Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen
Part 13
In der großen Wohnstube des Buchenhofes brannte die Petroleumlampe. Heinrich saß, wie fast immer an den Abenden, über einem Lehrbuch, und Lene nähte. Sonst war niemand da.
Da trat Mathias Berger ein. Lene erhob sich:
»Ich bring' Dir gleich das Essen, Mathias.«
»Laß, Lene, laß! Ich will nich essen.«
Sie sah ihn betroffen an.
»Was ist mit Dir, Mathias? Bist Du krank? Du bist ja kreideweiß im Gesichte.«
»Nein, ich bin nicht krank! Aber es -- es ist was passiert, und ich muß mit Euch reden, mit Euch beiden.«
Die Geschwister schauten ihn fragend an. Mathias Berger setzte sich. Er sah sie an mit seinen guten, treuen Augen, weh und schmerzlich. -- So würgte er hervor:
»Denkt amal: Meine -- meine Liese geht ins Kloster!«
»Mathias!«
»Mathias!«
Sekundenlang war es still.
Mathias sprach weiter:
»Es geht ja schon lange drum, und ich hätt' auch schon was gesagt, aber es hat sich heute erst richtig entschieden.«
»Mathias, das -- das ist ja nicht wahr, das kann ja nicht sein, das ist ja Unsinn, was Du sprichst.«
»Es ist wahr, Lene, es ist wirklich wahr!«
Heinrich hatte bis jetzt wie versteinert dagestanden. Nun sprach er gepreßt:
»Warum? Warum tut sie das?«
Mathias Berger schlug die Augen nieder.
»Sie sagt, sie hat Beruf dazu. Und das is ja wahr; sie war immer a frommes, guttes Kind, gar nich so für schöne Kleider und Vergnügen, und sie war auch immer gern bei Kranken, das is schon wahr!«
»Darum ist es?« fragte Heinrich. »Bloß einzig darum?«
Mathias antwortete nicht. Die Lene hatte die Schürze vor das Gesicht gepreßt. Wieder blieb es eine Weile still. Da schaute das Mädchen zornig und leidenschaftlich auf: »Nein, nich bloß deswegen! Sie is ihm gutt gewest -- dem! Sie hat ihm alles zuliebe getan, immer freundlich, immer so freundlich, aber der hat nischt von ihr wissen woll'n. Tagelang, wochenlang hat a nich mit ihr gered't -- und da -- und da --«
Sie brach in einen Strom von Tränen aus. Und vor der leidenschaftlichen Anklage verstummte der, den sie anging, und auch der andere, der kein Wort der Entgegnung wußte.
Lene sprach weiter:
»Weißte, Mathias, was wir sind? Lumpe sind wir! Du -- Du hätt'st uns damals sollen betteln gehen lassen -- rausschmeißen lassen -- verkommen -- da -- da wär's für Dich viel besser gewest! Jetzt haste a Dank!«
»So -- so is das nich zu nehmen, Lene! Ihr seid immer freundlich und dankbar zu mir gewest -- o ja! -- Du mußt 'm Heinrich nich solche Vorwürfe machen; a kann doch nich dafür.«
»Wohl kann a dafür! A is a Mann! A kann durchsetzen, was a will! Und a hätt' a schmuckes, braves Weib gehabt an der Liese. Nein, a wollte nich! A gafft über die Gasse zu der Bande, auf die gezierte Gans.«
»Lene!«
Heinrich rief es, der bisher kein Wort zur Verteidigung gesagt hatte.
