Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina

Part 3

Chapter 33,716 wordsPublic domain

Er hätte nur gar zu gern Nahmen, Stand, und die Geschichte der Dame erfahren; er durfte es aber nicht wagen, die Wunde wieder aufzureißen, und ihren Kummer etwa zu verdoppeln. Es war nun hohe Zeit, dem Fräulein Ruhe zu gönnen, die ihr so nöthig schien. Er begleitete sie denn selbst in das Gemach, das er für sie und Banuelos, die Duenna, hatte bereiten lassen. Er tröstete sie noch mit den zärtlichsten Ausdrücken, und begab sich in das obere Stockwerk. Es läßt sich denken, daß Horazio und Feliciane die Nacht in ganz verschiedenen Betrachtungen zubrachten. Horazio konnte kein Auge zuthun, und sann unablässig auf Mittel, ihre Verbindlichkeit zu fesseln, und ihre Liebe zu verdienen. Feliciane aber weidete sich an dem glücklichen Erfolge ihrer List, und erwog, wie sie dieses Haus mit dem möglich größten Gewinne in möglich kürzester Zeit verlassen könnte. Sie berathschlagte sich mit ihrer wohlerfahrnen Banuelos, und überließ sich endlich einem gesunden, ungestörten Schlummer. Was sie in ihrem Rathe beschlossen haben, werden wir hören.

Horazio war vor Tages Anbruche schon auf den Beinen, kleidete sich an, und konnte den Augenblick nicht mehr erwarten, in dem er seinen Gast wieder würde sehen und sprechen können. Er konnt’ es auf seinem Zimmer nicht aushalten, und ging denn in den Hof hinunter, um sein Herz in der Morgenluft zu erleichtern. Wie er die Treppe hinunter kam, fand er die Duenna, die sorgfältig etwas auf dem Boden zu suchen schien, und mit unter tiefe Seufzer ausstieß. Er fragte sie voll Besorgnis, was sie suche; sie antwortete aber ganz ängstlich: „Nichts, gnädiger Herr!“ seufzte aber noch tiefer, als zuvor. Horazio besorgte, daß irgend ein Unglück geschehen seyn dürfte, und bestand durchaus darauf, daß sie mit der Sprache heraus solle. „O gnädiger Herr,“ sagte die alte Schlange, „ich will es Ihnen wohl sagen; verrathen Sie mich aber nicht.“ Er gab ihr sein Wort, und sie sprach: „Was ich suche, ist ein Ring, den mein Fräulein verloren hat. Sie glaubt, es sey geschehen, als sie aus dem Wagen sprang; denn zuvor hat sie ihn gehabt, und nachher vermißt. Er war von Diamanten von großem Werthe, und das schlimmste bey der Sache ist, daß er nicht ihr selbst, sondern einer von ihren Freundinnen gehört, der sie dagegen einen andern, der besondern Fassung und eines Nahmens wegen, auf kurze Zeit geliehen.“ Horazio tröstete sie, schickte einen Bedienten vor die Hausthür, um den Ring zu suchen, und sagte zur Duenna, sie möchte sich nicht betrüben; denn wenn er sich auch nicht fände, solle es ihrem Fräulein doch nicht an andern fehlen, und die von größerm Werthe wären. Er wünsche nur, flickte er hinzu, mehrere Gelegenheiten zu haben, dem Fräulein auf eine wesentlichere Art beweisen zu können, wie sehr er sie hoch -- schätze und -- liebe. Er war so begeistert, daß er die Alte in seine Arme schloß, und so heiß küßte, als ob sie Feliciane selbst gewesen wäre. Sie stellte sich nun getröstet an, und meldete ihm für seine Großmuth, daß er ihr Fräulein nun schon werde sprechen können. Er eilte mit ihr ans Gemach, und Feliciane war wirklich schon halb angekleidet. Horazio wollte durchaus nicht ins Zimmer treten, bevor nicht Banuelos erst zu ihr hinein gehe, und sie frage, ob er ihr nicht ungelegen falle. Feliciane rief aber mit lauter Stimme durchs Vorzimmer: „Bester Horazio! in Ihrem eigenen Hause sollte ich Ihnen den Zutritt versagen? Sie erweisen mir so viele Güte, und ich sollte so unartig seyn? Ich bin ja schon angekleidet; kommen Sie doch!“ Er ließ sichs nicht zwey Mahl sagen, eilte hinein, und fragte sie, wie sie die Nacht zugebracht habe.

