Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen
Part 15
Ein Rutschen -- ein schwaches Knacken -- dann ein markerschütternder Schrei, und ein schwerer Körper sauste aus der Höhe auf die Tenne. Einen lallenden Schreckenslaut stieß der Knecht aus. Dann war Totenstille.
* * * * *
Auf das Schreien des Knechtes kamen die Leute mit Lichtern nach der Scheune gestürzt, dann eilte eine Magd über die Straße hinüber nach dem Kretscham. Sie riß die Tür auf und schrie in die Stube:
»Jeses, a Unglück, a Unglück! Der Gustav hat unsre Scheune anzünden woll'n, und da is a von der Leiter gestürzt und hat a Hals gebrochen!«
»Du -- Du -- o Du -- ich -- i -- was -- was? --«
Lotte stierte in wahnsinnigem Entsetzen die Magd an; wollte reden, schreien, fragen, konnte es aber nicht.
Heinrich nahm sie fest am Arm.
»Schräger! Herr Schräger! Ihr Gustav! Ach Gott, ach Gott! Den Hals gebrochen!« wimmerte die Magd.
Schräger saß da wie ein Bild aus Stein, gänzlich wortlos. Er stöhnte nur. Ein dumpfes Gurgeln drang ihm aus der Kehle; die Augen stierten entsetzt die Magd an, die immerfort weiter schrie, weiter jammerte, dann fingen seine Hände an zu tasten, seine Füße an zu rutschen, und so glitt er schwer unter den Tisch.
Ein paar Minuten später brachten sie den Verunglückten auf einer Futtertrage herüber. Er war tot.
Auf die Diele der Gaststube legten sie ihn und standen dann alle stumm an der Tür. Schräger, dem Hirsel und Heinrich auf die Bank geholfen hatten, hatte lautlos zugesehen. Jetzt erhob er sich. Er wollte hingehen, aber die Glieder versagten ihm. Mitten in der Stube fiel er nieder, und ehe ihn die anderen aufrichten konnten, kroch er wie ein Tier auf Händen und Füßen zu seinem toten Kinde, legte sich mit seinem Körper über die Leiche und blieb zuckend und wimmernd liegen. Lotte führten die Frauen hinüber nach der Wohnstube. --
In später Nacht ging Heinrich Raschdorf heim. Als er die Lampe angezündet hatte, sah er sich scheu um. Das große Bild seines Vaters schaute von der Wand herunter. Und der Sohn sah das Bild an in der Stille dieser seiner Verlobungsnacht, und ein tiefes Schauern ging ihm durch Leib und Seele.
»Nun bist Du gerechtfertigt, Vater! Gerechtfertigt und gerächt!«
Dann stieg er langsam wie ein Kranker hinauf in seine Stube.
* * * * *
Ein stürmischer Tag folgte dieser Nacht. Der Wind jagte die Schneewolken über Wald und Dorf und peitschte Häuser und Bäume. Und also stürmte es auch in den Geistern der Leute. Wie ein Blitz ein schwarzes, enges Tal, in das kein Auge zu schauen vermochte, urplötzlich durchleuchtet, so war es hier. Die Leute erkannten nun, wer das erste Mal der Brandstifter gewesen war.
Die Arbeit ging an diesem Tage lässig in allen Häusern, denn alle Leute redeten, standen zusammen und plauderten erregt. Das fühlten alle: daß an den Buchenhofleuten schwer gesündigt worden sei. So manchen kam die Reue an, und er nahm sich vor, wieder gut zu machen, wo er etwa gefehlt habe. Die Männer namentlich bedauerten, daß sie der Einladung zur Verlobung im Kretscham nicht Folge geleistet hätten, weil sie dadurch den Raschdorf-Heinrich aufs neue gekränkt hatten. Den Barbier aber trafen die schwersten Vorwürfe, weil er dem Idioten Bier gegeben hatte, und alle meinten nun, er sei schuld an Gustav Schrägers grauenvollem Tode, er sei überhaupt immer der Hetzer und der Schuldige gewesen; ohne ihn wäre alles nicht so schlimm geworden.
So kam es, daß der Barbier in dieser Zeit seine Heimat verlor. Schon nach wenigen Wochen ließ sich ein flinker Konkurrent im Dorfe nieder, und ein wenig später zog der Barbier verachtet und heimatlos von dannen. Auch im Dorfleben ist die öffentliche Meinung souverän; wer bei ihr in Ungnade fällt, dem steht keine Berufung zu; er zieht in die Verbannung.
