Die Heiligen der Merowinger

Part 41

Chapter 412,979 wordsPublic domain

Nehmen wir zunächst den Glauben im weiten, umfassenden Sinn als Weltanschauung. In seinem gelehrten Werke »Der Sternenlauf« entrollt Gregor folgendes Weltbild[305-1]: »Die meisten Philosophen haben sieben Weltwunder beschrieben. Ich für mein Teil möchte mit einiger Abweichung ebenfalls sieben, wenn auch nicht ganz dieselben aufzählen: erstens die Arche Noahs; zweitens Babel und seine Schanzen; drittens der Tempel Salomos, seine Säulenhallen, sein Altar, seine Cherubinen, seine Bildsäulen, sein gepflasterter Boden und seine Thore; viertens das Grab der Perserkönige; fünftens der Koloß von Rhodos; sechstens das Theater von Heraklea; siebentens der Leuchtturm von Alexandrien. Diesen Erden- und Menschenwundern gegenüber stehen sieben Himmels- und Gotteswunder, von denen einige den Zweck haben, die Macht Gottes darzulegen, so die Sonne, der Mond, die Sterne, der Phönix, oder den Sündern das Höllenfeuer vor Augen zu führen: so der Aetna sowie der heiße Sprudel zu Grenoble. Diese Wunder werden so lange zurecht bestehen, bis dem Herrn die Auflösung der Welt beliebt. Erstens Ebbe und Flut im Meere; zweitens die Befruchtung des in die Erde gelegten Samenkornes, das Sankt Paul der Auferstehung unseres Leibes vergleicht; drittens der Phönix, der sich selbst auf seinem Nest verbrennt und dann aus seiner Asche aufersteht, auffallendes Vorbild eben der Auferstehung, die unsern Leib erwartet; viertens der Aetna; fünftens die Feuerquelle von Grenoble, die an der Hand nicht brennt und doch Kerzen und Dochte anzündet. Ein gewisser Hilarius hat hierüber ein Gedicht gemacht, in dem er nachweist, daß die ewigen Flammen unsern Leib noch verschonen, um ihn dann zu verzehren nach dem jüngsten Gericht, wenn er sich der Sünde überlassen hat; sechstens der befruchtende Lauf der Sonne; siebentens der Mond, den wir zunehmen und abnehmen sehen, dann die Sterne die im Osten auf und im Westen niedersteigen, die nördlichen bewegen sich in einer Kreisbahn statt einen gradlinigen Lauf zu befolgen, während die andern in der Mitte des Himmels stehen. Die einen sind das ganze Jahr sichtbar, die andern bloß einige Monate. Mit Gottes Erlaubnis will ich nun über den Lauf der Gestirne berichten für die, die nichts davon wissen, und soweit meine eigene Kenntnis dieser Dinge reicht. Ich werde die Benennungen, die ihnen Virgil und andere Dichter geben, bei Seite lassen und mich an die Namen halten, die sie in der Bauernsprache erhalten haben, oder an die, die durch die Stellung der Sterne selbst nahe gelegt werden, wie Kreuz, Sichel und andere. Mit diesen Zeilen verfolgte ich überhaupt keinen wissenschaftlichen Zweck noch kann es mir einfallen, die Zukunft zu erforschen; wohl aber will ich nachweisen, wie ein Tageslauf auf vernünftige Weise mit Gottes Lob auszufüllen ist, zu welchen Stunden nämlich der sich in der Nacht zum Gebet erheben soll, der mit Sorgfalt Gottesdienst halten will.