Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina
Part 7
„Mein hochwürdiger Herr,“ begann sie, „ich bin aus Sevilla, von adeligen Ältern geboren; mein Vater hieß Don Lope de Monsalva, meine Mutter Donna Mencia de Sahabedra, und ich, ihre einzige Tochter, heiße Donna Rufina de Monsalva und Sahabedra. Meine Mutter nahm mir Gott sehr früh, und mein Vater, der noch ein sehr junger Mann war, warf sein Augenmerk auf eine Dame derselben Stadt, und wollte sich mit ihr verbinden; sie hatte aber zwey Brüder, die ihre Schwester gar zu gern geerbt hätten; sie setzten sich heftig entgegen, und drangen durchaus darauf, daß sie Nonne werden sollte. Sie war meinem Vater sehr geneigt; sie fanden Gelegenheit, sich öfters heimlich zu sprechen, und kamen endlich überein, daß sie sich heimlich wollten trauen lassen. Sie thaten es, und setzten ihre heimlichen Zusammenkünfte fort; ich war die Frucht ihrer Liebe. Nun entdeckten die Brüder plötzlich durch eine treulose Magd das ganze Geheimniß, stellten meinem Vater heimlich nach, und -- tödteten ihn. Ich war nun eine Waise, und ohne alles Vermögen; niemand nahm sich meiner an, als eine Muhme, die mich in das Nonnenkloster San Leander zur Erziehung gab, wo ich auch bis in mein sechzehntes Jahr blieb. Damahls erst fing mein Glück zu dämmern an. Mit einer Flotte aus Indien kam ein ansehnlicher Cavalier an den Hof; er war sehr reich, und hatte von einem Vetter meiner Muhme, bey der ich nun im Hause wohnte, ein Empfehlungsschreiben mit sich. Er besuchte sie öfters, und sah auch mich bey dieser Gelegenheit. Er erkundigte sich, wer ich wäre; meine Muhme erzählte ihm die unglückliche Geschichte meines Vaters, und er gewann eine solche Neigung zu mir, daß er förmlich um mich warb. Binnen vierzehn Tagen war ich ihm angetraut, und er gab mir zur Morgengabe zwanzig tausend Escudo’s; sein ganzes Vermögen aber beträgt über hundert zwanzig tausend Ducaten. Wir lebten sechs Jahre mit einander, in welcher Zeit wir gar kein Kind mit einander hatten. Endlich starb der gute Mann, und machte mich zur Erbinn des ganzen Vermögens: nur vierzehn tausend Ducaten bestimmte er zu einer prächtigen Kapelle, die ich in dieser Stadt bey irgend einer Kirche bauen lassen sollte. Er bestimmte aber nur die Summe, und räumt es übrigens ganz meiner Willkür ein, wie ich sie bauen lassen wollte. Ich denke nun es so einzurichten, daß vier Kapelläne mit einem jährlichen Einkommen von zwey hundert Ducaten, und einer, dem die andern untergeben seyn sollen, mit drey hundert dabey angestellt werden. Ich will sie auch nicht an diesen Kapellendienst allein binden; denn warum sollt’ ich ehrwürdige Väter hindern, ihr ohne dieß geringes Einkommen, das sie ohnehin meistens auf Almosen verwenden, noch in etwas nebenbey zu vermehren. Ich bin nun vierzehn Tage hier, und habe alle Kirchen besehen, aber hier nach meiner Meinung noch den besten Platz gefunden. Man könnte unter der Kapelle die Gruft anbringen, was ungleich prächtiger lassen dürfte, als der Kirchhof. Ob es mir nun erlaubt seyn werde; ob mir die Stadtobrigkeit, oder der geistliche Rath nicht entgegen seyn werden, wünsche ich jetzt aus Ihrem Munde zu hören.“
