Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen
Part 3
Knarrend fuhr der Wagen die Straße weiter. Der Knabe saß ganz still. Ein Kartoffelfeld tauchte auf. Eine Anzahl arbeitender Menschen waren da beschäftigt und wühlten geschäftig in der schwarzen Erde nach den weißen, duftenden Knollen. August Reichel, der Schaffer, überwachte das Ganze wie ein schweigender König. Aber allen nahm er die schweren, gefüllten Körbe ab und schüttete deren Inhalt auf einen riesigen Wagen.
Da trennte sich ein junger Bursche vom Arbeitstroß, rannte ein Stückchen, fiel über einen Kartoffelsack, stand wieder auf, stolperte noch einmal über eine Furche, riß dann die Mütze vom Kopfe, schlug in einem ganz närrischen Tempo Räder damit in die Luft, sprang über den Straßengraben, trat an den Wagen und sagte keuchend:
»Na, Heinrich, das is aber fein, daß De kommst!«
»Guten Tag, Hannes! Du hast ja so kalte Hände.«
»Na, klaub' mal Kartoffeln, wenn der Boden so kalt is! Du kannst froh sein, daß De immer Quartaner sein und in der Stube sitzen kannst.«
»Hannes, Du mußt mitkommen!«
Heinrich rief hinüber nach dem Felde: »He! -- Reichel! -- Schaffer! -- Darf der Hannes mit mir fahren?«
Der Riese verfiel in Nachdenken, schüttelte erst heftig den Kopf, dachte aber weiter nach, zuckte dann unschlüssig die Achseln, machte noch eine bedenkliche Pause, nickte darauf kurz und wandte sich ab.
»Das wußt' ich schon,« sagte Hannes und kletterte auf den Wagen. »Ich sag' Dir, a hätte sich geärgert, wenn ich nich mitgefahren wär', und ich och. Los, Friedrich! Nu komm'n wir vom Gymnasium! Haste vielleicht Zigaretten, Heinrich? Hier sieht's keen Mensch!«
Auch der einsame Jäger ging heim. Er hatte kein Glück. Seine Jagdtasche blieb leer.
Glück! Raschdorf lachte. Er und Glück haben! Das gab's lange nicht mehr für ihn.
Müde lehnte er sich auf sein Gewehr und sah düsteren Blickes über die kahlen, toten Felder und nach den Wolken, die schwer über die bunten Berge herabsanken. So trübselig hüllten sie die schimmernde Herrlichkeit ein, wie man dunkle Decken und Schleier zieht über goldene Wände zur Zeit der Trauer. Nach Minuten erst merkte der Einsame, daß er in Gefahr sei, denn die Hähne des Gewehrs, gegen dessen Lauf er sich lehnte, waren gespannt.
Ein herbes Zucken ging über das Gesicht des Mannes, dann riß er das Gewehr herauf und feuerte beide Schüsse in die Luft. Er schloß die Augen bei dem dumpfen Knall, dann ging er weiter.
Und wie so häufig in letzter Zeit, ging er zum Schräger. Er traf den Wirt allein, denn es war noch am zeitigen Nachmittag.
»Nu, kommste mit a Zinsen, Hermann?« fragte Schräger freundlich.
»Haste es so eilig mit a Zinsen? Ich dächte, Du brauchst 's nich so nötig.«
»Nu je, sein Geld braucht jeder; jeder, Hermann! Ich och!«
Raschdorf setzte sich schwerfällig hinter einen Tisch.
»Schneid' mir's aus der Haut! Ich hab's nich! Hexen kann's keiner!«
Der Wirt wandte ihm verdrießlich den Rücken und sah mürrisch zum Fenster hinaus. Draußen rumpelte eine Rübenfuhre langsam vorbei. Dann wurde es still. Keiner der Männer sprach.
Da öffnete sich die Tür, und ein etwa siebzehnjähriger Junge trat herein, ein starker Bursche von auffallend idiotischem Gesichtsausdruck. Das war der einzige Sohn Schrägers.
»Hu, hu,« sagte er und rieb sich die Hände. »Is aber kalt heute! Mag ich nich auf dem Felde sein -- mag ich nich -- mag ich gar nich a bissel. -- Schön tumm! -- Schön tumm! -- Schön tumm!«
»Du sollst machen, daß Du wieder rauskommst, Du Faulpelz!« sagte Schräger.