Über Schräger waren sich die Leute nicht einig. Seine Person blieb im Dunkel. Die Weiber waren geneigt, ihn zu verurteilen, aber die Männer meinten, nun sei es angebracht, recht oft in den Buchenkretscham zu gehen, um am Ende einmal etwas herauszukriegen oder zu erleben. --
Gegen neun Uhr vormittags ging Heinrich Raschdorf nach dem Kretscham. Die Leute hatten eben den Toten in eine leere Kammer zu ebener Erde gelegt. Eine Öllampe hatten sie ihm zu Häupten gestellt, die brannte in trübem Schein.
Erschüttert betrachtete Heinrich die Leiche. Der Verderber seines Hauses, der Bruder seiner Braut und alles in allem ein unglücklicher, beklagenswerter Mensch!
Draußen traf er die Stenzeln und fragte sie nach Lotte. Das Weiblein wischte sich mit der Schürze übers Gesicht. »Ach, du mein Gott! Die hat sich in ihre Stube geschlossen und kommt nicht heraus und gibt keine Antwort.«
Er stieg die Treppe hinauf und klopfte an ihre Türe.
»Lotte! Lotte!«
Ein leises Weinen.
»Lotte! Gib Antwort! Bist Du krank?«
»Heinrich, ich kann nicht heute -- nicht heute --«
»Bist Du krank, Lotte? Sollen wir einen Arzt holen?«
»Nein, nicht -- nicht! Ich bin nur müde -- müde!«
»Reg' Dich doch nicht so auf, liebe Lotte! Ich bitte Dich!«
»Ja, Heinrich, ja!«
Er stand noch ein Weilchen an der Tür, aber sie sagte nichts mehr. So ging er und schärfte der Stenzeln ein, die Lotte nicht allein zu lassen.
Schräger war noch nicht zu sehen. Auch er hatte sich in seine Stube eingeschlossen und kam nicht heraus; er gab auch keine Antwort. Nur sein schlürfender Schritt war manchmal zu hören.
Schon gegen drei Uhr nachmittags erlosch der Tag. Heinrich kam aus der Stadt zurück, wo er einiges für das Begräbnis besorgt hatte. Wieder verlangte er Lotte zu sehen. Aber die Stenzeln überbrachte ihm nur die Bitte, sie ganz allein zu lassen.
»Stenzeln! Was macht sie denn? Was tut sie so allein?«
Die Frau zuckte die Schultern.
»O du mein lieber Gott! Was wird sie machen? Nischt! Sie sitzt da und grübelt und sagt kein Wort!«
»Stenzeln, bringen Sie ihr die Rosen und sagen Sie, ich will ihr heute Ruhe gönnen; aber morgen muß ich sie sehen. Auf jeden Fall! Und sie soll sich nicht grämen, der Gustav war ein armer, unglücklicher Mensch; er hat's nicht besser verstanden.«
Die Stenzeln nickte und versprach alles auszurichten. Dann ging Heinrich nach Hause.
Gegen sieben Uhr klopfte die Stenzeln an Schrägers Tür. »Herr Schräger, machen Sie auf! Sie müssen doch was essen!«
Er öffnete. Entsetzt wich die Stenzeln zurück. Dieser Mann sah aus wie ein zusammengeducktes, furchtsames Tier.
»Herr Schräger! Jeses! Wie sehn Sie denn aus?«
Er lehnte sich an die Wand und sah sie lauernd an.
»Ist jemand gekommen? Hat jemand gefragt?«
»Wer soll denn gekommen sein?«
»Niemand gefragt? Nach mir? Nach mir, Stenzeln?«
»Wer denn? O Gott, wer denn?«
»Stenzeln, wenn der Wachtmeister kommt, ich -- ich bin nicht da! Hörst Du? -- Nich da! -- Fort -- verreist! -- Hörst Du?«
»O du mein Himmel, er kommt ja nicht! Ach Gott, so ein Unglück, so ein schreckliches Unglück!«
Er kam ihr ganz nahe.
