Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina

Part 6

Chapter 63,384 wordsPublic domain

_Alg._ In einem Straßenwinkel fanden wir, Hochedler Herr, den Narren hier; er gab Ein Zeichen auf dem prächtigsten Balcon, Auf dem ein Affe saß mit zwey Duennen; Der Affe knackte fleißig Nüsse auf, Und seine Frauen fraßen ihm den Kern; Der Bursche hätte gerne mitgenagt, Denn seine Zeichen waren voll Begierde -- Was quält den Burschen aber wohl, als Eßlust? Wir hätten ihm sein tolles Spiel gegönnt, Doch trieb er’s weiter bis zur Raserey. Er sprang von einem Haus ans andre hin, Und wo ein Kätzchen in dem Fenster saß, Da macht’ er Sprünge, wie ein junger Hund, Und schwang den Zopf, wie Budel ihren Schwanz. Die Kätzchen strichen mit den Pfötchen sich In süßem Selbstgefallen -- Bart und Kopf, Und warfen ihm für seine Gaukeley Flor, Blumen, Federn, Band und Handschuh zu. Er las es gierig auf, wie Haberkorn Die jungen Hühner, und sprang weiter fort.

_Commiss._ Wer bist du? sprich!

_Stutzer._ -- -- Ich bin des Glückes Sohn, Und wenigstens sein allernächster Freund.

_Commiss._ Du bist ein Narr, drum ist das Glück dir hold; Drum hängest du den Schild der Narrheit aus. Doch sprich, was soll wohl dieser tolle Hut?

_Stutz._ Des Ruhmes, der mir war, Posaune seyn.

_Commiss._ Sie bläst sehr laut. Wo ist der Zierath her? Hast du vielleicht San Jago ausgeplündert?

_Stutz._ Von sieben Damen sind es die Trophä’n.

_Commiss._ Ich glaub’ es gern, daß du sie mit Gewalt Errungen hast.

_Stutz._ -- -- Die Liebe gab sie mir.

_Commiss._ Du lügst; wer liebet einen Narren wohl?

_Stutz._ Die Damen. O Herr Commißär, Sie scheinen selbst für Weiber gut bestimmt.

_Commiss._ Verwegner! wer hat dich gelehrt, so frech Dem Richter von Toledo zu begegnen, An dessen Statt ich hier bin? Doch Geduld, Hier hast du ein Geschenk, das er dir schickt, Und das dich immerfort bezeichnen soll.

_Stutz._ Wie? Was?

_Commiss._ -- -- Du hast der Kerne gar Zu viel gegessen; faste nun im Thurm.

_(Sie setzen ihm einen carmoisinrothen Frauenzimmerhut auf, und stoßen ihn gewaltig in die Scene. Der zweyte Alguazil tritt mit einem Gecken, der sich schön zu seyn wähnt, ein.)_

_Alg._ Hier ist ein andrer.

Commiss. -- -- Was ist sein Vergehen? In was hat er gesündigt? nur heraus!

_Alg._ Er meint, er wäre schön.

_Geck._ -- -- Bin ich es nicht? Ach tödtet mich doch nicht mit diesem Wort!

_Commiss._ _(indem er die Brille aufsetzt.)_ Nach Recht und Pflicht! Man hat ihn hoch getäuscht, Mein lieber Freund! denn seine Nase war Für zwey Gesichter wenigstens bestimmt; Sein Mund ist wie ein Thor gestaltet, und Die Nasenlöcher sind geschlitzt, wie Augen; Sein Haar ist wie des Blutgerichts Fahne; Sein Aug’ ist stumpf und seine Höcker hat Er selbst vielleicht noch nie bemerkt. Mein Freund, Wenn er sich schön glaubt, hat er gar nicht Unrecht.

_Geck._ Herr Commissär, Sie sprechen nicht nach Recht; Der Richter muß nicht nur das Eine sehen. Belieben Sie nur diese weiße Hand, Die sich so zärtlich küßt, _(er küßt sich selbst die Hand)_ auch zu betrachten.

