Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee

Part 6

Chapter 63,636 wordsPublic domain

»Herr Gott! Vater alles Dessen, was Kind heißt im Himmel und auf Erden, hier ist Deine Magd. Dein Wille geschehe! Amen.«

Maria betete die letzten Worte leise und mit bebender Stimme nach. Ihre Thränen flossen linder, ihr Blut wallte ruhiger. Da stand sie auf, und das Auge, in welchem noch die letzte Zähre schwamm, nach Oben richtend, die Hände über die Brust faltend, hochatmend wie von einem langen Druck befreit, sprach sie noch einmal lauter und mit festerem Tone:

»Hier ist Deine Magd! Dein Wille geschehe!« Nun gab sie voll Zuversicht ihrer Mutter das Versprechen, Alles mit Geduld und Stille in des Herrn Hand zu stellen und nur für sie zu leben, und ihr nur Freude zu machen in den Tagen ihres Alters.

Als Hold sich entfernte, dankten ihm weder Maria noch die Mutter für seine Tröstung anders als mit einem Blick voll Herzlichkeit. Sie waren es ja gewohnt, die Prediger auf den Halligen immer als Teilnehmer solcher Stunden zu sehen und den Segen des geistlichen Amtes an sich zu erfahren. Die Mutter, unter einem Vorwande Maria von der Begleitung zurückhaltend, bat noch den Pastor unter der Thür, doch bei Gelegenheit ein ernstes Wörtchen mit Godber zu reden, was er schon ohnedies sich vorgenommen.

Auf dem Heimwege dachte Hold darüber nach, warum die Hinweisung auf Christum augenscheinlich so mächtig auf die Bekümmerte gewirkt. Er glaubte diesen beruhigenden Einfluß nicht allein daraus ableiten zu müssen, daß das Gedächtnis des Herrn in ein höheres Reich einführe, in welchem die weltlichen Freuden und Leiden nur als Schatten und Träume erscheinen, sondern auch darin finden zu dürfen, daß der Friedefürst und Ueberwinder der Welt uns nicht ohne Sein Kreuz und Seine Dornenkrone erscheint.

Der Mensch will schauen, nicht etwa allein der, welcher den Glauben als eine Entwürdigung der Vernunft verwirft, sondern auch der, welcher ein kindlich gehorsames Herz sich bewahrte für das Wort des ewigen Vaters. Bei diesem ist dies Verlangen das allgemeine Bedürfnis der schwachen Natur des Staubes, die auch da, und vielleicht da am dringendsten, eine Ansprache an die Sinne fordert, wo es darauf ankommt, sich aus deren Bereich zu erheben, wie der Adler, der zur Sonne aufstrebt, in der niedern Luftschicht seinen Flügeln allein die Schwungkraft geben kann, mit der sie ihn in ruhiger Schwebung emportragen. Ein Glaube, der nicht von dem: »Wer mich siehet, der siehet den Vater« ausgehet, wird der Vermittelung ermangeln, wodurch zu dem ewigen, einigen Geist ein Geist sich aufringt, für den das Leibliche nicht blos Behausung ist, sondern zu dessen eigentümlichem Wesen und Sein es gehört, so daß er, wenn auch diese Erdenhülle bricht, doch wieder in einen, wenn auch verklärten Leib gekleidet wird. Mag auch das allgemeine Gefühl der Andacht den Menschen hinauftragen zu den himmlischen Höhen, und, den blöden Sinn überwältigend, ihn an das Vaterherz Gottes legen mit solcher Innigkeit und Zuversicht, als ob der Glaube zum Schauen geworden wäre, so verliert er sich doch auch wieder leicht in den Tiefen der Gottheit, ohne eine feste Ruhestätte gefunden zu haben, und die Frucht seiner Andacht geht ihm verloren in einem unbestimmten Verschwimmen seiner Gedanken und Gefühle. Besonders aber wird es ihm schwer, in Leiden einen dauernden gewissen Trost von dort her zu nehmen, wo kein Leid ist, wo er für die schmerzlichen Gefühle, die ihn bewegen, keinen Anknüpfungspunkt findet und daher oft so vergeblich ringt, das eine Ende seiner Gedanken, womit er an den Schmerz gebunden ist, fahren zu lassen und das andere Ende zu ergreifen, woran er auf der Himmelsleiter sich emporschwingen soll. In Christo sind diese Enden verknüpft. In Ihm sieht der Leidende den friedvollen Himmel und die schmerzensreiche Erde vereint. Er sieht seiner eigenen Herzenswunden blutige Gestalt und zugleich mit demselben Blick den Sieg, der die Welt überwindet, den Frieden, der vom Himmel stammt und zum Himmel führt. So ist ihm an Christi Hand die Bahn zum Vater geebnet. Sie ist kein plötzlicher Aufschwung mehr über den Abgrund seines Kummers hinweg, sondern ein allmäliger Uebergang aus den Dornen in der Tiefe zu den Friedenspalmen auf der Höhe. Er trägt, indem er mit dem leidenden Heilande aufsteigt, gleichsam seine eignen Leiden mit hinauf und fühlt darum die heilende Hand näher und gewisser. Auch in diesem Sinne ist es wahr: »Niemand kommt zum Vater, denn durch den Sohn!«

