Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee

Part 2

Chapter 23,238 wordsPublic domain

Die Gefahren selbst, denen der Halligbewohner ausgesetzt ist, entbehren den einzigen Reiz, den die Gefahr haben kann, den Gegenkampf. Mag der Sand der Wüste, vom Sturm aufgewirbelt in die Wolken, als sollte das Gewölbe des Himmels auch eine Sahara werden, daherjagen und Zeltdörfer und Karavanenzüge in sein heißes, erstickendes Bett begraben: die Möglichkeit der Flucht ist doch gegeben, und die Menschen versuchen auf Rossen und Kamelen mit dem Sandsturm in die Wette zu jagen; und oft gelingt es ihnen, dem drohenden Verderben zu entgehen. Der Halligbewohner hat seinen Feind rund um sich; erhebt _der_ sich in seiner schauervollen Macht, so muß er, hülfloser als ein Kind auf dem Wege des tobenden Stieres, sich diesem Gewaltherrscher hingeben und zitternd erwarten, ob er mitleidig schonend vorüberziehe oder in blinder Wut alles niederwälze; er muß Leben oder Tod als ein willenloses Schlachtopfer annehmen, ohne Hand oder Fuß zur völlig unmöglichen, weder Gegenwehr noch Flucht zu regen. Verstand und Kraft sind ihm unnütz; nur Ergebung ist sein Loos in dem vollen Bewußtsein seiner Ohnmacht.

Und nicht etwa die Unbekanntschaft mit den Vorzügen anderer Länder ist es, was dem Halligbewohner seine Heimat lieb macht. Nein, er hat die fruchtbarsten, reichsten Strecken vor seinen Augen. Hinter den Deichen des festen Landes in seiner Nähe ist ein Boden, der seinen Bewohnern einen Ueberfluß bietet wie wenige Länder der Erde ihn haben. Da reift das schwere Korn; da streckt sich der breite Stier in den duftigsten Klee; da erheben sich große und schöne Bauernhöfe, deren Bewohner, mit allen Genüssen des Lebens vertraut und im Gefühl ihrer Wichtigkeit, mit Stolz sich Bauern nennen. Oft auch, und früher noch mehr als jetzt, führt den Halligbewohner in seiner Jugend und Mannheit der Dienst auf Schiffen in ferne Lande. Durch seine Genügsamkeit und Rechtlichkeit auch in der Fremde schwingt er sich zum Schiffsherrn auf; die reichsten Handelsplätze, die herrlichsten Gegenden werden ihm bekannt wie die eigene Heimat. Aber er hat Alles gesehen, Alles verglichen, und -- Alles vergessen. Er kehrt mit seinem Ersparten heim zu seinem geliebten Eilande, heim zu diesem trostlosen Boden, zu diesem gefahrvollsten Fleck der Erde, zu dieser Oede voll Entbehrung und Entsagung, und dankt Gott, daß seine Hallig noch nicht weggespült ist; und kaum hat er sich da wieder eingerichtet, so ist er in seinem Wesen und seinen Neigungen wie Einer, der nie die Welt sah.

Es ist auch nicht die Freiheit, die dem Halligbewohner seine kleine Heimat, wie dem Mauren die Wüste, zum Paradiese macht. Er fühlt vielmehr den Druck der Civilisation mit Abgaben, Zöllen und dergleichen, und benutzt dagegen wenig von ihren Vorteilen: von Sicherheit des Eigentums, -- ihn schützt ja schon genug seine Armut und seine Wogengrenze -- von allgemeinem Verkehr, -- zu ihm führt keine gebahnte Straße, -- von vermehrten Kenntnissen, -- zu ihm verirrt sich selten eine andere Schrift als Bibel und Gesangbuch, -- von heiteren Künsten, -- die Kunst dringt nicht zu seinen Hütten. Nicht einmal die Geselligkeit, die er haben könnte, gilt ihm etwas. Er ist meistenteils wenig gesprächig, lebt gern auf seiner Werfte für sich, und obwohl sein Prediger oder Priester, wie er ihn nennt, von ihm sehr geehrt wird, so gelingt diesem doch nicht leicht, es zu einer herzlichen Gemeinschaft zu bringen; da er, besonders bei dem weiblichen Geschlecht, außer im Religiösen, den völligen Mangel eines Anknüpfungspunktes an seine Bildung erkennen muß, und seine hochdeutsche Sprache ihn der friesisch sprechenden Gemeinde entfremdet. Nur auf diesen Eilanden hat nämlich das Friesische, das dem Englischen nahe verwandt ist, und worauf der deutsche Sprachforscher mehr, als bisher, sein Augenmerk richten sollte, noch fast seine ganze Eigentümlichkeit sich bewahrt, während es auf den Küsten des festen Landes schon nahe daran ist, in ein bloßes Gemisch auszuarten.

