Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen
Part 16
»Man muß wirklich sagen! Die hat 'n Charakter! Das is amal eine, die nich an sich denkt. Dagegen sind wir alle klunkrige Kerle. Und was das Schlimmste is, daß ich das erst einseh'n lern', wo sie fort is. Das is a Prachtmädel, die Lotte!«
Heinrich stand von der Ofenbank auf.
»Ich möchte wissen, was das alberne Gerede für einen Zweck hat. In Wirklichkeit ist sie eine dumme Gans, oder religiös-verrückt, oder so -- alles dasselbe! Weil ihr blödsinniger Bruder meinem Vater die Scheune angezündet hat, läuft sie mir fort, macht sie mich unglücklich. Damit sühnt sie das! Na, Mensch, siehst Du nicht ein, daß das hirnverbrannt ist?!«
Er lachte, daß er sich schüttelte.
Mathias sah ihn milde an.
»Auf a bissel Geschimpfe kommt's nich an, Heinrich. Aber das sag' ich Dir: wenn Du Dich etwa umbringen tät'st, wärste a Schmachtlappen!«
Der junge Buchenbauer fuhr wild auf.
»Was?! Wie?! Wer sagt das! Was geht Dich das an? Was? Hast Du mir was zu sagen? Du?!«
»Nö! Aber raten möcht' ich Dir was: Leg' Dich a bissel schlafen!«
»Mathias! Bist Du denn besoffen? Wie kommst Du denn bei meiner jetzigen Lage zu solch dämlichem Gerede?«
»Es wär' Dir sehr gutt, wenn Du a bissel schlafen tät'st, nachher könnt' man doch mit Dir reden. Ob Du nu willst oder nich, das is egal. Wir müssen auch endlich amal miteinander verrechnen. Wer weiß, was nu aus Dir wird, und um mein Geld möcht' ich nich kommen.«
Der Buchenbauer sah Mathias unsicher an.
»Das sind Ausreden! Um das Geld ist Dir's nicht. Ich versteh' Dich schon!«
»Schön, wenn Du mich verstehst! Jawohl, ich geh' Dir nich vom Halse, bis Du schläfst, oder bis Du wieder andere Augen hast -- nich solche! Verstehste mich? Und rausschmeißen kannste mich nich, keen Knecht packt an, und alleine biste zu schwach. Ich geh' Dir nich vom Leder, Heinrich, Du magst machen, was Du willst.«
Heinrich Raschdorf trat mit verbissenem Zorn ans Fenster. Der Mann wollte ihn durch das Gerede um seine Stimmung bringen, um seine Stimmung. Das merkte er.
»Mathias, Du hast mich seither nicht gefunden, warum kommst Du jetzt? Ich brauch' Dich nich, ich will Dich nich! Ich will, daß Du mich machen läßt, was ich Lust hab'! Ich nehm' von Dir keine Lehre mehr an, verstehst Du! Und wenn Du durchaus hier bleiben willst, gehe ich!«
»Wenn Du gehst, geh'n wir zusammen, Heinrich,« sagte Mathias und erhob sich.
Voll Ingrimm sank der junge Buchenbauer auf einen Stuhl.
* * * * *
Bis gegen zwei Uhr nachmittags zankten sie miteinander. Gegen drei Uhr schlief Heinrich Raschdorf wirklich auf dem Sofa ein. Seit drei Nächten hatte er nicht mehr ordentlich geschlafen, und es lag wie schwere Betäubung auf seinem Hirn.
Mathias setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster und wachte bei ihm. Durch den tiefen Ernst seines Gesichtes schimmerte ein Lächeln über den Sieg, den er errungen. Nach einiger Zeit kam der Schaffer in die Stube getappt.
»Pst! Tritt doch nich so auf, Mensch!«
Der Schaffer zog die Holzpantinen aus und nahm sie in die Hand.
»Is wahr?« fragte er leise und zeigte mit den Pantinen erst auf Heinrich und dann nach dem Kretscham.
Mathias nickte.
