Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen
Part 5
»Seid Ihr nicht, ehe Ihr zu Raschdorf in die Wohnstube ginget, in der Scheune gewesen?«
»Nee, wir sind bald rübergegangen.«
»Heinrich Raschdorf!« Der Knabe trat wieder vor.
»Du hast gehört, was Dein Freund aussagt. Das ist gerade das Gegenteil von dem, was Du sagst. Wer lügt nun von Euch beiden?«
»Ich -- ich hab' geraucht -- allein geraucht -- in der Scheune --«
»Du hast allein geraucht? Wann hast Du geraucht? Wann bist Du allein gewesen?«
Der Knabe kam in tödliche Verlegenheit und wußte keine Antwort. Hannes faßte Courage und meldete sich mit dem Zeigefinger wie in der Schule.
»Herr Lehrer, a schwindelt! A war ja immerfort bei uns, und dann, wie wir rübergegangen sind, da is noch der Robert mit uns gegangen, der Knecht.«
»Robert Kirschner!«
Der Knecht sagte aus, er sei aus dem Wagenschuppen gekommen, da habe er die beiden Knaben aus dem Gesindehause kommen sehen, und weil er den Heinrich, der gerade erst zu den Ferien gekommen sei, noch nicht gesprochen habe, sei er mit den Knaben gegangen und habe sie bis zur Tür begleitet. Den Heinrich habe er in die Stube gehen sehen, und mit dem Hannes habe er noch geplaudert. Und da sei schon die Karoline gekommen und habe gesagt, daß es brenne.
»Heinrich Raschdorf! Warum lügst Du vor Gericht? Warum beschuldigst Du Dich selbst?«
»Mein Vater! Mein Vater!«
»Du hast Deinen Vater retten wollen?«
Der Knabe nickte unter heftigem Schluchzen. Es war aus mit seiner Fassung.
»Hat Dir jemand zugeredet zu einer solchen Aussage? Sag' jetzt die Wahrheit, mein Junge! Du weißt, Gott sieht Dir ins Herz. Und Du darfst Dein Herz nicht beflecken. Hat Dir jemand zugeredet, Dich selbst falsch anzuklagen?«
»Es hat mir niemand zugeredet!«
»Wirklich nicht? Wie kamst Du darauf?«
»Ich hab' so Angst -- so schrecklich Angst!«
»Setz' Dich, Heinrich Raschdorf!«
»Frau Anna Raschdorf!«
Die schwindsüchtige Frau wankt in den Saal. Auf ihren Wangen blühten die Kirchhofsrosen.
»Wollen Sie von Ihrem Recht der Zeugnisverweigerung Gebrauch machen, Frau Raschdorf?«
»Nein!«
Sie sagte aus, was sie wußte. Sie leugnete nicht, daß Ihr Mann nicht nüchtern gewesen sei; aber als er dem Knaben mitgeteilt, der Ruin stehe vor der Tür, habe er gebebt. Und durch den Brand sei es nur schlimmer geworden. Maschinen seien verbrannt, die nicht versichert seien, die ganze, reiche Ernte sei verbrannt, das Vieh müsse auswärts sein. Das Elend sei erst durch den Brand voll geworden.
Eine Reihe anderer Zeugen wurde noch vernommen, ohne daß etwas Erhebliches zutage gefördert wurde.
Die Plaidoyers begannen.
