Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee
Part 7
»Das möchte ich doch Keinem raten,« meinte Oswald, »so lange nicht die Politik Aller sich zu Ihren Grundsätzen bekehrt hat, und dahin wird es nie kommen.«
»Und warum sollte es nie dahin kommen?« antwortete Hold. »Was wahr und recht ist, das hat seine Wurzel droben im Himmel und senkt seine Blütenzweige auf die Erde herab, um da einen guten Samen auszustreuen. Mag dieser Same denn hier auf steinigtem Boden keine Nahrung zum Keimen finden, dort im Sande der Wüste verdorren: derselbe Himmel hat auch Tau und Sonnenschein, um den Boden allmälig zu bereiten und ihn empfänglich zu machen für die gute Saat. Aus all' dem Irren und Wirren hienieden wird ein Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens hervorgehen, das seinen glücklichen Bürger nicht ahnen läßt, mit welchem Blut der Boden gedüngt ist, den er betritt; mit welcher Täuschung die in den Gräbern ruhen nach einem Frieden strebten, der vor ihnen her wandelte, ohne daß sie ihn sahen, mit welchem Unsinn man zweierlei Gesetz stellte, eines für die einzelnen Menschen: Du sollst Gott, Deinen Herrn, über Alles lieben und Deinen Nächsten als Dich selbst! und das andere für die Gesammtheit derselben Menschen, für den Staat: Du sollst nach jeglichem Winde lieben oder hassen, und Deinen Nächsten übervorteilen, wie Du kannst!«
»Ein solches Friedensreich auf Erden bleibt immer,« sagte Mander lächelnd, »nur der schöne Traum eines liebevollen Herzens, und würde nicht einmal, wenn es möglich wäre, förderlich sein für die Entwickelung der Menschheit; denn gerade der Kampf soll Regen und Bewegen in ihr erhalten, soll die Kraft stählen, den Geist schärfen. Die Geschichte muß eine Epopee bleiben und kann nie eine Idylle werden. Auch in der übrigen Schöpfung finden wir gleichen Kampf. Welche, auf furchtbare Umwälzungen deutende Veränderungen bemerken die Astronomen an den Himmelskörpern! Welche Erdbeben, Ueberschwemmungen, vulkanische Ausbrüche; welche Zeiten der Dürre oder überflutender Wolkenbrüche und dergleichen gehören zur Geschichte des Erdbodens! Welcher rastlose Kampf unter den Tieren, welches Recht des Stärkern, welche Beraubung und Erwürgung der Schwächern unter ihnen!«
»Und davon,« entgegnete Hold, »wollten Sie eine Anwendung auf die Menschen machen, die erschaffen sind nach dem Bilde Gottes; denen Er das Vermögen gab, die Erfahrungen der vergangenen Jahrtausende für die Gegenwart zu benutzen; denen Er Seine heiligen Gebote verkündet, welche alle nicht allein das ewige Heil, sondern mit demselben auch das irdische Wol zum Zweck und Ziel haben, denen Er in Jesu Christo den Abglanz Seiner Herrlichkeit leuchten ließ auf Erden, einer Herrlichkeit, die da ist Gerechtigkeit und Liebe, Kraft und Friede?«
»Mußte nicht auch Christus kämpfen, leiden und sterben, und ist nicht auch durch Ihn so viel neue Zwietracht geweckt auf Erden?«
»Und darum sollten wir immer und ewig Seine Mörder bleiben müssen durch die Verleugnung Seiner Lehren, Segnungen und Verheißungen? Sollten Ihn zum Hausgott bestellen für unsern kleinen häuslichen bürgerlichen Verein; als Gott der Weltgeschichte aber den anbeten, der ein Mörder war von Anfang an? Nein, so gewiß wie, von Christo ganz abgesehen, der über jeden Vergleich hinaus ist, die Apostel, die das Evangelium hinausriefen in die Welt, mehr Segen brachten den Menschenkindern, als Alle, die vor ihnen und nach ihnen gelebt haben, so gewiß wird auch dies Evangelium durchdringen durch alle Tiefen und zu allen Höhen hinauf; und dann erst ist das rechte Streben und Bewegen in der Menschheit, das nicht in der Zwietracht, sondern in der Liebe thätig ist; dann wird mancher jetzt in der Geschichte hochgepriesene Name, der seinen Ruhm auf verbrannte Trümmer und zertretene Schädel erbaute, nur als ein Denkmal menschlichen Unsinns eine kurze Spalte in dem Buche der Vorzeit füllen, während man eifrig den Thaten dessen nachforscht, der einen Grundstein mitlegen half zum Aufbau der bessern Zeit.«
