Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen

Part 10

Chapter 103,921 wordsPublic domain

Sie ging auf ihn zu und faßte ihn ins Auge.

»Heinrich, wenn Du zur Steuer gehst, lauf' ich fort!«

»Dann laufe fort!« sagte er gleichgültig.

Und er ging aus der Stube mit festem Schritt.

Dennoch zitterte ihm die Hand, als er die Türklinke zum Buchenkretscham berührte. Seit seiner Kindheit Tagen war er in diesem Raume, der doch bloß auf der anderen Seite der Straße lag, nicht gewesen.

Die Tür ging auf.

Einige Sekunden sah Heinrich nichts als Rauch.

»Guten Abend!«

Niemand antwortete. Alle sahen verblüfft auf den jungen Herrn vom Buchenhof, und Schräger, der schon wieder betrunken war, torkelte gegen das Schanksims und stierte den Eintretenden an, der einige Sekunden an der Tür stehen blieb.

Da sprach endlich einer: »Der Hundertmarkschein kommt!«

Das war der Bader. Aber nur der junge Riedel lachte; die anderen schwiegen.

Heinrich ging durch die Stube zum Gemeindetisch.

»Ich bringe die Steuer,« sagte er leise und zählte den Betrag auf.

Der Gemeindeschreiber quittierte.

»Sechs Dreier und einen Hund!« sang in einer Ecke der Idiot. Es lachten zwei. Aber Heinrich beachtete es nicht.

»Guten Abend!« sagte er, nahm das Steuerbuch und wandte sich zum Gehen.

Da trat ihm einer entgegen. Es war der alte, grauhaarige Hirsel-Bauer. Er streckte ihm die Hand hin.

»Herr Raschdorf,« sagte er freundlich, »mögen Sie einen Schnaps mit mir trinken?«

Heinrich war ganz erschrocken. Unschlüssig blickte er nach links und rechts auf die vielen Leute und sagte dann stockend: »Nein, ich -- ich muß Ihnen danken, Herr Hirsel! Gute Nacht!«

Und er drückte ihm flüchtig die Hand und ging schnell hinaus.

Kopfschüttelnd setzte sich der alte, freundliche Mann. Der Bader aber sprang auf den Stuhl.

»Habt Ihr's gesehen? Das hat nu der Hirsel davon! Der Raschdorf und ein'n Schnaps mit jemand trinken! Da müßt' a keen Raschdorf sein! Das is un bleibt 'ne hochnäsige Bande!«

Und nun hatte der Bader wieder alle für sich. --

Draußen vor der Haustür traf Heinrich Lotte Schräger.

Er blieb betroffen stehen.

Auch sie sagte kein Wort.

Aber dann sahen sie sich scheu an wie zwei Menschen, die sich gekannt haben vor langer Zeit und sich wiedertreffen und nun nicht wissen, ob sie Freunde sind oder Feinde.

»Guten Abend!« sagte Heinrich und zog den Hut. Damit wollte er gehen. Aber er besann sich.

»Fräulein Lotte,« sagte er leise und hastig, »ich -- ich hab' Ihnen immer noch was zu sagen.«

Er brach ab. Er wartete wohl auf ein Wort von ihr, aber sie sagte nichts. Da begann er wieder:

»Sie sind einmal sehr freundlich zu mir gewesen -- Sie wissen wohl -- damals, als wir noch Kinder waren -- es ist ja jetzt an die acht Jahre her -- aber ich wollte Ihnen bloß sagen, den Strauß hab' ich nicht auf die Straße geworfen -- ich nicht! Sie sind mir gewiß recht böse gewesen die lange Zeit.«

Sie sah ihn errötend an, schüttelte den Kopf und ging rasch ins Haus.

Langsam schritt Heinrich über die Straße. Beim Hoftor blieb er stehen und holte tief Atem. Nach dem Buchenkretscham schaute er, hinter dessen erhellten Fenstern ein wüster Lärm war. Es war ihm doch sehr wohl.

Daß er ihr das hatte sagen können, das machte ihn froh. Es hatte ihn bedrückt all die Jahre.

Sie war ein herrlich schönes Mädchen geworden. Das hatte er erst heute so recht gesehen. So reif und so schön!

Warum klopfte ihm das Herz so laut?