Der Staatsanwalt führte aus:
Der Angeklagte sei in einer verzweifelten Vermögenslage gewesen. Er habe am Johannitermin die Zinsen nicht zahlen können und am Michaelitermin auch nicht. Dazu sei eine Wechselschuld gekommen, die er nicht habe tilgen können. Am Nachmittag des Brandtages nun sei durch die Erzählung des Bauern Riedel die Phantasie Raschdorfs angeregt worden; er habe in einem Brande einen günstigen Ausweg erkannt und diesem Gedanken auch durch außerordentlich belastende Worte Ausdruck verliehen. Sein Hirn sei durch reichlich genossenen Alkohol weiter erhitzt worden, und so sei der Vertreter der Anklage der vollen Überzeugung, der Angeklagte habe das Feuer in der Scheune angelegt, sei darauf in den Pferdestall gegangen, wo er durch ganz unmotiviertes Herumschimpfen sich habe gleichgültig und unverdächtig stellen wollen, und habe sich dann nach der Wohnstube begeben. Im Rausch hätte er es dann nicht verhindern können, zu lachen, als die Magd das Feuer meldete. Welcher Bauer lache wohl, wenn ihm Feuer in seinem Gehöft gemeldet würde? Die Tatsache, daß sich die Vermögenslage des Angeklagten durch den Brand verschlechtert habe, könne entlastend nicht ins Gewicht fallen. Raschdorf habe einen vorläufigen Aufschub, eine Wendung der Dinge gewünscht; die Aussicht, viel bares Geld in die Hand zu bekommen, habe ihn verlockt. Verdächtig erscheine dem Staatsanwalt auch die Aussage des Heinrich Raschdorf. Welches Kind klage sich selbst eines so furchtbaren Verbrechens an, wenn es nicht dazu angeregt, geradezu verführt worden sei? Ein Kind habe Angst vor dem Gericht; es suche sich eher reinzuwaschen als sich zu belasten. Dieser Knabe Heinrich Raschdorf habe entlastend wirken wollen, aber das Gegenteil sei eingetreten. Es sei eine verunglückte Komödie gewesen. Auch den anderen Zwischenfall wolle der Staatsanwalt nicht unerwähnt lassen. Vom Zuhörerraum sei Partei genommen worden für den Angeklagten, und der Hauptbelastungszeuge Schräger sei beleidigt und geradezu selbst beschuldigt worden. Gerade dieser Zeuge sei aber durchaus glaubwürdig. Durch den Brand sei sein eigenes Gehöft, das ganz in der Nachbarschaft liege, höchst gefährdet gewesen; dazu komme, daß Schräger den ganzen Nachmittag in Gesellschaft seiner Gäste in der Wirtsstube gewesen sei bis zum Ausbruch des Brandes. Und dieser Mann, der den Angeklagten von Jugend auf kenne, der sein Freund sei und ihm dutzendmal aus finanziellen Notlagen geholfen habe, der nun bei Verurteilung des Angeklagten und dem daraus resultierenden finanziellen Zusammenbruch wahrscheinlich sein Geld verliere, sei unter dem Druck des Eides doch nicht fähig gewesen, auszusagen, daß er seinem Freund, Nachbar und Schuldner die Tat nicht zutraue. Er, der Staatsanwalt, bitte die Herren Geschworenen, das Schuldig auszusprechen, damit die Bestrafung des Verbrechers erfolge.
Ein Schrei. Heinrich Raschdorf lag mit weit ausgestreckten Armen im Gerichtssaal, mit dem Gesicht auf der Erde.
Der Schaffer hob ihn auf und trug ihn behutsam aus dem Saale. Ihm folgte Frau Anna.
So war Hermann Raschdorf allein. Weder Frau noch Kind hörten die Rede des Verteidigers. Die Ausführungen dieses Mannes bestanden in der Hauptsache darin, daß Hermann Raschdorf, der ein gewisses Maß von Bildung besitze, nie und nimmer ein so plump angelegtes Verbrechen begangen haben könne. Er würde sich, selbst im Rausche, gehütet haben, kurz nachdem er die unvorsichtigen Worte gesprochen, eine Tat zu begehen, deren er mit großer Wahrscheinlichkeit verdächtigt werden mußte. Dazu komme, daß Raschdorf durch den Brand seine Vermögenslage verschlechtert sehe. Er, Verteidiger, sei der Ansicht, daß das Feuer schon angelegt gewesen sei, als Raschdorf noch in der Schenke saß. Um seinen psychologischen Tiefblick könne der Verteidiger den Herrn Staatsanwalt nicht beneiden. Es komme sehr