Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen

Part 11

Chapter 113,979 wordsPublic domain

Heinrich war schon draußen. Der Wirtschafterin schärfte er ein, den Schuh und den Strumpf vorsichtig abzuziehen und den Fuß immerfort mit kaltem Wasser zu kühlen. Er fahre nach dem Arzt.

Dann sprang er auf die Droschke und fuhr nach dem Buchenhof. Auf den Stufen vor der Haustür standen Hannes und Lene. Mathias und Liese waren nicht zu sehen.

»Hannes, schnell die beiden Rappen einspannen! Ich fahr' nach dem Arzt. Fräulein Schräger ist verunglückt.«

Hannes und Lene sahen ihn wortlos an.

»So steht doch nicht so blöde da! Sie ist ein Stück mit mir gefahren, und als sie absteigen wollte, ist sie gefallen, und der Fuß ist ihr überfahren.«

»Sie haben ja selber Fuhrwerk drüben,« sagte Hannes.

»Ja, aber das dauert alles zu lange; ich fahre, das ist doch Christenpflicht.«

Lene lachte laut und spöttisch auf.

»Christenpflicht!«

»Hannes, willst Du helfen oder nicht?«

»Wehe Dir, Hannes, wenn Du eine Hand rührst!«

»Hannes, bin ich der Herr oder die? Und läßt Du Dich von einem Weibe kommandieren?«

Hannes war in schwerer Verlegenheit. Aber schließlich sagte er: »Es ist ja Mumpitz, aber helfen tu ich!«

Lene warf ihm einen verächtlichen Blick zu und ging ins Haus. Wenige Minuten später sauste das Gefährt Heinrichs nach der Stadt.

In ganz verhältnismäßig kurzer Zeit brachte er den Arzt.

Unten im Hausflur stand er und wartete auf Nachricht. Die Wirtschafterin kam.

Der Fuß wäre gebrochen, aber es sei keine Gefahr. Bei guter Pflege würde alles recht schön heilen.

»Werden Sie das Fräulein auch gut pflegen, Stenzeln?«

Die Alte sah den jungen Mann freundlich an und versprach ihr Bestes. Er gab ihr ein Geldstück.

»Hier, nehmen Sie das! Sagen Sie aber keinem Menschen davon! Und grüßen Sie das Fräulein! Sie soll nicht böse sein auf mich. Mir tut das Unglück sehr leid. Und, Stenzeln, alle Abende um neun Uhr kommen Sie mal an die Haustür. Ich will Sie fragen, wie's geht!«

Durch die Mainacht ging der Mond.

Drunten im Dorfe schlug es Mitternacht. Da hatten die Buchenhofleute den Frieden des Schlafes noch nicht gefunden. Und doch war ein jeder in seiner Kammer seit langen Stunden.

Droben im ersten Stock lehnte der junge Buchenbauer am Fenster und schaute hinüber nach der Giebelstube des Kretschams.

Ein Licht schimmerte durch die Nacht herüber.

Dort war sie!

Der junge Träumer schloß die Augen.

Da sah er ein Meer und in dem Meer ein fernes Eiland. Von diesem Eiland schien das Licht wie ein winkendes Leuchtturmfeuer, das den Weg zeigt zu einem heimatlichen Hafen.

Aber wenn Heinrich Raschdorf die Augen öffnete, sah er die Dorfstraße. Die lag zwischen ihm und ihr wie ein unüberbrückbarer Abgrund. Er riß das Fenster auf. Schwerer Duft traf ihn, das Silberlicht gaukelte vor seinen Augen, und ein Vogel in der Nähe sang ein wonniges Lied.

Da schlug die Liebe in das junge Blut, und all ihr taumelndes, berauschendes Glück kam über den Einsamen. Eine heiße Röte flammte über Heinrichs Gesicht, und ein Vorsatz formte sich in seinem Herzen, sein Glück zu suchen. Und immer wieder ging er die wenigen Minuten im Geiste durch, die er mit ihr verlebt hatte, brachte sich alles in Erinnerung, was sie gesprochen, und war ganz außer sich vor lauter Aufregung, Liebe und Mitleid.

Da klopfte es an die Tür.

Heinrich lauschte, aber er rührte sich nicht.

Abermaliges Klopfen.

Nun ging er und öffnete.

