Part 35
In selteneren Fällen floh auch eine ganze Volksmenge in die Behausung des Heiligen; im Kriege kam es gewöhnlich vor, daß beim Ueberfall eines Dorfes die Kirche von flüchtigem Volk und dessen Fahrhabe besetzt war[257-b]. Auch konnte die Zufluchtsstätte in den kleinen Rechtshändeln des Tages täglich von kleinen Leuten aufgesucht werden, und auch den gewöhnlichen Bürger schützte dann der Heilige vor Gewaltthat[258-a]. Aber seine eigentliche, große, geschichtliche Rolle spielte das Asylrecht in den Kämpfen der mächtigen Herren! Bald war der eine Feind hilflos in der Kirche, bald der andere[258-b]. Welche Schauspiele des heißen, des wildesten Lebens trugen sich zu, wenn da die Leidenschaften auf dem Gipfel der Erregung aneinander schlugen! Daß dann der Heilige schließlich wenig mehr bei dem Handel zu sagen hatte und sein Schutz mehr durchbrochen als beachtet wurde, wie hätte das anders sein können! Die Priesterschaft that bei solchen Auftritten eben ihre Pflicht, suchte zu dämpfen und zu mildern, soviel als möglich war, nicht ohne sich dabei mutig allerlei unangenehmen Zwischenfällen auszusetzen. So sehr es nur immer anging, gönnte man dann dem Heiligen das Wort zu einer Manifestation; als nach dem Tode Sigiberts Graf Ruccolen an der Spitze der Leute von Le Mans vor Tours erschien und mit sofortiger Einäscherung von Sankt Martin drohte, falls nicht die in der Kirche verborgenen Flüchtlinge von den Diakonen herausgebracht wurden, da wurde mit großer Genugthuung bemerkt, daß in dem Augenblick, da Gregor mit der ganzen Geistlichkeit um Abwendung dieser Gefahr betete, eine zwölf Jahre lang gelähmte Frau sich wieder aufrichten konnte[258-c]. Doch was vermochten in derartigen Momenten solche episodischen Heiligenzüge vor dem rücksichtslosen und brutalen Gebahren der profanen Welt.
Statt aller weiteren theoretischen Erwägungen sei hier von den prachtvollen Schilderungen dieser Art aus der Frankengeschichte die erregendste und schönste als Beispiel mitgeteilt. Als Eberulf vernahm, daß ein für alle mal an Königsmördern ein Exempel statuiert werden solle, flüchtete er in die Martinskirche nach Tours. Da es nun erforderlich schien, ihn hier zu bewachen, ergriffen die von Orléans und die von Blois die günstige Gelegenheit und bezogen abwechselnd die Wache. Nach vierzehn Tagen kehrten sie dann mit vieler Beute zurück, indem sie, man denke, mitten im Frieden und im eigenen Lande, Zugvieh, Schafe und was sie wegbringen konnten, mit sich nahmen. Die aber dem heiligen Martin Vieh entführten, gerieten unter sich selbst in Händel und erstachen sich gegenseitig. Die Tiere wurden darauf zurückgegeben. Indessen teilten sich verschiedene Leute in Eberulfs Güter; sein Gold, sein Silber und die Kostbarkeiten fielen der öffentlichen Plünderung anheim. Was ihm von Krongut übertragen gewesen war, wurde für den Staatsschatz eingezogen, seine Pferde-, Schweine- und Rinderherden konfisziert. In seinem Haus, das er widerrechtlich vom Kircheneigentum sich angeeignet hatte und das man nun voll Getreide, Wein und Schinken fand, ließ man nur noch die nackten Wände zurück. Das war gerechte Vergeltung; denn als er noch in Freiheit war, ließ er seine Pferde und Schafe auf die Saatfelder und in die Weinberge der armen Leute treiben, und wenn sie, deren saure Arbeit er zu Grunde richtete, ihr eigenes Vieh hinausführten, ließ er sie sogleich von seinen Leuten niederhauen. Besonders aufsäßig war er den Verwaltern der Hauptkirche, eignete sich durch einen Scheinkauf widerrechtlich von ihren Gütern an, ja er vollführte in der Vorhalle der Martinsbasilika Mordthaten, stellte dort Saufgelage an und warf einen Priester, der ihm keinen Wein mehr geben wollte, da er schon betrunken war, auf eine Bank nieder und