Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina

Part 2

Chapter 23,708 wordsPublic domain

Fernando wußte wohl, wie er diese Antwort aufzunehmen habe, und war innigst vergnügt, daß er die Sache so glücklich zu Ende gebracht hätte. Er war nun der glücklichste Mensch von der Welt, nahm Theodoren bey beyden Händen, und schwor ihr, daß er sich gewiß dankbar bezeugen werde. Er gab ihr auch zum Anfange eine Kette von zweyhundert Thalern am Werthe, die er am Halse trug. Er hing sie der Alten um den ihrigen, und führte sie zu den zwey Schwestern hinüber, deren jeder er einen Ring von eben so großem Werthe gab. Er stand auch nicht länger an, seinen Platz bey Louisen einzunehmen. Ein bedeutender Wink der Mutter, und der kostbare Ring machten das schöne Mädchen zur zahmsten Taube. Sie brachten den Tag vergnügt zu, und den nächsten frühen Morgen schickte er ihr eine reiche Bettdecke, eine Art von Galanterie, die einzig in ihrer Art ist. Dieß Geschenk schickte er durch seinen Haushofmeister, der auch Theodoren eine kleine Rolle von funfzig Escudos in Golde überreichen mußte. Das war ein Jubel und ein Frohlocken im Hause! -- Theodore dankte dem alten Mütterchen von Sevilla tausend Mahl, und wünschte ihr für die guten Lehren, die sie ihr vor ihrer Abreise gegeben hatte, ein seliges Ende zur Belohnung.

Es versteht sich von selbst, daß er seine Wohlthaten nicht an Louisen allein verschwendete, sondern auch Mutter und Schwester wie Igel an ihm sogen. Er ward immer verliebter, und stellte sich beynahe mit jedem Tage herrlicher ein; es war nun kein Spectakel, daß diese liebenswürdige Familie nicht zuerst gesehen, keine Mode, die sie nicht unter den ersten getragen hätte. Er hatte zwey Wagen, und der weniger bekannte, an den vier rasche Rappen gespannt waren, stand ihnen vollkommen zu Befehle. Sie fuhren auch bald die eine, bald die andere, den ganzen Tag, Straß’ auf, Straß’ ab.

Man kann sich wohl leicht vorstellen, wie ihre zwey schönen Nachbarinnen über den schönen Fortgang ihres Glückes mochten gestutzt haben; indessen da sie jene von allen Leckerbissen, die Fernando’s Haushofmeister im Überflusse verschaffte, mit naschen, und sie wechselsweise an jeder Spatzierfahrt Theil nehmen ließen, gaben sie sich wieder zufrieden, und begnügten sich damit, daß sie sich der schönen Welt in einer so auffallenden Gesellschaft zeigen konnten.

Acht Monathe verflogen so in Saus und Braus, und Don Fernando hatte in dieser kurzen Zeit an Schmucke, Kleidern, Freudenfesten, und so weiter über zwölf tausend Escudos versplittert. Während dieser Zeit hatte sich aber auch nicht einer gefunden, der sich um Felicianen beworben hätte; denn keiner wagte es, sich an des verschwenderischen Fernando Seite sehen zu lassen. Das war freylich ein Umstand, der sein Unangenehmes haben mochte, und es wär’ allerdings angenehmer gewesen, wenn sich noch ein zweyter schön befiederter Papagey in ihren Schlingen verfangen hätte: unterdessen gebrach es Felicianen im Wesentlichen an nichts, und sie konnte sich immer mit der Hoffnung eines ähnlichen, vielleicht noch glücklichern Looses trösten.

Eines Tages hatte Theodora, ihre Familie, und die zwey schönen Nachbarinnen beschlossen, auf den Prado, einen Spaziergang, auf dem auch S. Majestät Philipp der zweyte immer zu jagen pflegten, zu fahren. Sie hatten Don Fernando davon Part gegeben; er both sich aber nicht zu ihrem Begleiter an, sondern ließ ihnen nur melden, daß er ihnen gute Unterhaltung wünsche, daß er aber, so unlieb es ihm wäre, eines dringenden Geschäfts halber nicht in ihrer Gesellschaft seyn könne; indessen würde sie sein Haushofmeister mit allem, was sie befählen, versehen. Sie fuhren denn nach dem Prado, und wir wollen uns nach Don Fernando umsehen.