Seine Schwester Lene stand draußen, völlig angekleidet. Das Erstaunen Heinrichs war groß; die Schwester hatte mit ihm seit dem Tage, da er im Buchenkretscham zur Steuer war, nicht mehr gesprochen.

»Du bist es, Lene? Was willst Du?«

»Mit Dir reden! Ich sah, daß Du noch wachst.«

»Komm herein!«

Er schloß die Tür hinter ihr. Sie schaute sich um und bemerkte alsbald das offenstehende Fenster und das Licht drüben über der Straße.

Sie sah ihn scharf an, und er konnte nicht hindern, daß er errötete. Er mußte an den Vater denken, wie sie so stolz und kalt vor ihm stand.

»Willst Du sie heiraten?« fragte sie unvermittelt. Ihre Stimme klang heiser.

»Heiraten? Wen?«

»Wen?«

Sie lachte scharf und kurz, trat ans Fenster und schloß es. Da überkam ihn der Trotz wieder.

»Lene, ich will Dir was sagen: so lasse ich mich nicht behandeln. Verstehst Du? Was ich tue oder lasse, ist schließlich meine Sache.«

»Nein!« Das sagte sie laut und heftig. »Es ist nicht Deine Sache, es geht uns alle an! Wir haben alle für Dich gearbeitet. Was Du hast, hast Du von uns!«

»Von Euch! Das weiß ich. Du kommst also, um mir zu sagen, was ich Euch alles schuldig bin, kommst, um mir das vorzurechnen?«

Ihr war jede Sentimentalität fremd.

»Ja, deswegen komm ich! Du bist uns genug schuldig, das Meiste! Beinah alles! Und ich red' nicht von mir, aber vom Mathias red' ich.«

»Vom Mathias? Was schadet es denn, wenn ich -- wenn ich --«

»Wenn Du zum Schräger laufst? Hinter der Lotte her bist? Es ist wahr! Es wird sich hübsch machen, wenn Du mit der Lotte zur Trauung gehn wirst.«

»Sei still, Lene! Das geht Dich nichts an, solches Gerede leid' ich nicht!«

Sie ließ sich nicht stören.

»Ja, und der besoffene Schräger wird als Schwiegervater hinterher geh'n.«

»Lene, ich werf' Dich raus!«

»Erst red' ich! Es wird hübsch sein, wenn Ihr bei Vaters Grab vorbeigehn werdet, den die Bande auf 'm Gewissen hat, und -- und der Mathias wird auch zusehn müssen, den sie ins Gefängnis gebracht haben. Sehr hübsch wird's sein! Du bist ein Staatskerl, Heinrich!«

»Hör' auf, Lene! Du machst mich verrückt!«

Er setzte sich auf einen Stuhl. Sie sagte nichts, lehnte sich an die Wand und sah ihn streng, ja haßerfüllt an. Ihn aber hatte sie mit dem einzigen Hinweis auf den Vater geschlagen. Da begann er endlich: »Es ist nichts erwiesen!«

»Daß der Vater tot is, das is erwiesen!«

Darauf wußte er nichts zu entgegnen. Endlich sagte er: »Der Vater ist verunglückt.«

»Nein!«

Dieses »Nein« klang furchtbar in der Stille der Nacht. Heinrich traf es wie ein Schlag, und er fröstelte in sich zusammen. Er hatte nie dieser schrecklichen Frage gegenüberstehen können, ohne eine versöhnliche Antwort mit aller Macht zu erzwingen. Dieses herbe Mädchen gab die Antwort. Er sah sie scheu an.

»Wie kannst Du -- wie kannst Du das nur sagen, Lene? Vom Vater?«

Auf einen Augenblick kämpfte sie mit Tränen. Dann kam der Groll wieder über sie.

»Vaters Tod ist ganz klar. Und der Schräger hat's gewollt. Der hat unseren Vater ums Geld gebracht, dann hat er falsch geschworen, und zuletzt hat er das Geld gekündigt. Da wußt' sich der Vater keinen Rat mehr. Und jetzt -- jetzt laufst Du hin -- der einzige Sohn --«

Es war aus mit ihrer Fassung. Sie sank auf einen Stuhl, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und fing leidenschaftlich an zu weinen.