»Ja, sie is fort! Weil ihr Bruder angezünd't hat, denkt sie, sie darf nich als Frau uff a Buchenhof kommen. Sie hat zuviel Ehrgefühl.«
Dem Schaffer fiel eine Pantine auf den Fußboden.
»Pst -- Mensch! Halt' doch Deine Latschen feste! A muß schlafen!«
»A is wull -- a is wull -- ganz disperate um a Kopp?«
»Ja, aber geh' lieber raus! Ich erzähl' Dir's heute abend.«
Der Riese bückte sich gehorsam nach seinem verlorenen Pantoffel und schlich aus der Stube.
* * * * *
Der Abend kam. Mathias saß noch immer im Lehnstuhl und sah nach dem Schlafenden, manchmal sehr sorgenvoll, aber dann auch wieder mit all seiner zärtlichen Liebe. Es war doch sein guter, lieber Heinrich! Er hatte ihn schwer vermißt die wenigen Wochen und nur immer keinen Mut gefunden, wieder zu ihm zu gehen. Jetzt kann er ihn ohne allen Groll anschauen. Die Liese ist im Frieden. Die einzige von allen, die im Frieden ist! Die anderen alle sind zerstreut in der Fremde.
Nun war es schon ganz finster, und Heinrich schlief noch immer. Draußen pfiff der Wind durch die Äste der Bäume.
Da ging die Tür leise auf. Eine dunkle Gestalt erschien und blieb regungslos stehen.
»Wer kommt? Wer ist da?« flüsterte Mathias.
Ein leises Schluchzen kam von der Tür.
»Mathias! Ich bin's!«
»Lene! Du?«
Er ging hin, faßte sie an der Hand, zog sie nach dem Hausflur und schloß vorsichtig die Tür.
»Wo kommst Du her? Was willst Du?«
»Die -- die Schräger-Lotte hat an mich geschrieben. Heute nachmittag kriegt' ich den Brief.«
»Auch an Dich? Komm mit 'rauf, Lene; da drinnen schläft der Heinrich.«
In der Giebelstube saßen sie beide zusammen. Lene lag mit dem Gesicht auf dem Tisch. Mathias las den Brief.
Liebes Fräulein Raschdorf!
Eine Unglückliche schreibt an Sie. Ich bin die Braut Ihres Bruders geworden, weil ich ihn liebte und weil ich des festen Glaubens war, daß die Vorwürfe, die Sie und Mathias Berger meiner Familie machten, unbegründet seien. Durch den Tod meines unglücklichen Bruders habe ich die traurige Gewißheit gewonnen, daß ich mich getäuscht habe und daß Sie im Recht waren. Deshalb gebe ich die Verlobung auf, weil ich nicht in ein Haus eindringen will, das durch meine Familie so schwer geschädigt worden ist. Ich gehe in die Fremde und bin, wenn Sie diesen Brief bekommen, schon weit von der Heimat, wohin ich nie zurückkehren will. Ich gehe fort, weil Ihr Bruder alles versuchen würde, mich umzustimmen, weil ich mich zu schwach fühle, auf die Dauer zu widerstehen, unfähig, ihm auch nur noch einmal unter die Augen zu treten, und weil ich nicht sein werden könnte, ohne ihn zu betrügen. Ich bitte Sie um alles Kummers willen, den Sie durch uns erfahren haben, um Verzeihung und flehe Sie an, zu Ihrem unglücklichen Bruder zurückzukehren, da er jetzt nicht allein sein kann und darf.
Charlotte Schräger.
Mathias Berger schob den Brief zurück und wurde rot im Gesicht.
»Lene, wir haben ihr unrecht getan. So -- so wie die wird selten eine sein.«
Das Mädchen antwortete nicht; sie schluchzte nur heftig. Nach einer Weile sagte sie:
»Sie muß zurück -- sie muß zurück zu ihm!«
»Geht nich, Lene, geht ja nich! Es weiß niemand, wo sie is, nich amal ihr Vater!«
Und an den zwei Menschen erfüllte sich wieder, was so alt ist wie die Welt: In allen Feindseligkeiten der Menschenkinder ist es die edle Tat allein, die den Sieg findet, die hinübergeht ins feindliche Lager, den Gegner anschaut mit milden, magnetischen Augen und, während sie ihn verwirrt und bestürzt macht, ihm die Waffen sacht, aber unwiderstehlich aus der Hand nimmt.