Heiland, Deine bangen Schmerzen Auf der dornenvollen Bahn Lassen jedem wunden Herzen, Ein vertrauter Freund, Dich nahn!

Heiland, Deine Siegesfreuden In der Schmach und in der Pein, Leuchten auf den Quell der Leiden Mit des Himmels Wiederschein.

Tau aus ew'gem Lichtgebiete, Zähren, wie die Erde weint: Perlen, ihr an einer Blüte, Trank in einem Kelch vereint;

Abgrund, den die Nacht geboren, Kreuz, voll Marter und voll Hohn: Zur Verherrlichung erkoren, Lebenswiege, Friedensthron!

Ja, die Scheidung ist gefallen, Und verklärt der Erde Leid. Aufwärts darf der Seufzer wallen, Gilt er auch dem Traum der Zeit.

Fand mein Schicksal andre Gleise? Welche Wandlung ist gescheh'n? Sieh', der Freund entführte leise Hin mich, wo die Palmen weh'n.

VII.

Wie sich Licht und Schatten wende Wechselnd in der Völker Loos, Knechtschaft zieht die Freiheit groß, Unrecht schlägt die eignen Hände.

Als Hold in seine Wohnung zurückkehrte, fand er Mander und Oswald dort vor. Sie waren gekommen, teils um zu danken für die bewiesene Fürsorge, teils um zu sehen, ob für ihren Aufenthalt auf der Hallig die Annehmlichkeit eines gebildeten Umgangs wenigstens in einer Familie ihnen nicht ganz fehlen würde. Ihre Erwartungen waren freilich geringe, und das Aeußere und Innere einer Wohnung, gegen welche das Haus des Gärtners auf ihrem ländlichen Ruhesitze bei Hamburg ein Palast war, diente nicht dazu, ihre Erwartungen höher zu spannen. Einfachheit und Beschränktheit schienen hier die genügsamen Schaffnerinnen gewesen zu sein. Reinlichkeit mußte den Glanz, Nettigkeit die Schönheit, gefällige Anordnung die Fülle ersetzen; und der Anzug der Pastorin wie ihrer Kleinen trug die Spuren der wirtschaftlichen Nadel, die den abgetragenen Stoff so lange als möglich benutzen lehrt und ihm immer neue, wenn auch kleidsame, doch wenig modische Formen verleiht. Uebrigens blühten Mutter und Tochter in der Fülle der Gesundheit: und der Eindruck, den das herzliche Willkommen der Pastorin auf die Fremden machte, wurde nicht allein durch die angenehmen Züge ihres Gesichtes und ihre gefällige Gestalt, sondern auch durch ihr ungezwungenes, einen frühereren Umgang in höheren Kreisen verratendes Wesen erhöht. Oswald ward dadurch ganz irre gemacht, da er nicht wenig darauf gerechnet hatte, durch gewandte Verdeckung der gewiß erwarteten Verstöße und durch freundliche Herablassung zu den beschränkten Vorstellungen und trivialen Lieblingsgesprächen einer Familie, deren Gesichtskreis, wie er voraussetzte, sehr eng sei, hier großes Lob zu ernten, nun aber bald merkte, daß es für ihn nur darauf ankomme, mit gleicher Leichtigkeit den rechten Umgangston für eine unter solchen eigentümlichen Umständen gemachte Bekanntschaft zu treffen. Auch Mander, der feingebildete Weltmann, der ein solches Benehmen zu beurteilen und zu schätzen wußte, fand sich davon nicht wenig überrascht bei der ebenfalls von ihm vorgefaßten Aussicht, auf unbeholfene Verlegenheit oder überlästige Höflichkeit zu stoßen. Nach den ersten Begrüßungen suchte er daher mit geschickter Wendung eine Gelegenheit zu der Frage an die Pastorin, ob sie sich in dieser ihrer Lage wohl glücklich fühlen könne?