Aber der Sohn lachte ihn aus.
»Selber Faulpelz! Och, es is kalt draußen. Und hier is warm! Hier is viel schöner! Schön tumm! -- Schön tumm!«
Er fing an zu pfeifen und hüpfte auf einem Bein die Stube entlang, wobei er sich immer abwechselnd Ohren und Nase rieb. Dann setzte er sich hinter einen Tisch und dröselte stumpf vor sich hin. Schräger beachtete ihn nicht mehr. Er wandte sich wieder an Raschdorf.
»Sieh mal, Hermann, Ordnung muß nu mal sein. In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf. Das is nu mal so! Zum Wegschenken hat ja keiner was.«
Raschdorf fuhr auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Wegschenken? Wer spricht denn vom Wegschenken? Mir braucht keiner was zu schenken, und Du zu allerletzt. Das hab' ich noch nicht nötig!«
Schräger zuckte die Achseln.
»Immer gleich beleidigt! Immer der große Herr, der sich nischt sagen läßt. Siehste, Hermann, das is Dein Fehler. Du hast Dir's nach und nach mit allen Bauern verdorben. Wenn Du mehr Freunde hättest --«
»Ach, halt's Maul, laß mich in Frieden mit den Schafköppen!«
»Ihihihi -- Schafköppen, Schafköppen, Schafköppen!« lachte der Idiot.
»Du sollst machen, daß Du rauskommst, Gustav!«
Der Junge rührte sich nicht vom Platze.
»Ne,« grinste er. »Es is kalt! Schön tumm!«
Raschdorf nahm wieder das Wort.
»Würde mir einer von den'n helfen? Was? Keiner! Sie würden sich hüten. Sie borgen mir nicht einen Taler.«
»Das macht bloß der Schräger,« sagte der Wirt bitter. »Der is der Schafkopp.«
Da wurde das Gesicht des Buchenbauern dunkelrot, und er fuhr jähzornig auf:
»Du -- Schräger -- ich -- ich -- geb' Dir 'ne Backpfeife!«
»Gib ihm eine, gib ihm eine!« schrie der Idiot mit Begeisterung.
Der dicke Leib des Wirtes zappelte vor Erregung. »So? -- Soso? Backpfeifen -- Backpfeifen bietet mir der gnädige Herr an? So? Backpfeifen für alles, was ich ihm schon zu Gefallen getan hab'? Is gutt, Herr Raschdorf! Wenn ich bis morgen meine Zinsen hab' und zum nächsten Quartal meine 20000 Mark, da -- da kann der gnädige Herr backpfeifen, wen a will.«
Es wurde still. Nur eine Zeitung knisterte, die der Idiot mit den Händen bearbeitete. Schräger trat wieder ans Fenster und sah hinaus. Langsam erhob sich Raschdorf und griff nach seinem Gewehr. Und so trat er neben den Wirt.
»Julius,« sagte er langsam und schwer, »ich werd' versuchen, daß Du zu Deinem Gelde kommst. Was ich heute rede, weiß ich nich. Mir summt alles im Koppe, und manchmal -- da -- da wird mir ganz trübe. Siehst Du, vorhin, draußen auf 'm Felde, da hab' ich so auf der Büchse gelehnt -- so --«
»Sie is doch nich geladen?« kreischte der Wirt und trat ein paar Schritte zurück.
Raschdorf lächelte. »Vorhin war sie geladen -- jetzt nich!«
Schräger betrachtete ihn mit unruhigen Augen.
»Du mußt doch nich -- Du mußt doch nich, Hermann, hier in der Stube -- leg' mal die Flinte weg und setz' Dich wieder! Wir wollen miteinander reden.«
Der andere folgte mechanisch.
»Wieviel haste denn übrig, Hermann?« fragte der Wirt.
»Übrig?« Raschdorf lachte. »Übrig is sehr gut! Ich häng' noch von Johanni her, und dann in fünf Tagen is 'n Wechsel fällig über 500 Mark. Ich -- ich weiß mir keinen Rat mehr. Es gelingt mir nischt mehr, es geht nich mehr, alles geht krachen, Geld kommt nich ein -- es is zum Verrücktwerden!«
»Aber Du hast doch noch das ganze Getreide in den Scheunen. Warum läßte denn nich ausdreschen?«
»Eins -- zwei, links -- rechts, eins -- zwei, links -- rechts!« Der Idiot hatte sich einen Helm aus Papier gemacht und marschierte durch die Stube.
