Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen

Part 12

Chapter 123,961 wordsPublic domain

»Stenzeln. Es ist mir doch, als ob Ihr gestern gesagt hättet, um neun wollte der Raschdorf Heinrich --«

»Jesses, das hätt' ich vergessen! Na, die Uhr geht ja a bissel zu zeitig. Will ich doch gleich runter.« Sie ging.

»Stenzeln! Sagt ihm doch, ich -- ich ließ mich bedanken, daß er mich heimgebracht hat, und daß er den Doktor geholt hat.«

»Werd's ausrichten!«

»Stenzeln! Fragt ihn doch auch, ob nicht seine Leute -- ob sie nicht böse gewesen sind -- ja?«

»Was sollen sie böse sein? Aber ich werd's ausrichten.«

»Stenzeln! Und dann, ich laß ihn wieder schön grüßen. Das muß ich doch, Stenzeln, nicht wahr?«

»Ja, freilich! Sonst noch was?«

»Nein! Geht nur schnell, daß Ihr ihn nicht verpasset.«

Die Stenzeln ging, und Lotte horchte hinab. Ihre Wangen brannten und ihre Augen waren weit geöffnet. Langsam verrann die Zeit. Wenn sie aufkönnte, ein einziges Mal ans Fenster könnte! Aber sie durfte sich ja nicht rühren. Jetzt war eine ganze Viertelstunde vergangen. Wo nur die Stenzeln blieb? Hatte er sich verspätet? Oder hatte er ihr so viel zu sagen? So viel? -- --

Die Stenzeln stand etwas abseits von der Haustür und hielt Umschau. Es war niemand zu sehen. Das Tor und die Tür vom Buchenhof waren geschlossen. Es war auch drüben in keiner Stube mehr Licht.

Wo blieb er? Der Stenzeln wurde die Zeit lang, und sie lief die Straße ein bißchen auf und ab und guckte sich um. Da kam jemand. Es war der Barbier.

»Ah -- Stenzeln! Ich denke, Sie haben Krankenwache? Da steht man doch nicht auf der Straße und guckt sich um, als wenn wunder jemand kommen sollte?«

»Das geht kein'n Menschen was an! Und auf Sie hab' ich nich gewart't.«

»Das glaub' ich. Nur nicht gleich so ruppig, Großmutter! Ich wunder mich halt. Wie geht's der Lotte?«

»Schlecht!«

»Großmutter, Sie sind zwar 'ne stachelige Distel, aber wenn's Ihn'n recht is, wart' ich a bissel mit hier.«

»Nö! Ich brauch' niemanden. Ich schnapp' bloß a bissel Luft. Gehn Sie nur rein und löschen Sie Ihren Durst! Hier sein Sie a sehr überflüssiges Möbel! Gehn Sie rein!«

»Denke ja nich dran! Ich bin neugierig, auf wen Sie warten. Woll'n Sie etwa gar wieder heiraten und warten auf a Schatz?«

»Altes Schandmaul! Wissen Sie was? Jetzt geh' ich rein. Sie verderben mir die Luft, Sie windige Seifenblase!«

»Nu, so 'ne alte Säge! Hör'n Sie mal, Großmutter, ich will Ihn'n noch was sagen. Im Dorfe wird riesig gered't über a jungen Raschdorf und die Lotte --«

»Mögen sie reden! Der Schlimmste is jetzt nich dabei. 's böseste Maul is jetzt nich im Dorfe.«

»Hör'n Sie mal, Großmutter, warten Sie doch noch 'n Schlag! Es tut mir leid um die Lotte, denn der Raschdorf bringt sie bloß ins Gerede, na, und a is doch so gutt wie verheirat't mit der Liese.«

»Mit wem?«

»Nu, mit der Berger Liese. Na, Stenzeln, wissen Sie das nich?«

»Sie sind wohl beduselt?«

»Nu, was is da so zu wundern? Denken Sie, der alte Mathias hat was umsonste gemacht? Der hat nich schlecht spekuliert. Na, und der Heinrich, der kann ja gar nich anders, den hält doch der Mathias feste. Großmutter, na, warten Sie doch -- -- Fort is se, die alte Schwarte!«