Eine dieser Halligen, von welchen wir im Obigen ein allgemeines und der Wahrheit getreues Bild zu zeichnen versucht haben, ist der Ort der nachfolgenden Handlung. Sie war damals, im Sommer des Jahres 1824, von ungefähr fünfzig Menschen in neun Hütten, auf sechs über die Fläche einer kleinen Viertelmeile zerstreuten Werften bewohnt, welche sich durch Schafzucht kärglich, aber für die geringen Bedürfnisse ausreichend, nährten. Eine, wenig vor den andern Wohnungen ausgezeichnete, neue Kirche, nachdem 1816 die alte, und 1821 wieder eine eben aufgebaute vom Meere weggerissen war, diente den gottesdienstlichen Versammlungen der frommen Gemeinde.

II.

Das schlanke Schiff mit seinen weißen Schwingen Durchschäumt die Wogen, strebt hinauf, hinab; Auf Abgrunds Tiefen muß es vorwärts ringen: »Der Weg zum Hafen führt ja über's Grab.«

Es war ein stiller, heiterer Nachmittag am 9. September 1824; der klare Himmel spiegelte sich in der glatten Flut des Meeres, das eben nur durch solchen Wiederschein sich heute schöner als sonst malte, so rein und deutlich ab, daß selbst das duftigste Wölkchen, das einen leisen Schatten auf seine Klarheit geworfen hätte, auch auf dem Gegenbilde sichtbar geworden wäre; aber weder Wolkenstreifen noch kräuselnde Wellen trübten das lichte Blau.

Maria saß mit ihrer Mutter, einer betagten Witwe, in der kleinen, niedrigen Stube ihrer Wohnung beim Spinnrade. Die höchste Reinlichkeit und die blau und rot gemalten Wände und Fensterbänke, die mit blankem Messing gezierte Lade, die den Hausschatz von Leinenzeug, Feierkleidern und seidenen Tüchern enthielt und zugleich in einem Schiebfach einzelne Kleinodien an goldenen Ringen und Ketten barg, die der Halligbewohner so sehr liebt, gaben dem Ganzen ein freundliches Ansehen, wozu die mit vielfarbigen Malereien geschmückten Thüren der Wandbetten besonders beizutragen bestimmt schienen. Freilich waren die mit losen Kissen belegten Stühle und der Tisch, der durch seine Größe den Raum der Stube sehr beengte, nur von ungefärbtem Holze und verdankten ihre Politur allein dem beständigen Gebrauch und der fleißig reinigenden und glättenden Hand. Selten unterbrach ein einzelnes Wort aus dem Munde der fleißigen Spinnerinnen die Stille, welche nur von den schnurrenden Rädern mit ihrer eintönigen Geschäftigkeit belebt wurde. Eben so still saß der weiße Schäferhund auf der Fensterbank und blickte mit seinen hellen und klugen Augen durch die kleinen, in Blei gefaßten Scheiben unverwandt auf das Meer hinaus, ohne daß sich doch dort irgend Etwas gewahren ließ, das seine Aufmerksamkeit so rege erhalten konnte.