Er saß ihr in zusammengesunkener Stellung und mit unbewegtem Gesicht gegenüber. Endlich sagte er tonlos: »Hör' auf zu weinen, Lene. Es ist ja nichts geschehen. Ich will nicht leugnen, daß ich der Lotte gut bin -- lange schon, länger, als ich's selber weiß, aber das -- das wird sich ja überwinden lassen -- weil es muß -- weil es muß --«

Er stand auf und wandte sich ab. Da war sie plötzlich hinter ihm, umschlang seinen Hals und küßte heiß seine Wange.

»Heinrich, weißte denn gar nichts -- gar nichts von der Liese?«

»Wie? Was? Was soll ich von der Liese wissen?«

»Daß sie Dir -- daß sie Dir so unendlich gut is, Heinrich!«

Er fuhr herum. »Mir? Die Liese? Mir gut? Lene!«

»Und der Mathias hat immer drauf gehofft.«

Er sah sie erstaunt an. Eine grelle, wehe Erkenntnis kam ihm. »O Lene, das -- das hätt' ich nicht gedacht!«

Schwer setzte er sich wieder auf den Stuhl.

Sie legte den Arm auf seine Schulter.

»Du mußt nicht denken, Heinrich, daß der Mathias alles bloß deswegen gemacht hat. Das wär' schlecht, so was von ihm zu denken. Aber ich weiß, daß a drauf gehofft hat. Und nu -- Heinrich, es hat mir das Herz umgedreht, wie a heute rumgegangen is, so weiß im Gesichte, und a wollt' nichts zeigen, und a wollt' immer mit der Liese lustig sein -- das war zum Erbarmen --«

Er starrte sie an, schüttelte sich und schloß die Augen.

»Lene, das -- das könnt Ihr nicht von mir verlangen.«

Sie sah wehmütig vor sich hin.

»Das verlangen wir ja nicht, aber das andere, Heinrich, das darfste uns nich antun.«

Es entstand eine lange Pause.

Draußen sang immer noch der kleine Vogel sein süßes Lied. Und über der Straße schimmerte das warme Licht.

Das Mädchen war verändert. Mit scheuer Zärtlichkeit ergriff sie die Hand des Bruders.

»Heinrich, fällt Dir's so schwer?«

Er antwortete heiser:

»Ich weiß es erst jetzt -- jetzt, da ich sie nicht haben darf, wie lieb ich sie hab', wie unsinnig lieb!«

Und nach einer Weile schluchzte er auf:

»Lene, wir haben ein schreckliches Leben!«

Ihr Gesicht verzog sich.

»Ich weiß ja, ich bin häßlich zu Dir und zu allen Leuten, ich ärgere Euch alle -- alle, aber ich kann nicht dafür.«

Er antwortete nicht.

»Aber ich mein's auch gut, bloß ich kann's nicht so zeigen, ich bin ein so schrecklich grobes, dummes Ding. Und mich kann niemand leiden!«

Sie fing wieder leidenschaftlich an zu weinen. Trotz seines eigenen Leides fühlte er, daß auch die Schwester einsam und glücklos sei.

»Lene,« sagte er, »wir wollen versuchen, daß wir uns jetzt besser vertragen. Ich weiß schon, was ich Euch schuldig bin. Ich werd' mir Mühe geben, Lene, in jeder Weise Mühe geben!«

* * * * *

Und drüben über der Straße?

Die alte Stenzeln war eingeschlafen bei der Krankenwache. Jetzt schreckte sie empor.

»Ach Gott, ich bin wohl -- ich bin wohl eingeschlafen? Fehlt was, Lotte?«

Das schöne Mädchen schüttelte den Kopf.

»Ich bin ganz zufrieden.«

Auch sie hörte den kleinen Vogel, der draußen sang. Und auch sie dachte daran, wie sie mit Heinrich durch den Wald gefahren war. Wie sie da beide so still und glückselig waren. Die Maiglöckchen, die er ihr gepflückt, standen in einer kleinen Vase am Bette. Sie waren ihr teuer. Und sie freute sich, daß sie bei dem Sturze vom Wagen nur ihre goldene Brosche verloren hatte, nicht diese drei Blumenstengel.

»Wie kam es denn, Stenzeln, daß Herr Raschdorf nach dem Arzte gefahren ist und nicht jemand von uns?«

»I du meine Güte, das hätt' lange gedauert! Na, Du weißt ja, Lotte! Aber der junge Herr drüben is gefahren wie a Toller.«

Lotte lächelte.

