Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina
Part 5
Sie richtete ihre Wohnung auch ganz nach dem Stande, den sie angenommen hatte, ein, und kam in derselben mit ihrer Mutter, die ihr als Duenna diente, der frommen Banuelos, und ihrer Schwester, die eine nahe Verwandte spielen mußte, an. Sie fuhren Schritt vor Schritt, und der alte Escudero ging neben dem Wagenschlage. Als sie diesen feyerlichen Einzug hielt, stand der Genueser eben auf dem Balcon. Er riß die Augen groß auf, und brannte vor Neugierde, wer wohl seine Nachbarinn seyn dürfte. Die Gesellschaft war nun ausgestiegen, und das Erste, was Louise that, war, daß sie das Mäntelchen ablegte, und sich dem Genueser auf ihrem Balcon in unverhüllter Schönheit zeigte. Der Alte gaffte wie ein hundertäugiger Argus herüber; das Herz schlug ihm wie eine Wanduhr, und er meinte keine grössere Schönheit in seinem Leben gesehen zu haben, als diese Proserpina; und er hatte doch viele gesehen. Louise sah unterdessen bald die Straße hinauf, bald die Straße hinunter, und stellte sich an, als ob sie nun plötzlich erst einen Blick auf den unbeweglichen Genueser hinüber wärfe, was ihm Gelegenheit gab, eine tiefe Verbeugung, die er schon lange in Bereitschaft hatte, anzubringen. Louise erwiederte sie zwar sehr höflich, kehrte sich aber sogleich zu ihrer Gesellschaft um, und sagte halb laut, doch aber so, daß der Genueser jedes Wort hören konnte: „Das Einzige habe ich vergessen; gleich morgen muß der ganze Balcon mit Jalousien versehen werden; mein Stand erlaubt es durchaus nicht anders.“ Der Genueser, der gerade keiner von den schüchternsten war, mischte sich ohne Anstand ins Gespräch, und sagte: „Ich wäre untröstlich, wenn ich Sie durch mein Gegenüberwohnen in dem Vergnügen stören sollte, auf Ihrem Balcon die frische Abend- oder Morgenluft zu genießen. Ich werde Sie überzeugen, daß es mir Ernst ist; und wenn Sie morgen Ihren Balcon mit Jalousien schirmen, lass’ ich den meinigen mit Bretern verschlagen. Oder wenn mir das der Arzt verbiethen sollte, beding’ ich mir aus, daß Sie Ihre Jalousien immer völlig schließen, und“ -- Louise hatte nun eben den Handschuh abgezogen -- „mir nicht einmahl diese schöne Hand hervor gucken lassen. Auch muß ich es fordern, um mich nie mit einiger Gefahr im Neglige auf meinem Balcon sehen zu lassen. Vergeben Sie, daß ich so zudringlich bin, und mich sogleich ins Gespräch gemengt habe; aber meine gute Laune sucht mich selten heim.“ Louise lächelte ihm gefällig zu, machte ihm eine Verbeugung, und ging hinein.
Der Graubart aus Genua hatte nun weder Rast noch Ruhe mehr. Er lauschte den ganzen Abend an der Hausthür, bis er den Escudero ausgehen sah, den er auch an der Stelle anhielt, und fragte, wer seine Gebietherinn wäre. Dieser hatte seine Rolle schon gut gelernet, und sagte ihm denn, daß sie eine Dame aus Saragossa wäre, daß sie Donna Angela de Bolea heiße, und an einen vornehmen Edelmann dieser Stadt verheirathet gewesen sey. Sie sey nach Hofe gekommen, um da einen Oheim zu erwarten, der hier mit einem unermeßlichen Reichthume aus Indien ankommen werde, und sie zur einzigen Erbinn seines ganzes Vermögens bestimmt habe, welches in mehr als achtzig tausend Escudo’s bestände, wie sie auch jetzt schon jährlich mehr als zwey tausend von ihm empfange.
Der Genueser glaubte ihm jedes Wort, und sann nun schon unablässig, wie aus seiner Nachbarschaft eine vertraute Bekanntschaft werde. Er dankte dem Escudero recht höflich, und bath ihn, seiner Gebietherinn zu melden, daß alles, was in seinem Hause sey, zu ihrem Befehle wäre. Der Escudero dankte ihm aber, und versicherte, daß sie mit allem überflüssig versehen wären.