Er sah immer hinüber nach der Stelle, wo er mit ihr gestanden hatte. Sie hatte kein Wort gesagt, sie hatte ihn nur angesehen.

In einer Giebelstube des Buchenkretschams wurde es hell. Heinrich schaute hinauf.

Jetzt kam eine Gestalt ans Fenster.

Das war Lotte!

Sie lehnte sich an die Scheiben und schaute hinüber nach dem Buchenhofe.

O, wie ihm das Herz schlug! Er betrachtete ihr dunkles Schattenbild und vermochte sich nicht zu rühren.

Da sah sie ihn unten im Mondlicht stehen.

Erschreckt legte sie eine Hand auf die Stirn. Bald darauf ging sie vom Fenster hinweg, und das Licht erlosch.

Eine Minute lang stand Heinrich noch still, dann ging er.

Im Hausflur auf der Treppe saß seine Schwester Lene. Sie hatte den Kopf auf beide Hände gestützt. Neben ihr stand Mathias, der in der Stadt gewesen und eben heimgekommen war.

»Du warst im Kretscham, Heinrich?«

»Ja, ich habe die Steuer hinübergetragen!«

Mathias sah ihn milde an.

»Es ist schon recht, Heinrich, Du kannst ja tun, was Du willst.«

»Aber ich -- ich lauf' fort!« rief Lene.

Sie sprang auf.

»Geh in die Stube, Heinrich! Die Lene laß mir! Fortlaufen darf sie ja nich. Sie gehört ja ebensogut hierher wie Du!«

Heinrich ging nach der Stube. Liese Berger brachte ihm das Abendessen. Freundlich sah sie ihn an.

»Ist es gut gegangen?« fragte sie.

»Ja, Liese, ganz gut.«

Das blasse Mädchen nickte freudig.

»Und die Lene wird schon dableiben, wir reden ihr ja alle gut zu.«

Sie bediente ihn mit ihrer großen Freundlichkeit und ihrem stillen Eifer. Sie reichte ihm alles zu und fragte, ob es ihm auch schmecke.

Er mußte sich zwingen zum Essen. Und er wünschte fast, die freundliche Liese sei nicht bei ihm. Ihre Freundlichkeit tat ihm heute weh!

Sie sah ihn besorgt an.

»Du mußt Dich nicht so ärgern, Heinrich. Es wird ja alles wieder gut. Du mußt essen, Heinrich!«

Bald darauf ging er nach seinem Zimmer. Er mußte allein sein. Um alles in der Welt wollte er jetzt mit niemand sprechen, auch mit der Lene nicht. Er dachte kaum an sie.

Er wollte nachdenken, aber er vermochte nicht auf seinem Stuhle stillzusitzen. Angekleidet warf er sich aufs Bett und blinzelte in das Lampenlicht.

Ja, es war so. Er war froh, daß er in den Kretscham gegangen war. Er war froh, auch wenn es allen anderen nicht paßte.

Er war mutig gewesen. Und dieses schöne Bewußtsein trieb ihm, wie allen weichherzigen Leuten, die es nicht gewöhnt sind, das Blut in den Kopf. Wie ein Rausch war's. Denn das ist ja wahr, daß Mut trunken macht, einen früher, einen später, je nachdem, wieviel er verträgt.

Sie hatten geschwiegen; nur zwei hatten über ihn gelacht, die zwei kläglichsten. Die anderen nicht. Und einer hatte ihn sogar zu einem Trunke eingeladen. Der gute alte Mann! Es war schade, daß er es ausschlagen mußte, aber sich da hinsetzen, unter diese Leute, das wär' ja unmöglich gewesen.

Ob's der Hirsel übel genommen hatte? Vielleicht! Wahrscheinlich sogar!

Heinrich sprang auf, setzte sich an den Tisch und schrieb an Hirsel einen langen Entschuldigungsbrief.

Ein Gefühl der Liebe für den alten Mann flutete durch das Herz des Jünglings. Wenn er jetzt einmal ins Dorf hinabsah, wußte er doch, daß dort unten jemand war, der's gut mit ihm meinte.

Ach, er war so glücklich, daß er ein ganz kleines Stückchen Heimat gewonnen hatte.

