Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen

Part 14

Chapter 143,902 wordsPublic domain

Er lachte wieder, ließ sie los und schüttelte sich, als ob er etwas Unsichtbares von sich abzuwälzen hätte.

»Komm, wir wollen ein Stück gehen, wir wollen alles miteinander besprechen.«

Sie gingen Hand in Hand, und die Nebel hüllten sie schützend ein. Er erzählte ihr von seiner Liebe zu ihr, wie sie eigentlich immer in ihm gelebt hätte seit den Tagen der Kindheit, wie er sie nur all die Zeit zurückgedrängt habe in langen, schmerzhaften Kämpfen, und wie diese Kämpfe furchtbar geworden seien nach jenen Tagen im Mai. Dann erzählte er ihr auch von der Liese, vom Mathias, von der Lene und von dem Ende.

Sie blieb stehen. Leise und bang fragte sie:

»So hab' ich Dir wirklich die Heimat zerstört, Heinrich? Ich?«

Er schüttelte nachdenklich das Haupt.

»Nein! Ich hab' viel darüber nachgedacht. Was ist überhaupt die Heimat? Ich weiß es nicht! Ich weiß bloß, daß ich nie eine gehabt hab', es wär' denn als Kind. Wir haben kein glückliches Leben gehabt -- alle nicht! Und so wär' es geblieben, wenn ich die Liese genommen hätte. Nein, es wär' noch viel schlimmer geworden. Denn Dich hätt' ich doch nie aus dem Sinn gebracht, niemals!«

Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er küßte sie wieder.

Tief aufatmend richtete er sich auf und stand still, als ob er sich besinnen müsse. Wie war ihm? Frei, leicht, stark war ihm zumute, so, als ob Lasten von seiner Seele geglitten und neue, heitere Wege ihm eröffnet wären.

»Lotte, jetzt wird das Glück kommen!«

Sie schmiegte sich an ihn und erzählte nun von sich, von ihrem trostlosen Heim, von der Seligkeit, die sie im Mai trotz ihres kranken Fußes empfunden über seine Fürsorge, von der langen, glücklosen Zeit, als täglich der Barbier aufs neue erzählt habe, wie sehr sich der Heinrich um die Liese bemühe, und der junge Riedelbauer sie mit seinen Zudringlichkeiten belästigt, und dann davon, wie sie gehört habe, die Liese gehe ins Kloster und Mathias habe sich mit Heinrich verfeindet. Da habe sich eine neue Hoffnung in ihr Herz geschlichen. In den Wochen darauf aber, als auch die Lene fort war und sie ihn so müde und krank herumgehen sah, da hätten die Mägde erzählt, der junge Buchenbauer werde tiefsinnig, er esse nicht mehr und wache ganze Nächte in seinem Zimmer, und dann sei wieder der Barbier gekommen und habe gesagt, der Heinrich gräme sich zu Tode um die Liese. Da sei es freilich aus gewesen mit all ihrer Hoffnung.

»Aber jetzt, Heinrich, jetzt ist doch alles anders!«

Die Glückseligkeit der Liebe strahlte auf dem Gesicht des Mädchens.

Er blieb stehen.

»Es ist mir etwas eingefallen, Lotte: Wo zwei Heimatlose sich treffen, die sich lieb haben, da wird eine Heimat.«

Sie sah ihn an voll Vertrauen und Glauben und nickte mit dem Kopfe.

Sie gingen ein Stückchen weiter. Das Mädchen kämpfte mit einem Gedanken, der endlich hervorbrach:

»Eines muß ich wissen, Heinrich: Was macht Ihr meinem Vater zum Vorwurf? Das mußt Du mir sagen!«

»Lotte, liebe Lotte, quälen wir uns doch jetzt in unserer ersten guten Stunde nicht mit den alten Geschichten.«

Sie senkte den Kopf.

