Die Heiligen der Merowinger

Part 23

Chapter 233,647 wordsPublic domain

Von Georgs kleinasiatischen und syrischen Gefährten, Nikolaus, Christoph, Theodor, Moritz und wer sie sonst sein mögen, sind im Laufe der Zeiten alle nach Westen gewandert. Indes liegt schon die Ankunft Christophs jenseits der merowingischen Zeit. Gar Nikolaus, der verkappte Poseidon, hat sich erst im elften Jahrhundert im Abendland eingestellt. Beide Heilige haben dann diese Verzögerung durch ihre beispiellose Popularität wieder wett gemacht. Blasius und Erasmus, die ebenfalls dem späteren Mittelalter angehören, halten sich mehr im Hintergrunde. Und so bleiben Moritz und Theodor mit Cyricus und Sergius als die einzigen übrig, von denen sich Spuren schon vom fünften Jahrhundert an im merowingischen Reiche vorfinden. Von ihnen wird demnächst in einem andern Zusammenhang zu reden sein. Jetzt hat uns ein weiteres Stück kleinasiatischer Heiligenlegende zu beschäftigen, das nicht auf dem Wege der Reliquienverehrung, sondern ausschließlich durch gelehrte Mitteilung nach dem alten Frankenreiche kam und in dieser Eigenschaft von uns bereits erwähnt wurde. Die Legende von den Sieben Schläfern hat bei unserm Gregor etwa folgenden Wortlaut[160-a]: Der böse Kaiser Decius ließ in Ephesus ein Heidenopfer abhalten und die Christen abfangen. Aber selbst in der unerhörten Verfolgung blieben Viele dem Glauben treu. Es waren auch sieben edle Jünglinge, die hießen Achillides, Diomedes, Eugenius, Stephanus, Probatius, Sabbatius und Cyriacus. Sie waren Diener im Palaste des Kaisers und wurden nun diesem denunziert. Er gab ihnen eine Gnadenfrist. Diese benutzten sie, um erst noch viel Gutes zu thun, dann stiegen sie hinauf in die Höhle, die auf dem Berge Anchilus lag. Dort wollen sie sich im Gebete auf das Martyrium vorbereiten. Diomedes, der jüngste unter ihnen, aber zugleich der gewandteste und klügste, war ihr Bote in der Stadt, wo er unerkannt im Gewand eines Bettlers ihre Geschäfte verrichtete. Eines Tages brachte er auch mit wenigen Broten die Nachricht mit herauf, der Kaiser sei nun zurückgekehrt und sie müßten nun alle opfern oder sterben. Da erschracken, seufzten, weinten und beteten sie zu Gott. Diomedes aber richtete das Mahl und ermunterte sie zu essen. So setzten sie sich zur Abendzeit mitten in der Höhle nieder und speisten. Da sie so traurig beieinandersaßen und miteinander sprachen, entschliefen sie sanft, denn ihre Augen waren ihnen durch den Kummer schwer geworden. Langsam ging ihr Schlaf in Tod über. Ohne es zu merken, gaben sie auf der Erde liegend ihre Seelen in die Hände Gottes. Das Geld jedoch, das sie mit sich genommen hatten, lag ihnen zur Seite. Am andern Morgen ließ Decius nach den Jünglingen forschen und ihre Väter verhaften. Diese aber verleugneten ihre Söhne und verrieten ihren Zufluchtsort. Da befahl der Kaiser, den Eingang der Höhle mit Steinen zu verbauen und sie so lebendig zu begraben. Zwei Vertraute des Kaisers, Theodorus und Rufinus, selber heimlich Christen, beschlossen wenigstens das Andenken der unglücklichen Jünglinge zu retten, ihr Schicksal auf bleierne Tafeln aufzuzeichnen, diese in ein ehernes Kästchen zu legen und es dann wohlversiegelt unter den Steinen der Höhlenmauer zu verbergen. Alles das geschah so. Bald darauf starb Kaiser Decius und sein ganzes Geschlecht. Es folgte ein Kaiser um