Part 2
Nun litt er an dem wunderlichen und entsetzlichen Wahn, daß er der Mittelpunkt des Universums sei, dessen Aufgabe darin bestand, das Weltall im Gleichgewicht zu halten. In ihm liefen die tausendfältigen Kräfte des Alls zusammen, und er fühlte mit einer marternden Kontinuität, wie die Planeten und Sonnen um ihn ihre Bahnen schwangen, wie es sauste und wetterte da draußen. Wenn eine Kette von Schlittschuhläufern sich um einen in der Mitte dreht, so empfindet der in der Mitte, mit welch ungeheurer Energie die beiden wirbelnden Flügel um ihn kreisen, und er muß all seine Kräfte auf das Festhalten seines Standortes konzentrieren. Ähnlich war das Empfinden Engelhardts, und da die Anstrengung ohne jede Unterbrechung währte, so erschöpfte ihn seine Wahnidee dergestalt, daß er in einem Jahr um Jahrzehnte gealtert war. Wenn auch -- wie er sagte -- das Weltengebäude vom allmächtigen Schöpfer so wunderbar gefügt war, daß es in alle Ewigkeit in den vorgezeichneten Kreisen und Spiralen (so sagte er) lief, so litt er doch über seine Kräfte unter den geringsten Störungen da draußen. Im Winter hatte er vierzehn Tage schlaflos verbracht, da ein heranschwirrendes Gestirn an ihm zerrte; merkwürdigerweise war in dieser Zeit ein Komet aufgetaucht, dessen Erscheinen die ganze astronomische Welt überraschte. Damals war unter merkwürdigen Erscheinungen der Pfleger Schwindt gestorben, und Engelhardt hatte -- nach seiner eigenen Aussage -- dessen Seele in sich gesaugt, so daß er zu neuen Kräften kam, die den ganzen Frühling und Sommer anhielten. Jetzt aber ermattete er wiederum von Tag zu Tag mehr unter seiner Aufgabe, und die Kräfte verfielen rapid. Die Sternschnuppen und Meteorschwärme rissen an ihm, so daß ihn Schwindel erfaßte, und besonders der Mond hatte in dieser Zeit eine schreckliche Macht über ihn. Er saugte an seinen Kräften, und Engelhardt hatte das Empfinden, als ob jeden Augenblick der Boden unter ihm einsinken könne und er in die Tiefe sause, und das Weltall über ihm zusammenstürze. --
Als Michael Petroff und der kleine Advokat bei Engelhardt eintraten, nachdem sie eine lange Weile vergebens an die Türe gepocht hatten, fanden sie ihn im Bette liegen, die behaarten abgemagerten Hände schlaff auf dem Kissen. Er hatte die Augen senkrecht in die Höhe gerichtet, und zwar so stark nach oben gedreht, daß man das Weiße sah, und schien irgendeinen Punkt an der Decke zu fixieren. Sein Gesicht war von gleichmäßig gelblicher Tönung und erweckte den Eindruck, als sei es von Porzellan. So glatt war die Haut und so scharf traten die Kanten der Knochen hervor. Die Stirn war ungewöhnlich groß im Verhältnis zu dem kleinen Gesicht und dem kleinen Mund, der wie zum Pfeifen gespitzt schien und eine Menge feiner, der Mundöffnung zuströmender Linien zeigte. So sehr war der Schuhmacher in einem Jahre abgemagert, daß der Kragen seines bunten Hemdes fingerbreit von seinem dünnen Hals abstand.
»Guten Morgen!« sagte Michael Petroff leise und heiter. »Freunde kommen!« Der Advokat blieb scheu an der Türe stehen.
Engelhardt erwiderte nichts. Ein Zittern durchlief seinen Körper, und seine dünnen behaarten Hände zuckten zuweilen, ganz als ob er einem elektrischen Strom von wechselnder Stärke ausgesetzt wäre.
Michael Petroff lächelte und ging näher. »Wie befinden Sie sich, lieber Freund?« sagte er leise und voller Anteilnahme, indem er sich über Engelhardt beugte. »Der Arzt war heute nacht bei Ihnen?«
Engelhardt rollte den Kopf auf dem Kissen hin und her. Er war erschöpft nach einer schlaflosen Nacht und den Beruhigungsmitteln, die ihm der Arzt verabreicht hatte.