Als die Mitternacht vorbei war, hatte der junge Buchenbauer noch immer keinen Schlaf gefunden. Er mußte jetzt doch an seine Leute denken. Zum ersten Male hatte er sich in Widerspruch zu ihnen gestellt, zum ersten Male war er aufgeregt und glücklich, während sie gewiß alle mit bedrückten Herzen zur Ruhe gegangen waren.

Eine leise Reue kam, oder doch der Wunsch, sie recht bald alle wieder zu versöhnen, auch die Lene.

Freilich hatten sie ja nichts verloren.

Nichts?

Die Lotte fiel ihm ein.

Was sie wohl sagen würden, wenn sie wüßten, daß er mit Lotte Schräger gesprochen hatte? Eigentlich mußte er es ihnen erzählen. Das wäre aufrichtig.

Aber er schämte sich und beschloß, die Begegnung für sich zu behalten.

Was war auch geschehen? Entschuldigt hatte er sich wegen einer Ungezogenheit, wahrlich spät genug entschuldigt. Sonst nichts.

Und nun war er quitt mit Lotte Schräger.

So ist ein neuer Kampf in Heinrich Raschdorfs junges Leben getreten. Und im alten Kampf um die Heimat rückten die Bundesgenossen einen Schritt von ihm ab. Seine Schwester Lene weit! Sie sprach nicht mehr mit Heinrich; sie ging immer mit finsterem, verschlossenem Gesichte herum. Es kränkte ihren Stolz, daß sie gedroht und dann die Drohung nicht ausgeführt hatte.

Sie war schwach gewesen und unterlegen.

Und es war nicht bloß der beleidigte Trotz, daß ihr Wille nicht durchgegangen war; es lebte in diesem Mädchen auch das feine Empfinden, daß in die starke Position der Buchenhofleute eine Bresche geschlagen worden sei durch eigene Schuld.

Das wußte auch Mathias.

Einmal war er selbst es gewesen, der den Frieden gepredigt hatte, damals, als die tote Frau noch auf der Bahre lag, als er die Kinder übernahm und einen Weg für sie nach der Heimat suchte. Da erkannte sein kluger Sinn allein im Frieden mit den Leuten das Heil.

Wie eine stolze, halbzerstörte Festung kam ihm der Buchenhof damals vor, ein gar schwacher Platz, der nicht zu halten war, wenn ihn die Gegner unten im Tal mit zäher Feindseligkeit belagerten und ihn qualvoll aushungerten an Liebe und Freude.

Ein Tag mußte kommen, an dem sich die Burgleute ergaben auf Gnade und Ungnade, um in die Verbannung zu ziehen.

Deshalb wollte sich Mathias vergleichen. Aber als er einen Weg hinüber suchte, mit der weißen Fahne in der Hand, wurde er heimtückisch angefallen, er und Heinrich, und auch nach der lieben Toten warfen sie ihre schmutzigen Geschosse.

Da wußte Mathias nichts mehr von Frieden, da kam der Groll, der Trotz, und er baute den Buchenhof neu, stark, unantastbar, wie er meinte.

So war es gut gegangen all die Jahre. Gut?

Hatten sie nicht alle quälenden Hunger gelitten nach Liebe, nach Freundlichkeit, nach menschlicher Gemeinschaft?

Eine Festung ist keine Heimat. Heimat braucht offene Tore, breite, freie Straßen, an denen keine Fangeisen liegen und an denen keine Warnungstafeln stehen, sondern freundliche Wegweiser.

Jetzt also ging der junge Herr ins feindliche Lager. Er ging nicht, Verrat zu üben, er ging nur, Vertrauen zu zeigen und nach und nach Vertrauen zu gewinnen.

War er nicht zu loben?

Aber eine quälende Unruhe war in Mathias, der junge Herr vom Buchenhofe werde da drüben verunglücken.

Der Unfriede war auf den Buchenhof gekommen aus winzigem Anlaß. Auch der Schaffer war finster und sprach kein Wort. Er zürnte schwer mit Lene, und es war anzunehmen, daß er den schlimmen Streich, den sie seinem Sohne gespielt, nie mehr im Leben vergessen würde.