Die Jalousien blieben am folgenden Tag’ aus, und Antonio, der dem Verlangen, sie zu sehen und zu sprechen, nicht länger widerstehen konnte, ergriff diese Gelegenheit, um zu ihr hinüber zu schicken, ihr dafür zu danken, und sie zugleich um die Erlaubniß bitten zu lassen, daß er ihr aufwarten dürfte. Sie war zu artig, als daß sie selbst in ihrem Wittwenstande, den Besuch eines alten Nachbars, der sich über dieß zuvorkommend höflich bezeigt hatte, hätte ablehnen sollen. Er war voller Freude, putzte sich so gut heraus, als er konnte, ließ zwey Bediente nachtreten, und spazierte wie ein Pfau die Straße hinüber. Er fand die schöne Wittwe auf einem schwarz überzogenen Stuhl’, und um sie herum war ein schwarzer Teppich aufgebreitet, auf dem die zwey Duennen saßen, die sich mit Mäntelchen und Schleyern ein ehrwürdiges Ansehen gegeben hatten. Er brachte eine lange Glockenstunde in diesem angenehmen Zirkel zu, ohne daß er den geringsten Anfall von seiner gewöhnlichen Krankheit der langen Weile gehabt hätte. Endlich brach Louise das Gespräch ab, und bath um Vergebung, daß sie nicht länger von der Gesellschaft seyn könne, da sie um diese Stunde sich zurück zu ziehen pflege. „Diese Stunde,“ sagte sie, „ist dem Andenken meines seligen Mannes geweihet.“ „Ich darf Sie aber doch wieder besuchen?“ sagte Antonio. „Es wird mir immer ein Vergnügen seyn,“ antwortete Louise, und ging in’s Nebenzimmer: der Genuese ging voll Vergnügen fort, und schickte ihr noch einige Früchte aus seinem Garten zur Erfrischung herüber.
Unter seinen Bedienten war ein Spanier, ein Toledaner, den er wegen seiner besonderen Geschicklichkeit in Musik, und seinen drolligen Einfällen aufgenommen hatte. Auch war sein Gehirn ein Bißchen von Poesie verbrannt. Mit diesem Burschen nun wollte er Louisen ein Fest machen, welches in einem Liedchen bestehen sollte, das er ihr sänge. Als sie nun des Abends mit ihrer Gesellschaft auf dem Balcon nachtmahlte, stellte er Leonardo, so hieß der Bediente, auf seinen Balcon, ihnen gerade gegen über. Leonardo nahm seine Guitarre zur Hand, und sang:
Holder Stern der schönen Nacht! Wenn dein Auge freundlich lacht, Dann erfreuet sich mein Sinn, Daß ich dein Geliebter bin.
Du leuchtest in sanftsüßer Pracht, Wie ein Gestirn in finstrer Nacht. Dein Blick mein Herze gleich erhellt, Wie, wenn vom Stern ein Schnupfen fällt.
Ich sehe dir von ferne zu, Und wie ein Irrwisch flimmerst du; Ich folge deinem matten Schein, Und locktest mich in’s Koth hinein.
Denke meiner, schönes Kind, Und entschlafe nicht geschwind! In Gedanken, glaub’ es mir, Bin ich auch des Nachts bey dir.
