Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen

Part 4

Chapter 43,848 wordsPublic domain

Und dann schritt der Bauer Raschdorf schweigend an ihnen vorbei, ohne sie anzusehen.

Die Weiber sahen ihm nach und atmeten schwerer; aber sie schwiegen, bis er weit genug war. Dann wollten sie alle gern über ihn reden, aber keine hatte den Mut, anzufangen. Nur zögernd, tropfenweise beginnend, aber immer anwachsend, entstand ihre Rede, wie ein kunstgerecht gezogener Wasserfall.

»O je,« seufzte die Mutigste und Ungeduldigste.

»Den trifft's auch ordentlich,« sagte eine zweite.

»Nu, da!« sagte eine dritte. »Und wenn man bedenkt, wie er doch -- wie er doch eigentlich --«

Pause. Sie mochte nicht vollenden -- die dritte. Aber alle waren gespannt, geladen, übervoll von innerem Rededrange.

Inzwischen stürzte abermals eine Mauer dröhnend zusammen. Eine Schuttwolke, durch die Millionen Funken blitzten, fuhr wirbelnd in die Höhe. Die Weiber waren bei dem Knall zusammengefahren, aber sie vergaßen deshalb nicht, was sie bewegte. Ein paar Sekunden sahen sie nach dem rauchenden Trümmerhaufen, dann kehrte ihr Interesse zu Hermann Raschdorf zurück.

»Na, Gott verzeih' mir die Sünde!« sagte wieder die Erste, Mutigste, Ungeduldigste. »Man soll ja keinem was Schlechtes nachsagen, überhaupt bei so was, aber stolz war der Raschdorf --«

Sie konnte nicht vollenden, der Bann war gebrochen, die Schleuse gezogen, die Fluten dröhnten. Es war ein Chaos. Da kam über den Garten eine häßliche, dürre Frau daher. Sie stellte sich zu ihren Mitschwestern, hörte ihr Lärmen und lächelte fein. Das waren ja alles dumme Gänse gegen das, was _sie_ wußte.

Allmählich brauste der Wasserfall schwächer -- verlief sich. Die Weiber sahen die Neue an. Sie ahnten mit feinem Instinkt, daß sie etwas Besonderes wisse.

»Was haste denn, Glasen?« fragte eine. »Haste was gesehen oder gehört?«

»Sie weiß was!« »Natürlich weiß sie was!« »Na, seht och, wie sie tut!« »Warum will sie's denn nich sagen?« »Wir sagen doch nischt weiter!«

So sprudelte es durcheinander.

Frau Glase blähte sich vor Stolz und Überlegenheit.

»Was ich weiß, weiß niemand,« sagte sie kühl.

Nun brach das Chaos wieder los.

Das wäre doch unrecht, so was nicht zu sagen. Man hätte doch keine Geheimnisse. Es wär' doch nichts dabei. Überhaupt sei das gar nicht recht, erst so zu tun. Weitergesagt würde doch nichts. Es seien doch alle immer sehr freundlich zur Glasen gewesen. Eine habe gar bei ihr Pate gestanden. Und sie seien doch so unter sich. Oder vielleicht wisse sie überhaupt nichts.

Das letzte Argument allein zündete; Frau Glase richtete sich auf. Sie sah die Zweiflerin verächtlich an und wandte sich darauf an die Allgemeinheit.

»Aber daß Ihr nischt weitersagt!«

Über ein Schock Finger fuhren beteuernd nach der Gegend des Schürzenlatzes.

»Ich hab' durchs Fenster gesehen, bloß wegen des Jungen, es tut einem doch leid um so ein Kind, es war ganz durchnäßt --«

»Natürlich tut's einem schrecklich leid. Weiter!«

»Na, also da war erst der Berger allein und dann --«

»Dann? Weiter, Glasen!«

»Dann kam die Frau.«

»Wir haben sie gesehen! Wir haben ja gesehen! Weiter, Glasen! Dann kam die Frau. Und, und was war da?«

Frau Glase machte eine Kunstpause und weidete sich an der Spannung ihrer Mitschwestern. So ein großes und stolzes Gefühl hatte sie noch nie empfunden in ihrem Leben.

»Weiter, Glasen! Erzähl' doch weiter!«

»Um den Hals genommen hat a sie.«

»Um den Hals genommen!« Das wieherten sie.

