Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen

Part 6

Chapter 63,934 wordsPublic domain

Daran dachte der Mathias jetzt, als er am Waldrande mit seinem Hundeschlitten dahinfuhr. Und er blieb halten und zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, worin zu lesen stand, daß ein Redakteur sechs Monate lang eingesperrt worden sei, weil er seine Meinung gesagt habe. Nun habe es sich herausgestellt, daß diese Meinung die richtige und der Gefangene ein Märtyrer gewesen sei. Dieses Blatt war Bergers Trost.

Er las es auch jetzt wieder und sagte sich, es sei doch eine schöne Sache, für die Wahrheit zu leiden. Auch dann, wenn einen die Leute für einen Lumpen halten. Dann erst recht! Nur muß man sich nicht selber verlieren und hübsch stark und mutig --

Da -- ein Schuß.

Gleichzeitig ein dumpfer Schrei nahe aus dem Walde.

Berger ist zusammengefahren, als habe der Schuß ihn getroffen. Der Hund bricht in ein heulendes Gebell aus. Was war das? Wem galt dieser Schuß? Was war das für eine Stimme?

Berger rafft sich auf und schirrt den Hund los.

»Such', Pluto, such'!«

Beide springen über den Grabenrand und verschwinden im Walde.

Ein kurzes Suchen -- da finden sie ihn -- nicht weit vom Waldrande.

Gegen eine Fichte liegt er mit blutender Brust, und neben ihm liegt das Jagdgewehr im Schnee.

»Raschdorf! Herr Raschdorf! O du großer Gott!«

Der Lumpenmann beugt sich tief zu dem Verwundeten. Der rührt keine Wimper.

»Raschdorf! Hermann! Komm zu Dir! Komm zu Dir!«

Der liegt mit verglasten Augen und röchelt schwer und schaurig.

Berger reißt dem Verletzten Rock, Weste und Hemd auf und sieht das Blut strömen aus vielen winzigen Wunden. Da nimmt er ein reines Taschentuch und bindet es mit einer Schnur fest auf die Wunden.

Nun rafft er ihn auf und trägt ihn mit furchtbarer Anstrengung nach der Straße. Dort legt er ihn auf den Schnee und holt den kleinen Schlitten herbei. Dahinein bettet er den Verwundeten und fährt behutsam zurück nach dem Buchenhofe. Und der Hund geht gesenkten Hauptes nebenher, denn er fühlt, daß sein Herr weint, fühlt, daß das eine traurige Fahrt ohnegleichen ist.

Der stolze Buchenbauer fährt heim auf Lumpenmanns kleinem Schlitten, und nebenher geht der Tod, ein düsterer Wegegenoß, ein schauriger Kamerad, den der dumpfe Feuerton des Gewehrs zur Stelle rief. Jetzt noch schreitet er neben dem Buchenbauer über den weißen Schnee; aber bald wird er die Führung übernehmen und auf seinen Wegen wandeln mit dem anderen.

Unten im Dorfe singen ein paar Knechte:

»Nun ade, du mein lieb Heimatland, Lieb Heimatland, ade; Es geht jetzt fort zum fremden Strand, Lieb Heimatland, ade!«

Mathias Berger horcht hinunter und sagt erschüttert zu sich selbst: »Es ist Ziehtag!« --

Am Nachmittag kam Raschdorf noch einmal auf Sekunden zu sich.

»Raschdorf, um Christi willen bereuen Sie Ihre Sünden!«

Und der Geistliche, der am Bette stand, hielt ihm ein Kreuz hin.

Raschdorf starrte ihn gläsernen Auges an, dann verzog sich sein Gesicht wie zum Weinen, und er versuchte, das Kreuz zu küssen. Aber dabei verlor er schon wieder das Bewußtsein.

»Durch diese heilige Salbung und durch seine mildreiche Barmherzigkeit verzeihe Dir der Herr alles.« --

Gegen 4 Uhr war Hermann Raschdorf tot.