„Wie anders,“ sagte sie, „als in der größten Unruhe: ich habe kein Auge zugethan. Banuelos ist mein Zeuge.“

„Ja wohl,“ sage die Alte; „das war eine Nacht! Wenn Sie noch mehrere solche haben, gnädiges Fräulein, so sind Sie bald eine Leiche. Wenn sie auch ein wenig schlummerte, das liebe Fräulein, so saß sie doch gleich wieder im Bett’ empor, und häftete den Blick starr an die Wand, als ob sie ein Gesicht sähe.“

„O meine arme Mutter!“ stimmte Feliciane wieder an; „verzeihe mir den Kummer, den du vielleicht jetzt um meinetwillen leidest. Es ist aber nicht meine Schuld; du magst mir vergeben, daß ich es für Verbrechen halte, sich dem Eigensinn’ eines Menschen aufzuopfern, und wenn dieser Mensch eine Mutter wäre.“

„Trösten Sie sich doch,“ sagte Horazio, „obschon dieser edle Schmerz Ihrem Herzen Ehre macht; Sie sind aber sich selbst Mäßigung schuldig.“

Feliciane vergaß auch bey dieser Unterredung nicht, jeden Vortheil, den ihr die leichte Morgenkleidung anboth, geltend zu machen; sie sprachen noch manches, und endlich fragte Feliciane die Alte wie im Vorbeygehen, ob sich der Ring gefunden habe. Banuelos antwortete, daß er noch nicht gefunden sey, daß aber Horazio’s Bediente eben mit dem Suchen beschäftiget wären. Feliciane dankte ihm für seine zuvor kommende Gefälligkeit, und Horazio sagte: „Es ist mir wahrhaftig sehr unangenehm, daß Sie mit dem Verluste des Ringes Verdruß haben; belieben Sie aber diesen hier anzusehen.“ Hier zog er den seinigen vom Finger; sie betrachtete ihn mit ungehäucheltem Vergnügen, und sprach: „Dieser Ring macht Ihrem Geschmack Ehre; er ist unvergleichlich gefaßt, und übertrifft den verlornen an Werthe ungemein. Dieser war nicht über drey hundert Escudo’s werth; und dieser gilt wenigstens acht hundert.“

„Sie sind wahrhaftig eine Kennerinn,“ erwiederte Horazio, „und sie haben wenigstens nahe an den eigentlichen Werth gerathen; denn er kam meinem Vater, dem ihn der Herzog von Savoyen überließ, auf etwas über tausend Escudo’s. Darf ich Sie aber um eine Gefälligkeit bitten? Darf ich Sie vorläufig um die Versicherung bitten, daß Sie mir sie nicht abschlagen werden?“ Feliciane merkte zu gut, wo er hinaus wolle, und antwortete: „Bester Horazio! Sie haben mir gestern Ihr Ehrenwort gegeben, daß ich nicht ein unanständiges Wort aus Ihrem Munde hören werde; ich hoffe, Sie sind ein Mann. Übrigens bin ich Ihnen zu viel Dank schuldig, als daß ich Ihnen was immer für eine Gefälligkeit abschlagen sollte.“

„Sie geben mir also Ihr Ehrenwort?“

„Ja.“

„So nehmen Sie also auch,“ fuhr Horazio voll Feuer fort, „diesen Ring anstatt des verlornen an.“

Feliciane stellte sich betroffen, und schob seine Hand sachte zurück.

„Sie weigern sich, ein unbedeutendes Andenken von dem Manne zu nehmen, der nichts so innig wünscht, als nie von Ihnen vergessen zu werden?“

„Horazio!“ rief Feliciane.

