Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee
Part 19
»Wir müssen das alte Gewand ausziehen und ein hochzeitliches Kleid anziehen können. Wir müssen die Last von uns werfen und leichten Herzens ein neues Leben beginnen können. Wir müssen die Traurigkeit von uns thun und in Freudigkeit zum Himmel aufschauen können. Ein solches Können liegt aber nicht in unserer Macht. Wollen wir es aus eigener Macht versuchen, da werden wir den kurzen Flügelschlag des frohen Entschlusses bald wieder gelähmt fühlen durch das Gedächtnis der ungesühnten Schuld. Wir können aber uns selber Nichts vergeben, auch den geringsten unlautern Gedanken nicht; denn wir stehen nicht unter unserm Gesetz und Gericht, sondern unter Gottes Gesetz und Gericht.«
»Ich weiß es! Ich weiß es!« stöhnte Godber.
Hold aber fuhr mit erhobener Stimme fort:
»Wir bedürfen _Gottes_ Vergebung. Nicht aber in einem bloßen Ahnen, Meinen, Hoffen, sondern in einer Zuversicht, welche die Pforten der Hölle nicht überwältigen. Und nun, Godber, die Zeit ist erfüllet, die Nacht ist vergangen und der Tag ist herbeigekommen! Es ist kund geworden auf Erden das große Geheimnis der Erlösung: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit Ihm selber! Empor, Du müde, sündenvolle Seele! Empor! Denn Freude ist im Himmel über einen Sünder, der Buße thut. Das ist kein Wort, das trostbedürftige Sehnsucht dem Menschen eingab; dann wäre es nichts nütze, hätte keinen Halt wider die ewig neuen Anläufe des anklagenden Gewissens. Es ist das Wort Dessen, der vom Vater kam, um vom Vater zu zeugen, und es stehet fester, als die Veste des Himmels. Der Herr spricht, der Herr, dessen Wort nicht Sein Wort, sondern Deß, der Ihn gesandt; der Herr spricht, und durch Ihn der Richter der Lebendigen und der Toten: >Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben!< So thue auch Du, Godber, Deine Brust auf, und laß die Liebe, die anklopfet mit solchen Stimmen an Deines Herzens Thore, mächtig werden, wo das Gericht mächtig war. Wirf hin Deine Last und Bürde und tritt freudig an die neue Bahn, als wärest Du heute neu geboren und die Vergangenheit nicht Dein. Gedenke ihrer nur, um immer in der Demut zu bleiben die sich Nichts dünket mit eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit, um im lebendigen Eifer zu bleiben nach der Krone der Vollendung in aller Heiligung des Sinnes und Wandels, um die Sünde zu verabscheuen, die so unselig macht, wie Du es erfahren, um die Gnade des himmlischen Vaters, der so große Dinge für Dich gethan, in Freude, Friede und Seligkeit bis an Dein Ende zu preisen. Aber gedenke der Vergangenheit nicht Dir zum Fluch, sondern zum Segen; wie Gott ihrer nur gedenkt, um Dich aus ihr heraus einzuführen in das Reich Seiner Segnungen und Verheißungen.«
Godber war tief ergriffen von Hold's Worten, und wenn sie ihm auch nicht die Ruhe zurückgeben konnten, die von ihm gewichen war, so dienten sie doch dazu, das Auge wieder mit einem, wenn auch nur kurzen und scheuen, doch suchenden Blick nach oben zu lenken, durch den Sturm der anklagenden Stimmen ein leises Wehen, wie vom Friedenslande her, durchzittern zu lassen und heiße Thränen hervorzurufen, in welchen die verzehrende Flamme der Reue gleichsam einen Ausweg fand und darum an sinnverwirrender Macht über ihn verlor. Er faßte Hold's Rechte, beugte sein Haupt herab und drückte seine heiße Stirne auf die Hand des Mannes, dessen guten Willen, ihm ein Führer aus seinen Nächten heraus zu sein, er nicht verkannte.