»Stenzeln! Sagen die Leute was über mich?«
»Was sollen sie denn sagen?«
»Ich hab' nischt gewußt, Stenzeln! Hörst Du? Nischt gewußt! Sag's den Leuten! Ich -- ich kann nich dafür, ich bin unschuldig! Hörst Du? Sag's den Leuten, sonst verklag' ich sie, sonst verklag' ich sie alle! Sag' ihnen das!«
Er sank auf einen Stuhl. Die Stenzeln fing an zu weinen.
»Kommen Sie doch mit herunter, Herr Schräger! Bleiben Sie doch nich so alleine!«
Er schüttelte sich.
»Geh' Stenzeln, geh' raus! Es kommt jemand im Hausflur. Geh'! Sachte! Sachte! Sag' nischt, Stenzeln, sag' nischt! Ich bin nich da! Hörst Du? Geh', geh' raus! Stenzeln, geh' raus!«
Er drängte sie durch die Tür und schloß hinter sich ab.
* * * * *
Tief in der Nacht war's. Die Lotte lag mit weit geöffneten Augen im Bett. Es war stockfinster in der Stube, und die Uhr war stehen geblieben. Draußen stieß der Sturm an den Giebel, und die Äste eines hohen Baumes schlugen manchmal an die Fenster.
Das Mädchen faltete die Hände. Da drückte sie etwas -- das war der goldene Ring!
Sein Ring! Und drunten lag ihr Bruder!
Wie die Rosen dufteten!
»Er hat's nicht besser verstanden, der arme, unglückliche Mensch!«
So edel war der Heinrich!
Aber sie -- sie? War es nicht ein Verbrechen, daß sie diesen Ring trug? Daß sie in einer Familie Liebe und Glück suchte, wohin ihr Bruder Armut, Not, Tod und Schande getragen?
Die Lene! O Gott, was würde die Lene sagen! Wenn sie das jetzt erfuhr, dann ruhte ihr Fluch über ihrer und Heinrichs Liebe, jetzt mit Recht.
Der Ring! Wie er grausam drückte!
Wenn sie sterben könnte, und das auslöschen könnte, dann stürbe sie gern, noch diese Nacht!
Da! -- Draußen ging ein Schritt, ein ganz leiser Schritt! -- Jetzt! -- Ein matter Lichtschein huschte unten an der Türschwelle vorbei. Was war das? -- Was war das? -- Und nun ein Wimmern, ein furchtbares, schwer unterdrücktes Wimmern unten im Hausflur.
»O Gott, der Vater!«
Nach kurzer Zeit schlich sie die Treppe hinab. Sie beugte sich über das Geländer. Da sah sie ihn. In der offenen Tür zu der Totenkammer kniete er, zusammengekauert, den Kopf an den Türpfosten gepreßt.
Das Licht, das er getragen hatte, war erloschen; nur das Totenlämplein schien fahl aus dem Gewölbe.
»Vater! Vater!«
Sie flüsterte es. Entsetzt zuckte er zusammen.
»Wer ruft mich? O, Du Lotte, Du -- bloß Du -- bloß Du!«
Sie eilte hinab und faßte ihn an der Hand.
»Komm mit! Komm mit zu mir herauf!«
»Ja! -- Ja! -- Ja! -- Lotte -- zu Dir -- oh -- da -- da --«
Er sah noch einmal auf den Toten, auf sein schreckliches, angstverzerrtes Gesicht und die zertrümmerte Stirn. Da schloß Lotte das Gewölbe.
Droben zündete sie mit bebenden Händen die Lampe an.
Als Licht wurde, stöhnte er auf. Dann würgte er um Worte.
»Ich halt's nich aus -- ich muß Dir's sagen, es erwürgt mich -- ich hab' so schrecklich Angst -- Lotte -- ich -- ich bin schuld an allem!«
Sie sah ihn verständnislos an.
»Lotte, ich hab's ja gewußt, ich hab's ja immer gewußt.«
»Was? -- Was?«
»Daß er -- daß unser Gustav angezündet hat!«
»Das hast Du gewußt?«
Sie stammelte es.
Er sah sie an, duckte sich zusammen und stand wortlos da.
»Rede! Rede! Sag' alles! Alles! Rede! Sag's! Sofort! Sag' alles! Ich will's!«
Er ächzte, aber er brachte kein Wort heraus.
»Wann hast Du's gewußt?«
Der Verbrecher stand vor ihren zürnenden Richteraugen.