»Weiß er schon, daß ich den Fuß gebrochen habe?«

»Freilich, freilich! A hat ja unten im Hause gewartet, bis ich ihm alles gesagt hab'. Na, und a läßt Dich schön grüßen, und es tät ihm schrecklich leid!«

Lotte lächelte wieder.

»Ja, Stenzeln, das glaub' ich, daß es ihm leid tut; er ist ein sehr guter Mensch.«

Die Stenzeln nickte und dröselte ein Weilchen für sich hin. Dann hustete sie und sagte: »Na, eigentlich soll ich's ja nich sagen, aber Du wirst ja nischt verraten -- da sieh mal!«

Sie zeigte ein Fünfmarkstück und mäßigte ihre Stimme zu einem Flüstern: »Das hat a mir geschenkt, der junge Raschdorf, und ich soll Dich nur gut pflegen, hat a gesagt --«

Eine tiefe Röte zog über das Gesicht der Kranken, und ein glückliches Leuchten brach aus ihren Augen.

»Ja, und jeden Abend um neune will a mich unten an der Haustür fragen kommen, wie's Dir geht.«

»Hat er das gesagt?«

»Freilich hat a! A hat 'ne schreckliche Bangigkeet um Dich.«

Die Stenzeln seufzte.

»Schade is! Schade, daß a nu grade der Raschdorf is. Sonst is a wirklich a sehr schmucker Mensch.«

Lotte antwortete nicht; nur die Hand irrte auf dem Deckbett hin und her, und auf ihren Wangen brannte die Röte.

»Ja, und gewundert hab' ich mich, daß Dein Vater weiter nischt gesagt hat. Na, aber bei dem kommt's vielleichte noch. O, das wird a Aufsehen sein im Dorfe! Da werden sie ja wieder was zusammenquatschen. Is doch aber nischt dabei. Denn an was anderes is ja hier gar nich zu denken.«

Lotte lag ganz still. Ihre Augen wurden ernst und traurig.

»An etwas anderes ist ja hier gar nicht zu denken!«

Eine heiße, qualvolle Unruhe kam, die mehr weh tat als die Schmerzen des kranken Fußes.

Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Da -- mitten durch ihr Herzeleid schimmerte es immer wieder duftig und silbern --

Ein paar Blumen! Ein glänzendes Geldstück!

Droben im Walde stand ein uraltes, verwittertes Heiligenbild. Es wußte niemand, wer es da hingestellt, wußte niemand mehr, ob es aus Freud' oder Leid geschehen, ob es ein Dank sein sollte oder eine Bitte, ob eine fromme Seele es errichtet habe oder einer, dem eine Schuld im Herzen schrie.

Es stand da die Jahrhunderte hindurch. Und der Frühling stellte seine Blüten rund umher; die Sommersonne vergoldete den grauen Stein; an seinem Fuße legten sich die Käfer schlafen zur Herbsteszeit ins grüne Moos, und wenn die Weihnachtsglocken aus dem Tale klangen, flimmerten Eis und Schnee um das alte Bild, wie auf dem Altar in der Kirche weiße Decken und glänzende Steine. Manchmal zog ein einsamer Wanderer die Mütze ab vor dem alten Bilde. Das ist kein Götzendienst, wenn ein Mensch das Haupt entblößt an so ehrwürdigem Orte, wo so viel Leid und Lust ausgerungen wurden, so viel Friede und Andacht, aber auch so viel Kampf und Reue zu Hause waren seit langen Jahren.

An diesem Heiligenbilde kniete Liese Berger. Der Abend war nicht weit. Da lag ein roter, verklärender Schein über ihr und dem grauen Stein. Von fern sangen ein paar Vögel. Sonst war alles still. Und der Wald blühte über ihr.

Ein langes, stummes Gebet lag in den Augen des Mädchens, ein Gebet voll Qualen. Aber wie sie auf das Bild hinschaute, wurden ihre Augen stiller.

»Wenn es eine Sünde war, verzeih' es mir, heilige Mutter Gottes!«

Das Bild gab keine Antwort; aber in die Augen der Betenden kam Friede. --

Es stand einer von fern. Er war der Liese heimlich nachgegangen. Mathias, ihr Vater.