„Dafür lassen Sie mich sorgen, gnädige Frau!“ antwortete der Pfarrer voll Feuer, und sah sich schon im Besitze von drey hundert Ducaten. „Das wäre schön, wenn der geistliche Rath die Erfüllung frommer Vermächtnisse hindern wollte! Wie wollt’ er das? Wie könnt’ er das? Jeder Platz gehört Gott, um so viel mehr ein Kirchhof, als ein eigens geweihter Ort. Und was gingen die Stadtobrigkeit geistliche Dinge an? Sie mag ihre profane Nase in andere Dinge stecken, mag Betriegern und Betriegerinnen auf die Spur zu kommen suchen; aber unsere heiligen Sachen gehen ihr nichts an. O gnädige Frau! Gott hab’ Ihren seligen Gemahl selig! sein Werk ist um desto verdienstlicher, da er dadurch in einer so verdorbenen Zeit ein heldenmüthiges Beyspiel des standhaften Christenthums gibt. Säumen Sie auch nicht, seinen frommen Wunsch zu erfüllen, damit wir ihn nicht aufhalten, wenn seine Seele etwa bis zur völligen Herstellung noch etwas zu leiden hätte.“
„Ich weiß aber noch nicht,“ sagte sie, „ob wir hier das volle Maß, das ich gewünscht hätte, heraus bringen werden.“
„Wollen sie denn Euer Gnaden gar so groß bauen?“ sagte der Pfarrer. „Wie viele Schritte haben Euer Gnaden angeschlagen?“
„Sechzig in die Länge, zwey und dreyßig in die Breite.“
Nun fing der leibige Pfarrer augenblicklich an, wie ein fettes Leichhuhn über die Gräber fortzutrippeln, und den Raum mit kurzen Schritten abzumessen. „Mehr als zu viel!“ schrie er endlich; „es gibt noch ein Beinhaus, und ein kleines Leichenbehältniß. Wir kriegen aber doch auch ein Thürmchen, gnädige Frau? Wir haben eine überflüssige Glocke, und irgend eine andächtige Seele wird uns es auch nicht an einer Uhr fehlen lassen.“
„Um meines seligen Mannes Wunsch ganz zu erfüllen,“ sagte Constanze, „wird es mir nicht zu viel seyn, auch diese Kleinigkeiten aus meinem Vermögen zu bestreiten, das nach meinen Bedürfnissen ohne dieß viel zu groß ist. Ich gestehe es Ihnen auch, hochwürdiger Herr Pfarrer, daß es mir in so weit wirklich zur Last ist, als ich es nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Übrigens habe ich noch eine Bitte an Sie.“
„Sie befehlen, gnädige Frau! worin kann ich dienen?“
„Ich wünschte sehr, daß Sie es auf sich nähmen, meinen Bau gegen alle Hindernisse zu schützen, mir erfahrne Leute zu dem Baue selbst vorzuschlagen, und endlich -- thun Sie es um meines seligen Mannes willen -- nehmen Sie dann die Oberaufsicht über die vier Kapläne an.“
„Mit Freuden,“ antwortete der Pfarrer; „zu was mich Gott in seinem Dienste rufen will, dazu bin ich auch bereit. Sie haben mit mir zu befehlen; und da Sie ein frommes Werk unternehmen, so bin ich Ihnen gewisser Maßen Gehorsam schuldig.“
Sie wären nun über die Präliminarien einig gewesen. Sie sagte dem Pfarrer ihre Wohnung; er besuchte sie sehr emsig, und befahl auch seiner Schwester, sie zu besuchen, deren Liebe Constanze augenblicklich zu gewinnen wußte. Das Erste, was sie that, war, daß sie dem Pfarrer ihres Mannes Testament zeigte, und ihn versicherte, daß sie nun in einigen Tagen thätig Hand ans Werk legen werde.