»Und doch,« bemerkte Oswald, »haben die scheinbar verderblichsten Kriege auch mit zur Förderung der Fortschritte der Menschheit gewirkt.«
»Weil ein Gott vom Himmel darein sieht und Alles zum Besten lenket: Die Gewitter reinigen die Luft und fördern einen schönen Tag herauf. Aber dieser schöne Tag muß droben über den Wolken und Stürmen bereitet werden, die Gewitter schaffen ihn nicht; sie entladen nur ihre eigene heillose Kraft, die aus den Dünsten geboren ist, die sie zerstreuen.«
Die Pastorin, der ihr Mann zu eifrig wurde gegen die Fremden, unterbrach ihn hier lächelnd, indem sie sagte: »Die Dünste meines Thees würden auch längst Zeit gehabt haben, sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie nicht so friedsamer Natur wären.«
Mander aber setzte nach einer kurzen Unterbrechung das ernste Gespräch fort. Ihm hatten die Erfahrungen vielbewegten Lebens jenes besonnene Urteil gegeben, das nicht über die Grenzen der Wirklichkeit hinausgeht, und keinen Blick weit über den Anknüpfungspunkt hinüberwagt; doch hörte er gern einen Mann reden, der in der eignen, so viele Wünsche übrig lassenden, beschränkten Lage nur von Idealen für die Menschheit träumte, und hatte mit Absicht nur so viel entgegnet, als nötig war, um Hold im Feuer zu erhalten; wobei aber auch in seiner Brust manche längst entschlafene Empfindung wieder wach zu werden geneigt schien.
»Ich kann mir es wol denken, wie Ihnen, bei Ihrer Bildung zum Volkslehrer und in Ihrer Stellung als solcher, die Männer der Wissenschaft die höchste Bedeutung haben müssen.«
»Es giebt nur eine Wissenschaft,« erwiderte Hold, »von der das wahre Leben ausgehet in Zeit und Ewigkeit, die Wissenschaft von dem Heil der Menschheit in Gott. Unter das Licht und Gericht derselben soll Alles gestellt werden, was ist und was geschieht; und nur in soweit hat unser Wissen und Erkennen Gehalt und Bestand, als es uns und Andere fördert in dem Bewußtsein unserer Abhängigkeit von Gott, in der heiligen Lust an Seinem Willen, in dem freudigen Vertrauen auf Seinen Rat, mit einem Worte: in der Kindschaft zu Ihm. Gleichwie unser Wollen und Vollbringen in so fern einen lebendigen Keim und eine bleibende Frucht in sich trägt, als es dient jener Wissenschaft des Heils, daß sie eine Gestalt gewinne in unserm Leben und im Leben der Menschheit.«
»Auf diese Weise,« bemerkte Mander, »hätten alle Wissenschaften nur eine Aufgabe; während sie doch von so verschiedenen Punkten ausgehen, so ganz verschiedene Richtungen einschlagen.«
»Lassen Sie mich ein Bild gebrauchen,« war Hold's Antwort. »Die eine Wissenschaft ist die Sonne am Himmel der Menschheit; die andern Bestrebungen der Wißbegierde sind nur die Träger der Strahlen dieser Sonne nach allen Seiten hin und in jedes Dunkel hinein. Vergessen sie diesen ihren Beruf und gehen mit der eignen Hornleuchte umher, so werden sie sich in Wüsten verlieren und auf tausenderlei Irrwegen wandeln. Aber sie werden doch auch ihr Wissen vollständiger entwickeln, klarer durchbilden und fester begründen und dadurch reifen in der Erkenntnis ihres wahren Berufes und in der Zurückführung alles Wissens auf die eine Wissenschaft. Je vollständiger des Irrtums Bahnen durchlaufen sind, desto sicherer werden sie auch zurückgemessen und dienen dann nur als Wegweiser auf den rechten Weg.«
»Sie sind Theologe, und Jedem ist seine Wissenschaft die erste.«
