Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee
Part 18
»Aufrichtig muß ich bekennen,« sagte Mander, »daß gerade das Wort: »Solches thut zu meinem Gedächtnis,« mir in dem Augenblick, in welchem es gesprochen wurde, kurz vor dem Tode am Kreuze, so natürlich vorkommt in dem Munde des Herrn, und daß die Stiftung, auf welche es deutet, mir ebenso natürlich allein aus der Scheidestunde hervorgegangen zu sein, und darum auch ihr Wesen und ihren Charakter nur in der Erhaltung einer lebendigen Erinnerung an des Stifters Leiden und Sterben für uns zu haben scheint.«
»Dagegen muß ich bekennen,« entgegnete Hold, -- so verschieden ist das Urteil! -- »daß mir Nichts wundersamer vorkommt, als eine Feier zum Gedächtnisse Dessen, der uns Weg, Wahrheit und Leben ist, von dem die ganze jetzige Bildung des Menschengeschlechts ihren Anfang und ihren Ausgang hat, dem wir in der Taufe geweiht sind, in dessen Licht wir atmen, in dessen Gemeinde wir leben, dem wir Freude, Friede und Seligkeit verdanken im Leben und im Sterben. Kann Der, welcher spricht: >Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht!< und: >Ich bin bei Euch bis an der Welt Ende!< gemeint haben, mit solchem Mahl allein ein Erinnerungsfest einzusetzen, wie allenfalls Derjenige es stiften mag, welcher fürchtet, es könnten seine Lehren und Segnungen vergessen werden, und doch gern in seiner Persönlichkeit, als ein Mann, der zu seiner Zeit und für seine Zeit Gutes gewollt, in der Erinnerung fortleben möchte? Ja, müßte solche Stiftung nicht in der christlichen Kirche mehr und mehr an Bedeutung verlieren, je lebendiger der Herr lebte im Gedächtnis der Seinen? Je inniger die Seele Ihm angehörte, je tiefer der Geist sich versenkte in die Fülle Seiner Segnungen und Verheißungen, desto weniger könnte eine Feier gelten, die nur erinnern soll, Ihn nicht zu vergessen.
Der Apostel Paulus redet ferner auf solche Weise vom Abendmahl, daß jeder Gedanke an ein bloses Gedächtnismal wegfallen muß. Er spricht: >Welcher unwürdig von diesem Brot isset oder von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leibe und Blute des Herrn. Der Mensch aber prüfe sich selbst, und also esse er von diesem Brote und trinke von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht, damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn.<«
»Erlauben Sie mir noch die Frage,« sagte Mander hierauf: »Konnten die ersten Jünger, die mit dem Herrn zu Tische saßen, in dem Brote und dem Kelche ein solches Sacrament, wie sie es vorher auslegten, genießen, da der Herr noch bei ihnen war?«
»Ich brauchte Ihnen keine Antwort auf diese Frage zu geben,« erwiderte Hold, »ehe Sie mir nicht meine Einwendungen gegen eine blose Erinnerungsfeier widerlegt, bevor Sie nicht erwiesen haben, daß die Deutungen, mit welchen man dem Abendmahl einen höheren Charakter geben will, ohne die leibliche Gegenwart zu bekennen, wirklich mehr sind als blose Zuthaten, die bei aller ihrer scheinbaren Fülle es doch nur ein Gedächtnismahl bleiben lassen, ein Mahl, dessen Genuß in seinen Wirkungen auf den Gläubigen nichts Anderes giebt, als was schon jede andere lebendige Erinnerung an den Heiland und Erlöser geben kann. Aber ich will Sie doch daran erinnern, daß auf die Beantwortung Ihrer Frage gar nicht so viel ankommt. Erkennen wir im Abendmahl eine Stiftung für die Kirche, für alle kommenden Christengemeinden, -- und das haben nur Wenige geläugnet, -- so kann es gern für die späteren Bekenner eine andere Bedeutung haben, als er für die ersten Jünger, denen die sichtbare Gegenwart des Herrn das Sacrament war, schon haben konnte, und welchen es erst Das wurde, was es uns ist, als der Herr heimgegangen war zu Seinem himmlischen Vater. Diese andere Bedeutung besteht ja denn doch immer nur darin, daß wir mit, in und unter dem Brote und Wein haben, was sie noch sichtbar vor sich hatten. Die Kraft des Mahls, die sacramentliche Fülle bleibt dieselbe, nur bei ihnen Schauen, bei uns Glaube. Doch ich fühle, wie es mit allem Erweisen eine mißliche Sache ist auf diesem Gebiete. Die göttlichen Dinge wollen erfahren sein.«
»Mir ist so unsicher um's Herz geworden,« sprach Mander mit einem Seufzer, »daß ich wollte, ich hätte nicht gefragt!«