_Alg._ Laß er doch sehn! _(er küßt ihm auch die Hand)_ Es schmeckt nicht sonderlich.

_Commiss._ Wie nennt er sich?

_Geck._ -- -- Don Fenix. Ach wie schön klingt schon der Nahme!

_Commiss._ -- -- Ja, ganz sonderbar Bist du vom Kopfe bis zum Fuß; doch sehet Auch nach, was er in seinen Taschen hat. _(sie durchsuchen die Taschen.)_

_Alg._ Ein Büchschen! -- -- sieh! voll Schminke, Spiegel, Kamm.

_Geck._ Ach, laßt mir das! nehmt lieber mir das Leben!

_Alg._ Hier noch ein Zettel -- seht, noch mehrere, Und sonderbare Zeichen drauf gekritzelt.

_Commiss._ Ein Mittel, das die Hände weißer hält, -- Die Stirn zu glätten, an den Fingernägeln Die weißen Flecken zu vertreiben, Lippen Und Wange sich zu röthen. --

_Geck._ -- -- Alles trifft Genau so ein.

_Commiss._ -- -- Schon gut! vollkommen reif Bist du fürs Tollhaus. Thuet eure Pflicht.

_(Sie setzen ihm eine Narrenkappe auf, und der erste Alguazil tritt mit einer Dame ein.)_

_Alg._ Am Spiegel fanden wir die Dame hier. Sie machte sich die allertiefsten Knixe, Und -- hört! erklärte selber sich die Liebe.

_Dame._ Ich liebe mich vor allen; niemand soll Mir dieses Herz entreißen, denn es schwor Die Treue mir.

_Commiss._ -- Fürwahr ein seltsam Weib! Die Weiber sind sich selber sonst nicht treu. So treten Sie doch näher, Frau Narcisse! Wie war Sie wohl so in sich selbst verliebt?

_Dame._ Ich konnte länger mir nicht widerstehen; An allen schönen Gaben fand ich mich So reich; jung war ich, hatt’ ein schön Vermögen; Mein Herz errieth gar bald den stillen Gram, Der mich verzehrte, kam auf halben Weg Entgegen mir, in feuriger Umarmung Gestand ich stotternd ihm, was ich empfand. Nun ist es mein Geliebter, weichet nimmer Von mir, eilt jedem Wunsche schnell zuvor, Und wird mich lieben, treu bis in den Tod.

_Commiss._ Ihr seyd ein glücklich Weib; denn Eifersucht Wird euch gewiß nicht martern.

_Dame._ -- -- Ach, mein Herr, Sie foltert mich nur allzu oft, Denn manchmahl hebt es doch den scheuen Blick Auf -- --

_Commiss._ -- Eine Dame?

_Dame._ -- -- oder einen Mann, Und quält mich.

_Commiss._ -- -- Ja, das glaub’ ich euch, Und rath euch, keines Menschen Sohn’ Mit eurer Liebe jemahls zu beglücken. Die Kappe!

_(Sie erhält die ihrige, und der zweyte Alguazil tritt mit einem Poeten, der Bücher ausschreibt, ein.)_

_Der Wirth._ -- Seht, da kommt ein andrer Narr.

_Alg._ Wir haben ihn ertappt, daß er gar frech Um Verse bettelte; und als man ihm Nichts gab, bestahl er kühn die Bücher selbst.

_Commiss._ Nehmt ihm doch sein Gewehr, die Feder ab!

_Poet._ Mein Herr, sie dienet nicht statt Waffen mir; Ich schneide Käse nur und Brot damit.

_Commiss._ Nun gut! so sprich, was hat dich wohl veranlaßt, Die Dichter anzubetteln, die fürs erste So karg sind, daß sie ihren Geistesschwamm Wohl selber drey Mahl pressen, über dieß Nicht schenken dürfen, was Apollo jedem Zum Fruchtgenuß auf die Person verlieh? Doch welche, nenne sie, hast du bestohlen?