„Sie wollen also Ihr Ehrenwort brechen? Sie kränken mich unaussprechlich!“

„Nein! Das will ich nicht,“ sagte Feliciane wieder, und wusste ihren Augenliedern einen so geschickten Druck zu geben, daß eine helle Thräne ihre Wange herunter rollte. „Ich nehm’ ihn, und will ihn als Andenken ehren. Aber halt! ich darf ihn nicht nehmen. Nur dann könnte ich ihn als Andenken nehmen, wenn er an meinem Finger bliebe: ich hatte den verlornen aber nur von einer Freundinn auf einige Zeit ausgetauscht; denselben kann ich ihr nicht wieder zurückgeben; ich werd’ ihn ihr also zu ersetzen wissen. Ich denke nun der Verbindlichkeit meines Ehrenwortes ledig zu seyn.“

Horazio antwortete: „Nein, meine Beste! Sie sind Ihres Ehrenwortes nicht ledig. Ihre Freundinn wird sich den Ring nicht mit Geld ersetzen lassen, sondern wird sich mit einem andern Ringe von gleichem Werthe begnügen müssen. Mein Andenken haben Sie angenommen“ -- nun sprang er zu einer auf einem Kasten stehenden Schatoulle, und hohlte ein Futteral mit sechs anderen brillantenen Ringen hervor -- „und nun werden Sie von diesen hier einen für Ihre Freundinn annehmen.“

„Was denken Sie von mir, Horazio?“ sagte Feliciane; „ich würde fähig seyn, die Verletzung des Gastrechts so weit, bis zur Unverschämtheit zu treiben?“

„Schönste Feliciane,“ sagte der Sophist, „Sie sind es ja nicht, die den Ring annimmt; und ich würde es nicht gewagt haben, Ihrer Delicatesse nahe zu treten. Ihre Freundinn ist es ja, die ihn von mir annimmt, und der ich ihn für das Vergnügen schuldig bin, den mir das Andenken hier an ihrem Finger macht.“

„Trauen Sie also meiner Freundinn weniger Delicatesse zu, als mir?“ sagte Feliciane. „Wie Sie auch die Sache drehen! wie Sie mir die unschuldigste Absicht übel ausdeuten!“ sagte Horazio. „Wie kann es die Delicatesse Ihrer Freundinn reitzen, wenn sie von einem Manne etwas annimmt, was er ihr eigentlich schuldig ist, da es in seinem Hause verloren worden; von einem Manne, den sie nicht einmahl kennt; wenn sie es nimmt, ohne selbst zu wissen, woher es kommt? Warum wollen Sie mir dieß Vergnügen versagen, das Ihnen weiter keine Beschwerlichkeit macht, als daß Sie etwas mit der einen Hand nehmen, und mit der anderen abgeben?“ „Denken Sie also,“ sagte Feliciane, die herzlich froh war, daß sie nun plötzlich auf einen andern Weg einlenken konnte, „denken Sie also, daß ich bey einem Vergnügen, das ich Ihnen verschaffen soll, auch nur daran zu denken im Stande sey, was es für einen Eindruck auf mich machen werde? O Sie kennen mich noch sehr wenig; und um Sie zu überzeugen, daß ich von so einer niedrigen Bedenklichkeit weit entfernt bin, geb’ ich Ihnen nach, und will nicht einmahl erwägen, ob mich Ihre Gründe, oder Ihre Beredtsamkeit bestimmt.“

Horazio öffnete das Futteral, und Feliciane war bey dem Anblicke der sechs kleinen Fixsterne nicht wenig überrascht. „Wählen Sie nach Geschmacke,“ sagte Horazio; aber Feliciane konnte sie nicht bestimmen, denn sie war keine große Kennerinn, und hätte doch gern dem würdigsten die Ehre der Wahl erwiesen. „Nun müssen Sie mir ein Mahl nach meinem Kopfe thun. -- Eingeschlagen!“ -- Horazio that es, und Feliciane fuhr fort: „Für meine Freundinn werden Sie nun wählen.“ Horazio konnte nichts entgegen sagen, und hob den vorzüglichsten aus, der ebenfalls über tausend Escudo’s werth war. Nach einem kurzen Gespräche ließ er sie allein, damit sie sich vollends ankleiden konnte. Sie war nun Besitzerinn eines Schmuckes von mehr als zwey tausend Escudo’s, und Horazio hatte ein Vergnügen darüber, das er um drey tausend nicht hätte entbehren wollen.