* * * * *

»Nun, Stenzeln, Sie waren so lange?«

»Ja! A is nich gekommen.«

»Nicht gekommen? Ist das möglich?«

»A war nich da! Vielleicht hat a's vergessen.«

»Vergessen?«

»Lotte, 's beste is, ich geh nich mehr runter. 's hat ja kein'n Zweck. 's kann mich auch jemand erwischen. Heute hat mich schon der Bader gesehn. Der hat gesagt, die Leute reden über Dich und über a Raschdorf Heinrich, und der wär' doch so gut wie verheirat't mit der Liese.«

»Was? -- -- Mit wem? -- -- Stenzeln! Ooh!«

»Was is denn, Lotte, was schreiste denn?«

»Ach, mein Fuß -- mein Fuß tut mir weh!«

»Der Fuß? Aber a liegt richtig! Na, 's beste wär' schon gewesen, Du hätt'st a Heinrich nich getroffen. Das tut amal nischt Guttes. Na, und da hat ja der Barbier recht, 'm Berger Mathias is es der Raschdorf schuldig, denn dem verdankt a ja alles.«

»Ja! -- Ja, Stenzeln! -- Es ist genug! -- -- Ich will schlafen! Seid jetzt ganz stille -- ich bin so sehr müde!«

Drüben im Buchenhofe hatte Heinrich Raschdorf die Stenzeln wohl gesehen. Am Fenster hatte er gestanden, oben in seinem Zimmer. Als wenn er das Fieber hatte, so hatte es ihn geschüttelt. Ein paarmal war er nach der Tür gegangen, aber immer wieder umgekehrt; ein paarmal hatte er die Hand am Fensterwirbel gehabt, aber doch nicht geöffnet.

Dann, als sie fort war, hatte er sich auf sein Sofa geworfen. Er war tief unglücklich. Eine schwere Verachtung gegen sich selber bäumte sich in seinem Herzen auf. Er war kein Mann, kein Charakter, er hatte keinen Willen. Warum ging er nicht? Warum fragte er nicht die Stenzeln? Warum hielt er sein Versprechen nicht?

Warum? Er durfte nicht; es ging gegen sein Gewissen. Er mußte diese Liebe ausrotten mit Stumpf und Stiel; er durfte ihr nicht die mindeste Nahrung geben.

Denn es war unmöglich! Ganz unmöglich!

Die Heimat, die er noch gehabt hatte, würde er verlieren, die wenigen Menschen, die treu und ehrlich zu ihm hielten, würde er sich entfremden, und er würde auch ihnen die Heimat nehmen.

So mußte er sich opfern, sich und -- sie.

Sie? Nein, sie nicht! Sie wußte nichts von Liebe. Wenn ihr Fuß geheilt war, war sie wieder ganz gesund.

Aber unglücklich war sie auch, das hatte sie gesagt.

Der junge Buchenbauer verbrachte eine Nacht voller Kämpfe.

Er wollte sich rasch und stark durchringen zur Gerechtigkeit und zum Frieden. Der junge, weiche Mann! Er wußte nicht, was solche Kämpfe bedeuten, die Kämpfe, die alle Menschen mit klugem Kopf oder mit weichem Herzen zu bestehen haben, und bei denen der Sieg gar nicht kommt oder oft spät, wenn schon viele Wunden geschlagen sind.

Zum Frühstück brachte ihm die Liese den Kaffee. Sie war ein wenig blässer als sonst, aber ihr Gesicht war freundlich wie immer.

Ehe sie hinausging, sagte sie:

»Wie ich vorhin aus der Kirche kam, hab' ich die Stenzeln getroffen. Sie läßt sagen, gestern wär' es sehr gut mit der Lotte gegangen, aber in der Nacht hätte sie Fieber gehabt.«

Der Buchenbauer wurde rot.

»Ja -- ja -- ich danke, Liese -- es ist mir ja ganz lieb, daß ich -- daß ich etwas höre!«

»Ja, und dann läßt die Stenzeln noch sagen, sie will nicht mehr herunterkommen abends um neun, weil Du gestern nicht gekommen wärst, und weil es Aufsehen machen könnte.«

Heinrich starrte das Mädchen an und war nicht fähig, ein Wort zu sprechen.

»Willst Du noch mehr Brot haben, Heinrich?«

»Liese!«

Er sprang auf und ergriff ihre Hand. Das Mädchen erschrak und wich zurück.