« Hierauf macht Gregor allerhand illustrierte Angaben von astronomischen Beobachtungen rudimentärster Art, wie viele Stunden jeder Monat täglich Sonne hat, desgleichen wie viele Stunden jeder Monat nächtlich Mondschein hat. Der Mond geht im Sommer denselben Weg, den die Sonne im Winter gegangen ist und umgekehrt. Gregor gibt sodann mit roter Tinte die Stellung einiger Sternbilder am Himmel an und verweilt besonders bei den Kometen: Ein Haarstern zeigt sich nicht zu jeder Zeit, sondern nur etwa beim Tode eines Königs oder während eines Landesunglücks. Wenn sein buschiges Haupt mit einem strahlenden Diadem erscheint, ist das die Anzeige eines Todesfalls in der königlichen Familie. Ueberwiegt dagegen der rötliche Degen und tritt der Kopfstern zurück, so deutet es auf ein Landesunglück. So war es bei der Pest, die in der Auvergne wütete, und so kurz vor dem Tode König Sigiberts. Dann erläutert Gregor die Zeichen, an denen ein frommer Sinn den Gläubigen den Augenblick angebe, wo man sich für den Gottesdienst erheben soll. Er beginnt dabei nicht wie üblich im Monat März oder am Neujahrstag, weil die Zusammenstellung, die man im Monat März beobachte, bereits in einem andern Monat zustandekomme. Im September also ersteht der große Stern, der Rotstern, mit dem kleinen, der ihm vorausgeht. Gregor gibt die Psalmen an, die beim Aufgang dieses Sternes anzustimmen sind, ebenso im Augenblick, da die ›Sichel‹, der Orion, an demselben Orte angelangt ist, wo die Sonne am Tage um fünf Uhr steht; schließlich im Augenblick, da die ›Traube‹ aufgeht. Dementsprechend gibt Gregor für jeden folgenden Monat die Nachtpsalmen an sowie den dreifachen Zeitpunkt für die nächtlichen Vigilien. Gregors Weltanschauung und mit ihm die des fränkischen Volkes ist somit robust religiös, unphilosophisch religiös. Der Erkenntnistrieb gibt sich mit der Anerkennung von zweimal sieben Weltwundern zufrieden, und alles, was sich der Beobachtung ungesucht aufdrängt, unterstellt sich dem praktischen Bedürfnis, für die Verehrung Gottes eine möglichst geregelte, sozusagen naturgemäße Aeußerung zu finden.

Nehmen wir sodann Glauben im engeren Sinn als dogmatisches Bekenntnis, so ergibt sich auch hier ein unkompliziertes, primitives Ideenbild, das positiv durch die orthodoxen Symbole und negativ durch die beiden Gegensätze des Arianismus und des Judentums bestimmt wird. Die negative Bestimmung tritt viel schärfer ins Licht, weil es sich um einen realen konfessionellen Haß gegen Andersgläubige handelt. Eine Katholikin, die einen Ketzer zum Mann hatte, erhielt den Besuch eines streng katholischen Priesters. Da sagte sie zu ihrem Mann: »Wenn du mich lieb hast, so soll Freude im Hause sein, wir wollen ihm ein Essen geben, das sich sehen lassen darf«. Der Mann hatte nichts dagegen; als aber nun noch ein arianischer Priester ihn besuchte, rief er fröhlich: »Desto besser. Zwei Pfaffen aufs Mal, für jeden Glauben einen«. Bei Tische saßen die Arianer rechts, das katholische Paar links, die Frau auf einem Stühlchen neben dem Sessel des Priesters. Der Gatte raunte dem Ketzer zu: »Nun wollen wir auf Kosten dieses römischen Priesters uns lustig machen. Sobald eine Schüssel auf den Tisch kommt, so mache rasch das Zeichen des Kreuzes drüber, und während der Andere traurig dasitzt und zusieht und nicht essen darf, wollen wir uns gütlich thun«. Jener erwiderte, er sei einverstanden. Zuerst kam Gemüse; der Ketzer machte sein Kreuz und bediente sich. Die Frau verwahrte sich gegen diese Beleidigung ihres Priesters. Dieser erhielt nun seine eigene neue Portion, aber beim zweiten und dritten Gang gefiel sich der Ketzer in denselben Witzen. Als nun als viertes Gericht eine Casserole mit einer brennenden Fruchtomelette kam, Rühreier, etwas Mehl, Dattelschnitze und entsteinte Oliven, und der Arianer sie wieder ohne weiteres herunterschlang, verbrannte er sich elend den Magen, stieß einen Seufzer aus seinem qualmenden Munde und gab mit einem