»Das ist eine Gewissensfrage,« erwiderte sie lächelnd. »Wir Frauen hängen einerseits mehr als die Männer von äußeren Eindrücken ab. Die Stätte, die uns groß gezogen, die Gespielinnen der Jugend, die Kreise des geselligen Lebens, in denen wir uns freuten mit den Fröhlichen und weinten mit den Weinenden, die Gewohnheiten, die Formen einer frühern Zeit bleiben treuer in unserm Gedächtnisse und behaupten länger ihren Einfluß auf unsere Neigungen, Wünsche und Hoffnungen, als es bei dem Manne der Fall sein wird, dem sein Beruf und sein Amt seine Welt ist, in die er sich mit allem seinen Denken, Wollen und Thun hineinversetzt, wodurch die Erinnerung an das Vergangene geschwächt und der Traum von den zukünftigen Tagen weniger lebhaft unterhalten wird.«

»So möchte Ihnen denn Ihre Stellung hier weniger gefallen, als ihrem Gatten?«

»Ich habe,« sprach sie, »nur von einer Kammer gleichsam des weiblichen Herzens gesprochen, die andere wird mehr für meine Zufriedenheit reden. Unser demütiges, zweites Geschlecht ist ja an den Herrn der Schöpfung, wie der Mann sich selbst nennt, gewiesen. An ihn schließen wir uns an, ihm folgen wir; und Vater und Mutter soll ja das Weib verlassen und ihrem Manne anhangen. Warum denn nicht auch eben so leicht ihm ihre lieben Gewohnheiten, ihre bisherigen Neigungen opfern? Und wie von selbst giebt sich das an der Seite des guten geliebten Gatten. Vergangenheit und Zukunft verbleichen vor dem Rosenschimmer der Gegenwart, wenn dieser auch nicht über die vier Wände des Hauses hinausreicht, wenn dieser auch nur aus dem Auge des Gatten mir strahlt und nicht aus der Umgebung. Er findet doch den Eingang in das offene Herz und übt seinen verklärenden Zauber auf alle Dinge um sie her. Das häusliche Glück überwindet auch selbst eine Hallig mit allen ihren Entbehrungen.«

»Aber unbegreiflich ist es mir,« sagte Oswald, »wie der Pastor sich hier wohl fühlen kann, da er ja doch in seinen Studienjahren ein reich bewegtes Leben hat kennen lernen müssen?«

»Nicht allein seine Studienjahre hat er zum Teil in Deutschland zugebracht und sie zu Reisen in den schönsten Strecken unseres großen Vaterlandes und der Schweiz mitbenutzt, sondern auch seine Kindheit und erste Jugend verlebte er im Genusse alles dessen, was großstädtischer Verkehr und großstädtische Sitte Angenehmes haben.«

»So werden gelehrte Untersuchungen es ihn vergessen machen, was er jetzt entbehren muß?« bemerkte Mander, der unterdessen einen Blick auf das kleine Bücherrepositorium geworfen hatte.