Die beiden schämten sich voreinander und vor sich selbst. Dann suchten sie einen Trost herbei: sie hätten's nicht besser gewußt.
Sie sprachen eine Weile miteinander, dann gingen sie leise hinab nach der Wohnstube. Die Lampe brannte, und Heinrich saß am Tisch. Er schaute nicht auf, als sie eintraten.
Wieder blieb die Lene an der Tür stehen; dann plötzlich eilte sie durch die Stube und kniete vor dem Tisch nieder.
»Heinrich!«
Er sah sie überrascht an.
»Lene -- was willst Du hier?«
Das Mädchen war unfähig, ein Wort zu reden.
Mathias faßte Heinrich um die Schultern.
»Sei gut, Heinrich! Die Lotte hat an sie geschrieben. Sie sieht ja jetzt auch ein, daß sie der Lotte unrecht getan hat, und ich auch.«
Heinrich lachte.
»Das ist alles, was sein kann, daß Ihr das einseht! Das ist ja gerade noch zeitig genug. Nachdem alles kaput gegangen ist, sehen sie's ein!«
»Heinrich, laß mich wieder hier, laß mich wieder bei Dir!« schluchzte Lene.
»Nein! Wer fortläuft, braucht nicht wiederzukommen! Niemand! Nicht Mathias, nicht Du und auch die drüben nicht! Sie hätte nicht nötig gehabt, so heimlich zu tun; ich hätt' sie nicht geholt. Und Dich brauch' ich nicht mehr! Ich brauch' niemand!«
Die Lene erhob sich.
»Soll ich -- soll ich wirklich gehen, Heinrich?«
»Ja!«
»Nein, sie geht nich, und ich geh' auch nich! Wir bleiben hier. Morgen früh, wenn Du willst, werden wir gehen. Nich jetzt in dem Wetter und in der Nacht! Das kannste nich verlangen!«
Heinrich antwortete nicht. So setzten sich beide an den Tisch. Eine Weile waren alle stumm, dann sagte Mathias:
»Heinrich, willste uns nich sagen, was Du machen wirst?«
»Ist nicht nötig!«
Da sagte Mathias nichts mehr. Er wußte, daß der junge Buchenbauer, in dem es fürchterlich arbeitete, von selbst sprechen würde. So kam es auch. Er sprang nach einer Weile auf und reckte die Arme in die Luft.
»Fort muß ich -- fort, fort aus diesem elenden, verfluchten Hause -- oder -- oder --«
»Heinrich, sieh mal, es wär' schon gutt, wenn Du vernünftig mit uns reden tät'st. 's beste is, Du verkaufst a Hof, und bis Du ihn los bist --«
»Soll ich hier bleiben? Hier? Nicht einen Tag! Nicht einen halben Tag mehr!«
»Das sag' ich auch. Du mußt bald fort! Morgen! Und daß die Wirtschaft nich allein is, bleiben die Lene und ich hier, bis wir sie los sind. Dann schicken wir Dir das Geld, und Du brauchst Dich um nichts weiter mehr zu kümmern, auch um uns nich.«
Darauf hörte Heinrich, und es kam eine Unterredung zustande, bei welcher Mathias Berger fast ganz allein sprach, in deren Verlauf er aber doch den jungen Buchenbauer vollends für seine Pläne zu bestimmen wußte.
* * * * *
So nahm Heinrich Raschdorf am anderen Tage Abschied vom Buchenhofe. Er war blaß, sonst verriet keine Miene seine Aufregung. Mit Mathias und Lene sprach er nur von rein geschäftlichen Dingen. Dem Mathias würde er alsbald eine gerichtliche Vollmacht schicken, den Buchenhof zu verkaufen.