Am Fenster lehnten Frau Anna und Heinrich. Sie hielten sich fest umklammert. Der Winterabend lag auf der Flur, und über dem verschneiten Walde ging fahl die Sonne unter, die ferne Sonne, die uns doch unendlich näher ist als die Seelen der lieben Toten, die heimgegangen. Mit weißem, unbewegtem Gesichte schaute Frau Anna nach dem gelben Schimmer. Bald ging nun auch sie auf die weite Reise, und der Knabe, den sie liebte, blieb einsam zurück, ohne Eltern und ohne Heimat. In vielen Jahren aber, wenn auch er vollendet, würden sie sich wiedersehen. Das sind die Stunden, in denen Gott mit den Menschen spricht, er, der Trost und Frieden für die Trauernden hat, wenn die Welt und all ihre Weisheit und all ihre Tröstung versagt.

* * * * *

Durchs Dorf flog die Kunde: »Raschdorf hat sich erschossen! Das Gewissen hat ihm keine Ruhe gelassen!«

Berger hatte es übernommen, die Träger der Leiche für das Begräbnis zu besorgen. Bauern werden sonst von Bauern zu Grabe getragen. Aber der erste Bauer, den Berger um den Liebesdienst ansprach, sagte, er habe nicht Zeit, und der zweite meinte, er habe die Influenza. Da spuckte Mathias Berger draußen vor dem Tore aus, fuhr nach der Stadt und bestellte einen Leichenwagen nebst den Leichendienern. Die kosteten viel Geld, aber sie kamen pünktlich.

»Geld ist etwas Gutes,« sprach der schlichte Philosoph bei sich selbst, »es ist oft viel zuverlässiger als die Nächstenliebe.«

Am 5. Januar war das Begräbnis. Hunderte und Aberhunderte von Zuschauern füllten den Friedhof. Der Geistliche sprach die üblichen Gebete. Dann mußte die Rede kommen. Aller Augen hingen an dem Munde des Priesters. Klar und deutlich sprach er:

»Wir beten für den Verstorbenen und alle, die mit ihm hier schlummern, jetzt noch ein Vaterunser.«

Und sonst kein Wort. Bald nach dem Vaterunser ging der Geistliche fort. Nicht einmal die übliche Danksagung für das »christliche Trauergeleite« sprach er. Mathias Berger hatte sich außer der Einsegnung des Grabes alles andere namens der Hinterbliebenen verbeten, auch die Danksagung. Die Leute, die da hinkämen, meinte Berger, kämen aus Neugierde und nicht aus Teilnahme, für die Neugier aber brauche sich niemand zu bedanken.

Eine große Enttäuschung bemächtigte sich der Teilnehmer am Begräbnis, und die Männer suchten sich in etwas zu entschädigen und gingen ins Wirtshaus.

Dort wurden dann dem toten Hermann Raschdorf viele Leichenreden gehalten.

* * * * *

Drüben im Buchenhof saß ein kleiner Kreis von Menschen und beriet über die Zukunft: Frau Anna, Heinrich, der alte Kantor, der Schaffer und Mathias Berger.

Und auch der Lumpenmann hielt eine kleine Leichenrede. »Heinrich, wenn Dir amal jemand sagt: Dein Vater hat sich erschossen, da sag': Ja, a hat sich erschossen, aber ob a 's freiwillig gemacht hat oder ob a verunglückt is, das weiß der liebe Herrgott alleine. Aber wenn Dir jemand sagt: Dein Vater hat sich selber angezünd't, da spuck' ihm ins Gesichte, denn das is die höllischste Lüge von der Welt. Wer angezünd't hat, das wird noch amal lichterloh rauskommen. Und nu will ich noch was sagen: der Buchenhof bleibt 'm Heinrich. A wird nich verkauft!«

Frau Anna sah Berger wehmütig an.

»Der Hof muß verkauft werden -- bald! Schräger hat seine 20000 Mark gekündigt und der Müller seine 5000 Mark. Jetzt borgt uns niemand zur letzten Hypothek hundert Taler.«

Berger machte eine abwehrende Handbewegung. »Lassen Sie mich reden, Frau Raschdorf. Wieviel sind Schulden?«

»110000 Mark.«

»So? Und der Hof is wert 150000! Wenigstens!«

»Jetzt nicht! Jetzt gelten die Wirtschaften nichts! Und 's is kein Vieh da, kein Ackerzeug, die Gebäude sind abgebrannt. Wer weiß, ob wir mit den Schulden rauskommen, wenn wir verkaufen und noch das Versicherungsgeld dazu rechnen.«

Die Frau streckte beide Hände trostlos über den Tisch. Mathias Berger nahm eine entschlossene Miene an.