»Um den Hals genommen und geküßt!«

»Geküßt!«

Das Wort kam von allen zu gleicher Zeit. Dann war es still. Es arbeitete zu sehr in diesen Weibern; sie konnten nicht reden. Schreck, Freude, Sensationslust fuhren wie ein jäher Sturm über ihre flachen Seelen, und der eigene Schlamm rührte sich und warf Blasen.

Allmählich nur beruhigten sie sich. Aber jetzt waren sie stiller. Sie traten dichter zusammen und tuschelten und raunten und taten entrüstet und verbargen ein Lachen und waren alle sehr vergnügt.

Ein Riese nahte der Gruppe; er trug zwei schwere Eimer mit Wasser in den Händen. Schweigend, ohne auch nur hinzusehen, wollte er vorübergehen.

Da drang ein Laut an sein Ohr, der ihn verwirrte. Er machte ein unbeholfenes Gesicht und glaubte, er habe sich getäuscht; aber ein zweites und drittes Wort fing er wider Willen auf. Da wurden ihm die Eimer schwer, und er stellte sie auf die Erde. Noch so ein böses Wort, noch eins. Da reckte sich der Riese.

»Dreckschleudern, sauelendige! Wollt Ihr die Fresse halten! Wollt Ihr wohl gleich die Fresse halten?!«

Und ein Eimer eiskalten Wassers ergoß sich über die Köpfe der Weiber, ihm folgte blitzschnell der zweite.

Kreischen, Gellen, eilige Flucht, Lachen oder auch zornige Zurufe der Männer, und August Reichel, der Schaffer, stand allein und zitterte zum erstenmal in seinem Leben.

Eine Weile stand er ganz stumm und dumm da. Hilflos blickte er in die leeren Eimer. Es war richtig, er hatte sie ausgegossen und eine laute, lange Rede dazu gehalten. Es wunderte ihn, daß er etwas gesagt hatte. Das Ausgießen fand er ohne weiteres in Ordnung. Einem Manne, der lachend herankam und fragte, was denn der Schaffer mit den Weibern habe, gab er keine Antwort. Er ergriff nur seine Eimer und ging verdrossen nach dem Bache zurück, von wo er gekommen war.

Es soll wenig so peinliche Dinge auf der Welt geben, als wenn jemand, der gerade mit Lust und Begeisterung schimpft, unvermutet mit Wasser begossen wird. Bei irgendeinem Heidenvolke hatte einmal der Gott der Gerechtigkeit den Einfall, das unverhoffte Wasserbad vom Himmel aus für alle schimpfenden und verleumdenden Menschen einzuführen; aber der Gott der Weisheit widerriet ihm und sagte, da käme die Welt aus der Sündflut nicht mehr heraus.

Ein Teil der Weiber schlich still nach Hause. Das waren jene, die nicht bloß froren, sondern sich auch schämten, denn es waren auch viele gutmütige dabei. Die anderen liefen zu ihren Männern und schimpften mehr als zuvor, und die Männer nahmen sich der durchnäßten Ehefrauen an und schimpften mit.

So hatte August Reichel, der dumme, gute Riese, mit seinen zwei Eimern Wasser nichts gelöscht, er hatte nur Öl in ein böses Feuer geschüttet.

Die Aufgeregten zogen sich ein wenig zurück und standen beratend beieinander.

Und es kam einer heran, der bisher mit offenem Munde und blöden, glänzenden Augen ganz dicht am Feuer gestanden hatte -- Gustav Schräger, der idiotische Sohn des Gastwirts. Immer nach drei Schritten blieb er stehen und starrte in die lodernde Glut. Und dann reckte er die Hände in die Luft, als wolle er die Flammen aneifern, immer höher empor zu schlagen.

»O je, es wird kleiner! Es ist nicht groß! Uff! Uff! Hu! Brr! Aah!«

Die Weiber deuteten auf den Idioten und lachten. Dann riefen sie ihn an. Er kam langsam näher, grinste und sagte ganz unvermittelt:

»Der Herr Raschdorf hat's angezündet!«

Die Gesellschaft schrak bei diesem Wort zusammen.

»Gustav, wirste still sein! Das sagt man doch nich! Aber Gustav!«

Der Idiot schnitt eine Grimasse.