»Schlecht!« antwortete er tonlos.
»Schlecht?« Michael Petroff zog besorgt die Brauen in die Höhe. »Es geht ihm nicht gut, unserm Freunde!« wandte er sich an den kleinen Advokaten, der immer noch an der Türe stand.
»Haben Sie Schmerzen?« Michael Petroff beugte sich wieder über den Kranken und näherte das Ohr seinem Munde.
»Ja«, erwiderte Engelhardt tonlos und matt und murmelte in Petroffs Ohr. Es hörte sich an, als bete er.
Michael Petroff richtete sich auf und sah den kleinen Advokaten an. »Er sagt, er sei mit seinen Kräften zu Ende, unser Freund. Er braucht eine neue Seele, -- wie damals im Winter, als der Pfleger starb, erinnern Sie sich?« Und in das Ohr des Leidenden rief er hinein, unnötig laut: »Ich werde mit dem Doktor reden, Freund Engelhardt. Das ist des Doktors Sache. Er wird Ihnen eine Seele verschaffen, so oder so!«
Der kleine Advokat aber hüllte sich plötzlich enger in seinen Schal. Ihn fröstelte. Für gewöhnlich blieben nur wenig Eindrücke in seinem Gedächtnis haften, aber er erinnerte sich noch deutlich an den Tod des Pflegers Schwindt, -- wie Michael Petroff zu ihm ins Zimmer kam und ihm geheimnisvoll ins Ohr flüsterte: »Der Pfleger ist gestorben. Engelhardt holte sich seine Seele, sehen Sie!« Nun ergriff ihn Schrecken bei dem Gedanken, daß Engelhardt am Ende seine Seele fordern könnte, und nichts fürchtete er mehr als den Tod.
Der Tod lebte in seinem kranken, wirren Kopf als eine Gestalt, die unsichtbar bis auf die Hände war. Plötzlich, oh, so plötzlich! würde er neben ihm stehen, dicht an seiner Seite. Und eine entsetzliche Kälte würde von ihm ausströmen, mit einemmal würden alle Blumen bereift umsinken und die Millionen rascher Vögel erstarrt aus der Luft stürzen, und er selbst würde in einen kleinen Schneehaufen verwandelt werden.
Der Advokat zog den Kopf ein, so daß sich sein dünner grauer Bart über der Halsbinde sträubte, und richtete die kleinen Mausaugen furchtsam auf Michael Petroff und zitterte.
Michael Petroff sah ihn erstaunt an. »Was haben Sie nur, lieber --?« sagte er gedehnt und lächelte. »Sie ängstigen sich? Ja, weshalb, ich bitte Sie? Ich werde sofort zu Doktor März gehen und ihm Freund Engelhardts Anliegen vortragen. Er wird nicht zögern, wie ich ihn kenne, und alles ist in Ordnung. -- Ich würde Ihnen ja gerne meine Seele zur Disposition stellen, Freund Engelhardt, aber ich brauche sie selbst noch -- ich habe eine Mission zu erfüllen, Sie wissen -- ich bin Napoleon, der jeden Tag eine Schlacht schlägt, ich bin --« Aber er hielt plötzlich inne und lauschte.
»Hören Sie, da ist der Doktor ja!« flüsterte er. »Er wird sogleich hier sein --«
* * * * *
Doktor März war in den Pavillon eingetreten. Man hörte ihn auf dem Korridor mit jemand sprechen, und alle drei im Zimmer des Schuhmachers lauschten. Die Stimme des Arztes allein war imstande, ihren Gedanken eine andere Richtung zu verleihen und flößte ihnen Hoffnungen, unbestimmte, aber ungeheure Hoffnungen ein. Sie wirkte auf sie ähnlich wie eine Stimme auf Verirrte wirkt, die sich in einer unbewohnten Öde verloren glaubten. Und doch sprach Doktor März nicht viel, er war vielmehr ein Meister im Zuhören geworden, der stundenlang am Tage den Klagen, den Beschwerden und hundert Bitten seiner Patienten lauschte. Aber seine wenigen Worte hatten die Kraft, aufzumuntern, zu trösten, zu erfreuen, und die Stimmung seiner Patienten für den ganzen Tag zu beeinflussen.