Kurz nach Mittag gab er dem Schaffer den Befehl, anzuspannen. Er selbst trat noch einmal in die Wohnstube.
»Meine Kleider und Bücher schickt Ihr mir nach, wenn ich Euch meine Adresse werde geschrieben haben!«
»Ja, Heinrich!«
»Sonst bleibt alles hier! Ihr könnt ja Auktion machen. Und wenn Ihr selbst was zum Andenken behalten wollt, nehmt Ihr's Euch vorweg. Ich will nichts.«
»Ja, Heinrich!«
Er ging noch einmal durch die Stube und sah auf einige Sekunden zum Fenster hinaus. Dann wandte er sich um.
»So lebt wohl! Der Schaffer wird fertig sein.«
Die Lene brach in leidenschaftliches, lautes Weinen aus, und Mathias hielt sich bleich an der Tischecke fest.
Heinrich blieb mitten in der Stube stehen. Ein paarmal hob sich seine Brust krampfhaft, dann zuckte er die Schultern und ging rasch hinaus.
Unhörbar glitt der Schlitten aus dem weitgeöffneten Tor des Buchenhofes, das bald darauf ein Knecht verriegelte.
Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich Raschdorf den Bergweg entlang; erst als er in den Wald kam, blickte er auf.
Jetzt war nichts mehr von den Höfen zu sehen, nichts mehr vom Dorfe. Es lag alles hinter ihm begraben dort unten in dem verschneiten Tal. Nur die Stelle sah er, wo er ihr einmal die Maiglöckchen gepflückt hatte. Dort lag jetzt eine Schneeschanze. Und das Brünnlein, das damals so lieblich durch die Mittagsstille sang, war tot und still.
Ein Weilchen später tagte ein Turm auf. In dessen Nähe war der Bahnhof. Dort liefen in die weiße, dunstige Ferne die Eisenschienen hinaus in die Welt.
Gestern sie -- heute er! Jedes seinen Weg! Viel Schienen laufen vom gleichen Platz, die sich auf keiner Station der Welt mehr kreuzen.
Auf dem Freiburger Bahnhof in Breslau stand ein Rekrut. Zwei Bahnschaffner und drei Frauen hatte er bereits gefragt, ob denn der Zug von Waldenburg her immer noch nicht komme, und jedesmal erfahren, daß er sich noch gedulden müsse. So setzte er sich verdrossen auf eine Bank der zugigen Halle, zog ein Telegramm aus der Tasche und las:
»Heinrich kommt vier Uhr nach Breslau. Abholen! Wichtiges vorgefallen. Mathias.«
Hannes befühlte seine Soldatenbeine. Es steckte jetzt noch ein furchtbarer Schreck darin, denn er hatte immer gedacht, ein Telegramm könne bloß kommen, wenn jemand gestorben sei. Er hatte auch augenblicklich angefangen zu heulen, als ihm das Telegramm übergeben wurde, und dafür von seinem Hauptmann, der zufällig anwesend war, einen Rüffel und gleich hinterher »Nachturlaub« bekommen, als dieser das Telegramm gelesen hatte. So war der Alte: erst anschnauzen und dann von selber Urlaub geben!
Die Beine, die Beine! Hannes ist fest überzeugt, daß er hinkt, wie er so in schweren Gedanken wieder durch die Halle schreitet. Wichtiges vorgefallen! Er ahnte, daß es nichts Gutes sein könne, und war überhaupt nicht für »wichtige« Dinge.
Da fuhr der Zug donnernd in den Bahnhof! Der junge Vaterlandsverteidiger lehnte sich an eine Säule und ließ die Leute an sich vorübergehen. Nicht lange, da sah er ihn, den er suchte.
»Heinrich! Heinrich, was ist denn passiert? Was ist denn Wichtiges passiert?«
»Du -- Hannes! Wo kommst Du her? Woher weißt Du denn, daß ich --«
»Vorsicht! Platz da! Vorsicht!«
Sie gingen hinaus auf den freien Platz vor dem Bahnhof.