»Die Wirtschaften gelten jetzt nischt! Gutt! Also wird sie nich verkloppt. Das wär' ja traurig. Und nu raus mit der Sprache! Erschreckt nich! Ich borg' das nötige Geld selber!«

»Von wem?«

»Von wem? Von mir! Ich borg's selber! 10000 Taler borg' ich, das sind 30000 Mark.«

Die anderen sahen ihn verständnislos an.

»Ja, von wem wollen Sie's denn borgen?«

»Nu, von niemand! Von mir selber! Ich hab' selber so viel Geld übrig!«

»Machen Sie heute keine Scherze, Mathias,« mahnte der Kontor. Frau Anna und Heinrich sahen betroffen vor sich nieder, und nur der Schaffer grunzte ein wenig amüsiert. Da nahm Berger das Wort:

»Da muß ich zuerst 'ne kleine Geschichte erzählen. Es geht oft recht wunderbar zu im Leben. Also eines schönen Tages -- es sind jetzt sechs Jahre her -- sitz' ich in Waldenburg in eener Kneipe. Kommt der Schräger rein. Na, damals vertrugen wir uns noch besser, und a plauderte immer gerne mit mir, denn a Lumpenmann weiß manches, was a anderer nich weiß. Na, wie gesagt, der Schräger setzt sich zu mir. 'n kleenen Stiefel hatt' a sitzen. Auf 'm Tisch stand a Würfelbecher. »Sind wir amal um 'n Böhm!« sagte er und warf siebzehn. Ich wollt' mich nich blamieren, warf sechzehn und zahlte zehn Pfennige. »Revanche,« sagte der Schräger und warf dreizehn; und ich revanchierte mich, schmiß sieben und gab wieder zehn Pfennige. Das gefiel 'm Schräger; a würfelte immer von neuem und ich immer mit, und ich bezahlte immer 'n Böhm, bis 'ne Mark voll war. »Weißte, Berger, riskier'n wir amal 'ne Zicke, setz'n wir jeder amal fünf Böhm. Wenn schon, denn schon!« »Wenn schon, denn schon,« sagte ich und setzte fünfzig Pfennige, denn ich hatte och 'n kleenen Stiefel sitzen. Nu schmeißt a sechzehn und ich achtzehn, und das ging so fort, bis ich ihm fünf Mark und fünfzig Pfennige abgeknöppt hatte. Da war a wütend, nahm seine Mütze und ging. Ich freut' mich natürlich nich schlecht, ließ mir gleich 'n telikaten Kalbsbraten für 40 Pfennige bringen und schickte mein'm Hunde für 10 Pfennige Knochen aus der Küche. Dann fuhr ich los. Wie ich nu so durch die Stadt fuhr, les' ich a großes Plakat: Marienburger Geldlotterie. Große Geldgewinne. Los 3 Mark. Ich lehnte an meiner Hundekutsche und lernte so sachte das Plakat auswendig. Und weil ich, wie gesagt, nicht ganz klar war, geh' ich rein und kauf' a Los, von Schrägers Gelde. Wie ich' wieder rauskam, sah mich mein Hund an, als wenn a sagen wollte: Du tummer Kerl, was hätt'n wir für das Geld für 'ne Menge Kalbsbraten und Knochen haben können. Aber na, 's Geschäft war gemacht. Damit nu wenigstens von dem Gewinn was Reelles raushängen tät, kaufte ich von den zwee Mark, die ich noch hatte, der Liese 'ne Puppe. Na und? -- Nach vier Wochen hatt' ich mit mein'm Los 30000 Mark gewonnen, a dritten Hauptgewinn.«

»Berger! Es is nich möglich!«

»Ist denn das wahr, Mathias?«

Die ganze Gesellschaft war aufs höchste erregt.