»Doch, Heinrich, es ist nötig! Darüber müssen wir klar sein. Da darf nichts zwischen uns liegen! Dieses unausgesprochene Mißtrauen zwischen den beiden Höfen, das war ja das Schlimme. Das darf zwischen uns beiden nicht sein!«

»Es wird nicht sein, Lotte!«

»Aber wir müssen uns aussprechen!«

Sie machte wieder eine Pause. Dann brachte sie mit großer Überwindung heraus:

»Glaubt Ihr, daß -- daß mein Vater -- Euren Hof angezündet hat?«

»Nein, Lotte! Das ist ja gar nicht möglich! Er war ja immerfort zu Hause!«

»Aber -- aber Ihr denkt, daß er jemand dazu angestiftet hat oder daß er davon gewußt hat?«

Heinrich zögerte.

»Du weißt, Lotte, daß Mathias das behauptet hat und darum auch bestraft worden ist.«

»Und Du?«

Sie sah ihm angstvoll in die Augen.

»Ich, Lotte -- ich glaube es nicht! Es kann irgend jemand gewesen sein: ein Dienstbote aus Unvorsichtigkeit, ein Bummler, ein unbekannter Feind. Weiß Gott!«

»Es ist gut, Heinrich, denn sonst -- und was macht Ihr ihm weiter zum Vorwurf? Was sagt die Lene? Sag' mir alles! Ich bitte Dich, Heinrich!«

»Lotte, es fällt mir schwer -- gerade schon heut --«

»Ja, schon heut! Wenn es herunter ist vom Herzen, dann werden wir erst ganz glücklich sein. Was sagt die Lene?«

»Sie sagt -- unser -- unser Vater hat sich erschossen, weil ihm Dein Vater das Geld gekündigt hat.«

Lotte nickte.

»Ja, ich weiß! Der Vater hat mir's erzählt. Er ist bei Euch drüben gewesen und hat gut mit Deinem Vater reden wollen; aber der ist vergrämt gewesen und hat ihm sogar das »Du« gekündigt, und da -- da hat mein Vater das Geld verlangt. Daß aber alles so kommen würde, hat er aber nicht geahnt. Und, Heinrich, daß das gekommen ist wie ein unvorhergesehenes Unglück, deshalb trinkt ja der Vater, das hat ihn ja zugrunde gerichtet.«

Sie weinte.

»Lotte, liebe Lotte! Du hast auch schon bittere Dinge erlebt.«

»O, Heinrich! Und ich hab' keine Seele gehabt, zu der ich mich aussprechen konnte. Niemand! Ich hab' alles für mich tragen müssen. Und der einzige, den ich lieb hatte, warst Du -- und -- und --«

»Liebes, liebes Mädel!«

Er küßte sie wieder, lange und innig.

»Ich bin so glücklich, Heinrich, daß wir das ausgesprochen haben. Wenn Du so schlecht von meinem Vater gedacht hättest, hätten wir uns ja nicht haben dürfen. Nein, Heinrich, gewiß nicht, dann wär' ich Deiner nicht wert, dann wär' es ganz unmöglich. Aber das kannst Du glauben: Mein Vater hat seine Fehler; aber etwas Schlechtes hat er nicht getan. Deine Leute tun ihm unrecht, das kann ich Dir beteuern, und deshalb kann ich auch Deine Frau werden! Wenn Du's nur fest glaubst.«

»Ich glaube es, Lotte!«

Sie nickte glücklich, und sie gingen wieder ein paar Schritte weiter.

»Und was nun weiter, Lotte? Was wird Dein Vater sagen, wenn ich komme und Dich zum Weibe haben will?«

Sie senkte das Haupt.

»Er wird erschrecken, vielleicht auch sehr schimpfen. Das mußt Du nicht übel nehmen. Das ist ja natürlich. Aber er wird nicht »Nein« sagen, nicht auf die Dauer. Er kann mir keine einzige Bitte abschlagen -- keine! Und Du -- wie wird's bei Dir sein?«

»Ich? Ich bin mein eigener Herr! Ich hab's durchgesetzt bis jetzt und führ's zu Ende. Mit den andern hab' ich gebrochen. Ich bin jetzt zwar einsam, aber ich bin frei! Wenn ich Dich hab', Lotte, verschmerz' ich alles. Und die Zeit ändert manches. Meine Leute werden sich allmählich anders besinnen.«

»Hoffen wir es!« --

Lotte hatte im Dorfe einen Besuch machen wollen. Sie gab die Absicht auf.