Doch auch Maria warf zuweilen, wenn ihre Arbeit es erlaubte, einen Blick auf die See. Denn nach neunjähriger Abwesenheit sollte endlich in diesen Wochen Godber wiederkehren, der nach weiten Seereisen zuletzt von Hamburg aus geschrieben, wie er sich ein kleines Kapital erworben, um seine väterliche Stelle auszulösen, und nun sich sehne, zu seiner Hallig und zu seiner Maria zurückzukommen. Ihm war sie schon, nach der Gewohnheit des Landes, seit ihrer frühesten Kindheit verlobt und hatte ihm still und treu eine Liebe bewahrt, die freilich von jener ungeduldigen Leidenschaftlichkeit, welche Viele ihrer Zeitgenossinnen als eine notwendige Eigenschaft der Liebe zu betrachten scheinen, weit entfernt war, die aber nichtsdestoweniger durch ihre Tiefe und Innigkeit sich mit dem ganzen Dasein Maria's verschmolz, jede andere, auch nur flüchtige Neigung gänzlich ausschloß und allen Gedanken und Empfindungen der Jungfrau die bestimmteste und entschiedenste Richtung auf ihre Pflichten als die Braut und künftige Gattin Godber's schon längst gegeben hatte und erhielt. Wohl kam in den Briefen Godber's Manches vor, das weit über die Fassungskraft seiner einfach erzogenen Braut hinaus war, und sie konnte sich einer heimlichen Scheu vor ihm, der so Vieles gesehen und gelernt haben müßte, da er so überklug zu schreiben verstände, nicht immer ganz erwehren; aber er hatte doch auch wieder des Glückes gedacht, wenn er nun die Welt gleichsam hinter sich abschlösse und allein für seine Hallig und seine Maria lebe, um all' das bunte und wirre Wesen und Treiben, das ihn ganz anwidere, auf dem kleinen, friedlichen Raume, an der Seite einer geliebten, gleichgesinnten Gattin zu vergessen. In solchen Aeußerungen fand ihr Herz sich heimatlich. Sie zauberten ihr ein Morgenrot lieblicher Hoffnungen herauf, vor dem sie die ihr fremde Färbung anderer Stellen seiner Briefe leicht übersah.

»Heute muß er kommen,« sprach sie zu ihrer Mutter, »mir ahnet so etwas.«

Dabei aber spann sie eben so emsig fort wie sonst; denn sie, wie ihre Schwestern alle auf jenen Eilanden, wußte nichts von einer Liebe, die untreu macht den nächsten, bescheidenen Pflichten des Berufs.

»Heute möchte ich Godber lieber nicht auf der See wissen,« meinte die Mutter, »denn es ist ein Sturm im Anzuge. Hörst du nicht, wie die Möven schreien?«

»Mutter,« rief Maria, »das thut der liebe Gott nicht! Ich habe ja so fleißig gebetet, und Er hat mir ein so gewisses, fröhliches Herz gegeben, daß ich weiß, Er thut es nicht.«

»Was thut er nicht?« fragte die Mutter.

»Er läßt keinen Sturm kommen, Godber zu verderben. Er läßt nur die Winde los, daß sie die Segel straffer füllen und ihn recht schnell heimtragen zu mir -- zu uns.«

»Er mache es nach seinem Wohlgefallen,« sagte andächtig jene. »Was Gott thut, das ist wohlgethan! -- Komm, der Spitz ist schon vom Fenster gesprungen und wartet voll Unruhe auf uns. Laß uns die Schafe eintreiben, ehe das Wetter hereinbricht.«