Sonntags Abends kam sie mit ihrer Duenna und dem Escudero in der Pfarre an, um der Schwester des Pfarrers den erhaltenen Besuch zu erstatten. Sie ward mit allem, was Küche und Keller vermochten, bewirthet; und als sie mit einbrechender Dämmerung wieder nach Hause fahren wollte, bath sie der Pfarrer, noch ein wenig zu bleiben, und der Sitzung einer kleinen Akademie beyzuwohnen, die er aus Liebe zu den Wissenschaften und der Musik, in seinem Hause, mit Hülfe einiger Freunde errichtet hatte. Constanze nahm die Einladung unter dem Bedingniß’ an, daß sie und seine Schwester ungesehen zuhören könnten. Das war ausführbar, und er führte sie an ein Fenster mit einem Vorhange, aus dem sie in den Saal sehen konnten, der auf eine merkwürdige Art zubereitet war. Er war ganz mit Tannencisten geziert, und mit Sträußen von Wiesen- und Gartenblumen behangen; oben am Saale standen drey lederne Stühle an einem Schreibtische, und weil es schon dunkel war, begann man rings um den Saal die messingenen Wandleuchter anzuzünden. In der Mitte war ein Hängeleuchter, auf dem drey bis vier Altarkerzen brannten. Es währte nicht lange, so erschienen die Akademiker. Der erste war der Pfarrer selbst, der die Gesetze der Akademie, auf einer Rechentafel geschrieben, trug; der zweyte war der Sacristeydiener, der in den Nebenstunden kleine Predigten verfaßte; der Cantor und sein Bruder, der bey einem Sachwalter als Unterschreiber diente, und welche beyde in dem ganzen Pfarrsprengel das Monopolium der Hochzeit- und Leichengedichte an sich gerissen hatten; sie verfertigten auch Neujahrswünsche, kleine Verse für die Zuckerbäcker, und Inschriften auf die Leichensteine. Nach diesen kam der Kapellan, der aus Wachs kleine Opferthiere verfertigte, und mit besonderer Geschicklichkeit verschiedene Figuren aus Pflaumen- und Aprikosenkernen zu schnitzeln wußte. Indessen, weil sie nicht einig werden konnten, unter was für eine der schönen Künste sie seine Arbeit rechnen sollten, hatten sie ihm, ungeachtet seiner Geistlichkeit, einen so späten Rang angewiesen. Nach diesem kam ein Musicus, der zuweilen auf dem Chore spielte, sonst aber in den Wirthshäusern seine Kunst trieb, und Grab- Hochzeit- und andere Lieder verfertigte. Endlich erschien der Student, der bey ihm im Hause wohnte, und den sie der Tanzkunst widmeten, weil er geschickt Hunde abzurichten wußte. Um Constanzen eine rechte Ehre zu erweisen, sagte ihr seine Schwester, daß in der Gesellschaft noch ein Mitglied für die Baukunst fehle, und daß sie gar nicht zweifle, ihr Bruder werde den Steinmetz, wenn er sich bey der Kapelle auszeichnete, unter sie aufnehmen.
Sie begannen nun ihre Arbeit, und jeder legte einen neuen Beweis seiner Fähigkeit ab. Der Pfarrer eröffnete die Sitzung mit einer Abhandlung über den Ursprung des Gebeths, in der er nicht undeutlich vermuthete, daß Gott den ersten Menschen eine Art von täglichem Breviarium vorgeschrieben, und ihnen daher auch die Gabe, Geschriebenes zu lesen, eingegossen habe. Der Sacristeydiener ging vor die Thür, weil der Saal zu ebner Erde war, zum Fenster herein, was eine Kanzel vorstellen sollte, eine Predigt über die Raupen, die diesen Sommer alle Bäume im Pfarrgarten verdorben hätten, zu halten. Der Cantor hatte drey Gedichte gemacht, das eine enthielt die ganze Passion, und die andern zwey die Geschichte des linken und des rechten Schächers; und diese drey Gedichte hatte er in der Form eines Kreuzes geschrieben, so, daß sie einen förmlichen Calvaria vorstellten. Sein Bruder, der Schreiber, las unmittelbar darnach ein Gedicht zum Lobe des Tabakschmauchens. Der Kapellan stellte ein neues Schwein dar, das er aus Wachs gemacht hatte, und die Hälfte einer glücklich abgenommenen Frauenbrust, wovon man aber das eine eben so gut für ein Schaf, und das andere für die Hälfte eines Hinterbackens hätte ansehen können. Der Musikus hatte eine neue Melodie auf das Nachtwächterlied verfertigt, und nun traf die Reihe den Studenten, der seinen Hunden wieder neue Sprünge und Fratzen gelernet hatte. Nun hatte aber der Pfarrer seinen Akademikern, wie gewöhnlich, frischen Schinken, geräucherte Ochsenzungen, und kalte Pasteten auftischen lassen; und da die Hunde des Studenten, da ihr Herr selbst von des Pfarrers Gnade lebte, immer bey dem gesundesten Appetite zu seyn pflegten, hatten sie auch jetzt kaum drey bis vier Sprünge durch den Reif gemacht, als sie sich erdreisteten, mit ihren profanen Pfoten den Tisch zu besteigen, und unter den Libationen eine solche Verheerung anzurichten, daß alle Akademiker von ihren Stühlen aufsprangen, und diese frechen Schüler der Erato aus ihrem Hörsaale vertrieben. Es war aber leider zu spät, und man mußte sich mit sehr geringen Überbleibseln begnügen. Die Versammlung ging also sehr mißmuthig aus einander, und Constanze ging vergnügt nach Hause.
Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Den nächsten Morgen mußte sich Mogrobejo nach einem vertrauten Freund’ umsehen, der sich für einen erst aus Toledo angekommenen Architecteur ausgeben, und zwey oder drey Risse von einer Kapelle mit sich bringen sollte. Der Escudero war scharfsichtig, wie ein Falke, und wendete sich daher an keinen untüchtigen Mann. Er sollte sich den folgenden Tag, an dem sie vom Pfarrer Besuch erwartete, einfinden. Der Pfarrer kam; der Baumeister kam; man vereinigte sich über den Plan, und ließ einen Notar rufen, vor welchem und zwey Zeugen sich der Baumeister anheischig machte, die Kapelle binnen einem Jahre herzustellen; dafür verlangte er zwey tausend Escudo’s im vorhinein; Constanze fand aber diese Summe zu groß, und erklärte sich, daß sie unterdessen drey hundert Escudo’s geben wollte, womit sich der Baumeister befriedigte. Sie lud alle über zwey Tage zum Mittagmahle ein, und da sollte sogleich Hand ans Werk gelegt werden.
Nun schickte Constanze den Escudero noch denselben Abend zu ihren Freundinnen um den Schmuck, und erhielt ihn auch sogleich in einem ansehnlichen Futterale von carmoisinrothem Saffian. Sie schickte dasselbe nun unverzüglich zu einen Futteralmacher, und ließ ein so ähnliches verfertigen, daß man es von dem rechten kaum unterscheiden konnte. Nun ließ sie den Pfarrer rufen, der sich auch im Augenblicke einfand. Sie nahmen Stühle, und Constanze sprach: „Herr Doctor, ich habe acht tausend Escudo’s bey den Fuggern[B] stehen, die ich zu ansehnlichen Zinsen genieße; mein seliger Mann hat sie aber nur unter dem Bedingnisse untergebracht, daß er sie einen Monath vor der Herausbezahlung aufzukündigen habe. In der Verwirrung, in die mich der plötzliche Tod meines Mannes setzte, hab’ ich nun vergessen, die Aufkündigung einzuschicken, und bin nun in der Verlegenheit, daß ich das Geld gerade jetzt, da ich es am nothwendigsten brauche, nicht habe. Ich sehe mich denn, so schwer es mir fällt, gezwungen, meinen ansehnlichen Schmuck bey einem vertrauten Manne, gegen billige Bedingnisse, auf einen Monath einzusetzen. Hier ist er,“ sagte sie, indem sie aus der Estrata ein Lädchen unter dem Überzuge hervor nahm, und dem Pfarrer, der in seinem Leben nie solchen Schmuck gesehen hatte, die reichen Geschenke des Mailänders und des Genuesers zeigte.