Er fuhr aus, sprach verschiedene Freunde, hüthete sich aber, ein Wort von seinem schönen Gaste zu verlieren; auch seinen Bedienten hatte er ein strenges Stillschweigen eingeschärft.

Gegen Mittag kam er wieder nach Hause, wo er den alten Escudero fand, der ihm meldete, daß er sich, um seiner Frau wieder unter die Augen treten zu dürfen, einer Lüge bedient, und ihr gesagt hätte, daß sie ihre Tante binnen drey oder vier Tagen abholen würde, und daß er der Tante gesagt habe, er hätte das Fräulein in ihrer Mutter Hause gelassen. Feliciane war mit seinem Einfalle wohl zufrieden, und Horazio gab ihm eine Dublone. „So sauer mir auch das Lügen wird,“ sagte die Duenna, „so könnte ich doch für Don Horazio immerhin eine wagen.“ Horazio hatte nun eben die Hand im Beutel, und bezahlte auch ihr diese liebevolle Äußerung mit einer Dublone. Feliciane befahl ihr zwar, sie nicht anzunehmen; aber Horazio bestand durchaus darauf.

Sie gingen nun zu Tische, und nachdem sie wacker gegessen hatten, äußerte Horazio wieder seinen Wunsch, Felicianens Geschichte zu hören, und diese konnte sie ihm nicht länger vorenthalten. Sie begann denn.

„Don Lope Zopata von Meneses, der zweyte Sohn des Don Bernardo Zopata, war mein Vater; er diente in Flandern, und bracht’ es bis zum Capitäne. Er kam an den Hof zurück, um eine Zulage an Gehalt zu begehren, und verliebte sich da in meine Mutter, aus dem Hause Arancivica, einer der ansehnlichsten Familien in Biskaja. Er wußte ihre Ältern in wenig Tagen zu gewinnen, erhielt sie zur Gattinn, und mit ihr einen Eisenhammer zur Mitgift; ein ganz ansehnliches Geschenk, da er über jährliche vier tausend Escudo’s eintrug. Sie hatten zwey Töchter, mich, Blanca, und meine jüngere Schwester Lucretia. Mein Vater diente noch mehrere Jahre, und starb als Seneschall in Cordova. Dort gefiel es einem Edelmanne, mich ins Auge zu fassen, und mir mit seinen zudringlichen Erklärungen so unablässig in den Ohren zu liegen, daß er mir vollkommen zuwider war, und ich ihn ohne innigen Verdruß nicht mehr nennen hören konnte. Nach meines Vaters Tode zog meine Mutter nach Madrit, wo wir nun zwey Jahre sind. Sie hat eine Schwester, eine Wittwe mit zwey Töchtern, in deren Hause wir uns meisten Theils, obschon in verschiedenem Gelaß’, aufhalten. Der Ritter von Cordova kam auch hierher, nicht aber in der Absicht, seine Werbung um mich fortzusetzen, sondern sein Augenmerk war auf die Tochter eines Rathes gerichtet, die ihn aber bald abfertigte. Als er dort kein Gehör fand, fand er es für gut, sich wieder an mich zu wenden, und beschloß endlich zur größeren Sicherheit seines Erfolges, mich geradezu zur Ehe begehren. Ich will Ihnen eine kleine Schilderung von ihm machen. Er ist sehr leibig, und dabey sehr klein, sieht sehr tückisch her, und ist auch wirklich, wie seine Bedienten einhällig sagen, meistens von so übler und ungestümer Laune, daß er sich mit niemanden vertragen kann. Urtheilen Sie nun selbst, ob ich recht that, daß ich die Hand so eines Mannes ausschlug. Unterdessen so sehr sich mein Herz gegen eine Verbindung mit ihm von jeher empört hatte, so wenig mißfiel er doch meiner Mutter. Sie hatten öfters besondere Unterredungen, und ich entdeckte bald, daß ihm meine Hand verheißen sey. Sie waren auch nur mehr über die Bedingnisse uneinig. So reich er ist, macht’ er doch große Forderungen, zu denen sich meine Mutter nicht verstehen konnte, weil sie selbst größten Theils nur vom Wittwengehalte lebte, und ihr Vermögen eigentlich nur für uns Schwestern ersparen wollte. O sie ist doch eine gute Mutter, und sie hat seinen Antrag gewiß nur darum so eifrig begünstigt, weil sie mich noch an ihrem Leben versorgt sehen wollte, und mich bey ihm gut versorgt glaubte.“ -- Sie weinte, und Horazio überzeugte sich wieder neuerdings, daß eine vortreffliche Seele in diesem makellosen Körper wohne.