»Lotte! Hab' -- hab' Erbarmen, Lotte!«
»Wann hast Du's gewußt?«
»Gleich -- gleich am ersten Tage!«
»Vor dem Gerichtstag?«
»Ih -- ih -- ja -- ja -- vor dem Gerichtstag!«
Eine furchtbare Pause. Mit ganz leisem, teuflischem Pfeifen zog der Wind um die Ecke des Hauses.
»Du! -- Du! -- Du!«
Sie ging auf ihn zu mit furchtbarem Haß in den Augen.
»Sag' alles! Alles!«
»Ich -- ich -- ich hab' falsch -- falsch geschworen, Lotte!«
Sie sprach nicht. Sie hörte nur --! Ein Posaunenstoß dröhnte übers Haus, ein Knirschen und Klappern und ein winselndes Wimmern.
»Falsch geschworen? Warum?«
»Den Buchenhof wollt' ich -- den Buchenhof -- für -- für Euch.«
»Den Buchenhof wolltest Du?«
Das sagte sie mit gebrochener Stimme.
Dann ging sie langsam durch die Stube, schob den Vorhang vom Fenster weg und sah hinüber nach dem Buchenhofe.
Schräger setzte sich auf den Rand ihres Bettes und starrte sie an.
Sie stand regungslos, die Hände hingen ihr schlaff herab.
Nach langen Minuten wandte sie sich um. Langsam kam sie vom Fenster zurück und trat an den Tisch. Dort zog sie den goldenen Ring vom Finger, küßte ihn und legte ihn neben die Rosen.
»Was machst Du, Lotte?«
Sie sah ihn mit toten Augen an.
»Das ist jetzt natürlich aus! Die Tochter und die Schwester von solchen -- solchen Verbrechern -- -- kann er nicht heiraten.«
»Was willst Du tun, Lotte?«
»Ich werd' ihm alles sagen!«
Er stöhnte auf.
»Ihm sagen!«
Dann war es still. Die Lampe qualmte auf. Nach einer Weile schlug ein Ast ans Fenster, und es sprang eine Scheibe. Da stand Schräger auf. Langsam ging er durch die Stube bis zu einem Korbe, nach dem er in der Zwischenzeit hingestarrt hatte.
Aus dem Korbe nahm er eine Wäscheleine. Lotte hörte das leise Geräusch, blickte auf und sah den Vater mit dem grauen Strick in der Hand.
»Vater!«
Er drehte sich nicht um.
»Vater!«
Sie war bei ihm, riß ihm den Strick aus der Hand und schleuderte ihn hinter sich. Er fiel auf ihr Bett und lag wie eine graue Schlange über den weißen Kissen.
»Wenn Du's ihm sagst, komme ich auf meine alten Tage ins Zuchthaus! Da is es besser -- Schluß!«
»Vater, ich sag's ihm nicht -- ich werd's ihm nicht sagen, ich werd' Dich ja nicht verraten, aber Du mußt alles tun, was ich will -- alles!«
Im Buchenhofe schlug eine Uhr die dritte Morgenstunde. Heinrich Raschdorf lag wach im Bett. Aus dem Dämmerlicht leuchtete matt eine Silberschrift von der Wand: »Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser.«
Der Ruhelose schloß die Augen und sprach mit sich selbst, weil er sprechen mußte.
Der schuld war, lag drüben stumm und kühl. Seine arme Seele war hinüber. Und den Reinen gehört das Leben. Das zertrümmert nichts: kein Freundeszorn, kein Schwesterfluch. Auf ein reines Leben kommt kein Unsegen hernieder, auch nicht von einem Geopferten.
So kämpfte Heinrich Raschdorf wider sein empfindsames Herz. Er kämpfte lange vergebens. Drunten schlug die heisere Uhr viermal, dann fünfmal, ohne daß sich die Qual des jungen Mannes vermindert hatte. Erst gegen Morgen fiel er in schweren Schlummer.
Als der Tag lange schon ins Zimmer leuchtete, wachte Heinrich Raschdorf auf. Es war zehn Uhr vorbei. Hastig kleidete er sich an und ging sofort hinüber nach dem Kretscham.
»Ich hab's verschlafen, Stenzeln. Wie geht's? Was macht Lotte?«
Die Stenzeln ging nach der Kommode.