_Poet._ Zu nennen weiß ich sie wahrhaftig nicht; Das war mir gleich, und ich bekenn’ es gern, Ich suchte meistens in der Nacht die Taschen.

_Commiss._ Und fürchtetest du nicht, man werd’ am Tag’ Erkennen, daß es fremde Habe sey.

_Poet._ Man läßt es niemahls, wie es war.

_Commiss_. Du bist ein großer Mann. Die Kappe! Nimm, Hier dieser Lorbeer prang’ auf deinem Haupt!

_Poet._ Ein Lorbeer?

_Commiss._ -- -- Ja, doch ist er nur entstellt, Wie Verse, die du guten Dichtern stahlst. Sie kleidet ihren Mann.

_Poet._ -- -- Doch nehmet mir Die Schelle; mir genügt bescheidner Ruhm.

_Commiss._ Mein edler Freund, durch diesen schönen Zug Hast du fürwahr der Schellen -- zwey verdient.

_(Man führt ihn mit gebundenen Händen ab; er scheint in Begeisterung. Der erste Alguazil führt einen Ritter ein.)_

_Ritter._ Mein Herr, ich bin ein Held.

_Commiss._ -- Wer seyd ihr?

_Ritter._ -- -- Held, und zwar ein großer.

_Commiss._ -- -- Wer hat euch gekrönt? Wer hat beschrieben, was ihr all’ gethan?

_Ritter._ Ich selbst.

_Commiss._ -- -- Wie nennt ihr euch?

_Ritter._ -- -- Don Wunderbar, Und jetzt quält mich mit euren Fragen nicht! Ich spreche nur mit Sterbenden und Todten.

_Commiss._ Wo habt ihr euer Schwert?

_Ritter._ -- -- Ihr seyd ein Schroll. So lange diese Faust noch Nerven hat, Und diese Nägeln Schärfe, soll kein Schwert Mich eh’ umgürten. Jene gab mir Gott, Und dieses ein gemeiner Handwerksmann.

_Commiss._ Erzählt mir doch, was ihr gethan.

_(Der Held drückt durch stumme Geberden aus, daß er erwürgt, und mit Füßen ertreten.)_

_Commiss._ Was sprecht ihr nicht?

_Ritter._ -- -- Was unaussprechlich ist, Beschreibt man nicht mit Sprache.

_Commiss._ -- -- Großer Mann! Neigt euer Haupt, daß ich euch kröne; tiefer!

_(Der Held neigt sich sehr tief; der Commissär setzt ihm die Kappe auf, und der Held geht unter der Begleitung des Alguazil mit stolzen Schritten ab.)_

_Commiss._ Wahrhaftig, edler Freund, die Narren sind So zahlreich hier, daß meine Kappenzahl Mir nicht auf heute hinreicht; lass’ er mir Den Schneider kommen, -- wenn er nicht ein Narr ist. Indessen trinken wir vergnügt und klug Den Malaga, und essen unser Brot.

_(Der Wirth und der Commissär gehen ab.)_

Nun traten wieder die drey Guitarrspieler auf, und sangen folgende Weise:

Das ist so der Welten Lauf: Jeder nähret Grillen; Einer mutzt den andern auf; Alle möchten trillen. Haltet diesem Tadlerchor Ein Mahl doch den Spiegel vor; Sie -- die Weise waren, Sehen selber Narren.

Der Vorhang fiel, und die ganze Gesellschaft äußerte ihren Beyfall mit lautem Händeklatschen. Leonardo, dem es gewaltig schmeichelte, zeigte sich bald, und erntete sein Lob ein. Besonders überhäufte ihn Louise damit, und alle ersuchten ihn, bald wieder ein kleines Stück zu verfassen, was er auch mit Mund und Hand versprach. Louise gab jedem Schauspieler zwanzig Realen, und Antonio lud sie auf den folgenden Tag zu sich zu Tische.