„Lieber Gott!“ sagte der Pfarrer; „das ist ja über hundert tausend Escudo’s werth.“
„Nicht doch, Herr Pfarrer!“ sagte sie; „Sie sind ein schlechter Kenner: der ganze Werth besteht in etwas über dreyßig tausend Escudo’s; und gerade, weil dieß doch keine Kleinigkeit ist, wünscht’ ich irgend einen Mann zu wissen, bey dem ich nicht Gefahr liefe; denn bey jetziger Zeit kann man sich wahrhaftig nicht genug hüthen.“ Während dieser Rede hatte sie das Futteral wieder versperrt, und in das Lädchen gelegt. Der Pfarrer wünschte der großmüthigen Dame in allem Genüge zu leisten, und both sich an, ihr die acht tausend Escudo’s noch denselben Tag aus seinem eigenen Vermögen einzuhändigen. „Belieben Sie nur,“ sagte er, „eine Schrift wegen Leben und Tod bereit zu halten.“ Constanze nahm den Antrag mit Freuden an, und zog geschwinde unter dem Überzuge der Estrata das andere Futteral, welches ebenfalls versperrt war, hervor. Der Pfarrer nahm es, und wollte forteilen; an der Thür kehrte er aber noch um, und sagte: „Hören Sie, gnädige Frau, die Baumeister sind Leute, die immer bares Geld sehen wollen. Damit wir ihn nun nicht abschrecken, bring’ ich Ihnen lieber gleich die tausend vier hundert Escudo’s an der Stelle, und des Abends die andern acht tausend, damit Sie dann Ihr Geld ganz beysammen haben.“ Er hielt auch genau Wort, und Constanze hatte die ganze Summe in Händen. Der Pfarrer hätte den Schmuck gern seiner Schwester gezeigt, wagte es aber nicht, zu Constanzen um den Schlüssel zu schicken, weil es einem Mißtrauen ähnlich gesehen hätte.
So bald die schöne Wittwe das Geld in Händen hatte, machte sie sich mit ihrer Duenna und dem Escudero nach Lescas auf. Ihrem Hausherrn schützte sie vor, daß sie das Quartier verlasse, weil es ihr zu melancholisch wäre, und so fuhr sie denn mit allem Geräth’ ab, und verbarg sich bey ihren Freundinnen so gut, daß sie niemand hätte finden können. Nun kam der Pfarrer, und hörte, daß seine reiche Gönnerinn eine andere Wohnung bezogen habe; die Hausleute versprachen ihrem hochwürdigen Herrn Pfarrer aber, daß sie ihm bis morgen schon sagen wollten, wo sie wohne. Den andern Tag sehr früh kam er wieder; man wußt’ es noch nicht: er kam des Abends, und man wußt’ es noch nicht. Nun begann er erst Argwohn zu schöpfen; er lief nach Hause, und da seine Schwester darauf bestand, daß er einer Betriegerinn in die Hände gerathen sey, beschloß er endlich, das Futteral zu öffnen, und sich aus dieser peinlichen Ungewißheit zu reißen, es kost’ auch, was es wolle. Er öffnete es denn, und fand anstatt der Diamanten die schönsten und artigsten kleinen Kieselsteine. Die Pulsen standen ihm stille; seine Schwester rieb ihm die Schläfe, und hielt ihm ein Riechfläschchen vor. Er erhohlte sich wieder, und lief zu dem Richter: was half aber alles Nachsuchen des Richters, wenn sich eine von unsern Heldinnen verbarg? Er fiel in eine Todeskrankheit, von der er sich sehr langsam erhohlte, und vom Tage des entdeckten Betruges an war er ein Teufel, der das ganze Haus peinigte, und mit dem es niemand mehr aushalten wollte. Besonders hatten die Akademiker seinen Unmuth empfunden; denn als sie ihn denselben Tag besuchten, um wieder eine Sitzung zu halten, mißhandelte er sie so, daß sie schworen, ihn vor Gerichte zu belangen.
Fußnote:
[B] Eine reichsgräfliche Familie, deren Reichthümer in Spanien zum Sprüchworte geworden sind.
VIERTE SPAZIERFAHRT.