Und sie gingen hinaus auf das Feld, wo der Hund, der schon lange, sei es durch seine Beobachtung der gewöhnlichen Vorzeichen, oder durch die nur seinen reizbaren Nerven merkliche Veränderung der Luft, die Witterung von dem kommenden Sturm gehabt hatte, in raschen Sprüngen vor ihnen voraus eilte und mit eifrigem Bellen die Schafe zusammen- und entgegentrieb. Schon gingen in einzelnen Stößen die ersten Boten des Sturmes über die Wellen hin. Diese rauschten unmutig auf und sanken langsam wieder herab, als seien sie zu träge, um sich zum Kampf zu erheben. In Südwesten stand noch die Abendsonne, aber nur nach oben hin warf sie ihre Strahlen. Unter ihr war ein dunkles Gewölke hervorgetreten, dessen Rand in gelbgrauen Farben spielte und das beinahe eine Viertelstunde lang weder in der Höhe, noch in der Breite wuchs, sondern gleichsam nur als Vorwacht über die See hinlugte. Plötzlich rauschte ein neuer stärkerer Luftstrom daher, der aber mit noch unsicherem Fuß über das Meer wandelte, so daß nur hier und da eine einzelne Welle vor ihm aufschäumte; und Alles ward wieder still. Nun aber, wie gehoben von einer nachdrängenden Macht, tauchten schwarze Wolkenmassen empor und verhüllten das Antlitz der Sonne. Immer schneller und heftiger folgten die Windstöße einander, immer unruhiger schüttelten die Wogen das dunkle Haupt. Da streckte sich das düstere, schwere Schattenbild am Rande des Horizonts zu langen Armen aus, die immer weiter und weiter über den noch lichten Himmel streiften, und deren mächtige Schatten über den Ocean hinjagten. Auf diesen Armen, wie auf ihm gebahnten Straßen, flog der Sturm daher in seiner Kraft, neigte sich zum Meere nieder und die furchtbare Schlacht begann. Die Wellen wogten in breiten, gewaltigen Reihen auf, als wollten sie die Wolken in ihre Tiefe niederziehen; aber der Sturm peitschte sie wieder von ihrer Höhe herab, daß sie, vor Grimm schäumend, gleich stürzenden Gebirgen niederbrachen, um mit neuer Wut nur noch höher sich zu erheben; und immer rasender sauste der Sturm, und immer hohler rollten die Wogen mit dumpfem Rauschen.

Unterdessen war eilig die kleine Herde auf die Werfte getrieben und Maria wandte nun erst wieder den besorgten Blick auf das Meer, das bereits über das Land hinausgetreten war und die einzelnen Hütten durch seine Wellen von einander trennte. Da sah sie, und ihr Herz schlug höher auf, einen weißen Punkt, der bald auf dem Schaumrande einer hochbrausenden Woge keck dahertanzte, bald, in den schwarzen Abgrund niederfahrend, sich ihrem Auge entzog, als wolle er nimmer wiederkehren. »Ein Schiff, Mutter!« rief sie, und dachte an Godber. Auch die Mutter heftete teilnehmend ihren Blick nach der bezeichneten Gegend, wo sie aber anfangs mit ihren vom Alter geschwächten Augen nichts entdecken konnte. Aber näher und näher kam es; erst wie ein weißer Fittig, der einer verspäteten Möve anzugehören schien, die bald einen Ausweg durch das dunkle, drückende Gewölbe über ihr zu suchen bemüht war, bald in die verschlingenden Wellen untertauchte. Allmählig entfalteten sich die Formen von Segeltüchern, dann wurden die Masten sichtbar und endlich konnte man den ganzen schönen Bau beobachten, wie er jetzt, völlig auf eine Seite gelehnt, den vollen Bogen des straffen Leins zu den Wogen niedersenkte, und jetzt, wenn diese wie im kindischem Spiel den flüchtigen Kuß den Segeln gegeben, wieder gerade sich aufrichtete, und wie ein stolzer Sieger, der seinem glorreichen Grabe jauchzend entgegeneilt, in die Tiefe hinabschwebte. Aber immer tauchte wieder der leichte Kiel mit seinen glatten Wänden und seinen schlanken Masten, mit seinem vielfach, aber in fester Ordnung verschlungenen Tauwerk und seiner vom Meeresgruß dunkler gefärbten Segelfülle aus dem Ocean hervor und wiederholte stets auf's Neue denselben Auf- und Niedergang, dabei mit mannigfacher Wendung einen scheinbar regellosen, aber von erfahrener Hand geleiteten Weg durch die zahlreichen Untiefen jenes Fahrwassers verfolgend.

»Sie haben einen guten Steuermann,« sagte die Mutter; und: »Godber!« tönte es leise von Maria's Lippen nach.

Jetzt machte das Schiff eine neue Wendung, die es glücklich durch zwei einander beinahe berührende Untiefen hindurchbrachte, und trat aus dem schäumenden Schwall der brandenden Wogen eben siegesfroh in die dunklere Flut hinein.