Der Unglückliche aber, der den guten Willen, ihn zu trösten, dankbar erkennt, der ist auch schon auf dem besten Wege, sich trösten zu lassen.
Von Tag zu Tag gelang es nun Hold sichtlicher, Godber's Gemüt mehr zu beruhigen. Dadurch, daß er -- von der anfänglichen schonenden Weise zurückgekommen, -- dessen Betragen in den letzten Monaten mit eiserner Strenge beurteilte, hatte er des selber sich so streng Verdammenden Vertrauen ganz gewonnen und damit ihn zugleich zu den Füßen des Erlösers gedrängt. Denn der Weg nach Golgatha geht nur über den Sinai, und wer auf freundlicheren Umwegen dahin will, der bleibt auf halbem Weg stehen und findet darum auch nur einen halben Frieden, der keiner einsamen, ernsten Stunde, keiner wahrhaftigen Selbstprüfung gewachsen ist.
Zugleich aber wandte Hold nun öfter die Gespräche auf zeitliche Dinge, machte Godber aufmerksam auf den schlechten Zustand seiner Werfte, auf die bisherige Vernachlässigung seiner kleinen Heerde, gab ihm Rat und fragte ihn um Rat bei kleinen häuslichen Arbeiten und weckte ihn dadurch zur Thätigkeit und zur Teilnahme für die gewöhnlichen Lebensverhältnisse. So glaubte er denn völlig den Sieg gewonnen zu haben und der Ausgleichung der unglücklichen Trennung zwischen Godber und Maria nahe zu sein. Aber hierin fand er einen unerwarteten Widerstand. Jede Hindeutung auf die Wiedervereinigung Beider ward lebhaft zurückgewiesen.
»Ueber die ewige Halbheit!« sagte Hold endlich ärgerlich. »Da hat nun der liebe Vater im Himmel Alles gethan, daß Seine Kinder sich freuen sollten der Erde und ihrer guten Gaben; hat uns in Seiner Gnade geholfen, los zu sein von dem bösen Gewissen, verlangt keine Buße und kein Opfer mehr, sondern will, daß wir in Erkenntnis und Erfahrung seiner unendlichen Liebe nun auch froh und selig wandeln unter dem Himmel und kindlich annehmen und genießen, was Er uns darreicht aus Seiner Fülle. Kinder will er haben, die offnen und empfänglichen Herzens sind für Seine Liebe, nicht für die Liebe allein, die da redet mit Orgelklang, sondern auch für die, welche locket mit Flötentönen. Kinder will Er haben, die sich freuen nicht allein Seines Himmels, sondern auch Seiner Erde, die nicht allein danken dem Vater in der Höhe, der Seinen Trost ausgießt über die Mühseligen und Beladenen, sondern auch dem Vater hinieden, der da wandelt unter den Glücklichen und lieb hat die Herzen, die ihm danken, daß Er ihre Wallfahrt so reich machte an heiterm Sonnenschein und lieblicher Blütenfülle. Und wir? Wir wollen uns ein Verdienst daraus machen, daß wir fort und fort büßen, und gefallen uns darin, Seiner Güte für diese Zeit zu entsagen, als könnten wir dadurch irgend einen Anspruch auf Seine Verheißungen in der Ewigkeit erwerben. Das ist die falsche Scham, die sich schämet, Alles aus Seiner Hand zu nehmen; die ein Selbstwerk hinzuthun will zu dem Gotteswerk der Erlösung, der der frohe Glaube und die kindliche Liebe und die Heiligung, die aus solchem Glauben und solcher Liebe, wie die Frucht aus der Blüte, hervorgeht, nicht genug sind; sondern die in der Verschmähung der Freude an Gottes Werken und Gottes Gaben hienieden noch ein vermeintlich verdienstliches Opfer darbringen will!«