»Sie meinen,« lächelte die Pastorin, »weil Ihnen da die Titel arabischer und persischer Bücher entgegenblitzen. Nein, das ist noch aus jener Zeit her, in welcher, wie Hold sagt, der altertümliche Reifrock der seligen Großmama oft eben so viel Anziehungskraft hat, als der duftende Blumenkranz der lebensfrohen Enkelin; oder die herbe und trockene Frucht, die aus der Ferne und Fremde kommt, lieblicher mundet, als die frische Pflaume aus dem Garten der Heimat. Jetzt muß ich bei vielen dieser Bücher dafür sorgen, daß der Staub nicht ihre goldenen Titel bedecke; nur wenige erfreuen sich noch des Immergrüns der jungen Liebe.«

»Natürlich müssen die einzelnen Lieblingsstudien,« sagte Mander, »bei dem gebildeten Manne vor dem Interesse für die großen, neuen Fortschritte der Wissenschaft zurücktreten; und so wenig ich auch mit der theologischen Literatur bekannt bin, so weiß ich doch, daß der Theologe, der eine übersichtliche Kenntnis des allgemeinen Ganges seiner Wissenschaft sich bewahren will, schon hinreichend mit Lectüre versorgt ist.«

»Wenn es dem Halligprediger nur vergönnt wäre,« entgegnete die Pastorin mit einer Stimme, deren Schwanken die Furcht verriet, mehr zu sagen, als vor fremde Ohren gehörte, »etwas für die Befriedigung des wissenschaftlichen Bedürfnisses aufzuwenden. Hold beklagt dies oft und meinte noch neulich, daß die Vierteljahrsgage eines der geringsten Opernsänger oder Ballettänzer ausreichen würde, um den vom Weltverkehr und vom Büchermarkt ausgeschlossenen Geistlichen der Hallig die Schriften und Journale in die Hände zu geben, welche sie vor Lücken in der Kenntnis des Standes ihrer Wissenschaft bewahren könnten. Dazu kommt der tägliche Schulunterricht, der sich bei der geringen Bildungsstufe der Halligbewohner und der gänzlich fehlenden Mithülfe der Eltern fast nur auf die ersten Anfangsgründe beschränkt.«

»Wie!« riefen Mander und Oswald erstaunt, »der Geistliche ist verurteilt, das ABC zu lehren und Buchstaben vorzumalen?«

»Wenn sie dies Verurteilung nennen wollen, habe ich nichts dagegen. Mir thut es auch oft in der Seele weh, wenn ich im Nebenzimmer das eintönige Buchstabieren anhöre und dabei einen Blick auf diese Bücher werfe. Aber Hold weiß sich ganz darein zu fügen und geht eben so munter in die Schulstube hinein, wie er aus derselben zurückkehrt. Auf allen Halligen ist übrigens der Schuldienst mit dem Pastorat verbunden.«

»Aber ich würde mir einen Gehülfen halten,« sagte Oswald etwas unbedachtsam.

»Dieselbe Ursache,« erwiderte die Pastorin, indem sie die Augen senkte und leise errötete, »welche jene Verbindung nötig macht, erspart uns auch den Gedanken an einen Gehülfen für die Schule.«

Die Pastorin wurde durch die Ankunft ihres Mannes aus dieser Unterhaltung befreit, die für sie etwas peinlich geworden war, da Frauen überhaupt noch weniger als Männer dazu geeignet sind, die beschränkte Lage des Hauswesens vor Fremden aufzudecken, und gern, so lange als möglich, einen gewissen Schein zu bewahren streben.

Hold trat den Fremden mit freundlicher Offenheit entgegen und wußte ihren Dank für Das, was auch er für ihre gastliche Aufnahme auf der Hallig gethan, sogleich mit den Worten abzuwenden: wie er ihnen vielmehr danken müßte, daß sie hierher gekommen seien, ihm ein Bischen von der Welt draußen zu erzählen.