Hannes betrug sich ganz ungebärdig. Zunächst beschloß er, einen Tag »blau« zu machen. Ferner nahm er sich vor, am anderen Tage in den Buchenkretscham zu gehen und ein Säuferleben anzufangen, der Lene zum Trotz. Da er sich aber schließlich schämte, das Lokal wieder zu betreten, in dem er eine so wenig rühmliche Rolle gespielt hatte, ging er nach dem Nachbarort, trank in einem Gasthause drei Glas Bier und kam auch wirklich schwer betrunken nach Hause.

In der Nacht war er sehr krank, und sein stämmiger Vater betrachtete mit besorgten Blicken den Sohn, von dem er annahm, daß er nun dicht am Abgrunde des körperlichen und seelischen Verderbens stehe.

Am anderen Morgen glaubte Hannes selbst, seine allmähliche Auflösung sei nahe. Die Krankheit in ihren wilden Erscheinungen war zwar vorüber, dafür hatte sich aber ein Zustand eingestellt, der ihn befürchten ließ, daß seine Kräfte sich langsam vollends abschwächen würden.

Um so freudiger überrascht war er, als er gegen Mittag Hunger bekam und sich nach der Mahlzeit wieder recht leidlich fühlte. Also beschloß er, sich langsam wieder ans Leben zu gewöhnen und auch das Arbeiten wieder aufzunehmen.

Eine Woche lang schmollte er mit Lene, dann hielt er es nicht länger aus und sagte zu dem Mädchen: »Lene, das is auf die Dauer zu tumm. Reden wir lieber wieder!«

Die Lene lachte und sprach auch wieder mit dem Hannes, aber sie dachte bei sich selbst: »Er ist kein rechter Mann. Das durfte er sich nicht gefallen lassen. Er hätte mich müssen laufen lassen; so ist er ein Trottel.«

Und der gute Hannes pfiff derweil vergnügt und hatte gar keine Ahnung, daß er ein Trottel war. Er kannte das Leben nicht, er kannte das Bier nicht, er kannte das Weib nicht. Er war ein harmloser, lustiger Bursche, dem es sicher noch einmal sehr schlecht gehen mußte, ehe er dieses gutmütige, dumme Pfeifen sein lassen würde.

* * * * *

Es war an einem sommerheißen Maitag, kaum eine Woche später. Heinrich war nach der Stadt gefahren, um etliches zu besorgen. Nun war er auf dem Heimwege. Ganz allein saß er auf der kleinen Droschke und ließ das Pferd gemächlich seines Weges ziehen. Dabei konnte er ungestört seinen Gedanken nachhängen.

Daran dachte er, daß der junge Riedel sich um die Lotte bewarb. Und obwohl sich der Buchenbauer alle zwei Minuten sagte, daß ihn die Sache nichts angehe, gab er sich doch immer wieder Mühe, mit hundert Gründen und Einwendungen das Unsinnige einer solchen Verbindung zu beweisen. Und er redete sich selber in großen Zorn.

So kam es, daß er heftig erschrak, als er plötzlich die Lotte kaum dreihundert Schritte weit vor sich auf der Straße gehen sah. Sie war offenbar auch in der Stadt gewesen. In der Hand trug sie ein kleines Paket.

Dem Buchenbauer wackelten die Zügel in der Hand, und er wußte nicht, ob dieses Zusammentreffen ein Glück oder ein großes Unglück sei.

Was sollte er tun? Was sollte er nur tun?

Sie auffordern, mitzufahren, sie und er ganz allein -- sie, die Schräger Lotte, und er, ein Raschdorf? Seine Leute, was würden die sagen? Das kam doch heraus, das ging doch nicht zu verheimlichen. Der Mathias, die Lene -- alle -- was würden sie sagen?

Heinrich zupfte an der Leine, und das Pferd schlich langsam im Tritt. Es war ein bequemes Rößlein, das seinerseits sich gegen ein vorsichtiges, abwartendes Tempo nicht sträubte.

Aber trotzdem -- in wenigen Minuten mußte er sie eingeholt haben! Was dann? Sollte er an ihr vorüberfahren? Sie laufen lassen in diesem Staub und in dieser Hitze? Sie, die ihm einstmals den schweren Koffer getragen hatte? Und ganz abgesehen davon -- vorüberfahren, unhöflich sein, grob -- das ging nicht, das ging nicht!

Kurz entschlossen rückte sich Heinrich stramm auf und hieb auf das Pferd ein. Und in kaum zwei Minuten war er an Lottes Seite.