»Ich weiß es! Er hat's angezündet! O! Ah! Dort, das is fein! Hoch! Hoch! Brr!«

Er wollte wieder zum Feuer zurück, aber ein Weib hielt ihn am Arm fest.

»Wie kannste denn so was sagen, Gustav? Das darfste doch nich.«

Er sah sie grinsend an.

»Es is schön! Und es wird noch ein Mann verbrennen! Paß auf! Und sie werden ihn tragen! Siehst Du! Siehst Du! Dort! Ooh -- oooh!«

Er wollte sich losreißen, aber das Weib hielt ihn fest.

»Gustav, Du mußt's uns sagen. Wie kannste denn sagen: der Herr Raschdorf hat's angezündet? Du wirst ja eingesperrt, wenn das rauskommt.«

Der Idiot sah sie an und zog ein weinerliches Gesicht.

»Ich laß mich nich einsperren! Ich will nich! Ich will zum Feuer! Ich sag's meinem Vater! Laß mich doch los! Du zwickst mich in meinen Arm!«

»Aber woher weißte denn das vom Herrn Raschdorf, Gustav?«

»Er will mich rausschmeißen! Gar nischt zu sagen! Es war kalt! Es war so kalt!«

»Aber a hat doch nich angezündet?«

»A hat's gesagt. A hat gesagt, a zünd't an. Laß mich los! A hat's gesagt! Und ich soll raus -- raus -- Du zwickst mich so -- alte Gans!«

Der Idiot brach in Heulen aus. Vergebens versuchten die Weiber ihn zu beruhigen. Er riß sich los und lief nach Hause.

Der Gastwirt Julius Schräger kam keuchend heran.

»Was habt Ihr mit dem Jungen? Was habt Ihr mit dem unglücklichen Kinde?«

Er war in riesiger Erregung. Ein Mann trat vor.

»Herr Schräger, wir haben ihm bloß gutt zugered't, weil a -- weil a was gesagt hat --«

»Was hat a gesagt? Was hat a gesagt?«

Sie schwiegen.

»Was a gesagt hat, will ich wissen! Was Ihr mit mein'm Jungen habt, will ich wissen!«

Ein Mann faßte Mut. »Nu, ich sag's halt! Ich sag's ja bloß nach. Mir kann keiner was anhaben.«

»Was a gesagt hat, will ich wissen!«

Schräger wurde feuerrot. Da trat der Mann an ihn heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Die anderen waren totenstill.

»Das is Unsinn! Das sagt halt der dumme Junge so. Das hat a vielleicht nich richtig verstanden. Gesagt hat der Raschdorf was; aber das war gewiß nich so gemeint.«

Schräger ging seinem Sohne nach, und die Menge blieb erregt in flüsternder Unterhaltung zurück. Das Feuer ließ langsam nach, aber die Unglückswolke stand über dem Buchenhof schwärzer als zuvor.

* * * * *

Ein grauer Herbstmorgen kam. Die Spritzen und alle die neugierigen Zuschauer waren fort. Mathias Berger und August Reichel trugen aus dem Garten die letzte Truhe ins Wohnhaus. Als sie den schweren Kasten aufheben, sah Berger, daß ein umgebrochenes, hölzernes Kreuzlein darunter lag; darauf stand zu lesen: »Hier ruht unser liebes Hühnchen.«

Von der Herrschaft war nichts zu sehen. Die Frau lag schwerkrank zu Bett, und der Herr hatte sich in eine Stube eingeschlossen. Auf einem Sofa in feuchten Kleidern lag Magdalene Raschdorf und schlief. Sie hatte rote Wangen und lachte im Traum. Zwei Schritte davon entfernt hatte sich Hannes auf die bloße Diele gebettet und lag regungslos wie ein Toter.

Heinrich stand draußen mitten im Schutt. Ein Mädchen näherte sich ihm und sah ihn mit großen Träumeraugen lange an.

»Heinrich!«

»Du -- ach Du bist's, Schräger-Lotte!«

Sie kam näher und sah ihm mit tiefer Teilnahme ins Gesicht. Er schlug die Augen nieder und preßte die Lippen fest aneinander. Er wollte sich beherrschen. Da faßte sie ihn am Arm und lehnte den blonden Mädchenkopf an seine Schulter.

»Es tut mir leid um Euch, Heinrich! Ich hab' die ganze Nacht geweint. Deine Mutter war bei uns und hat auch so geweint.« Sie schluchzte.