Berger lächelte. »Es ist wahr. Und ich hab' das Geld Heller für Pfennig ausgezahlt gekriegt. Aber ich hab' mir's nich in Waldenburg geholt; ich bin nach Breslau gefahr'n. Denn ich mochte kein'n Lärm machen.«

»Das is ja nicht zu glauben!«

»Was is nich zu glauben? Daß jemand 'n Haupttreffer macht? Das kommt bei jeder Lotterie vor. Und daß es mal 'n kleenen Mann trifft, das kommt ooch vor. Ich hab' für das Geld Papiere gekauft. Vierprozentige! Das macht zwölfhundert Mark Zinsen aufs Jahr. Die hab' ich fast alle gespart. Das sind nun wieder gegen 7000 Mark. Gesagt hab' ich keinem Menschen was. Nich amal meine Schwester weiß was und die Liese ooch nischt.«

»Aber warum -- warum haben Sie denn das verschwiegen?«

Berger sah vor sich nieder.

»Ja, warum? Na, das habt Ihr wohl schon oft gehört und gelesen, daß mancher, den die Leute für 'nen blutarmen Kerl hielten, in Wirklichkeet a kleener Krösus war. Bei manchem, der a Fechtbruder war, fand man am Ende viel Gold und Silber unter seinen Lumpen. 's gibt solche schnurrige Kerle. 's is a ganz besonderer Spaß, die Welt zum Narr'n zu halten. Bei mir war's auch so. Aber 's war nich das alleene. Das Geld kam zu spät. Zehn Jahre früher hätt's kommen müssen, wie ich noch jünger war. Da hätt' ich's gebraucht.«

Die andern sahen ihn verständnislos an; nur Frau Anna blickte vor sich nieder.

Berger zwang sich wieder zu einem launigeren Tone.

»Ja, und für een'n Lumpenmann paßt sich's doch nich, wenn a reich is. Ich schämte mich. Und Lumpenmann wollt' ich bleiben. So in der Welt rumfahren und zu Leuten kommen, das paßt mir. Das is nich so langweilig. Da gibt's alle Tage was Neues. Na, und das Geschäft ernährt mich. Deswegen braucht' ich auch das Geld nich. Ich hab' mir immer gedacht, so 'ne Lotterie is was Tummes. Immer gewinnt's einer, der's nich braucht. Aber wiederum war 's nich so was Tummes. Immer, wenn mich so eener scheel ansah, und dachte: »Ach, der arme Schlucker!« lacht' ich mir eens im stillen. Und ich dachte an allerhand!«

Die andern schwiegen. Bergers Augen begannen zu leuchten.

»Und jetzt dank' ich Gott, daß ich das Geld hab'. Jetzt kann ich's gebrauchen.«

»Berger, Sie können ja nicht -- Sie dürfen nicht Ihr Geld auf eine so unsichere Sache --«

»Ich mach', was ich will! Ich borg's -- basta! Die Sache steht ganz gut. Der Schräger und der Müller werden ausgezahlt, bleiben 85000 Mark Schulden. Das is bloß reichlich die Hälfte von dem, was das Gut wert is. Dann bleiben immer noch 5000 Mark zu dem Versicherungsgelde, daß die Gebäude wieder ordentlich aufgebaut werden können. Und wenn ich sterbe, haben die Liese und die Schwester noch 7000 Mark. Das ist viel Geld. Und außerdem haben sie die Hypothek.«

»Berger, es ist mir, als ob Sie ein Märchen erzählten,« sagte der alte Kantor. »Sie müssen aber an Ihr Kind denken.«

»An die Liese denk' ich schon. Der bleibt alles, jeder Pfennig. Wenn's nich sicher wär', borgt' ich's nich. Denn ich bin geizig geworden, seit ich das Geld hab'. Aber es is sicher!«

»Das werden wir nicht annehmen, Berger.«

»So? Und damals -- wie ich ins Gemeindehaus kommen sollte -- als Dorfarmer? -- Sie denken wohl, a Lumpenmann hat keen Ehrgefühl? Das merkt a sich, wenn ihn jemand nich hat verlumpen und verhungern lassen. Und offen gesagt, ich weeß mir keen Rat mit 'm Gelde. Ich hab' mir ofte gesagt, eigentlich könntest du was anfangen, die Liese aufputzen und so -- oder selbst 'n feinen Kerl rausbeißen. Ich hab' immer lachen müssen, wenn mir so was einfiel. 's kam mir so riesig tumm vor. Na, und da hab' ich's immer aufgeschoben. Kommt alles noch zurechte, dacht' ich immer. Laß das Mädel! Besser is, sie denkt, sie is arm. Da wird sie a recht braves Mädel werden. Kommt alles zurechte!«

»Ich besauf' mich auch amal, und nachher tu ich würfeln,« nahm sich Reichel, der Schaffer, vor. Es war das erste Mal, daß er begeistert war.