»Die Theologie ist nicht die Wissenschaft, die ich meine; sie ist nur die Anleitung dazu. Sie stellt sich, wenn sie sich selbst erst begriffen hat, die Aufgabe: Alles, was war, ist und geschieht, unter den Brennpunkt der einen göttlichen Wissenschaft zu bringen, wo sich das reine Erz von den Schlacken sondert; und in diesem Sinne soll Jeder ein Theologe sein, indem er all' sein Denken, Wollen und Thun, alle Arbeit und alle Erfahrung seines Lebens, alle seine Sehnsucht und seine Hoffnung durchleuchten und durchläutern läßt von der wahren Wissenschaft, die aus Gott ist und zu Gott führt. Nur daß der eigentliche Theologe nicht allein, was _sein_ Leben bewegt, sondern die Bestrebungen und Erfahrungen, die Meinungen und Hoffnungen aller Zeiten und aller Völker in das Licht und Gericht der göttlichen Weisheit stellt und dadurch an Schärfe und Bestimmtheit in der Beurteilung des Treibens seiner Zeit, im Durchblicken des Scheines, in der Erkenntnis der Quellen des Irrtums und der Gottentfremdung der Menschheit und des einzelnen Menschen gewinnen soll. Dadurch wird er geschickt werden zum Leiter der Blinden, zum Lehrer der Ungeübten, zum Ermahner der Leichtsinnigen, zum Tröster der Glaubensschwachen, zum Erwecker der Lauen und Gleichgültigen und zum Sprecher des Gerichtes wider Die, welche für sich selber das Heil verschmähen und Andern den Zugang hindern. Und weil wir Alle nach unserer Schwachheit und Sündhaftigkeit bald zu der einen, bald zu der andern Klasse gehören, so darf es Keiner, sei er Priester oder Laie, an dem weitern Anbau der wahren Wissenschaft für sich selbst je fehlen lassen, keine Gelegenheit versäumen, zu reifen in aller Erkenntnis, Tugend und Gottseligkeit.«
»Wo ist aber die wahre Wissenschaft zu finden,« fragte Mander, »auf die wir Alles zurückführen und an der wir Alles prüfen sollen?«
»Sie ist nicht da und kann nicht da sein,« entgegnete Hold, »wo Irrtum und Täuschung wenigstens möglich sind, in keinem System der Philosophie. Sie kann nur aus dem Quell der Wahrheit selbst geschöpft werden.«
»Ich möchte mit der Frage des Pilatus,« sagte Mander, nicht ohne eine schmerzliche Bewegung zu verraten, »Ihnen antworten: was ist Wahrheit?«
»Das Wort Gottes!« sprach Hold fest und ernst. Aber ein leises Kopfschütteln des alten Mander und ein fast spottendes Lächeln seines Sohnes zeigten ihm, wie wenig diese Antwort seine Zuhörer befriedigt habe.
Oswald erinnerte jetzt, daß es schon spät geworden sei, und die Gäste schieden mit dem gern angenommenen Versprechen, ihren Besuch bald zu wiederholen.
VIII.
Du klagst, daß Deinen Blick umfloren Die Schatten um der Wahrheit Thron? Dein eigen Herz hat sie geboren; Sie sind der Sünde Frucht und Lohn.
Idalia glaubte in ihrem ganzen Leben nie so glücklich gewesen zu sein, als sie jetzt sich fühlte. Diese häusliche Geschäftigkeit, der sie sich mit allem Eifer hingab, hatte, je ungewohnter sie ihr war, einen desto größeren, ja zauberischen Reiz für sie, der noch durch das Eigentümliche ihrer Lage und ihres Aufenthaltes auf einer Hallig erhöht wurde. Die Liebe löste in ihrer Brust, die früher nur Raum hatte für das flatterhafte Wesen eines eitlen Mädchens, alle Ahnungen der wahren Weiblichkeit und den Sinn für die Würde einer Hausfrau. Zugleich wußte sie ja, daß sie so gerade Dem am meisten gefalle, von welchem sie geliebt sein wollte. Sie benutzte nicht einmal alle Vorteile, welche ihr die Mittel ihres Vaters liehen, um Bedürfnisse und Annehmlichkeiten, die sonst der Hallig fremd waren, für ihren Zustand zu gewinnen; sondern gefiel sich in der Einfachheit und Genügsamkeit ihrer jetzigen Heimat, und machte tausend, fast immer unausführbare Vorschläge, um das Ganze noch mehr in die Form einer Gesner'schen Idylle zu kleiden. Den Rand des sogenannten Soods, in welchem sich das Regenwasser sammelte, umkränzte sie mit einer breiten