»Heinrich, sag' mir, ist jemand gestorben?«
Der sah ihn ernst und wortlos an.
»Heinrich, sag' mir's doch! Ist -- ist vielleicht mein Vater gestorben?«
Dem Rekruten schoß das Wasser in die Augen.
»Nein, Hannes! Sie sind alle gesund. Nur ich -- nur ich wäre beinahe gestorben.«
»Du? Was fehlt Dir?«
»Jetzt nichts mehr! Jetzt fehlt mir gar nichts mehr!«
In einem Gasthause fanden sie einen stillen Winkel. Dort erzählte Heinrich kurz, hart, oft vom eigenen Lachen unterbrochen, was ihn hergeführt habe. Was er hier wolle, wisse er nicht. Nur von Hause wolle er fort sein. Es sei ja so herrlich in Breslau. Dann gingen sie auf Heinrichs Wunsch in ein Variété. Und ob Hannes noch im Gasthause steinunglücklich gewesen war, hier war er überrascht von den blendenden Dingen, die auf der Bühne vor sich gingen, und er vergaß vor lauter Staunen allen Kummer.
Heinrich saß still neben ihm. Er fühlte den Hohn dieser Lage. Vor einer Woche, ja noch gestern früh hätte er das nicht gedacht.
Eine Tiroler Sängertruppe trat auf. Sie sang ein Heimwehlied. Da ging Heinrich nach dem Büfett und trank ein Glas Bier, während Hannes in stummer Andacht dasaß. Die ganze Nacht saßen sie in Gasthäusern herum, und beiden glühte der Kopf. Bis zur Kaserne begleitete Heinrich seinen Freund.
»Gute Nacht, Hannes! Du warst noch der einzige, der mir treu geblieben ist, Du und Dein Vater. Jetzt werden wir uns ja hier auch manchmal sehen!«
Dann, wie er durch die nächtlichen Straßen irrte, wußte er: Es gibt keinen Ort, wo man so sterbensallein sein kann, wie in der großen Stadt.
* * * * *
Der Gymnasialdirektor war von jeher Heinrich Raschdorf sehr gewogen gewesen. Er erinnerte sich seiner sehr wohl; denn Heinrich war ehemals ein Freund seines Neffen und als solcher auch einigemal im Hause des Direktors zu Besuch gewesen.
Jetzt, als er die Lebens- und Leidensgeschichte seines früheren Schülers erfuhr, wurde sein Interesse wieder in hohem Maße wach. Es ergab sich, daß die jahrelangen, eifrigen Studien Heinrichs von großem Erfolg gewesen waren, und der Direktor versicherte, wenn Heinrich Privatunterricht nähme und fleißig studiere, würde er alle Aussicht haben, beim nächsten Abiturium als Hospitant das Examen zu bestehen.
So mietete sich Heinrich ein Zimmer und ergab sich eifrig dem Studium. Es wunderte ihn, daß eine heimliche Freude in ihm aufgeblitzt war, als der Direktor ihm die erfreuliche Aussicht eröffnet hatte. Und als er sich selbst einen Stunden- und Arbeitsplan entwarf und seine Bücher ordnete und aufstellte, mutete ihn das neue, fremde Zimmer ein ganz klein wenig heimatlich an.
So kam es, daß Heinrich Raschdorf ein stiller Mann wurde, einer, der nie lachte, aber auch nicht mehr klagte oder mit dem Schicksal grollte.
An den Sonntagen besuchte ihn Hannes. Der brachte immer ein gut Teil urwüchsiger Laune mit. Heinrich ließ ihn plaudern und lachen. Nur von der Heimat durfte er nicht reden. Und Heinrich Raschdorf wußte gar nicht, daß er in diesem schlichten, gutmütigen Hannes immer noch ein Teilchen Heimat liebte und für seine Sonntagssehnsucht begehrte, denn ohne Hannes wäre kein Sonntag gewesen.