Er hatte wirklich diesen Tag einen Contract von Wichtigkeit zu schließen, und seine drey Freunde waren nach Alcala zu einem Stiergefechte gereist. Er hatte denn den ganzen Tag über lange Weile, schlenderte verdrießlich die Straße auf und nieder, lehnte sich unter die Hausthür, kam, was er sonst nie that, zur Mittagsstunde pünctlich nach Hause, und warf sich nach Tische auf sein Ruhebett, weil ihm durchaus nichts einfallen wollte, womit er sich den Unmuth verjagen konnte.

Vor beyläufig zwey Jahren war Don Fernando in einem Spielhause zu Cordova bey einer Wette mit einem Ritter in Hader gerathen. Dieser war sehr entrüstet; Don Fernando hatte aber mehrere Bekannte bey sich, und wagte es daher, seinen Gegner über seine Hitze aufzuziehen, und ihn lächerlich zu machen. Der Cordovese ward noch zorniger, um desto mehr, da er eine Memme war, und es nicht wagte, Fernando einen Zweykampf anzubiethen. Er faßte denn von der Stunde einen unversöhnlichen Groll gegen unsern Fernando, und schwor ihm Rache, auf was immer für einen Weg er sie erreichen würden. Seine eigentliche Absicht war Meuchelmord; da aber Fernando immer in der großen Welt lebte, und immer wenigstens drey Bediente bey sich hatte, war all sein Auflauern immer vergeblich gewesen. Er war aus Verdrusse nach Portugall gegangen; da er aber hörte, daß sich Fernando nun zu Madrit befände, eilte er wieder dorthin, um seinen Plan endlich einmahl auszuführen. Um nicht erkannt zu werden, ließ er sich den Bart wachsen, und schloff in ein Pilgerkleid. Nun ließ er Fernando nimmer aus den Augen. Wie wir wissen, war dieser bisher keinen Tag ohne Gesellschaft gewesen; daß er es aber diesen Tag sey, hatte der fromme Pilger ausgespähet. Er bettelte auf der Straße Almosen, und ging ungehindert zu Fernando’s Hausthür hinein.

Fernando wohnte in seinem Hause ganz allein; das Hausgesinde hatte gegessen, und hielt die Sieste; der Pilger konnte denn ungestört bis auf Fernando’s Zimmer dringen. Dieser schlummerte noch immer sanft fort; der Pilger schlich leise bis ans Schlafgestell, zückte den Dolch, tauchte ihn sechs Mahl in sein Herz, und entfloh.

Das Hausgesinde erwachte allgemach, und ging an seine Arbeit; niemand ahndete den Unglücksfall. Erst nach einigen Stunden kam der Haushofmeister, auf Fernando’s Zimmer, schlug die Jalousien auf, und sah seinen Herrn im Blute liegen. Er stand vor Schrecken wie eine Bildsäule da, und machte endlich Lärmen. Alles weinte und jammerte, und konnte nicht begreifen, wie der Mord geschehen konnte, da sie doch alle -- fest schliefen. Ihr Schmerz war indessen nicht von langer Dauer, und sie faßten bald sammt und sonders den Entschluß, sich die Belohnung, auf die sie für ihre treuen Dienste allerdings Anspruch machen zu können glaubten, und die ihnen nun aus Mangel eines Testaments entgehen würde, selbst zu verschaffen, und dann heimlich abzuziehen, um allen Verdacht des Mordes von sich abzulehnen. Wie klug diese Berechnung gewesen sey, leuchtet so ziemlich von selbst ein. Indessen ward der Anschlag, dem der Herr Haushofmeister in eigener Person beytrat, an der Stelle ausgeführt, alle Kasten, Kisten, Kästchen und Kistchen geöffnet, alles, was sich an Geld’ und Geschmeide fand, nach Billigkeit getheilt, und jeder zog nun hin, wo er sich am sichersten glaubte.

