du hast recht, die dürfen Deine Mutter nicht tragen. Sie sind zu schlecht!«
Der Knabe wandte ihm den Rücken und stand in finsterem Groll und in furchtbarem Nachgrübeln zitternd da. Berger betrachtete ihn und ahnte, was in dieser Seele vorging. Da sagte er mild:
»Heinrich, komm einmal mit zur Mutter!«
In der kleinen Stube stand der Sarg. So friedlich lag die verklärte Frau auf den weißen Kissen. Laut aufschluchzend kniete Heinrich am Sarge nieder. Mathias Berger stand da mit gefalteten Händen, lange -- in stummer Betrachtung. Das war ein tiefes Glück, daß er so ruhig hier stehen konnte.
»Heinrich,« sagte er leise, »ich hab' Deine Mutter sehr lieb gehabt, aber küssen tu ich sie jetzt das erste Mal.«
Und er beugte sich über den Sarg und küßte die lächelnde Tote.
Dann faßte er den Knaben an der Hand und führte ihn hinaus. Und Heinrich schmiegte sich fest an ihn an.
Neues Leben war auf den Buchenhof gezogen. Unten im Dorfe im kleinen Schuppen stand unbenutzt der Lumpenwagen, und Pluto, der »Bernhardiner«, lag faul im Buchenhofe und duldete mit lässiger, gelangweilter Vornehmheit die Neckereien Waldmanns, des Dachses.
Mathias Berger war nicht mehr auf den Lumpenhandel gezogen, er war der Verweser des Buchenhofes geworden.
Die Bauern im Dorfe lachten. Ein Lumpenmann Großbauer, das war auch zum Lachen. Zum Bauer sein gehört Verstand und noch mehr Geld. Und das hatte Mathias Berger beides nicht. Wenigstens nicht den richtigen Verstand. Von Geld war sowieso nicht die Rede.
Der Barbier hatte ein »Gedicht« gemacht; das hieß:
»Der Herr vom Buchenhofe hat sechs Dreier und Ein' Lumpenwagen und ein' großen Hund.«
Dieses Gedicht fand starken Beifall im Dorfe, und selbst die kleinen Kinder lernten es auswendig. Auch erfand ein Tonkünstler eine sinnige Melodie dazu, so daß das Lied gesungen und gepfiffen werden konnte. Den Dichter machte es populär, und alle hielten ihn für einen witzigen Menschen, der einen helleren Kopf habe als die anderen Leute.
Mathias Berger hörte von dem Spottverse und beschloß, in einem wirklichen Gedichte, das der Redakteur des kleinen, landläufigen Blättchens gewiß drucken würde, dem Barbier und den Dorfleuten eine derbe öffentliche Antwort zu geben.
Mathias war in seinen Feierstunden ein Dichter. Er verfaßte zwar meist nur Gelegenheitsgedichte, wie Nachrufe, Festtagswünsche u. dergl.; aber einige Gedichte hatten auch in der Zeitung gestanden, und so hoffte Mathias, auch diesmal mit einem geharnischten Poem anzukommen.
Da fand er am Tor des Buchenhofes mit Kreide die Worte angeschrieben: »Der Barbiehr ist ein Esel!« Hannes, der Schaffersohn, bekannte sich mit vergnügtem Schmunzeln als Urheber dieses Sinnspruches und versicherte mit Wichtigkeit, daß er denselben Satz fast auf allen Zäunen und Toren des Dorfes verewigt habe. Dafür erhielt er von Mathias Berger eine unvermutete, aber sehr ausdrucksvolle Ohrfeige, und dieser andererseits zog aus dem Vorfall die weise Lehre, daß es nicht gut sei, sich mit Schubiacks in einen literarischen Kampf einzulassen. --
Auf Betreiben des alten Kantors war Mathias Berger zum gesetzlichen Vormund über die beiden Kinder Heinrich und Magdalena Raschdorf bestimmt worden.
Einen Tumult gab es im Dorfe, als bekannt wurde, daß Berger für Heinrich Raschdorf das Gut kaufe und der Knabe sich mit seiner Schwester »auseinandersetze«. Das Gut war abgeschätzt worden, nicht viel über die Gesamtschulden hinaus, die Heinrich Raschdorf übernahm. Das Mädchen erhielt eine geringe Summe ausgezahlt, die fest angelegt wurde.