Auf einem breiten, stillen Feldrain ging das junge Paar, und die Nebel schützten es vor neugierigen Augen. Von ihrer Zukunft sprachen sie und bauten an einer neuen Heimat. Von Westen leuchtete durch die weißen Nebel ein roter Schein. Dort ging die Sonne unter.

»Ich muß jetzt heim,« sagte Lotte. »Vielleicht, wenn der Vater allein ist, sag ich's ihm schon heute.«

»Lotte! Willst Du das wagen? Oder ist's nicht besser, wenn ich es tue?«

»Nein, Heinrich! Wenn's der Vater zugibt, tut er's bloß, weil er mich lieb hat und mir nichts abschlägt. Ich geb Dir Nachricht.«

Sie gingen ganz langsam heim. Als die Buchenhöfe aus dem dicken Nebel auftauchten, nahmen sie einen langen Abschied.

* * * * *

Als Heinrich in seine Stube trat, war's, als ob eine Trunkenheit ihn fasse.

Er vermochte nicht stehen zu bleiben an einem Ort, nicht zu sitzen; er ging immer hin und her in seliger Unrast, und manchmal schlug er die Hände vor das glühende Gesicht, und immer wieder trat er ans Fenster und sah hinüber über die Straße.

Er fühlte auch jetzt noch ihren weichen, warmen Mund. Das liebe Mädchen. Wenn sie sein würde, dann war alles gut, dann kam ein ganzes Meer von Sonne und Wonne in diese leere Stube, dann mußte hier eine herrliche Heimat sein.

Wenn er nur mit jemand reden könnte, jetzt nicht wieder allein sein müßte! Er besann sich und ging hinüber zum Schaffer.

Der Schaffer saß an seinem Tisch und studierte an einem Briefe. Er wollte das Schriftstück verstecken, aber dann besann er sich, schob es Heinrich hin und knurrte:

»Is egal! Da! Vom Hannes!«

Heinrich las:

Lieber Vater!

Indem ich Dir auch wieder einmal schreibe. Du sollst keinen Kummer um mich haben. Es geht mir gut. Aber ich hab drei Tage Arrest gekriegt. Du mußt aber keinen Kummer haben, denn sie sind schon rum. Und es war zum Aushalten. Weil nämlich die Lene an mich geschrieben hat, daß sie mich heiraten wird, da hab ich die Knöpfe nicht geputzt und bin zum Appell zu spät gekommen. Wobei einen der Unteroffizier gleich klemmt. Wogegen ich mir eins gepfiffen hab, wie ich im Kasten war. Denn ich freu mich so, daß mich die Lene heiraten tut, weil ich ihr gut bin, und weil sie ein schönes, starkes Mädel ist. Dann werde ich Bergmann, und sie näht. Da kommen wir aus, weil ich nicht trinke und auch nicht tanze. Lieber Vater, es tut mir sehr leid, daß die Lene mit dem Heinrich so Krach gemacht hat und weg ist. Die Tante Emilie, bei der sie jetzt ist, kann ich nicht gut leiden, sie ist eine alte Kröte. Aber ich muß jetzt tun wie tulpe und zu der Lene halten, weshalb ich ihr Bräutigam bin. Wo ich ja jetzt auch auf den Heinrich schimpfen muß, indem sie mich sonst nicht nimmt. Was aber alles bloß Getue ist. Denn der Heinrich ist immer mein Freund gewesen, und das laß ich nicht. Aber jetzt tu ich so und schimpf auf ihn, soviel ich kann. Das mußt Du ihm sagen, daß er's nicht übel nimmt, wenn er mal was hört. Wenn ich die Lene werd geheiratet haben, bin ich der Herr im Hause. Da wird's anders, da gibt's dann keinen Krach mit dem Heinrich mehr. Hauptsache, erst heiraten! Daß Mathias auch weg ist und die Liese, das ist sehr schade. Indem sich das aber nicht ändern läßt. Und Du mußt bleiben auf dem Buchenhof, sonst geht alles pleite. Lieber Vater, wenn ich zu Weihnachten Urlaub krieg, fahr ich nach Waldenburg. Da mußt Du am ersten Feiertag hinkommen. Denn auf den Buchenhof komme ich wegen der Feindschaft nicht. Und wenn ich keinen Urlaub krieg, da komm ich überhaupt nicht. Wegen der drei Tage! Und mußt keinen Kummer haben und den Heinrich schön grüßen und ja nichts der Lene sagen von allem. Dann kannst Du mir nötig zehn Mark schicken.