»O nein,« rief Godber, »das ist es nicht! Und habe ich auch wol früher dergleichen gedacht, Sie haben mich längst geheilt von dieser krankhaften Demut, die eine Tochter des Stolzes ist. Aber -- Maria wird nie an meiner Brust glücklich werden. In jeder Wolke, die meine Stirne trübt, wird Idalia vor ihr stehen; aus jedem Gedanken, dem ich achtlos nachhänge, wird sie diesen Namen herauslesen. Von bangen Träumen in ihrem Schlummer gestört, wird sie meine Träume belauschen, und ich werde an ihrer Seite in der beständigen Furcht wandeln, ihren Zweifeln an meiner Liebe einen, wenn auch unschuldigen Anlaß zu geben. Es wäre ein Anderes, wenn wir uns vorher nie gekannt hätten; aber ein Treubruch läßt immer einen Stachel zurück, den oft die aufmerksamste Liebe nur tiefer drückt, weil sie dem einmal so bitter Getäuschten als Berechnung erscheint!«
Hold wußte hierauf nicht Viel zu erwidern, und vielleicht hatte Godber Recht. Wenigstens machte Hold die Bemerkung, daß Maria wol Aehnliches im Sinne tragen mochte; denn auch sie warf jede Hindeutung auf Wiederherstellung des früheren Verhältnisses mit einem Kopfschütteln weg, das bei der jetzigen Lage der Dinge kaum dem Zweifel an Godber's Werbung um ihre Hand gelten konnte. Im Uebrigen war in ihrem ganzen Wesen ein so kindlich heiterer Friede, daß wer, unbekannt mit ihren bittern Erfahrungen, sie sah, für die Unbefangenheit einer hoffnungsvollen Jugend halten mußte, was die Frucht völliger Ergebung in den Willen des himmlischen Vaters und der Spiegel eines gottseligen Herzens war.
»Laß uns von der Zeit,« sagte Hold zu seiner Gattin, »die Lösung dieses Knotens erwarten!«
»Von der Zeit? Ja, wenn die Zeit nur unser wäre!«
XXIII.
Und solche Nacht, die bleibt im Leben Ein Denkmal, das auf Felsen ruht; Der Schein, den sie in's Herz gegeben, Verlischt in keiner Thränenflut.
So kam der dritte Februar 1825 heran. Wir stehen in der nachfolgenden Erzählung wieder fast ganz auf dem Boden der Geschichte, deren Schuld es ist, wenn Manches dem Leser als zu kühnes Gemälde der Phantasie erscheinen sollte, was doch nur die Erfahrung an die Hand gab. Es ist gerade da, wo die Begebenheiten in's Gebiet des Wunderbaren hinüberstreifen, am sorgsamsten darauf gehalten, nur die ungefärbte Thatsache zu geben, und deswegen auch der Stoff für die folgenden Schilderungen allein aus der Geschichte jener furchtbaren Nacht der Trübsal in der Gemeinde des Verfassers genommen.
Heftige Stürme aus Nordwesten trieben die Fluten über das Land hin, so daß selbst bei der Ebbe die Hallig vom Meere bedeckt blieb. Doch gewöhnt an solche Stürme, und ihre Kraft und Richtung vergleichend mit früheren, glaubten die Halligbewohner diesmal Nichts zu fürchten zu haben, und während die Wogen an die Werften heranbrausten und die Hütten erzitterten vor dem Anprall der Windsbraut, legten die Meisten am frühen Abend sich ruhig nieder. Hold saß noch etwas später auf, beschäftigt mit einer literarischen Arbeit. Seine Gattin, die in einigen Monaten zum zweiten Male Mutter zu werden hoffte, schlummerte sanft in der Nebenkammer an der Seite ihrer Erstgeborenen.
Da trat zu Hold's Erstaunen Maria leise in's Zimmer.
»Das Wasser steigt hoch,« sagte sie mit bebender Stimme.