den andern, bis Theodosius, des Arkadius Sohn, den Thron bestieg. Im achtunddreißigsten Jahre dieses Fürsten erhob sich eine Bewegung gegen die Auferstehung der Toten, durch die sich sogar der Kaiser selbst verwirren ließ. Da beschloß der barmherzige Gott, der nicht will, daß die Frommen auf Irrwege geraten, ein Wunder zu thun, um das Geheimnis der Auferstehung allen zu offenbaren. Er gab es daher dem damaligen Besitzer des Höhlenbergs, namens Adolius, ein, einen Stall für sein Vieh zu bauen. So wälzten denn seine Knechte und Arbeiter die Steine, die den Eingang der Höhle verschlossen, fort, um damit das Gebäude aufzuführen. Nun flößte Gott den Heiligen in der Höhle neues Leben ein. Sie erwachten, setzten sich aufrecht und begrüßten einander wie gewohnt, ohne eine Ahnung, daß sie so lange tot gelegen hatten: ihre Kleider waren noch wie zuvor und sie selber frisch und blühend. Sie glaubten vom Abend zum Morgen geschlafen zu haben, und waren in Angst und Sorge, Kaiser Decius werde sie nun suchen lassen. Nochmals mußte ihr Schaffner Diomedes erzählen, was er gestern in der Stadt vernommen habe: sie müßten entweder opfern oder gemartert werden. Da sagte Achillides: Wohlan Brüder, laßt uns bereit sein vor den Richterstuhl Christi zu treten ohne Furcht vor dem Urteil des sterblichen Kaisers. Doch du, Diomedes, gehe zur Stadt, damit du uns Speise schaffest. Nimm Geld mit und kaufe viele Brote; denn wenige nur brachtest du gestern und wir sind sehr hungrig. Da machte sich Diomedes früh auf den Weg und nahm Geld mit sich von sehr alter Prägung, denn sie hatten fast zweihundert Jahre lang geschlafen. Es war eben Tag geworden, als er aus der Höhle trat. Als er Steine davor liegen sah, stutzte er und wußte es sich nicht zu erklären. Zitternd stieg er vom Berge herab, voll Sorge, erkannt und vor Decius geführt zu werden. Als er an das Stadtthor kam, gewahrte er zu seinem größten Erstaunen ein Kreuz darauf. Er wandte sich zu einem anderen Thore und sah dasselbe Zeichen. Er ging von einem zum andern und fand auf allen Thoren das Kreuz; auch sonst war alles anders. Als er wieder beim ersten Thore angelangt war, sagte er: »Wie geht das zu? Gestern abend verehrte man nur im verborgenen das heilige Kreuz und heute prangt es öffentlich auf den Thoren der Stadt? Träume ich oder bin ich vom Verstande?« Doch machte ihm der Anblick des Kreuzes Mut, er betrat die Stadt. Zu seiner neuen Verwunderung hörte er nun um sich herum beim Namen Jesu Christi schwören: noch gestern wagte Niemand Christus zu bekennen. War es denn überhaupt Ephesus; alle Gebäude sind anders. Er fragt einen Mann, wie die Stadt heiße. Der sagte: Ephesus. Da dachte Diomedes: Ich muß von Sinnen sein, und wollte schnell die Brote kaufen und zu seinen Genossen zurückkehren. Als er die Bäcker zahlte, steckten sie die Köpfe zusammen und sprachen leise miteinander. Diomedes meinte, er sei erkannt und werde nun ausgeliefert. Verwirrt fragte er: Wo bleiben die Brote, ich gab das Geld? Da faßten ihn jene an und raunten ihm zu: Du hast den Schatz der alten Könige gefunden. Teil ihn mit uns, so verraten wir dich nicht und liefern dich nicht aus. Diomedes wußte nicht was sagen. Da legten sie ihm einen Strick um den Hals und schleppten ihn durch die Straßen mitten in die Stadt. Auf die Kunde, daß Jemand ergriffen sei, der einen Schatz gefunden habe, sammelte