Louise war diesen Abend so nachsichtig, daß sie selbst über einen kleinen Schmatz, den er ihr zu rauben wagte, nicht ungehalten war. Um Antonio mit einer angenehmen Gegenunterhaltung zu überraschen, beschloß die weibliche Gesellschaft, ihm über acht Tage ein kleines Stück in demselben Saal’ aufzuführen, das sie schon vorlängst einstudiert hatte, und dessen Vorstellung nur durch den unvermutheten Tod Don Fernando’s gehindert worden war. Daß sich Louise die Hauptrolle vorbehielt, versteht sich von selbst. Der Tag der Vorstellung kam; die Gesellschaft war schon versammelt, und es fehlte nur mehr Antonio, als plötzlich Leonardo erschien, und Louisen meldete, daß sein Herr von dem Präsidenten des hohen Rathes in Geschäften Seiner Majestät abgerufen worden sey, und daß es ihm ungemein leid thue, eine so vortreffliche Gesellschaft und Unterhaltung entbehren zu müssen, und daß er ihn deßhalben mit zweyen seiner Freunde geschickt habe, um mit ihnen dem Schauspiele beyzuwohnen.

Louise bezeigte ihr Mißvergnügen über seine Abwesenheit, und die Komödie ward aufgeführt. Die Vorstellung war ein Meisterstück von Lebhaftigkeit: sie waren alle prächtig, und Louise als Mann gekleidet. Mogrobejo übertraf sich selbst an Munterkeit und Witz. Als sie schon alle wieder ihre vorige Kleidung anhatten, kam Antonio erst vom Präsidenten zurück, und war äußerst unmuthig, daß er das schöne Schauspiel versäumet habe, das ihm Leonardo und seine Freunde so reitzend schilderten. Nur Louise hatte ihr Mannskleid noch nicht abgelegt, um ihn an der Thür zu überraschen. Es ließ ihr so wunderschön, daß Antonio den holden Knaben nicht genug angaffen konnte. Louise bedauerte sehr, daß sie ihn vermißt habe, und gab ihm endlich ihr Wort, daß sie ihm wieder über acht Tage, in der Quinta des Connetable, ein anderes Stück geben wolle; nun treffe aber wieder ihn die Reihe, das Fest anzuordnen. Sie wußte wohl, daß er sich prächtig einstellen werde, und er nahm auch den Befehl mit Freuden an. Sie würden dann alle bey ihm ein kleines Abendschmäuschen halten, sagte er, und sie solle ihm nur auf einem kleinen Zettel anmerken, was sie zum Schauspiele vonnöthen habe. Er erhielt bey dem Besuche am nächsten Abend’ ein vollständiges Verzeichnis von Kleidungsstücken von sechs Personen: das Stück, das Mogrobejo in der Eile verfaßte, spielte in der Heldenzeit, und die Personen waren alle Prinzen und Prinzessinnen. Louise spielte einen jungen Helden, dem die Sclaven eine reiche Beute nachtragen. Am Ende des Zettels waren Federn, Ringe und _falscher_ Schmuck nur hingeworfen. Louise hatte vorsetzlich _falscher_ Schmuck geschrieben, weil sie gar nicht zweifelte, daß er wenigstens für ihre Person echten ausborgen würde.

Antonio mußte freylich täglich vor dem Rath’ erscheinen; indessen war doch aller Anschein, daß er denselben Tag würde los kommen können, und ließ denn den Saal, Erfrischungen, Abendschmäuschen, nebst allem übrigen, was zum Feste gehört, bereit halten.