schrecklichen Geräusch alsobald seinen Geist auf. Man trug ihn vom Tisch in ein Grab und deckte Erde darüber. Da rieb sich der katholische Priester die Hände: »Gott hat seine Diener gerächt«. Und zum Gastgeber sich wendend: »So. Nun wünsche ich zu essen«[307-a]. Ein ander Mal kamen zwei Geistliche, ein Rechtgläubiger und ein Ketzer überein, es auf ein Gottesurteil ankommen zu lassen, da sie sich sonst nicht einigen konnten. Aber auch der Orthodoxe hatte Angst. Er schmierte sich den Arm, mit dem er den Ring aus dem kochenden Wasser holen sollte, mit Oel ein, lief von einem Heiligengrab zum andern, begab sich aber um drei Uhr auf den Markt, wo es an Schaulustigen nicht fehlte. Jeder von den beiden wollte höflicherweise dem Andern den Vortritt lassen; schließlich mußte der Diakon heran und entblößte zitternd seinen Arm. Da erhob der Gegner ein Geschrei und wollte nicht gelten lassen, daß jener sich gesalbt habe; das sei Magie, die Sache sei null und nichtig. Während sie nun aber stritten, kam ein italienischer Diakon aus Ravenna des Weges, und als er vernahm, um was es sich handle, machte er rasch seinen Arm frei und fuhr in den Kessel. Ueber eine Stunde lang hatte er im Wasser zu tasten und zu suchen, weil der Ring so klein und leicht war, daß er immer wieder entwischte, und immerfort wurde unter dem Kessel geheizt. Er aber zog den Ring heraus ohne das geringste verspürt zu haben; da jedoch der Arianer großmäulig behauptete, er wolle seinen Glauben auf dieselbe Weise bewähren, war sein Arm gesotten, als er ihn wieder herauszog[308-a]. Ein spanischer König wollte einen katholischen Priester aus Gallien, den man aufgefangen hatte, durch schmeichelhafte Versprechungen zum Uebertritt bewegen, aber dieser entgegnete ihm, seine Geschenke seien Mist für ihn. Als man ihn dann geißelte, spürte er nur die ersten drei Hiebe[308-b]. In mehreren Varianten wurde auch die Geschichte herumgeboten, arianische Priester hätten Leute bestochen, Blindheit und nachherige von ihnen bewirkte Heilung zu simulieren; diese seien dann aber zur Strafe wirklich blind geworden[308-c]. Die katholische Kirche in Rioms war von den Gothen in Beschlag genommen worden. Sie schickten sich an, dort in der Charwoche auf ihre Weise Kindertaufen vorzunehmen, damit das Volk desto eher in die Falle gehe. Der katholische Geistliche, der sich frevelhaft aus seinem Heiligtum verdrängt sah, ging einfach in den anstoßenden Betsaal der Ketzer und taufte dort. Von den ketzerisch getauften zwanzig Kindern überlebte übrigens keines die Woche nach Ostern[308-d]. Dogmatische Erörterungen ersetzte ein Beweis der Kraft, wie man ihn drastischer nicht denken kann. Alles wurde, wenn immer möglich handgreiflich vor den Augen dargelegt. Das marmorne Taufbecken in Osser in Spanien hatte Kreuzesform; am Gründonnerstag wird es geleert und die Röhren versiegelt; zu Ostern hat es sich dann von selbst gefüllt. Die westgothischen Könige benutzten den Teich aber zur Pferdeschwemme oder ließen nach geheimen Kanälen graben, um das Wunder als Betrug aufzudecken[308-e]. Und als bei der Belagerung Saragossas durch Childebert und Chlotar die arianischen Einwohner mit dem Rock des heiligem Vinzenz eine Mauerprozession unternehmen, da zogen sich die Frankenkönige von der Stadt zurück, weil eine katholische Reliquie auch in ketzerischen Händen nichts an Kraft verlor[308-f]. Gegen nur arianische Wunder dagegen war man kritisch und deckte die Schliche unbarmherzig auf.