Sie hatten sich schon nach allen Himmelstrichen begeben, als einer von Fernando’s Freunden ihn besuchen wollte, und gerade auf sein Schlafzimmer ging. Hier sah er das gräßliche Schauspiel, und schrie, daß alle Nachbarn zusammen liefen. Das Gericht war auch bald bey der Hand; man wollte ein Verhör vornehmen, aber es war niemand da, den man hätte verhören können; kein Bedienter war zu hören oder zu sehen, und die Nachbarn erklärten mit Einer Stimme, daß sie nicht eine Sylbe von der ganzen Sache wüßten. Es blieb nichts übrig, als daß man in dem andern Hause, wo er seine Pferde hatte, nachsuchte. Dort fanden sich auch wirklich vier Lackeyen und ein Kutscher, die aber ebenfalls von der Sache noch nichts gehört hatten, und auf der Madratze ruhig schnarchten. Dem überklugen Gerichte schien gerade dieses Schnarchen ein verdächtiger Umstand und eine List, durch die die Thäter den Verdacht von sich abzulehnen suchten. Sie wurden durchsucht, und in des Kutschers Tasche ein Brotmesser gefunden. Die Gerichtsperson erklärte, daß wider jeden, bey dem sich Waffen fänden, gegründete Inzüchten vorhanden wären, und folglich auch auf diejenigen, die mit ihm in vertraulichem Umgange betreten würden, gegründete Verdacht obwaltete. Kutscher und Bediente mußten denn, was sie sich auch sträubten, ins Gefängniß wandern. Sie läugneten standhaft, und es war schon nahe daran, daß sie auf die Folter gebracht werden sollten.

Während all dieß vorging, hatten sich unsere Damen auf dem Prado sehr gut unterhalten, waren zurück gekehrt, und hatten dem Kutscher befohlen, vor Fernando’s Hause anzuhalten; die Hiobspost kam ihnen schon auf dem Wege entgegen; sie konnten ihr aber unmöglich glauben, und fuhren bis ans Haus. Der Kutscher, der ein Sclave war, brachte ihnen die Bestätigung des Unglücks; und da er diesen Augenblick benutzen wollte, um sich in Freyheit zu setzen, lief er hastig davon, und ließ sie allein stehen.

Theodora, die sich in jedem Schicksale männlich zu fassen wußte, und die daher in ihrem Leben selten noch in Verlegenheit gekommen war, wußte sich auch hier gleich Rath zu schaffen. Sie bezahlte den ersten Vorübergehenden, daß er den Wagen in die nächste Remise führte, deren Inhaber sie wieder reichlich bezahlte, damit er den Wagen niemanden, wer es auch immer seyn möchte, ausfolgen ließe. Nun erst eilte sie mit ihren Töchtern nach Hause, wo sie wie die Wölfe in der Wüste heulten, und sich ihre schönen Haare ausgerauft haben würden, wenn sie nicht der Gedanke eines unordentlichen Kopfputzes abgehalten hätte. Indessen weinten sie bitterlich, und waren erst nach drey bis vier Stunden wieder zu lachen im Stande.

Theodora konnte doch die ganze Nacht kein Auge zuthun; denn sie dachte unablässig, wie sie den Wagen mit den vier schönen Rappen in Sicherheit bringen könnte. Sie ließ ihn auch mit Tages Anbruche von Madrit nach Illescas führen, wo er verborgen bleiben sollte. Denselben Tag stellte sich das Gericht auch bey unsern Sevillanerinnen ein, und verlangte ihre Aussage. Da es aber nicht das mindeste Anzeichen fand, zog es wieder in Frieden ab. Theodora fand nun nöthig, einen weiblichen Staatsrath zu versammeln; ihre Töchter, und ihre schönen Nachbarinnen setzten sich in einem Zirkel; Theodora räusperte sich, und hielt ihnen folgende Rede.