»Lene, das verbiet' ich Dir! Mir kannst Du antun, was Du willst, dem Mädel nichts -- nichts! Ruhe biet' ich! Sie hat Dir nichts getan, mir nichts getan, uns allen nichts getan! Verdreh' die Augen, wie Du willst, vergreif' Dich meinetwegen an mir, wenn Du's wagst. Ich sag' Dir's geradezu ins Gesicht, auch dem Mathias: Ich kann nicht dafür, ich konnte die Liese nicht heiraten, weil wir beide unglücklich geworden wären.«
»Mensch, wagst Du das wirklich jetzt zu sagen, jetzt? Nein! Weil Du an der anderen hängst, an der -- an der --«
»Ja, ich hab' sie lieb! Sehr lieb! Ich fürcht' mich nicht, das auch zu sagen. Ich hab' sie gern, und ich hab' genug gelernt, daß ich weiß, daß sich so was nicht ändern läßt. Aber ich hab' mir Mühe gegeben; ich hab' mit mir gekämpft, das weiß Gott! Es ist nicht gelungen.«
»Nich gelungen? Und das is alles? Und Du -- Du sagst wenigstens nich jetzt -- jetzt in der letzten Stunde noch, eh' es zu spät is, daß Du die Liese haben willst, daß Du sie dem Mathias erhalten willst?«
»Nein! Ich kann nicht! Was auch passiert -- ich kann es nicht!«
»Dann bist Du ein ganz ehrloser Kerl!«
Sie wandte sich nach der Tür, aber Mathias hielt sie zurück.
»Lene, geh nich fort! Bleib hier! Du tust ihm unrecht, Lene! Wenn a auch wollte, es wär' zu spät. Die Liese will ihn nich mehr, schon lange nich mehr, Lene!«
Das erbitterte Mädchen antwortete dem Mathias nicht, sondern wandte sich wieder an Heinrich.
»A ehrloser Kerl! Ich sag's noch amal! Dem Manne, dem wir alles danken, ohne den wir verhungert, verlaust, verlumpt wären, sein Kind nehmen und dann sich großspurig hinstell'n und nischt anderes sagen, wie von der andern reden, kein einziges guttes Wort -- pfui -- mir würd' der Bissen Brot im Halse stecken bleiben, den ich hier noch äß'. Wir sind fertig mitsammen, wir zwei, für immer fertig!«
»Lene, aber Lene, hör' doch --«
»Mathias, laß mich! Mir graut! Mir graut vor dem da! Ich komm morgen noch amal zu Dir und der Liese runter in Euer Häusel, hier is Zeit, daß ich fortkomme!«
»Lene, wart' doch --«
Sie war hinaus. Heinrich ging auf Mathias zu und streckte ihm beide Hände hin.
»Mathias! Jetzt woll'n wir mitsammen reden, jetzt, da sie raus ist -- sie ist ja toll -- jetzt mußt Du mir sagen, Mathias, ob Du mich auch für einen ehrlosen Kerl hältst.«
Mathias schüttelte den Kopf.
»Nein, Heinrich! Ich weiß, Du kannst nich dafür.«
Heinrich zitterte vor Erregung.
»Mathias, das schwör' ich Dir: Ich kann keinen Mann mehr achten und keinem mehr dankbar sein als Dir, das ist ja selbstverständlich, und ich hab' die Liese gern gehabt und eine Verehrung für sie gehabt, wie gegen kein anderes Mädel -- aber, Mathias, zum Heiraten gehört doch die richtige Liebe, und wenn ich -- wenn ich so -- nein, das ging nicht! Mathias, das ist wahr, ich hab' Tag für Tag mir eingeredet, ich kann die Liese heiraten, und manchmal da war mir's auch so, als ob es gehen würde, aber dann -- wenn ich bloß die Lotte einmal zufällig von weitem sah -- da -- da -- -- Mathias, es wär' ja gar nicht darum, ob ich glücklich bin oder unglücklich; ich bin ja mein Leben lang wenig oder gar nicht glücklich gewesen, aber konnt' ich denn Dich und die Liese so betrügen, konnt' ich das? -- Und daß sie fortgehen würde ins Kloster, das hab' ich ja nicht gewußt.«
Mathias Berger sah den aufs höchste erregten, jungen Mann ruhig an.