sich eine Menge Leute um ihn. Sie schauten ihm ins Gesicht und sagten: »Dieser Mensch ist ein Fremdling, wir haben ihn nie gesehen«. Diomedes aber schaute unter ihnen nach einem Verwandten oder einem Freund aus, fand aber Niemand und stand wie wahnsinnig da. Das Gerücht kam auch dem Bischof und dem Statthalter zu Ohren; sofort befahlen sie, den Jüngling mit seinem Gelde zu ihnen zu führen. Als er herbeigeschleppt wurde und wie ein Toller ringsum schaute, lachte das Volk. Er glaubte, nun vor Decius zu kommen, kam aber zur Kirche. Bischof und Statthalter nahmen die alte Münze, betrachteten sie erstaunt und erkundigten sich nach dem Schatze. Er erwiderte: »Wahrlich, ich habe niemals einen Schatz gefunden. Vielmehr entnahm ich das Geld dem Säckel meiner Eltern; sein Gepräge ist das dieser Stadt. Weh mir, ich weiß nicht, was meinem Verstande zugestoßen ist«. Der Statthalter fuhr im Verhör fort: »Von wannen bist du?« »Aus dieser Stadt«, versetzte Diomedes, »wenn dies Ephesus ist«. »Wer sind deine Eltern? Ist denn Niemand, der dich kennt und Zeugnis für dich ablegen kann?« Diomedes nannte seine Eltern, seine Brüder; Niemand kannte sie. Darauf zieh ihn der Statthalter Lügen. Diomedes wußte keine Antwort mehr und schwieg. Die einen sagten: »Er ist verrückt«. Andere: »Er verstellt sich, um der Gefahr zu entgehen«. Der Statthalter jedoch sprach: »Wie sollen wir dir glauben, es sei Geld aus dem Vermögen deiner Eltern, da Prägung und Aufschrift der Münze zweihundert Jahre alt sind, ehe noch Decius regierte, und dem heutigen Kurs so gar nicht gleichen. Wie sollen deine Eltern vor so langer Zeit gelebt haben, da du selbst noch ein Jüngling bist. Wir lassen uns nicht zum besten haben. Entweder gestehst du, wo der Schatz ist, den du gefunden hast, oder du gehst ins Gefängnis und wirst gefoltert«. Da fiel Diomedes auf sein Antlitz und sprach: »Eins nur, bitte ich, sagt mir, und ihr sollt alles erfahren, was ich auf dem Herzen habe! wo ist denn Kaiser Decius?« Da sagte der Bischof: »Mein Sohn, es ist heute Niemand in diesem Land, der Kaiser Decius hieße, der ist vielmehr schon vor vielen Jahren gestorben«. »O Herr«, rief Diomedes aus, »darum erfaßt mich Staunen und glaubt ihr meinem Worte nicht; folgt mir doch in die Höhle des Berges Anchilus, so will ich euch meine Gefährten zeigen. Von ihnen könnt ihr erfahren, was ich sage, sei wahr; wir sind vor Kaiser Decius geflohen, der gestern Abend hier angekommen ist — wenn dies also wirklich Ephesus ist.« Da ging dem Bischof allmählich auf, Gott wolle ihnen durch diesen Jüngling etwas offenbaren. Er machte sich auf mit dem Statthalter, den Vornehmen der Stadt und einer Menge Volkes; Diomedes führte; sie stiegen zur Höhle hinan. Und da der Bischof und die mit ihm waren in die Höhle traten, fand er am Eingang zwischen den Steinen das eherne Kästchen, das mit zwei silbernen Siegeln verschlossen war. Er öffnete es vor allem Volke und fand zwei bleierne Tafeln darin. Die nahm er heraus und las, und als er gelesen hatte, wunderten sich alle sehr und lobten Gott mit lauter Stimme. Sie sahen die Heiligen in der Höhle sitzen, ihr Antlitz wie Rosenlicht. Und alle fielen ihnen zu Füßen, beteten sie an und dankten Gott, daß ihnen vergönnt sei, ein solches Wunder zu schauen. Darauf erzählten die heiligen Märtyrer alles, was zur Zeit des Decius geschehen war. Sofort