traktierte ihn mit seinen Fäusten derart, daß dieser verschieden wäre, wenn ihn nicht die Aerzte durch Schröpfköpfe gerettet hätten. Statt im Asyl Martins manierlich zu werden, überhäufte er Gregor mit Vorwürfen und gelobte, wenn er jemals wieder beim Könige in Gnaden angenommen sei, werde er alles rächen, was er erdulde. Er hielt, aus Furcht vor dem Könige, sein Nachtlager in der Sakristei der Martinskirche, und wenn der Priester mit den Schlüsseln fortgegangen war und die übrigen Pforten verschlossen hatte, kamen durch die Thüre der Sakristei die Töchter des Eberulf mit seinen andern Kindern in die Kirche, sahen sich die Wandgemälde an und kramten im Schmuck des heiligen Grabmals herum, was den Brüdern sehr anstößig war. Als der Priester dies in Erfahrung gebracht hatte, schlug er Nägel an der Thüre ein und schob die Riegel von innen vor. Da Eberulf nach seinem Abendessen, schon vom Wein trunken, dies bemerkte und Gregor mit seinen Klerikern in der Kirche eben Psalmen sang, brach jener wütend herein und überhäufte den Bischof mit seinen Schimpfreden. Fluchend warf er ihm vor, man verwehre ihm den Zutritt zu den Fransen der heiligen Grabdecke, deren Berührung ihn bei einem Ueberfall schützen sollte. Mit freundlichen Worten suchte ihn Gregor zu beruhigen, und als der gute Zuspruch nichts gegen den Wütenden vermochte, schwieg er still. Da wandte jener seine Flut von Schmähungen gegen einen Priester und geberdete sich wie verrückt, sodaß die Geistlichkeit, um weiteres Aergernis zu vermeiden, die Vesper abbrach und die Kirche verließ. Indessen schickte der König Gunthram einen gewissen Claudius ab und sprach: »Wenn du dich aufmachst, den Eberulf aus der Kirche schaffst und entweder mit dem Schwerte erlegst oder mir in Banden bringst, so will ich dich zu einem reichen Manne machen; aber nimm dich in Acht und füge ja der heiligen Kirche keinen Schaden zu«. Da eilte jener, verwegen und habgierig, wie er war, zuerst nach Paris, denn sein Weib war aus dem Gebiete von Meaux, und trachtete darnach, wie er die Königin Fredegunde sprechen könne. »Wenn ich sie spreche«, meinte er, »werde ich auch von ihr einen hübschen Lohn gewinnen; denn ich weiß, sie ist Eberulf gram«. Auch kam er wirklich zu ihr und erhielt sofort große Geschenke und viele Versprechungen überdies, wenn er Eberulf aus der Kirche schaffe und töte oder listig in Banden schlage oder ihn auch in der Vorhalle der Kirche selbst niederstoße. Darauf kehrte er nach der Burg Dun zurück und forderte hier den Grafen auf, ihm dreihundert Mann zu geben; seinem Vorgeben nach um die Thore der Stadt Tours zu bewachen, in Wahrheit um mit ihrer Hilfe Eberulf zu töten. Und während der Graf der Burg die Leute noch aufbot, zog Claudius selbst gegen Tours. Auf dem Wege aber fing er nach der Sitte der Franken an, auf Vorbedeutungen zu achten; doch meinte er, sie seien ihm ungünstig. Zugleich fragte er auch bei vielen an, ob die Macht des heiligen Martin sich neuerdings an Wortbrüchigen kund gegeben habe, und ob einen sofort die Rache ereile, wenn man denen, die ihre Hoffnung auf den Heiligen setzten, Leid anthue. Ohne die Leute von Chateau Dun abzuwarten, begab er sich sofort zu der heiligen Kirche, machte sich an Eberulf und hob an, ihm zu beteuern und ihm bei allen Heiligen und der Wunderkraft des seligen Bischofs, an dessen Grabe sie ständen, zu schwören, Niemand werde ihm treulicher in seinen Sachen beistehen als er, so könne er seine Händel mit dem Könige leicht zu einem guten Ende führen. Sich selbst sagte er: »Fange ich ihn nicht durch falsche Schwüre, so bekomme ich ihn nicht in meine Gewalt«. In der That faßte Eberulf auf die vielen Eide, in der Kirche, im Säulengange und an andern heiligen Stellen Vertrauen. Er selbst hatte die Sakristei mit einer Wohnung in dem an die Kirche anstoßenden Gebäude vertauscht. Dort zechten er und Claudius mit einigen Bürgern von Tours. Nach dem Mahl gingen er und Claudius in der Vorhalle auf und nieder und gelobten sich unter Eidschwüren Liebe und Treue. Plötzlich sagte Claudius: »Ich möchte wohl noch einen Trunk in deiner Wohnung thun, falls du süß gewürzte Weine hast oder die Güte haben solltest, einen starken Wein zu beschaffen.