»Guten Tag, Fräulein! Darf ich Sie auffordern, mit mir zu fahren?«

Sie schaute zu ihm auf. Ihr Gesicht glühte von der Anstrengung des Laufens, und sie zitterte ein wenig, als sie sagte:

»Ich -- ich danke, Herr Raschdorf -- ich werde jetzt gleich den Feldweg gehen. Es ist ja nur eine halbe Stunde nach Hause. Ich danke!«

»So schlagen Sie mir's ab?«

»Ich -- ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten, Herr Raschdorf!«

»Ungelegenheiten? Wieso?«

»Ja! Sie wissen ja -- es ist um die Ihrigen -- es war mir so furchtbar peinlich, als ich sah, daß Sie hinter mir --«

Da sprang er auf die Straße.

»Lotte, Sie müssen mit mir fahren, jawohl, Sie müssen! Sie kränken mich, wenn Sie mir's abschlagen. Wir haben doch nichts gegeneinander -- nichts -- nichts -- rein gar nichts!«

Sie schaute ihn mit ihren großen, dunkelgrauen Augen eine Sekunde an.

»Nein, wir haben wohl nichts, aber es ist besser, ich danke, Herr Raschdorf, ich bin ja in einer halben Stunde zu Hause.«

»Lotte!«

Er ergriff sie an der Hand.

»Lotte -- Fräulein Lotte, wissen Sie noch -- damals vor acht Jahren, als ich heimkam, auf diesem selben Wege, als wir den Koffer miteinander trugen, wissen Sie noch?«

»Ja, aber da waren wir Kinder -- jetzt -- es ist schon besser, wenn ich zu Fuß gehe.«

Er ließ ihre Hand los. Tonlos sagte er:

»Ja, vielleicht ist's besser; vielleicht wär's eine Schande für Sie, wenn Sie mit mir führen.«

»Heinrich Raschdorf!«

»Was sehen Sie mich so an? Es ist doch so! Von dem Raschdorf Heinrich mag kein Mensch im Dorfe was, keine Gefälligkeit, keinen kleinen Dienst, keine Freundlichkeit; der ist ja ausgestoßen.«

»Herr Raschdorf! Sagen Sie nicht so was! Ich fahre mit!«

»Lotte, das will ich Ihnen danken!«

Er half ihr auf den Wagen und stieg nach. Zitternd ergriff er die Zügel wieder. Es war nur ein Sitz da. So saßen Sie dicht nebeneinander. Minutenlang fuhren sie die Straße entlang, ohne daß eines ein Wort gefunden hätte. Und die Maisonne lachte, und das Rößlein ging so wonnig sachte.

So war dem jungen Buchenbauer noch niemals im Leben zu mute gewesen. Das Herz war ihm übervoll, und doch fand er kein armseliges Wörtlein. Endlich raffte er sich auf:

»Sie müssen mir noch sagen, Fräulein Lotte, ob Sie mir wegen des Straußes böse gewesen sind!«

»Ach, ich habe mich damals wohl sehr geärgert. Aber ich weiß ja jetzt, daß Sie ihn nicht weggeworfen haben!«

»Nein, wirklich nicht, ich wollte, ich besäße ihn noch jetzt.«

»Den armseligen Kinderstrauß?«

»Ja, denn damals war doch noch eine bessere Zeit. Da war ich noch nicht gar so einsam.«

»Fühlen Sie sich einsam?« fragte sie leise.

»O, Lotte, Sie wissen gar nicht, Sie können gar nicht glauben, was das heißt: so leben wie ich.«

»Sie haben eine Schwester und gute Freunde.«

»Ja, das weiß ich, das schätze ich auch, aber das langt nicht, das langt nicht auf so viele lange Jahre. Ein bißchen Vertrauen, ein bißchen Freundlichkeit von den Leuten, sehen Sie, das fehlt mir.«

Sie schwieg.

Er sah sie schmerzlich an. Dann sprach er leidenschaftlich:

»Und doch schwör' ich Ihnen, Lotte: Ich war unschuldig an dem Unglück, und mein toter Vater auch!«

Sie war tief erschüttert. Leise sprach sie:

»Das weiß ich, das hab' ich auch immer geglaubt.«

»Lotte, das ist gut von Ihnen!«

Er preßte ihre Hand. Ein Weilchen hielt er sie so fest, dann erschrak er und gab sie frei.