Da hielt er sich nicht länger, ein krampfhafter, dumpfer Schrei kam ihm vom Munde.

»Lotte! Jetzt -- jetzt wissen wir nicht mehr, wohin.«

Und er weinte bitterlich.

»Heinrich -- lieber Heinrich!«

Es lag ein guter, tröstender Klang in dieser Stimme.

Nach einer Weile beruhigte er sich. Er nahm Lotte an der Hand und zog sie mit sich bis zu dem umgestürzten Karren, auf dem in der Nacht sein Vater gesessen hatte. Dort setzten sich die beiden Kinder nieder und schmiegten sich dicht aneinander.

Mit seltsamer Stimme sagte Heinrich: »Gestern, als ich dort oben fuhr, dort oben auf der Straße, und unseren Hof sah, da war ich so stolz und wollte ihn gern allen Bekannten in Breslau zeigen und sagen: »Seht Ihr, das ist unser.« Und nachher sagte mein Vater, wir seien bankerott, und in der Nacht brannten wir ab.«

Er fröstelte in sich zusammen, und das Mädchen rückte ihm noch näher. Mit flüsternder Stimme sagte sie: »Sei nur still, Heinrich! Der Vater sagt, ich erb' einmal unser Haus und unsere Felder. Nachher schenk' ich Dir alles.«

Der Knabe rührte sich nicht. Aber es ging warm durch den jungen Körper. Langsam wandte er den Kopf und sah Lotte an, die mit großen, schönen Augen tröstend zu ihm aufschaute. Und da beugte er sich zu ihr und küßte sie feierlich auf den Mund.

»Wenn ich groß bin, werd' ich Dich heiraten, Lotte.«

Das sagte er fest und bestimmt.

Das Mädchen lächelte glücklich. »Aber den schönen Fingerring hast Du der Liese geschenkt.«

»Das war nur, weil ich mich vor dem Hannes und dem Mathias schämte. Ich wollte ihn eigentlich für Dich.«

Dann saßen sie schweigend. Ringsum war trüber Herbst, und der Wind fuhr über die Ruinen und spielte mit Schutt und Staub.

Da sah das Mädchen nach dem Dorfwege.

»Du, Heinrich, da kommt Dein Großvater!«

»Ja, er ist's,« sagte der Knabe. »Der hat Feuer läuten müssen in der Nacht. Denk' mal, Lotte, was das ist, in der Nacht über den Kirchhof gehen und auf den finstern Turm klettern. Und dann hat er mit seinen alten Augen vom Turme auf das Feuer gesehen und gewiß an meine Mutter gedacht.«

Das Mädchen legte die Hand prüfend über die Augen. Auch der Knabe sah wieder scharf nach dem Wege.

»Sieh mal, Lotte, der Großvater kommt so schnell, und sonst kriegt er doch so schwer Atem -- und da hinten, wer kommt da?«

»Das ist der Wachtmeister, Heinrich!«

»Der Wachtmeister? Was will der?«

»Was will der?« wiederholte das Mädchen unschlüssig.

Heinrich erhob sich erregt. »Ich will hinein, ich muß wissen, was das bedeutet. Geh' auch heim, Lotte, es steht so eine finstere Wolke über uns, und es fängt an zu regnen!«

Das Verhör des Angeklagten war beendet. Hermann Raschdorf hatte die Schuld, die ihm zugemessen wurde, nicht eingestanden. Der Zuhörerraum war überfüllt. Wer aus dem Dorfe hatte abkommen können, war zur Verhandlung gefahren.

»A sieht riesig schlecht aus,« flüsterte der Schmied dem Krämer zu.

»Na, das is aber och,« sagte der. »Das nimmt einen schon mit. Überhaupt so eenen wie den! Na, seh och, was a für graue Haare gekriegt hat.«

»Nich a eenzigesmal sieht a sich um,« sagte die Glasen. »A schamt sich halt zu sehr!«

»Da soll sich eener och nich --«

»Ruhe im Zuhörerraum!«

Der Gastwirt Julius Schräger wurde aufgerufen. Mit glühend rotem Gesicht trat er vor den grünen Tisch. Nicht einen Blick sandte er nach dem Angeklagten, der seinen Nachbar mit verängstigten Augen betrachtete.