Der Advokat fror auf einmal nicht mehr, Michael Petroff lächelte aufgeregt, und Engelhardt hatte den Punkt an der Decke losgelassen und richtete die Augen auf die halb offenstehende Türe. Er hatte den Blick so stark konzentriert, daß seine kleinen blendenden Augen zu schielen schienen.
»Hören Sie, der Rajah spricht mit ihm!« sagte Michael Petroff und hob lauschend den Finger.
»Sie werden keineswegs bewacht, lieber Freund«, sagte die ruhige Stimme des Arztes.
Und eine fast noch ruhigere tiefe Stimme antwortete: »Ich hörte die Wache die ganze Nacht vor meiner Türe auf und ab gehen, mein Herr! Ich hörte auch die Trommel bei der Ablösung.«
»Lieber Freund,« entgegnete der Arzt, »Sie haben geträumt.«
»Nein!« fuhr der Mann fort, den Michael Petroff Rajah genannt hatte, »ich entschuldige Sie, mein Herr. Sie tun nur Ihre Pflicht, ich weiß es. Allein der Takt sollte es Ihnen verbieten, Ihre Maßnahmen in einer solch auffallenden Weise zu treffen. Ich habe Ihnen mein Ehrenwort gegeben, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Sagen Sie das der englischen Regierung, in deren Namen Sie mich hier festhalten. Ich habe ebensowenig Waffen in meinem Zimmer verborgen. Ich ersuche Sie, zu revidieren.«
»Ich weiß es recht wohl, mein Freund!«
»Ich ersuche Sie, trotzdem zu revidieren.«
Der »Rajah« gab sich erst zufrieden, nachdem ihm der Arzt eine sofortige Revision versprochen hatte.
Während des Gesprächs war Doktor März im Rahmen der Türe erschienen und hinter ihm der »Rajah«. Doktor März war ein kleiner, in einen hellgrauen Anzug gekleideter Herr mit gerötetem bartlosen Gesicht und einem raschen, prüfenden und dabei doch sanften Blick, und der »Rajah« stand groß und dunkel hinter ihm und füllte fast die ganze Türe aus. Der »Rajah« hatte einen langen schwarzen Bart und ein dunkelbraunes kühnes Gesicht, aus dem das Weiße der Augen abstach.
Der »Rajah« war ein einfacher Volksschullehrer, der einige Jahre in Indien an einer deutschen Schule gewirkt hatte. Während eines langwierigen Fiebers hatte sich in ihm die Basis zu einer Wahnvorstellung gebildet, die nach der Rückkehr in seine Heimat gänzlich Besitz von ihm ergriff. Er wähnte, ein indischer Fürst zu sein, den die englische Regierung ins Exil geschickt hatte.
Er war ein sehr stiller und verschlossener Kranker, der nie mit den anderen Patienten sprach. Seine Haltung drückte unermeßliche Ruhe und einen anscheinend ganz natürlichen Stolz aus. Tagelang würdigte er keinen Menschen eines Blickes. Er ging im Garten hin und her, ganz langsam, betrachtete mit verächtlicher Miene Blumen und Bäume und saß jeden Abend, wenn es das Wetter erlaubte, abseits auf einer Bank und blickte in die sinkende Sonne, der er sein gebräuntes Gesicht zuwandte, bis sie verschwand. Und während er in die sinkende Sonne blickte, brannten seine schwarzen Augen von einem dunkeln, sehnsüchtigen Schmerz. Da sah er Palmen, die in der Sonne zerschmolzen, so daß man nur ihre mit Feuerrändern versehenen Kronen, nicht aber die Stämme sah, -- Elefanten, die würdig dahinschritten, den kleinen braunen Treiber im Nacken, -- goldstrotzende Tempel, braune halbnackte Volkshaufen, die mit Zweigen in der Hand dahinhüpften und helle Schreie ausstießen, -- und da sah er auch sich, wie er den großen Dampfer betrat, der ihn ins Exil bringen sollte, und das braune Volk warf sich weinend auf dem Kai nieder. Ein heißer ungeheurer Schmerz erfüllte die Seele des »Rajah«, und er stand auf und schob die breiten Schultern etwas höher, als trage er eine schwere Last. Und er trug sie! Nie klagte der »Rajah«, nie zeigte er Niedergeschlagenheit, nie zeigte er auch nur im geringsten, was in ihm vorging.