Der Genuese küßte ihn, und die Damen waren so artig, ihm Beyfall herüber zuzuklatschen. So albern der Bursche war, hatt’ er doch, wie gesagt, seine eigene Weise, und war überhaupt so gewandt und launigt, daß man ihm nicht abhold seyn konnte. Auch unsere schöne Wittwe hatte diese Serenate so unterhalten, daß sie den folgenden Tag wieder zu ihrem Nachbar hinüberschickte, und ihn zu sich bitten ließ. Das Gespräch ward immer lebhafter, und der Genuese gerieth, bevor er dessen gewärtig gewesen war, in solche Flammen, daß er seinem Triebe, sich näher zu erklären, nicht länger widerstehen konnte: er sagte ihr tausend abgeschmackte Schönheiten, küßte ihr die eine Hand um die andere, warf so feurige Blicke, wie eine Katze in der finstern Kammer, und geberdete sich, mit einem Worte, so läppisch, daß sich Louise und ihre Gesellschaft darüber kaum des Lachens erwehren konnten. Sein Meisterstück kam aber erst nach. Ein leichtes Zittern, das Wechseln der Gesichtsfarbe, und ein beständiges Trippeln gingen voraus: endlich sprang er wie einer, den der Fieberanfall packt, vom Stuhle auf, und bath Louisen, mit ihr einige Worte unter vier Augen sprechen zu dürfen. Louise sah deutlich, wo das hinaus wolle, und führte ihn sogleich in ein Nebenzimmer. Hier ließ sich der alte Bock auf seine vordern Knie nieder, und beichtete ihr die Sünde seines verliebten Herzens, das für sie in hellen Flammen stehe, und nur durch einen plötzlichen Aufguß von Gegenliebe zu löschen sey. Louise nahm seine Liebeserklärung mit vieler Schonung auf, und sprach lächelnd: „In der That, mein Herr, Sie haben mich überrascht, und am wenigsten hätt’ ich eine solche Verwandlung von dem Mann’ erwartet, der vorgestern noch seinen Balcon mit Bretern verschlagen lassen wollte. Auch muß ich Ihnen gestehen, daß es mich Wunder nimmt, wie ein Mann, der doch eben nicht mehr in den blühenden Jugendjahren ist, und manches erfahren zu haben scheint, mit diesem -- erlauben sie mir, daß ich es sagen darf -- hastigen Geständnisse eine Wittwe in Verlegenheit setzen kann, die noch nicht vierzehn Tage das Trauerkleid trägt.“ Der Genuese wollte sich entschuldigen, stotterte aber, daß ihm nicht eine ordentliche Sylbe gelang. „Indessen,“ fuhr Louise fort, und lächelte, daß es einen Todten im Grabe hätte wecken können, „indessen muß ich Ihnen sagen, daß ich eitel genug bin, über keine Erklärung, und käme sie noch so zur Unzeit, aufgebracht zu werden; und einem Manne zu gefallen, dessen Herz nicht zum ersten Mahle gewonnen wird, ist mir immer schmeichelhafter, als wenn ich ein Jünglingsherz berücke, das noch niemahls ins Freye kam.“ „O Sie geben mir das Leben wieder,“ sagte Antonio, und einige Thränen suchten durch die Furchen seiner Backen abzufließen; „darf ich also hoffen?“
„Bester Antonio!“ sagte Louise, „was wird unsere Gesellschaft denken, wenn wir an unsern wenigen Worten so lange zu sprechen haben?“ Mit diesen Worten ging sie in das Gesellschaftszimmer zurück, und Antonio folgte ihr ganz verstört nach.
Indessen glaubte er doch in ihren Blicken mehr als Nachsicht zu lesen, und war diesen Abend so inniglich vergnügt, daß seine ganze Großmuth erwachte, und er ihr ein Paar Handschuhe und einen Fächer überreichte, die er aus Mexico erhalten zu haben vorgab, um ihren Werth doch einiger Maßen zu erhöhen. Louise erklärte nun, daß sie wünsche, ihrem Nachbar seine Musik mit einer andern erwiedern zu können. Es war schon ziemlich spät, und Antonio mußte sich Wohlstands halber empfehlen; er muthmaßte aber, daß ihm Louise das Vergnügen machen würde, ihn ihre Engelstimme hören zu lassen, und setzte sich denn mit Leonardo auf seinen Balcon. Beyläufig nach einer halben Stunde erschien Louise wirklich, von Felicianen allein begleitet, mit einer wohl gestimmten Guitarre, auf dem ihrigen, setzte sich, und sang:
Einsam irrt die fromme Taube, Findet nirgends Ruh’, Flattert traurig in die Laube, Girret ihrem Tauber zu.
Weit von hier ist er geflogen; Bänglich suchet ihn ihr Blick. Ist er andern nachgezogen? Kehrt er nicht getreu zurück?
Tauber! laß sie nicht so flehen! Tauber! laß sie nicht allein! Sieh! er kommt! das Wiedersehen Wird nun doppelt freudig seyn.
Der Genueser und sein Leonardo waren ganz entzückt, und wollten eben laut klatschen, als beyde Damen mit einander zu singen anfingen.
Bitter sind der Liebe Leiden, Fürchterlich der Trennung Schmerz; Doch wer kann die Liebe meiden, Denn sie kommt von selbst ins Herz.
Eigensinnig ist ihr Wille; Sie bestimmt, was schön ist, nur; Bald besucht sie die Myrtille, Bald des alten Damons Flur.
Sie hatten sich bemühet, jede Sylbe vernehmlich auszusprechen, und so war denn die letzte Strophe kaum zu Ende, als Octavio zu klatschen anfing, daß man es in der ganzen Straße hören konnte. Man ging allerseits zu Bette, aber mit ganz verschiedenen Gedanken. Antonio dachte ihr Herz mit den geringsten Kosten zu erobern, und Louise sann, wie sie sein Geld Beute machen könne, ohne auch nur das geringste von ihrem Herzen einzubüßen.
Als Antonio eines Abends wieder bey ihr einen Besuch abstattete, hörte man auf der Straße plötzlich ein Gezänke zwischen Mogrobejo, dem Escudero, und einer unbekannten Person. Louise fragte, was es wäre, und vernahm, daß der Escudero mit einem Bedienten des Hausherrn in Streit gerathen sey. Sie ließ ihn herauf kommen, und bath den Genueser um Vergebung, daß sie ihre Neugierde sogleich in seiner Gegenwart zu befriedigen suche, was sie vor einem andern, auf dessen Freundschaft sie weniger rechne, nicht wagen würde. Nun trat der Escudero ganz zornig ein; Louise fragte ihn um den Hergang des Gezänkes, und Mogrobejo antwortete: „Der Henker möcht’ auch nicht zanken! da kommt mir der Bediente des Hausherrn, und verlangt die Miethe für unser Quartier, das wir auf ein Jahr gemiethet haben, und von dem man doch die Miethe erst mit Ende des Jahres zu bezahlen pflegt. Da hat er durchaus zu Euer Gnaden herauf gewollt, und weil ich ihn nicht ließ, war der Kerl grob; aber er soll mir!“ -- „Lass’ er ihn kommen,“ sagte Louise; und es trat ein Page ein, der ihr ehrfurchtsvoll einen Zettel überreichte. Sie las ihn flüchtig durch, und sagte: „Sag’ er seinem Herrn, ich ließe mich empfehlen, und ließ ihm sagen, daß ich gar nicht abgeneigt bin, ihn jedes Mahl für den Monath in vorhinein zu bezahlen. Daß er in Verlegenheit ist, konnt’ ich nicht wissen; und es gefällt mir, daß er so offenherzig spricht. Ich sey aber für den Augenblick selbst in Verlegenheit; meine Gelder sind aus Sevilla noch nicht angekommen, und ich ließe ihn denn ersuchen, höchstens acht Tage Geduld zu haben, dann wollt’ ich ihm die Miethe für drey oder noch mehr Monathe auf ein Mahl schicken. Übrigens, Mogrobejo, weiß ich nicht, warum er ihn nicht sogleich verließ.“ Der Page trat ab, und Louise sagte: „Es ist wahrhaftig sonderbar, daß ein Hausherr, dem man für ein einziges Gelaß tausend Realen des Jahrs bezahlt, so dringend auf eine Monathsmiethe ansteht. Der Mann muß unglücklich, oder ein Taugenichts seyn, und ich wollte einen Finger von der Hand verlieren, wenn ich ihm seine tausend Reale augenblicklich in die Betteltasche werfen könnte.“ Sie meinte nun mehr, als zu viel, gesagt zu haben, um Antonio’s Großmuth und Ehrgeitz in Bewegung zu setzen; diese beyden Eigenschaften ruhten aber in seinem Herzen in einem so abgelegenen Winkel, daß sie ein schulgerechter Anatomiker zu suchen gehabt hätte.
„Ja, wahrhaftig,“ antwortete Antonio, „es sind schwere Zeiten, und der ordentlichste Mann hat zu sorgen, daß er sich von einem Tag’ auf den andern behilft.“
Louise merkte nun wohl, daß sie dieses Schalthier nicht mit der Angel fangen könne; sie brachte denn das Gespräch auf andere Gegenstände, und sie schieden nach einiger Zeit aus einander.
Es mußte denn ein neuer Plan angelegt werden. Mogrobejo hatte jemahls, bevor er es bis zum Stallmeister gebracht hatte, als Schreiber bey einem Sachwalter gedient, und hatte sich da die einer Gerichtsperson unentbehrliche Geschicklichkeit, jede Handschrift täuschend nachzuahmen, beygelegt. Diesem befahl nun Louise, die Firma irgend eines der bekanntesten Genueser zu Sevilla nachzuahmen. Um dieß nun ins Werk setzen zu können, mußte er in einem von den Kaufmannshäusern, von welchem Briefe abgeschickt wurden, Bekanntschaft machen. Es gelang ihm auch bald, und er war mit einem Buchhalter bald so vertraut, daß er ihn täglich auf seiner Schreibstube besuchte. Nach wenigen Tagen sah er einen Brief, wie er ihn wünschte. Er war von Carlo Grimaldi, dem reichsten Genueser in Sevilla. Der Buchhalter war mit seiner Arbeit beschäftigt, und Mogrobejo benutzte diese Gelegenheit, um den Brief so geschickt nachzuschreiben, daß es schwer fiel, die echte Schrift von der nachgemachten zu unterscheiden. Er eilte nun freudig nach Hause, und Louise beschenkte ihn im vorhinein mit dreyßig Escudo’s.
Als sie Antonio den folgenden Tag besuchte, fand er sie eben mit einer Menge Geldes beschäftigt, das ihr Feliciane, die unterdessen einen Ring zu Gelde gemacht, vorgestreckt hatte. „Erlauben Sie,“ sagte sie, „daß ich nur erst ein kleines Geschäft abthue.“ Sie machte tausend Reale in eine Rolle zusammen, und rufte Mogrobejo. „Hier, nehm’ er,“ sagte sie; „ich lasse mich dem Hausherrn empfehlen, und hier schick’ ich ihm gegen Quittung den ganzen Jahreszins. So hat es doch ein Mahl ein Ende.“
Nun fühlte Antonio erst, wie unartig und unverzeihlich es von ihm gewesen sey, einer Dame von solchem Rang’ und Vermögen nicht sogleich all sein Hab’ und Gut anzutragen. Indessen war es nun einmahl geschehen, und es blieb ihm nichts übrig, als daß er sein Versehen wieder gut zu machen suchte. Das erste, was ihm beyfiel, war ein Antrag, sie in die Komödie zu führen. Der Zufall wollte, daß man denselben Tag gerade ein Zwischenspiel aufführte, das sein Leonardo verfaßt hatte, und das ihm nun allerdings einen Vorwand zum Antrage gab. „Wahrhaftig,“ sagte Louise, „ich wäre gar nicht abgeneigt, hinzugehen; denn, wie ich schon neulich aus Leonardo’s Gesang’ abgenommen habe, ist er ein aufgeweckter Geist, und hat lustige Einfälle.“
„Über dieß,“ erwiederte Antonio, „verdient auch das eigentliche Stück selbst, gesehen zu werden. Es ist die _adelige Küchenmagd_ von unserm berühmten Lope de Vega.“
„Ja, wir gehen,“ sagte Louise; „aber halt! was bin ich doch für eine Thörinn? Meine Kleidung und das Theater! Es würde trefflich zusammen passen!“