»Setz' Dich, Heinrich, setz' Dich zu mir! Wir wollen ruhig miteinander reden. Es is gutt, daß Du so ganz offen zu mir bist, und ich will Dir auch alles sagen. -- Ja, ich hab' darauf gehofft. Wie das so gekommen ist, weiß ich nich. Ich hab' Dir schon gesagt, daß ich Deiner Mutter gutt gewesen bin, als ich jung war. Ich war a armer Kerl und konnt' sie nich haben. Ich weiß, Heinrich, was das heißt, ich weiß! Dann hab' ich doch eine andere geheirat't. Sie hat nur noch a Jahr gelebt; aber ich glaube, wir wär'n gutt zusammen ausgekommen. Wenn man jung is, denkt man, 's geht ohne so eine große Liebe nich. Ach ja, es geht doch, 's geht manchmal besser wie bei solchen Leuten, die vor der Hochzeit ganz vernarrt ineinander sind. Daran dacht' ich, wie ich sah, daß meine Liese an Dir hing, und daß Du so gar nischt davon wußtest und nich daran dachtest. Ich hoffte immer, es kann werden, es kann noch gutt werden. Nu is alles anders gekommen. Ich verhehl' Dir nich, Heinrich, mir is heute zumute wie zum Sterben, weil's doch gerade meine Allereinzige is.«
»Mathias! Mathias! Daß ich Dir das antun mußte, das ist schrecklich! Das ist zum Verzweifeln!«
»Heinrich, flenne nich! Böse bin ich ja gar nich auf Dich. Ich kenn' Dich schon. Das is halt gekommen, wie's kommen muß. Und sieh mal, die Liese wird ja nich unglücklich. Die geht ins Kloster; sie is glücklich darüber, das is ja mein Trost. Ich hab' immer die Mütze abgenommen, wenn ich 'ne Krankenschwester traf. Und wenn ich mich erst werd' besser reingefunden haben, da werd' ich ganz zufrieden sein. Bloß fürs erste fällt's halt schwer.«
Heinrich sah seinen alten Freund plötzlich verängstigt an.
»Mathias! Du wirst doch aber auch bei mir bleiben?«
»Nein! Erschrick nich! 's beste is, wir sprechen heute gleich alles aus.«
»Du willst fort? Fort von uns?«
»Ja, Heinrich! Reg' Dich nich so auf! Wir wollen ruhig reden. Sieh mal, ich muß fort!«
»Das ist die Strafe? Das?«
»Aber doch keine Strafe, Heinrich! Wir gehn in Friede und Freundschaft auseinander.«
Ein verzweiflungsvolles Lachen brach dem jungen Buchenbauer vom Munde.
»In Friede und Freundschaft! Und ich bleib' allein! Und hab' zuletzt niemand mehr auf der ganzen Welt! Und verlier' meinen einzigen Freund! In Friede und Freundschaft!«
Er sprang auf, trat ans Fenster und sah hinaus in die Nacht. Plötzlich wandte er sich um. Mit bitterer Stimme sagte er:
»Deshalb hast Du uns aufgezogen, den Hof aufgebaut, alles in Ordnung gebracht, daß Du jetzt fort willst, weil die eine Sache fehl ging? Und Du sagst doch selbst, ich kann nicht dafür!«
»Ja, Heinrich! Sieh mal, Mensch is Mensch! Ich könnte hier nich mehr sein. Ich würd' immer an die Liese denken müssen. Und dann, es is zu einsam. Es is mir so schon manchmal schwer geworden. Jetzt hielt ich's gar nich mehr aus. Glaub' mir's. Ich hab' darüber nachgedacht. Es geht nich! Rein verdüstern tät' ich. Ich will wieder fort zu Leuten.«
»Doch nicht wieder --«
»Als Lumpenmann? Jawohl, Heinrich! Gerade das! Das hat mir damals auch geholfen.«
»Das kannst Du nicht, Mathias? Was werden die Leute sagen?«
»Die Leute? Mögen sie sagen, was sie wollen. Das kümmert mich nischt. Ich bin's gewöhnt.«
Heinrich eilte auf den alten Mann zu und faßte ihn an beiden Schultern:
»Mathias! Wenn Du mir das antust, ich weiß nicht, was ich anfange. Mathias, kannst Du mir's nicht verzeihen im Herzen? Du sagst ja, Du bist nicht böse auf mich; aber Du bleibst nicht bei mir, Du willst fort, läßt mich allein, weißt, daß ich Dich brauch' wie das tägliche Brot, nicht bloß in der Wirtschaft, nein, tausendmal mehr als Mensch und als Freund, und Du willst fort! Besinn' Dich, Mathias, besinn' Dich anders, und wenn ich ein grundschlechter Kerl wär' -- bleib' bei mir!«
Der Alte wandte den Kopf zur Seite.