»Mach' doch, daß Du rauskommst, Gustav,« fuhr ihn nun Raschdorf an. »Man kann ja kein vernünftiges Wort reden, Du alberner Bengel!«
Gustav schnitt ihm eine Grimasse. »Schön tumm! Gar nischt zu sagen! Es is kalt draußen. Eins -- zwei, rechts -- links!« Dann hielt er plötzlich inne, drohte dem Bauern mit der Faust und schrie:
»Gar nischt zu sagen! Gar nischt rauszuschmeißen! Hu je, es is so kalt, es is so sehr kalt!«
Er heulte laut auf. Sein Vater sagte freundlich zu ihm: »Setz' Dich still in den Winkel, Gustav! Du kannst hierbleiben!«
Er war tief verstimmt. Er selbst schrie seine Kinder manchmal an, aber von fremden Leuten ließ er ihnen nicht zu nahe treten. Der Idiot setzte sich hinter einen Tisch und heulte stumpf eine Weile vor sich hin. Von Zeit zu Zeit warf er einen grimmen Blick nach den Männern und drohte mit der Faust. Dann nahm er den Papierhelm vom Kopfe und entfaltete das Zeitungsblatt. Er fand ein Bild darin, das ihn offenbar sehr interessierte, denn er stierte es unausgesetzt an, lachte, grunzte zuweilen vergnügt und schnitt Gesichter dazu.
Ein Bauer aus dem Dorfe trat in die Stube.
»Guten Tag, Schräger! 'n Korn! Tag, Raschdorf!«
»Guten Tag, Riedel!«
»Na, wie geht's?«
Raschdorf lachte.
»Gutt geht's! Famos geht's! Wie soll's gehen?«
Der Bauer nickte.
»Na ja, wie soll's dem reichen Raschdorf gehn? Dem muß 's gutt gehn! Habt Ihr's schon gehört? Beim Huhndorf sein'm Schwager hat's letzte Nacht gebrannt. Die Scheune und die Stallung is abgebrannt.«
»Ach, da is das dort gewesen?« sagte der Wirt. »Die Röte haben wir ja gesehen; 's muß a riesiges Feuer gewesen sein. Nu, wie is denn das zugegangen?«
Riedel zuckte die Achseln und lächelte vielsagend.
»Ja, wer weiß! Wenn einer gut versichert is, und die Gebäude taugen nich mehr viel, da is ja das Abbrennen gar keen so großes Unglück nich.«
Raschdorf lachte grimmig.
»Da haste recht! Man möchte selber wünschen, daß's amal brennte!«
»Versündigt Euch nur nicht!« sagte Schräger.
Riedel blickte Raschdorf aufmerksam an.
»Nu, bei Dir sind doch die Gebäude noch ganz gutt!«
Raschdorf zuckte die Achseln.
»Gutt? Was heißt gutt? Flickereien gibt's immerfort. Die Scheunen möcht' ich neu decken lassen, und der Kuhstall is ganz erbärmlich eingerichtet. Die alten Kerle haben keine Idee gehabt, wie a vernünftiger Stall zu bau'n is. Na, und wie das beim Huhndorf sein'm Schwager is -- a kriegt a schönes Stück Geld von der Versicherung, und dann -- ein'm Abgebrannten hilft jeder. Das is gar nich so schlimm.«
»Na, immerhin, jetzt vor'm Winter -- 'ne Zuckerlecke is das nich.«
»Nu, ja, man red't halt so,« sagte Raschdorf achselzuckend; »ich für mein Teil red' ihm ja auch nichts Böses nach.«
Damit sprang die Unterhaltung auf etwas anderes über. Ein paar andere Gäste kamen noch, und der dicke Wirt ging immer hin und her mit den gefüllten Schnapsgläsern. Am meisten trank Hermann Raschdorf.
* * * * *
Drüben seine kranke Frau war allein. Am Nachmittag, als ihr Junge heimgekommen war, hatte sie seit Wochen wieder einmal eine glückliche Stunde gehabt. Den Hannes, der mitkam, hatte sie mit einem Auftrag ins Nachbardorf geschickt. Es war ihr zu unruhig, und sie wollte auch ihren Heinrich allein für sich haben.