Er störte sie nicht -- o nein! Er wußte, was sie betete. Er wußte, daß es ein Totengebet war für seine und ihre liebste Lebenshoffnung.

Jetzt erhob sie sich und sah ihn. Ein wenig erschrak sie, aber er ging auf sie zu und nahm sie in seine Arme.

»Liese!«

Kein Wort redeten sie. Sie standen ganz still. Ein Vogel, der auf dem Aste saß, hielt inne in seinem Liede, neigte das Köpflein zur Seite und schaute die beiden verwundert an. Und als sie endlich fortgingen, flog er hinüber zum Heiligenbild, wo sein Weiblein im Neste saß, und erzählte ihr, daß es Menschen gäbe, die ganz still stehen und nicht reden. Das Weiblein zwinkerte ihn verständnisvoll an und wies mit dem Schnabel hinab auf das zerdrückte Gras vor dem Bilde.

Und dann sprachen sie von ihren eigenen Sorgen. --

Die beiden Menschen aber gingen schweigend den Bergpfad hinab. Nach einer Weile blieb die Liese stehen.

»Vater, ich will ins Kloster gehen!«

Er erschrak wie vor einem Blitz.

»Mädel!«

Sie klammerte sich an seinen Arm.

»Es ist nicht -- es ist ja nicht erst seit gestern -- es ist viel länger, ich hab's schon immer gedacht, schon als Schulkind -- aber jetzt -- Vater, ich will gern ins Kloster!«

»Nein, Liese! Auf keinen Fall! Das geb' ich nicht zu!«

Sie senkte den Kopf. Er aber schlang erschüttert den Arm um ihre Schulter.

»Deswegen nich, Liese! Meine Einzige! Nein, eher will ich --« Die Sprache versagte ihm.

»Es ist ja nicht bloß deswegen, Vater!«

»Ja! Ich weiß schon! Ich weiß genau! Nein, Liese, das geb' ich nich zu. Eher ziehn wir weit fort! Du bist mir die Nächste. Das kann nich sein! Deswegen nich!«

Stumm ging die Liese neben dem Vater her.

»Meinst Du, daß ich's nicht mehr wert bin?«

»Nich wert? Du, mei' frommes, goldenes Kind, Du! Aber mei' Tochter, 's kann ja alles noch gut werden. 's is ja doch nischt weiter passiert, es kann ja alles noch werden.«

Sie sah ihm hell in die Augen und schüttelte den Kopf. Dabei sagte sie ruhig: »Nein, es ist vorbei!«

»Es is nich vorbei! Wieso denn?«

»Wenn a mich auch noch wollte -- jetzt wollt' ich nich mehr!«

Er sah sie erschüttert an.

»Wir sind nich füreinander! Ich weiß jetzt. Es war unrecht von mir, daran zu denken, und ich will schon lange ins Kloster.«

»Liese, ich geb's nich zu!«

»Warum nicht, Vater? Ich hab's da ganz gut. Ich geh Kranke pflegen, das tue ich gern. Da kann ich was nützen. Und ich bin vielleicht ganz glücklich. Und so -- wenn ich in der Welt bleib'?«

Er sagte nichts mehr. Die stillen Frauen tauchten vor seiner Seele auf, die Siegerinnen, die in sich die Welt überwunden haben. Es liegt alles hinter ihnen, was die Menschenkinder erregt: sie wollen kein Geld, keinen Ruhm, kein Vergnügen, keine Bequemlichkeit, keine irdische Liebe. Sie wollen nur das Gute. Vielleicht, daß eine hie und da mit sich kämpft; die meisten haben Frieden. Und gegen den Frieden ist doch alles andere armer Tand.

Und wenn die Liese in der Welt blieb ohne Beruf, ohne Liebe, ohne Frieden?

Vielleicht, daß es ihr gut wäre im Kloster, vielleicht!

Aber er? -- Aber er! --

»Liese, wir wollen weder »ja« noch »nein« sagen; wir wollen abwarten, noch lange abwarten.«

* * * * *

Vom Dorfe herauf nach dem Buchenkretscham zu kamen der junge Riedel und der Barbier.

»Wenn wir's ins Reine bringen, fünfzig Taler sind Deine,« sagte Riedel.