»Steuer in Lee!« kreischte die Mutter, als könnte sie mit ihrem im Sturm verhallenden Kommando das Schiff regieren; aber links drehte es sich und jeden Augenblick erwarteten die ängstlichen Zuschauer, daß es nun an die ihnen bekannte gefahrvolle Stelle kommen würde, wo es bei der geringsten Abweichung zur Linken oder zur Rechten auf den dort zu beiden Seiten der Tiefe mehr als anderswo erhöhten, jetzt freilich auch von der Flut überdeckten Grund stoßen mußte. Doch plötzlich fielen alle schon lange gerefften Segel gänzlich von den Masten ab, daß diese mit ihren nackten Spieren verdorrten Fichten glichen, durch die die Wucht des Sturmes unschädlich hinstreift, und das schwankende Schiff bewegte sich langsam in einem Halbkreis herum, so daß das Boogspriet nun gegen den Wind stand, nachdem es so lange die Richtung mit dem Winde angedeutet.

»Sie haben Anker geworfen;« rief Maria erfreut, und die alte kundige Witwe bemerkte:

»Wenn sie, wie ich glaube, nach Husum wollen, so können sie nun wieder mit der eintretenden Ebbe in den rechten Kurs kommen, von dem sie vor dem Sturm zu weit nach Norden abgetrieben sind.«

Von ihrer Furcht für die Seefahrer befreit, gingen die Beiden in ihre Wohnung. So lange die Tageshelle es erlaubte, warf Maria noch manchen Blick aus dem Hinterstübchen zu dem Schiffe hinüber, das bei nun eingetretener Ebbe ruhig auf seinem Platze liegen blieb, ohne daß man vom Lande aus irgend eine Bewegung auf demselben bemerken konnte. Als die Abenddämmerung die Aussicht hinderte, spann sie wieder ungestörter an der Seite ihrer Mutter fort, wobei zwischen den Beiden Manches über die Aussteuer und künftige Einrichtung verhandelt wurde. Denn auch die Mutter war durch Maria's Zuversicht allmählig mit dem Gedanken vertraut geworden, daß Godber auf dem Schiffe sei. Mit freundlichen Hoffnungen gingen sie dann, später als sonst, zur Ruhe; jedoch nicht eher, als bis sie andächtig mit einander mit folgendem kurzen, kunstlosen Versgebet sich dem Schutze des Höchsten empfohlen:

In Sturm und Wellenbraus Behüte Gott, mein Leben Und um mein schwaches Haus Laß Deine Engel schweben, Daß sich die wilden Wogen scheu'n Wie Lämmer vor dem starken Leu'n.

Doch hast Du andern Sinn, Naht mir ein jähes Ende: So nimm mich gnädig hin In Deine Vaterhände; Und Todesflut und Christi Blut Mach' es mit meinen Sünden gut.

III.

Das Meer ist hier und dort Wie's woget und wie's weht, Gehorsam seinem Wort, Ein See Genezareth.

Wenden wir uns nun zu dem Schiffe, das, von des Ankers Zahn gehalten, sich auf seiner gewählten Stelle von den Wellen schaukeln ließ, um das Aufhören des Sturmes zu erwarten. Godber war wirklich, wie Maria es geahnt hatte und wie die kundige Führung des Schiffes in diesen Gewässern es erwarten ließ, auf demselben als Steuermann, und außer ihm befanden sich der Kapitän und vier Matrosen am Bord, nebst drei Passagieren: Herr Mander, Kaufmann aus Hamburg, zugleich Eigentümer der Ladung, und seine schon erwachsenen Kinder, ein Sohn: Oswald, und eine Tochter: Idalia. Nicht um der Geschäfte willen, sondern allein den Bitten seiner Kinder zu Gefallen, die von einer Seetour sich das größte Vergnügen versprochen, hatte Mander die Reise unternommen.