Während nun die Hausfrau den Thee mit den Butterschnitten von Schwarzbrod bereitete, das Einzige, was der Halligbewohner in solchen Fällen für seine Gäste hat, und was er den größten Teil der Woche hindurch selbst als Mittagessen mit seiner Familie nur genießt, hatten die Männer im raschen Laufe des Gesprächs schon fast die ganze Erde umflogen, hatten die wirren Bahnen der Politik durchwandelt, sich auf den luftigen Höhen der Weltansichten bewegt und waren in die Tiefen der Wissenschaft hinabgetaucht. Aber nirgends fanden sie sich in Uebereinstimmung mit einander; nirgends gelang es ihnen, die verschiedenen Noten, die jeder anschlug, zu einer melodischen Harmonie zu verschmelzen. Wollte Oswald die aufgestellten Fragen leicht abfertigen, so zeigten ihm Mander und Hold den schweren Ernst derselben und den entscheidenden Einfluß einer richtigen Beantwortung auf das Wol und Wehe der Menschheit. Wollte Mander den Scharfsinn des menschlichen Geistes in der seither versuchten Lösung dieser Lebensfragen bewundern, dann schob ihm Hold die Erfahrung entgegen, wie wenig jene Lösung gefruchtet.

Da aber jetzt die Politik das Gebiet ist, wie es in früheren Zeiten oft die Theologie war, auf welchem sich die Geister am liebsten tummeln, der Gemeinplatz, der fast keinem ganz fremd ist, der die verschiedensten Stände und Stämme mit gleichem Spruchrecht um das Beratungsfeuer sammelt und zugleich für den feineren Beobachter das Tinggericht, wo Vieler Herzen offenbar werden und sich unter einander erkennen auch über den Zeitungs-Krieg und Frieden hinaus, so fanden sich unsere Freunde auch immer wieder zu derselben zurück.

Hold sagte, als er dies bemerkte:

»Es ist immer eine ärmliche Zeit, die keinen über die nächste Wand hinausgehenden, Allen gemeinsamen Stoff zur Unterhaltung hat; sie brütet einen widerlichen Kastengeist, ein kleinliches Mein- und Dein-Leben, eine jämmerliche Nützlichkeitsprosa aus. Ueber dem täglichen Verkehr, über dem Dichten und Trachten für die Duodezwelt, die für Jeden eine andere ist, muß ein Reich aufgethan sein, das Alle zuläßt, ohne nach Paß und sonstiger Berechtigung zu fragen, das ihren Gedanken einen weiten Raum giebt, ihre Empfindungen an Vieler Wol und Wehe groß zieht. Aus diesem Grunde will ich die jetzt so allgemeinen politischen Unterhaltungen, in die auch wir stets wieder unwillkürlich hineingeraten, nicht ganz als bloßen Zeitvertreib verwerfen; obwol die Politik selbst, wie sie als Wissenschaft gelehrt und von den Staaten gegen einander geübt wird, mir die verächtlichste Mißgeburt ist, die ich kenne.«

»Wie!« rief Mander voll Erstaunen, »müssen Sie nicht den Staatsmann achten, der in seinem Geiste das Schicksal der Völker und Länder abwägt; der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu kombinieren weiß und mit einem Federstrich oft mehr ausrichtet, als die sieghaftesten Armeen; der das Staatsschiff durch alle Klippen hindurch in den schwersten Stürmen steuert und auf tausend Umwegen glücklich an's Ziel führt?«

»Meinethalben mag seine Klugheit bewundernswert sein,« entgegnete Hold; »aber sehe ich, daß seine Winkelzüge eben erst die Stürme hervorgerufen haben und die Klippen entstehen ließen; sehe ich, wie er eine Grube zu seinen Füßen gräbt, während er sich selbstgefällig seiner Voraussicht in die Zukunft rühmet; sehe ich, wie er mit Treu und Glauben, mit der Heiligkeit der Verträge, mit den Gesetzen des Rechtes, wie mit Schalen spielt, die man wegwirft, wenn der saftreiche Kern ausgesogen ist und auch wol bei Gelegenheit einmal wieder aufnimmt, um den letzten Tropfen Oel noch herauszupressen; wenn er das eine Knie beugt, um mit vollem Munde Gott und alle Heiligen für sein gutes Recht und um Bestrafung des Treubruchs anzuflehen, während er den andern Fuß aufhebt, um die Gerechtigkeit in den Staub zu treten, dann widert mich der Staatsmann, oder vielmehr die Politik, die er repräsentirt, als die große babylonische Buhlerin unserer Zeit an, die sich am Verderben der Völker sättiget.«