»So leicht wird's gar nich sein,« meinte der Barbier, »Du hast a alten Schräger schon zu ofte geärgert. Und dann der Raschdorf!«

»Quatsch' nich, Mensch! Mehr wie fünfzig Taler gibt's nich! Das mit'm Raschdorf is Mumpitz. Die Schräger Lotte und der Raschdorf! So was gibt's nich. Da red' mir nischt vor.« -- -- --

Schräger war allein. Er war bereits wieder nicht mehr nüchtern. Die beiden eintretenden Männer grüßten und bestellten sich etwas.

»Na, man hört ja schöne Dinge,« fing der Barbier an.

»Was, schöne Dinge?« fragte Schräger stupid.

»Nu, von der Lotte. Seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich spazieren?«

»Ja, seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich spazieren?« wiederholte Riedel spitzig.

»Weeß ich nich,« sagte Schräger pomadig und trank einen Schnaps.

»Weeß a nich,« sagten die anderen beiden gleichzeitig und sehr betroffen.

»Ja, kümmerst Du Dich denn nich drum, Schräger, wenn Dei' Mädel zum Spektakel mit 'm Raschdorf in der Welt rumfährt?«

»Nee,« sagte Schräger, »mir is alles ganz piepe. Ganz egal is mir alles! Hol' alles der Teifel! Prost!«

»Der Kerl is besoffen,« sagte der Freiersmann leise.

»Sag' mal, Schräger, das kann Dir doch nich egal sein. Die Leute im Dorfe reden ja riesig. Sie sagen, die Lotte hat mit 'm Heinrich a Verhältnis.«

»Verhältnis? Weeß ich nich! Kann sein! Kann schon sein! Is mir alles Wurst!«

Riedel und der Barbier sahen sich ratlos an.

»Nu, Schräger, Du bist wohl nich gescheit? Du wirst doch nich zugeben, daß der Raschdorf mit der Lotte a Verhältnis hat? Du bist wohl verrückt?«

»Nee, ich bin gar nich verrückt! 's is ganz gutt so. Kommt alles zusammen, alles zusammen. Is alles gutt! Freut mich! Freut mich wirklich!«

Er rieb sich die Hände.

»A is wirklich verrückt geworden,« sagte Riedel.

»Ich werd' Dir was sagen, Schräger,« fing der Barbier in scharfem Tonfall an. »Du bist a Schafskopp! Der Raschdorf denkt gar nich an die Lotte, der hat 'ne ganz andere. Und Du kannst Dir mit solchem blödsinnigen Getue bloß Läuse n a Pelz setzen. Wenn das rauskommt, daß Du uff a Raschdorf spekulierst, da --«

»Was da?«

»Na so und so --«

»Was so und so?«

Der Wirt wurde etwas nüchterner.

»Na, ich will ja nich zuviel sagen; aber das weißte vielleicht, daß der Mathias gesagt hat, Du spekulierst drauf, daß die Güter zusammenkommen, und hättest deswegen a alten Raschdorf so reingebracht.«

Schräger fuhr wütend auf.

»Der Teifel hol' a Mathias; ich spekulier' nich! Hab' ich nie gemacht! Das is Schwindel!«

»Ja, aber die Leute werden's sagen; sie werden jetzt 'm Mathias recht geben --«

»Wer? Wer? Ich verklag' 'n!«

»Kannste nich! Und dann, wenn wirklich was draus würde, da tränk' keen Mensch mehr bei Dir für fünf Pfennige Schnaps. Mit a Buchenhofleuten will niemand was zu tun haben.«

Der Wirt glotzte die beiden an. Er wollte etwas sagen, schimpfen, abstreiten, aber schließlich wandte er sich ab und trat ans Fenster.

Heute früh, als er ausgeschlafen hatte und sich der Vorkommnisse vom vorhergehenden Tage bei nüchternem Geiste erinnerte, war er zuerst in Wut geraten und hatte großen Spektakel schlagen wollen. Aber dann, als er sich alles genauer ausmalte und auch unterdes wieder viel Schnaps getrunken hatte, war ihm urplötzlich seine alte, längst aufgegebene Lieblingsidee wieder eingefallen: die beiden Buchenhöfe miteinander zu vereinigen. Es war seit Jahren der erste Gedanke gewesen, der ihn aus seiner Säuferlethargie aufrüttelte und etwas wie eine frohe Begeisterung über ihn brachte.