« Eberulf freute sich: daran fehle es nicht; und er schickte seine Diener aus, einen nach dem andern, stärkere Weine zu holen, italienische Weine. Als nun Claudius ihn allein und von seinen Dienern verlassen sah, hob er seine Hand gegen die Kirche auf und sprach: »Hochheiliger Martin, laß mich bald mein Weib und meine Kinder wieder sehen«. Der entscheidende Augenblick war da. Der Elende wollte hier in der Vorhalle morden, fürchtete aber doch die Macht des heiligen Bischofs. Da griff einer unter den Dienern des Claudius, ein handfester Mensch, zu, packte Eberulf von hinten mit kräftigen Armen, bog ihm die Brust zurück und hielt ihn so zum Todesstoße bereit. Claudius zog das Schwert aus dem Wehrgehänge und holte aus. Aber auch Eberulf hatte seine Waffe entblößen können und war zum Stoße fertig. Als nun Claudius die Rechte erhob und ihm einen Hieb in die Brust versetzte, stieß auch er behende ihm die Spitze des Schwertes in die Achselhöhle, zog das Schwert wieder an sich, holte abermals aus und hieb Claudius den Daumen ab. Darauf eilten dessen Diener mit Schwertern herbei und verwundeten Eberulf des weiteren. Er suchte ihren Händen zu entwischen und zu fliehen, obwohl er schon ganz entkräftet war. Da entwanden sie ihm das Schwert, versetzten ihm einen tüchtigen Schlag auf den Kopf, das Gehirn spritzte heraus, er brach zusammen und war tot. Vom Heiligen verdiente er nicht gerettet zu werden; denn er hatte sich niemals darauf verstanden, ihn gläubig um Beistand anzurufen. Claudius jedoch eilte voll Furcht zu der Zelle des Abtes und verlangte Schutz. Der Abt hatte Bedenken. Da rief Claudius: »Ein ungeheures Verbrechen ist begangen und kommst du uns nicht zu Hilfe, so sind wir verloren«. Bei diesen Worten stürmten die Diener Eberulfs mit Schwertern und Lanzen heran, und da sie die Thüre verriegelt fanden, schlugen sie die Glasscheiben der Zelle ein, warfen ihre Lanzen durch die Fenster in der Wand und durchbohrten Claudius, der schon halb entseelt war, mit dem Speere. Seine Diener aber verkrochen sich hinter der Thüre und unter die Betten. Den Abt nahmen zwei Geistliche in die Mitte und zwischen den Spitzen der Schwerter kam er nur mit Mühe und Not lebend von dannen. Die Thüren wurden geöffnet; die Masse der Kämpfenden drang herein. Auch machten sich einige von den Hausarmen der Kirche und den andern Almosenempfängern daran, das Dach der Zelle abzureißen, da hier eine solche Greuelthat geschehen war. Besessene und armes Volk liefen mit Steinen und Knütteln herbei um die Beschimpfung der Kirche zu rächen. Die Flüchtlinge wurden aus ihrem Versteck hervorgezogen und grausam erschlagen. Der Fußboden der Zelle schwamm in Blut. Ihre Leichname wurden herausgeschleppt und blieben nackt und bloß auf der kalten Erde liegen. Die Mörder aber entwischten während der Nacht mit der Beute. Als dieser unerhörte Skandal sich zutrug, war der Bischof eben sechs deutsche Meilen weit über Land gegangen. Auch der König geriet bei der Nachricht in gewaltigen Zorn, beruhigte sich aber, als er genaue Kunde erhielt. Eberulfs bewegliche und unbewegliche Habe und was dieser von seinen Vorfahren ererbt hatte, schenkte der König seinen Getreuen. Das Weib des Unglücklichen fiel arm und bloß der Martinskirche zur Last[261-a].
Fünfzehntes Kapitel.
Amulet und Fluidum.
1.