„Meine Damen,“ sagte sie, „bey dem Lebensplane, den wir uns vorgezeichnet haben, ist uns nichts nöthiger, als daß wir uns mit Würde benehmen, damit uns die dreisten Herren Männer nicht auf die Ferse treten. Wir müssen sie durch unser Benehmen, wie durch eine Art von Zauberspiele, anzulocken, aber auch zu körnen wissen, so, daß sie die Schranken nie überschreiten können. Jeder Mann ist bey dem geringsten Anlasse zudringlich, und ein zudringlicher Mann erkaltet sehr geschwinde, wenn wir ihn nicht standhaft in den gehörigen Abstand zurück weisen. Alles, worauf er Anspruch zu machen hat, muß ihm nur als der höchste Grad freywilliger Begünstigung gewährt werden. Diese goldene Regel habt ja immer gegenwärtig, meine Kinder, und vergeßt sie auch dann nicht, wenn ich todt bin, und nur von oben herab auf euch sehen kann. Der Weg, den wir mit so vielem Glücke begonnen haben, ist uns durch den Tod des edlen Fernando auf ein Mahl abgeschnitten, und wir müssen nun einen neuen einschlagen. Der arme Fernando! Wir hätten noch drey Jahre von seinem Vermögen leben können; aber der Himmel hat es nicht gewollt, und seine Rathschlüsse sind nicht zu ergründen. Nun müssen wir vorzüglich den Wagen, der uns von ihm geblieben ist, zu erhalten suchen; denn in einem Wagen kommt man auf jedem Wege geschwinder fort: versteht ihr mich? Im Häuslichen mag es immer hier kleinlich hergehen; der Wagen macht alles wieder gut. Mein Rath ist denn, daß ihr eine um die andere in demselben eine Spazierfahrt macht, und wie die Freybeuter irgend einen wackern Kriegsmann anzuwerben sucht. Unser Wagen muß nun eine Postkutsche seyn, in der auf jeder Station ein anderer Reisender fährt. Feliciane mag den ersten Versuch machen.“

Alle fanden den Vorschlag der weisen Theodora vortrefflich; sie theilten die Stadt ordentlich unter sich in bestimmte Bezirke ein, und Feliciane machte sich reisefertig.

Fußnote:

[A] Plateria.

ERSTE SPAZIERFAHRT.

Feliciane kleidete sich nun, wie sichs zu einer so wichtigen Unternehmung ziemte, wobey ihr das übrige Frauenzimmer unter tausend lustigen Anmerkungen hülfreiche Hand both. Ihr Kleid, das auch nicht den kleinsten Reitz ihres Wuchses dem Aug’ entgehen ließ, war vom grünem Atlasse, und sehr einfach gemacht. Ihr schwarzes Haar, das nur mit einem Bande von derselben Farbe durchflochten war, blieb in schöner Unordnung, und schien von der Natur gelockt. Sie gefiel sich, wie sie da vor dem Spiegel saß, so gut, daß sie beynahe an sich selbst die erste Eroberung gemacht hätte. Nun war sie fertig, und sprang mit so leichtem Blute in den Wagen, als wohl noch nie in weiblichen Adern getanzt hatte. Sie war ihres glücklichen Erfolges beynahe gewiß, und nahm denn die Glückwünsche, die ihr die Fächer ihrer Gesellschaft noch aus dem Fenster zuwinkten, nur als Ceremonie auf.