Besten Gruß

Dein Sohn

Johannes Reichel.

»Weißt Du was, Schaffer,« rief Heinrich glücklich, »schick' ihm dreißig Mark! Da sind sie! Schick's ihm! Er ist ein Prachtkerl!«

Heinrich legte das Geld auf den Tisch.

Der Riese starrte ihn blöde an, aber dann grinste er und stützte je einen Finger seiner rechten Hand schwer auf die Goldstücke, als fürchte er, ein Luftzug könne sie wegblasen.

»Und Du, Reichel, Du bleibst mir treu? Was auch kommen mag? Ja? Du bleibst bei mir, wenn sie auch alle gehen -- alle!«

Der Riese sann schwer nach. Dann sagte er:

»A alter Kater geht nich weg vom Hofe!«

»Das ist hübsch von Dir, Reichel! Wir bleiben Freunde! Und jetzt kommst Du mit hinüber. Wir wollen eine Flasche Wein mitsammen trinken, weil sich der Hannes verloben wird. Auf Hannes' Wohl, hörst Du? Nur auf Hannes' Wohl! Der hat's uns ja angezeigt.«

Reichel meinte, wenn er Wein trinken solle, müsse er sich erst waschen und die Sonntagsjacke anziehen und sein gesticktes Vorhemdchen ummachen, sonst ginge es nicht. Dann werde er aber kommen.

Als Heinrich wieder in den Hof trat, traf er die alte Stenzeln.

»Pst! Das is gutt! Da macht's kein Aufsehen! Hier! Vom Fräulein! Gute Nacht!«

Sie huschte davon.

In der Wohnstube erbrach Heinrich den Brief.

Lieber Heinrich!

Es ist alles gut. Der Vater wird einwilligen. Komm morgen früh um 10 Uhr zu uns herüber. Gute Nacht, Liebster! Es küßt Dich herzlich

Deine überglückliche Lotte.

Heinrich hob den Brief hoch und preßte ihn an seine Stirn. Dann sah er auf das große Bild seines Vaters, das an der Wand hing.

»Vater, du mußt »Ja und Amen« sagen. Ich bin zu glücklich, zu glücklich!«

Einsamkeit und Reue waren weit.

* * * * *

Der Mond hatte die Nebel vertrieben. In später Nacht lugte er in drei Stuben der Buchenhöfe.

Da sah er, wie der alte Schaffer seinem jungen Herrn die Hand gab und mit noch schwererer Zunge als sonst sagte:

»Die Lotte is gutt! Sie kann für nischt! Und es geht mich nischt an. Und ich bin Schaffer.«

Da schien er auch dem alten Schräger ins Gesicht, der heute nüchtern oben am Giebelfenster stand und hinuntersah nach dem Kirchhof und sagte:

»Nun sei zufrieden und laß mich in Ruh'.«

Und er streute silberne Funken auf Stirn und Mund der Lotte, die glückselig in ihrem Bette lag und von einer neuen, schönen Heimat träumte.

Draußen flockte leise der Schnee. Im Wohnzimmer des Buchenkretschams war es wohlig warm, und Lotte bereitete den Vespertisch. Heinrich sah ihr lächelnd zu. Jetzt setzte sie eine goldgeränderte Tasse vor ihn hin, darauf war geschrieben: »Dem Bräutigam«, und daneben stellte sie eine Tasse mit der Aufschrift: »Der Braut«.

»Aus den Tassen haben Vater und Mutter bei ihrer Hochzeit getrunken,« sagte sie.

Er sah sie an, wie sie in herziger Hausfrauenschönheit vor ihm stand, und legte den Arm um ihre Schultern.

»Lotte! Ich kann Dir nicht sagen, wie mir zumute ist. Ich denke, so mag einem sein, der aus einem Schiffbruch gerettet wurde und in einer sicheren, warmen Stube sitzt.«

Erst als sie draußen den Vater kommen hörten, gingen sie auseinander.

Mißmutig trat Schräger in die Stube.