wohl vor, daß ein Mensch, dem ein furchtbares Unglück gemeldet würde, jäh auflache, das sei ein viel intensiverer Ausdruck des Jammers als Tränen; denn so, wie es Freudentränen gibt, so gibt es ein Lachen der Verzweiflung, und das sei bei Hermann Raschdorf wohl vorauszusetzen gewesen, der kurz vor der Meldung des Feuers seinem Sohne Mitteilung von dem drohenden Bankrott gemacht und sich in schwerer Gemütsbewegung befunden habe. Noch mehr tue es aber dem Verteidiger leid, daß der Herr Staatsanwalt die Kindesliebe des kleinen Heinrich Raschdorf, die hier so echt und ergreifend in Erscheinung getreten sei, eine verunglückte Komödie genannt habe. So geschickt spiele auch der befähigtste Knabe nicht Komödie, daß er ohnmächtig zusammenbricht, wenn er von schwerer Strafe hört, zu der er den geliebten Vater schon verurteilt glaubte. Sehr wohl komme es aber vor, daß ein Kind in der Angst seines Herzens sich fälschlich selber anklage, um ein geliebtes Wesen zu retten. Der Idealismus liege eben einer Kindesnatur näher als einem Staatsanwalt. »Meine Herren Geschworenen! Ich erwarte von Ihrem Gerechtigkeitsgefühl aufs bestimmteste, daß Sie diesen Mann nicht ins Zuchthaus schicken werden auf einen bloßen Verdacht hin, dessen Beweis in keiner Weise gelungen ist; daß Sie einem so heldenmütigen Knaben nicht den Vater, einer so kranken Frau nicht den Mann, einem so verwüsteten Besitztum nicht den Retter nehmen werden. Im ganzen aber appelliere ich nicht an Ihr Mitleid, sondern an Ihre Gerechtigkeit und erwarte den Freispruch.«
Die Geschworenen zogen sich zurück. Die Wintersonne schien strahlend in den kahlen Gerichtsraum, Schellengeläute ertönte von draußen, und das Lachen lustiger Menschen schallte von der Straße.
Und hier saß ein Mann, dessen Schicksal in den Händen schwacher Menschen lag.
In der Ferne schlug eine dumpfe Glocke dreimal.
»Drei! Paß auf, a kriegt drei Jahre,« flüsterte erregt die abergläubische Glasen im Zuhörerraum.
»Mir wird schlecht,« sagte die Krämerin und ging hinaus.
Und nun wieder diese schwere Stille. Hin und wieder hörte man leise die Feder des zurückgebliebenen Staatsanwalts kratzen, der gleichmütig Akten las und unterschrieb.
Die Geschworenen kamen zurück. Kein Laut ging durch den weiten Saal. Auch draußen war's still.
»Die Geschworenen haben die Schuldfragen verneint. Hermann Raschdorf ist freigesprochen und alsbald aus der Haft zu entlassen.«
Da begrub der Mann auf der Anklagebank sein Gesicht in beide Hände und weinte wie ein Kind. Eine Qual taute auf, eine furchtbare, lange Qual.
* * * * *
Die große Gaststube des »Gelben Rosses« war überfüllt. Es war nachmittags gegen 4 Uhr. Nur Bauern waren da, die von der Schwurgerichts-Verhandlung kamen und im »Gelben Roß« ihre Pferde und Fuhren untergebracht hatten.
Da herrschte wüstes Stimmengewirr. Die Leute hatten alle rote Gesichter, und auch die Langsamen und Schläfrigen unter ihnen waren aufgeregt und redeten viel oder grunzten wenigstens viel öfter und intensiver als sonst. Die viele innere Hitze brachte reichlichen Alkoholgenuß und der Alkohol wiederum viel innere Hitze zuwege, und die Bestellungszurufe an die Bedienung wie die Prostschreie waren das einzige, was abseits der Affäre Raschdorf gesprochen wurde.
Irgendein Verein zog draußen mit klingender Musik vorbei. Aber nur wenige Weiber traten ans Fenster. Den Männern war das Schauspiel, das sie sonst sicher über die Maßen interessiert hätte, heute gleichgültig.
Ein Bauernbursche kam in die Stube und meldete seinem Herrn, das »Handpferd tue so komisch, es kriege vielleicht die Kolik«. Zu jeder anderen Zeit wäre eine solche Meldung ein Alarmsignal zu allgemeinem Aufbruch nach dem Pferdestall gewesen, wo jeder seine Weisheit und Erfahrung zeigen konnte; heute hatte der Besitzer Mühe, seinen Schwager zu bereden, mit ihm »zum Rechten« zu sehen.