Auch in seinem Zimmer verhielt er sich ruhig. Nur selten hörte man ihn sprechen, und nur manchmal -- im Schlaf -- stieß er einen gedehnten, singenden Ruf aus, wie ihn die Straßenverkäufer im Orient hören lassen.
Als Doktor März eintrat, verbeugte sich der kleine kahlköpfige Advokat, die Mütze in der Hand, und drückte sich schüchtern an die Wand. Er empfand eine grenzenlose Dankbarkeit für den Arzt, der ihn hier still und ruhig bei seinen Blumen und Vögeln leben ließ, ohne je Bezahlung von ihm zu fordern. Er wagte es heute nicht einmal, Doktor März um Brosamen für seine Vögel zu bitten und sich über die nachlässigen Mägde in der Küche zu beschweren, obgleich er es sich fest vorgenommen hatte.
Den »Rajah« dagegen, der düster, und unnahbar im Gang stand, vermochte der Advokat nicht ohne Scheu und eine innere leise Angst zu betrachten. Um ihm seine Ergebenheit auszudrücken, verneigte er sich tief gegen ihn, und da der »Rajah« ihn nicht beachtete, verbeugte er sich nochmals, während er die Lippen flüsternd bewegte. Allein der »Rajah« würdigte ihn keines Blickes. Einen Augenblick lang dachte der Advokat daran, näher zu treten und dem »Rajah« die Hand zu küssen. Denn er erinnerte sich einer Begebenheit, die sich scharf seinem Gedächtnis eingeprägt hatte: An einem Abend hatte er den »Rajah« im Korridor getroffen und ihm seine Verbeugung gemacht. Sie waren ganz allein. Da kam der »Rajah« auf ihn zu und sagte mit tiefer, gedämpfter Stimme »Getreuer« und streckte ihm die Hand zum Kusse hin. »Warte!« sagte der »Rajah« weiter. »Ich will dir meine Gunst bezeugen. Ich habe ja nicht mehr viel von den Schätzen übrig, die ich mit ins Exil nahm, aber -- hier, nimm, nimm!« Und der »Rajah« hatte ihm einen kleinen grauen Stein in die Hand gedrückt.
Michael Petroff dagegen betrachtete Doktor März mit einem lächelnden und forschenden Blick, während er sich höflich gegen die Türe zurückzog. Er beugte den Kopf dabei etwas in den Nacken, neigte ihn ein wenig auf die Seite, und sah den, Arzt an, als ob er eine ganz besondere Nachricht von ihm erwarte und als ob er genau wisse, daß Doktor März heute eine ganz besondere Nachricht für ihn habe. So zuversichtlich sah er ihn an, und ein Lächeln umspielte seinen schönen Knabenmund.
Engelhardt aber, dessen Brauen vor Schmerz wie mit Klammern in die Höhe gespannt waren, hatte sich im Bett halb aufgesetzt und trug dem Arzt seine Leiden und Wünsche vor. Er sprach in der Kehle, rasch, murmelnd und fast unverständlich, und seine Stimme klang wie das ferne Kläffen eines Dorfhundes, das man in einer stillen Nacht hört.
Daß er zu Ende sei mit seinen Kräften, -- der Mond saugt! -- daß ihn in der Nacht Tausende von Menschen auf den Knien angefleht hätten, sie nicht der Vernichtung preiszugeben, -- daß nur eine neue Seele ihm wieder Stärke verleihen könne, -- daß er fühle, wie er sich mehr und mehr nach links neige und das Weltall jeden Augenblick zusammenstürzen könne: all das stieß er wirr und kaum verständlich heraus, die kranken Augen hilfesuchend auf Doktor März geheftet.