Die anderen aber sahen ernst vor sich nieder. Sie waren alle in tiefer Verlegenheit. Es entstand eine Pause. Frau Anna ergriff Bergers Hand.

»Mathias, Sie wollen mir das Sterben leichter machen.«

»Mutter!«

»Kind! Anna, sprich nicht so! Ich kann's nicht hören!«

Die Frau schüttelte leise den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Mathias Berger sagte nichts. Ein Weilchen saß er ganz still da mit rotem Gesicht. Dann stand er plötzlich auf und ging hinaus.

Im öden Hofe stand er regungslos.

Einmal, als er ein junger Bursche war, hatte er ein Mädchen geliebt. Es wurde nicht sein. Ein reicher Nebenbuhler kam und riß sie in seine Arme.

Jetzt ist sie arm geworden und er reich, und der andere ist begraben. Aber wiederum wird sie nicht sein. Ein stärkerer Freier kommt -- der Tod. Er steht wohl schon drüben auf den kahlen Wiesen. Bald schreitet er über die Trümmer und den Hof und führt die Anna heim in sein stilles Haus. Und die Menschen werden bei der Hochzeitsfeier läuten und singen und hinterher lachen und zechen, wie jetzt die lauten Gäste drüben in der Schenke. Der Mathias aber wird wieder mit seinem Handwagen in der Welt herumziehen und das Vergessen suchen.

»Mathias! Mathias, wo sind Sie denn?«

»Heinrich! Komm mal her, Heinrich!«

»Mathias, sind Sie krank?«

»Es ist nichts, Heinrich! Ich hab' mir bloß so mancherlei überlegt. Heinrich, wir zwei werden zusammenhalten!«

»Ja, Mathias! Ich bin so froh, daß Sie mein Vormund werden sollen.«

»Vormund nennen sie's auf 'm Gericht; wir heißen's Freund. Du sollst jetzt »Du« zu mir sagen, Heinrich, und ich sag' auch »Du«, für immer. Und uns zwei soll niemand auseinander bringen!«

So reichten sie sich die Hände.

Es war nahe an Mitternacht. Der Buchenhof lag längst ganz still; auch in der Wirtsstube des Kretschams waren die Lichter erloschen. Nur aus der Giebelstube drang noch ein matter Schein. Julius Schräger war noch wach.

Das Bett war aufgedeckt; es war totenstill im Hause, und Schräger war den ganzen Tag von früh an auf den Beinen gewesen. Aber er legte sich nicht nieder.

Langsam trat er ans Fenster. Der Mond war aufgegangen, und in seinem halbhellen Licht lag drunten das Dorf. Der Kirchturm ragte deutlich in die Luft.

Dort unten, ganz nahe am Turme, lag Hermann Raschdorf die erste Nacht! Er lag unter gefrorenen, harten Schollen in einem dünnen Totenhemd, und seine Nachbarn zur Rechten und zur Linken waren Tote, Leute, die schon lange dort unten schliefen. Wie still das dort sein mußte! Nur die Würmer bohrten an Holz und Knochen, und zuweilen brach ein Sargdeckel. Dann senkten sich die Schollen und -- drückten schwer.

Schräger fröstelte und trat vom Fenster zurück.

Er war ein Narr, sich so schwere Gedanken zu machen. Zu ändern war nichts. So setzte er sich auf den Bettrand und legte sich auf die Kissen nieder. Aber kein Schlaf kam über seine Augen. Er sah immer in das rote, leise singende Licht. Als wenn das Licht blutete und wimmerte, so war's.

Schräger schloß die Augen. Warum dachte er immer an Raschdorf? Er war fort. Er konnte ihm nichts anhaben. Kein Haar konnte er ihm krümmen. Und bis dahin, daß er auch hinunter müßte, war's lange hin. Dann war der andere längst zu Staub zerfallen.