»Was sagt man dazu -- die Bande kommt nich! Alle lassen sie absagen, alle; der einzige Hirsel will kommen.«

Heinrich biß die Zähne aufeinander. Der Wirt hatte seine früheren Stammgäste, die in letzter Zeit immer mehr und mehr ausgeblieben waren, zu einer Verlobungsfeier eingeladen und zu diesem Zwecke ein Faß echten Bieres kommen lassen.

Nun wollte niemand erscheinen.

»Ja, es ist arg,« sagte Heinrich. »Ich hätte nicht gedacht, daß sie es so weit treiben würden. Aber der Riedel hat heute ein Fest unten im Dorfe in Polers Wirtshaus angesagt und Freibier versprochen, und der Barbier ist durchs ganze Dorf, um dazu einzuladen. Das ist niederträchtig, das ist einfach niederträchtig!«

Schräger grub die Hände tief in die Hosentaschen.

»Bankrott wird man noch werden,« knurrte er in tiefstem Unmut.

Ein Schatten flog über Heinrichs Gesicht. Lotte bemerkte es wohl und legte ihrem Vater die Hände auf die Schultern.

»Vater, sei nicht mürrisch! Nicht heute! Die Leute werden schon wiederkommen. Lange wird's ihnen beim Poler nicht gefallen. Dann kommen alle wieder zu Dir.«

Schräger knurrte etwas und ging hinüber nach der Wirtsstube. Dort goß er ein großes Glas voll Rum und trank es aus.

Das Mädchen ging nach der Küche, und Heinrich war allein. Er trat ans Fenster und sah nach seinem Hofe hinüber. Je eher, je besser wollte er die Lotte hinüberholen. Denn mit Schräger war auf die Dauer nicht auszukommen.

Wie er so dastand und in das Schneewetter hinaussah, dachte Heinrich an die letzten Tage und konnte sich keiner Stunde erinnern, die er glücklich und zufrieden mit seinem zukünftigen Schwiegervater zugebracht hätte, angefangen von dem Augenblick, wo ihm dieser Mann mit schwerer, lallender Zunge das Jawort gab, bis heute. Damals hatte er ihn angewidert. Nicht einmal an dem wichtigen Tage, da eine jahrelange Feindschaft begraben und die Verbindung seiner einzigen Tochter mit dem Gegner beschlossen werden sollte, konnte dieser Mann nüchtern bleiben. Und es war vormittags 10 Uhr gewesen. Aber die Lotte hatte auch damals ihren Vater zu entschuldigen gesucht und gesagt, er habe wohl in übergroßer Aufregung getrunken.

Er hatte sich das so schön, so feierlich, so groß vorgestellt, diese Stunde der Aussöhnung, und der -- war betrunken. Er hatte nichts anderes sagen können als immer dasselbe: »Laß die Toten ruhen! Laß die alten Geschichten! Nehmt Euch! Alles is gutt! Ich kann für nischt! Laßt mich in Ruh'! Meinetwegen macht, was Ihr wollt.«

Und dann hatte er nach der Ziegelei und nach den Überschüssen des Gutes so gierig und interessiert gefragt, trotz seiner Trunkenheit, daß dem jungen Freiersmanne gegraut hatte. Und er hatte immer nach der lieblichen, unschuldigen Lotte sehen müssen, die mit schwerverhaltenen Tränen neben ihm saß, daß er nur Herr seiner selbst blieb.

Auch der schwachsinnige Bruder machte es ihm schwer. Dieser Bursche hatte eine ganz unbegreifliche Scheu vor ihm. Immer lief er fort, wenn er ihn nur witterte, und einmal, als die Lotte ihn eingeschlossen hatte, um eine Begegnung zu erzwingen, und Heinrich ein ganzes Paket Schokolade mitbrachte, die der Bursche sehr gern aß, war er im letzten Augenblick schreiend durch das Fenster entflohen.

Eine ganze Nacht war er fortgewesen und erst am Morgen wiedergekommen. Seit der Zeit wurde er außer acht gelassen.

Der Buchenhof! Wie er so sacht einschneite und nun so friedlich dalag, so recht lockend und einladend, einzutreten und allen Sturm und alles böse Wetter draußen zu lassen, heimisch zu sein in diesen festen Mauern. Recht wie eine Heimat sah das Haus aus. Aber der, dem es gehörte, wußte, daß es keine Heimat war.