»Liese! Du bist so engelsgut, und ich bin ein unglücklicher, schlechter Mensch!«

»Was ist mit Dir, Heinrich? Du bist doch nicht schlecht! Was hast Du?«

Er ließ ihre Hand frei.

»Ich weiß, ich bin undankbar, sprich nicht, ich weiß; Ihr tut mir alle Gutes, und ich --«

»Du tust uns allen auch Gutes, Heinrich!«

Sie war sehr rot und sehr verwirrt und ging schnell hinaus.

Er sah ihr nach. In diesem Augenblick wohnte ein hohes Gefühl für sie in seiner Brust. Er wäre imstande gewesen, alles für sie zu opfern, was er besaß. Maßlose Dankbarkeit erfüllte ihn, auch tiefes Mitleid.

Sie brachte ihm Nachricht von der anderen. Wie uneigennützig war dieses Wesen! Er dachte nur an sich, immer an sich.

Es mußte anders werden. Freundlich wollte er sein zu allen, er wollte sich selbst überwinden.

Was nur die Lene sagen würde, wenn sie erführe, daß er die Stenzeln bestellt habe? -- Sie sagte nichts, als sie ihn traf. Die Liese hatte nichts verraten. Und da war er wieder dem blassen Mädel dankbar.

* * * * *

Mathias Berger ging einsam aufs Feld hinaus. Sehr langsam ging er. Es war, als ob etwas in ihm erstorben wäre. Eine alte, längstvergangene Zeit fiel ihm ein, da er als junger Bergmann tief unter der Erde war und mit tausend Qualen an seine verlorene Liebe dachte.

Ganz ähnlich war ihm jetzt wieder zumute. Im Grunde genommen ist verlorene Liebe ja doch immer verlorener Glaube.

Wo war für ihn noch eine Aussicht?

Doch nicht an sich dachte er nur. Heute oder morgen konnte er sein müdes Haupt zur Ruhe legen. Aber das Leben der anderen war lang ...

Ein Mann sprach ihn an -- der Barbier.

»Mathias,« sagte er scheinheilig, »ich weiß nich, ob Du mit mir reden magst. Getan hab' ich Dir ja eigentlich nischt, na, aber Du weißt ja --«

»Was willst Du von mir?«

»Mathias, es läßt sich eigentlich schwer sagen. Sieh mal, Du weißt ja, daß ich damals zum Schräger gehalten hab' --«

»Ja, das weiß ich!«

»Natürlich haste mir das übelgenommen. Aber ich hab' halt wirklich gedacht, der Schräger is ganz und gar unschuldig, und es tät ihm unrecht geschehn.«

Er machte eine Pause und sah lauernd auf seinen Begleiter. Aber der sagte kein Wort.

»Ja, aber jetzt --«

Mathias konnte doch nicht verhindern, daß er aufsah.

Der Barbier mäßigte seine Stimme.

»Behaupten will ich ja nichts, man muß ja sehr vorsichtig sein, aber es bleibt ja wohl unter uns.«

»Barbier, 's beste is, Du behältst Deine Geheimnisse für Dich. Ich will sie nich wissen.«

Die schroffe Abweisung verschlug dem andern nichts.

»Geheimnisse sind's ja eigentlich nich. Aber das möcht' ich im Vertrauen sagen: ich halt auf a Schräger nich mehr so große Stücke; ich glaub' nich mehr alles. Na, glauben kann man ja, was man will -- was?«

Dem schlichten, ehrlichen Manne waren die versteckten Andeutungen zuwider.

»Sag' nur, was Du von mir willst; was Du mit 'm Schräger hast, is mir egal.«

»Na ja, ich hab' nischt mit ihm. Aber das will ich Dir sagen, der Schräger spekuliert wieder, daß die Höfe zusammenkommen sollen --«

»Was? Wieso?«

Der Barbier war froh, nun endlich doch das Interesse seines Begleiters geweckt zu haben. Deswegen sagte er eifrig: »Na, Mathias, mir is immer gewesen, als hätt' ich was mit Dir wieder gutt zu machen. Früher haste gesagt, der Schräger will die beiden Höfe haben; da biste bestraft worden, und die Leute haben sich gefreut, na, und ich: gefreut hab' ich mich ja nicht, aber ich hab' doch gedacht, der Schräger hätte recht --«

»Wozu die alten Geschichten?«

»Na, ich will Dir's sagen: Gestern hat der Schräger im öffentlichen Gasthause gesagt, daß a die Höfe zusammenbringen will.«

Berger blieb stehen.