»Wenn es uns besser geht, Lene,« sagte Mathias, »dann bekommst Du freiwillig, so viel wir Dir geben können. Jetzt dürfen wir den Hof nich noch mehr belasten, sonst können wir ihn nich halten.«
Das Mädchen verstand nichts davon; es war zufrieden, daß es auf dem väterlichen Gute bleiben durfte. --
Und um diese Zeit geschah es, daß Hannes abermals Prügel kriegen mußte. Das kam so:
Er hatte einem Rudel Jungen, das ihm den Spottvers von den »sechs Dreiern« in die Ohren sang, wütend und doch triumphierend zugeschrien, der Mathias Berger habe mehr Geld als die ganze »Lumpenpakasche« der Dorfleute, er hab' das ganze Dorf »gefünffingert«, denn er besitze 40- oder gar 100000 Taler, und das habe kein Mensch gewußt. Und als die Jungen lachten, fragte er sie schnippisch, woher denn etwa mit solcher »Fixigkeit und Leichtigkeit« dem Schräger und dem Müller die Schulden bezahlt würden, wenn nicht der Mathias das Geld gäb'. Denn sonst borgte doch kein Mensch.
Diese Straßendebatte hatte drei Folgeereignisse:
1. Mathias Berger wurde zur Einkommen- und Kommunalsteuer herangezogen; 2. im Dorfe entstand eine neue, vielleicht überhaupt die stärkste Sensation, und 3. Hannes bekam Hiebe.
Das letzte Ereignis vollzog sich an einem trüben schwermütigen Märzabend in des Schaffers Stube. Der Vater war sehr schweigsam dabei, der Sohn nicht. Nach der Katastrophe ging Hannes hinaus, starrte in das trübe Abendlicht und lehnte seinen verlängerten Rücken gegen eine kühle Mauer. Da kam die Lene über den Hof, sah ihn verächtlich an und sprach nur das eine Wort: »Quatschkopp«.
Damit warf sie ihm etwas vor die Füße. Es war der Ring, den er ihr ehemals verehrt hatte.
Hannes rührte sich nicht. Für seinen Kampfesmut so schmählich behandelt zu werden, hatte er nicht verdient. Er nahm sich fest vor, weder mit seinem Vater noch mit Mathias noch mit der Lene jemals im Leben wieder ein Wort zu reden, und dann kroch er in sein Bett und schlief mit wehem Herzen und ebensolchem Rücken ein.
Im Dorfe unten aber wurde nach drei Tagen eine romantische Mär erzählt. Irgendwo -- den Ort wußte niemand genau -- habe eine alte, sehr geizige Frau gelebt, die all ihr Lebtag gespart und sich eine große Menge Papiergeld in einen alten, wollenen Unterrock eingenäht habe. Niemand hätte von dem kostbaren Unterfutter des alten Rockes, den die Frau beständig auf dem Leibe getragen habe, etwas gewußt, selbst die eigenen Kinder nicht. Eines Tages sei die Frau plötzlich am Herzschlag gestorben. Der Rock sei nebst anderem wertlosen Zeug einem gewissen Lumpenmann verkauft worden, und das weitere könne sich jeder denken.
Von dieser Geschichte erfuhr Mathias Berger vorläufig nichts. Er wußte, daß die Sympathie, die er früher im Dorfe genossen, geschwunden war seit dem Tage, da er sich der Raschdorfschen Sache annahm. Er hatte sich in Widerspruch gesetzt mit der öffentlichen Meinung, und das mußte er fühlen. Daß er einer ungeheuren Unehrlichkeit bezichtigt wurde, ahnte er nicht, freute sich vielmehr, daß sich die Leute schmerzlich den Kopf darüber zerbrechen würden, wie er zu so vielem Gelde gekommen sei.
Unterdes hatte er auch nicht Zeit, sich um das Gerede im Dorfe zu kümmern. Die riesige Arbeitslast, dem zerrütteten Buchenhofe wieder aufzuhelfen, lag auf seinen Schultern. Und da wuchs mit der Aufgabe seine Kraft. Zum erstenmal im Leben stand er so schweren Forderungen gegenüber, und sie stählten ihn.
Im zeitigen Frühjahr schon begann der Aufbau der Gebäude. Mathias Berger hatte einen tüchtigen, gewissenhaften Maurermeister gefunden, der sein Werk solid, rasch und billig herstellte.
Berger war von früh bis in die späte Nacht tätig. Jetzt war er in der Stadt zu Verhandlungen, jetzt stand er draußen auf dem Felde, jetzt saß er grübelnd und rechnend in der Stube, und dann stand er wieder unter den Handlangern und rührte Kalk ein oder trug Ziegel.
Ein Notstall wurde errichtet, die nötigen Ackerpferde gekauft, das Ackerzeug ergänzt, und die Feldarbeit konnte neu beginnen. Reichel, der Riese, arbeitete für drei. Aber er tat noch mehr. Er bot Mathias Berger seine Ersparnisse an, die sich auf ein paar hundert Mark beliefen.