Zwar die Sache schien auch ihm wahnwitzig, er wußte ja auch nichts Bestimmtes, nur den kurzen Bericht der alten Stenzeln, und so beschloß er, der Sache freien Lauf zu lassen. Jetzt kamen diese beiden und verdarben ihm den Plan. Er wandte sich um.

»Was habt Ihr eigentlich? Sie is a Stückel mit ihm gefahr'n. Weiter nischt!«

»Ja, und a hat's Pferd nich gehalten, wie sie abstieg. A feiner Kutscher is a, das wissen wir alle. Aber wie a sie heimgebracht hat, wie a sie um a Hals gehabt hat --«

»Schwindel! Halt's Maul!«

»Wir wissen's! Und alle Leute wissen's!«

Der junge Riedel sprang auf.

»Herr Schräger, es -- es muß raus! Ich bin der Lotte gutt, sie gefällt mir, wenn sie auch das Arbeiten nich gelernt hat, und ich wollte heute -- heute anfragen, wie's denn wär', wenn wir a Kram zusammenschmissen; aber wenn die Leute so reden, und wenn Sie nischt dagegen haben, und wenn so 'ne Wirtschaft hier is, da -- da könnt's sein, ich besänn' mich noch anders.«

Schräger wurde krebsrot.

»Riedel! Pauerjunge! Denkste, das laß ich mir gefall'n? Das soll wohl 'ne Brautwerbung sein? Besänn a sich noch anders, der Schafkopp! Hab' ich dazu gespart und gearbeit't und die Lotte so viel lern'n lassen, daß mir so a Lausejunge so kommt? Mir, 'm Vater? Raus!«

»Menschenkinder, vertragt Euch, vertragt Euch!« beschwor der Barbier.

»Raus!« brüllte Schräger.

Der junge Riedel kochte vor Wut.

»Behalt' sie!« schrie er. »Behalt' sie! Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.« Damit war er hinaus. Der Begleiter folgte ihm.

Schräger war wieder allein. Ein paarmal ging er durch die Stube und sprach vor sich hin. Dann sank er auf einen Stuhl. Er wollte nachdenken. Es ging aber nicht. So holte er sich Schnaps und trank.

Allmählich flaute seine Erregung ab.

Eigentlich war's dumm, daß er den Riedel hinausgeworfen hatte. Der Riedel hatte Geld.

Aber Raschdorf hatte mehr. Viel mehr! Und die Ziegelei! Und die Höfe kamen zusammen!

Die Höfe! -- -- -- Wenn er nur nicht Raschdorf hieß!

Ein Frösteln kam den Säufer an.

Der Sohn von dem anderen!

Manchmal kam er ja noch -- der andere -- in der Nacht, manchmal, wenn Schräger zu wenig getrunken hatte, oder wenn er krank war und nicht schlafen konnte.

Der Sohn! War das möglich? Würd's da besser mit ihm werden oder schlechter? Würde er sich mehr fürchten oder weniger? Damals, als der junge Raschdorf zur Steuer gewesen war, hatte Schräger in der Nacht gut geschlafen. -- --

Und auftrumpfen läßt er sich nicht! Und nichts auf die Lotte sagen, nichts! Auch nicht auf den Jungen! Es sind die Kinder! Er hat's danach; er braucht sich und den Kindern nichts sagen zu lassen! Wieder ringt er nach einem klaren Gedanken, will einen bestimmten Vorsatz fassen. Es ist nicht möglich, es bleibt alles verworren. Er trinkt, und dann spricht er wieder mit sich selbst. Alles durcheinander. Manchmal gegen den Riedel, manchmal gegen den Raschdorf. Zuletzt lallt er:

»Hol' der Teifel! Egal, ganz egal! Aber Geld muß sein! Geld!« Und er greift nach der Rumflasche.

* * * * *

Es war Abend. Droben im Krankenzimmer lag die Lotte mit roten Wangen. Sie sah immer nach der Uhr und betrachtete mit qualvoller Ungeduld, wie träge die Zeiger weiterrückten. Jetzt schlug die Uhr neunmal.

Die alte Stenzeln rührte sich nicht vom Platze und bastelte an ihrem Strickstrumpf.

»Es ist neun, Stenzeln,« sagte die Lotte stockend.

»Ja, ja,« erwiderte die Alte, »die Zeit vergeht.«

Sie vergaß es. Wenn er jetzt kam und die Stenzeln nicht traf!