Sie fuhr auch nicht so ganz auf blindes Glück fort, sondern hatte schon ihr Augenmerk auf einen tüchtigen Fang gerichtet, den sie an die Angel kriegen wollte. Es war ein reicher Mailänder, der sich seit kurzer Zeit am Hof’ aufhielt, und eine Summe von mehr als funfzig tausend Ducaten zu empfangen hatte, die ihm nach dem Tode eines Vetters, der keine Kinder hinterlassen hatte, zugefallen war. Er trieb eigentlich ein Kaufmannsgeschäft, und war übrigens gerade der Mann, von dem man erwarten konnte, daß es ihm nicht sauer werden würde, die Erbschaft eben so leicht wieder los zu werden, als er sie gemacht hatte. Horazio, so hieß er, war beyläufig zwey und zwanzig Jahre alt, hatte eine einnehmende Bildung, ein derbes, frisches Ansehen, und -- was kein gleichgültiger Umstand war -- konnte die castillanische Sprache nicht sehr behende sprechen, obschon er sie sehr gut verstand. Übrigens that er sich nicht wenig auf seine Geschicklichkeit zu Gute, mit der er die Laute und die Theorbe spielte. Er pflegte auch immer wie ein echter Spanier des Abends vor den Fenstern der Damen Ständchen zu halten. Er wohnte in der großen Alcalastraße, und bewohnte das Haus, an dem ein großer Garten war, ganz allein. Sein ganzes Hausgesinde bestand aus zwey Bedienten, einem Pagen, den er von seinem Vetter geerbt hatte, einer mailändischen Haushälterinn, die die Küche besorgte, einem Kutscher, der über zwey rothe Friesländer hofmeisterte, und einem elenden Klepper, auf dem er selbst zu Madrit angekommen war, und um den sich nun weiter niemand mehr bekümmerte. Über diesen Jüngling suchte nun Feliciane ihr Netz auszuwerfen.

Die Zeit, die sie zu ihrer ersten Spazierfahrt bestimmte, war sehr glücklich gewählt. Es war eine schöne warme Nacht, mitten im Julius, und der Mond schien spiegelhell. Sie nahm eine alte Magd mit sich, die sie als Duenna kleidete. Über dieß hatten sie auch einen alten Escudero mitgenommen, der sie nun schon seit längerer Zeit im Hause bediente. In dieser ausgelernten Gesellschaft fuhren sie beyläufig um neun Uhr an des Mailänders Hause vorüber. Sie trafen den Zeitpunct so glücklich, daß der Mailänder eben auf dem Balcon in der angenehmen Kühle bey dem Abendessen saß. Er hatte nur Beinkleider und ein Wamms an, und klimperte eben auf der Theorbe. Der Wagen fuhr dicht an der Mauer des Hauses vorüber, und als er der Thür gerade gegen über war, rief man mit lauter Stimme: „Halt! Kutscher, halt!“ der Wagen hielt an, und der Mailänder hörte auf, seine Theorbe zu spielen, um zu hören, was Feliciane sagte. Er horchte ganz leise, und vernahm folgende Worte: „Sie bemühen sich vergebens, meine Mutter! und eher würd’ ich mir mit dem Messer, das ich in der Brieftasche trage, das Leben nehmen, als nur einen einzigen Schritt vorwärts thun. So hat man mich betrogen? Solche Fallstricke hat man mir gelegt?“

Nun hörte er eine andere Stimme, welche die Duenna, oder eigentlich die alte Magd war. Sie sagte: „Meine Beste! fluchen Sie ihrer Mutter nicht; gehorchen Sie ihr, und machen Sie ihr Alter nicht unglücklich. Wie viele würden das Glück, das Sie von sich stoßen, mit beyden Händen ergreifen!“

„Es ist Verrätherey,“ sagte Feliciane wieder; „es ist Grausamkeit, mich zu dem zwingen zu wollen, was mir unmöglich ist. Niemand hat mit meiner Freyheit zu schalten. Die Natur hat sie mir gegeben, und ich werde sie gegen jedermann bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen wissen.“

Bey diesen Worten fing sie bitterlich zu weinen und zu schluchzen an. Der Mailänder hatte keine Sylbe verloren, und zu gleicher Zeit lehnte sich der alte Escudero an den Wagenschlag, und sagte: „Mäßigen sie doch Ihre Stimme, gnädiges Fräulein, sonst laufen uns Leute zusammen, und meinen am Ende, es sey etwas an der ganzen Sache.“ „Nun denn,“ schrie Feliciane in einer Art von Verzweiflung, „so ist denn die Flucht mein letztes Mittel, und ich will sehen, wer im Stande seyn soll, sie zu hindern.“