Doktor März hörte ernst zu, auch Michael Petroff und selbst der »Rajah«, der unter die Türe getreten war. Und da alle so ernst zuhörten -- besonders der »Rajah«, der seine großen glühenden Augen auf Engelhardt gerichtet hatte -- so wurde der kleine Advokat wieder von seiner früheren Angst gepackt. Es war ihm, als sänken seine Beine, in den Boden hinein, wie in einen Sumpf, aber gerade in dem Moment, da die Angst wie eine große schwarze Finsternis über ihn sinken wollte, setzte sich ein Vogel zwitschernd auf das Fensterbrett, und der Advokat war wie verwandelt.
»Ich komme!« flüsterte er hastig.
»Bleiben Sie doch!« sagte Michael Petroff leise zu ihm und griff nach seinem Arm. »Wohin denn?«
»Er rief mich!« entgegnete der Advokat und schlüpfte rasch hinaus.
»Wie er eilt!« dachte Michael Petroff und hörte sich selbst im Innern lachen. Und später sagte er zu Doktor März, indem er ihm vertraulich die Hand auf die Schulter legte: »Dieser Advokat ist gewiß ein kluger und gebildeter Mann, -- und doch glaubt er, daß die Vögel ihn rufen! Unter uns, Doktor, haben Sie nie den Gedanken gehabt, daß es mit ihm nicht ganz in Ordnung ist --?«
* * * * *
Nach Tisch ergingen sich wie gewöhnlich die Patienten des Doktor März im Garten. Sie trotteten in kleinen Trüppchen hintereinander her, immer um das große Blumenbeet herum, in gleichen Abständen, schweigsam, in Gedanken versunken. Nur der »Erfinder,« ein junger Mann, blieb zuweilen stehen, stemmte die Hand in die Seite, legte den Finger an die Stirn und fixierte einen Punkt am Boden.
Der Advokat begoß seine Blumen und lauschte verzückt auf das Zwitschern der tausend und abertausend Vögel, die in den Büschen und Wipfeln hüpften. Michael Petroff war in ganz ausgezeichneter Laune. Es gab da Neuigkeiten --! Man höre, man höre! Er rauchte, jeden Zug genießend, eine Zigarette, die ihm Doktor März verehrt hatte. Die Zigarette schwang er zwischen den kokett gespreizten Fingern in großem Bogen, als zöge er grüßend den Hut, und so oft er einen Zug nahm, blieb er stehen und blies den Rauch senkrecht in die sonnige Luft empor und sah zu, wie der blaue Rauch zerging. Aus allen Dingen strömte ihm Entzücken zu. Selbst das Gehen empfand er als eine Lust. Er machte kleine Schritte, drückte die Knie durch und fühlte mit Vergnügen die elastische Behendigkeit, mit der sich seine zuweilen leise knackenden Zehen und seine Ballen in den dünnsohligen Schuhen vom Boden abstießen, während seine Fersen den Weg nur flüchtig berührten, und das Spielen seiner Knie. Blieb er aber stehen, so spannte er die Muskeln seiner Schenkel durch Eindrücken der Knie an, und empfand wiederum Vergnügen über die Festigkeit, mit der er dastand, wie eine Statue. Er war überzeugt, daß nichts ihn hätte umwerfen können. Lächelnd und Seligkeiten mit den Blicken austeilend ging er dahin, er grüßte jeden, und so oft er einen Bekannten traf, erzählte er ihm das große Ereignis, das heute eingetreten war.