Da schlich draußen etwas heran. Schräger lauschte. Es kam näher -- stockte -- war still. Aber jetzt kam's wieder -- es stieß an einen Stuhl und war wieder still. Dann ächzte es deutlich vor der Tür.

Schräger richtete sich halb auf. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Steif und lahm stützten sich die Hände auf die Kissen.

Da ächzte es wieder draußen.

Und jetzt tastete es an die Tür und klinkte langsam auf.

»Was? Wa--as? -- -- -- Ah -- Du -- Gustav! -- Was willst Du?«

Der Idiot, der ganz dürftig angezogen war, legte den Finger auf den Mund.

»Pst! Still! Ich komm Dir was sagen.«

Er schlich mit unheimlich glitzernden Augen zu seinem Vater und sagte ihm leise ins Ohr:

»A kommt wieder!«

Schräger erblaßte.

»Gustav, wie kannst Du Dich erdreisten, jetzt in der Nacht --«

»Pst! Ich fürcht' mich! A kommt -- a rennt über die Felder -- mit der Flinte -- ich hab' 'n gesehn -- a will mich schießen -- und da komm ich zu Dir -- Du mußt mich verstecken -- und Du mußt ihm Geld geben, daß a nich schießt.«

Schräger wurde es brühheiß.

»Gustav, augenblicklich gehst Du in Deine Kammer und legst Dich schlafen. Das is Unsinn!«

Der Idiot brach in Heulen aus, und Schräger mußte ihm den Mund zuhalten.

»Still, Gustav, sei doch still! Es hört Dich sonst jemand. Du kannst ja hierbleiben. Schrei nich -- schrei nich, Gustav! -- Komm, leg' Dich ins Bette, ich zieh' Dir die Hosen runter -- so -- und nu leg' Dich um; ich deck' Dich fest zu.«

Der Idiot klapperte mit den Zähnen, als er im Bette lag.

»Fürchte Dich nich, Gustav, fürchte Dich nich, es kommt kein Mensch. Schlaf' ruhig ein! Es kommt niemand!«

»Du, ich hab'n gesehn! A weiß jetzt, daß ich angezünd't hab'!«

»Bist Du ruhig, Gustav, bist Du ruhig! Du hast ja gar nich angezünd't.«

»O ja, ich hab'! Mit zwei Streichhölzeln! A wollte mich rausschmeißen -- uh, und es war doch so kalt.«

»Wenn Du nich ruhig bist, Gustav, kommt der Gendarm. Das darfst Du keinem sagen, sonst wirst Du fortgeholt. Niemand darfst Du das sagen, hörst Du? Keinem Menschen!«

Schräger zitterte vor Erregung.

»Ich sag's nich. Sonst schießt a mich tot!«

»Schlaf' ein, Gustav, schlaf' ein!«

»Oh, es hat so gebrannt, so hoch und so heiß, und jetzt wird a kommen. -- Hörst Du? -- A kommt auf der Treppe -- Vater, versteck' mich!«

Schräger setzte sich auf den Bettrand und ergriff die Hände des Burschen. Leise redete er auf ihn ein und gebot ihm, die Augen zu schließen.

Der Idiot verbarg sich tief in den Betten und hielt krampfhaft des Vaters Hand. Von Zeit zu Zeit schrie er auf, dann hielt ihm Schräger den Mund zu. So verging eine qualvolle halbe Stunde, dann fing der Bursche leise an zu weinen und schlief allmählich ein.

Schräger erhob sich. Sein Gesicht war fahl. Ein leiser, schwerer Fluch kam über seine Lippen. Dieser Mann erkannte, daß sich ein Wurm in sein Lebensmark eingebohrt hatte, der nie mehr weichen werde.

Langsam ging er an den Schreibtisch, der an der Wand stand, und nahm ein Zeitungspapier heraus. Es war dasselbe Blatt, das Gustav am Brandtage zuerst zu einem Heim geformt, dann entfaltet und so gierig betrachtet hatte.

Das Blatt enthielt ein Bild, das ein brennendes Haus darstellte, aus dem ohnmächtige Menschen getragen wurden. Dieses Bild hatte die Phantasie des Idioten erregt und ihn zu seiner Tat angestachelt, wozu noch gekommen war, daß die Bauern von einem Brande gesprochen und Raschdorf den Burschen gekränkt hatte.