Lage von Seemuscheln, die sie mühsam hatte am Strande zusammensuchen müssen, weil dieser in jener Gegend auch damit geizt. Der Bedarf an Trinkwasser mußte jedoch für die verwöhnten Zungen vom festen Lande herübergebracht werden. Den Schatten und die trauliche Enge einer Laube zu ersetzen, hatte sie mit Godber's Hülfe ein Zelt von Segeltüchern auf der Werfte aufgeschlagen, und wenn das Wetter es nur zuließ, ward der Kaffee unter dem Dache desselben getrunken. Sie führte auch mit ihrem Bruder manchen Streit, indem sie das Leben auf diesem Eilande vor allen Herrlichkeiten der großen Stadt rühmte, und so oft sie eine der Eigentümlichkeiten der Hallig, wenn auch nur scherzhaft, mit den glänzendsten Lobeserhebungen anpries, fühlte sich Godber enger und enger zu ihr hingezogen und gab sich den schönsten Träumen einer goldenen Zukunft hin. Bei ihm war ja die Liebe zu seiner Heimat so mit seinem innersten Wesen verwoben, daß er Alles, was Idalia in dieser Hinsicht sagte, nur für natürliche Anerkennung der Wahrheit, für ein Zeugnis voller Uebereinstimmung ihrer Seelen nahm, und mit jedem Lobe aus ihrem Munde wuchs daher auch seine Liebe zu ihr, die allein in der Liebe für das Land seiner Geburt ein Gleichgewicht hatte, sonst alle seine andern Gedanken und Empfindungen weit überwog. Die Erinnerung an Maria trat immer weiter in den Hintergrund zurück, und kamen auch einzelne Augenblicke, die an Treu und Glauben mahnten, so übte sich Godber in der Kunst, mit seinem Gewissen sich so zu beraten, daß er Recht behielt. Was konnte er dafür, daß er jetzt erst den Stern gefunden, der ihm auf seiner Erdenwallfahrt zu leuchten bestimmt war? Daß er nun erst sich selbst ganz gefunden durch die Gemeinschaft mit einem Wesen, in welchem sein Denken und Fühlen sich wie in einem verklärenden Spiegel abmalte, so daß er selbst dadurch zu einer nie geahnten Höhe erhoben und begeistert wurde? Er erschrak jetzt vor der niedern Sphäre, in welcher sein Geist und sein Herz geblieben sein müßten, wenn nicht Idalia's Zauberschlag an die Tiefen seiner Brust gerührt, wenn er mit der unbedeutenden Maria sein Leben hingebracht.
So war es bei ihm, und so ist es bei Allen, die Eitelkeit, die in den verschiedensten Formen und Gestalten, mit den verschiedensten Wendungen und Umkleidungen sich in unsere Selbstbetrachtungen mischend, den Dingen einen Schein leiht, der uns verblendet gegen die klare Beurteilung der Verhältnisse, gegen die offenen Forderungen des Rechtes und der Pflicht. Darum ist es dem Menschen so not, daß er sich halte an dem festen prophetischen Worte. Er soll in Stunden, die er als Scheidewege erkennt, weder blindlings folgen den von Außen gegebenen Eindrücken, noch es versuchen, durch vielseitige Ueberlegung den rechten Pfad herauszufinden. Bei solcher Ueberlegung wachen in ihm alle bösen Geister auf, als fände der Aberglaube seine Erklärung und Bestätigung, der die Kreuzwege zum Tummelplatz nächtiger Dämonen macht. Sinnlichkeit, Eigennutz, Eitelkeit werden sein Urteil irre zu führen suchen, und selbst mit dem besten Willen wird seine Prüfung nie eine gerechte Würdigung Dessen sein, was sich für die eine oder andere Seite sagen läßt. Er soll vielmehr auch in diesem Sinne seine Vernunft, die durch das Erwachen jener bösen Geister in der Abgebung eines wahrhaftigen Zeugnisses gehindert wird, gefangen geben unter den Gehorsam des Glaubens. Er soll fragen, was da sei des Herrn Wille? und die Antwort darauf nicht suchen in sich selbst, als wäre seine Brust eine Wohnung des heiligen Geistes, da doch, wenn sie das wäre, es der Frage nicht bedurft hätte; sondern er soll die Antwort suchen in den Geboten Gottes, wie sie ihm gegeben sind in der reinen und lautern Offenbarung des göttlichen