Nicht weniger schroff waren die Beziehungen zur Judenschaft. Der Haß war auch hier gegenseitig; kein Teil blieb dem andern etwas schuldig. Auch hier fehlt es an bezeichnenden Histörchen nicht. Der Knabe eines jüdischen Glasers, der mit Christenkindern in die Schule ging, wurde einst bei einer Meßfeier in der Marienkirche aus Versehen zur Kommunion zugelassen. Frohlockend sprang er heim zu seinem Vater, den er gerade bei der Arbeit traf, und erzählte ihm unter Liebkosungen, jetzt habe er vom Fleisch und vom Blut Jesu Christi gegessen. Wütend versetzte dieser: »Nun du mit diesen Kindern kommuniziert hast, in Verachtung deines väterlichen Glaubens, so zwingst du mich ein grausamer Rabenvater zu werden, da ich doch den dem Gesetz Mosis zugefügten Schimpf nicht ungerächt lassen darf«. Darauf warf er sein Kind in den glühenden Schmelzofen. Die Mutter kam herbei, warf sich vor Schmerz ihren Kopfputz auf den Boden, zerraufte ihr Haar und schrie so herzzerreißend, daß die christlichen Nachbarn herbeiströmten. Als man aber den Ofen aufriß, befand sich das Kind völlig unverletzt; unter allgemeinem Beifall wurde es hervorgezogen. Dagegen wurde nun der alte Jude ins Feuer gesteckt und verbrannte sofort. Der Junge aber erzählte auf Befragen, dieselbe Frau mit einem Kind auf dem Arm, die er heute in der Kirche gesehen habe, hätte ihren Mantel über ihn gedeckt und ihn so vor den Flammen gehütet[309-a]. In einer katholischen Kirche sah ein Jude ein Christusbild an der Wand hängen und sagte: »Das also ist der Verführer, der uns erniedrigt hat, mich und meine Rasse«. Da es Nacht war, durchbohrte er das Bild, riß es von der Wand und nahm es unter seinem Mantel mit nach Hause, um es zu verbrennen. Aber o Wunder, die Wunde, die er dem Bilde geschlagen hatte, blutete; als er zu Hause Licht machte, sah er sich blutüberströmt; Furcht ergriff ihn. Er versteckte das Bild in einem Winkel; aber die Blutspuren von der Kirche zu seinem Hause führten zu seiner Entdeckung. Die Christen brachten das Bild wieder in die Kirche zurück und steinigten den Bösewicht[309-b]. Um so erfreulicher war es, gelegentlich auch bei einem ungetauften Juden aufrichtigen Heiligenglauben zu finden, und der heilige Domitius, den er anrief, stand auch keinen Augenblick an, ihn von der Ischias zu heilen. Aber wie man es nie allen Leuten recht machen kann, so waren nun wieder die Christen nicht zufrieden. Sie zerschellten die Kirchenlampen und riefen: »Wir, die Gott in Wahrheit bekannt haben, sind noch nicht gesund, indessen dieser Beschnittene geheilt von dannen geht«[309-c]. Als jedoch ein Jude in Bordeaux einem Priester abriet, in der Martinskirche Heilung vom Schüttelfrost zu erwarten, da ja Martin längst in der Erde liege, und wie andere Sterbliche zu Staub zerfallen sei, und ein Toter doch den Lebenden nicht helfen könne, da wurde seine Unkenntnis offenbar; denn der Priester genas nach Genuß von Kerzenasche, während der Jude selbst am selben Fieber über ein Jahr lang krank blieb[309-d]. Ueber das Diskussionsniveau bei Auseinandersetzung von Katholiken und Juden belehrt auf das anschaulichste ein Erlebnis Gregors. Er besuchte König Chilperich auf dem königlichen Meierhof zu Braine, als dieser eben nach Paris übersiedeln wollte, und war im Begriff sich zu verabschieden. Da trat gerade ein Jude ein, namens Priskus, mit dem der König viel verkehrte; von ihm pflegte er die kostbaren Sachen zu kaufen. Chilperich nahm ihn freundlich beim Kraushaar und wandte sich an den Bischof mit den Worten: »Bischof, komm; hier gibt’s etwas zu bekehren«. Der Jude aber sträubte sich. Da sprach der König: »O über diesen harten Kopf und dieses allezeit ungläubige Geschlecht, das es nicht begreift, daß der Sohn Gottes ihm verheißen ist durch die Stimmen seiner Propheten, das es nicht einsieht, daß die Geheimnisse der Kirche in seinen Opfern vorgebildet sind«. Als er solches sprach, sagte der Jude: »Gott bedarf weder eines Weibes noch eines Sohnes; auch läßt er keinen neben sich herrschen, wie er durch Moses spricht: Seht ihr nun, daß ich allein es bin und kein Gott neben mir ist? Ich kann töten und lebendig machen, ich kann schlagen und kann heilen«. Da sagte der König: »Gott hat aus seinem Schooße geistiger Weise den ewigen Sohn gezeugt, der Zeit nach nicht jünger, der Macht nach nicht minder, denn der, von dem er spricht: Aus deinem Schooße habe ich dich gezeugt vor dem Morgenstern. Diesen den vor der Zeit geborenen, sandte er in den letzten Zeiten als Heiland in die Welt, wie der Prophet spricht: Er sandte sein Wort und errettete sie. Wenn du aber meinst, daß er nicht selbst zeuge, so höre deinen Propheten, der da spricht aus dem Munde des Herrn: ›Sollte ich andere lassen die Mutter brechen und selbst nicht auch gebären? Dies sagt er von dem Volke, das durch den Glauben zu ihm neu geboren wird‹«. Darauf erwiderte der Jude: »Konnte wohl Gott Mensch, konnte er vom Weibe geboren, konnte er geschlagen und zum Tode verurteilt werden?