Dorothee, welche nun die Reihe traf, ließ vier Monathe verstreichen, bevor sie eine neue Unternehmung wagte, damit sich unterdessen das Gerücht vom Kapellenbaue verlieren möchte. Auch benützte man diese Zeit, um den Wagen wieder anders zuzurichten, und Kutscher und Pferde zu wechseln. Endlich fand sie es räthlich, in Gesellschaft ihrer Mutter, und der alten Banuelos zu Madrid einzuziehen. Sie nahmen ihre Wohnung dieß Mahl zur Abwechslung in dem Martinsviertel. Nach einigen Tagen begaben sie sich mit dem neuen Escudero, den sie aufgenommen hatten, unter das Thor von Quadalaxara. Als die jungen Herren, die auf dem Markte herum spazierten, einen Damenwagen an einem Kaufmannsgewölbe halten sahen, liefen sie wie Hasen davon, um nicht etwa in die Verlegenheit zu gerathen, wenn es eine von ihren Bekannten wäre, aus Artigkeit oder Tändeley ein Geschenk anbiethen zu müssen. Dorothee ließ sich eine goldener Tabatiere, und etwas von Frauenputz an den Wagenschlag bringen. Mit einem Mahle kam ein fremder Cavalier, der erst unlängst aus Andalusien angekommen war, und nun hier den Zusammenfluß der Madriter schauen wollte, an dem Wagen vorüber. Die schöne Dorothee fiel ihm auf, und als ein Mann von Welt, machte er ihr sogleich seine tiefe Verbeugung. Er mochte beyläufig sechs und zwanzig Jahre haben, war klein von Person, aber niedlich gebaut, und ganz fertig, ein Gespräch mit feinen Wendungen und drolligen Einfällen zu würzen; dabey war er aber von ungemein verliebter Stimmung, und sein Kopf war vom Romanenlesen ein wenig angebrannt. Dorothee bemerkte den raschen Eindruck, den sie auf ihn gemacht habe, und begegnete seinem Blicke vorsetzlich einige Mahl. Er ward muthiger, trat an den Wagenschlag, und sagte: „Schöne Unbekannte, diese Waare ist schon bestellet.“ „Das thut mit leid,“ antwortete Dorothee. „Indessen,“ fuhr der Andalusier fort, „wenn sie Ihnen gefällt, bin ich bereit, sie mir abhandeln zu lassen, und will sie als förmlicher Kaufmann in Ihre Wohnung bringen, die Sie mir zu sagen belieben werden.“ Hiermit steckte er dem Kaufmann, was die Waare beyläufig werth seyn mochte, in die Hand.
„In der That,“ sagte Dorothee, „wenn ich Sie kennte, würde ich Ihnen vielleicht mit eben dieser -- wie will ich sagen -- Freymüthigkeit, oder Zudringlichkeit, wenn Sie wollen, in Ihren Ton einstimmen; so aber“ -- sie hatte sehr gut gesehen, was vorgegangen war -- „bleibt mir nichts übrig, als die Waare wieder dahin zurück zu stellen, von wo ich sie bekommen habe. Gnädiges Fräulein,“ sagte er, „denn Frau können Sie doch unmöglich seyn; Sie scheinen ungehalten: seyn Sie es aber nicht. Ich bin ein Mensch, der niemand auf Erden, am wenigsten aber eine Dame beleidigen will, und der nur manchmahl den Rechnungsfehler begeht, daß er meint, man würde seine -- ich kann es mit gutem Gewissen nur Lebhaftigkeit nennen, eben so gerade aufnehmen, als er sie äußert. Bey uns in Andalusien wird mir so etwas zu Gute gehalten; ich erwartete denn, daß ich hier, wo ich erst zwey Tage bin, ein anderes Andalusien finden werde.“
Dorothee merkte nun, daß sie ihren Mann gefunden habe, und fand es für gut, an der Stelle eine nähere Bekanntschaft zu gründen. Sie frage denn: „Mein Herr, das ganze Waarenlager werden Sie doch nicht aufgekauft haben,“ stieg aus dem Wagen, und ging in das Gewölbe; Der Andalusier ihr nach.