Dem Mailänder schien, daß sie nun im Wagen handgemein würden, und er irrte auch nicht; denn sie rangen wirklich zum Scheine mit einander. Der Escudero schien sich besonders tapfer zu widersetzen; endlich gelang es Felicianen doch, aus dem Wagen zu springen, wobey sie, um das Schauspiel tragischer zu machen, den Mantel und einen Schuh verlor. Sie sprang gerade in des Mailänders Haus, und schrie: „Dieses Haus, wem es immer gehören mag, soll meine Freystätte seyn. Es wird mich aufnehmen, und sollte es eine Löwengrube seyn, so hoffe ich doch mehr Menschlichkeit darin zu finden, als unter euren Händen.“ Bey diesen Worten legte Horazio sein Instrument weg, nahm seinen Degen, und eilte die Treppe hinunter. Feliciane stürzte ihm sprachlos zu den Füßen. Die Duenna und der Escudero standen stumm da. Nun schien sich Feliciane aus ihrer Betäubung zu erhohlen. „Unbekannter Ritter,“ sagte sie, indeß sie immer noch fortweinte, und durchaus Horazio’s Knie umfassen wollte, -- „unbekannter Ritter, wenn Sie Menschengefühl im Herzen haben, so erbarmen Sie sich meiner, und lassen Sie mich von Ihren Bedienten unterstützen; denn meine Nerven sind mir abgerissen; ich kann nicht aufrecht stehen.“ Horazio ließ sogleich Licht bringen, und befahl die Hausthür zuzusperren, damit kein Auflauf würde. Man brachte Lichter, und Horazio erstaunte über Felicianens Schönheit; denn ihr Schmerz kleidete sie noch ein Mahl so reitzend, und die Stellung, in der sie hingesunken war, hätte zum Modelle dienen können. Horazio sagte der Duenna und dem Escudero voll edlen Unwillens, und mit einer Kühnheit, über die sie als Komödianten nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit erschrecken konnten, daß sie sich ja nicht einbilden sollten, er werde diese schöne Dame von ihnen an einen Ort schleppen lassen, gegen den sie Abneigung trüge; er würde sie vertheidigen, und wenn er darüber sein Leben einbüßen sollte. „Aber um Gottes willen,“ schrie die Duenna, und rang die Hände, „was werden wir ihrer Mutter sagen? In ihrer Gegenwart ist sie mit uns fortgefahren; wo ist sie nun hingekommen?“ „Was kümmert mich das?“ sprach Horazio; „ich bin ihr Beschützer gegen Gewaltthätigkeit, und für das Übrige mögt ihr sorgen.“ „Nun,“ sagte Mogrobejo, so hieß der Escudero, „so ist es um mich geschehen; ich darf mich in Madrit nicht mehr sehen lassen.“ „Nein,“ schrie die Duenna wieder, „ich kann mich nicht von meinem Fräulein trennen, und sollt’ alles zu Grunde gehen!“ „Ich auch nicht,“ sagte Mogrobejo; „aber nicht aus einfältiger Liebe, sondern weil es meine Pflicht ist, sie nicht aus den Augen zu lassen.“ „Alter Verräther,“ schrie Feliciane, „ihr sollt mich gewiß nicht anders, als stückweise, von der Stelle bringen. Ich weiche keinen Schritt. Morgen bin ich in einem Kloster, und vor eurer Boßheit für immer sicher.“ Was wollten sie thun? Der Escudero kehrte den Rücken, setzte sich in den Wagen und fuhr fort. Horazio nahm aber seinen schönen Gast an der Hand, und führte ihn in einen niedern Saal, der zunächst bey ihnen war; die Duenna ging langsam nach. Das Herz schlug ihm laut, als ihm die schöne Unbekannte durch einen matten Druck der Hand Dank sagte. Sie setzten sich, und Feliciane wußte ihren Kummer durch so manigfaltige reitzende Bewegungen zu äußern, daß Horazio’s Seele die ganze Tonleiter der Empfindungen hinauf kletterte, und er endlich in folgende Worte ausbrach: „Reitzende Unbekannte, wie glücklich bin ich, daß ich dazu bestimmt war, Sie aus der dringendsten Gefahr zu befreyen! Wie überglücklich wär’ ich, wenn ich Sie vor allen weiteren Verfolgungen sicher stellen könnte! Rechnen Sie aber darauf, daß ich nichts unversucht lassen werde, diesen hohen Zweck zu erreichen, der mich von nun an ganz allein beschäftigen soll. Mein ganzes Haus steht Ihnen unumschränkt zu Befehle; Sie können da so lange verborgen bleiben, als es Ihnen räthlich scheinen wird. Wohin Sie es immer verlangen, werde ich Sie bringen. Ich bin Edelmann, und denke auch edel. Ihre Tugend läuft bey mir keine Gefahr; und nur wenn es zu Ihrem eigenen Besten nöthig ist, daß ich Ihre Geschichte erfahre, wünsche ich sie zu hören, so hohen Antheil ich auch an Ihrem Schicksale nehme.“