»Wie!« rief Hold, und dämpfte aus Besorgnis für die Ruhe seiner Frau schnell den Ausruf des Schreckens: »Gegen zwei Uhr ist erst Flut! Jetzt ist es kaum zehn!«
»Und schon ist beinahe die ganze Werfte bedeckt,« fuhr Maria fort. »Schon schlagen einzelne Wellen an Godber's Wohnung hinauf, schon hat sich die eine Seite derselben gesenkt. Aus meinem Fenster sah ich ihn vor der Thür. Er blickte so starr nach mir herüber.«
Hold war schnell aufgesprungen und trat mit Maria vor die geöffnete Hausthür.
Ein wahrhaft blendender Mondschein goß sein Licht über das Meer aus, das mit vollen, breiten Wogen schäumend und rauschend, in dunklen Thälern und leuchtenden Höhen wechselnd, sich um die einzelnen Wohnungen gleichsam über sich selber ausschöpfte, als wollte ein Meer das andere überfluten.
»Gott sei unserer armen Seele gnädig in dieser Nacht!« rief Hold, und blickte unwillkürlich zurück in dem Gedanken an seine Gattin. Da stand diese schon hinter ihm, und mit einer Fassung, wie sie gerade bei dem weiblichen Geschlecht in Stunden der höchsten Gefahr fast öfter gefunden wird, als bei Männern, sagte sie, indem sie den Arm um seinen Nacken schlang:
»Wir sterben doch zusammen, Du und ich und unser Kind. Ich bleibe nicht allein zurück, wie damals, als nur Dich diese Wogen bedrohten!«
In demselben Augenblick brach ein Teil von Godber's Wohnung hinab in die Flut, und es war vorauszusehn, daß der jetzt schon so deutlich werdende schlechte Zustand der Werfte bald den völligen Untergang des Hauses und den schnellen Tod seines Bewohners herbeiführen würde. Godber aber schien, obgleich manche zu seinen Füßen brandende Woge ihn mit ihrem Schaum hoch bespritzte, ganz unempfindlich für die Gefahr. Noch stand er, im klaren Lichte des Mondes fast bis zu den Zügen seines Antlitzes kenntlich, auf derselben Stelle, wo Maria ihn zuerst gesehen; aber sein Blick war nicht mehr auf Hold's Wohnung gerichtet, sondern starrte nach der Seite hinaus, wo der Kirchhof lag, von dem freilich kaum mehr der äußerste Kamm des ihn umgebenden Walles dann und wann noch sichtbar wurde. Daß ein Fach seiner Wohnung niederbrach, störte ihn nicht auf. Maria rief aus angstgepreßter Brust ihm zu. Er hörte es nicht. Da -- war es ein zufälliges Ausgleiten auf dem glatten Rande der vom Wellenschlag gepeitschten Werfte, war es bedachter Versuch zu Godber hinzudringen, -- sank Maria in die Flut hinab und tauchte in der nächsten Minute schon gegen zwanzig Schritt von der Werfte aus dem schäumenden Berge einer Woge auf und glitt dann wieder in dem langen dunklen Bogen der folgenden Welle fort.
Der Schrei des Entsetzens von den Lippen Hold's und seiner Gattin weckte Godber aus seinem Brüten. Sein Blick flog rasch über die Fluten hin in der Richtung, die ihm der gellende Angstruf gegeben, und in demselben Augenblick rauschte die Welle, die Maria trug, wieder empor, und in dem glänzenden Schaumgewölk ihres Absturzes zeigten sich die hocherhobenen Arme und der Kopf der Jungfrau. Da stürzte Godber hinein in die rollende See, mit schneller Besonnenheit die Bewegung der Flut ermessend, die glücklicherweise fast gerade auf seine Werfte zutrieb. Einen langen Bootshaken hatte er eben in der Hand gehabt, um sich damit gegen den wütenden Sturm festzustemmen, und dieser diente ihm nun zu einem Ankerhalt in dem Kampfe mit den tobenden Wasserbergen, denen seine Kräfte nicht gewachsen waren, während er, wo seine Kraft ausreichte seinem Ziele in schräger Richtung entgegenstrebte. Und siehe! da er eben aus dem ihn hochüberdeckenden Strudel einer abbrechenden Woge aufathmete, schoß von dem Schaumrande der nächsten Wassermauer vor ihm eine dunkle Gestalt herab und schwebte, von der neuen Welle getragen, ihm entgegen, und -- in wenigen Augenblicken stand Godber wieder auf seiner Werfte. Maria hing wie leblos in seinem Arm.