Wie wenn eine Dreschmaschine in einem großen Hofe summt, zischt, poltert, klappert, rasselt, qualmt, -- so war's.
Aber eine Stimme im Bauernhofe gibt's, die selbst den Lärm der Dreschmaschine übertönt, das ist, wenn ein rechter Hahn kräht, und eine Stimme gab's auch in dieser Versammlung, die über all den wüsten Skandal sich erhob, das war die des Barbiers.
»Der Staatsanwalt, der -- der is mei Mann! Der Verteidiger -- äh, das is 'n Jude. Der macht's fürs Geld! Aber der Staatsanwalt, der hat's ihm gegeben! Donnerschlag, der Mann hat was weg!«
Es wurde ein bißchen ruhiger, und der Barbier konnte fortfahren: »Wer soll's denn eigentlich gewesen sein? Is 'n eenziger Bummler an dem Tage im Dorfe gewesen? Was? Habt Ihr einen gesehen? Ich nich! Und einer aus'm Dorfe? In unserm Dorfe gibt's kein'n Anzünder, es wär' denn grade --«
»Du, sag' bloß nischt vom Gastwirt Schräger,« warnte einer.
»Wer spricht 'n vom Schräger? Höchstens der Berger! Und der wird ja wissen, warum a zu Raschdorfen hält!«
Da wurde es noch stiller. Nur einige lachten vor sich hin, und die Glasen versuchte, verschämt auszusehen.
Der Barbier nahm wieder das Wort:
»Ich gönn' keinem was Schlechtes, aber dem Berger, dem is recht. Da hat a doch amal was uff sei großes Maul. Damals, wie a das Schandgedichte uff mich gemacht hat: »Versichert's Leben, der Bader kommt!« -- Ja, da lacht Ihr schon wieder -- wie damals -- wie damals lacht Ihr, aber wen läßt denn der Berger in Ruh'? Keenen! Keen' eenzigen! A bild't sich ein, a is klüger wie a Bauer. So a Lumpenmann, so a Stromer! Jetzt hat a Zeit, Gedichte zu machen, drei Tage lang! Der Staatsanwalt läßt sich nischt vormachen. Jetzt kann a die Gefängnismauer abschmatzen!«
»Der Barbier is a Hauptkerl!« sagte einer voll Anerkennung.
»Na, ich sag' Euch,« fiel dieser geschmeichelt ein, »ich hätt' nich Zeuge sein dürfen, da wär's anders gekommen, ganz anders; ich hätte schon gered't, ich hätt' den Herren schon a Lichtel uffgesteckt. Aber wenn solche Mohhörner dastehn wie der Reichel-Schaffer --«
Alle lachten.
»Vom Sechsundsechzigspiel'n quatscht das Rindvieh, als wenn das dazu gehörte -- 's ganze Gericht hat ja gelacht, wie der sich blamierte. Aber solche Zeugen brauchte der Raschdorf!«
»Na, aber gutt sah der Raschdorf nich aus, wie a so uff der Anklagebanke saß.«
»I ja, da vergeht ein'm 's Dicketun! Früher da konnt' a nischt fein genug haben. Ich durft' ihm die Haare und a Bart nich verschneiden. »Sie schneiden mir Treppen in a Kopp,« sagt a, und da fuhr er in die Stadt und gab 20 Pfennig fürs Haarschneiden. Na, wer's so häufig zum Wegschmeißen hat!«
»'n riesigen Stolz hatt' a, das is wahr,« sagte wieder ein anderer; »wenn nich einer gerade auf der Schulbanke mit ihm gesessen hatte, mit dem machte der nich Brüderschaft.«
»Nee, nee, nee!«
Es entstand wieder allgemeines Gespräch.
Da kam Schräger. Wenn der Pfarrer in die Stube getreten wäre, es wäre nicht halb so still geworden wie jetzt.
Der Gastwirt sah sich verdrossen um und ging an einen Tisch. »'ne Tasse Kaffee und a Paar Wiener!« bestellte er.
»Prosit, Herr Schräger!« schrie der Barbier und näherte sich dem Tisch.
Die andern sahen gespannt zu.