Kleine Episoden ereigneten sich, die den Kampf ums Vergessen erschwerten. Einmal stiegen die jungen Freunde auf die Liebichshöhe. Es steht da ein stattlicher Aussichtsturm, von dem man das Häusermeer der Stadt Breslau gut übersehen kann und auch einen schönen Fernblick genießt. Hannes verfiel wieder ins Staunen, Heinrich aber schaute über die Stadt hinaus. Weit in dunstiger Ferne, im Südwest waren die Waldenburger Berge sichtbar, die Berge seiner Heimat. Das wußte er noch von seiner ersten Gymnasialzeit her, wo er oft dort oben seine Träumer- und Heimwehstunden gehabt hatte. Und auch jetzt konnte sich seine verbitterte Seele der tiefen Poesie, die von den Bergen der Heimat herüberstrahlte, nicht ganz verschließen.
Ja, es ist so: Wenn uns Menschen eine Sehnsucht faßt, stehen wir immer auf einem hohen Turm, von dem wir nach der Heimat schauen.
»Du, Heinrich, wo guckst Du hin? Dort nach dem großen Hause mit dem runden Dache und dem Stern oben? Das is die Synagoge, das is nämlich die Judenkirche.«
Heinrich antwortete nicht, er stand ins Schauen versunken stumm da.
Da legte auch Hannes die Hand über die Augen und sah in die Ferne. Und da kam eine große Beweglichkeit in ihn.
»Du, Heinrich, was -- was sind denn das für Berge ganz da hinten? Dort? Dort drüben!«
»Rat' mal, Hannes, rat' mal!«
»Ich weiß nich -- es sind doch nich, es sind doch nich etwa --«
»Ja! Die Waldenburger Berge sind's!«
»Heinrich!«
Der stieg schon rasch die Treppe hinab, während der Rekrut wie gebannt dort oben stand und keinen einzigen Blick mehr übrig hatte für die große Stadt, sondern mit sehnsüchtigen Augen nach dem Horizont schaute, an dem doch nichts zu sehen war als ein paar matt abgegrenzte, graublaue Linien. --
Ein andermal kam Hannes zu Heinrich, legte ein Paket auf den Tisch und sagte:
»Da! Es ist Wurst! Es ist a Schiff von Hause gekommen, und da haste die Hälfte!«
Heinrich sah ihn unwillig an.
»Wer heißt Dich das, Hannes?«
»Niemand! Ich selber! Ich will mich auch amal nobel machen, weil Du mich doch immer freihältst.«
»Du nimmst das Zeug wieder mit, Hannes! Ich hab' genug zu essen!«
»Ich och! Und zu trinken och! Und für mich braucht keen Mensch mehr zu bezahl'n, wenn Du das nich nimmst; ich hab' meine Löhnung. Verstehste?!«
Heinrich mußte die Wurst behalten; aber an dem Abend, da er davon aß, konnte er nicht studieren. So schenkte er den ganzen Vorrat seiner Wirtin. --
Als das Frühjahr kam, wurde Heinrich unruhig: der Bauer regte sich in ihm. Täglich dachte er an die Feldarbeiten, für die nun die Zeit gekommen war, und einmal ging er soweit spazieren, bis er einen pflügenden Bauer traf. Dem sah er länger als eine halbe Stunde zu. Langsam und in tiefen Gedanken ging er dann noch am Oderfluß entlang, und als er heimkam, schrieb er an Mathias, er solle einstweilen seine Bemühungen um den Verkauf des Buchenhofes einstellen. Er selbst werde allerdings nie nach Hause zurückkehren, aber es könne doch sein, daß er für den Hof noch eine andere Bestimmung träfe. -- So kam die Zeit des Examens heran. In den letzten Monaten arbeitete Heinrich mit Anspannung aller Kräfte, und sein Gesicht wurde blaß und schmal. Die Hände waren längst wieder weiß und weich.