So weit waren die ängstlichen Blicke Hold's und seiner Gattin den Bewegungen Beider gefolgt, jetzt erinnerte aber eine hochrauschende Woge, die die Hausflur überspülte, sie daran, die nötigen Vorkehrungen für die eigne Rettung zu machen. Hold schloß alle Fensterläden fester und verriegelte die Hausthür. Die besten Schafe hätten auf den Boden gebracht werden sollen, aber dazu sahen sich Beide ohne anderweitige Hülfe unfähig. Daher wurden nur sonstige wertvolle Dinge, die leichter zu transportieren waren, hinaufgebracht, und um ihr Kind nicht oben der Kälte ohne Not auszusetzen, und um bereit zu sein, wenn vielleicht durch kleine Nachhülfe die Thüren gegen die heranbrechenden Fluten haltbarer gemacht werden könnten, entschlossen sie sich, so lange als möglich unten zu bleiben. Wol fingen bald leichtere Gegenstände um sie her zu treiben an, da die Zugänge in's Haus nicht gegen die dasselbe umgebende Wassermasse ganz verstopft werden konnten; aber doch war dem wogenden Element noch kein solcher Zugang geöffnet, der demselben eine zerstörende Macht über das Inwendige der Wohnung gegeben hätte. Nur hatte die Pastorin für jeden Fall ihr Kind in den Arm genommen, das nach einem schläfrigen, aber freundlichen Blick auf die Eltern ruhig fortschlummerte. Diese sprachen wenig, sondern saßen neben einander auf dem schweren Eichentisch, der ein Erbstück des Pastorats wol schon öfter die See um sich her gehabt hatte, und drückten bei jedem Wogenschlag, der die Grundfesten des Hauses erschütterte, sich fester an einander. In der nächsten halben Stunde trieben schon alle Koffer und Kasten im ganzen Hause, und das Wasser stand an dem Rande des Tisches. Da mußten sie sich entschließen, ihren Platz zu verlassen, um der Bodentreppe zuzuwaten. Allein ehe sie diese noch erreichten, schlug es wie mit gewaltigen Donnerschlägen gegen die Thür an der Westseite des Hauses; diese brach zugleich mit einem ganzen Fachwerk der Mauer ein, und das Vorderende eines mächtigen Balkens drang mit einem rasenden Flutenschwall in's Haus und zersplitterte im furchtbaren Anprall die Bodentreppe. Im starren Schreck standen die Unglücklichen einige Minuten regungslos und athemlos; sie umklammerten sich fest und bargen die todesbleichen Gesichter Einer an des Andern Brust. Da hörten sie laute Klagetöne neben sich, und aus dem Halbdach, das jener Balken hinter sich schleppte, und das in dem Augenblick in Trümmer zerriß, wurde der Nachbar, dessen Werfte nur in einem geringen Abstande vom Pastorat lag, mit seiner Frau auf das erschreckte Paar hingeworfen.
»Mein Kind, mein Kind!« schrie die Nachbarin mit dem herzzerreißendsten Jammer, als sie sich von der ersten Betäubung erholte. Ach! das Kind war auf eine Heudieme festgebunden, da der Vater den Sturz seines Hauses vorausgesehen, und die armen Eltern wußten nicht, ob es von dem Fall der Mauer zerschmettert sei oder mit dem Heu in den Wogen treibe.
»Mein Kind, mein Kind!« schrie die Mutter wieder und wieder, und der Vater jammerte mit ihr. Beide vergaßen, daß sie, wenigstens für den Augenblick, gerettet, Beide vergaßen, daß die nächste Minute auch sie als Opfer der tobenden See auf schäumenden Wellen forttreiben könne.