»'n Brief schickt sie, sie is in die Stadt. Um sieben schon. Sie muß sich ja die Trauersachen besorgen. Und der Herr is in seiner Stube und kommt nich raus. Da is der Brief! 's is a Jammer, wie das Kind ausgesehen hat heute früh.«
Heinrich zerriß den Briefumschlag und las einen Satz. Dabei schluckte er heftig, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und trat mit dem Briefe ans Fenster.
»Sie! -- Sie! -- Sie! -- -- Stenzeln! -- -- Da -- da -- sie ist ja fort -- sie ist ja fort, Stenzeln!«
»Herr Raschdorf! Jeses, was reden Sie denn?«
»Stenzeln, sie ist fort! Sie kommt nicht wieder! Sie kommt nicht wieder!«
»Ach Gott, Herr Raschdorf, ach Gott. Das ist ja nich möglich -- was --«
Er schob sie beiseite und stürmte die Treppe hinauf.
»Herr Schräger! Machen Sie auf!«
Von den Schlägen seiner Fäuste dröhnte die Tür.
Ein Stöhnen kam aus der Stube.
»Aufmachen! Ich hau' die Tür ein! Ich hau' wahrhaftig die Tür ein!«
Die Tür ging auf.
»Da -- der Brief! Sie ist fort! Sie schreibt, sie will mich nicht heiraten! Sie kommt nicht wieder! Das ist ja verrückt! Das ist ja total verrückt!«
Schräger starrte mit bleichem Gesicht und weitgeöffneten Augen den rasenden jungen Mann an.
»So reden Sie doch! Reden Sie doch ein einziges Wort! Wissen sie, daß sie fort ist, daß sie nicht wiederkommt?«
Schräger keuchte.
»Ja!«
»Sie wissen's? Und Sie sagen mir nichts? Sie lassen sie fort? Sie lassen mich schlafen? Mensch!«
Er erhob die Fäuste gegen ihn. Schräger duckte sich zusammen.
»Wegen 'm Gustav! Bloß wegen 'm Gustav,« stammelte er.
»Wohin?! Wohin ist sie?«
»Ich -- ich weiß nich.«
»Das ist nicht wahr! Das ist Schwindel! Das ist 'ne Lüge! Ich will's wissen! Wohin ist sie? Wohin ist die Lotte?«
»Sie -- sie hat mir's nich gesagt.«
»Wohin ist sie?!«
Das schrie er.
»Ich weiß nich, wahrhaftig, ich weiß ja nich! Ich kann nischt dafür! Ich kann ja gar nischt dafür!«
Heinrich Raschdorf stand zitternd vor ihm. Auf Sekunden mußte er mit sich kämpfen, den Mann nicht zu mißhandeln, ihm nicht mit Gewalt das Geständnis zu entreißen. Dann aber warf er den Kopf zurück, grub die Hände in die Taschen und ging ein paarmal rasch durch die Stube. Schließlich setzte er sich auf einen Stuhl, Schräger gegenüber.
»Ich will ja vernünftig sein, ich will ja nicht schreien, ich will ja alles auf mich nehmen, aber das müssen Sie mir sagen, wohin sie ist. Es ist ganz klar, daß Sie mir das sagen müssen. Sie ist doch meine Braut!«
»Heinrich, ich weiß nich! Sie will weit fort. Und ich soll die Wirtschaft verkaufen, und dann soll ich nachkommen.«
»Wohin sollen Sie nachkommen?«
»Das weiß ich nich. Das wird sie erst viel später schreiben, sagte sie. Sie wird erst einen Ort suchen.«
Es wurde still. Heinrich Raschdorf starrte mit bewegungslosem Gesichte den alten Schräger an. Unten wurde die Tür geöffnet; -- zwei Männer stapften in den Hausflur und setzten etwas nieder.
»Guten Tag! Wir bringen den Sarg!« sagten sie.
Der alte Schräger hörte es und legte die Hände über das Gesicht. »Ich wollte, es gält' mir!«
Heinrich hörte von alledem nichts. Nach einer Weile erhob er sich.