Zwey Tage vor dem, der zum Schauspiele bestimmt war, schickte der Genueser die ganze Guarderobe. Louise hatte vermuthet, daß er höchstens die schönsten Kleider, die man allenfalls bey einem Trödler bekäme, ausborgen würde; er hatte aber zu ihrer allen größtem Erstaunen alles ganz neu verfertigen lassen. Alles war von Atlaß, Sammet, Taffet, oder anderem Seidenstoffe, und reich mit Gold und Silber verbrämt. Federn, Schnällchen, Blumen, Ketten und Ringe waren in Überfluß, und für Louisen versprach er den Schmuck, der sie zieren sollte, des Abends selbst mitzubringen. Er brachte auch wirklich den Schmuck mit, den ihm seine selige Gattinn hinterlassen hatte, und erklärte mit einem bedeutungsvollen Lächeln, daß er ungemein neugierig sey, wie Louisen dieser Schmuck seiner seligen Frau passen werde. Louise überhäufte ihn diesen Tag mit so vielen Liebkosungen, und wußt’ ihm dabey doch so sittsam zu schmeicheln, daß er seiner Hoffnung immer freyeren Spielraum ließ. Zwischen den zwey Tagen, bis zur Aufführung des Schauspiels, war unsere Gesellschaft gar nicht müßig, und Theodore machte Anstalt, daß in den beyden Nächten alles, was von Bedeutung im Hause wäre, aufgeräumt, und anders wohin in Sicherheit gebracht würde. Der Tag des Schauspiels erschien; Antonio’s Bediente waren schon in der Quinta, und bereiteten alles. Der Genueser war, um Zeit zu gewinnen, auf einem Maule in den Rath geritten. Theodora, ihre Töchter, Banuelos und Mogrobejo setzten sich in ihre Kutsche, nahmen allen Schmuck, und die ganze Guarderobe mit sich, und fuhren, anstatt zu Alcalathore hinaus, in ein kleines Häuschen, in Quartiere Santa Barbara, das Mogrobejo vorläufig gemiethet hatte. Hier nahmen sie augenblicklich andere Kleider; Mogrobejo führte den Wagen zu einem Sattler, um sein Äußeres so geschwind’ als möglich ändern zu lassen. Die Pferde wurden auch heimlich untergebracht; und um noch sicherer zu seyn, theilte sich unsere Gesellschaft in die ursprünglichen zwey Parteyen; die eine begab sich nach Illescas, und die andere nach Valdemoro. Sobald unser Genueser von dem Rath’ abgefertigt war, trappte er frohes Muthes, und in den schönsten Aussichten von der Welt, der Quinta zu. Er fand niemanden, als seine Bedienten, und die drey Köche, die er bestellt hatte, fragte nach den Damen, und als er hörte, daß sie noch nicht da wären, war er sehr unruhig; denn er dachte nichts anderes, als daß ihnen irgend ein Unglück begegnet seyn dürfte. Er stieg denn wieder auf seinen Maulesel, stieß ihm mit den Knien fleißig in die Lenden, und kam sehr geschwinde bey Louisens Haus’ an. Er fand die Wohnung gesperrt, erkundigte sich bey den Nachbarn, und vernahm, daß die ganze Familie schon abgefahren sey. Er kam nun auf den Gedanken, daß sie ihre Freundinnen abgehohlt haben würden, und so blieb ihm nichts übrig, als in der größten Verlegenheit, daß nun er vielleicht auf sich warten ließe, nach der Quinta zurück zu eilen. Er fand aber noch niemanden, und wußte nun nicht, was er von diesem langen Ausbleiben denken sollte. Er wartete bis neun Uhr in der peinlichsten Ungeduld, und es war noch niemand zu sehen und zu hören. Endlich trat ein Bedienter ein, und gab Antonio einen Brief, den ihm, wie er sagte, am Thor’ ein Unbekannter gegeben habe. Er brach ihn zitternd auf, und las:

„Bester Antonio, seyn Sie nicht bekümmert, daß Sie Ihre Nachbarinnen nicht finden; sie sind an einem Orte, wo man sie unmöglich finden kann. So viel für jetzt.“