So war alles gekommen, und Schräger hatte noch am selben Abend die furchtbare Wahrheit erfahren. Als Gustav vom Brande nach Hause lief, war er ihm gefolgt. Da hatte der Knabe unter der Treppe im Hausflur gekauert und gewimmert. Er hatte ihn mit sich in die Stube genommen und ihn ausgefragt. Und da war ihm der unglückliche Bursche schreiend zu Füßen gefallen und hatte ihm gestanden, er habe die Scheuer angezündet.

Anfangs hatte es Schräger nicht geglaubt. Aber dann hatte er dem Jungen die Taschen durchsucht und das Bild und ein ganzes Päckchen Schwefelhölzer gefunden. Entsetzt hatte er noch einige Fragen gestellt und mit Gewißheit die furchtbare Wahrheit erkannt, daß sein Sohn der Brandstifter sei.

Und doch hatte ihn damals nichts bewegt als die peinigende Sorge, die Sache möchte offenbar werden. Der Verschleierung der Tatsache galt von da an all sein Bemühen, hinter das sogar sein altes Bestreben, den Buchenhof zu erwerben, weit zurücktrat.

Nun trat er an das Bett des schlafenden Burschen. Auch im Schlafe war dieses Gesicht häßlich und öde. Der Junge atmete schwer, und seine struppigen Haare waren feucht von Schweiß. Er sah wohl auch im Traume den schrecklichen Jäger, vor dem er sich fürchtete.

Schrägers Kopf sank auf die Brust. Das war eine der schweren Nachtstunden, da der Mensch Rechnung hält in seinem Herzen und vor Schuld und Urteil erschrickt.

Wenn Gustav plauderte!

Sie konnten dem Jungen gerichtlich nichts tun, er konnte nicht verantwortlich gemacht werden. Aber sie würden ihn in eine Anstalt bringen, ihn unschädlich machen für immer.

Und das fürchtete Schräger; dagegen sträubte er sich mit ganzer Seele. Er liebte seine beiden Kinder abgöttisch, wie so oft Geizhälse, die in ihrer Seele sonst nie einen Funken Idealismus haben, an ihren Kindern mit einer unordentlichen Glut hängen, die anständigen Leuten fremd ist. Das ist auch ein Zug, den die Geizhälse mit den Bestien gemeinsam haben. Und noch eines kam hier dazu, die Gefahr, daß der Junge des Vaters Mitwissenschaft verriet.

Sein Eid! Sein Eid! Wie stand er da!

Gewiß, er konnte im schlimmsten Falle alles abstreiten. Das Zeugnis des Jungen galt vor Gericht nichts. Er konnte sagen, er habe nichts gewußt. Aber die Dorfleute! Wenn ihr Vertrauen verschwunden war, war sein Geschäft verloren -- alles verloren. Das durfte unter keinen Umständen geschehen.

Und sein alter Plan: den Buchenhof zu gewinnen! Es war ja gut, wenn der Raschdorf unterging. Was ging ihn der Raschdorf an? Schließlich hatte er sich doch selber ruiniert!

Die Lampe ging aus. Schräger erschrak. Jetzt im Dunkeln würde auch er sich fürchten. Er sann nach, wo er Licht hernehmen könnte. Es war, ohne Geräusch zu verursachen, keines zu erlangen. So setzte sich der Einsame in einen Lehnstuhl.

Nur das eine nicht, nur nicht nach dem Fenster sehen! Das Mondlicht fiel so gespenstisch herein, und dort unten ragte der Turm auf, als wenn mitten aus dem Kirchhof sich ein geisterhaft drohender Riesenfinger emporstrecke.

Nur nicht nach dem Fenster sehen!

Eine Weile saß Schräger grübelnd still. Dann begannen seine Lippen zu zucken, Worte zu sprechen, ohne daß er's hindern konnte: »Ich schwöre vor Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen --«

Ein Stöhnen; Schräger sprang auf. Was fiel ihm ein? Wie kam er dazu, das zu sagen -- das?

Er schloß die Augen und drückte den Kopf gegen die Kacheln des Ofens; sie waren kalt.

Kalt! Wenn das Feuer erlischt und wenn das Leben erlischt, kommt die Kälte.