»Bleib' da, Mathias! Ich bitt' Dich kniefällig!«
»Ich -- ich kann nich, Heinrich! Ich brächt's nich fertig. 's geht über meine Kräfte. Und für Dich wär's auch nich gutt, wenn Du mich immer so sähest, und dann, wenn Du die Lotte heirat'st, ging' ich doch.«
»Wer sagt denn, daß ich die Lotte heiraten will? Daß ich ihr gut bin, das kann ich nicht ändern. Aber ich will sie doch nicht heiraten! Das denkt doch bloß die Lene!«
»Es kommt, Heinrich, es kommt bestimmt! Aber es is besser, wir reden lieber nich darüber. Für mich is heute schon a bissel viel gewest. Aber das hatt' ich mir schon lange vorgenommen, Dir's bald zu sagen, wenn sich's mit der Liese entschieden hätte, daß ich da fort will. Und daran will ich auch nichts ändern. Das muß jetzt sein!«
Heinrich trat zurück und lehnte sich bleich an den Tisch.
»So geh! Geht alle! Laßt mich allein, wenn Ihr denkt, daß ich das verdiene! -- So sind also auch wir beide mitsammen fertig.« --
Es entstand eine schwere Pause.
»Und Du willst nicht, daß wir weiter Freunde sind, Heinrich?«
»Nein! Wenn Du mir das antust, dann tust Du mir mehr an als mein ärgster Feind!«
»So -- so leb' gesund, Heinrich!«
Heinrich antwortete ihm nicht.
Da verließ Mathias Berger den Buchenhof.
* * * * *
Droben in ihrem Stübchen saß Lene Raschdorf und schrieb einen Brief. Dieser lautete:
Lieber Hannes!
Die Liese geht zu den Grauen Schwestern. Der Mathias sagt, sie habe Beruf und gehe gern ins Kloster. Aber ich weiß, daß die Liese unserem Heinrich gut gewesen ist und daß er sie nicht gemocht hat. Er sagt, er wäre mit ihr unglücklich geworden. Das ist aber nicht wahr, denn die Liese ist ein braves, tüchtiges Mädchen. Und er hat es bloß deshalb getan, weil er in die Lotte Schräger vernarrt ist und sie gern heiraten will. Lieber Hannes! Das ist eine solche Schande, daß der Heinrich so etwas tut und daß er unserem guten Mathias solches Herzeleid macht, daß er von jetzt ab nicht mehr mein Bruder ist. Und deshalb schreib' ich an Dich, daß ich Dich heiraten werd', wenn Du vom Militär los bist und wenn wir ein Auskommen haben. Ich denke, Du gehst in die Kohlengrube. Wenn Du Dich eingerichtet hast, verdienst Du 15 Mark die Woche. Und ich werde für die Leute nähen. Da werden wir schon auskommen. Lieber Hannes! Ich will Dir heute schreiben, daß ich Dich lieb hab' und auch wirklich gern heirate. Aber damals, als Du von der Gestellung kamst, konnte ich es Dir nicht sagen, denn ich dachte, ich müßte immer beim Heinrich bleiben und ihm helfen und beistehen, wie es immer war. Aber Heinrich ist schlecht und verdient's nicht, und deshalb gehe ich fort, und es ist mir ganz egal, was jetzt aus unserem Hofe wird. Ich fahre zur Tante Emilie nach Waldenburg. Dort werde ich auch das Nähen lernen und bleiben, bis wir heiraten. Lieber Hannes! Du mußt mir aber versprechen, daß Du immer brav und ordentlich sein wirst, damit wir auskommen. Sonst sollst Du aber lustig sein, denn das habe ich an Dir immer gern gehabt, weil ich selber nicht lustig sein kann. Und ich werde Dich auch nicht ärgern, sondern gut mit Dir sein.
Besten Gruß
Lene Raschdorf.
Am Tage war der Novembersturm jäh und tückisch zur Höhe gefahren und hatte die Wolken angefaucht wie ein bissiger Steppenwolf eine Herde weißer, schwarzer und scheckiger Rosse, so daß alle ratlos durcheinander rannten, sich stießen und ängstlich drängten und alle in großer Not waren, während die ersten, vordersten von dem Ungetüm zerrissen wurden. Aber dann hatte sich die Herde gesammelt, war vorgerückt gegen den Feind, hatte ihn zurückgedrängt, langsam, schrittweise, und ihn erdrückt, als sie ihn am Erdboden traf.