»Ich mache Sie auf die Heiligkeit und Wichtigkeit des Eides aufmerksam! Sprechen Sie mir nach!«

»Ich schwöre, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde! So wahr mir Gott helfe!«

Die Personalien des Zeugen wurden festgestellt, und dann wurde Schräger aufgefordert, alles zu sagen, was er etwa über die Entstehung des Brandes wisse.

In unbeholfener Rede begann er. Er erzählte, daß Raschdorf am Nachmittag des Brandtages bei ihm gewesen sei, daß sie zuerst über die mißliche Vermögenslage des Angeklagten gesprochen hätten; dann sei der Riedel-Bauer gekommen und hätte von einem Feuer in der Nachbarschaft erzählt. Und da hätte der Raschdorf gesagt, so schlimm sei das Abbrennen gar nicht, weil doch die Versicherung zahle und weil alle Leute einem Abgebrannten helfen.

»Was haben Sie zu solchen Redensarten gesagt?«

»Ich hab' gesagt, er solle sich nich versündigen!«

»Jawohl, das war auch das einzig Richtige, was Sie sagen konnten. Erzählen Sie weiter!«

Ja, weiter wisse er nicht viel. Der Riedel hätte gesagt, die Gebäude des Raschdorf seien doch sehr gut; aber da hätte der Raschdorf entgegnet, der Stall tauge nichts und die Dächer seien schadhaft; es gäb' überhaupt immer Flickereien. Der Raschdorf sei etwas betrunken gewesen. Um sieben Uhr sei er fortgegangen, und um halb acht Uhr sei eine Magd vom Buchenhof gekommen und habe das Feuer gemeldet.

»Sie haben mit dem Angeklagten in Geldgeschäften gestanden?«

»Ja, ich hab' ihm manchmal borgen müssen.«

»Zuletzt hat der Angeklagte einen großen Verlust durch Aktienkauf gehabt. Es heißt, Sie hätten ihm zu diesem Geschäft dringend geraten. Wie steht das?«

Schräger wurde verlegen. Er erzählte, vor Jahren sei ein Fabrikunternehmen als Aktiengesellschaft gegründet worden. Da hätte er dem Raschdorf geraten, sich zu beteiligen. Der Raschdorf hätte das auch getan.

»Aber er hat damals eine Hypothek aufnehmen müssen, um die Aktien zeichnen zu können?«

»Ja, aber damals hat der Raschdorf noch sehr gut dagestanden.«

»Es war ein gewagter Rat von Ihnen! Aber Sie meinten wohl, die Sache sei sicher und werde rentabel werden?«

»Ja -- ja, das meint' ich!«

»Das is nich wahr! Das is a Schwindel!«

»Ruhe im Zuhörerraum! Wenn das noch einmal vorkommt, laß ich den Störenfried sofort hier vorführen!«

Die Dorfleute duckten sich zusammen und rückten ein wenig von Mathias weg, der zitternd an der Barriere stand und die Worte gerufen hatte.

»Wissen Sie, Herr Schräger, wer der Brandstifter gewesen ist?«

»Nein!«

Der Verteidiger erhob sich.

»Eine Frage! Herr Schräger, Sie sind ein Freund und Nachbar des Angeklagten gewesen. Sie kennen ihn genau von Jugend auf. Halten Sie ihn der Brandstiftung für fähig?«

Schräger wurde sehr unruhig. »Ich -- ich weiß es nich genau. Aber ich denke -- a wird's wohl gewest sein!«

»Das is nich wahr! Das is 'ne Gemeinheit! Der Raschdorf war's nich! Eher war's der Schräger schon selber!«

Der Präsident fuhr empört in die Höhe.

»Gerichtsdiener! Der Mann dort an der Barriere, der das gerufen hat, ist sofort hier vorzuführen!«

Ein Gerichtsdiener kam in den Zuhörerraum, und Mathias Berger wurde dem Richter vorgeführt. Die Dorfleute wagten kaum noch zu atmen.

Die Personalien Bergers wurden festgestellt.

»Wie können Sie sich erdreisten, hier wiederholt die Verhandlung zu stören?«

»Ich -- ich halt' mich nicht, wenn ich seh', wie der -- der -- der Lump da falsch aussagt!«

»Ich werd' ihn verklagen!« sagte Schräger krebsrot vor Wut.