»Wie kann a das sagen? Der Buchenhof ist in fester Hand.«

Der Barbier lachte vertraulich.

»Das sag' ich eben auch. Der Buchenhof ist in festen Händen, in guten Händen, und wie lange wird's dauern, da heirat't der Raschdorf Heinrich Deine Tochter und da --«

»Barbier, das verbitt' ich mir! Das geht keinen Menschen was an! Das will ich nich hören! Verstehst Du?«

Dem alten Manne zitterte die Stimme. Der andere blieb geschmeidig.

»Ja, nimm's nur nich übel, angehen tut's mich ja nischt, das is wahr, und ich red' ja kein Wert darüber, wahrhaftig nich 'n Wort, aber 's is ja selbstverständlich --«

»Was selbstverständlich? Wer sagt das? Wer kann das sagen?«

»Nu ja, die Leute sagen's, Du hast so viel für a Heinrich getan, und 's is vernünftig.«

»Die Leute! Die Leute geht nischt von uns an -- nischt! Jetzt sag' mir endlich, was das alles zu bedeuten hat, und was Du eigentlich bezweckst?«

»Na, also sag' ich's halt gerade raus: Der Schräger hat sich gestern im offnen Lokale gerühmt, daß der Heinrich um seine Lotte geht.«

Berger schrak doch ein wenig zusammen.

»Gerühmt? Wieso gerühmt? Das würd' doch der Schräger gar nich zugeben!«

»Zugeben? Na, täusch' Dich nich, Mathias! Wenn der Schräger Geld spürt, da is a zu allem fähig. Und a hat's ja öffentlich gesagt. A hat gesagt, dem Lumpenmannmädel würd' a den Goldfisch schon noch wegschnappen.«

Berger verlor die Fassung.

»Barbier -- das -- das -- meine Tochter will den Heinrich gar nich -- verstehst Du -- mag ihn gar nich -- sag' das den Leuten! Und jetzt geh' Deiner Wege! Wie kommst Du überhaupt dazu, Deinen Freund bei mir zu verraten? Ich will nischt mehr wissen -- nischt!«

Er bog in einen Seitenweg ein, und der Barbier sah ihm nach.

»Der hat sein'n Hieb weg,« dachte er, »der wird jetzt schnell zulangen. Wär' der Geier, wenn wir den Raschdorf nich wegkriegten. Der könnte mir gerade passen im Kretscham. Und dann -- die fünfzig Taler vom Riedel-Bauer!«

* * * * *

Die Straße entlang zogen singende, junge Männer. Sie waren in der Stadt zur Aushebung gewesen. Das ist ein Wendepunkt in dem Leben dieser Leute. Zum Militär kommen oder nicht, das bedeutet viel.

Da taten diese Leute, was unser guter, deutscher Stammesgenosse immer tut, wenn ihm etwas Außergewöhnliches passiert -- sie tranken. Ob aus Schmerz oder Freude, das bleibt sich für den Durst gleich. Es wird getrunken, und je wichtiger das Ereignis ist, desto mehr wird getrunken.

Das ist nun schon ein schnurriger Kerl, der Herr Alkohol. Er ist überall auf der Welt ein bißchen zu Hause, betrügt im schönen Türkenlande den Mohammed und ist die einzige Person in der Grönländerhütte, für die etwas Erkleckliches ausgegeben wird; er schwimmt auf allen Meeren, kraxelt auf alle Berge und marschiert auf allen Straßen.

Gar im lieben Deutschland hat er Ehrenbürgerrechte, denn er zahlt die meiste Steuer, ist populär beim Volke und ~persona gratissima~ bei Edeln und Fürsten. Da macht er sich breit bei Kindtaufen und Leichenschmaus, sitzt zwischen Bräutigam und Braut, wetzt dem einen das Rowdymesser und fungiert bei zwei anderen, die Brüderschaft trinken, als gemütlicher Ehrenzeuge.