Sie war so einsam. Höchstens daß ihr Vater aus dem Dorfe kam und sie besuchte. Den Mann sah sie selten, und wenn er da war, hatte er schlechte Laune. Und das Kind, die Magdalene, war nicht fürs Stillsitzen. Ihr gesunder Körper wollte hinaus zu Arbeit oder Spiel.
So war sie eine stille Frau, immer sich selbst überlassen. Da kamen so trübe Gedanken. Krank sein, immer krank, keine Hoffnung haben auf völlige Heilung, machtlos zusehen, wie dem Manne sein Hab und Gut langsam aus den Händen glitt und den Kindern die Heimat versank, das war ihr Los.
Aber die Märtyrerinnen murren nicht, und wenn sie jemand um ihr Schicksal fragt, lächeln sie. Und es ist auch im ärmsten Leben etwas Liebes und Lichtes.
Der Heinrich! Er hing so zärtlich an ihr, er schrieb ihr alle drei Tage einen Brief. Und wenn sie in stiller Nacht leidend und wachend in ihrer tiefen Verlassenheit im Bette lag, dann suchte auch ihre geängstigte Seele eine Heimat. Durch die Nacht flog ihre Sehnsucht, hinab über Berge, hin über rauschende Wälder und schlummernde Dörfer, bis zu einer großen, glänzenden Stadt an einem breiten, tiefen Strom, dorthin, wo die hellen Lichter nicht erlöschten die ganze Nacht, wo das Leben flutete auf den Straßen und Plätzen, und wo doch in einem einsamen Stüblein ein müder Knabe schlief, dessen letzter Gedanke seine Mutter gewesen. Am warmklopfenden, reinen Herzen dieses Kindes machten Frau Annas Leid und Sehnsucht Halt und wurden stille -- denn dort war ihre Heimat.
Und heute war diese Heimat ihr wieder nähergerückt, heute war eigentlich auch sie nach Hause gekommen.
Es war so schön gewesen die zwei Stunden, so, als ob draußen goldener Sonnenschein wäre und die blassen Astern im Garten strahlende Rosen seien. Von ihrem Kummer und ihren Leiden hat sie ihm wenig erzählt, fast gar nichts. Sie wollte sich diese Glücksstunde, auf die sie lange gewartet hatte, nicht trüben. Sie fühlte ja auch nichts Schmerzliches, sie war ganz gesund und glücklich.
Aber dann war der Hannes zurückgekommen. Er hatte sich heute sehr beeilt. Da hatte sie selbst dem Heinrich zugeredet, er solle ein bißchen mit dem Hannes hinausgehen; sie wolle nun ruhen.
So war sie wieder allein. Aber das stille Lächeln auf ihrem Gesichte blieb. Die Lene kam und brachte die Lampe. Sie küßte die Mutter in großer Eile und ging bald wieder hinaus.
Es war so stille. Man hörte, wie die Lampe knisterte. Der Dackel war verfroren vom Felde gekommen und vertrug sich heute sogar mit der Katze, nur um ein Plätzchen am Ofen neben ihr in ungestörter Ruhe zu genießen.
Die Uhr schlug sieben. Da ging draußen knarrend das Hoftürchen, und ein schwerer, unsicherer Schritt schlurrte über den Hof. Das war wohl ihr Mann. Sie lauschte. Die Schritte verloren sich, er kam noch nicht ins Haus.
Erst nach einer knappen Viertelstunde trat er bei ihr ein. Er hing die Mütze an einen Nagel und sah sich unsicher um.
»Wo is der Heinrich?«
»Er is ein bißchen drüben beim Schaffer.«
»So. Beim Schaffer? Ge -- hört a da hin? Was? Hierher gehört a! Der Schaffer is wohl wichtiger -- wie -- wie ich -- was?«
Die Frau wandte sich ab.
»Er kommt gleich wieder!«
»So? Kommt gleich! -- Will ich auch -- will ich auch wünschen.«
Da ging schon die Haustür, und Heinrich kam. Hannes war in seiner Begleitung Aber wie er sah, daß der »Herr« in der Stube war, zog er es vor, draußen zu bleiben.