»Und sie hat nichts für mich hinterlassen als den Brief?«
»Sonst nichts!«
»Sagen Sie: Können Sie mir schwören, daß Sie nicht wissen, wohin sie ist, warum sie fortgeht, schon vor dem Begräbnis? Können Sie mir das schwören?«
»Schwören?! Nein, schwören tu ich nich! Nein! Aber ich weiß nich, wo sie hin ist. Ich hab' sie selber gefragt; sie sagte, ich würd' es Ihnen verraten, und gerade deshalb sagte sie mir's nich.«
»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Ich hab' hier weiter nichts mehr zu tun.«
»Heinrich! Herr Raschdorf! Bleiben Sie noch, bleiben Sie noch ein kleines bißchen! Es ist schrecklich so alleine. Und dann -- ich hab' eine Bitte, die hat mir noch die Lotte aufgegeben.«
»Was?«
Schrägers Gesicht wurde feuerrot, und das Wasser stieg ihm in die Augen.
»Was für eine Bitte?« drängte Heinrich.
»Kaufen Sie mir -- kaufen Sie mir meine Wirtschaft ab. Ich -- laß' sie Ihnen für das halbe Geld.«
Die Tränen liefen dem Manne übers Gesicht, und man sah, wie er die Worte unter furchtbarem Schmerz und schwerer Überwindung hervorbrachte.
»Ihre Wirtschaft? Das will die Lotte?«
»Ja! Ich hab's ihr in die Hand versprochen. Und wenn ich's nich tue, seh' ich sie nich wieder.«
Heinrich war nicht gleich fähig, etwas zu sagen. Nach einer Weile erst fragte er:
»Warum will sie das?«
»Sie meint, weil Ihr -- weil die Raschdorfs durch uns -- ich will sagen durch unseren armen Gustav geschädigt worden sind.«
»Ja so! Und vielleicht auch, weil sie mich ohne Abschied im Stich läßt. Da soll ich eine Wirtschaft zu halbem Preis kriegen. Eine Abfindung soll ich bekommen.«
Er lachte bitter. Sie ging nicht nur ohne Abschied von ihm, sie schied mit einer Beleidigung.
»Herr Schräger, ich mag Ihre Wirtschaft nicht, ja, Sie können erleichtert aufatmen! Ich mag sie nicht umsonst! Sie ist auch umsonst noch zu teuer. Wenn die Lotte das Gewissen drückte, dann hätte sie wissen müssen, daß es einen einzigen Schadenersatz für mich gab, und das war sie selbst. Mit einer Wirtschaft ist mir nicht gedient. Im Gegenteil! Wenn Sie den Buchenhof haben wollen, spottbillig haben wollen, können Sie ihn heute oder morgen haben. Heute oder morgen, je eher, je lieber!«
Ein ganz leises, verirrtes Leuchten blitzte durch die Äuglein des alten Wirts; es erlosch gleich wieder.
»Den Buchenhof? Billig? -- Was nützt's! Es is zu spät! Es geht nich mehr!«
»Und hat Ihnen die Lotte nicht gesagt, wann sie Ihnen Nachricht geben will?«
»Ja! Zeitigstens in einem Jahre! Ich hab' ihr tausend Mark mitgeben müssen. So lange das reicht, schreibt sie nich.«
»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Lassen Sie sich's gut gehen!«
»Bleiben Sie noch ein bißchen, ein kleines bißchen.«
»Nein! Ich hab' keine Zeit. Ich habe schon zu viel Zeit hier zugebracht. Leben Sie wohl!«
Die Treppe ging er hinab. Er hielt sich fest an das Geländer und schwankte doch und trat schwer auf.
Unten aus dem Hausflur klang Schritteschlürfen und gedämpftes Sprechen. Sie legten den Toten in den Sarg.
Heinrich wandte sich nicht um, und als die Stenzeln kam und ihn in der Haustür am Ärmel faßte, schüttelte er sie ab.
Drüben in seiner Wohnstube sah er sich um.
Da war er! Da kam er wieder! Er kam von drüben, kam wieder nach Hause.
Sein Lachen schallte unheimlich auf.
»Ist das schön! Ist das schön zu Hause!«
Langsam setzte er sich hinter den Tisch und lehnte den heißen Kopf gegen die kühle Mauer. Die Augen starrten ausdruckslos nach der Decke; der Mund war ein wenig geöffnet. Wie schwere Betäubung lag's auf seiner Stirn. Eine graue Spinne kroch aus einem Winkel, blieb an der Decke gerade über ihm stehen und starrte ihn mit ihren unbeweglichen Augen unheimlich an.
Lange saß er so am Tisch, ohne sich zu rühren. Dann ging er schwer durch die Stube, zog Lottes Brief aus der Tasche, öffnete den Ofen und warf den Brief hinein.