Der Genueser stand da, wie vom Donner gerührt; er gerieth endlich in fürchterliche Wuth, und schwor allen, wenn sie ihn betrogen hätten, Tod und Verderben. Seine Bedienten mußten ihn wie einen Tieger bändigen, brachten ihn in den Wagen, und führten ihn nach Madrit. Auf dem Wege besänftigte er sich wieder etwas, und schloß aus den letzten Worten des Briefes: „So viel für jetzt,“ daß es vielleicht nur ein Scherz sey, und daß sie ihn vielleicht in seinem Hause erwarteten; er war aber nur zu bald vom Gegenteile überzeugt. Louisens Wohnung war auch noch versperrt, und er wartete nun am Hausthore bis lange nach Mitternacht, ob er ihre Ankunft nicht erwarten könnte; aber niemand kam. Er schlief die ganze Nacht nicht eine Secunde, und ließ sich mit Tages Anbruche bey Louisens Hausherrn, der noch im Bette lag, melden. Von diesem vernahm er denn, daß ihm Louise Tages zuvor die Schlüssel der Wohnung zurück gestellt, und ihm gesagt habe, daß sie sich Geschäfte halber nach Toledo begeben habe.

„Sie hat Ihnen aber ja die tausend Reale bezahlt,“ sagte Antonio.

„Was für Reale?“

„Die Jahresmiethe für die Wohnung.“

„Die Jahresmiethe? Die Wohnung war ja nur auf zwey Monathe gemiethet.“

„Wie sagen Sie?“ schrie Antonio, und war im ganzen Antlitze scharlachroth.

„Ich bin aber auch für diese zwey Monathe nicht bezahlt,“ sagte der Hausherr, „und Sie werden belieben, mich zu bezahlen.“

„Wer? Ich?“ schrie Antonio, und erstickte beynahe vor Wuth.

„Ja, Sie,“ sagte der Hausherr; „Sie werden doch nicht läugnen, daß die Dame bey Ihnen Gelder stehen hat; daß dieß hier Ihre schriftliche Anweisung ist?“

„Diebe! Mörder!“ schrie Antonio, und packte den Hausherrn bey der Brust, faßte sich aber doch gleich wieder, und sagte: „Vergeben Sie einem unglücklichen Manne, den man zum Bettler gemacht hat. Man hat Sie betrogen, wie mich. O ich Thor! ich Rasender! ich Narr! ich alter Sünder,“ -- bey jedem dieser Titel schlug er sich mit geballter Faust vor die Stirn -- „nun bin ich ein Bettler, bin auf ewig unglücklich.“

So weit war es eben nicht gekommen; indessen hatte ihn die schöne Wittwe, die nun wieder Jungfrau geworden war, nebst den sechs tausend Thalern, die ihr Grimaldi angewiesen hatte, um mehr als zwölf tausend Escudo’s geprellt. Der arme Antonio eilte zu dem Richter, schickte die Alguazils nach allen zwey und dreyßig Winden aus; aber alles Nachsuchen war vergebens. Nach acht Tagen hatte man noch nicht die geringste Spur, und nun erhielt er, um ihn vollkommen zu Verzweiflung zu treiben, die Nachricht, daß sein einziger Sohn zu Genua auf den Tod läge, und ihn um den letzten väterlichen Segen bitte. Er reiste denn mit dem festen Vorsatz’ ab, nach seines Sohnes Tod’ oder Genesung eine kleine Reise durch die ganze Welt zu machen, um die Schlange irgend wo zu finden und zu zertreten.

DRITTE SPAZIERFAHRT.