« Da der König hierauf nichts zu sagen wußte, mischte sich Gregor ein und sprach: »daß der Herr, der Sohn Gottes, Mensch wurde, geschah nicht weil es für ihn, sondern weil es für uns notwendig war; denn den von der Sünde gefesselten und der Gewalt des Teufels unterworfenen Menschen hätte er nicht erlösen können, ohne menschliche Gestalt anzunehmen. Ich will mich nicht berufen auf die Evangelien und den Apostel, denen du nicht glaubst, sondern auf deine heiligen Schriften, daß ich dich mit deinen eigenen Waffen schlage, wie man liest, daß einst David den Goliath tötete«. Und nun tritt Gregor, meistens an Hand der hiefür althergebrachten Schriftstellen, den Weissagungsbeweis an für Christi Person und Werk. Darauf erwiderte der Jude: »Wie kann es für Gott eine Notwendigkeit geben, solches zu leiden«. Gregor antwortete: »Ich habe dir schon gesagt, Gott schuf den Menschen ohne Sünde, aber durch die List der Schlange ward er verführt und übertrat Gottes Gebot. Deshalb ward er aus dem Paradiese vertrieben und ihm die Mühen der Welt auferlegt. Aber durch den Tod Christi, des eingeborenen Gottes, ist er mit Gott dem Vater wiederum versöhnt worden«. Der Jude sagte: »Hätte Gott denn nicht Propheten oder Apostel senden können, die den Menschen auf den Pfad des Heils zurückführten, ohne sich selbst zum Fleische herabzulassen?« Wieder ließ Gregor eine lange gelehrte Antwort ergehen, aber der unglückliche Jude wurde nicht zum Glauben bewogen. Da wandte sich der König an den Bischof und bat ihn um den Segen. »Ich werde zu dir sprechen«, sagte er, »was Jakob zum Engel des Herrn sprach, der mit ihm redete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn«. Nach dem Segen verabschiedete sich Gregor und der König stieg zu Pferde[311-a].

Man begreift, daß der Jude unbekehrt von dannen ging; er dachte dogmatisch schärfer als der gute Gregor. Auch in Streitgesprächen mit Arianern siegte dieser durch sein männliches entschiedenes Auftreten, aber nicht durch die Wucht seiner Gründe, so respektabel auch seine bei diesen Anlässen sich bekundende Bibelbekenntnis sich ausnahm[311-b]. Mit demselben schönen Pathos stellt er an die Spitze seiner Schriften sein orthodoxes Bekenntnis von der vollen Gottheit Christi[311-c]. Wohl ist auch ihm Christus der Endzweck des Lebens. Aber Erlösung und Reinigung durch Christi Blut sind ihm Nebensache. Christus hat sich bei seinem Tode überhaupt passiv verhalten; in Gregors Augen war Christi Leiden keine That Christi; es war ein an ihm begangenes Verbrechen. Die Auferstehung dagegen, sie zeigte ihn in seinem Wesen, als den Oberwunderthäter, als den Siegeshelden und himmlischen Herrscher. Und hier konnte eine nationale Auffassung des Christentums einsetzen, die Christus als Herzog und das fränkische Volk als seine Dienstmannen ansah. Das war dann aber kein Christuschristentum mehr, sondern eben das fränkische Heiligenchristentum[311-1]. Mochte man auch gelegentlich versichern, alle Wunder der Heiligen gehörten Christus, seien göttliche Thaten und unterstünden Gott[311-d], es war trotz alledem etwas anderes und kräftig eigenes, das sich der theologischen Religionspraxis als untheologisches Volkschristentum entgegensetzte. Und die Theologie sah sich gezwungen, halt zu machen; an Kraft, sich aufzumachen und auszubreiten, hat es ihr gerade damals nicht gefehlt, denn am Mittelmeerrande des alten Gallien hatte sich die Diskussion der abendländischen Theologie gesammelt und, als Beweis ihrer Tüchtigkeit, das apostolische Symbol hervorgebracht. Eine geradezu elementare Macht muß also das sich ihr entgegenstemmende Bedürfnis nach einem undogmatischen Volksglauben gewesen sein; infolge von Sankt Martins Verbreitung des Christentums im gallischen Lande war es nun überall aus der Erde gestiegen. Gregor spricht von Christus als dem Einwohner der Heiligen[311-e]: ja, aber es handelte sich um das Erdgeschoß im Himmel; wozu mühsames Treppensteigen in spekulativen Hochbauten? Wenn man nur unter Dach war!

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