Sie ließ sich Federn, Bänder, und Seidenstoff für beyläufig hundert Escudo’s vorlegen, und behandelte den Preis. Sie bemerkte, daß er vom Kaufmanne heimlich die Rechnung fordre, und sagte daher: „Mein lieber Herr, ich habe vor Tische noch einige Besuche vor mir: Sie würden mich verbinden, wenn Sie mir alles nach Tische in meine Wohnung schickten; dann werden Sie auch gleich das Geld dafür erhalten.“ Der Kaufmann fand sich sehr bereit, und Dorothee sagte ihm ihre Wohnung. Der Andalusier sprach nur: „Gnädiges Fräulein, ich weiß nun Ihre Wohnung: wie würden Sie sich wohl benehmen, wenn ich unartig genug wäre, Sie zu besuchen?“ „Fürs erste,“ antwortete Dorothee, „halt’ ich Sie nicht für so voreilig; und wenn Sie es wären, würde mir nichts übrig bleiben, als daß ich durch ein artiges Betragen Sie zu bessern suchte.“ Sie ging fort, und fuhr nach Hause. Nach Tische kam der Diener des Kaufmanns, brachte die Waaren, und als sie sich anstellte, als ob sie bezahlen wollte, schlug er es unter dem Vorwande aus, daß die Summe noch zu klein wäre, um eine Rechnung zu machen, und daß sie ihr noch mehr zu verkaufen dächten. Es währte nicht lange, so war auch unser Andalusier da. Dorothee empfing ihn in Gesellschaft ihrer Duennen sehr artig, und er erzählte ihr, daß er Don Thadeo de Sylva heiße, eigentlich aber Don Thadeo Tristan de Lorgenes, nach einem Oheime, der das Abgeschmackte dieses Nahmens mit einer ansehnlichen Erbschaft wieder gut gemacht hätte; Dorothee vertraute ihm dafür, daß sie mit einem Ritter verheirathet sey, der sich in Indien befände, und so unglücklich gewesen sey, in Lima gefangen zu werden; nun erwarte sie aber ihn und ihr ganzes Vermögen mit der nächsten Flotte. Don Thadeo both ihr feyerlich alle Dienste an, die in seinen Kräften ständen, indem er wohl wisse, was sich für Schwierigkeiten fänden, wenn man am Hofe Forderungen machte. „Es ist wahr,“ erwiederte sie; „aber zum Glücke hab’ ich doch immer genug gehabt, um zwey Dienerinnen, einen Escudero, und meinen Wagen zu halten.“ Nun war es Zeit, sich zu entfernen, und Thadeo empfahl sich.
Dorothee suchte nun nähere Erkundigung über seine Umstände einzuziehen, und alle Nachrichten waren nach Wunsche. Seine Besuche wurden immer häufiger, und seine Neigung immer heftiger. Dorothee suchte seine Schwächen aufzufinden, unter denen auch die Vorliebe für Lieder und Melodien, die er selbst verfaßt hatte, war, und suchte sie auf’s Beste zu benutzen; kurz, er ward so verliebt, als noch kein Liebhaber ihrer Mitschwesterchen gewesen war. Dorothee, die eine sehr schöne Stimme, und einen hinreißenden Vortrag hatte, sang von der Stunde an kein Liedchen mehr, das nicht Thadeo verfertigt hatte, und verlangte selbst noch Unterricht auf der Guitarre von ihm; dafür liefen sich seine Bedienten mit Küchengeschenken müde, und er selbst brachte beynahe jeden Tag irgend eine kostbare Kleinigkeit zum Putze mit. Dorothee hatte jedes Mahl einen Vorwand bereit, unter dem es ihre Bescheidenheit erlaubte, seine Großmuth nicht zurück zu schrecken. Auch hatte sie sich schon zwey Mahl einen Kuß auf die Lippen gefallen lassen, von denen sie den letzten sogar -- wer hätte sich’s von Donna Dorothea träumen lassen? -- mit schamhaftem Erröthen erwiederte.
Den folgenden Tag kam Thadeo nicht, und Dorothee war in sichtbarer Unruhe: sie konnte sein Außenbleiben nur mit der strengen Witterung entschuldigen; denn es war mitten im Winter. Sie hatte sich auch nicht getäuscht; denn er kam den andern Tag: indessen war es ihr doch ein Fingerzeig, daß sie ihn noch nicht genug in Bewegung gesetzt habe. Sie suchte daher alles Mögliche hervor, was einen Mann fest halten kann: sie schmollte; sie bezeigte ihm bey jeder Gelegenheit Aufmerksamkeit, und es gelang ihr auch, ihn bald so zu kirren, daß er mit Leib und Seele an ihr hing, und nun weiter nichts mehr fehlte, als eine gute Gelegenheit, um sein Vertrauen und seine Liebe so ergiebig als möglich zu benutzen.