Einige Minuten fuhren sie wieder schweigend dahin, dann sagte Lotte leise:

»Und wie denken Sie, daß mir's geht?«

Er suchte nach einer Antwort. Der trunksüchtige Vater fiel ihm ein, der idiotische Bruder, und ihre ganze trostlose Verlassenheit kam ihm zum Bewußtsein.

»Ja, ich weiß wohl, ich ahne es, es tut mir leid, Lotte, aber die Leute im Dorfe, die achten und ehren Sie doch.«

»Die Leute im Dorfe! Wenn ich eine rechte Heimat hätte, brauchte ich keine Leute aus dem Dorfe. Ich will sie nicht.«

Der Widerspruch zwischen ihr und ihm selbst fiel ihm auf.

»Lotte, ich glaube, wir sind beide nicht glücklich. Wir haben beide ein Haus, in dem wir wohnen, und haben doch beide keine Heimat.«

Sie sah zu ihm auf. Ähnliche Gedanken hatte sie schon oft gehabt; nur diese klare Form hatte sie ihnen nicht geben können.

»Ja,« sagte sie, »Sie haben recht!«

Dann sprachen sie von der Kinderzeit, von jenen goldenen Tagen, als sie noch glücklich waren, als sie beide noch eine Heimat hatten.

Darüber vergaßen sie ihren Kummer, und manchmal schauten sie sich heimlich und schnell in die Augen -- so, wie man ein altes, heimgekehrtes Glück herzklopfend betrachtet. Und sie waren beide rot im Gesicht, und tief in den Augen strahlte es wie eine ganz leise Erlösungshoffnung.

Die Straße führte durch den Wald. Da schwiegen sie wieder.

Über den Schattenweg huschten einzelne goldene Lichter, und fern sang ein Brünnlein durch die Mittagsstille.

Ganz langsam fuhr das Gefährt die weiche Straße entlang, und die beiden jungen Menschenkinder schauten hinab nach dem blühenden Wegrande. Dort, wo die Maiglöckchen blühten, hielt er an, sprang hinab, pflückte drei Stengel und reichte sie ihr.

»Wir haben keine Feindschaft, Lotte!« sagte er bewegt.

»Nein -- nein, Heinrich!«

Und dann wieder weiter, den grünen Frühlingswald entlang, der still in blühender Freundlichkeit die beiden anschaute aus märchentiefen Augen. Zwei bunte, seltsame Schmetterlinge gaukelten vor ihnen her; denen schauten sie nach mit träumenden Augen, und ihre Hände lagen dicht beieinander und berührten sich leise.

Da war ihnen wohl. Sie waren zu Hause. Auf diesem kleinen Wagen war die Heimat.

Als sie aber hinaus ins Lichte kamen und die Buchenhöfe sahen, fröstelten sie vor dem grellen, heißen Sonnenlicht. Da wußten sie, daß sie dort beide wieder in der Fremde sein würden.

Er faßte wieder ihre Hand.

»Lotte, wenn wir uns manchmal -- nur manchmal sprechen könnten, das wär' ein Glück!«

»Es ist ja nicht möglich!«

»Es muß möglich sein, Lotte! Wir wollen Freunde sein!«

* * * * *

»Hallo! Hallo! Hallo!«

Der Idiot sprang aus dem Walde. Er hatte eine riesige Tüte in der Hand, ganz gefüllt mit Maikäfern.

Die beiden erschraken, und auch der Idiot blieb erstaunt stehen. Er sperrte den Mund auf.

»Und -- und -- und einen Hund,« grunzte er überrascht, das einzige, was ihm immer einfiel, wenn er jemanden vom Buchenhofe sah.

»Mein Bruder! O Gott, mein Bruder!«

Auch Heinrich war peinlich überrascht.

»Die Lotte und der -- und der -- und einen Hund, einen großen Hund!« krähte der Idiot.