Und den jungen Rekruten, die der König warb, kommandiert er auf dem Heimwege noch lange, ehe sie vereidet und eingekleidet sind, wie ein recht launiger Unteroffizier, bald »Rechts schwenkt«, bald »Links schwenkt«, bald »Beine hebt«, bald »Arme streckt« und manchmal auch »Knie beugt« oder »Legt Euch nieder«. --

Einer ging abseits -- Hannes. Er hatte sich nicht betrunken und auch keine bunten Papierbänder an den Hut geheftet wie die anderen. Und doch hätte er nach landesüblichem Begriff das Recht dazu gehabt, denn er war »ausgezeichnet« worden.

Mit sehr gemischten Gefühlen schritt Hannes seines Weges. Daß er fortkam in die Stadt, fort aus der Einsamkeit, und eine bunte Uniform mit glänzenden Knöpfen tragen sollte, freute ihn. Eine Fülle von Vorstellungen, Plänen und Hoffnungen schwirrte durch seinen Kopf. Und doch war auch eine große Bangigkeit in ihm.

Da traf er die Lene, die den Leuten das Vesperbrot aufs Feld getragen hatte. Er erzählte ihr, daß er nun »ausgehoben« sei und zum Herbst fortkäme.

Das Mädchen wurde um einen leichten Schein blasser, als sie das hörte.

»Da freuste Dich wohl, daß Du endlich amal fortkommst?«

»Och ja! Ich freu' mich schon, Lene! 's soll ja sehr hübsch sein bei a Soldaten!«

Sie antwortete nicht und schritt schnell weiter.

Nach einer Weile sagte er: »Eigentlich freu' ich mich gar nich, Lene.«

Sie antwortete etwas hastig und stoßweise: »Warum nich? Du kommst fort zu Leuten; Du siehst und hörst was, und Sonntags kannst Du tanzen gehn mit a Stadtmädeln. Das wird Dir schon gefall'n.«

Er sprang vom hohen Wegrande herab und faßte sie erregt am Arme: »Nein, Lene, nein! Ich tanz' nich mit a Stadtmädeln, mit keiner einzigen tanz' ich, ich bin bloß Dir gutt, bloß Dir!«

»Nu, Hannes! Was fällt Dir denn ein?«

»Ich muß Dir's sagen, Lene, eh' ich fortkomm'! Sonst halt ich's nich aus; sonst lauf' ich fort am ersten Tage. Ich bin Dir so sehr gutt, und wenn Du mir nich wieder gutt bist, da wär's besser, ich wär' tot. Und du mußt mich heiraten, Du mußt, Lene!«

Sie sah ihn an und brach in ein schallendes Lachen aus.

»Lene, lach' nich! Lach' nich, Lene! Es is mei Ernst! Hör' auf zu lachen! Du machst mich verrückt!«

Aber sie lachte immer weiter.

»Warum lachst Du mich denn aus? Weil ich der arme Schafferjunge bin, und Du die Raschdorf Lene? Deswegen?«

Da wurde sie ernster.

»Na, deswegen grade nich! Aber daß Du Dir einbild'st, Du bist mir gutt, das is lustig. Da muß ich schon lachen. Mir is niemand gutt. Das weiß ich! Und Du zuallerletzt, denn Dich hab' ich am allermeisten geärgert.«

»Aber ich bin Dir gutt, Lene! Das muß ich doch besser wissen als Du. Immer schon! Schon, wie wir noch in die Schule gingen --«

»Weil Du keine andere kennst! Wenn Du in der Stadt sein wirst, da wirst Du schon eine andere finden.« Sie lachte wieder laut auf; dann fuhr sie fort: »Du bist doch a komischer Kerl, Hannes! Also wirklich, heiraten willste mich? Von was denn leben? Du hast nischt, ich hab' nischt! Und Du weißt wohl gar nich, daß ich beim Heinrich bleiben muß?«

Er blieb stehen.

»Lene, wenn ich a reicher Pauersohn wär', tät'st Du mich da mögen?«

»O ja! Kann sein! Da hätten wir was zu leben! Denn das muß sein, Hannes! Von nischt is nischt. Sieh mal, das is nich anders. Praktisch muß man schon sein, und wir zwei so als Knechtsleute auf 'm Buchenhofe, das tät mir nich passen.«

»Na, da -- da warte, bis Dich a Reicher nimmt!«

Ihr Gesicht wurde weicher und ihre Stimme leiser.