„Endlich,“ fuhr sie fort, „ließ er doch von seinen Forderungen ab, und erklärte sich, daß er mir auch ohne Mitgift die Hand reichen wolle. Der Tag zur Unterzeichnung war bestimmt, und es war so abgekartet, daß ich in das Haus meiner Tante geführt werden sollte, um mein Todesurtheil zu unterzeichnen. Man befahl mir, ohne der Hauptsache nur mit einem Worte zu erwähnen, mich anzukleiden, und sagte mir nur, daß ich abgeholt werden würde. Mir kam alles verdächtig vor, und das Herz schlug mir mächtig; indessen konnt’ ich nichts vorschützen, warum ich nicht zu meiner Tante fahren wollte. Der Wagen kam, und wir stiegen ein; mit jedem Schritte schlug mein Herz stärker; Banuelos sichtbare Ängstlichkeit, des Escudero ununterbrochenes Schweigen, ihrer beyder Verlegenheit, wenn ich sie fragte, warum wir zur Tante führen, enträthselten mir alles. Nun wollt’ es mich nicht mehr im Wagen leiden; ich forderte, sie sollten anhalten lassen; sie thaten’s nicht: ich schrie dem Kutscher selbst zu; er hielt gerade vor Ihrem Hause an: ich sprang aus dem Wagen, -- das übrige wissen Sie selbst.“ -- Nun vergoß sie wieder einen Strom von Thränen; die Duenna schluchzte, und Horazio selbst weinte mit. Nachdem sie sich alle wieder erhohlt hatten, erklärte Feliciane, daß sie überhaupt, so lange sie nun Madrit bewohne, in einer seltsamen Stimmung sey, und in einer ununterbrochnen Fröhlichkeit ihrem Herzen nie eine ernsthafte Neigung habe nahe kommen lassen. Horazio’s ganzes Wesen heiterte sich nun auf; denn er hatte nicht mehr und nicht weniger vermuthet, als das sie am Ende ihrer Erzählung das Geständniß hinzu fügen würde, daß ihr Herz schon an einen andern verschenkt gewesen sey.

„Eine glückliche Stimmung, in der Sie waren!“ sagte Horazio; „denn was ist wohl glücklicher, als durch sein Leben munter und sorgenlos wie durch einen Garten hinhüpfen zu können! Wenn nun aber einmahl diese Art von unversuchter Fröhlichkeit, die in unsern Verhältnissen auch nicht lange währen kann, vorüber ist, dann gibt es auch wirklich keinen Zustand, der uns für jenen schadlos halten könnte, als den Zustand einer glücklichen Liebe. O ja!“ fuhr er mit einer Art von Begeisterung fort, „so vielen Kummer eine unglückliche willkürliche Liebe, so viele Nachreue eine unvorsichtige und zu rasche nach sich zieht; so übergroße Seligkeit bringt auch eine glückliche, und so viele Vorwürfe haben sich zwey Herzen zu machen, die sich vielleicht wechselseitig auf immer glücklich machen könnten, und doch“ -- -- bey den letzten Worten hatte er Felicianens Hand mit einer Art von Wuth ergriffen; sein Blick hing starr an ihrem Auge; und diese Zauberinn, der alle animalischen Verrichtungen des Körpers zu Gebothe zu stehen schienen, wußte sich schnell die gehörige Masse Bluts in die Wangen zu pumpen, das sich wie ein Rosenflor über sie ausbreitete. „O Gott!“ seufzte Horazio, und Feliciane sagte ganz leise, und indem sie sich eine Thräne vom Auge zu wischen schien: „Wollen Sie mir nicht die Theorbe spielen?“ Er dachte weiter nichts, als daß sich Feliciane aus einer nur allzu sichtbaren Verlegenheit zu retten wünsche, und nahm die Theorbe augenblicklich zur Hand. Er spielte und sang mit wahrem Eifer; was er aber dieß Mahl an Ausdrucke gut machte, das verdarb er mit falschen Griffen. Als er geendigt hatte, sagte Feliciane, daß auch sie eine große Liebhaberinn von Musik wäre, und zu Hause eine Harfe und eine Guitarre habe. Horazio sprang auf, hohlte seine Guitarre, und ließ nicht eher ab, bis sich auch Feliciane zu einem kleinen Gesang’ entschloß. Man hätte eine große Wette eingehen können, daß kein Mädchen in Madrit die Guitarre mit mehr Grazie zu halten im Stande war, als sie; man wußte nicht, wenn sie spielte, ob man sich von dem sanften Auf- und Abgleiten ihrer Finger, oder ihrer ausdrucksvollen Stimme, oder von dem reitzenden Wiegen ihres Körpers, mit dem sie den Gesang begleitete, hinreißen lassen solle. Sie sang:

Ein Vöglein auf dem Felde saß; Es pfiff und sang ohn’ Unterlaß; Es saß bald hier, es saß bald dort, Und sang, und trillert’ immer fort.

Im Herbste und im Winter war Es fröhlich, wie im frühen Jahr; Es saß bald hier, es saß bald dort, Und sang und trillert’ immer fort.

Doch lange hatt’ ihm schon im Feld’ Ein Vogelsteller nachgestellt; Er pfiff -- es pfiff den Wald hinein, Im Netze war das Vögelein.

Feliciane hatte eine so angenehme Melodie zu diesem Texte gewählt, daß Horazio, der den Inhalt des Gesanges ohne allen Anstand auf sich auslegte, ganz bezaubert war. Er pries ihre Talente in seiner halb castellanischen Sprache mit so sonderbaren Ausdrücken, daß sich Feliciane kaum des Lachens erwehren konnte.

Ihr Gespräch war durch die Ankunft des alten Escudero gestört, der einen kleinen Pack, mit einem sonderbarem Überzuge von Leinwand, trug. Er nahm ihn unter seinem Mantel hervor, und öffnete ihn. „Wie?“ sagte Feliciane; „wo hast du das Kleid, das ich ausdrücklich verlangt habe?“ „Ich bitte um Vergebung! gnädiges Fräulein; es war aber unmöglich: denn alle Ihre Kleider hat man schon in die Wohnung der gnädigen Tante geschafft.“