»Guten Abend, Vater!«
»Nu, kommste endlich?«
»Ja, ich war ein bißchen beim Schaffer, weil Du noch nicht da warst.«
»Weil ich -- weil ich nicht da war? Werd' wohl noch amal fortgehen können -- was?«
»Ich bitte Dich, Hermann.«
Der Junge setzte sich niedergeschlagen und verschüchtert an den Tisch.
Sein Vater trat vor ihn, legte die Hand auf seine Schulter und schüttelte ihn ein bißchen. Dann sagte er mit rauher Stimme: »Na, haste schon die große Neuigkeit gehört, daß wir -- daß wir -- so gut wie bankerott sind?«
»Vater!«
»Hermann, ich bitte Dich --«
»Was is da zu schreien? In a paar Monaten da wissen's alle alten Weiber -- da pfeifen's die Sperlinge --«
Der Knabe richtete die Augen auf den Vater -- entsetzt, fassungslos.
»Vater! Was sagst Du? Das ist doch nicht wahr!«
Er sprang auf, klammerte die Hände um den einen Arm des Vaters, und der Mund verzog sich zu zuckendem Weinen.
Raschdorf ließ schwer das Haupt sinken.
»Es ist wahr -- ich sag's ja eben -- es ist nichts mehr zu machen --«
»Vater, müssen wir da fort von unserem Hofe? Müssen wir da fort von zu Hause?«
Der Mann war plötzlich nüchterner geworden.
»Ja,« sagte er, und seine Stimme ging schwer, »es geht hier mit uns zu Ende.«
Da ließ ihn der Knabe los und brach in bitterliches Weinen aus. Die kranke Frau im Lehnstuhl sah ihn mit unbewegtem Gesichte an. Langsam aus der tiefsten Quelle des Herzens stiegen zwei Tränen in ihre großen Augen. Die galten ihrem Kinde, das einen Schicksalsspruch vernahm, der es aus seiner Heimat verbannte, und das es nun nicht glauben wollte und mit unschuldigen Tränen und Bitten sich dagegen vergebens wehrte. --
Draußen war Nacht. Ringsum am Himmel hing ein Kranz aus lichteren Wolken. Aber über dem Buchenhofe drohte ein schwarzes Gewölk -- finster, zerrissen. Regentropfen rieselten aus der Unheilswolke und trafen den Buchenhof, als ob ein finsterer Geist mit seinem Weihwedel dort oben stände und einen schrecklichen Segen spräche: das Weihewort des Verderbens.
Eine dunkle Gestalt jagte flatternd über den Hof. Ein Keuchen ging von ihrem Munde. Sie fiel. Sie sprang auf. Die Haustür riß sie auf, die Stubentür:
»Jeses, es brennt -- es brennt in der Scheune!«
»Es -- es brennt!«
Ein schriller Laut aus dem Munde der Frau, die sich erhob und leblos zurücksank.
»Es brennt?! Es brennt?!« Ein lallendes Kinderwimmern.
»Es brennt!« Ein lautes, gellendes Männerlachen! --
Im Garten unter einem Apfelbaume, abseits von der Menge stand Mathias Berger, der Lumpenmann, und hielt mit seinen Armen Heinrich Raschdorf umschlungen. Ringsum standen Tische, Schränke, Stühle, lagen Betten, Kleider, Wirtschaftsgeräte verstreut im Garten.
Der Markt der Unglücklichen!
Die Fackeln des Unheils beleuchteten ihn. Das friedliche Laub der Bäume zitterte vor der Höllenglut, färbte sich rot und sank zur Erde. Und die kahlen Äste starrten dem Feuer entgegen, wie zitternde Tiere vor ringelnden Schlangen beben.
»Heinrich! Du mußt ins Haus! Sieh mal, das Wohnhaus brennt nich ab -- das is nu vorbei! Du mußt ins Warme, Heinrich!«
»Ich will nicht, Mathias -- ich -- ich muß Wasser tragen!«
»Du kannst ja nicht mehr! Du bist ja durchnäßt, Du zitterst ja am ganzen Leibe.«
»Es ist ja unser Hof -- ich -- ich -- oh -- oh -- Mathias -- --«
Der Knabe war ohnmächtig.
Berger rief über den Garten:
»Ehrenfried, he -- Ehrenfried!«
Ein Bauer kam heran.
»Ehrenfried, paß a bissel auf hier, daß niemand was stiehlt! Ich muß den Jungen ins Warme bringen; er holt sich sonst den Tod.«
Der Bauer war zu dem Dienst gern bereit.
»Schaff' ihn doch zum Schräger rüber ins Wirtshaus,« riet er.
Berger schüttelte den Kopf und trug den ohnmächtigen Knaben ins Wohnhaus. Die Leute machten ihm scheu Platz.
Ein donnerndes Krachen dröhnte durch den Hof. Eine hohe Mauer war zusammengestürzt. Funken sprühten um das ohnmächtige Kind und seinen Retter.
Drinnen in der Wohnstube war der große Ofen noch warm, und Hund und Katze lagen friedlich unter der Ofenbank. Sonst war alles ausgeräumt. Nur die Petroleumlampe brannte noch. Aber ihr trautes Licht wurde schrecklich überstrahlt von der roten Lohe, die von draußen hereinleuchtete.
Berger legte den Knaben auf den Fußboden und ging nach dem Garten zurück. Dort raffte er eine Menge Betten auf und trug sie nach der Stube.
Fürsorglich bettete er das kranke Kind, nachdem er es der triefenden Kleider entledigt. Dann kniete er neben dem Lager nieder und drückte einen Kuß auf die kalte Stirn des Knaben.
Da ging die Tür auf. Eine Frau trat langsam in die Stube. Ihre Stirn war marmorweiß, aber auf den Wangen brannte das Fieber, und das Feuer von draußen beleuchtete sie.
»Berger! Was ist denn? O Gott, was ist?«
Der Lumpenmann erhob sich und erschrak.
»Frau Raschdorf, Sie! -- Sie sollen doch im Gasthause bleiben! Es ist nicht gut für Sie --«
»Was ist mit Heinrich? Berger, was ist mit Heinrich?«
»Er ist ohnmächtig, gerade erst ohnmächtig geworden. Er hat sich so sehr angestrengt, und dann die Aufregung --«
»Heinrich, mein lieber Heinrich!« Und die Frau kniete aufweinend neben dem Lager nieder.
Berger schlich hinaus. Aus dem großen Durcheinander im Garten suchte er den Lehnstuhl und eine Decke heraus und trug beides nach der Stube.
»Ich bringe Ihnen Ihren Lehnstuhl, Frau Raschdorf.«
Sie erhob sich. »Mathias, er kommt nicht zu sich. Was wird werden? Was wird mit ihm werden?«
Der Lumpenmann beugte sich über das Kind.
»Er wird schon wärmer. Ich denke, er wird bald aufwachen, gut zugedeckt ist er ja, da wird er schwitzen, und es wird ihm weiter nichts passieren.«
Zitternd stand ihm die Frau gegenüber. Ihre Augen leuchteten heiß auf, als sie ihn ansah; ein Zittern flog über ihren Körper, und mit erregter Stimme sagte sie:
»Mathias -- Du -- Du hast das einzige gerettet -- was ich noch habe.«
Sie streckte die Hände aus und schlug sie über seine Schultern, und ihr Gesicht sank matt an seine Brust in halber Ohnmacht.
Mathias Berger stand wie einer, der plötzlich stirbt und dem nur eine heiße, letzte Lebenswoge noch schmerzhaft und warm durchs Herz schlägt.
Doch er raffte sich rasch zusammen. »Setzen Sie sich, Frau -- Frau Raschdorf und wachen Sie bei ihm!«
Langsam ging er aus der Stube. --
Und immer noch stand die Unheilswolke über dem Buchenhofe. Die Feuerflammen schlugen hinauf zu ihr und malten grellrote Lichter auf ihren schwarzen Untergrund. Wie Blutstropfen fiel der leise Regen.
Feuer von vollen Garben und duftendem Heu! In wahnsinniger, trunkener, taumelnder Freude erhoben sich die Feuerflammen. Draußen lagen die stillen, abgeernteten Felder, und nun war es, als ob jeder Halm in der Scheuer, jede vertrocknete Blume im Heu sterbend noch einmal das stille Plätzchen im Feldgrund grüßen wollte, da es gegrünt und geblüht und mit Faltern und zarten Winden gekost hatte. Jetzt zuckten über die beraubten Fluren stolze, jubelnde Flammensignale:
»Triumph! Wir sterben einen roten, herrlichen Tod! Erspart bleiben uns Tenne und Mühle. Die Natur ist groß, und der Mensch ist nichts!«
Die Menschen, die mit der Natur gerungen hatten im langen, mühsamen Kampfe, die ihr die Beute abjagten mit Schlauheit und Fleiß: sie standen bleich als die Besiegten, die Geschlagenen, und die Beute war ihnen entrissen, und ihr Bollwerk war zerstört.
Frau Mutter Erde sah schweigend zu, aber die Witwenschleier, die noch am Tage weiß und grau um ihre feuchte Stirn hingen, färbten sich rot. Die Halme und Blumen sind ihre Lieblingskinder, und der Mensch ist der Stiefsohn. -- --
Der Bauer Raschdorf saß auf einem umgestülpten Karren. Finsteren Auges sah er der Verheerung zu. Nicht einen Finger rührte er zur Hilfe. Von Zeit zu Zeit nur verzog sich sein Gesicht; seine Hände klammerten sich an die Beine und gruben sich oft schmerzhaft ins Fleisch. Und neben ihm kauerte, Entsetzen in den schönen Kinderaugen, die Magdalene, sein Ebenbild, sein Liebling.
Die beiden Scheuern lagen verwüstet; nun brannte der große Stall. Die Rinder zogen hinab ins Dorf. Ihr Brüllen klang dumpf durch die Nacht.
Vier oder fünf Spritzen aus dem Dorfe und aus den Nachbarorten waren da. Sie hatten sich bemüht, als die Scheuern brannten, das Wohnhaus und das Gesindehaus zu retten. Das war ihnen auch gelungen, denn der Wind war günstig. Aber die Giebel waren geschwärzt, die Fensterscheiben zerplatzt.
Und abseits von denen, die das Unglück traf, stand die Menge mit ihren Gefühlen. Ein lähmender Schreck hatte sie aus den Stuben gerissen, als die Glocke vom Turme wimmerte und der Feuerruf durch die Gassen heulte. Aber als sie sich überzeugten, daß sie selbst nicht in Gefahr seien, legte sich die Angst sehr rasch. Mitleid kam, Lust zu helfen, Lust zu schauen, Lust was zu erleben. Niemand von diesen Leuten war müde, alle belebte die Sensation, und so kam es auch hier wie immer, daß dicht neben das Grauen und die Vernichtung der Humor sich unter die Gaffer stellte und sich sein Sprüchlein leistete. Jetzt war nichts mehr zu retten; aber immer, wenn eine neue Spritze ankam, trat sie mit in Tätigkeit, und so fuhren die Wasserstrahlen in den rettungslos weiter brennenden Stall lustig hinein und erzeugten viel Zischen und Dampf.
Zu ganz später Zeit, als das Feuer schon nachließ, kam die Spritze eines Nachbarortes, der nur eine Viertelstunde weit entfernt lag.
»Die sind auch schon munter!« sagte einer laut.
»Um die is 's nich schade,« bemerkte sein Nachbar ebenso vernehmlich. »Der ihre Spritze is a Unikum. Bei der vertrocknen im Sommer immer die Messingventile.«
Die verspäteten Rettungsmannschaften machten ob solch vorlauter und sehr applaudierter Rede grimmige Gesichter. Aber da die Spötter recht behielten, mühten sie sich ein wenig um ihre Spritze ab, pumpten, schraubten, rüttelten, besahen sie mit verständigen Mienen von allen Seiten, überzeugten sich aber, daß nichts zu machen sei, und fuhren deshalb kopfschüttelnd wieder heim. Und das schöne Bewußtsein, das Gute wenigstens gewollt zu haben, begleitete sie.
Dort, wo die Weiber standen, war viel Lärm. Jede hohe, stolze Flamme wurde mit viel Geschrei begleitet; über alles, was geschah, wurde laut verhandelt, gezetert, gejammert oder gelacht.
Als Mathias Berger den Heinrich ins Haus trug, wurden Rufe des Mitleids laut, auch als Frau Anna müde und krank über die Straße geschritten kam. Aber als Berger den Stuhl und die Decke holte, zwinkerten sich ein paar Weiber wortlos zu.