»Ich hab' nich gesagt, daß ich ein'n andern will. Da biste sicher! Denn da hast Du das erste Anrecht auf mich, wo ihr uns so geholfen habt.«

Er lachte bitter.

»Geholfen! Wenn's darum wär'! Der Vater hat sein'n Lohn gekriegt und ich mein'n. Ihr seid uns nischt schuldig.«

Damit wandte er sich ab. Ganz ernst sagte sie:

»Wenn Du's nich glaubst, tut mir's leid. Ich tät's schon, aber es geht nich, und was nich geht, muß man sich aus 'm Sinn schlagen; sonst ist man dumm!«

Sie wartete auf eine Antwort; aber er setzte sich auf den Feldrain und sagte kein Wort.

»Hannes, wirste so im Zorne von mir fortgehn?«

»Ja!«

»Und da wirste mich für schlecht halten, Hannes?«

»Nein! Ich werd' bloß denken, daß ich Dir zu arm bin, und daß Du mich nich leiden kannst, und daß es für mich besser gewesen wär', ich wär' nie auf 'm Buchenhofe gewesen.«

Sie besann sich ein bißchen. Leise sagte sie:

»Hannes, wenn's ging, da tät ich Dich nehmen, wenn ich Dich auch nicht leiden könnt'. So viel hab' ich schon Dankbarkeit in mir, wenn's auch keiner glaubt. Aber 's geht nich, wir sind beide zu arm, und da hat's keinen Zweck. Und daß Du sagst, es wär' besser für Dich gewesen, wenn Du nie bei uns gewesen wärst, damit haste recht, denn bei uns is nischt zu holen wie Arbeit und Kummer.«

Ein paar Sekunden blieb sie noch stehen und wartete.

»Kommste mit?«

»Nein!«

Da ging sie. Als sie weit genug fort war, warf sich der »lustige Hannes« auf den blühenden Feldrain und weinte bitterlich.

Drüben auf der Straße sangen ein paar Burschen:

»Als ich zur Fahne fortgemüßt, Hat sie so zärtlich mich geküßt, Mit Bändern meinen Hut geschmückt Und mich ans treue Herz gedrückt!«

Da blieb unten am Berge die Lene stehen, und auch sie horchte auf das Lied. Dabei kam ihr Wasser in die Augen.

»Das haben sie davon, die Liese und der Hannes und auch der Schaffer und der Mathias. Das haben sie für ihre Schinderei all die Zeit! Undank! Undank! Der Heinrich will nich, und ich kann nich!«

Frühling und Sommer waren vergangen, der Herbst stand vor der Tür. Es war eine arbeitsreiche Zeit gewesen. Die Buchenhofleute waren noch viel stiller geworden als sonst, und sie gingen alle nebeneinander her wie Fremde.

Die Liese war vom Buchenhof weggezogen und wohnte unten im Dorf bei ihrer Tante. Und an einem trüben Herbsttag hatte auch Hannes Abschied genommen. Mit seinem kleinen Handkoffer war er in die Wohnstube getreten.

»Ich -- ich komme bloß noch Adieu sagen. Es is Zeit auf die Bahn.«

Heinrich reichte ihm mit Herzlichkeit die Hand.

»Leb' gesund, Hannes! Laß Dir's gut gehen bei den Soldaten! Und hab' viel tausend Dank für alles!«

Hannes wandte sich ab.

»Ich -- ich dank' auch für alles!«

»Du wirst uns fehlen, Hannes. Mir am meisten! Aber wenn die zwei Jahre um sind, kommst Du wieder zu uns.«

Hannes stand mit gesenktem Haupte da. Er sagte nicht ja noch nein. Er wollte sich beherrschen, aber der Atem ging ihm schwer, und er zitterte leise.

»Wenn Dir was fehlt, schreibst Du! Du darfst keine Not leiden. Hörst Du, Hannes?«

Der sagte kein Wort und stand nur mit bleichem Gesichte da und zerdrückte den Hut zwischen seinen Fingern.

»Hast Du mir noch was zu sagen, Hannes?«

»Nein! -- Ich muß gehen! -- Es -- es ist Zeit. Adieu, Heinrich!«

»Lebe wohl, lieber Hannes!«

Er drehte sich um. Auf der Ofenbank saß die Lene und schälte Kartoffeln.