„Wie werden wir sie nun kriegen?“ sagte Feliciane; „nun muß ich immer das nähmliche auf dem Leibe tragen.“ Sie stellte sich sehr verdrießlich an, und Horazio, der jede Gelegenheit, sie sich verbindlich zu machen, mit beyden Händen ergriff, unterbrach sie, und sprach: „Lassen Sie sich doch nicht so eine Kleinigkeit kümmern, beste Donna Blanca! so einem Übel wird doch bald abgeholfen seyn. Bis heute Abends lassen sich wohl zwey Kleider ganz nach Ihrem Geschmacke, mit allem Zugehöre verfertigen.“ Feliciane warf ihm einen zärtlichen Blick zu, und sagte: „Sie sind wirklich zu gefällig, und ich sollt’ Ihre Güte nicht mißbrauchen. Wenn Sie mir aber in dieser Verlegenheit auf meine Rechnung zwey Kleider verschaffen wollen, werden Sie mich Ihnen unendlich verbinden.“ Horazio war voller Freuden, und machte, nachdem er sich noch genau Farbe, Stoff und Zugehör hatte vorschreiben lassen, die nöthigen Anstalten. Nun suchte Feliciane das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu leiten. Sie sagte ihm, daß sie dem Escudero, ungeachtet aller Betheurungen, doch nicht vollkommen traue, und daß sie unaufhörlich der Zweifel peinige, ob es wohl wahr sey, daß er sie von beyden Seiten, so wohl bey ihrer Mutter, als bey ihrer Tante sicher gestellt habe. „Sie, Horazio,“ sagte sie, „wären im Stande, mich hierüber vollkommen zu beruhigen. Hören Sie, in meiner Tante Wohnung wird ein Gelaß vermiethet; wenn sie es besuchen wollten, könnten Sie bey dieser Gelegenheit auch meine Tante selbst sprechen, und so im Gespräch’ abnehmen, wie sie gestimmt, und ob sie meiner Flucht nicht etwa auf der Spur sey.“ Horazio nahm den Auftrag desto freudiger an, da er zugleich eine nähere Auskunft über Felicianens Schicksal, und über die ganze Geschichte zu erhalten hoffte; Feliciane schickte aber in der Eile ihrer Mutter durch den Escudero einen Zettel, in der sie ihr ganz kurz meldete, wie sie sich gegen Horazio zu benehmen habe.

Horazio ging nun fröhlich zum Thore von Quadalaxara hinaus, und kaufte den Stoff für die zwey Kleider; auf das eine schwarzen Atlaß, und auf das zweyte blaß rosenfarbigen Taffet. Als er auch die Verfertigung besorgt hatte, ließ er den Wagen gerade an das Haus der Tante seiner Feliciane fahren, und an der Hausthür halten. Er schickte einen Bedienten um die Schlüssel zu dem Gelasse, das hier vermiethet wurde, hinein; eine Magd kam, zeigte ihm das Gelaß, und er fragte nun nach der Person, mit der er sich über den Preis zu besprechen hätte; man nannte sie ihm, und er erkannte sogleich an dem Nahmen Laura, daß es Felicianens Tante wäre. Er ward zu Theodoren geführt, und fand sie in einer sehr betrübten Stellung; sie kamen über den Preis überein, und Theodora bath ihn, ihr auch den Nahmen der Person, für die er das Gelaß gemiethet hätte, bekannt zu machen. Horazio sagte ihr, daß es eine Wittwe, eine Base von ihm, wäre. „O bringen Sie mir sie doch bald!“ sagte Theodora; „denn ich leb’ ohne dieß wie im Kerker, ohne alle Gesellschaft, und leide besonders seit zwey Tagen großen Kummer.“ „Das zeigt sich nur zu deutlich an Ihrer Miene,“ antwortete Horazio; „und so wird sich meine Base vortrefflich zu Ihnen schicken, denn sie ist immer sehr munter und aufgeweckt.“ „Nun,“ antwortete Theodora, „bringen Sie mir sie doch recht bald! ich trage schon eine rechte Sehnsucht nach ihr.“ „In der That,“ erwiederte Horazio, „Ihr Kummer geht mir nahe, und wenn es nicht unbescheiden wäre, würd’ ich es wagen, Sie um die Ursache desselben zu fragen.“

„O mein Bester!“ sagte Theodora; „das ist es eben, was ihn noch größer macht, daß ich ihn nicht mittheilen kann.“

„So will ich auch nicht weiter in Sie dringen; indessen, wenn dieser besondere Umstand nicht eingetreten wäre, so hätt’ ich Ihnen meine Dienste angebothen. Ich bin zwar kein Spanier, aber doch Edelmann, und schmeichle mir, hier mit ansehnlichen Häusern in Verbindung zu stehen.“

„Sie sind also kein Spanier?“

„Nein, wie Ihnen auch schon meine schlechte Aussprache zeigt; ich bin aus Mailand, und nur eines Geschäftes wegen hier, übrigens aber, wie gesagt, zu jedem Dienste bereit, den ich Ihnen leisten kann.“