»Sie wollen doch wol nicht die Gesetze der gewöhnlichen Moral, die im häuslichen und bürgerlichen Leben ihre gute Geltung haben, auch auf die Leitung des Geschicks der Völker übertragen?«

»Ja wol will ich das,« erwiderte Hold mit großem Eifer. »Gerechtigkeit und Treue sind kein Menschenfündlein, an dem gedreht und gedeutelt werden darf. Sie sind Gebote des lebendigen Gottes, der die Welten lenket mit Rat und Weisheit und die Völker des Erdkreises richtet mit Gerechtigkeit. Der Gedanke, weil ich auf diesem Staubkörnlein Erde die Miniaturgeschichte eines Pünktchens übersehe und ein paar Sekunden lang sie weiter führen soll, darum bin ich erhaben über das Gesetz des Schöpfers und ewigen Regierers des Himmels und der Erden, dieser Gedanke ist so mitleidswert armselig, daß man ihn nur belächeln könnte, wenn er nicht zugleich so verächtlich wäre. Wahrlich, so lange das Gesetz Gottes als allein bestimmende Richtschnur noch keine Stätte gefunden hat in der kalten Brust der Leiter unserer Staatenmaschine, so lange bleibt diese ein Räderwerk, das von Blut und Thränen träuft, und das, in wilder Unordnung bald vorwärts, bald rückwärts gehend, den Baumeistern nur Schande macht. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Was ist denn Europa? Ein ewiger Tummelplatz des eisernen Würfelspiels, ein immer neu geöffneter Kirchhof hingemordeter Millionen. Dabei jeder einzelne Staat eine Schuldbank, die nur von neuen Gläubigern vor dem Einsturz bewahrt wird. Ueberall ein Beben und Schweben der Völker und ihrer Hirten in der Furcht, daß die eben glücklich zum Stillstand gebrachte Maschine wieder losrädere; und um diesen ängstlichen Stillstand zu erhalten, müssen große stehende Heere schlagfertig bleiben auch im gerühmten Frieden, dem Meisterstück der Diplomatie.«

»Sie werden diesen Zustand nicht den Staatsmännern zur Last legen.«

»Keineswegs; wohl aber der falschen, zweideutigen, rechtlosen Göttin, der sie huldigen. Können Sie sich denken, daß der Zustand Europa's schlimmer wäre, wenn die Diplomatiker, anstatt in ihr System die Hintansetzung der Moral aufzunehmen, in allen Beziehungen der Staaten gegen einander die Gesetze derselben als höchste Norm befolgt hätten?«

»Aber das politische Gleichgewicht soll doch bewahrt werden,« erinnerte Oswald. »Ein vorherrschender Staat würde Einseitigkeit in die Intelligenz der Völker bringen, würde die freie Entwicklung der Nationaleigentümlichkeit hemmen, würde die andern Herrscher zu Sklaven eines allmächtigen Willens herabwürdigen. Und alle Politik geht doch am Ende nur auf die Erhaltung jenes Gleichgewichts unter den Völkern.«