»Prosit! Prosit!« antwortete Schräger kurz. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und hinter einer Dienstmagd, die flüchtig hereinkam, trat Heinrich Raschdorf in die Stube. Niemand sah auf die Magd und den Knaben; alle blickten nach dem Tisch Schrägers. Heinrich blieb erst unschlüssig stehen, dann setzte er sich auf einen Stuhl, der in einem Winkel am Schanksims stand. Die Mutter hatte ihn, als ihm unwohl geworden war, nach dem Gasthause gebracht; aber er hatte sich rasch wieder erholt. Dann war jemand gekommen, der gesagt hatte, der Vater sei freigesprochen, und da war die Mutter gegangen, den Vater zu holen. Er selbst mußte zurückbleiben und wartete hier auf die Eltern.
»Nu, Herr Schräger, Sie sind ja so stille,« sagte der Barbier, »Sie ärgern sich doch nich etwa?«
»Da soll sich einer nich ärgern! Aber ich verklag' den Berger, ich verklag' den Kerl! Das laß' ich mir nich gefall'n!«
»Nu, das könn'n Sie sich ja gar nich gefall'n lassen. Wir haben gerade davon gesprochen. Der Berger hat halt Ursache, daß a zu Raschdorfs hält -- na, Sie wissen ja -- und Sie haben ja glänzend dagestanden, Herr Schräger. Wie Sie der Staatsanwalt rausgestrichen hat, und a hat doch gesagt, Sie sind ganz unverdächtig.«
»Das will ich meinen, daß der's nich gewesen is, der a ganzen Tag in der Stube steckt und sein Geld zusetzt. Oder traut mir das überhaupt jemand zu?«
Schräger stand auf und musterte herausfordernd den Kreis. Ein lebhaftes Protestieren ging los, und ein paar Bauern schüttelten dem Wirt die Hände.
»Wir wissen 's schon, wer 's gewesen ist,« krähte der Barbier; »und wenn ihn 's Gericht zehnmal freispricht, der Raschdorf war's doch. Die stolze Bande --«
»Jeses, der Junge!«
Ein Weib schrie es, und nun sahen alle nach dem dunklen Winkel, aus dem Heinrich Raschdorf hervortrat. Mit glühenden Augen, wie ein gereiztes Raubtier, so stand er da; die weißen Zähne blitzten und bissen knirschend aufeinander; die Fäuste ballten sich -- er bückte sich ein bißchen, sprang an, kletterte an dem langen Bader empor und hieb ihm die Faust ein paarmal derart auf Mund und Nase, daß dem Manne das Blut übers Gesicht rann.
»Ich schlag' Dich tot, Bader, ich schlag' Dich tot!«
Der Bader fluchte, schrie, wehrte sich und machte sich mühsam frei. Er wollte sich auf das Kind stürzen, aber das Blut rann ihm so reichlich und die Augen tränten ihm so stark, daß er hinaus nach dem Hofe mußte.
Die anderen waren starr.
Heinrich Raschdorf stand mitten in der Stube.
»Wer das noch einmal sagt -- das von meinem Vater, den hau' ich gerade so!«
Ein paar Leute brummten oder lachten leise.
»Mein Vater ist freigesprochen -- er ist unschuldig -- das Gericht hat's gesagt, und das müßt Ihr glauben!«
Niemand rührte sich. Heinrich schoß das Wasser in die Augen.
»Ist jemand, der das nicht glaubt, daß mein Vater unschuldig ist?« fragte er hilflos.
Kein Laut in der Stube.
»Aber er gehört doch zu Euch, Ihr müßt es doch glauben!« Das sagte er in bettelndem Tone.
Ein gegnerisches Gemurmel erhob sich. Kein freundlicher Zuruf erfolgte. Da brach Heinrich Raschdorf in bittere, zornige Tränen aus:
»Dann -- dann -- seid Ihr alle -- alle miteinander Schufte!«
Und ehe noch die Männer sich schwerfällig und schimpfend erhoben, den Knaben zu strafen, war Heinrich Raschdorf verschwunden.
* * * * *
Eine stille Straße entlang kam müde ein Mann gegangen, und neben ihm ging eine hustende Frau.
Ihnen trat Heinrich entgegen.