Einige Zeit später erhielt Hannes wieder ein Telegramm. Er erschrak abermals heftig, beschloß aber, sich diesmal in keine vorzeitige Trauer zu stürzen, sondern öffnete und las:
»Examen bestanden. Komme so bald als möglich zu mir. Heinrich.«
Der junge Kriegsmann stand ganz fassungslos, erstens, weil der Heinrich nun ein wirklicher Student war, und zweitens, weil es möglich war, aus demselben Ort, wo man lebt, ein Telegramm zu erhalten.
Er besorgte sich Urlaub, überzählte sein Geld, lieh sich noch drei Mark hinzu, kaufte einen Bierkrug und machte sich mit dem Geschenk auf den Weg zu Heinrich.
»Heinrich! Mensch! Ich bring' Dir ein sehr schönes, teures Bierseidel, weil Du doch jetzt Studente bist!«
Da lachte Heinrich Raschdorf seit langer Zeit wieder das erste Mal.
Er schüttelte dem Freunde die Hand.
»Hannes, alter Kerl! Freust Du Dich wirklich so?«
»Freuen? Ich freu' mich so schrecklich, daß ich jetzt bestimmt wieder mal Arrest krieg'. Denn ich hatte ganz gewiß gedacht, Du fällst durch!«
Als sie dann beisammen saßen und Heinrich aus dem neuen Kruge getrunken hatte, sagte er:
»Hör' mal, Hannes, nun wollen wir mal über die Zukunft reden. Bis jetzt war mir alles so recht egal, aber heute will ich wieder mal Pläne machen. Also ich studiere Medizin.«
»Was?«
»Weißt Du, ich werd' ein Doktor. Kranken Menschen helfen, das ist noch etwas, was sich lohnt. Die Liese ist auch glücklich, weil sie bei Kranken ist. Und Du, Hannes, wirst wieder Bauer, wenn Du vom Militär los bist. Mit dem Bergmann werden, das ist nichts für Dich.«
»Nee, wirklich nich! Aber es is um die fünfzehn Mark wöchentlich und um die Lene. Die will ich doch heiraten.«
»Ja natürlich! Also kurz gesagt: Du pachtest mir den Buchenhof ab.«
Hannes zwinkerte ihn wehmütig an.
»Den Buchenhof abpachten? Das wär' was! Mein ganzes Vermögen is a Taler Schulden.«
»Vermögen brauchst Du nicht; etwas hat ja die Lene. Du bezahlst die Zinsen, und was von dem Gute und von der Ziegelei jährlich heraushängt, das heißt, was übrig ist, davon gibst Du mir die Hälfte als Pacht, wenn das Jahr um ist.«
Wenn Heinrich Raschdorf dem Hannes seine mathematische Prüfungsaufgabe vorgerechnet hätte, so hätte ihm der mit keinem fassungsloseren Gesicht gegenüber sitzen können als jetzt. Also gab ihm Heinrich einen langen, deutlichen Bericht über alle Ausgaben, die der Buchenhof erforderte, über die durchschnittlichen Erträgnisse und über den voraussichtlichen Gewinn, mit dem beide zufrieden sein könnten, wenn sie sich bescheiden einrichteten.
Das Ende vom Liede war, daß Hannes dem Heinrich um den Hals fiel und zum Steinerweichen zu heulen anfing. Erst allmählich gewöhnte er sich an das riesengroße Glück, das ihm bevorstand. Pächter vom Buchenhofe! Er, der arme Sohn des Schaffers! Und die Lene sein! Und er konnte wieder aufs alte, heimatliche Feld!
Nach einer Weile machte er plötzlich ein auffällig schlaues Gesicht, entschuldigte sich, ging auf eine Viertelstunde fort und kehrte mit vor Aufregung glühenden Wangen zurück.
»Weißte, was ich gemacht hab'?« fragte er, noch keuchend vor Aufregung. »Telegraphiert hab' ich! Nach Hause telegraphiert, daß ich Pächter bin. Die könn'n auch amal erschrecken, und ich kann mir das Telegraphieren leisten!«
* * * * *
Ein paar Tage später kam ein langer Brief des alten Mathias an Heinrich. Eine Stelle darin hieß: