Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina
Part 4
„Ich danke Ihnen, vortrefflicher Mann! Nach Ihrer freundschaftlichen Äußerung, zu der Sie nur Menschenliebe auffordern kann, da Sie mich nicht einmahl kennen, würd’ ich wirklich undankbar seyn, wenn ich Ihnen die Ursache meines Kummers noch länger vorenthalten wollte. Belieben Sie in dieses Gemach herein zu kommen; hier könnte man uns belauschen.“ Sie gingen hinüber, setzten sich, und Theodora begann: „Ja mein Bester! diesem Hause ist ein großes Unglück widerfahren. Ich hatte die Tochter meiner Schwester, und einen Ritter von gutem Charakter und untadelhaftem Vermögen zu mir bestellt, um zwischen ihnen einen Heirathsvertrag richtig zu machen. Ich muß freylich gestehen, daß das Mädchen eben nicht besondere Neigung gegen den Ritter trug; unerfahrne Mädchen wissen sich aber nicht selbst zu rathen, und so glaubte ich denn meine Pflicht zu thun, wenn ich meine Erfahrung anstatt der ihrigen gebrauchte, und sie so gewisser Maßen zu dieser Verbindung nöthigen würde, wofür sie mir in der Folge noch danken dürfte. Es war schon alles verabredet; sie war mit ihrer Duenna, unter der Begleitung eines Escudero, abgehohlt; aber, Gott weiß wie es geschehen seyn mag, mit einem Mahle verschwanden sie dem Escudero aus den Augen, und der gute Alte weiß nicht im geringsten zu sagen, wo sie hingekommen sey. Ich habe sie bey allen Bekannten, in allen Klöstern aufsuchen lassen; aber nirgends ist sie zu finden. Ihre Mutter liegt krank, und meint, sie sey in meinem Hause. O mein Bester! Sie kommen in viele Gesellschaften; wie würden Sie mich nicht verbinden, wenn Sie nur die geringste Nachricht von ihr geben könnten, damit meine Unruhe nur in etwas gemildert würde. Vielleicht ist sie nicht einmahl mehr in Madrit; von einem entschlossenem Mädchen ist alles zu fürchten. Gern will ich ihr vergeben, wenn sie vielleicht mit einem Ritter von ihrem Stande ein geheimes Liebesverständniß gepflogen hat: wenn sie aber ihr Blut verläugnet; wenn sie sich von einer blinden Leidenschaft hinreißen läßt, und sich etwa einem Häuchler aus niederm Rang’ in die Arme wirft, o Gott! dann ist es um die Ruhe meines Lebens auf immer geschehen. Wie leicht ist ein unschuldiges Mädchen nicht verführt; besonders ein so schönes Mädchen! O Mädchen, Mädchen! was für Kummer machst du mir!“
Horazio, der nun eher an Gottes Wort, als an der Wahrhaftigkeit dieser Erzählung gezweifelt hätte, antwortete ihr: „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, gnädige Frau, für das Zutrauen, das Sie mir schenkten, und will es durch eine Nachricht zu bezahlen suchen, die Ihnen wahrscheinlich willkommen seyn dürfte. Ich weiß nun eine Dame, die nur drey Tage von Haus’ entfernt ist; sie heißt Donna Blanca.“ „Was höre ich,“ schrie Theodora; „das ist meine Nichte! das ist meine verlorne Blanca! Engelsmann!“ schrie sie, und küßte ihn, „wo ist sie? ich sterbe vor Freuden; ein Engel hat mir’s eingegeben, daß ich Ihnen alles erzählen sollte. Wo ist sie denn? wo ist sie denn?“ Er erzählte ihr denn, daß sich Donna Blanca in seiner Wohnung befinde; wie sie zu ihm gekommen sey; daß er sich auf ihren Befehl hier befinde, und das Gelaß nur zum Vorwande gemiethet habe. Sie überströmte ihn nun wieder mit einem Hagel von Küssen, und dankte ihm für sein gütiges Benehmen gegen ihre Nichte; um aber das Frohlocken noch feyerlicher zu machen, schrie sie: „Louischen! Louischen! komm geschwinde, wie du auch aussehen magst! fröhliche Neuigkeiten! gute Nachrichten!“ Louise kam in einem blaßgelben Habite, die Haare in Unordnung, herein geflogen, und so schön sie war, war Horazio’s Fantasie doch schon von Felicianens Bilde zu sehr befangen, als daß ihre Reitze mit voller Gewalt auf ihn hätten wirken können. Sie grüßte den Ritter sehr artig mit einem schwebenden Complimente, und hüpfte ihrer Mutter zu. „Dieser Herr hier, oder vielmehr dieser Schutzgeist,“ sagte Theodora, „hat mir von Blanca Nachrichten gebracht.“
„Gott sey Dank!“ schrie Louise.
„Sie ist in seiner Wohnung, und wir werden sie wieder haben.“
„Wir waren auch schon alle beynahe todt vor Angst,“ sagte Louise wieder.
„Sie sind aber doch verheirathet?“ fragte Theodora.
„Nein,“ antwortete Horazio; „seyn Sie aber versichert, daß Donna Blanca bey mir mit aller Ehrfurcht behandelt wird, die ihrem Range gebührt.“
„Daran trage ich auch nicht den geringsten Zweifel,“ erwiederte sie.
Unter diesem Gespräche war die Dämmerung eingefallen; man steckte Lichter an, und eine Magd meldete, daß Don Diego de Orozo im Vorzimmer wäre. Horazio war bereit, sich zu entfernen; aber Theodora bath ihn, zu bleiben, da der Besuch nicht von Belange wäre. „Es ist nur ein Freyer um Louisen,“ sagte sie, „der ihr aber, wie mehrere andere, nicht ansteht, weil er so wenig Welt, und über dieß auch nicht hinlängliches Vermögen hat, um ein Weib standesmäßig zu ernähren.“ Nun trat Don Diego ein; man reichte ihm einen Stuhl, und sprach eine Weile von gleichgültigen Dingen. Da er sah, daß ihm Mutter und Tochter ungünstige Blicke zuwarfen, sprach er: „Ich habe Donna Louisa schon seit mehrern Tagen in übler Laune gefunden; ich habe denn heute versuchen wollen, ob ich sie nicht aufzuheitern im Stande bin. In dieser Absicht hab’ ich einen geschickten Tonkünstler mitgebracht, den man auch bey Hofe gerne hört, und der Sie ein wenig unterhalten soll.“ Man fand seinen Antrag sehr artig; der Tonkünstler trat ein, nahm sein Instrument zur Hand, und sang mit einer sehr angenehmen Stimme ein schmelzendes Adagio. Mit einem Mahle änderte er aber den Ton, und sang unter verschiedenen Grimassen folgendes Lied:
Liebe Inez, höre mich, Höre mich doch an! Liebe Inez, liebe mich; So bin ich dein Mann.
Deine Schönheit thu’ ich kund, Ach, zu meiner Qual: Purpurroth ist dieser Mund Wie ein Cardinal.
Deine Augen schwarz und traut Blicken durch den Schleyer schlau, Wie durchs Fenstergitter schaut Eine Klosterfrau.
Deine Tugend zu erheben, Fehlen Worte mir: Denn es ist dein ganzes Leben Eine Tugend schier.
Alle Menschen zu ertragen Ist dir keine schwere Pflicht. Drum verschmähest du die Klagen Selbst der Götzendiener nicht.
In dem Drange des Gewimmels Folgst du standhaft deiner Spur, Und versichert deines Himmels, Lebest du dem Menschen nur.
Weil zum Beyspiel böser Laien Niemahls dich der Himmel straft, Bist du selbst, dich zu casteyen, Fromme Seele! -- lasterhaft.
Während dieser Hymnus gesungen wurde, stand Diego rückwärts mit verhaltenem Munde, um das Lachen zu verbeißen. Die beyden Damen bedurften keines Dolmetschers, um das Loblied Strophe für Strophe auf Louisen auszudeuten. Louise warf ihm einen Blick voll Verachtung zu, und sagte: „In der That, Don Diego, Sie sind ganz dazu gemacht, eine Gesellschaft in eine andere Stimmung zu bringen; Sie haben den Tonkünstler wohl immer im Solde? Verfertigen wohl gar die Poesie?“ „Wahrhaftig,“ sagte Theodora, indem sie nach der Uhr sah, „schon so spät! das hätt’ ich nimmermehr gedacht. Ich dank’ Ihnen, Don Diego, daß sie uns einen so langen Besuch haben schenken wollen; unterdessen, dieser Herr hat mit mir Sachen von Wichtigkeit abzuthun; und da ich nicht verlangen kann, daß er sich so lange hier aufhalte, werden Sie es nicht unartig nennen, wenn ich Sie bitte, uns morgen dafür einen allenfalls noch längern Besuch zu schenken.“ Der hämische Diego war mit dem Unwillen, den er an ihrer Stirn las, vollkommen zufrieden, und ging fort, zum Glück’, ohne nach Felicianen zu fragen, und die ehrliche Theodore wieder zu einer Nothlüge zu zwingen. Horazio blieb nun allein bey ihnen, und Theodora sagte: „Dieser abgeschmackte Ritter hat sich in dieses Haus eigentlich eingedrungen, und mich hat wirklich nur die gute Nachricht von Blanca bey Laune erhalten, sonst würd’ ich ihn mit seiner einfältigen Musik in die Schenke gewiesen haben.“ Sie fügte hinzu, daß sie ihrer Nichte einen kleinen Zettel schreiben wolle, und Horazio sich unterdessen mit ihrer Tochter unterhalten möchte. Sie ließ sie denn allein, und schrieb geschwinde zwey Zettel. Den einen gab sie dem Escudero, und schärfte ihm ein, geschwinde zu laufen, damit ihn Feliciane noch erhielte, bevor Horazio nach Hause käme. Mogropejo lief auch an der Stelle ab, und Theodora kam, den andern Zettel in der Hand, in das Gemach zurück. „Bester Horazio,“ sagte sie, „übermorgen werd’ ich meiner Schwester Wagen hohlen lassen, und werde dann meine Nichte bey Ihnen abhohlen; bis dahin muß ich Sie bitten, sie bey sich zu behalten. Daß ich es nicht länger gestatten kann, sehen Sie selbst ein; Sie sind unverheirathet, und mir liegt Ihre Ehre und Ihr Ruf so nah’ am Herzen, als der Ruf meiner Nichte.“ Horazio konnte nichts entgegen sagen; er fühlte aber schon ganz die Bitterkeit der bevor stehenden Trennung. Er nahm von Louisen den wärmsten Abschied, und eilte nach Hause.
Feliciane hatte den Zettel ihrer Mutter, der einen ausführlichen Unterricht enthielt, schon erhalten; sie empfing ihn mit anscheinender dringenden Ungeduld, und fragt’ ihn, wie es ihm mit ihrer Base gegangen sey. „Gut und nicht gut,“ antwortete Horazio; „gut, weil ich eine Frau, wie Ihre Tante, kennen gelernt habe; und nicht gut, weil alles, was der Escudero gesagt hat, grundfalsch war, und sie Ihre Flucht schon wußte. Ich fand sie so innigst bestürzt, und so voll Sehnsucht nach Ihnen, daß ich sie nicht länger hätte ungetröstet lassen können. Ich sagte ihr denn, daß Sie sich in meiner Wohnung befänden, worüber sie in ein lautes Frohlocken ausbrach, und an der Stelle den Entschluß faßte, Sie übermorgen bey mir abzuhohlen.“ Feliciane sank ohnmächtig auf den Stuhl; die Duenna und Horazio sprangen ihr zu Hülfe. „Was ist Ihnen, Blanca?“ schrie Horazio. „So gibt’s denn nichts, als Unglück!“ schrie die Duenna. „O ich seh’ es nur zu spät ein, daß ich der Tante nichts hätte merken lassen sollen.“ „Sie haben der Tante also wirklich entdeckt, daß das Fräulein hier ist?“ sagte die Duenna. Horazio bejaht’ es, und Banuelos fuhr fort: „Gott im Himmel, was haben Sie gethan? Was für ein böser Geist hat Sie dazu angetrieben? Was haben wir nun zu erwarten? Die Tante ist noch weit unbarmherziger, als des Fräuleins Mutter. Wer hat Sie denn zu ihr geschickt?“ „Donna Blanca selbst;“ antwortete Horazio; „auf ihr Geheiß bin ich hingegangen.“ Unterdessen erhohlte sich Feliciane aus ihrer Ohnmacht, und sagte: „Bester Horazio! wenn Sie meine Beherbergung in Verlegenheit setzte, hätten Sie mir es nur erinnern dürfen, und ich hätte mich zu einer meiner Freundinnen begeben. Nur meine Tante weiß, daß ich mich hier aufhalte; ich bin verloren; und ich fürchte nicht sie allein, sondern auch meine Onkel, denen sie auch ohne Zweifel an der Stelle davon Nachricht geben wird. Nun wird man mich erst zwingen wollen, und ich bin zu edel geboren, als daß ich meinem Herzen den geringsten Zwang anthun lassen sollte.“ So schrien sie und die Duenna unablässig fort, daß Horazio ganz verwirrt war, und das Zimmer auf- und ablief, ohne sich im geringsten Rath schaffen zu können. Daß Feliciane aus seinem Hause kommen sollte, war ihm ein unerträglicher Gedanke, und beschäftigte ihn mehr, als was Mutter und Tante mit dem armen Mädchen vorhaben dürften. Er gerieth auf dieß und das; ein Anschlag verdrängte den andern, und sein Entschluß, der am Ende heraus kam, war, daß er der ganzen Welt Trotz biethen, und bis zum letzten Blutstropfen hindern wolle, daß man sie ihm entreiße. Um nun diesem Unglücke vorzubeugen, schlug er ein anderes Mittel vor. Er sagte ihr nähmlich, daß der Garten seines Hauses mit dem Garten des nächsten daran zusammen stoße; daß dieser Garten nun leer stehe, und er ihn für sich gemiethet habe; daß in der Spalierwand, die beyde Gärten von einander trenne, eine kleine Thür wäre, die man nicht bemerke, und durch die sie sich retten könne, wenn man sie abzuhohlen käme. Da er allein der Tante die Nachricht gebracht habe, wolle er sie nun standhaft läugnen.
Feliciane nahm den Vorschlag an, und sammelte nun bald ihre Kräfte wieder. Sie gingen auch gleich alle in den Garten, versuchten die Thür, und versprachen sich den besten Erfolg. Die Tante beliebte sich den folgenden Tag noch nicht einzufinden, sondern ließ nur melden, daß sie sich übel befinde; und nun schöpfte Horazio wieder neuen Muth. Denselben Tag nach dem Abendessen seufzete Feliciane tief, und sagte: „Wahrhaftig, bester Horazio! ich komme mir in dem Verhältnisse gegen meine Mutter so abscheulich vor, und kann es doch nicht aufheben, ohne mich auf immer unglücklich zu machen. Wenn ich mir meine Lage da so lebhaft vorstelle, so möcht’ ich weit über die Grenzen Spaniens hinaus fliehen, und hoffe nur weit von hier Ruhe zu finden.“ Nun sah Horazio den Himmel offen. „Ist’s möglich?“ sagte er; „sollten Sie wohl diesem Vorsatze treu bleiben? Ich will ihn ausführen; ich will Sie auf die anständigste Art nach Mailand bringen; nicht unter dem Titel der Gamahlinn: denn leider hab’ ich, bevor ich Sie kennen lernte, meine Hand schriftlich einer Dame zugesagt, und ihr meine Erklärung auch schon geschickt. Ich will Sie aber unter dem Nahmen einer Verwandten hinführen, will Sie wie meine Schwester lieben; und wenn diese Dame bey der Schilderung der Leidenschaft, die ich für Donna Blanca empfinde, bewegen läßt, meinem Herzen freye Wahl zu lassen, und mir meine Erklärung zurück zu geben, so ist niemand meiner ewigen Liebe so würdig, als Sie.“
Feliciane hatte nichts sehnlicher erwartet, als eine Erklärung aus seinem Munde. Sie sprang auf, und sagte, indem sich ihr ganzes Wesen aufzuheitern schien: „Horazio, ich will alle Ziererey des Frauenzimmers abwerfen. Sie haben alles, folglich auch das Größte um mich verdient. Ich gesteh’ Ihnen denn, daß es mir unmöglich ist, ohne Sie jemahls wahrhaft glücklich zu seyn. Ich muß bey Ihnen bleiben; und kann ich Sie nicht als Gattinn lieben, so will ich Ihre Schwester seyn. Machen Sie Anstalt zur Reise, so bald Sie wollen. Ich gehe mit; hier ist meine Hand.“ Horazio war trunken vor Entzücken; er wagte es, sie zu umarmen, und sie küßte ihn so feurig, als er sie. „Vielleicht,“ schrie er, „ist der Courier, dem ich die Schrift mitgegeben habe, noch nicht fort; vielleicht kann ich sie zurück nehmen; o dann wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden! Erlauben Sie nun, daß ich hineile, und nicht einen Augenblick verliere.“ Sie umarmten sich noch ein Mahl feurig; er eilte fort, und kam mit der glücklichen Nachricht zurück, daß die Schrift noch nicht abgelaufen sey; daß er binnen drey Tagen alle seine Geschäfte abgethan habe, und daß sie dann ungehemmt auf den Flügeln der Liebe nach seinem Vaterlande eilen könnten. Sie gingen freudig zu Bett; aber Horazio konnte kein Auge zuthun. Den nächsten Morgen ließ er für sich und Felicianen zwey Reisekleider nach italienischer Tracht machen; alles war zur Abreise bereitet, und den folgenden Tag des Abends sollten sie abfahren.
Mit einem Mahle hielt Theodorens Kutsche an der Hausthür. Sie trat ein, und erkundigte sich nach Felicianen: Horazio sagte ihr aber, daß ihre Nichte des Morgens zur Beicht gefahren wäre, und daß sie selbe vermuthlich noch in der Kirche treffen würde. Theodora stellte sich treulich an, als ob sie es glaube; indessen war Horazio doch übel zu Muthe, daß er sie auf keine klügere Art abgefertigt habe, da sie diese nicht auf lange Zeit entfernen könnte. Er eilte daher zu Felicianen, und sagte ihr, was vorgegangen sey. Feliciane war damit ganz zufrieden, und nun ging es wieder hastig über die Anstalten zur Abreise her. Besonders sorgte Feliciane, daß so viele Kleider, als möglich, eingepackt wurden. Um die Stunde des Abendgebeths hielt Theodore schon wieder mit dem Wagen vor der Thür; sie erfuhr von einem Bedienten, daß Horazio zu Hause wäre, und ließ ihn rufen. Er war sehr ungehalten, daß sie ihn nicht verläugnet hatten, und daß er sich nun wieder mit einer List behelfen sollte, was, wie wir nun gesehen haben, überhaupt eben nicht seine Sache war. Er meldete Felicianen mit sichtbarer Ängstlichkeit, daß Theodora schon im Vorhofe stehe, lief dann zu ihr hinunter, und sie fragte ihn rasch, wo ihrer Nichte Zimmer wäre. Er sagte ihr, daß es ihm leid thue, sie noch ein Mahl vergebens bemühet zu haben, sie sey aber wirklich heute Morgens schon, was er nicht gewußt habe, zu einer Freundinn gefahren, von der sie noch nicht zurück gekommen sey. „Vortrefflich, vortrefflich!“ sagte Theodore mit verbissener Wuth; „genug, daß ich weiß, daß sie hier im Hause ist! Ich will sie durchaus sehen, und mit mir nehmen. Solche zügellose Mädchen, wie mein artiges Nichtchen, haben keinen eignen Willen. Nicht genug, daß sie, wie ein Ausreißer, davon läuft, und wie ein Landstreicher im nächsten besten Haus übernachtet, ohne zu denken, was ihre Ehre dabey leidet; nun fährt sie auch noch sorglos spazieren, und spielt die Hausfrau, als ob man sie aller mütterlichen Gewalt entlassen hätte.“ Horazio bestand darauf, daß das Fräulein wirklich nicht in seinem Hause sey; und Feliciane eilte mit der Duenna in demselben Augenblicke durch den Garten in das andere Haus. Ein Bedienter gab Horazio ein Zeichen, daß die Auswanderung glücklich überstanden sey, und Horazio bath Theodoren nun, nicht unmuthig zu werden, und sich durch den Augenschein zu überzeugen, daß er die lautere Wahrheit spräche. Er reichte ihr den Arm, und führte sie Treppe auf, Treppe ab, Stube aus, Stube ein, bis das ganze Haus rein durchsucht war. „Sie sehen nun selbst,“ sagte er, „daß ich Sie nicht getäuscht habe, und ich versichere Sie vielmehr, daß mir über ihr langes Außenbleiben selbst bange wird. Es ist schon spät; wenn ihr nur kein Unglück widerfahren ist!“
„Ungerathenes Kind! Unvorsichtiges Kind!“ murmelte Theodora zwischen den Zähnen. „Was ist nun zu thun?“
„Nichts,“ antwortete Horazio, „als daß Sie die Güte haben, ein wenig zu warten.“
Sie wartete gegen einer Stunde; da sie aber sah, daß es vergebens sey, fragte sie, zu was für einer Freundinn sie gefahren wäre. Man rief den Kutscher; es war aber schon abgeredet, daß er nicht kommen sollte. Endlich sagte Theodora: „Das Mädchen scheint zu wissen, was es zu thun habe; aber auch ihre Oheime werden ihre Pflicht kennen, und werden sie zurück zu halten wissen, wenn sie sich auch selbst in’s Unglück stürzen will. Leben Sie wohl!“ Mit diesen Worten stieg sie in den Wagen, und fuhr fort.
Es vergingen nicht zwey Stunden, so kamen auch schon zwey Bekannte Theodorens, und fragten nach Donna Blanca.
Die Bedienten hatten schon den Auftrag, jedermann zu sagen, daß sie des Abends nicht zu Hause speise, und daß sie sich, wenn es dringend wäre, nach Mitternacht, oder den folgenden Tag sehr früh wieder einfinden könnten. Die Oheime gingen denn wieder die Straße hinunter, und Feliciane sagte, als sie sie erblickte: „Wehe mir! das sind meine Oheime.“ Den nächsten Morgen brachte Horazio seine Blanca in das Haus, das er gemiethet hatte, machte sich aller Geschäfte ledig, und bestellte des Nachts Wagen und Maulthiere, um nach Barcelona abzufahren. Nach Tische besann er sich, daß er mit einem unbeschuheten Carmeliten noch etwas abzuthun habe, und wollte noch in das Kloster, das ganz in der Nähe war, hinüber gehen. Er gab Felicianen unterdessen ein kleines Felleisen, in dem über zwölf tausend Escudo’s an Geld’ und Geschmeide waren, in Verwahrung, und eilte hinüber. Dieser kleine Umstand löste nun den Knoten mit einem Mahle. Ohne nun weiter auf etwas zu denken, packten Feliciane, Banuelos und Mogrobejo das Felleisen und das Bündel mit Felicianens Kleidern zusammen, schlichen durch das andere Haus, und erreichten die Wohnung Stephaniens, einer guten Freundinn Felicianens, mit heiler Haut. Horazio kam zurück, und ließ den Wagen an der Thür des anderen Hauses, in dem Feliciane seyn sollte. Er suchte sie überall, und fand sie nicht. Er fragte die Haushälterinn nach ihr; diese wußt’ ihm aber nichts zu sagen, als daß sie das Fräulein auf die Straße geschickt habe, um zu sehen, ob nicht etwa ihre Oheime wieder kämen. Horazio war ganz verwirrt, suchte sie neuerdings, und beschloß endlich, die Nachbarn zu fragen, ob sie keiner gesehen habe. Niemand hatte sie gesehen; nur einen einzigen Bedienten hatten zwey Ritter, denen drey oder vier Bediente nachtraten, nach ihnen gefragt. Horazio dachte sogleich, daß dieß die Oheime gewesen seyn dürften, und es befiel ihn eine solche Angst, daß er sich plötzlich auf einen von den Mauleseln, die zur Abreise in Bereitschaft standen, setzte, und nach Alcara ritt; seinen Bedienten aber befahl er, Donna Blanca, so bald sie zurück käme, zu sagen, daß sie ihm mit dem Wagen folgen sollte. In Todesangst kam er zu Alcara an, und konnte mit sich selbst über Blanca’s schnelles Verschwinden nicht einig werden. Vier Tage hielt er sich dort auf, und wartete voll Ungeduld; da sie aber noch nicht kam, war er überzeugt, daß sie ihren grausamen Oheimen in die Hände gefallen sey. Er war so gutmüthig, daß er ihr Schicksal beweinte, und der sichern Hoffnung war, daß sie ihm ihre Lage in einem Briefe nach Mailand schildern werde. Um nun ja gewiß bey der Ankunft desselben in seiner Vaterstadt zu seyn, und ihn nicht eine Stunde auf der Post liegen zu lassen, eilte er, was er konnte, nach Barcelona, und Feliciane feyerte unterdessen den Triumph ihrer List, und die Niederlage seiner Zärtlichkeit.
ZWEYTE SPAZIERFAHRT.
Feliciane ward zu Hause mit allem Jubel empfangen, mit dem man gewöhnlich einen großen Feldherrn empfängt, der von einer gewonnenen entscheidenden Schlacht, und, was hier der wesentlichste Umstand war, mit einer reichen Beute beladen, nach Hause kehrt. Nun traf die Reihe die schöne Louise, die schon vor Verlangen brannte, ihrer klugen Schwester auf dieser edlen Rennbahn den Vorsprung abzugewinnen. Die wichtigste vorläufige Anstalt war, daß der Wagen anders zugerichtet ward, die Rappen in Schimmel, und der schwarzköpfige Kutscher in einen blonden verwandelt wurde. Louise war ihres glücklichen Erfolges so gewiß, daß ihr Feliciane das nöthige Geld auf diese Unkosten leihen mußte.
Da nun alles veranstaltet war, suchte sie in der Stummengasse eine Wohnung. In dieser wohnte seit kurzer Zeit ein reicher Graubart aus Genua, den eigentlich nichts nach Madrit geführt hatte, als seine seltsame Gemüthsart, die ihn immer peinigte; er konnte nicht lange an einem Orte leben, ohne daß ihn die tödtlichste lange Weile plagte. Er war ein großer Freund des Frauenzimmers, war aber so karg, daß ihm auch diese Quelle des Vergnügens unmöglich reich zuströmen konnte. Er hieß Cäsar Antonio, hielt einen Wagen, vier Bediente und eine Haushälterinn.
Gegen über nun von diesem Manne bezog unsere schöne Sevillanerinn das erste Stockwerk, mit einem Balcon auf die Gasse. Die Tracht, in der sie sich einführte, war ein Wittwenkleid, und zwar die tiefste Trauer, als ob sie ihren seligen Gatten erst vor einigen Tagen begraben hätte. Sie trug ein kurzes gefaltetes Mäntelchen, darunter ein enges Kleid mit langen Spitzärmeln und niedlichen Krausen, die ihrer Hand vortrefflich ließen; am Halse war der Kragen zurück geschlagen, und an der Brust lief ihr wieder eine breite lockere Spitzenkrause zusammen. Im blonden Haare hatte sie nichts, als einige schwarze Schleifen, und einen flornen Schnabel gegen die Stirn. Über den Rücken schwebte der Schleyer, und um den Hals hing ihr eine lockere Kette von schwarzen Perlen. Welcher Mann wäre nicht gern gestorben, um seine schöne Wittwe in einem so reitzenden Trauerhabite zu sehen?