»Das ist Ihr Recht, Zeuge!«

Der Staatsanwalt erhob sich.

»Ich beantrage gegen Mathias Berger wegen groben Unfugs vor Gericht drei Tage sogleich zu vollstreckender Haft!«

So wurde erkannt und Berger abgeführt.

Draußen auf dem langen Gerichtskorridor lehnte in einer Fensternische Heinrich Raschdorf. Mathias Berger, den der Gerichtsdiener sacht am Arme hatte, ging an ihm vorüber und sah ihn mit einem wehen Blicke an.

»Mathias -- Mathias, was ist --?«

»Heinrich, Dein Vater ist verloren!«

»Mathias, ich will -- ich -- ich --«

Er klammerte sich verzweifelnd an den Lumpenmann.

»Geh weg, mein Junge, laß los!«

Er ließ nicht los, da schob ihn der Gerichtsdiener energisch zur Seite.

Der Knabe sah den beiden nach, die in dem langen Korridor verschwanden. Dann trat er ans Fenster und starrte hinab in den kahlen Gerichtshof.

Drinnen im Gerichtssaal wurde eine Magd verhört.

Sie habe im Kuhstall zu tun gehabt, aber dann habe sie einen Futterkorb aus der Scheune holen wollen, und da habe sie gesehen, daß es brenne. Da sei sie nach der Wohnstube gelaufen.

»Was hat der Angeklagte gesagt, als Sie ihm die Meldung machten?«

Die Magd schwieg.

»Was Ihr Herr gesagt hat, als Sie ihm sagten, daß es brenne, frage ich.«

»A -- -- a hat gesagt: »Es -- es brennt!« Und dann hat a -- hat a -- gelacht!«

Eine Bewegung ging durch den ganzen Gerichtssaal, und der Angeklagte zuckte zusammen.

Dann ein Knecht. Er sagte aus, der Herr sei in den Pferdestall zu ihm gekommen und sehr lange dagewesen. Er hätte über alles mögliche geschimpft, und dann sei er gegangen. Wohin, das wisse der Zeuge nicht.

»Heinrich Raschdorf!«

Kein Atemzug war hörbar im weiten Gerichtssaal. Der Angeklagte nur fuhr herum und wandte sein erdfahles Gesicht der Tür zu.

Gesenkten Kopfes, mit blutleerem Angesicht trat Heinrich Raschdorf in den Gerichtssaal. Ein einziges Mal irrten seine dunklen Augen im Kreise. Als er den Vater sah, öffnete sich ihm der Mund, das Gesicht verzog sich, und er blieb stehen. Aber dann senkte er die Augen und trat vor den Richter.

Der betrachtete den bildschönen Knaben, und durch die kalten, forschenden Juristenaugen zuckte ein warmer Strahl.

»Mein Kind! Du bist als Zeuge vorgeladen. Der Angeklagte ist Dein Vater. Du darfst das Zeugnis verweigern. Dann kannst Du bald wieder gehen!«

Der Knabe hob die Augen und sah den Richter ängstlich an.

»Ich -- ich will alles -- alles sagen. Ich -- ich habe -- habe selber angezündet!«

Ein paar Schreie tönten aus dem Zuhörerraum, und der Präsident vergaß den Ordnungsruf.

»Du hast angezündet?«

»Ja! -- Ich -- ich hab' Zigaretten -- Zigaretten rauchen wollen -- in der Scheune -- und da -- da --«

Der Angeklagte erhob die Hand.

»Heinrich! Heinrich, ist das wahr?«

Heinrich Raschdorf sah ihn nicht an und sagte:

»Es ist wahr!«

»Junge, wie kannst Du das so sagen? Du wirst ja sofort eingesperrt, wenn das wahr ist. Bedenke doch das!« mahnte der Richter.

»Es ist wahr!« wiederholte Heinrich.

Daran wurde er blaß und fing an so heftig zu zittern, daß ihm der Richter gebot, sich einstweilen zu setzen, bis er sich erholt habe.

Die Verhandlung nahm ihren Fortgang.

»August Reichel!«

Der Riese tappte schwer in den Saal. Die Eidesformel murmelte er so leise, daß ihn der Präsident ermahnen mußte, vernehmbar zu sprechen.