»Hören Sie, mein Freund!« rief er dem kleinen Advokaten zu, der in einer Rasenfläche stand und sich mit der Gießkanne über ein Tulpenbeet beugte, um die Blumen in der Mitte zu begießen. »So kommen Sie doch heraus! Es gibt Neuigkeiten! Nun, so kommen Sie doch endlich!«
Er wartete in liebenswürdiger Ungeduld, bis der Advokat fertig war und auf den Weg trat, um mit der leeren, grünen Kanne zum Brunnen zu gehen. »Ich will Ihnen erzählen, was sich heute ereignete,« begann er dann rasch, »Seine Majestät der König von Sachsen haben geruht --«
»Verzeihen Sie,« unterbrach ihn flüsternd der Advokat und fing an zu gehen, »es ist heiß, ich habe es eilig. Die Blumen vertrocknen.«
»Ich gehe mit Ihnen zum Brunnen,« fuhr Michael Petroff gut gelaunt fort und ging rasch neben dem eilenden Advokaten her, »ich kann es Ihnen ja ebensogut im Gehen erzählen. Ich sage also heute zum Doktor: >Nun, Doktor, für mich haben Sie heute nichts?< >Nein,< sagt er, >lieber Kapitän, leider nichts.< >Gar nichts,< sage ich und fasse ihn am Arm, >seit Wochen ist keine einzige Antwort eingelaufen? Wirklich nichts, Doktor?< Er sieht mich an und denkt nach. >Ach ja,< sagt er, >ich hätte es beinahe vergessen. Es ist ein Schreiben eingelaufen. Es betrifft diesen Tischlergesellen, Sie wissen, lieber Kapitän?< >Tischlergesellen? Doktor? Ich erinnere mich nicht< -- ich ziehe mein Taschenbuch heraus, in das ich alle ausgehenden Schriftstücke eintrage: >Woher kam die Antwort? Aus Sachsen? Ah,< sage ich, >dann betrifft es jenen Schlächtergesellen, den man zum Tode verurteilt hatte.< >Ja,< sagt der Doktor, >ganz richtig, ein Schlächtergeselle war der Bursche.< Und nun hören Sie, lieber Freund: Seine Majestät der König von Sachsen haben geruht, ihn auf meine Petition hin zu begnadigen. Ich werde noch heute ein Dankschreiben an Seine Majestät entwerfen.«
»Wie sie heute sticht, die Sonne«, antwortete der Advokat auf Michael Petroffs Erzählung und begann den Pumpenschwengel zu ziehen. »Die Blumen sehen alle so matt aus.«
»Hahaha!« Michael Petroff lachte. »Sie hören ja gar nicht zu? Wie?«
Nein, der Advokat hörte nicht zu. Er sah in die Kanne, ob sie voll wäre.
Michael Petroff betrachtete ihn eine Weile mit zur Seite geneigtem Kopf, dann lachte er still vor sich hin und ging rasch weiter. Er blickte über den Garten und suchte nach jemand, dem er die frohe Botschaft erzählen könnte.
Da entdeckte er den »Rajah«, der im Gemüsegarten, zwischen zwei Salatbeeten hin und her ging. Seiner Gewohnheit gemäß war der »Rajah« allein und da, wo sonst niemand war.
Michael Petroff wippte sich auf den Zehen und dachte einen Augenblick daran, mit einem einzigen Sprung über die Beete zu setzen, die ihn, etwa hundert Schritt breit, von dem »Rajah« trennten. Er brauchte sich ja nur ein bißchen in die Höhe zu schnellen und wäre dort. Aber er befürchtete unhöflich gegen den »Rajah« zu sein, ihn vielleicht zu erschrecken, und unterließ es.
Der »Rajah« ging so stolz und würdevoll einher wie gewöhnlich, aber heute war er unruhig und nachdenklich. Die Worte Engelhardts, der das Weltall im Gleichgewicht hielt, daß es nicht in Trümmer stürze, hatten seinen Sinn gefangen genommen. Er dachte darüber nach, und nach langem unerbittlichen Nachdenken war er zu dem Schlusse gekommen, daß es nur noch eines gäbe -- eines -- --
Da trat Michael Petroff an ihn heran.
»Erlauben Sie, daß ich störe!« sagte er höflich und zog die graue englische Reisemütze. »Kapitän Michael Petroff!«
Der »Rajah«, sah ihn mit seinen schwarzen brennenden Augen ernst an.
»Was willst du?« fragte er ruhig.
Michael Petroff lächelte. »Ich möchte Ihnen gerne eine freudige Neuigkeit mitteilen«, begann er. »Heute morgen also sage ich zum Doktor: >Nun, Doktor, haben Sie nichts für mich, heute --?<« -- Und er erzählte freudestrahlend dieselbe Geschichte, die er heute schon dutzendmal erzählt hatte.