Gab es auch unzählige Reliquien und war noch obendrein der einzelnen ein ansehnlicher Bannkreis umgeschrieben, in dem sie selbst auf Entfernung wirkte, so war doch dem unersättlichen Verlangen der Leute nach dem Beistand der Heiligen noch nicht genug gethan. Für Fälle, wo ein Kirchgang zu umständlich war, besaß man Angebinde vom Heiligen für den Hausgebrauch. Das konnten einfach Reliquien sein oder Teile von solchen, die mit dem profaneren Zweck dann auch die Prätension fallen und eine Berührung mit dem Alltagsmenschen geschehen ließen. Immerhin fanden sich diese zu Amuleten erniedrigten Reliquien doch nur selten, in den Händen von Priviligierten, vor. Am nächsten lag es, Reliquien einer Hauskapelle bei gelegentlichem Bedarf vorübergehend als Amulet zu verwenden. Ein Bürger von Saintes, Cardegisel mit dem Uebernamen Gyson, lud Gregor zu sich ein und führte ihn in den Betsal seiner Mutter, dessen Altar Martinspfänder enthielt: »Vor drei Jahren«, erzählte der Herr, »als mein Junge hier noch an der Mutterbrust lag, wurde er krank und nahm keine Nahrung. Tagelang ging es so. Am sechsten legten wir ihn auf den Altar. Ich konnte es nicht mehr aushalten und sagte meiner Frau, ich ginge über die Zeit weg, sie sollte den Kleinen dann begraben. Das Kind lag bis zum Abend. Plötzlich drehte es sich dann und rief: ›Wo bist du, Schwesterchen‹. Nach Kinderart rief es der Mutter so. Sie nahm es auf den Arm und es ließ sich von ihr stillen. Und so bald es trank, wurde ihm besser[262-a]«. Ein ander Mal, als Gregor sich in Reims befand und in der Sakristei auf den Bischof wartete, stellte sich ihm der Referendar des verstorbenen Sigibert vor, Siggon, der an einem Ohr gar nicht und am andern schlecht hörte. Dieser hatte den Bischof von Tours kaum verlassen und ein paar Schritte in der Kirche gethan, so bekam er Ohrenbrausen und hörte wieder. Er kehrte zu Gregor zurück um sich zu bedanken, drei Tage lang habe er an dem Ohr nichts mehr gehört; aber über dem Gespräche habe er es sich lösen gespürt. Da gestand ihm Gregor, er sei verwegen genug, Martinsreliquien auf sich zu führen; ihnen gebühre also der Dank des Geheilten[262-b]. Gregors Mutter besaß Reliquien des Euseb von Vercelli. Einst an einem Winterabend hatte sie bis tief in die Nacht hinein am Kamin in fröhlicher Gesellschaft gesessen. Die Dienstboten waren bereits schlafen gegangen, und sie selbst legte sich dann hin, ohne auf das große, noch glühende Holzscheit weiter acht zu geben. Da stiegen denn einzelne Gluten in die Höhe und steckten das Deckengetäfel in Brand; wunderbarerweise, und daran waren eben die in der Nähe befindlichen Reliquien schuld, drangen die Flammen nicht der Höhe zu durch das Gebälk, sondern hingen wie kleine Feuerflocken harmlos dort oben und liefen der Einfassung entlang, ohne Schaden anzurichten. Die Mutter erwachte, rief das Gesinde, und der Hausbrand wurde mit Wasser gelöscht[262-c]. Es war nicht das einzige Erlebnis dieser Art in Gregors Familie. Vom verstorbenen Vater her wurde ein goldenes Etui mit anonymer Heiligenasche hoch in Ehren gehalten; er hatte es sich als junger Mensch verschafft, als er eben verheiratet von Theudeberts Standesoffizieren zum Kriegsdienst ausgehoben wurde. Er dankte ihnen sein Leben, sowie manche Bewahrung vor Diebsgefahr und Wetterschaden, ja auch vor der Anfechtung der eigenen Sinne. Nach seinem Tode trug sie die Witwe, an einem Halsband über der Brust. Zur Erntezeit, als es mit einem Male kalt wurde und die Schnitter unvorsichtig ein Strohfeuer ansteckten, das um sich griff und die umliegenden Garbenhaufen bedrohte, fuhr die Mutter auf das Rufen hin vom Tisch auf und streckte ihr Amulet nach dem Feuer hin, daraufhin erlosch es alsbald. Später bekam Gregor diese Leibreliquien und verscheuchte auf einem Ritt von Burgund in die Auvergne ein aufsteigendes Gewitter damit[263-a]. Aber eben nur reiche Leute konnten sich diese echten Heiligenpfänder als Lebensversicherung überhaupt gönnen.