Mit unbeholfenem, ängstlichem Gesicht stand er vor dem Gericht. Er sollte erzählen, aber er knurrte nur, brummte unverständliches Zeug und brachte keinen Satz heraus. Da verlegte sich der Richter aufs Abfragen.

»Waren Sie zur Zeit der Tat im Hofe oder in den Wirtschaftsgebäuden?«

Reichel starrte den Richter an und schwieg.

»Ich frage, ob Sie an dem betreffenden Tage abends in der Zeit von 7 bis ½8 Uhr sich im Hofe, im Stalle oder in der Scheune aufgehalten haben?«

Der Schaffer schüttelte den Kopf.

»Nee!«

»Wo waren Sie in dieser Zeit?«

Reichel besann sich und sagte dann langsam:

»Derheeme!«

»Was heißt »derheeme?« Sie meinen, Sie waren zu Hause in Ihrer Stube?«

Reichel nickte.

»Wer war bei Ihnen?«

»Der Hannes und der Heinrich!«

»Was haben die Knaben bei Ihnen gemacht?«

»Sechsundsechzig!«

»Was?«

»Sechsundsechzig! Ich bring's ihn' bei!«

Ein paar Geschworene grinsten.

»Also die Knaben haben Karten gespielt? Wie lange?«

»Bis um halb achte!«

»Wieso gerade bis ½8 Uhr?«

»Wie's halb schlug, nahm ich die Karten weg.«

»So! Und dann ist Heinrich Raschdorf fortgegangen? Allein?«

»Nee, mit Hannes!«

»Wissen Sie etwas über die Entstehung des Brandes?«

Reichel schüttelte den Kopf.

»Aber der Herr is 's nich gewesen!« sagte er.

»Wieso ist er's nicht gewesen?«

Reichel zuckte die Schultern.

»Wissen Sie etwas, was dafür spricht, daß Ihr Herr unschuldig ist?«

Reichel nickte bedeutsam.

»Ich sprech's!«

Der Richter fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

»Ich meine, Reichel, das ist doch nur Ihre Ansicht! Haben Sie irgendeinen Beweis dafür?«

»A tutt's nich! A tutt's nich!«

»Setzen Sie sich!«

Der Schaffer setzte sich auf die schmale Zeugenbank und streckte die mächtigen Beine weit in den Saal. Er machte ein finsteres Gesicht, denn das viele Reden hatte ihn verdrossen. --

»Johannes Reichel!«

Hannes wurde halb zwangsweise in ganz jämmerlicher Verfassung herbeitransportiert. Er zappelte an Händen und Beinen und heulte zum Steinerweichen. Der Richter redete ihm gut zu, aber davon wurde das Geheul ärger. Da brüllte ihn der Beamte riesig an, und das half.

Der Richter stellte zunächst fest, daß Hannes mit seinem Vater und Heinrich zusammen gewesen sei.

»Was habt Ihr gemacht?« fragte der Richter in seiner wohlwollenden, aber etwas kurzen Weise.

Über diese Frage erschrak der gute Hannes mächtig. Er fing an zu heulen, hob die Hände bittend auf und schluchzte: »Sechsundsechzig gespielt -- aber ich werd's ja nich mehr machen -- ich werd's ja nich mehr machen -- bloß nich einsperr'n -- och -- och je -- och je --«

»Sei mal ruhig, Junge! Ob Ihr Karten gespielt habt, ist mir egal. Da passiert Dir nichts. Erzähl' mal, wie der Heinrich Raschdorf nach Hause gegangen ist. Aber nun sag' die Wahrheit! Wehe Dir, wenn Du lügst. Also wie war das?«

Hannes erzählte, er sei mit Heinrich sofort hinüber nach der Wohnstube gegangen.

»Sag' mal, mein Junge, Karten gespielt habt Ihr also; habt Ihr nicht auch geraucht?«

»Nee, geraucht haben wir nich -- gar nich geraucht -- gar nich a kleenes bissel --«

»Johannes, lüge nicht! Ihr habt geraucht?«

»A eenziges Mal haben wir Zigaretten geraucht, aber das war im Sommer auf'm Felde -- der Heinrich zwei und ich eine -- aber da wurd' uns so schlecht --«

»Ob Ihr an dem Tage geraucht habt, wie's bei Euch brannte?«

»Nee, da nich, da hatten wir ja gar keene Zigaretten. Wahrhaftig nich!«