schickten Bischof und Statthalter einen Brief an den Kaiser: »Möge Deine Majestät geruhen, eilig hieher zu kommen. Du wirst dann die Wahrheit der einstigen Auferstehung erkennen«. Darüber empfand Theodosius große Freude, er machte sich mit zahlreichem Gefolge von Konstantinopel auf und wurde von sämtlichen Bewohnern der Stadt Ephesus feierlich empfangen. Alsbald begab er sich von dem Bischof, dem Statthalter und den Vornehmen geführt zur Höhle, wo ihm die Heiligen mit ihrem strahlenden Antlitz entgegenkamen. Er trat ein, fiel vor ihnen nieder, umarmte sie dann und weinte an ihren Busen. »So schaue ich euer Antlitz«, sprach er, »als ob ich meinen Herrn Jesum Christum sehe, da er den Lazarus aus seinem Grabe erweckte; ich danke ihm, daß er mich in der Hoffnung auf die Auferstehung nicht getäuscht hat«. Darauf sagte Achillides zum Kaiser: »Gleichwie das Kind im Leibe seiner Mutter lebt und nicht Freude empfindet noch Leid, so haben auch wir gelebt ohne Empfindung im Schlafe liegend«. Hierauf legten die Jünglinge vor aller Augen ihre Häupter nieder auf die Erde, entschliefen und gaben ihren Geist auf nach dem Befehle Gottes. Da warf sich der Kaiser über ihre Leiber, weinte, küßte sie und breitete sein Gewand über sie aus. Dann befahl er, daß sieben goldene Schreine für ihre Leiber gemacht würden. Aber nachts im Traume erschienen die Jünglinge und sprachen zu ihm: »Aus dem Staube werden wir auferstehen und nicht aus dem Golde. Laß uns in der Höhle ruhen, bis uns Gott wieder rufen wird«. Darauf befahl der Kaiser, ihr Gewölbe mit Gold und kostbaren Steinen zu schmücken und ließ sie dort ruhen, bis auf den heutigen Tag. Doch über ihrer Höhle wurde eine große Kirche gebaut. Ein Concil fand statt, und zum Gedächtnis ward ein herrliches Fest gefeiert.

Diese Legende mit ihrer ergreifenden Schönheit ist überdies reich an einer Fülle religionsgeschichtlicher Anknüpfungen[164-1]. Am nächsten liegt die Sage vom langen Schlaf[164-a]. Kein geringerer als Aristoteles spricht in seiner Physik davon; wenn unsere Denkthätigkeit ruhe, dann entschwinde uns die Zeit unbemerkt, wie denen, die bei den Heroen in Sardes schlafen. Wenn jene erwachten, werde ihnen das jetzt mit der vorigen Zeit eins scheinen. Sein Scholiast Simplicius deutet jene Stelle dahin, jene Heroen, neun an der Zahl, seien Söhne des Herakles von den Töchtern des Thestius, die unversehrt, Schlummernden gleich, auf Sardinien liegen sollen. Ein anderer Scholiast Philogonus denkt an die Inkubation zur Heilung von Krankheiten; gerade in den Heiligtümern Aeskulaps fand dieser Tempelschlaf statt. Mit den Thestiaden gilt Jolaus als der Pflanzer Sardiniens, er ist aber zugleich ein libophönizischer Gott, der den Herakles vom Tode weckt und mit Aeskulap zu identifizieren ist. Der Aeskulap der Phönizier gesellt sich unter dem Namen Esmun als achter zu den sieben Kabiren. Sie sind die sieben Planetengötter und Esmun gilt als der Himmelskreis. Eine andere Mythe des Alterthums[164-b] erzählt von dem Hirtenknaben Epimenides von Kreta, er sei von seinem Vater ausgeschickt worden, ein verlorenes Schaf zu suchen; er legte sich in einer Höhle nieder und schlief dort siebenundfünfzig Jahre. Er glaubte nur kurze Zeit geschlafen zu haben, suchte aber vergeblich nach dem Schafe und fand dann zu Hause alles verändert. Sein jüngerer Bruder, nun ein Greis, erkannte ihn