„Seyn Sie doch nicht so strenge; was Ihnen auch Ihr Kleid verbiethen würde, erlaubt Ihnen Ihr Alter. Eine junge, schöne Wittwe! -- Gerade Sie müssen sich ja zerstreuen und aufheitern.“
„Aber was würde die Welt sagen?“
„Die Welt! die Welt! Sie sind auch gar zu genau. Was nennen Sie die Welt? Die Leute! -- gut! die Klugen werden es klug finden, daß Sie sich nicht einkerkern, wie eine Nonne, und Ihrem Kummer durch die Einsamkeit noch Nahrung geben; und um die Narren werden Sie sich wenig bekümmern. Auch läßt sich ein Kleid ablegen.“
„Wenn ich auch dieß einzige Mittel ergreifen wollte, zu dem so viele andere junge Wittwen ihre Zuflucht nehmen, so kann ich es doch um meines Oheimes willen nicht wagen, der ein Erzgrübler ist. Ich erwart’ ihn mit jeder Stunde, und stehe mit ihm in solchen Verhältnissen, daß ich sehr unklug seyn würde, wenn ich seine Freundschaft um einer Kleinigkeit willen auf’s Spiel setzen wollte.“
„Vortrefflich, klug, und schön gesprochen!“ sagte Antonio; „aber mir fällt eine Art ein, wie Sie das Zwischenspiel sehen können, ohne in’s Theater zu gehen.“
„Lassen Sie hören!“ --
„Leonardo hat mehrere junge Freunde, Leute von Talenten, mit deren Bildung und Unterricht in verschiedenen Dingen er sich immer abzugeben pflegt; mit diesen soll er uns nun in ein Paar Tagen das Zwischenspiel in meinem Hause aufführen. Es soll niemand dabey seyn, als Sie, Ihre Gesellschafterinnen und ich; und gegen diese Art es zu sehen, wird auch Ihre pünctlichste Vorsicht nichts einzuwenden haben.“ Unter diesen Bedingnissen nahm sie seinen Antrag an, und schlug ein. Sofort sprachen sie von verschiedenen anderen Dingen, und da denselben Tag die Post aus Andalusien ankam, fragte sie ihn, was er wohl Neues aus Sevilla höre. Er antwortete, daß er nichts von Belange höre, und daß seine Briefe immer nur trockene Geschäfte enthielten. „Ich habe heute,“ fuhr sie fort, „diesen Zettel von einem Genueser erhalten, der mit meinem Vetter in Indien im Briefwechsel steht; lesen Sie ihn zur Güte: ich möchte gar zu gern wissen, ob Sie ihn, und die Person, an die der Brief gerichtet ist, kennen.“ Er gab sich alle Mühe, ihn ohne Augengläser zu lesen, und las:
„Ich habe vom Capitäne Bolea den Auftrag erhalten, Euer Wohledlen, nebst unterthänigstem Gruß, zu melden, daß selber seine Abreise so geschwind’ als möglich beschleunigen wird. Er befiehlt mir zugleich, Euer Wohledlen acht tausend Thaler abzuliefern, als weßwegen beyliegender Brief die Anweisung enthält; mich empfehlend, und meine Dienste auch in wichtigen Gelegenheiten antragend.
E. W. Carlo Grimaldi.
Im Zettel lag der Brief:
„Herr Juan Baptista Lomelie beliebe an Donna Angela de Bolea, am Hofe anwesend, acht tausend Thaler in Doppelgeld auf vierzig Tage verabfolgen zu lassen, wofür ich eben so viele vom Capitäne Don Genealo Bolea, ihrem Oheime, empfangen habe.
Sevilla, den 12. September 1630.
Carlo Grimaldi.