Die Lage der Armen ward zur furchtbarsten Angst gesteigert. Um sie her fluteten die Wellen mit schrecklicher Gewalt, schlugen nach und nach alle Seitenmauern im Innern des Hauses ein, warfen sich mit rasendem Spiel die schwersten Lasten wie leichte Federbälle zu, und jeden Augenblick in Gefahr, von den umhergeschleuderten Massen zerschmettert zu werden, standen die schon halb dem Tode Verfallenen vor der offenen Bodenluke, von der eine längere Lebenshoffnung wie neckisch herabschaute, da keine Stiege mehr hinaufführte. Einige Erleichterung gewährte es ihnen, daß ein Teil der Mauer an der dem ersten Einbruch entgegengesetzten Seite jetzt niederstürzte, während gerade hinter ihnen die Wand noch fest hielt. Nun trieben doch wenigstens die bisher ohne bestimmte Richtung umhergeschleuderten Kisten, Balken und Mauerstücke in wildem Gedränge diesem Ausgang zu, und sie hatten bald nur allein mit den immer höher schwellenden Wogenstürzen zu kämpfen, da nur noch nackte Pfähle um sie her waren. Wäre die Wand hinter ihnen gebrochen, dann freilich hätten die Wellen auch sie hinausgerissen in die weite Tiefe. Doch immer höher und höher stieg die Flut, und immer gewisser ward der Untergang, auch wenn jene Wand nicht nachgab, da kaum mehr die höchste Anstrengung die Unglücklichen aufrecht zu halten vermochte, und keine Möglichkeit da war, auf den Boden hinaufzukommen; und schon schlugen einzelne Wellen über ihr Haupt hin; und Hold's Gattin mußte das weinende Kind, das sie selbst nicht ihrem Manne abgeben wollte, höher halten, um es vor dem Ertrinken im Arm der Mutter zu bewahren.
Aber lange vorher, ehe solche Gefahr von einem Sterblichen geahnt werden konnte, war die Hülfe schon bedacht und bereitet. Das Weinfaß, das Mander ihm aufgedrungen, schlug, da vermutlich die Wasser den Grund, wo es gestanden, untergraben, von einer schweren Woge gefaßt, vorne über und stand aufrecht gerade vor der so sehnsuchts- und verzweiflungsvoll angestarrten Oeffnung im Boden. Auf diesem Fasse retteten sich die mit neuer Hoffnung nun Beseelten nach Oben. Welche Zuflucht aber? Ein vom Sturm schon hie und da zerrissenes Dach auf schwankenden, von jedem Wellenschlag erschütterten Pfählen. Rings um und unter sich den empörten Ocean, dessen Wellen ihren Schaum oft hoch über das zitternde Obdach hinspritzten und reiche Wasserstrahlen durch die Löcher desselben hereingossen. In dieser, gegen die frühere unten im Hause ruhigeren Lage sank Hold's Kleine wieder in ihren sanften Schlummer und wurde selbst nicht von den heißen Thränen erweckt, die aus den Augen der Mutter auf die teure Bürde in ihren Armen herabfielen; aber die Nachbarin erwachte hier aus ihrer dumpfen Hingebung und jammerte von Neuem laut um ihren Sohn. Jetzt stürzte die Kirche, die mit Hold's Wohnung, wie schon erwähnt, ein Haus ausmachte, zusammen. Es würde Allen unbemerkt geblieben sein, da im Heulen des Sturmes und im Brausen der Wellen, wie im Knarren und Krachen aller Fugen des Gebälks auch selbst des Himmels Donnerschläge aus dem betäubenden Gemisch von Tönen nicht heraus gehört worden wären, wenn nicht mit dem Sturz der Kirche auch an zwei Seiten das noch bisher das Obdach tragende Pfahlwerk weggerissen, und somit nicht allein der Bodenraum auf ein paar schmale Bretter mit einigen Sparren über sich, um welche das Ried des Daches in Fetzen flatterte, beschränkt worden, sondern auch eine freie Aussicht nach Norden und Osten hin gegeben wäre.