Jetzt lagen die Himmelsrosse müde und sicher auf Feldern und Wiesen, und ein Mensch, der hinausging, mußte sich durchdrängen zwischen ihren weißen und grauen Leibern.
In trübseligem, grauem Licht lag die Wohnstube des Buchenhofes. Heinrich Raschdorf war allein. Lange war er für sich auf- und abgegangen; jetzt lehnte er am Ofen und sah hinaus in den nebligen Tag.
Im ungewissen Licht des trüben Novembertages sah der Buchenbauer erschreckend aus. Die Augen waren tief eingefallen und hatten einen krankhaften Fieberglanz, die Wangen waren farblos, welk, und die ganze Gestalt matt und schlaff.
Das kam vom vielen Grämen am Tage und langen Wachen in der Nacht. Das kam von der Einsamkeit, kam davon, daß Heinrich Raschdorf erst in diesen Tagen ein gänzlich Heimatloser geworden war.
Lene war fort.
Einmal hatte er noch versucht, sich mit ihr auseinanderzusetzen, ihr alles zu erklären. Es war erfolglos gewesen. Nur in neuen Zorn waren beide geraten, und die Kluft zwischen ihnen hatte sich vertieft.
So war sie fortgegangen aus der Heimat. Fest und sicher war sie aus der Tür getreten und hatte den Wagen bestiegen, ohne sich noch einmal umzusehen.
Sie hatte auch keine Träne vergossen auf der ganzen Fahrt. So sagte der Knecht. Nur beim Mathias unten im Dorfe war sie abgestiegen und über eine Stunde geblieben.
Seit der Zeit war Mathias nicht mehr heraufgekommen, und Heinrich hatte ihn auch nicht aufgesucht. Ein bitterer Hochmut hatte ihn erfaßt, der allen denen als Helfer kommt, die sich ungerecht verurteilt glauben.
Was hatte er getan? Er war gegen sich selbst und gegen sein bestes Gefühl nicht treulos geworden. Deshalb hatten sie ihn verlassen, alle verlassen in wenigen Tagen. Manchmal lachte er auf, wenn er daran dachte.
So mochte es sein! So würde er sich darein fügen und keinem mehr ein gutes Wort geben, so tot sein für sie alle, wie sie für ihn waren.
Die Einsamkeit spann ihn ein, aber sie brachte ihm keinen Frieden; sie band nur seine Seele fest, daß er alle Qualen widerstandslos erdulden mußte wie ein Kranker, der auf die Bank geschnallt wurde, an sich schneiden und brennen läßt.
Solange er draußen auf dem Felde war, war's erträglich, aber in dem leeren Hause packte ihn oft das Grauen. Und wenn die Abende kamen, saß er allein und fürchtete sich am eigenen Herde.
Dann meinte er, es gäbe nur einen Ort auf der Welt, wo es schrecklich sei: diese Heimat.
Oft überdachte er sein Schicksal. Schuldlos hatte er die Heimat verloren, hatte um eine neue Heimat gelitten, gekämpft, gebangt, hatte von allen den Millionen auf der großen, weiten Erde ein paar Menschen gefunden, die es gut mit ihm meinten, und auch diese wenigen wieder verloren.
Warum? Darüber brütete er. Wenn ihn ein Groll erfaßte gegen seine früheren Leute, dann war ihm noch wohl. Da war doch ein Kraftgefühl in seiner matten, vereinsamten Seele. Aber Stunden kamen, wo sich neben die graue, schweigende Frau Einsamkeit jene andere an seinen Herd setzte, ihre Tochter: die Reue.
Das sind die Quälerinnen. Die alte, häßliche, dürre Mutter Einsamkeit hält den Armen fest mit ihren Spinnenfingern, bindet ihm jedes Glied, lähmt ihm jeden Muskel, umschließt ihm Mund und Ohren, daß er nicht schreien, nicht fortlaufen, nicht Hilfe holen kann, und derweil treibt ihr grausames Kind, die Reue, ein bestialisches Spiel, sticht und kratzt, brennt und schneidet, preßt das Herz zusammen mit rauhen Händen, greift durch die Stirn in den Kopf hinein, lockert dort Faden auf Faden, zerreißt die Stränge des Willens, trübt und verrückt die Bilder klarer Vorstellungen und gießt ein schleichendes, tödliches Gift in das wallende Gefühl. Wer sich nicht aufrafft mit energischer Kraft, die Alte beiseite schleudert, ihre Bande zerreißt und zu gesunden, frohen Menschen flüchtet, der ist verloren. Im günstigsten Falle ruft die Alte eine neue Tochter: die Schwermut, ein untüchtiges, krankes Weib mit lahmen Händen und traurigen Augen, und vermählt sie dem Opfer zu unlöslicher Ehe, oder ihr scheußlichster Sohn, der Wahnsinn, kommt und mordet ihn ab.