Der »Rajah« hörte schweigend zu, während er Michael Petroff nachdenklich betrachtete. Dann sagte er: »Ich möchte gerne mit dir sprechen.«
»Ich stehe Ihnen zur Verfügung!«
Der »Rajah« ließ seine Augen langsam und würdevoll über den Garten schweifen.
»Wollen wir zu jener Bank gehen!«
»Mit Vergnügen.«
Der »Rajah« setzte sich und lud Michael Petroff mit einer herablassenden Handbewegung ein, ebenfalls Platz zu nehmen.
»Ich sehe dich immerfort schreiben --« begann er.
Michael Petroff lüftete die Mütze: »Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee«, sagte er höflich.
Der »Rajah« sah ihn an und fuhr hierauf mit der gleichen Ruhe und Hoheit fort: »Wenn du schreibst, so mußt du wissen. Und gewiß hast du Weisheiten über Menschen und Dinge aus den heiligen Büchern geschöpft, die uns andern verschlossen bleiben, und dein Leben gemäß den Vorschriften deiner Kaste in Meditationen verbracht. Gut, so lege mir die Worte des Fakirs aus, der nach dem unerforschlichen Ratschluß der Götter das Weltengebäude auf den Schultern trägt! Sprich!«
Michael Petroff lächelte geschmeichelt und verbeugte sich gegen den »Rajah«. Er verstand zwar nicht alles, was der »Rajah« sprach, aber er fühlte Hochachtung und Verehrung aus seinen Worten. Er fand, daß er gewissermaßen die Verpflichtung habe, den »Rajah« in das Geheimnis seiner Zeitung einzuweihen, aber zu seiner eigenen Überraschung fragte er: »Sie meinen Freund Engelhardt?«
»Du hörtest, was er sagte?«
»Ja!«
»So sprich!« Es zeigte sich, daß der »Rajah« kein einziges Wort, das Engelhardt zu Doktor März sagte, vergessen hatte; Michael Petroff dagegen wußte nahezu nichts mehr und zog sich den Unwillen des »Rajahs« zu.
»Pardon!« entschuldigte er sich. »Es gehen mir so viele Dinge durch den Kopf.«
»Was aber wird geschehen, wenn er keine neue Seele erhält?« fragte der »Rajah« weiter.
»Oh, der Doktor wird wohl Sorge tragen.«
»Auch Fakire sind nur Menschen. Was wird geschehen, wenn ihm die Kräfte versagen? Wird die Welt einstürzen?«
»Sie wird einstürzen!« erwiderte Michael Petroff und mußte lachen.
»Weshalb lachst du da?« sagte der »Rajah« ruhig, und seine dunkeln Augen funkelten. »Was wirst du tun, wenn sie einstürzt?«
»Ich?« Michael Petroff lächelte und deutete auf den Pavillon, der durch die Büsche schimmerte. »Wenn dieses Haus dort einstürzt,« fuhr er fort, »so werde ich mich rasch davon machen und in meine Heimat zurückkehren. Meine Heimat ist Rußland. Sie kennen Rußland? Sie können Deutschland auf der Hand forttragen, Rußland aber nicht einmal auf dem Rücken. So groß ist meine Heimat.«
Der »Rajah« dachte lange und angestrengt nach. Dann sagte er, langsam und mehr für sich selbst: »Wenn die Welt einstürzt, wird dann auch mein Reich einstürzen? Die Berge mit den Tempeln, die Wälder und Städte, wird all das zerstört werden?«
Michael Petroff nickte und lächelte schadenfroh. »Ich glaube wohl!«
Auch der »Rajah« nickte nun. Er neigte einigemal langsam sein Haupt. »All meine Untertanen werden zu Grunde gehen?« fragte er und nickte. Er stand auf und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er ernst und sah Michael Petroff an. »Das soll nicht sein! Wir wünschen es nicht.«
Der Rajah ging. Langsam und würdevoll schritt er in der Sonne dahin dem Pavillon zu.