Er blieb vor dem Vater stehen, aber er gab ihm nicht die Hand. Scheu sah er mit seinen Kinderaugen den Vater an.
»Vater, sag' mir, ob Du's gewesen bist?«
Hermann Raschdorf fühlte die Wucht des Augenblicks.
»Nein, Heinrich, ich war's nicht!«
Er sagte es ruhig und fest.
Da atmete der Knabe tief auf, erfaßte die Hand des Vaters und küßte sie.
Bis vor die Stadt gingen die drei und warteten, bis der Schaffer kam und sie in sein Gefährt aufnahm.
Nicht ein Wort wurde gesprochen auf der langen Fahrt. Der frühe Abend war schon angebrochen, als sie zu Hause ankamen. Einen langen, scheuen Blick warf der Buchenbauer hinüber nach den verwüsteten Gebäuden. Da fuhr ein kalter Windstoß über die Trümmer und traf den Buchenbauer ins Gesicht, wie ein eisiges Urteil.
* * * * *
»Der Raschdorf is freigesprochen,« sagte auf dem Heimweg der Barbier. »Aber ich räch' mich an ihm, und der Kanaille, dem Jungen, streich ich's an. Wenn mir bloß nicht immer so leichte die Nase blut'te! Ich hätt'n ermurkst! Aber den Alten bring' ich rein, und wenn a zehn Juden bezahlt. Ich ruh' nich, bis alles raus is und bis a drinne sitzt!«
Und ob der böse Schaumschläger seine lächerliche Drohung auch nicht erfüllen konnte, er tat etwas Schlimmeres. Von Haus zu Haus führte sein Geschäft, und in jedem Hause stahl er den Raschdorfs etwas von der heiligen Erde, auf der wir allein unsere Heimat gründen können -- von dem Herzenslande der Liebe und Sympathie der Gemeindegenossen.
Wer keinen Hof und keinen Fuß breit eigenen Bodens besitzt, kann doch eine Heimat haben, aber wem die Mitbürger ein Plätzchen idealen Baugrundes in ihren Herzen verweigern, der ist heimatlos.
Es war Neujahrstag. Jahre gibt es, in denen die Zeit müde und schläfrig an unserem Herde sitzt und ihre grauen Alltagsfäden spinnt, daß wir nicht merken, wie Frühling und Sommer rinnen und wie wir in der Gleichförmigkeit der Tage älter werden. Aber Jahre gibt es auch, wo die Zeit wirtschaftet und schaltet wie ein veränderungswütiges Weib: zerstört und aufbaut, rückt, schiebt, ändert, neue Blumen an unsere Fenster pflanzt, Leute hinausdrängt und andere hereinruft und uns am Ende ein Heim zeigt, das wir nicht wiedererkennen.
So ein Jahr kam für den Buchenhof.
Am Neujahrstage fing's an. Schräger war in die Stube getreten und hatte von Raschdorf erfahren müssen, daß sich dieser weder die vertrauliche Anrede »Hermann« noch das »Du« weiter von seinem Nachbar gefallen lassen wolle.
»So will ich mich auch nich erst setzen,« sagte Schräger gekränkt; »so will ich bloß kurz und bündig sagen, daß ich die 20000 Mark kündige. Ich werd' dann noch einen Brief schicken, daß es gesetzmäßig ist. Adieu!«
Raschdorf rührte sich nicht und sagte auch kein Wort. Schräger ging langsam zur Tür. Er drehte sich noch einmal um und sah Raschdorf fragend an. Aber der blieb völlig regungslos. Da ging Schräger aus der Stube.
Eine Stunde später brachte ein Knecht die schriftliche Kündigung und gab sie dem Buchenbauer persönlich ab. Unter dem Schreiben standen außer Schrägers Unterschrift noch die Worte: »Ernst Riedel, Gutsbesitzer, als Zeuge.«
Der Buchenbauer war ein anderer geworden, seit er aus dem Gefängnis zurück war. Er sprach selten noch ein Wort, er ging nie in ein Gasthaus, er schimpfte nicht mehr, er klagte auch nicht. Scheu und gedrückt brachte er die Tage dahin. Das Vieh, das bei den Bauern im Dorfe einquartiert gewesen war, hatte er verkauft. Er mochte keine Gefälligkeiten. So war er ein Bauer, der kein Stück Rind und kein Pferd mehr besaß und dessen Scheuern und Ställe in Schutt lagen.