Heinrich Raschdorf hielt still. Manchmal dehnte er ein wenig die Glieder gegen die Bande, aber als der trübe November kam, gab er sich mutlos verloren.
Es waren gute, liebe Menschen gewesen. Sie waren gegangen. Folglich war er schuld, war er der Schlechte, sie die Gerechten. In diesem Zirkel bewegten sich schließlich beständig seine Gedanken.
So stand er an den Ofen gelehnt, indes draußen der weiße Nebel braute. Seit Mittag hatte er mit keinem Menschen ein Wort gesprochen. Und da war es auch nur ein Knecht gewesen, den er etwas gefragt hatte.
Wo war seine Kraft geblieben, der Mut, den er noch hatte, als er mit Mathias und Lene sprach, der Trotz, mit dem er schließlich die Schwester ziehen ließ?
Die Einsamkeit hatte ihn mürbe gemacht.
Jetzt trat er ans Fenster. Vielleicht, daß er einen Menschen vorbeigehen sah. Das würde ihm wohltun. Und dann -- dort drüben wohnte das Mädchen, um dessentwillen alles gekommen war. Als Mathias und Lene ihn verlassen hatten, war stundenweise eine wilde Lust in ihm gewesen, ein Freiheitsgefühl, der Gedanke, erlöst zu sein von einer falschen Heimat, die Möglichkeit zu besitzen, nun sein Glück zu suchen, sein einziges, sein wahrhaftiges Glück.
O, wie liebte er die Lotte! Seit jenem Maitage war ihr Bild nicht mehr aus seiner Seele gewichen, was er auch getan hatte, es zu verhüllen. Eine taumelnde Freude hatte ihn erfaßt, wenn er das Mädchen einmal sah, und ob er das Gefühl bekämpfte wie Versuchung und Sünde, es kam immer wieder, immer in tiefgeheimer süßer Wonne.
Und auch jetzt, wie er so hinüberblickte, sah er sie. Sie trat, zum Ausgehen angekleidet, in die Haustür und spähte nach den Fenstern des Buchenhofes herüber. Heinrich wollte zurücktreten in die Stube, aber sie hatte ihn schon gesehen. So sahen sie sich ins Gesicht, wohl eine halbe Minute lang. Sie stand ganz bewegungslos, und ihr Blick hatte etwas Forschendes. Dann neigte sie grüßend ein wenig das Haupt und ging hinab nach dem Dorfe.
Heinrich geriet in schwere Aufregung. Die Stunde war da, wo er tobte gegen die Fesseln der Einsamkeit. Mit tausend Armen winkte es ihn hinaus aus diesem fürchterlichen Hause, das keine Heimat war, das nie eine gewesen war.
Wie ein Rausch kam es über ihn; die Bangigkeit fiel von ihm ab wie ein toter Plunder, das Blut floß wieder jung und schnell durch die Adern, und der Wille straffte sich zu dem Entschluß: Geh ihr nach! Geh zu dem jungen, schönen Mädchen! Bei ihr ist Rettung und Glück!
Er suchte den Hut und band einen Kragen um.
Da grinste ihn warnend der alte Zweifel an.
Hinter einem Bilde seines toten Vaters sah er hervor. --
Er stand still. Er wagte nicht, sich umzusehen. Es war ihm, als ständen an der Stubentür all die Seinigen: Lene mit zürnend abwehrenden Armen, Mathias mit einer stummen Bitte in den guten Augen, die Liese mit traurigem Gesicht, und ganz im Hintergrunde, draußen auf dem dämmerigen Hausflur, schemenhaft die Toten: Vater und Mutter.