Gesetzes. Ein solches in seiner festen Entschiedenheit, in seiner einfachen Hoheit dastehendes Gesetz, an dem sich nicht drehen und deuteln läßt, so viel man es auch hin- und herwenden mag, und das kein Zuthun und kein Abnehmen leidet, wenn man es nicht ganz verändern und in Widerspruch mit sich selber bringen will: ein solches Gebot ohne Ausflucht, ein solcher Wegweiser ohne Seitenarm, ein solches Ja und Nein, ohne ein Wörtchen darüber, muß allein entscheiden. Ohne einen solchen Gesetzfels kommt es dahin und ist dahin gekommen, daß jeder Mensch seine eigene Moral hat, und daß diese Moral noch dazu ein wahrer Januskopf ist mit zweierlei Gesichtern, und mit Augen, die, was sie heute grün sehen, morgen früh für grau halten und umgekehrt. Berufst Du dich auf Dein Gewissen, so ist dies ja eben nichts Anderes, wenn es den Namen verdient, den Du ihm beilegst, als der Strom lebendigen Wassers vom Felsen des Gesetzes; und ist es das nicht, so ist noch weniger Verlaß darauf als auf eine von jedem Winde bewegte Wetterfahne, die darin noch den Vorzug hat, daß sie doch wenigstens die Richtung anzeigt, woher der Wind bläst. Also das klare, lautere, _gegebene_, nicht erst nach den Umständen und Verhältnissen zu machende oder zu modelnde Gesetz Gottes sei Dir für Dein Wollen und Thun ein unerschütterlicher Sinai. Vor Seiner Stimme durch die Wolken müssen alle andern Stimmen schweigen; und schmeicheln sie noch so lockend als Stimmen der Wahrheit um Dich her, sie sind Lüge mehr oder minder, in dem Maße, in welchem sie sich von dem einfachen, offenen Sinn des Gesetzes entfernen. Denkst Du an die Folgen? Ein lieblicher Sonnenschein lächelt Dir entgegen, wenn Du es nur einmal nicht so streng und scharf nehmen wolltest mit den Geboten Gottes, oder sie umkleidest in eine Dir gefälligere Wahrheit. Schwere Wolken dagegen hängen herab über Deinen Pfad, bereit, ihre Gewitter und ihren Hagelschlag auf Dich und die Deinen, auf die Saat Deines Nächsten zu entladen, wenn Du ohne Weichen und Wanken beharrest in dem Worte des Gesetzes. Beharre bis in den Tod, auf daß Du das Leben gewinnest! Du sollst Deine unsterbliche Seele beraten, daß sie bestehe vor dem Richter der Lebendigen und der Toten. Für die Folgen da laß Ihn sorgen; sie stehen ja in Seiner, in des gnädigen Vaters Hand. Sie sind nicht Deine Sache. Dein ist es aber, treu erfunden zu werden! Dies sei Dir genug; wenn auch die Erfahrung Dir nicht so oft zeigte, wie unsere Berechnung der Folgen so leicht dem Irrtum unterworfen ist; wie das Licht die Nacht, und die Nacht das Licht gebiert. Immerdar müssen ja auch alle Dinge, sei's Reichtum oder Armut, Glück oder Unglück, Leben oder Tod, zum Besten dienen dem, der da sagen kann: »Hier bin ich, Herr! Dein Wort war meines Fußes Leuchte!«
Woher kommt denn all die Armseligkeit selbst unter den sogenannten »guten Menschen?« Woher denn bei ihnen diese vielen »unschuldigen Schwächen,« diese feinen, scheuen Wendungen, wenn Gott einmal ein Brandopfer wieder fordert auf dem Altar der Pflicht? Weil sie sich selbst ihre Tugend gemacht haben, um sie, gleich einem bequemen und behaglichen Kissen, bald nach der einen, bald nach der andern Seite hin ihrem Erdenschlummer unterzulegen. Weil sie um den Sinai in der Wüste einen schattenreichen Park angepflanzt haben, der ihnen den Berg aus den Augen rückt, während sie auf blumigen Pfaden über Thal und Hügel dahinwandeln, ganz zufrieden damit, wenn sie nur nicht so weit sich entfernen, daß die Mitgäste im Park sie nicht mehr als ihres Gleichen erkennen wollen. Wahrlich, es thut diesem Geschlecht der Flammenspiegel des Gesetzes not, vor dem die Spreu, die sie eine gute Saat nennen, zur Asche werden muß, nicht einmal geeignet, die dürre Stätte zu bedecken.