»Lassen Sie mich absteigen, Herr Raschdorf -- ich muß mit ihm reden.«

Heinrich Raschdorf hielt an. »Bleiben Sie, Lotte! -- Gustav, Gustav, komm einmal her!«

»Schön tumm! Du schmeißt mich ins Feuer. Du sperrst mich ein. Und einen gro--o--ßen Hund!«

»Ich will hinab, Herr Raschdorf -- ich muß zu ihm, adieu -- Sie wissen nicht --«

»Wann sehen wir uns, Lotte?«

»Ich weiß nicht! Lassen Sie meine Hand los, ich will absteigen.«

Der Idiot war inzwischen tückisch herangeschlichen und schleuderte urplötzlich dem Pferde die Tüte mit den Maikäfern an den Kopf. Das Pferd fuhr auf, rückte an und raste davon, während Lotte, die im Absteigen begriffen war, mit einem Aufschrei auf die Straße stürzte.

Mit verzweifelter Kraft brachte Heinrich das zitternde Tier zum Stehen und lief den Weg zurück.

Da lag Lotte Schräger auf der Straße. Das Hinterrad war ihr über den linken Fuß gegangen.

»Lotte, um Gottes willen, was ist geschehen?«

»Mein Fuß -- mein Fuß -- überfahren -- ach, mir wird schwindelig --«

»Lotte, geliebte Lotte!«

Er tastete nach ihrem Fuße; aus dem niederen Schuh quoll das Blut. Da raffte er das Mädchen auf und trug es nach dem Wagen.

Der Idiot stand mit entsetztem Gesichte da und schrie:

»Es blutet! Es blutet!«

Und er verkroch sich im Walde.

Vorsichtig hob Heinrich die Verwundete auf den Wagen. Ein Frösteln ging durch seine Seele.

An derselben Stelle hatte vor Jahren Mathias Berger seinen sterbenden Vater auf seinen kleinen Schlitten geladen. Und nun ging es wie damals behutsam die Anhöhe hinab den Buchenhöfen zu.

»Heinrich!«

Sie klammerte sich fest an ihn.

»Lotte, Lotte! Geliebte Lotte!«

Sie war ohnmächtig.

Er bettete sie an seine Brust und schlang den rechten Arm um sie. Mit der linken Hand hielt er die Zügel.

So bleich und so schön war sie, und sie atmete schwer, aber doch nicht schwerer als der junge Buchenbauer. Er betrachtete immer ihr süßes, bleiches Gesicht. Und einmal bückte er sich hastig scheu über sie und küßte sie auf den Mund. Ein Seligkeitsschauer glühte ihm durch den Körper. --

Als sie in die Nähe des Buchenhofes kamen, gingen zwei durch den Garten -- Mathias und Liese.

Sie hielten Ausschau. Und nun gewahrten sie ihn. Die Hände legten sie über die Augen, um besser sehen zu können. So standen sie regungslos wie Bildsäulen.

Aber plötzlich kam Leben in die beiden Leute. Sie sprachen erregt miteinander, zeigten nach ihm, und auf einmal wandte sich die Liese um und lief ins Haus.

Mathias Berger aber ging langsam nach dem nächsten Baume und lehnte sich an.

Heinrich hatte das alles wohl gesehen, aber es war ihm so, als ob es ihn nichts anginge. Er nickte nur grüßend und fuhr vorbei, hinüber zum Kretscham.

Zwei Mägde und die alte Wirtschafterin sahen durchs Küchenfenster und kamen schreiend herausgelaufen. Heinrich unterrichtete sie kurz und übergab ihnen Lotte. Dann fragte er nach Schräger.

Der saß in der Gaststube und schlief. Er hatte sich am Vormittag schon wieder betrunken.

Heinrich rüttelte den Schlafenden. Der öffnete die Augen, sah den jungen Raschdorf und grunzte auf.

»Erschrecken Sie nicht, Herr Schräger, es ist ein Unglück passiert. Fräulein Lotte ist ein Stück mit mir gefahren, und als sie absteigen wollte, hat der Gustav das Pferd scheu gemacht. Da ist sie gefallen, und der Fuß ist ihr überfahren worden.«

Schräger starrte ihn verständnislos an.

»Herr Schräger, es muß augenblicklich jemand nach dem Arzt fahren!«

»Nach -- nach dem -- dem Arzte fahren?«

Heinrich sah, daß der Mann betrunken war.

»Ja, es ist keine Zeit zu verlieren! Hören Sie, Herr Schräger, ich werde selbst den Arzt holen. Hören Sie?«

»Ja -- ja -- den -- Doktor --«