„Der Mann,“ sagte Antonio, „von welchem der Brief kommt, ist ein ungemein ordentlicher und sehr reicher Mann, und der, an den der Brief gehört, ist es nicht minder.“
„Es ist mir genug,“ erwiederte Louise, „daß ich es aus Ihrem Munde höre; aber ist die Sache deßhalb nicht minder unangenehm? Was denkt der Mann? Er weiß, er schreibt mir da selbst, daß mein Oheim erst kommen wird, daß ich folglich allein hier bin, und setzt mir doch nur vierzig Tage. Wer steht mir gut, daß der Capitän bis dort angekommen ist? wahrhaftig, eine Verdrießlichkeit um die andere kommt mir über den Hals.“ Nun glaubte Antonio, sein neuliches Versehen ohne die mindeste Gefahr wieder gut machen zu können, und sprach: „Beste gnädige Frau, lassen Sie dem Manne seine Grillen, und nehmen Sie die Zahlung gar nicht an. Sie sagen mir, was Sie beyläufig brauchen, ich bring es herüber; Sie stellen es mir nach Belieben zurück, und somit gut.“
„Es ist mir wirklich eine große Gefälligkeit,“ sagte Louise, „wenn Sie mich aus dieser Verlegenheit bringen. Sechs tausend Thaler sind mir genug.“ „Mit Vergnügen!“ fuhr Antonio fort; „Sie schicken morgen früh Ihren Mogrobejo, mit einem Paar Zeilen zu mir hinüber, und empfangen die Summe.“ „Ich bin Ihnen wirklich Dank schuldig,“ sagte Louise, drückte ihm die Hand, und hieß ihn auf das Zwischenspiel nicht vergessen. Er ging fort, und so innigst vergnügt sie war, daß er an die Angel gebissen, so vergnügt war auch er, daß er sein Capital auf so angenehme Zinsen, wie er hoffte, anlegen konnte. Er wartete den nächsten Morgen nicht einmahl ab, daß Mogrobejo das Geld abzuhohlen komme, sondern machte es zusammen, und schickte Leonardo mit seinem Morgengruße und der Summe hinüber, ohne zu bedenken, wie viel Gefahr das bare Geld in den Händen eines Poeten laufe. Louise war über seine Pünctlichkeit ganz entzückt, und drückte Leonardo ein ansehnliches Trinkgeld in die Hand. Auch ließ sie Antonio melden, daß sie die Vorstellung des Zwischenspiels denselben Abend in ihrem Hause wünsche; daß sie alle Anstalten dazu treffen werde, und ihn unausbleiblich zu sehen hoffe. Nun lud sie auch die zwey Mitschwestern bey ihrer neuen Unternehmung, und ihre Mutter zum Schauspiele. Es war Abend; der Saal war prächtig beleuchtet, und mit dem angenehmsten Wohlgeruche durchräuchert, und der Genueser war mitten unter den Damen so gelagert, daß er bequem mit jeder sprechen konnte.
Es ward Stillschweigen gebothen, und drey Tänzer traten mit Guitarren auf, und spielten eine sehr artige Sarabande. Als diese zu Ende war, erschien Leonardo allein, in einer seltsamen Tracht, die er sich selbst aus den buntesten Stücken Stoff zusammen gekünstelt hatte, und sprach einen Prolog, in dem er den Zuhörern ganz sanft unter die Nase rieb, daß er der Verfasser sey; daß er dieses Stück Arbeit, ohne zu prahlen, für eines der witzigsten und originellsten Producte seines Geistes halte, und daß es den Titel führe: Der Commissarius von Figueras.
DER _COMMISSARIUS VON FIGUERAS_.
+EIN ZWISCHENSPIEL+.
ERSTER AUFTRITT.
(_Der Commissarius mit einem langen weißen Stabe, einem schwarzen Unterkleide, einem Mantel darüber, und einer gefärbten Kräuseschlafhaube. Der Wirth._)
_Commiss._ Ja werther Freund, dem Geschäfte hat Der Richter von Toledo mich gesandt, Daß ich es schlichten soll mit allem Ernst. An diesem edlen Hofe strotzen ja Von Ungeziefer alle Fugen; ich Bin nun gekommen sie zu reinigen. Der weise Rath hat mich hierher gesandt Von Madrits Ufern --
_Der Wirth._ -- -- Ja, Herr Commissär, Die Plage, die der span’sche Boden trägt, Ist ärger noch, als einst Ägyptens Fluch.
_Commiss._ Laß er die Sorge mir, mein edler Wirth, Obschon mein Geist es ahndet, das Geschäft Sey groß und mühsam; drum bereit’ er mir Zwey Flaschen Malaga und weißes Brot. Doch stille! was für Lärmen macht man hier?
(_Ein Alguazil tritt ein, und schleppt einen Stutzer, mit einem Hute voll Bänder, Schleifen, und Federn mit sich._)
_Der Wirth._ Was ist das?
_Commiss._ -- -- -- Meine Alguazils sinds.
(Sie bringen den Gefangenen zum Verhör.)