Während dieser ganzen Rede hatte Feliciane von einem prächtigen Ringe, den Horazio am Finger trug, und dessen Billanten sie allzu schön anfunkelten, kein Aug’ abgewendet. Er mußte an ihren Finger herüber kommen, und gehe es, wie es wolle; das war nun einmahl beschlossen. „Ich finde keine Worte,“ sagte sie „mit denen ich Ihnen bezeugen könnte, was in meinem Herzen vorgeht. Die Vorsicht hat mich Ihnen zugeführt, großmüthiger Mann! hätten Sie sich nicht durch mein Unglück rühren lassen, so wär’ ich jetzt schon ohne Rettung verloren. Die nähmliche Großmuth, die Sie zu meiner Befreyung angetrieben hat, wird Sie auch auffordern, die Rechte einer Freystätte, für die ich Ihr Haus nun ansehe, nicht zu verletzen. Ich werde von Ihrer Güte Gebrauch machen, und werd’ Ihnen so lange hier lästig fallen, als es unumgänglich nöthig seyn wird.“ „Um Sie vollends zu beruhigen,“ sagte Horazio, „will ich nicht einmahl im Hause hier bleiben, sondern mich bey einem Verwandten aufhalten, bis Sie mit Ihrer Mutter ausgesöhnt sind.“ „Nein, durchaus nicht!“ fiel ihm Feliciane in die Rede; „Sie müssen hier bleiben; denn ich will sie überzeugen, daß ich unumschränktes Vertrauen in Sie setze. Wenn man käme, und mich mit Gewalt fortführen wollte, wer würde mich vertheidigen?“ „Was für ein Befehl könnte mir auch willkommener seyn?“ sagte Horazio.

Er hatte sein Abendessen, wie wir wissen, noch nicht eingenommen, und da ihn eben ein Bedienter daran erinnerte, suchte er Felicianen zu bewegen, daß sie mit ihm einige Erfrischungen nähme. Sie war ihm zu viel Dank schuldig, als daß sie ihm nicht hätte Gesellschaft leisten sollen, und er wußt’ es durch seine unwiderstehliche Beredtsamkeit gar dahin zu bringen, daß sie aß und trank, wie ein kummerloser Mensch. Sie sah zu deutlich, wie sehr sie auf ihren Wirth Eindruck gemacht hatte, als daß sie diese Episode in ihr Schauspiel nicht hätte einrücken sollen. Horazio war nun schon so über und über verliebt, daß er nicht mehr im Stande war, auch nur dem geringsten Verdachte gegen die Wahrheit der Geschichte Platz zu geben. Er war der einzige am Tische, der keinen Bissen aß, und doch machte ihn dieser Umstand nicht aufmerksam.