Die Hoffnung des Kapitäns, auf die, von der Mutter Maria's angegebene Weise seinen Kurs wieder zu gewinnen, wurde getäuscht. Denn als nach einigen Stunden die Ebbe wieder eintrat, lief das Wasser wegen des fortdauernden Südwestwindes mit so geringer Strömung ab, daß es nicht möglich war, mit Hülfe derselben das Schiff gegen den Wind aufzuarbeiten, wodurch auch die Absicht Godber's, der gerade jenen Ankerplatz vorgeschlagen, weil der Zug der abfließenden Wasser dort sonst besonders stark trieb, vereitelt wurde. Nun trat der gefährliche Uebelstand ein, daß das Schiff, auf seiner Stelle notgedrungen gefesselt, bei der Ebbezeit mit seinem Boden manchen schweren Stoß gegen den Meeresgrund auszuhalten hatte. Als darauf, nach Verlauf einiger erwartungsvoller Stunden, die Flut wiederkehrte, und mit ihr der Sturm in noch größerer Wut ausbrach, zeigte es sich bald, daß einige von jenen Stößen gelöste Fugen Wasser sogen. Jetzt galt es, einen entscheidenden Entschluß zu fassen, da auch die Dunkelheit der Nacht die Gefahr noch vermehrte. Die angefangene Beratung zwischen Kapitän und Steuermann wurde wider ihren Willen nur zu schnell beendigt. Ein furchtbarer Stoß, der das Schiff in allen seinen Teilen erschütterte, als sollte es auf einmal ganz aus einander gehen, deutete auf einen unerwarteten Fall.

»Die Ankerkette ist gebrochen!« Dieser Schreckensruf gab die Lösung des Rätsels. »Die Taue auch?« schrie der Kapitän. Diese, viel schwächer, aber lenksamer und dehnbarer, als die eiserne Gliederreihe, hielten freilich für den Augenblick noch an zwei kleinen Ankern, es war aber zu erwarten, daß der nächste Windstoß auch diesen letzten Halt nehmen würde. »Alle Segel auf! alle Lappen bei! die Anker gekappt!« war nun, nach schneller Uebereinkunft der Sachverständigen, das nächste Kommando; und, die ganze Wucht des Sturmes in seine weiten Fittige fassend, die schäumenden Wogen wie ein leichtes Schneegewölk auseinander stäubend, flog das Schiff dem Strande zu. Ueber diesen waren freilich die Wellen auch schon wieder mit der Flut hinübergegangen; aber der so ganz kundige Mann am Steuer würde, obwohl die Dunkelheit die Werften nicht mehr deutlich erkennen ließ, ihn nicht verfehlt haben. Allein zu viel war den Masten zugemutet. Sie bogen sich, als hätten sie noch ganz die zähe, elastische Kraft, mit der sie früher auf den Bergen der Heimat die Gewalt der Stürme täuschten; sie strebten vorwärts, als wollten sie den schweren Leib des Schiffes weit hinter sich lassen; doch schon kündeten immer hellere verdächtige Laute eine Ueberspannung ihrer Kräfte. Der Ruf: »Alle Beile, alle Messer zur Hand!« führte die Matrosen auf ihre Posten, wo sie in ängstlicher Erwartung, mit gehobenem Arm horchten auf das nächste Kommando. »Krach! Krach!« ging es plötzlich, Sturmgeheul und Wogengebraus übertönend, durch alle Teile des Schiffes, und die ganze volle Takelage schmetterte schräge auf das Vorderende nieder und tauchte seitwärts in die Wogen hinab, daß die untern, gebrochenen Enden der Masten sich aufwärts kehrten. »Kappt! Um Gotteswillen, kappt, kappt!« gellte die Stimme des Kapitäns den Matrosen zu, die, obgleich vom Sturz der Masten das Schiff im ersten Augenblick so tief in die Flut hineingedrückt wurde, als sollte es nie wieder aus dem Abgrund sich erheben, mit bewundernswürdiger Gewandtheit, getrieben von dem Bewußtsein, daß ihr Leben von der schnellen und sichern Ausführung abhinge, dem Befehl volle Genüge leisteten. Da schwankte denn in dem nächsten Momente das ganze Segelwerk, das eben noch mit seinen vollen, weiten Schwingen und den kühnen Masten so stolz sich zu heben und so anmutig sich zu neigen wußte, eine wirre und schlaffe Masse auf der dunklen Oberfläche des Meeres dahin, und das völlig seines besten Schmuckes und seines führenden Zuges beraubte Schiff ward, ein willenloser Spielball der gewaltigen Wogen, hin und her geschleudert. Es war aus einem scheinbar belebten Wesen voll Zier, Mut und Stärke, zu einem stumpfen, toten Holze, zu einem lecken Wrack geworden.