»Adieu, Lene!«

Das Mädchen wischte sich an der Schürze die Hand ab und reichte sie ihm hin.

»Leb' gesund, Hannes!«

Sie schaute nicht auf. So ging er aus der Stube, und Heinrich begleitete ihn bis in den Hof. Dort saß der alte Schaffer als Kutscher auf dem kleinen Korbwagen und tat ganz gleichgültig, hatte aber doch einen dunkelroten Kopf.

Bald darauf zogen die Pferde an. Ade, alte Heimat!

* * * * *

Es war eine »Mission« im Dorfe abgehalten worden. Ein paar fremde, tüchtige Geistliche hatten täglich mehrere Predigten abgehalten, und die Leute waren scharenweise zur Kirche gegangen.

Ein alter Franziskanermönch hatte auch gesprochen über den »Beruf« und also geschlossen:

»Gott hat einem jeden Menschen seinen Beruf ins Herz gelegt. Ihr aber, wenn Ihr seine Stimme höret, verhärtet Eure Herzen nicht!«

Danach war es zwischen Liese und ihrem Vater zu einer letzten Aussprache gekommen.

Mathias hatte unter allen in den letzten Monaten am meisten gelitten. Ihm war die Veränderung wohl aufgefallen, die mit Heinrich vorgegangen war. Er hatte gesehen, wie der junge Mann mit sich rang; wie er niemals wieder das Haus Schrägers betrat und dafür immer die Gesellschaft der Liese suchte. Er war so freundlich mit ihr in allen Dingen, und der kluge Mathias wußte wohl, daß Heinrich einen Weg, eine Möglichkeit suchte, daß er sich selbst bezwingen wollte, um schließlich, wenn er ein wärmeres Gefühl für die Liese hätte, doch noch den Herzenswunsch des Mathias zu erfüllen.

Und da hatte unverhofft eines Tages die Liese ihren Vater gebeten, daß sie vom Buchenhof weggehen und zur Tante hinunterziehen dürfe ins Dorf.

Mathias wußte, was das bedeutete, und er hatte sich gefügt. Er konnte dem stillen Mädchen nichts mehr versagen. Und ob das Kind all seine irdische Liebe bekämpft hatte und nun täglich in der Kirche kniete -- die Frage quälte ihr zartes Gewissen: ob sie noch würdig sei, eine Dienerin Gottes zu werden.

Da kam ein recht stiller, schwermütiger Abend. Draußen auf der Dorfaue spielte der Wind mit welkem Laub, trug es hin durch den Staub der Straße und senkte es drüben in den tiefen, schlummernden Teich.

Die Liese hatte lange hinausgesehen, auch nach den grauen Wolken, die am Himmel hingen. Dann wandte sie sich langsam um.

»Vater, ich will heut' zur Beicht', ich will fragen.«

Mathias sagte nichts. Er hatte darauf gewartet.

Er wandte sich ab und hörte kaum, was ihm die Liese noch einmal sagte von Beruf und Gnade, von Nächstenliebe und Herzensfrieden.

Zuletzt sagte er nur die Worte:

»Geh' in Gottes Namen!«

Dann ging er fort -- in den Herbst hinaus, über die kahlen Felder bis in den gelben Wald. Aber wie er eine Weile gewandert war, faßte ihn eine furchtbare Bangigkeit und eine zehrende Sehnsucht nach seinem Kinde, und er kehrte um und ging dorthin, wo sie war.

Dunkel lag die Kirche. Das ewige Licht nur brannte rot und magisch vor dem Altar; hie und da flammte ein Lichtlein in den Bänken der Beter, und große Schatten huschten über die alten Bilder.

Mathias Berger kniete in eine Bank und durchlebte die schwersten Minuten seines Lebens.

Im Winkel dahinten im Beichtstuhl, bei dem Franziskaner, war seine Liese, und dort wurde entschieden über sie und über ihn.

Qualvoll langsam verging die Zeit. Sie war so lange, so lange! Freilich, ihre Frage war schwer.

Jetzt kam sie.

Er wandte sich um -- sah sie an -- fragend -- bittend.

Sie lächelte leise und neigte bejahend das Haupt.

Dann kniete sie zu dem Bilde der schmerzhaften Madonna.

Mathias Berger legte das Gesicht auf seine Hände.

Und draußen klang die Abendglocke.

* * * * *