Dem Volk war deshalb die Vergünstigung des Amuletes keineswegs erschwert, da die Mitteilbarkeit der Reliquienkraft unerschöpflich war und die übertragene der ursprünglichen in der Wirkung nicht nachstand. Hatte erst einmal eine Reliquie einen Raum mit ihrem heiligen Fluidum von Grund aus durchdrungen, so konnten an dem so imprägnierten Orte ungezählte Amulete gewonnen werden. »Von dem Grabsteinpulver oder dem Kerzenwachs eines solchen Ortes sich etwas mitzunehmen, befähigt zu Kraftthaten, die unablässig geschehen sind, oder noch geschehen und die kein Mensch auf der Welt aufzuzählen im Stande ist[263-b]« — in diesen Worten Gregors spricht es sich aus, daß vom Heiligengrab aus ein unversieglicher Strom von Kräften nicht nur, sondern auch von neuen Kräftequellen seinen Anfang nahm. Auch der geringe Mann war in den Stand gesetzt, sich sein Amulet selbst zu bereiten und einen Behälter der Heiligenkraft in seiner nächsten Nähe zu führen. Der populärste Bezugsort dafür waren nun eben die Heiligengrabsteine, an denen man sich nur etwas Pulver abzuschaben brauchte, um zu haben, was man wünschte. Weil dieses Grabsteinpulver so leicht herzustellen war, stand es im Vordergrunde aller Heiligenangebinde; überdies hatte es vor andern Amuleten noch die Eigenschaft voraus, daß es meistens mit Wein oder Wasser angemacht innerlich genommen und somit noch obendrein des Zutrauens teilhaftig wurde, das kranke Leute einem Medikament entgegenbringen. Wie man damals von einer solchen Prise Staubes dachte, muß gerade darum deutlich werden, weil uns diese Wertschätzung heute so unglaublich scheint; und so sei denn die Lobeserhebung, die Gregor dem Grabsteinpulver widmet, im Wortlaut mitgeteilt: »O unbeschreibliche Mixtur!« ruft er aus[263-c], »unaussprechliche Spezerei, Gegengift, über alles Lob erhaben! Himmlisches Abführmittel, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, das alle ärztlichen Rezepte in den Schatten stellt, jedes Arom an süßem Duft übertrifft und stärker ist als alle Essenzen, das den Unterleib reinigt wie Skammoniensaft, die Lunge wie Ysop und den Kopf wie Bertramswurz, aber eben nicht allein die siechen Glieder wiederherstellt, sondern, was viel mehr wert ist, die Flecken vom Gewissen hinwegwäscht!« Neben dem Steinpulver fand das Wachs, das auf den Gräbern von den Votivkerzen vertropft war, oder Reste dieser Kerzen selbst den meisten Anklang. Wachs kannte selbst zwar nicht eingenommen werden, dagegen wurde die Dochtasche pulverisiert und auf dieselbe Weise als Medikament verwendet[264-a]. Wenn solche Amulete gewonnen wurden, wirkten sie anfangs etwa auch noch mit der drückenden Kraft der Vollreliquie. »Geh zur Kirche des seligen Julian«, sagte Aridius zu einem Priester, »bete dort und ersuche dann die Kirchenhüter dir ein wenig Wachs oder Grabesstaub zu verabfolgen«. Als dieser sie empfangen hatte, wurden ihm plötzlich die Glieder schwer, er brach fast zusammen; doch ermunterte er sich ohne Schwierigkeit und konnte seines Weges gehen. Ein starker Kraftleiter war auch der Vorhang über dem heiligen Grab. Er besitzt eine den Reliquien vollkommen ebenbürtige Heilkraft[264-b], er heilt Kopfweh bei bloßer Berührung[264-c], ein einzelner ihm entzogener Faden, in Kreuzesform aufgelegt, vertreibt Bauchschmerzen[264-d]. Desgleichen wirkte das Tuch, das eine Reliquie einhüllte[264-e]. Das Linnen, in dem Marienreliquien geborgen waren, verbrannte so wenig als der heilige Inhalt. Die Seidendecke, in der ein Stück heiliges Kreuz eingewickelt gewesen war, ließ Gregor abbrühen und das Wasser als Heiltrank verwenden[264-f]. Aber wie