Und am Nachmittag dieses Neujahrstages kam noch ein Bote und brachte einen Kündigungsbrief aus dem Dorfe über 5000 Mark, und außer dem Namen des Gläubigers stand unter dem Schreiben noch ein anderer unterschrieben »als Zeuge«.
Da sah der Buchenbauer mit einem langen Blick hinüber nach dem Kretscham und wußte, wer diesen zweiten Brief veranlaßt hatte.
Am Abend war die Familie zusammen. Sonst waren am Neujahrsabend noch einmal die Christbaumlichter angezündet worden. Dieses Jahr war es vergessen worden, eine Tanne zu schmücken.
So schwermütig tickte die Uhr diese ersten Stunden des neuen Jahres herunter. Ein Brief lag auf dem Tische. Aus einer fernen Stadt wünschte ein Zigarrenkaufmann dem Buchenbauer Glück zum neuen Jahr. Sonst hatte niemand eine Karte geschickt.
Ein paarmal versuchte die kranke Frau, ein Gespräch anzufangen. Raschdorf gab ihr zerstreute, widersinnige Antworten. Er starrte immer blinzelnd in das Lampenlicht, und dann las er die Glückwunschkarte des Kaufmanns -- dutzendmal.
Von den Kündigungen sagte er nichts.
Auch drüben im Gesindehause war es traurig. Hannes lag auf einer Bank und schlief; sein Vater rauchte Tabak und sah zuweilen schweigend auf den Jungen.
Am Ofen saßen zwei junge Mägde und weinten und wisperten leise. Morgen war Ziehtag; sie kamen nach entfernten Orten und hatten hier im Dorfe ihre Schätze. Da lag das neue Jahr und alle Zukunft trübe vor ihren jungen Augen.
Drüben im Buchenkretscham aber war viel Leben, und der Barbier, der sich betrunken hatte, lärmte von Gericht und Staatsanwalt und sagte, der Raschdorf müsse fort aus der Gemeinde.
Am 2. Januar war Ziehtag. Viele große Wagen rumpelten durchs Dorf, die neuen Knechte und Mägde abzuholen. An diesem »Sterztag« ist es Brauch, daß sich die Dienstleute betrinken. Abschied wird getrunken und neue Freundschaft geschlossen; so mancher, der aus dem Dorfe scheidet, will sich Mut holen im Branntwein und fügt zu dem Heimweh, das ihn am anderen Tage packen wird, noch den physischen Jammer.
Der Gastwirt Schräger machte gute Geschäfte. Er verstand es auch, er war ein »gemeenschaftlicher« Mann, klopfte die Mägde vertraulich auf den Rücken und sprach mit jedem Pferdejungen; dabei horchte er und fragte viel, wußte alles und war stolz, so populär zu sein.
Noch einer zog seine Straße -- Mathias Berger, der Lumpenmann. Sein Wägelchen hatte er in einen Schlitten umgewandelt, denn die Wege lagen voll Schnee, und es schneite auch heute sacht.
Bei den beiden Buchenhöfen war er rasch vorbeigefahren. Rechts drüben, wo die Ruinen gähnten, war zu viel, was er liebte, und links drüben, wo das Geschäft blühte, zu viel, was er haßte.
Am 28. Dezember sollte er vor dem Schiedsrichter erscheinen. Er hatte sich schön gehütet. Mochte ihn der Schräger auf dem ordentlichen Gericht verklagen, wenn er die Courage hatte. Und wenn er wieder eingesperrt würde --?
Ah, wegen einer Beleidigung wird man nicht eingesperrt, da zahlt man Strafe. Und Geld hatte Mathias Berger viel -- viel mehr, als die Leute ahnten.
Daß er die drei Tage Haft bekommen hatte, zehrte an ihm. Über das ganze Weihnachtsfest war er zu keinem Menschen gegangen; er war auch jetzt froh, daß er fortziehen konnte.
Er hatte gesessen! Das war ein böses Wort. Er war der einzige gewesen, den infolge des Brandes da unten eine gerichtliche Strafe getroffen hatte.