Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen

Part 17

Chapter 173,915 wordsPublic domain

»Ich bin so froh, daß Du Arzt wirst. Du wirst ein guter Doktor sein, weil Du fleißig und gewissenhaft bist. Es ist gut, daß Du hier los bist von der Landwirtschaft. Es war nicht Deine Sache. Die Liese ist jetzt als Schwester eingekleidet. Ich habe sie besucht, und ich schreibe Dir, lieber Heinrich, daß ich ganz glücklich und froh wiedergekommen bin. Ich werde auf meine alten Tage zufrieden sein, denn der Liese geht es gut. Und es wird alles gut sein, wenn Hannes und die Lene die Wirtschaft haben. Ich will gern bei ihnen bleiben, ich bin viel zu alt, daß ich jetzt wieder so herumfahre. Und ich hab' gesagt: »Das ist unser guter Heinrich«, wie ich es von Hannes und der Lene hörte. Von Lene liegt ein Brief bei. Der Schaffer wollte auch gern einen schreiben, aber er bringt nichts zustande. Er arbeitet jetzt von früh bis spät und will bald gar nicht mehr schlafen gehen. Und manchmal, wenn er auch ganz allein ist, fängt er ganz laut an zu lachen. Sagen läßt er Dir bloß: er läßt sich schön bedanken. Aber da steckt alles darin. Die Dorfleute sind jetzt ganz verändert zu uns. Sie sind sehr freundlich zu mir, und wenn sie die Lene sehen, ziehen sie von großer Weite die Mützen. Und die Ziegeln kaufen sie auch aus dem Dorfe alle von uns. Das war ja früher nicht. Lieber Heinrich! Ich halte es für meine Pflicht, Dir jetzt noch zu schreiben, daß seit vorgestern die Lotte Schräger wieder zu Hause ist. Der alte Schräger hat die Wassersucht. Er hat ihr nicht nachreisen können. Da ist sie ihn pflegen gekommen. Sie ist in Pommern gewesen, bei einer Verwandten von ihrer Mutter. Wer es ihr vom Vater geschrieben hat, weiß niemand. Wir haben sie noch nicht gesehen, ich schäme mich jetzt, hinüber zu gehen. Wir haben jetzt mit dem Schräger manchmal verkehrt. Er hat von selbst mit uns angefangen. Er wollte mir immer für Dich den Kretscham verkaufen. Aber wie er dann krank wurde, wollte er nicht mehr fort von zu Hause. Die Lene ist auch manchmal drüben gewesen, als er krank war. Und wie jetzt die Lotte heimgekommen ist, hat die Lene fragen lassen, ob sie etwas helfen kann. Aber die Lotte hat sagen lassen: Nein, sie lasse sich bedanken für den guten Willen. So mag alles Gott befohlen sein, und am meisten Du, mein lieber Heinrich.«

Zehnmal, zwanzigmal las Heinrich Raschdorf diesen Brief. Zuletzt setzte er sich auf das Sofa und schloß die Augen.

Sie war wieder zu Hause!

Zuerst war es ganz still in ihm. -- Aber dann begann das Blut zu hämmern in seiner Brust und in seinen Schläfen. Ein Wirbeln faßte ihn an, und nach der dumpfen Gewitterschwüle trostloser, heißer Arbeitstage erhob sich ein Sturm, der jäh durch seine junge Seele ging. Unaufhörlich dachte er an sie und gab sich keine Mühe, wie sonst, den Gedanken los zu werden. Deutlich traten ihre Gestalt, ihr Gesicht vor seine Seele; er hörte ihre Stimme, fühlte wieder ihren Kuß.

Sie war zu Hause, war nahe, erreichbar! Lotte!

Was war geschehen mit ihm, in ihm? Der wonnige Schreck, den ihm die kurze Nachricht gebracht, hatte allen Trotz, alle Bitterkeit niedergebrochen, hatte liebe verschleierte Bilder enthüllt. Im leuchtenden Blitzfeuer seiner neu erwachten Leidenschaft lag das alte Land erhellt vor seinen Augen, das Land, aus dem er geflohen war und nach dem ihn seine Sehnsucht doch alle Tage wieder zurückwies.