»Was die Völker betrifft, so wissen sie aus der Geschichte, daß jedes Uebergewicht eines Staates, das seinen Grund in der Ausdehnung über die natürlichen Grenzen hinaus hat, auch ohne die Gegenwirkung der Politik seinem Falle nahe ist, eben gerade durch die falsche Politik, die zu solcher Ausdehnung verführte. Sie wissen, daß dies gerühmte, mit so viel tausend Aufopferungen von ihrer Seite immer neu zu erkämpfende Gleichgewicht doch stets ein eingebildetes bleibt, und im besten Falle nur ein sehr schwankendes Gleichgewicht der größern Staaten gegen einander ist, während die kleineren, wie ein Rohr, von jeglichem Winde bewegt, bald in diese, bald in jene Schale sich neigen, und gar oft zur Wiederherstellung der Balance jener diplomatischen Waagschale sich zerstückeln lassen müssen. Dies wissen auch die Fürsten dieser Staaten und zögen gern sich und ihre Länder aus jenem Conflict heraus, in welchem das Recht des Stärkern allein gilt, und der heiligste Vertrag nur dann geehrt wird, wenn ihn ein paarmal hunderttausend Bajonette aufrecht halten. Jenes Gleichgewicht würde aber auch nie solche Störungen erlitten haben, wenn eben nicht dem einzelnen Störenfried die diplomatischen Fechterstreiche seiner Gegner seine Unternehmungen so sehr erleichterten. Ist ein glücklicher Gegenkampf gegen einen solchen begonnen, dann tritt sogleich die Politik mit ihrem scheelsüchtigen Auge hinzu und deutet mit der weitsichtigsten Klugheit darauf hin, wie leicht der eine Mitstreiter durch den gemeinsamen Sieg zuviel gewinnen könne, und öffnet das Auge für das, was so nahe liegt, für das durch solches Mißtrauen dem zu bekämpfenden Gegner gegebene Uebergewicht nicht eher, als bis es zu spät ist. Ist das nicht die Geschichte fast aller Gleichgewichtskriege des letzten Jahrhunderts?«

»Ich darf Sie zu ihrer Widerlegung nur an den Befreiungskampf gegen Napoleon erinnern,« rief Oswald, »in welchem auch mein Vater mitgestritten hat.«

»Gerade jener Kampf spricht für mich,« entgegnete Hold. »Es war für die unterjochten Fürsten und Völker ein Augenblick der Begeisterung, der sich über die diplomatischen Winkelzüge der Politik erhob. Wenn dieser Krieg ebenso mit derselben kalten, lauernden Berechnung, mit denselben politischen Seitenblicken, wie die früheren Kämpfe gegen jenen Eroberer, geführt worden wäre, was würde der Erfolg gewesen sein? Was aber die Weisheit der Staatsmänner in jenen Tagen an Großartigkeit angenommen, das flog ihr nur zu in Folge des Sturms der Auferweckung, der über Altäre, Throne und Hütten dahin brauste; es war kein Teil ihrer Natur. Daß die alte Heuchlerin einmal in einer Stunde der höchsten Not zum Gebet getrieben wurde, hat sie damit aufgehört, eine Heuchlerin zu sein? Und hat sie nicht schon während jenes Gebetes, während sie die Gerechtigkeit Gottes anrief, auf neue Ungerechtigkeit gebrütet? Hat sie nicht die gefaltete Hand zugleich zum Raube gekrümmt und auf das Siegesfeld die Drachenzähne neuer Zwietracht ausgesäet?«

»Sie mögen darin Recht haben,« erwiderte Mander; »jedoch werden Sie auch zugeben, daß mancher Staat, bei einem strengen Festhalten an den Grundsätzen der Moral sich seinen Untergang bereitet hätte, dem er nur durch eine gewandte, den Umständen und Verhältnissen sich anbequemende Politik entgangen ist.«

»Wol wahr! Aber das ist ja eben der Fluch, daß es so weit gekommen ist, daß der Teufel nur durch den Beelzebub ausgetrieben werden kann, daß die Notwehr uns die unwürdige Waffe des Angreifers in die Hände zwingt. Vergessen Sie jedoch nicht, daß trotz seines politischen Spiels und vielleicht eben durch dasselbe auch mancher Staat nur seinen Untergang gefunden hat, und daß wir die Geschichte der Staaten allein vor uns haben, wie sie in jenem politischen Treiben geworden ist; also gar nicht behaupten können, das Bestehen eines einzelnen Staates hätte außer der Reihe der Möglichkeiten gelegen, wenn seine Leiter in ihrer Haltung und in ihrem Handeln nur die strenge Rechtlichkeit und die gewissenhafteste Treue vor Augen gehabt hätten.«