Da nun auch dieses Abenteuer glücklich abgelaufen war, fingen die beyden andern Schwestern ihr Werk desto freudiger an. Constanze war älter, folglich gebührte ihr der Rang. Louise und Feliciane trugen ihnen allen Beystand an, den sie ihnen leisten konnten; besonders aber den Wagen, der ihnen vor allem unentbehrlich war. Die Sevillanerinnen waren nun zu Valdemoro, und die andern zu Illescas: dort vereinigten sie sich aber wieder, und Constanze stieg allein mit der alten Banuelos und Mogrobejo in den Wagen, der unterdessen ganz ein anderes Ansehen bekommen hatte; auch hatte sie andere Pferde und einen andern Kutscher. Mogrobejo hatte, um sich unkennbar zu machen, seinen Spitzbart länger wachsen lassen, und trug ehrwürdige Augengläser auf der Nase. Auch Constanze hatte die Person schon ausersehen, die sie mit ihrer Begünstigung glücklich machen wollte. Louise hatte ihr den Traueranzug geschenkt, und diesen wählte sie auch zu ihrer Unternehmung, theils, weil er ihr sehr gut ließ, theils, weil die Wittwenrolle mit dem geringsten Aufwande gespielt werden konnte, theils, weil sie sich in einen Plan einließ, nach dem sie durchaus scheinheilig seyn mußte. Sie kamen wohl behalten in Madrit an, und bezogen eine Wohnung in dem Stadtviertel de la Merced. Die Person, auf welche ihre Absicht gerichtet war, war einer der reichsten Pfarrer am Hofe, ein gelehrter Priester und Doctor der Theologie. Wir wollen ihn um gewisser Ursachen willen nicht nennen, sondern ihn immer nur den Doctor heißen. Seine Pfarre trug ihm sehr viel ein, obschon er ein großes Vermögen von seinem Vater geerbt hatte, und von zwey Bischöfen jährlich mehr als zwey tausend Escudo’s bezog. Er hatte also jährlich über viertausend Escudo’s zu verzehren, und war doch dabey der größte Filz unter der Sonne. Das Hausgesinde des Doctors bestand aus einer Schwester, die schon lange über die Jahre der Anfechtung hinaus war, und die er schon lange zur Nonne gemacht hätte, wenn sie es nicht in der Hoffnung einer reichen Erbschaft weislich hätte bleiben lassen; einer Haushälterinn, einem Studenten, der ihm Gesellschaft leistete, und einem alten Maulesel. Constanze erschien täglich mit der sittsamsten Miene, und einem langen Rosenkranz’ am Arm’, in der Messe; die Duenna und der Escudero begleiteten sie. Eines Tages ging sie nach der Messe auf den Kirchhof, der an das Gotteshaus stieß, wandelte auf und nieder, betrachtete alles ringsum sehr aufmerksam, und sprach leise mit dem Escudero. Unterdessen stand der Pfarrer immer am Fenster der Sacristey, und hätte gar zu gern gewußt, was sie mit solcher Aufmerksamkeit betrachte. Sie begab sich aber sittsam in den Wagen, und fuhr ab.

Den nächsten Morgen kam sie wieder zur Messe, ging wieder auf den Kirchhof, und begnügte sich nicht damit, daß sie ihn sehr aufmerksam betrachtete, sondern Mogrobejo mußte auch einen Theil desselben schrittweise abmessen. Der Pfarrer hatte wieder aus dem Sacristeyfenster zugesehen, und konnte nun sein Verlangen, dieses Räthsel aufgelößt zu sehen, nicht länger unbefriedigt lassen; er ging hinaus, machte ihr eine artige Verbeugung, und fragte sie womit er ihr dienen könne. „Ich sehe,“ sagte Constanze mit niedergeschlagenen Augen, „daß Sie die vornehmste Person in dieser Kirche sind. Mein Escudero mußte mir hier diese Stätte der gottseligen Ruhe abschreiten, damit ich sehen könne, ob auch Raum genug wäre, meine Absicht hier auszuführen. Wenn es Ihnen nicht ungelegen wäre, würd’ ich Sie bitten, mich in die Kirche zu führen, um Ihnen meine Absicht ausführlich erklären zu können.“ Er führte sie in eine kleine Seitenkapelle, die aber so schlecht mit Geräthe versehen war, daß sie sich auf einige Altarpölster, und er in einen Beichtstuhl setzen mußte.