kaum wieder. In ganz Griechenland sprach man nun von dem langen Schlaf in der Höhle als einem Zeichen, daß Epimenides ein Liebling der Götter sei. Zur örtlichen Fixierung solcher Sagen mag es gelegentlich nicht an lokalen Anhaltspunkten gefehlt haben: gerade in Sardinien gibt es halbkreisförmige Monolithgruppen von fünf, sieben und neun Grabsteinen, in deren Mitte sich ein die andern überragender Kegel erhebt. Aber diese Sagen vom langen Schlaf oder wenigstens vom Verschwinden des Zeitbewußtseins kommen doch bei zu verschiedenen Kulturvölkern vor, um sie einem unter ihnen als Eigentum zuzusprechen. Der chinesische Roman Yukiao-Li erzählt: Zwei Jünglinge gingen aus, Heilkräuter zu suchen, und aßen von einem Pfirsichbaum. Da erschienen zwei Frauen von göttlicher Schönheit, mit denen vermählten sie sich. Als sie endlich zu ihrem Dorfe zurückkehrten, waren hundert Jahre verflossen. Ein Drama desselben Stoffes fügt hinzu: Die Fichten, die der eine von ihnen gepflanzt hatte, waren zu hohen Bäumen geworden; in seinem Hause wohnte sein Enkel; heimatlos mußten sie von dannen ziehen. In den indischen Puratana heißt es, König Raitwata sei zu Brahma gegangen, dort lauscht er einem himmlischen Liede und als er nun seine Angelegenheit vortragen will, teilt ihm Brahma lächelnd mit, seitdem seien zwanzig Menschenalter verflossen. Bei den Indern begegnet man überdies der Vorstellung, unter dem Kuß himmlischer Frauen verrinnen asketischen Einsiedlern Jahrhunderte wie ein Augenblick. Die arabische Dichtung erzählt von Mohammeds Himmelfahrt, er sei vom Engel Gabriel in einer Nacht durch alle sieben Himmel geführt worden, eine Reise, die sonst Millionen Jahre in Anspruch nehmen würde. Doch als er zurückkehrt, findet er sein Bett noch warm. In Tausend und eine Nacht bezweifelt der Sultan von Aegypten die Wahrheit dieser Legende. Da läßt ihn der Scheich, Schahabeddin seinen Kopf in eine Wasserkufe tauchen; in diesem Augenblick durchlebt der König sieben Jahre voll abenteuerlicher Schicksale. Der Talmud wiederum berichtet folgendes: Chone Hamagel wunderte sich oft über die Psalmstelle: Wenn der Herr die Gefangenen erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Schläft denn Jemand siebenzig Jahre träumend? rief er aus. Eines Tages, auf einer Reise, sah er einen Mann beschäftigt, einen Brotbaum zu pflanzen. Da sagte er: Es ist bekannt, daß ein solcher Baum erst nach siebzig Jahren Früchte trägt; weißt Du denn auch, daß Du noch siebzig Jahre lebst? Der Mann erwiderte: Ich habe Johannisbrotbäume vorgefunden, und so wie meine Vorfahren für mich gepflanzt haben, will ich für meine Nachkommen pflanzen. Nach diesem Gespräche setzte sich Chone in der Nähe des Baumes nieder und aß, hier schlief er ein und bald darauf zog sich ein Felsen um ihn herum, unter welchem er siebzig Jahre ungesehen in den Armen des Schlafes ruhte. Nachdem er wieder erwacht war, sah er einen Mann Früchte pflücken von dem Baume, der vor seinem Einschlafen gepflanzt worden war. Er fragte den Unbekannten, und erhielt den Bescheid: sein Großvater habe den Baum gepflanzt. Da sagte Chone: Ich habe gewiß siebzig Jahre geschlafen. Er ging in sein Haus und fragte nach seinem Sohne, erhielt aber die Antwort, dieser lebe nicht, dessen Sohn nur sei da. Er gab sich zu erkennen, fand aber keinen Glauben und begab sich ins Gemeindehaus. Dort ging es