Jetzt eben dachte er wieder darüber nach, und ein Gedanke ging ihm durch die grübelnde Seele: Heimat ist nicht Raum! Heimat ist auch nicht Freundschaft! Wird Heimat Liebe sein? --

»Lotte, wenn es Dir recht ist, wollen wir bald nach Weihnachten heiraten,« sagte er zu seiner Braut, als sie zurückkam.

Das Mädchen sah ihn freundlich an.

»Ja, Heinrich; ich weiß auch, warum. Und Du hast recht.« Sie kam ganz nahe an ihn heran.

»Aber gar zu böse mußt Du nicht sein mit ihm. Im Grunde ist's ja doch aus Gram um Deinen Vater!«

»Ja, Lotte, ich weiß es!«

»Ist es Dir unlieb, wenn ich immer für ihn spreche?«

»Nein! Er ist Dein Vater. Wer keine gute Tochter war, wird kein gutes Weib.«

* * * * *

Heinrichs Verlobungsabend war gekommen. Schräger hatte trotz dringender Abwehr das große Bierfaß in die Wirtsstube heraufschaffen lassen. Das stand nun in seiner ganzen tragikomischen Größe in der einsamen Gaststube.

Die Stenzeln hatte ein gutes Abendbrot bereitet, das hatten Heinrich, Lotte und Schräger schweigend verzehrt. Zuweilen nur fluchte der Wirt stumpf vor sich hin.

Gegen sieben Uhr kam der alte Hirselbauer. Schräger lachte spöttisch.

»Na, Hirsel,« sagte er in grimmiger Selbstironie und klopfte auf das große Faß, »da kannste trinken, da kannste aber trinken!«

»Wird niemand kommen, niemand sonst?« fragte Heinrich. Hirsel schüttelte verlegen den Kopf.

»Verhetzt! Alle verhetzt! Der Barbier is a Schandkerl.«

»So setzen Sie sich, Herr Hirsel: ich werd's Ihnen nicht vergessen, daß Sie gekommen sind.«

Es war eine trübselige Verlobungsstimmung. Schräger stierte immer vor sich hin und schimpfte in sich hinein, Heinrich und Lotte hielten sich an den Händen, und der alte Hirsel saß vor seinem Bierglase und wollte nicht trinken. Vom Wetter sprachen sie schließlich, von den Rübenpreisen, von ein paar nebensächlichen Ereignissen aus dem Dorfe. Dann waren wieder lange Pausen, und die alte Wanduhr tickte trostlos, einförmig. Niemand wollte reden, niemand wußte etwas zu sagen.

Mitten in all dieser Stille war Heinrich in schwerer Erregung. Zuweilen preßte er die Hand des geliebten Mädchens. Da wünschte er sich weit fort mit ihr. Wenn er einen einzigen Freund gehabt hätte, jemand, der sich mit ihm freute! So war er allein. Und das war der Abend, der für die meisten Menschen der strahlendste und glücklichste des Lebens ist, an welchem sich an jeden ein paar gute Menschen drängen, um Freundschaft zu zeigen, um Glück zu wünschen.

Hier war es so erschreckend öde. Kaum, daß ihm der alte Hirsel manchmal ein wenig zulächelte.

Dann dachte er daran, daß nun doch die eigentliche Verlobung vollzogen werden müsse. Wer sollte das tun? Wer? Schräger würde nicht anfangen.

Also er selbst! Aber es fiel ihm maßlos schwer, in solcher Umgebung und solcher Stimmung ein so schweres, entscheidendes Wort zu sprechen. Und dann, wie sollte er den Mann anreden? Jetzt mußte er »Vater« zu ihm sagen! Und es war ihm, als ob vor seiner Seele eine bleiche Gestalt auftauche und ihm mit gebietendem Blick sage: »Mißbrauche nicht meinen Namen!«

So schob er's auf in innerer Unrast, und es verging eine halbe Stunde und noch eine. Die Uhr schnarrte durchs Zimmer, und dann war wieder diese bedrückende Stille. Da, als ihn Lotte einmal bang anschaute, stand Heinrich auf: »Va-- Vater, Sie haben mir Ihr Jawort gegeben bei meiner Werbung, und Lotte und ich werden uns jetzt mit Ihrer Zustimmung verloben.«

Er wartete auf eine Antwort. Schräger stierte auf.