auch hier die Steigerung des Amulets zum Medikament stattfand, so konnte umgekehrt die genossene Hostie gelegentlich als Amulet wirken; die Geschichte ist zu bezeichnend, um nicht nacherzählt zu werden; sie ereignete sich zu Gregors Jugendzeit in seiner Heimat. Ein allein reisender Priester bat an der Hütte eines armen Mannes um ein Nachtquartier. Nach Clerikerbrauch unterbrach er seinen Schlaf gegen Morgen, um sein Gebet zu verrichten. Um dieselbe Stunde, kurz vor Tagesanbruch, war aber auch schon der Bauer aufgestanden, um mit seinem Ochsenkarren ins Holz zu fahren. Doch wollte er den gewohnten Frühimbiß, den ihm seine Frau vorsetzte, diesmal nicht einnehmen, ohne daß der geistliche Herr ihm sein Brot geweiht hätte. Als das geschehen war und er das Sakrament empfangen hatte, fuhr er von dannen. Noch war es nicht hell geworden, so kam er an die Schiffbrücke, stieg ab und führte Gespann und Wagen hinüber. Auf der Flußmitte hörte er plötzlich jemanden sagen: »Ertränk ihn, ertränk ihn, spute dich!« und darauf jemanden antworten: »Ich wollte schon. Aber etwas Heiliges steht mir an ihm entgegen. Er hat das Sakrament empfangen, mußt du wissen«. Der Bauer vermochte niemanden zu sehen; er begriff, wer gemeint war, bekreuzte sich, dankte Gott, machte, daß er weiter kam, und gelangte heil ans jenseitige Ufer[265-a]. Und dann war auch sonst alles und jedes, was nur von ferne über die Ausrede verfügte, mit dem Heiligen in Berührung gewesen zu sein, auch wundertätiger Kräfte fähig. Das Oel, das der Priester Aridius bei seiner Anwesenheit in einem mit Martinsreliquien versehenen Raum auf sich trug, bewirkte unzählige Heilungen[265-b].
Ueberhaupt darf man, wie immer bei Volksvorstellungen, sich über die nachträgliche Unbestimmtheit in der scheinbar sachgemäßen Gruppierung nicht wundern. Im Bewußtsein des Volkes war die beobachtete Einteilung nicht vorhanden: Reliquie war jeder Sitz heiliger Kräfte, ob sie nun original oder abgeleitet waren, und so kennt Gregor denn auch keine besondere Bezeichnung für das, was wir als Amulet oder Medaille von der Reliquie unterschieden haben. Momentane Kombinationen und Einfälle bereicherten die allgemein umrissenen Typen oft noch durch die sonderbarsten Beispiele. Gegen kranke Füße versuchte ein bretonischer Graf Fußbäder in einem als Wanne benutzten silbernen Altargesäß, vor dessen Größe, nebenbei gesagt, uns die Möglichkeit einer derartigen Verwendung nicht geringe Achtung einflößen mag; auf diesen famosen Gedanken war einer aus dem Gesinde geraten, nachdem sein Herr all sein Gut für die Rechnungen der Aerzte aufgebraucht hatte. Aber die Profanation bekam dem Grafen schlecht; die Schmerzen nahmen zu und hinderten ihn nun vollends am Gebrauch seiner Füße zum Gehen. Derselben Manipulation soll sich ein Herzog der Longobarden mit dem gleichen Mißerfolg unterzogen haben[265-c]. Wo indessen der Anstand nicht auf dem Spiele stand, konnten wohl Kirchengerätschaften ohne Nachteil zum Zweck der Übertragung des Fluidums zu Hilfe genommen werden. Bei einer Pferdekrankheit im Bezirk Bordeaux impfte man die Tiere, indem man ihnen den Bart des Schlüssels der Domänenkapelle auf das Fell brannte; die Erkrankten wurden gesund, die Gesunden erkrankten nicht[265-d]. Ein ander Mal errang das Amulet landwirtschaftliche Erfolge, indem ein mit dem Wachs von Martinskerzen bestrichener Fruchtbaum vom Hagelschlag verschont blieb[265-e]. Die Dehnbarkeit des Begriffs kannte eben keine Grenzen; war kein Grabsteinpulver zu haben, so that schließlich ja auch eine Prise Staubes vom Fußboden der Kirche denselben Dienst[265-f].