ihm aber nicht besser. Das Leben wurde ihm zuwider. Er sehnte sich nach dem Tode, bald darauf starb er denn auch. In der bestimmteren Gestalt des Schlafes in einer Berghöhle findet sich die Sage im germanischen Norden. Bekannt genug ist sie in der Form vom Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser oder von Tannhäuser im Hänselberge bei Frau Holde. Aber auch in anonymer Bescheidenheit tritt sie auf. Ein Schäfer flüchtet sich vor dem Regen in eine Höhle bei der Wettenburg am Main und verfällt dort in einen Schlaf, der sieben mal sieben Jahre dauert. Zwei Bauern gehen in eine Höhle bei Trier um sich vor dem Unwetter zu schützen und verschlafen dort hundert Jahre. Auf dem Dom zu Lübeck schlief einer in einer Lucke sieben Jahre und kam dann wieder wohl und munter zum Vorschein. Ein Totengräber bewirtet einen Toten, der Tote erwidert die Einladung; als der Totengräber nach Hause kommt, sind sechshundert Jahre vergangen. Ein Fuhrmann im thüringischen Singerberge, von einem eisgrauen Männchen bewirtet und über Nacht beherbergt, verschläft hundert Jahre. Eine halbe Stunde Tanz bei den schottischen Elfen war in Wirklichkeit ein Jahr. Zwei Musikanten, die dabei vorgeigen müssen, verspielen die Zeit vom Urgroßvater auf den Urenkel. In Schweden ritt ein Bräutigam aus und wurde von den Elfen in den Wald gelockt. Er tanzt mit ihnen eine Stunde, doch waren vierzig Jahre vergangen und seine Braut vor Gram gestorben. In späteren, deutschen Sagen wird das Vergessen der Zeit durch einen Aufenthalt im Paradiese motiviert, so beim Mönch von Heisterbach. Die Sagen vom Höhlenschlaf ruhen auf mythischem Untergrunde. Dem Schlaf der Götter und Heroen wird eine unendlich lange Zeit beigemessen. Wer nun auf Erden seine Gedanken vom irdischen abwendet, und nur über göttliches nachsinnt, verspürt den Hauch der Ewigkeit und verbringt lange Zeiträume träumend wie wenige Stunden.

Woher nun aber die Siebenzahl in der ephesinischen Legende? Nahe liegt der Hinweis auf die jüdische Sage von den sieben Brüdern, die sich in der Bedrückung der Juden durch Antiochus Epiphanes vornahmen, unter keinen Umständen unreines zu essen, sondern lieber zu sterben. Gewiß liegt da eine Verwandtschaft vor, aber kaum eine Abhängigkeit[166-1]. Man wird sagen dürfen, die geschichtlich verbürgte Standhaftigkeit der Gläubigen gegenüber den Zumutungen des Tyrannen habe beidemal unter dem Einfluß der sakralen Siebenzahl und vielleicht beidemal unter dem Einfluß fremder Sagen die poetische Verdichtung erfahren, als die sich jene Episode des zweiten Makkabäerbuchs gegenüber einer unbestimmteren Angabe des zuverlässigeren ersten herausstellt[167-a]. Im Falle einer Abhängigkeit, der ja nicht ausgeschlossen ist, wäre immerhin eine solche Einwirkung nicht die einzige, die von dem Martyrium der sieben Brüder im Makkabäerbuch auf altchristliche Stoffe ausgeübt wurde. Sicher stehen die Akten der Symphorosa und die Akten der Felicitas unter ihrem Einfluß. Leidensgeschichten zweier Mütter, deren jede sieben Söhne hat und mit ihnen das Martyrium erleidet[167-1]. Die Legende von Ephesus bietet indessen Anlaß zu weiteren Beobachtungen. Auch hier heißt der Kaiser gelegentlich statt Decius Dacianus, wie in der Georgslegende, eine erste Handhabe zur mythischen Deutung. Ferner haben wir es mit einem Höhlen- oder Grottenkultus zu thun. Vielleicht hat