»Ja,« sagte er, »ja, meinethalben! Prosit!«

Und er trank.

Heinrich wurden die Augen heiß, und Lotte fing leise an zu weinen. So steckte er ihr den goldenen Ring an den Finger und sie ihm den seinen. Der alte Hirsel stand auf und sprach ein paar Glückwunschworte. Und dann war es wieder still. --

Da klopfte es ans Fenster.

»Und einen Hund, einen gro...o...oßen Hund!«

Der Bruder! Den ganzen Nachmittag war er schon wieder abwesend und nicht aufzufinden gewesen. Jetzt stand er draußen am Fenster und blökte die Zunge herein. Schimpfend erhob sich Schräger und ging hinaus. Nach kurzer Zeit kam er wieder und sagte, der Junge sei verschwunden. Vielleicht sei er nun schlafen gegangen. Man solle ihn sein lassen.

* * * * *

Draußen aber an der Gartenmauer des Buchenhofes kauerte Gustav Schräger. Er war unten im Dorfe gewesen in Polers Gasthaus, der Barbier hatte ihm viel Bier zu trinken gegeben, und alle hatten über den Idioten gelacht, bis ihn ein vernünftiger Bauer nach Hause jagte.

Jetzt kauerte der Bursche in halbem Dusel an der Gartenmauer. Manchmal sah er nach den erleuchteten Fenstern der Wirtsstube, ballte die Fäuste, knirschte mit den Zähnen oder blökte die Zunge heraus.

Dann suchte er in seinen Hosentaschen nach und brachte eine Schachtel Streichhölzer heraus. Ein böses Grinsen ging über das verblödete Gesicht, und die Fäuste ballten sich wieder.

Der Idiot betrachtete die Streichholzschachtel mit funkelnden Augen. Dann hielt er sie gegen das Ohr, schüttelte sie und freute sich an dem leisen Geklapper.

»Viel sind's,« grunzte er, »viel!«

Leise richtete er sich auf, wandte lauernd und spähend den Kopf und schlich endlich lautlos und gebückt die Gartenmauer entlang. Das Hoftürchen zum Buchenhof öffnete er. Es knarrte laut. Aber der Bursche ließ sich nicht abschrecken. Er sah sich nur ein wenig um und rannte dann schnell über den Hof bis zur Scheune.

Das Tor war nicht verschlossen, aber es verursachte ein Geräusch, als er öffnete. Nun war er in der Scheune. Er blieb stehen, holte tief Atem, und seine Augen funkelten.

»Oh! Ooh! Hoch! Hoch! Es wird brennen! Brennen!« Und er reckte die Arme in die Höhe.

Dann strich er ein Streichholz an. Es zerbrach und fiel verlöschend auf die leere Tenne. Ein zweites Streichholz! Es brannte, und in seinem Schein ging der Idiot nach dem getreidegefüllten Bansen.

»Du! Was machst Du da?«

»Jeses!«

Ein Schrei! Ein zweiter!

Das Streichholz erlosch. Eine Jagd ging los. Voran der Idiot, hinterher ein Knecht des Buchenhofes, der das Geräusch der Tore gehört hatte und dem Burschen nachgeschlichen war.

»Stehen bleiben! Halt! Stehen bleiben!«

Ein furchtbares Brüllen kam dem Jungen vom Munde. Er fiel über einen Gegenstand, stand auf, sprang weiter und fand in der Angst nicht das Tor. Es war rabenfinster. Man hörte das Keuchen der beiden Menschen. Ein paarmal streifte der Knecht mit der Hand den Jungen. Der aber wich immer geschickt aus. Es war ein furchtbares, entsetzliches Suchen und Haschen. -- Eine Leiter stand da, die nach dem Getreideboden führte -- jetzt faßte der Idiot die Leiter und stieg hinauf, lautlos wie eine Katze.

Der Knecht stand unten lauschend still. Wo war er?

»Wo bist Du, Lump? Wart', vielleicht auf der Leiter -- wart', da krieg ich Dich!«