»Da, du verfluchter Wisch! Da brennst du, brennst wie Schwefel! Oho, da steht das Wort »Liebe«! Siehst du, wie schön eine Lüge brennt? O ja! Und jetzt ist's gut, jetzt ist's aus!«
Er setzte sich auf die Ofenbank. Des Vaters Jagdgewehr fiel ihm ein. Es war zweiläufig. Die eine Patrone war abgeschossen, die andere steckte noch. Am Ende wäre sie noch brauchbar. Schade um so eine Patrone, wenn sie jahrelang unbenutzt in einem Laufe steckt!
Er sah hinüber nach des Vaters Bilde.
»Jawohl, du -- wir haben hübsche Nachbarsleute! Da ist was zu holen, etwas ganz Bestimmtes, das keiner zweimal braucht!«
Eine halbe Stunde verging. Grauen, Schmerz, Wut wechselten in seiner Seele ab, über alles ging eine riesengroße Verwunderung, die Verwunderung, daß ein Mensch so handeln könne wie die Lotte, die Verwunderung, daß einen Menschen ein so jammervolles Schicksal treffen könne wie ihn. --
Das Hoftürchen ging draußen, und ein Männerkopf wurde an den Fenstern sichtbar -- Mathias!
Heinrich rührte sich nicht, sagte auch kein Wort, als es leise an die Tür klopfte. Da öffnete Mathias behutsam und trat ein.
»Heinrich!«
Der regte sich nicht und sah auf den Fußboden.
»Heinrich, die Lotte schickt mich zu Dir! Sie hat mir einen Brief geschrieben.«
»So? Dir auch? Da kannst Du lachen! Mein Brief steckt schon im Ofen!«
Mathias trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Wir müssen miteinander reden, Heinrich!«
»Reden? Nein! Ich will nicht! Tu mir den Gefallen und geh' wieder. Was kommst Du wieder? Ich kann niemand gebrauchen. Dich auch nicht! Wirklich nicht! Sieh mich nicht so an! Es ist mir lästig!«
Mathias legte ihm beide Hände auf die Schultern.
»Nein, alter Heinrich! Ich geh' nich! Ich geh' bestimmt nich! Ich geh' überhaupt nich mehr!«
Heinrich schüttelte die Hände ab.
»Gehst überhaupt nich mehr? Meinetwegen! Mir ist's egal! So bleib' halt!«
Mathias ging nach dem Tische, nahm sich einen Stuhl und setzte sich.
»Weißte was, Heinrich, ich hab' mir's auf 'm Wege hierher überlegt -- Du mußt fort!«
Heinrich hob das Haupt und sah den Alten kurz und scheu an.
»Fort? Stimmt! Ich muß fort! Da hast Du recht.«
»Ja, wenigstens auf a Jahr. Nach Breslau mußt Du! Fort hier aus dem Loche, wo Dir das Leben leid wird. In Breslau mußte Dich amüsieren oder a bissel studier'n oder Geld totschlagen, is alles egal, bloß, Du mußt hin!«
Heinrich lachte.
»Täusch' Dich bloß nicht! Ich geh' schon, geh' schon, aber nach Breslau? Nein! Täusch' Dich bloß nicht!«
»Da is gar nischt zu täuschen! Du bist a ganz verpfuschter Kunde, Heinrich! Zum Bauer taugste nich, mit a Leuten verstehste Dich nich, der alte Großknecht und die Schwester laufen Dir fort, die Braut rückt och aus -- Du paßt höchstens in die große Stadt. Dort wirste noch als a Staatskerl gelten, dort gibt's viele solche Knöppe wie Du einer bist!«
Heinrich sah auf.
»Weißt Du nicht sonst noch ein paar Witze, Mathias?«
»Witze sind das nich, Heinrich! Sieh mal, darauf kannste nu Gift nehmen: die allermeisten Menschen sind riesig dumm. Ich och und Du erst recht! Ich alter Esel rück' aus, weil mir was nich paßt, und Du junger Kerl sitzt dort, wo für Dich 's meiste Pech hingeschmiert is. Und das sag' ich Dir: die Schräger-Lotte hat zehnmal mehr Verstand im Leibe, wie Du und ich zusamm'n.«
Heinrich lachte höhnisch.
»Ja, das muß man sagen!«