Er vermochte an seinen trotzigen Prinzipien nicht festzuhalten, da das Blut dagegen revoltierte; denn er war jung, und all sein Kampf gegen sich war greisenhaft gegen das Gefühl, das ihn mit elementarer Kraft wieder faßte.

Ein kleiner, kurzer Zweifel kam noch, dann kniete er schon vor einer Kiste, warf Bücher und Briefe heraus und fand ein kleines Bild.

Das war die Lotte! Jetzt schauten ihn diese süßen Augen an, jetzt lächelte ihm dieser Mund zu, und ehe er Zeit hatte, sich Rechenschaft zu geben, riß er das Bild, das er in all den langen Monaten nicht einmal angesehen hatte, an die Lippen und küßte es, küßte es mit jenem Glückshunger, mit jener verzweifelten Gier, wie er einst die Lotte selbst geküßt hatte im Herbstnebel.

Ein weinendes Jauchzen ging ihm durch die Seele, die Liebe lohte heiß, flammend, leuchtend wieder auf in seinem Herzen. Die Stube ward ihm zu eng, er rannte hinaus, fuhr vor die Stadt, lief stundenweit und kam ebenso erregt, wie er gegangen war, wieder nach Hause.

Die Nacht kam, er fand keine Ruhe. Auch die Zweifel kamen wieder, die Kämpfe. Ehrlich wollte er sein, ehrlich auch mit sich selbst. Wieder rief er sich ihren Treubruch vor die Seele, den tiefen Jammer, den sie ihm gebracht, aber der Groll blieb aus, der Zorn, das Feindschaftsgefühl kam nicht wieder, die Hoffnung fegte sie weg wie dürres Laub. Er rief sich alles ins Gedächtnis, was Mathias und Lene zu ihrer Rechtfertigung gesagt, dachte erst jetzt zum erstenmal darüber redlich nach, wie groß das Leid für sie gewesen, ihn aufzugeben und fortzugehen. Denn sie hatte ihn geliebt, wahr und wahrhaftig geliebt, wie ein Weib nur einen Mann lieben kann.

O, er mußte sie wieder haben!

Sollte er nach Hause? Hin zu ihr? In kaum drei Stunden konnte er sie sehen!

In drei Stunden! Sie sehen, sie haben, sie nicht mehr loslassen!

Ein Zittern überlief ihn. Er zog sich an, sagte seiner Wirtin ein paar Worte und stürmte fort. Der Nachtzug mußte noch da sein. Ja! Er kaufte die Fahrkarte. Die Stimme zitterte ihm, als er die heimische Station nannte. Er kam noch zu zeitig. Die kühle Nachtluft strich um seine Stirn. Er ging erregt auf dem Bahnsteig auf und ab und blieb dann plötzlich stehen.

Machte er sich lächerlich? Wie würde das sein, wenn er jetzt in tiefer Nacht nach Hause käme? Dorthin, wohin er nie mehr zurückkehren wollte? Wohl, sie war auch wieder heimgekommen. Aber der todkranke Vater hatte sie zurückgerufen! Und was würde sie sagen? Die Schwester hatte sie nicht sehen wollen! Und ihn? Wenn sie ihn wieder abwies oder gar vor ihm aufs neue floh? War das nicht eine furchtbare Übereilung? Mußte er sich's nicht erst genauer überlegen?

So war er plötzlich wieder mitten drin in tollen Zweifeln.

»Steigen Sie ein, mein Herr!«

»Danke -- danke, ich fahre nicht mit!«

Ein Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr in die Nacht hinaus, der Heimat zu -- ohne ihn.

Langsam schlich Heinrich die erhellten Straßen heim. Überall lustige, lachende Leute. Keiner von diesen allen sah ihn auch nur an. Eine schwere Verachtung gegen sich selbst wollte in ihm aufkeimen, aber es blieb bei dem Gefühl der Ratlosigkeit.

In seiner Stube brütete Heinrich lange vor sich hin. Es war indes Mitternacht vorbei. An Ruhe war nicht zu denken. So kam er auf den Gedanken, an Lotte zu schreiben. Er schrieb einen Brief um den andern. Gefallen wollte ihm keiner. Endlich gegen vier Uhr glaubte er das richtige gefunden zu haben.

Er setzte sich ganz mit ihr auseinander. Er schrieb ihr von allen seinen Qualen und Leiden. Und er suchte ihre Bedenken zu zerstreuen. Der Bruder sei für seine Tat nicht verantwortlich; sie aber, Lotte, sei doch ganz unschuldig. Und wenn etwas zu sühnen wäre, so könne es nur dadurch geschehen, daß sie ihn glücklich mache. Auch die Stellung der Seinen zu ihr habe sich gänzlich geändert, nachdem diese eingesehen, eine wie rechtliebende Seele die Lotte sei. Und so schrieb er am Schluß:

»Ich will nicht ungeduldig sein; ich will Dir Zeit gönnen und Dich erst dann sehen, wenn Du es willst. Um eines aber bitte ich Dich, Lotte: Du hast noch meinen Ring. Steck' ihn wieder an, wenn Du diesen Brief gelesen hast; sei wieder meine Braut!«

Die Sterne glänzten am Himmel, die Straßen waren ganz leer. Da ging Heinrich Raschdorf abermals zum Bahnhof. Noch einmal las er die Briefaufschrift, die für ihn den teuersten Namen der Welt enthielt, und legte den Brief in den Kasten. Um neun Uhr am Vormittag würde sie ihn schon haben. Das war in vier Stunden. In nur vier Stunden!

Ein qualvoller Tag verging, eine lange Nacht. Mit überwachten Augen und doch mit brennend roten Wangen saß Heinrich Raschdorf frühmorgens am Fenster seiner Stube und lugte aus nach dem Briefträger. Endlich kam er; er kam auf das Haus zu. Heinrich Raschdorf ging durch die Stube hinaus ins Entree und lehnte sich an die Tür. Jetzt! -- Da! -- »Herrn Heinrich Raschdorf!«

In seiner Stube besah er den Brief.

»Inliegend ein goldener Ring.«

Er tastete nach einem Stuhl. Dort öffnete er den Brief. Ein goldener Ring fiel heraus, klang kurz auf und rollte über die Diele. -- Er las bruchstückweise:

»Sie beurteilen mich falsch, Sie können mir nicht in die Seele sehen -- Sie wissen nicht alles -- ich kann Sie nicht betrügen -- kommen Sie nicht her --«

Als die Vermieterin in die Stube trat, fand sie ihren Zimmerherrn bewußtlos auf dem Fußboden liegen. Die Erschöpfung und Erregung war zu groß, die Enttäuschung zu grausam gewesen.

* * * * *

Es war ein Jahr später. Hannes saß bei Heinrich in der Stube und trug seinen Zivilanzug. Er war heute vom Militär entlassen worden.

Melancholisch starrte der Bursche vor sich hin.

»Nu freu' ich mich gar nich mehr a bissel, daß ich nach Hause komme.«

»Wart' nur, Du wirst Dich schon freuen! Wenn Du erst auf der Bahn bist und gar, wenn Du das Dorf sehen wirst --«

»Aber die Lene, Heinrich, die Lene! Das verwindet die ihr Lebtag nicht, daß Du nich zu unserer Hochzeit kommst, und ich -- ich auch nich.«

Heinrich schwieg eine Weile; dann sagte er:

»Sieh mal, Hannes, es geht nicht! Wenn »sie« nicht mehr dort wäre, oder wenigstens nicht so in der Nachbarschaft, dann bestimmt. Aber so ist's unmöglich.«

»Und willste überhaupt nich mehr heimkommen?«

»Kaum! Vielleicht später einmal. Aber Ihr müßt mich besuchen, so oft Ihr könnt!«

Sie saßen wieder eine Weile stumm da.

»Daß mir's schwer fällt, Hannes, das kannst Du mir schon glauben. Ich hätte die Lene gern einmal wiedergesehen nach so langer Zeit und gar an ihrem Hochzeitstage. Sie ist meine einzige Schwester!«

Hannes seufzte beklommen. Dann sagte er:

»Der alte Schräger macht nich mehr lange. A hat jetzt auch noch Leberkrebs. Mathias hat's geschrieben. Na, und wenn a tot ist, wird ja die Lotte fort aus 'm Dorfe. Dann kannste wieder heimkommen.«

»Ja, dann komme ich wieder nach Hause.«

Beim Abschied weinte Hannes.

»Heinrich, vergelt' Dir Gott alles! Gerade, wenn Du halt noch zur Hochzeit gekommen wärst, da wär' unser Glück voll gewest.«

»Weine nicht, Hannes! Auf einen Hochzeitsgast kommt's ja nicht an. Sei halt froh, daß Du heiraten kannst. Grüß' schön und reise glücklich!«

* * * * *

Einige Wochen darauf klopfte es an Heinrichs Tür. Eine Frauensperson trat ein.

»Heinrich!«

»Lene! Du -- Mädel -- Du?«

Die Geschwister lagen sich in den Armen und küßten sich innig.

»Lene, was willst Du, was willst Du heute? Du hast doch morgen Hochzeit.«

»Ja, und ich komme Dich holen. Du mußt dabei sein, Du mußt! Ohne Dich mach' ich nich Hochzeit. Ich hab' keinen Vater, keine Mutter, keine Schwester, bloß ein'n einzigen Bruder, und der -- der will auch noch nich mit mir in die Kirche gehn?«

»Lene, ich kann ja nicht, ich kann ja nicht --«

»Du kannst, und Du mußt auch! Im geschloss'nen Wagen fahr'n wir nach Hause, im geschloss'nen Wagen fährst Du mit in die Kirche; sie sieht Dich nicht, sie sieht keine Spur von Dir, und nach der Trauung kannst Du ja bald wieder fort.«

»Aber Lene, heute kommst Du, heute?«

»Ja! Vormittags sind wir auf dem Standesamt gewesen, und dann bin ich gleich nach Breslau.«

»Aber Mädel, warum kommst Du denn gerade an Deinem eigenen Polterabend?«

»Daraus mach' ich mir nichts, und wenn ich früher gekommen wär', hätt'st Du Dir's wieder noch anders besonnen. Jetzt mußt Du mit, jetzt nehm' ich Dich bald mit.«

Er sah das gesunde energische Mädchen an und konnte nicht hindern, daß seine Augen glänzten.

»Lene, was bist Du für eine hübsche Braut! Und dann, Courage hast Du, das muß ich sagen. Lene, ich freu' mich über Dich -- ich bin stolz auf Dich -- ich komme mit Dir!«

Mit dem Abendzuge fuhren sie heim. Sie redeten kaum miteinander. Zuweilen faßte Lene leise seine Hand. Und er lehnte im Winkel und sah hinaus in die Finsternis, aus der nur die Bahnlaternen oder Lichter eines friedlichen Dörfleins zuweilen aufblitzten.

Von Königszelt an waren sie allein im Wagen. Die Lichter von Freiburg schimmerten auf, dann keuchte der Zug hinauf auf die Waldenburger Hochebene.

»Ist es Dir ein so schweres Opfer, Heinrich?«

Er sah sie freundlich an.

»Wohl! Ach ja! Aber Du bist's wert, Lene!«

Sie faßte heftig seine Hand.

»Heinrich, Du glaubst gar nich, wie ich schon deswegen gelitten hab', daß Du gerade mein Glück gemacht hast, und daß ich Dir früher so im Wege gestanden hab'.«

»Laß gut sein, Lene! Ohne Dich wär's gerade so gekommen, wie's gekommen ist. Und das sind alte Geschichten und nun vorbei.«

Auf dem Bahnhof wartete der Schaffer. Als er den Heinrich mitkommen sah, geschah etwas, was noch nie in seinem Leben passiert war: die Tabakspfeife fiel aus seinem sonst so hermetisch geschlossenen Munde. Er hatte das erste Mal in all seinen Erdentagen so etwas Ähnliches wie einen Juchzer getan.

»Hübsch is, hübsch is! Schön willkomm'!« Das war seine ganze Begrüßungsrede. Und Heinrich fühlte das Herz heftig schlagen, als er dem guten Riesen die Hand gab.

Dann ging es nach Hause. Eine schwere Aufregung ergriff den Heimkehrenden, und doch hätte er diese Reise jetzt nicht mögen ungeschehen machen. In alle Aufregung hinein wallte ein Gefühl der Freude, das auch dem ärmsten aller Menschen nicht ganz fern bleibt, wenn er nach Hause zieht.

Jetzt verließen sie den Wald; Lichter blitzten dort unten.

Die Buchenhöfe!

Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich am Kretscham vorbei und in seinen Hof hinein. Dort sprang er rasch aus dem Wagen und trat ins Haus.

»Der Heinrich kommt! Der Heinrich kommt! Hurra!«

Das war der Bräutigam. Er fiel dem Freunde um den Hals und war ganz außer sich vor Freude.

Und es trat einer leise heran: Mathias. Heinrich reichte ihm die Hand und wollte etwas sagen. Aber die Lippen zuckten ihm nur, und er brachte kein Wort heraus. So schlang Mathias den Arm um ihn, und die alten Freunde standen eine Weile stumm und still.

Etwas später stand Heinrich mitten in der Wohnstube und schaute sich um. Es war noch alles wie sonst: der Ofen strahlte eine behagliche Wärme aus, die große Petroleumlampe brannte, und draußen polterte der Herbststurm mit den Weinspalieren.

Um ihn herum aber standen liebe Menschen mit strahlenden Gesichtern.

Da war es Heinrich Raschdorf doch, als ob er in eine Heimat gekommen sei.

Dann saßen sie um den großen Tisch und plauderten, und er wurde warm dabei und sagte auf einmal:

»Ich freu' mich, daß ich bei Euch bin!«

Wie sie darüber glücklich waren!

»So bleib' ein paar Tage hier, Heinrich!«

»Nein, Lene! Bald nach der Trauung fahr' ich. Du weißt schon, das ist Verabredung.«

»Und Du wirst gar nich amal mit aufs Feld oder in die Ziegelei?«

»Nein, Mathias; aber in die Ställe und in die Scheune gehe ich morgen früh einmal, wenn Du willst.«

Es war schon tief in der Nacht, da saßen noch alle beisammen.

* * * * *

Drüben im Kretscham hatte sich ein Schwerkranker im Bett aufgerichtet, als die Fuhre Heinrichs vorbeikam.

»Das is a -- Lotte, das is a!«

Das Mädchen antwortete nicht.

»Geh, geh ans Fenster, Lotte! Sieh, ob a das is!«

»Nein, Vater! Ich gehe nicht ans Fenster.«

Der Kranke stöhnte und sank in die Kissen zurück.

»Ich -- ich muß mit ihm -- mit ihm reden; ich halt's nich aus -- ooooh --«

Ein Schmerzensanfall kam. Das Mädchen beugte sich über den Kranken. Die Lampe beleuchtete ihr Gesicht. Es war so weiß und durchsichtig, als sei diese Pflegerin selbst eine Schwerkranke. Die Stenzeln kam ins Zimmer.

»Is a gekommen, Stenzeln?« fragte der Kranke.

»Ja! Ich hab' 'n geseh'n. A ging ganz schnell ins Haus rein. Aber a war's.«

Ein Zittern ging über den Körper Lottes.

»Stenzeln, geh wieder raus!«

Als er mit der Tochter allein war, keuchte Schräger:

»Schreib' ihm, Lotte -- schreib' ihm 'n Brief -- a soll rüberkommen zu mir -- a soll kommen --«

»Ich kann ihm nicht schreiben, Vater -- nein, ich kann nicht! Sei doch ruhig, sei doch ruhig!«

»Du weißt nich, Lotte, wie das is -- ich kann nich sterben; ich kann ja nich sterben!«

Das bleiche Mädchen stand regungslos an dem Bette. Nur ein Zucken ging um ihren Mund. Tränen hatte sie nicht mehr. »Was willst Du denn von ihm, Vater?«

»Sagen will ich's ihm, alles sagen!«

»Vater!«

»Alles sagen -- ich -- ich -- kann sonst nich sterben!«

»Du willst Dich selber verraten? Vater!«

»Die Schmerzen, Lotte -- oooh, und der alte Raschdorf -- mein -- mein Freund -- a kommt mir immer wieder ein -- und nu soll ich runter -- runter unter die Erde zu ihm -- runter --«

Eine furchtbare Nacht kam, eine Nacht voll Qual und Gewissensangst und Furcht. Aber doch lebte in diesem schmerzzerrütteten, todgeweihten Mann die Hoffnung, es würde leichter und besser sein, wenn er die Last von seinem Herzen abwälzte.

Gegen Morgen schrieb Lotte an Heinrich: »Mein schwerkranker Vater läßt Sie bitten, ihn vor Ihrer Abreise auf wenige Minuten zu besuchen. Charlotte Schräger.«

Schräger ergriff ihre Hand.

»Wirste dabei sein, Lotte, Kind -- mei einziges, wirste dabei sein, wenn ich -- wenn ich's ihm sag'? Sonst bring' ich's nich raus -- sonst verzweifele ich!«

»Ja, ich werde dabei sein!«

Das sagte sie leise, aber fest.

Am Morgen ging die Stenzeln mit dem Brief nach dem Buchenhofe. Nicht lange, so kehrte sie mit der Antwort zurück.

»Ich reise sofort nach der Trauung meiner Schwester wieder ab und kann Ihren Vater, dem ich gute Besserung wünsche, nicht besuchen. Heinrich Raschdorf.«

Sie las es dem Vater vor. Der starrte sie mit weitgeöffneten Augen an. Dann lallte er:

»A kommt nich? A kommt nich?«

Sie schwieg. Nach einer Weile lachte er heiser.

»Da geh' ich halt so -- halt so -- so -- hinüber -- runter --«

Lotte stand am Fenster und hatte die Gardinen weit zurückgeschlagen. Jetzt fuhren drüben die zwei Hochzeitswagen vor.

Heinrich kam zuerst aus dem Hause und sah hinüber nach dem Fenster, an dem Lotte stand. Er erschrak und zog den Hut, auch Mathias, der dabei war. Lotte rührte sich nicht. Dann kam das Brautpaar. So fuhren die Wagen hinab nach der Kirche.

Auch der alte Schräger hörte sie fahren.

»Nu sind sie fort,« sagte er mit einem irren Lächeln; »nu is der alte Raschdorf Brautvater!«

Lotte stand immer noch regungslos da.

»Brautvater!« Er fröstelte in sich hinein.

Eine Stunde verging. Da rief Lotte die Stenzeln ins Zimmer und ging selbst hinaus.

Über die Straße huschte sie -- nach dem Buchenhofe.

»Ich werde hier auf Herrn Raschdorf warten, ich hab' mit ihm zu reden. Sagen Sie's ihm, wenn er kommt,« befahl sie einer Magd und setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster der Wohnstube des Buchenhofes.

Sie sah sich um. Als kleines Mädchen war sie manchmal hier gewesen, seitdem nicht mehr. Das Bild des alten Raschdorf sah auf sie herab. Sie blickte es ruhig an. Es war alles teuer gesühnt.

Jetzt rollten die Wagen in den Hof. Im Hausflur erfolgte eine Begrüßung der Brautleute durch die Dienstleute, dann stieg die kleine Gesellschaft die Treppe hinauf.

»Was? -- Was? -- Wo?«

Das war er. Bald darauf trat er in die Stube im Hochzeitsanzug, den Zylinderhut in der Hand. Ein paar Sekunden lang stand er Lotte wortlos gegenüber; dann trat sie rasch ein paar Schritte auf ihn zu und sagte schnell und hastig: »Bitte um Verzeihung, aber ich muß Sie nochmals persönlich bitten, meinen Vater zu besuchen, er ist ein Sterbender, und er hat dringend mit Ihnen zu reden.«

Er sah sie mit großen Augen und tieferschreckt an und sagte kein Wort. Da errötete sie und begann wieder:

»Nur auf wenige Minuten, er ist ein Sterbender --«

»Ich werde kommen --«

»Ich danke!«

Und sie ging rasch aus der Stube. Regungslos stand er noch auf seinem Platz, als sie schon über die Straße zurück war.

Mit Mathias sprach er noch ein paar heimliche Worte, dann ging er nach dem Buchenkretscham.

Er traf Schräger und Lotte allein. Der Kranke schloß die Augen, als er eintrat, er öffnete ein wenig den Mund, und der schwere, sieche Körper hob sich im Stuhl. Lotte lehnte bleich und bewegungslos an einem Schrank.

Heinrich ging rasch durch die Stube und streckte dem Kranken die Hand bin.

»Guten Tag, Herr Schräger! Wie geht es Ihnen?«

Der erregte Mann sah ihn furchtsam an.

»Danke, ganz gutt -- geht mir's.«

Der Gast setzte sich auf einen Stuhl neben den Kranken und sprach mit ihm von seiner Krankheit. Schräger antwortete und fing an, selbst zu erzählen. Minute auf Minute verging. Von dem Bekenntnis kein Wort! Da blickte Heinrich auf die große Wanduhr und erhob sich.

»Meine Zeit ist sehr knapp. Ich wünsche Ihnen, Herr Schräger --«

»Sie woll'n geh'n?«

Angstvoll fragte es der Kranke.

»Ich muß gehen, ich blieb sonst noch ein wenig bei Ihnen --«

»Ich muß Ihnen -- ich muß Ihnen ja was sagen --«

Ein furchtbarer Schmerzensanfall kam, und Lotte mußte dem Vater zu Hilfe eilen. Mit bleichem Gesicht beobachtete Heinrich die Szene.

»Lotte -- Lotte -- sag' -- sag' Du's ihm -- Du's ihm -- ich -- ich -- ooooh --«

»Was ist denn -- um Gottes willen, was ist denn?«

Lotte wandte sich zu Heinrich. Mit tonloser, schneller Stimme sagte sie:

»Mein Vater hat Ihnen ein Bekenntnis zu machen. Er hat von vornherein gewußt, daß mein Bruder die Scheuer angezündet hat, hat es vor der Gerichtsverhandlung gewußt -- er hat falsch geschworen -- er wollte den Buchenhof -- daher alles -- jetzt wissen Sie's!«

Sie hielt sich an dem Tisch fest; der Kranke starrte auf Heinrich, der wie eine Bildsäule dastand.

»Ich hab' -- a Raschdorf reinbringen woll'n -- mit den Aktien -- und auch später -- und ich hab' falsch geschwor'n.«

Heinrich setzte sich langsam auf den Stuhl zurück.

»Nu -- nu gehen Sie auf die Polizei -- ich -- ich -- es ist ja doch aus mit mir! Aus! Eh' sie mich -- eh' sie mich reinbringen in die Stadt, bin ich tot.«

»Schräger!«

Eine lange Pause kam. Die drei Personen starrten sich nur an.

»Und das sagen Sie mir ins Gesicht?«

»Der -- der Tod -- Sie wissen nicht -- wenn man sterben soll, nachher wird alles mit einem Male anders -- anders wie sonst --«

»Und Sie haben wirklich meinen Vater in den Tod gehetzt? Sie -- Sie --«

»Nein -- daß -- daß er sich erschießt, das wollt' ich nich -- das wollt' ich nich -- bloß -- bloß a Hof -- a schönen Hof!«

Heinrich Raschdorf erhob sich. Ein Fluch schwebte auf seinen Lippen, ein Fluch, der den Mann ins Grab und in alle Ewigkeit hinein begleiten sollte.

Da kniete Lotte vor ihm und küßte ihm die herabhängende Hand mit zuckenden Lippen.

»Und Du, Lotte, Du hast das auch gewußt?«

Es lag ein Entsetzen in dieser Frage.

»Ich weiß es seit der Nacht, da ich fortging.«

Er starrte sie an. Ein Licht ging ihm auf.

»Darum?! -- Darum gingst Du fort? Nicht wegen des Bruders? Wegen des Vaters?«

»Ja!«

Er nickte langsam mit dem Kopfe.

»Ja, dann begreif' ich's! Du mußtest gehen! Mußtest! Es ist klar!«

Als ob er sich selbst Rechnung legen müßte, sprach er halblaut vor sich hin, und seine Augen stierten:

»Meinen Vater ins Gefängnis -- dem Zuchthause nahe -- in den Tod, uns alle ins Elend, in Not, Haß, Feindschaft -- ooh -- sterben Sie -- sterben Sie, wie Sie wollen, Sie elende Kreatur!«

Lotte sprang auf.

»Nun bitten wir nicht mehr, Vater! Jetzt nicht mehr! Jetzt ist's genug! Jetzt haben wir bekannt und gesühnt! Gehen Sie, Herr Raschdorf!«

Er starrte sie an.

»Ja! Gehen Sie, gehen Sie!«

»Nich gehen -- nich gehen -- oooh -- die Schmerzen -- der Tod -- der Raschdorf! -- Nich gehen, Heinrich! Die Angst --«

Der Kranke stand auf vom Lehnstuhl, wollte auf Heinrich zu und fiel schwer auf den Fußboden.

Eine zuckende, stöhnende, sterbende Masse!