»Reichel,« sagte Berger, »Dein Geld brauch' ich jetzt noch nich. Vielleicht später! Dann pump' ich Dich an, das versprech' ich Dir feierlich! Jetzt brauch' ich bloß Dich selber. Aber ganz notwendig, Reichel!«
Der Riese errötete über das Lob, das in diesen Worten lag, und arbeitete wieder, als ob er die Welt zusammenreißen wolle. Es war, als ob er seinen Charakter geändert habe, denn er tat alles mit einer großen Hast, wenn er ging und arbeitete, und ließ die majestätische Ruhe ganz außer acht, die sonst seinem Wesen eigen war.
Auch die Kinder halfen emsig nach ihren Kräften, und Hannes benahm sich in diesen Tagen tadellos, denn am Tage blieb ihm nicht eine Minute Zeit, Allotria zu treiben, und am Abend war er todmüde.
In all diesem emsigen Treiben fehlte nur Heinrich. Er war wieder auf der Schule. Ein paarmal schrieb er dringende Briefe, er wolle nach Hause, wolle helfen. Aber Berger, sein Vormund, ging darauf nicht ein. Er antwortete ihm kaum. Einmal nur schrieb er auf eine Postkarte: »Lieber Heinrich, sei Du nur so fleißig auf der Schule, wie wir hier alle sind, dann wird alles gut werden.«
So kam es, daß Heinrich trotz der heftigen Seelenerschütterungen, die seine Schülerarbeit gehemmt hatten, zu Ostern das Versetzungszeugnis als »Dritter der Klasse« nach Hause tragen konnte.
Auf dem Bahnhof holte den Knaben niemand ab. Es war kein Pferd übriggeblieben für die Fuhre. Aber da drüben hielt ein Wagen aus Heinrichs Heimatsdorfe. Ein Bauer holte irgend jemand von der Bahn. Heinrich stand mit seinem schweren Handkoffer da und wartete immer, ob ihn der Bauer nicht auffordern würde, mitzufahren. Aber der sagte kein Wort, und zu bitten schämte sich der Knabe. So fuhr der Bauer mit seinem halbleeren Wagen heim, und Heinrich nahm den Koffer und machte sich schwerbeladen auf den Weg nach Hause.
Der Koffer zerrte an seinen Armen und Schultern. Aber dem Knaben war doch, als ob er an dem Herzen in der Brust noch schwerer zu tragen habe. Er kam das erstemal nach Hause seit dem Tode beider Eltern.
Wie schwer sich das ging! Schwer und ohne alle Freude. Er hatte auch jetzt keine Begierde, die Veränderungen zu sehen, die seitdem gemacht worden waren. Es waren schon zu viel Veränderungen für eine Heimat.
Als er den Buchenhof sehen konnte, blieb er tiefatmend stehen. Dann begann er heftig zu weinen. War er dort unten zu Hause? War das wirklich der Ort, nach dem er sich in seinen Heimwehstunden gesehnt hatte? Oder war er nicht in die Irre gegangen, war das nicht die Fremde?
Wenn sein Vater jetzt dort unten ginge und nur einmal hinaufnickte, das wäre schön.
Aber dort war der Kirchhof. Dort lagen Vater und Mutter. Dorthin mußte der Heinrich gehen, wenn er nach Hause kommen wollte.
Und die Tränen des Kindes flossen reichlicher.
Da erhob sich etwas vom Straßenrande, ein Stückchen den Weg hinunter, und kam rasch auf Heinrich zugelaufen. Es war Lotte Schräger.
»Guten Tag, Heinrich! Guten Tag! Ach, ist das schön, daß Du kommst! Siehst Du, ich hab' einen Strauß gemacht. Da -- nimm ihn! Warum sagst Du denn nichts? Gefällt er Dir nicht? Es gibt jetzt noch keine hübscheren Blumen.«
»O ja, Lotte, er ist sehr schön. Wo kommst Du denn her?«
»Ich hab' gewußt, daß Du kommst. Und es hat Dich doch niemand abgeholt, da wollt' ich Dir ein bißchen entgegengehen.«
Er wurde verlegen.
»Na ja, Lotte, da seh' ich doch jemand, den ich kenne.«
»Komm, ich werd' Dir den Koffer tragen. Oh, is der schwer!«
»Laß, Lotte, den Koffer kannst Du nicht tragen, den trag' ich selber!«
»Na nu, mal weg mit der Hand! Ich trag' den Koffer! Du mußt ja schon schrecklich müde sein!«