die Siebenschläfergrotte in heidnischer Zeit einen Kultus der _Magna mater_ beherbergt, in welcher Gestalt auch immer es mag gewesen sein, als Selene-Astarte, Kybele, Artemis, Proserpina, Demeter oder Hekate. Nun wird aber Rhea-Kybele wie auch Demeter oder Persephone von Korybanten oder Daktylen bedient, die ihrerseits oft mit den Kabiren verwechselt und daher mit jenen zusammen verehrt werden und zwar auch in Grotten, so in der Zerinthiahöhle auf Samothrake. Mit den Kabiren aber stehen die sardischen Schläfer als Brüder des Aeskulap in einem Verwandtschaftsverhältnis. In den Heiligtümern Aeskulaps wurden ferner Täfelchen und Denksäulen niedergelegt, auf denen die Geschichte von Krankenheilungen verzeichnet stand — bei den Siebenschläfern die Bleitafeln, die zum Ueberfluß in arabischen Berichten zu Säulen geworden sind! Die Siebenschläfer sind überdies schöne Jünglinge von vornehmer Abkunft; die Kabiren traten in der griechischen Vorstellungswelt den Dioskuren an die Seite, Idealbilder rüstiger, freudiger Jugend. Diomedes der klügste und schönste unter den Siebenschläfern und ihr Führer fordert zum Vergleich mit Aeskulap heraus, der bei den Phöniziern als schönster der Götter galt. Endlich die morgenländische Gestalt der Siebenschläfersage, die sich sowohl in dem um 520 oder 530 verfaßten Pilgerreiseführer des Theodosius als auch im Koran[167-b] findet, gesellt den Sieben noch einen Hund bei, der sich den Jünglingen auf der Flucht anschloß, und sich durch Steinwürfe und Verstümmelungen nicht vertreiben ließ, sondern sich an den Eingang der Höhle legte, dann auch mit ihnen ins Paradies kam und ihrer Verehrung ebenfalls teilhaftig wurde und mit ihnen schlief: »Achte warens mit dem Hunde«[167-2]. Diese Hundepisode lautet verdichtet[167-3]:

Ein Hündlein, das einst Wache that bei Schäfern, Ging in die Höhl’ ein mit den Siebenschläfern. Und als sie drinnen Zeit und Welt verschlafen, Verschlief es auch den niedern Dienst bei Schafen. Und als im Himmel ihnen ward die Krone, Ward es zu einem Leu’n an Gottes Throne.

Nun spielt im Kultus Aeskulaps und der Kabiren der Hund in der That eine Rolle. Aeskulap wurde, da er als Kind ausgesetzt worden war, von einem Hunde bewacht und in Epidauros war ein Hund neben seinem Bilde dargestellt. In der Kabirengrotte auf Samothrake wurden Hundeopfer dargebracht. Im Orient und in den Mittelmeerländern wurden, wenn der Hundsstern Sirius aufging, Hunde unter Martern getötet: Ende Juli; in der That fällt der Siebenschläfertag in diese Zeit: in der römischen Kirche auf den 27. Juli; in der griechischen auf den 4. August. Und dann ging der Sirius in den Löwen über! Kabiren und Siebenschläfer wurden beide als Beschützer der Schiffe verehrt. Wie einst die Phönizier Kabirenbilder an Bord mit sich führten, so schreiben noch heute türkische Handelsschiffe, da den Mohammedanern die Nachbildung lebender Wesen verboten ist, wenigstens die Namen der Siebenschläfer auf den Stern ihrer Fahrzeuge. Im Abendland verbreitete sich die Legende während des Mittelalters ohne große Veränderung. Sie war eben nicht auf den geheimnisvollen Wegen der Volksüberlieferung zu den Germanen gewandert, sondern litterarisch dahin verpflanzt worden. Trotzdem ihre Behandlung durch die Schriftsteller nicht nachgelassen hat, schlug sie im Volke selbst nicht tiefere Wurzeln. Es fehlten die Reliquen.