Entmutigt sank er auf einen Stuhl und stöhnte laut. Und die Einsamkeit ging und schloß die Tür, nahm ihm den Hut vom Kopfe und sang ihr monotones, totes Lied.
Aber sie täuschte sich. Sie sang das Lied um eine Nuance zu schauerlich, um ein klein wenig zu hart, um ein paar Grade zu höhnisch. Sie sang es unerträglich für den, der es anhören mußte.
»Ich ertrag's nicht länger; und wenn's unter tausend Flüchen wär' -- ich geh ihr nach!«
Mit wenigen Schritten war er draußen. Mit roten Wangen stürmte er durch den Herbstnebel. Das Blut brauste ihm im Herzen und im Kopfe. Der Nebel hüllte ihn ein, er konnte den Weg ins Dorf nicht übersehen.
So lief er, jagte dahin, wie einer, der auf verzweiflungsvoller Flucht ist, oder einer, der dem letzten, rettenden Heil nachjagt, das er zu verlieren glaubt.
Jetzt -- jetzt tauchte die Gestalt eines Mädchens aus dem Nebel auf. Ein paar Schritte noch, dann erkannte er sie deutlich.
»Lotte!«
Wie ein Schrei tönte der Name durch die stille Luft.
Sie wandte sich erschreckt um. Mit großen Schritten und glühendem Gesicht kam er ihr näher.
»Lotte -- sei nicht böse -- ich muß Dir nach -- ich werde verrückt allein!«
»Heinrich, o Gott, Heinrich, was ist Ihnen? Wie sehen Sie aus?«
»Tu mir den Gefallen, Lotte, sprich »Du« zu mir, wie früher; sei ein klein bißchen freundlich! Ich halte so das Leben nicht mehr aus! Ich gehe zugrunde!«
»Heinrich! Lieber Heinrich!«
Sie sah ihn mit ihren schönen Augen mitleidsvoll an, und er stand vor ihr zitternd, bebend; der Atem ging ihm schwer, die Augen glühten ihm, und sie war so schön, so herrlich schön, und da riß er sie wortlos in seine Arme mit einer Wut und Glut, wie das Tier sein Opfer faßt aus schmerzhaftem Hunger, und überdeckte ihr Gesicht mit rasenden Küssen.
Wie mit eisernen Armen hielt er sie fest; wie ein Ertrinkender sich an seinen Retter klammert, so klammerte er sich an sie, und mit dem ganzen fiebernden Heißhunger einer glücksgierigen Seele küßte er sie. Sein Gesicht veränderte sich, seine Augen bekamen einen fremden, unheimlichen Glanz; all die Leidenschaft, die jahrelang zurückgedämmt war, brach durch, all der brennende Durst nach Glück und Liebe wollte sich sättigen.
Sie lag erschreckt, aber glückselig an seiner Brust.
»Heinrich! Lieber Heinrich!«
»Du mußt mein sein, Lotte, und wenn die Welt in Stücke geht, und wenn sie mich ausstoßen wie einen Lump, und wenn's ein Verbrechen ist -- Du mußt mein werden!«
Sie sah zu dem zitternden Manne auf.
»Hast Du mich lieb, Lotte? Ein bißchen lieb?«
»Ja, ich hab' Dich lieb, Heinrich!«
»Lotte!«
Ein jauchzender Jubelruf, ein Erlösungsschrei durchtönte die fahle Herbstluft. Der Heimatlose hielt das Glück in seinen zitternden Armen und schaute es an und hätte laut lachen mögen vor übergroßer Freude.
»Lotte, jetzt bin ich reich! Jetzt hab' ich alles gewonnen! Jetzt ist mir wohl! Jetzt werd' ich wieder leben können! Jetzt ist alles andere ganz gleichgültig.«
Sie sah ihn an, und ihre Augen glänzten feucht.
Eine lange, selige Pause kam, jene große Stille, in der alles tot ist, außer der Freude.
Doch allmählich breitete sich ein Schatten über ihr Gesicht.
»Heinrich! Sind sie wirklich alle fortgegangen von Dir um meinetwillen?«
»Ja, Lotte! Aber laß sie, sprich nicht von ihnen, denk' nicht an sie! Wenn ich Dich hab', mögen sie fort sein; alle -- alle --!«