»Ich sagte es Ihnen im Voraus, daß Sie keine andere Frucht nehmen würden aus dieser Erörterung. Aber vielleicht werden Sie noch künftig mit mir Denen, die das Abendmahl nicht in seiner ganzen Bedeutung würdigen, zurufen: Entkleidet nicht die Kirche ihres heiligen Schmuckes; nehmt ihr nicht die Krone von ihrem Haupte; reißt sie nicht los von der Wurzel des Lebens, von der innigen, ewigen, thatsächlichen Gemeinschaft mit dem, der vom Vater kam, um vom Vater zu zeugen! Uebrigens treten Sie hinzu zu dem Tische des Herrn mit Andacht und Hingebung, und erwarten Sie, was Er Ihnen darreicht aus Seiner Fülle. Er ist Allen, die zu Ihm kommen, Etwas, und leitet sie selber dazu, daß Er ihnen Alles werden kann. Sein Segen wird Ihnen nicht fehlen!«
Die Stunde der Feier war gekommen. Die ganze Gemeinde, die, nach der am Sonntage vorher geschehenen Bekanntmachung, sich zur Communion gemeldet hatte, da auf den Halligen es nicht immer zu erwarten ist, daß die sonst bestimmten Tage zu solcher Feier wegen des oft durch Sturm und Wellen verhinderten Kirchganges regelmäßig gehalten werden können, sammelte sich in der an Hold's Wohnung anstoßenden, mit ihr durch ein Dach verbundenen Kirche. Nach Beendigung des Gesanges trat Hold vor den Altar und hielt eine kurze, eindringliche Rede, die in ihren schlichten Worten nur auf das Verständnis seiner gewöhnlichen Zuhörer berechnet schien, während sie gerade in ihrer Einfachheit, in ihrer festen Hinstellung Dessen, was den Beiden, die heute zum erstenmal mit rechter Sehnsucht nach der Verheißung, die er verkündete, zum Tische des Herrn traten, noch nicht als gewisse Zuversicht aufgegangen war, auf diese einen wahrhaft erbauenden, begründenden Eindruck machte. Darauf trat der Bejahrteste in der Gemeinde, ein Mann mit schneeweißem Haar, vor Hold hin und sprach mit einer Stimme, deren Zittern von Altersschwäche und zugleich von tiefer Rührung zeugte, folgende Worte, bei denen sich Alle von ihren Sitzen erhoben:
»Würdiger, lieber Herr! Also rede ich für mich und für Alle: Ich bitte Euch, wollet meine Beichte hören und mir die Vergebung sprechen.«
»Ich armer sündiger Mensch bekenne und beklage mich, daß ich die heiligen Gebote Gottes unseres Vaters mannigfaltig übertreten, und mich gegen Gott und meinen Nächsten oft versündigt habe, damit ich Gottes gerechte Strafe, zeitlichen und ewigen Tod wohl verdienet. Aber alle meine Sünde gereuet mich ernstlich und ist mir von Herzen leid, und ich habe keinen andern Trost, denn die Gnade Gottes, die größer ist, als meine Schuld, und das teure Verdienst meines Herrn Jesu Christi. Komme daher in der Zeit der Gnaden, daß ich möge Vergebung empfangen und damit neue Freudigkeit zu Gott und Kraft zur Heiligung durch Seinen Geist. Amen.«
Dieser den Fremden unerwartete Auftritt verfehlte nicht seine Wirkung auf ihr Herz. Mander fühlte tief den Wert einer solchen thätigen Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst bei dieser Feier. Er fühlte sich in dem Augenblicke gleichsam eins geworden mit dem Greis, der für Alle sprach. Er fühlte in dessen Bekenntnis sein Bekenntnis, in dessen Bitte seine Bitte und darum sich klarer und deutlicher als Einer, der da nahet mit demütigem Flehen und der Verheißung entgegensieht, als wenn der Geistliche allein geredet. Oswald zitterte heftig. Jedes Wort, das der Greis sprach, klang in allen Tiefen seiner Brust wieder. Es war ihm, als tönte die Bitte von seinen eigenen Lippen, aber als würde sie inniger, dringender, flehender, indem sie der Ausdruck seiner Sehnsucht wurde, als gestaltete sie sich zu einem Ruf aus der Tiefe, zu einem Schrei des Erbarmens, zu einem Seufzer, an dessen Erhörung sein Leben hing.
Als der Greis geendet, faltete Hold seine Hände, hob die Augen empor in stillem Gebet und sprach dann nach einer kurzen, erwartungsvollen Pause, indem er seine Rechte segnend auf das Haupt des alten Mannes vor ihm legte, der unterdessen seine Knie gebeugt hatte an den Stufen des Altars:
»Der in die Welt kam, nicht daß Er die Welt richte, sondern daß die Welt durch Ihn selig werde, der da die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft, daß Er sie erquicke, Der spricht durch das Amt, das Er mir vertraut, zu Dir und zu der Gemeinde, die durch Dich bekannt hat ein gutes Bekenntnis: »Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben.«
Und als nun Hold seine Hände weiter ausbreitete über die ganze Gemeinde hin, und noch einmal die Worte wiederholte: »Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben!« da sank es wie eine Decke von Mander's und Oswald's Seele. Das Evangelium war nun völlig Licht, Kraft und Leben in ihnen geworden, und alle Dämmerung, Schwachheit und Lauheit schwand wie der letzte winterliche Nebeltag vor dem siegenden Frühlingsodem. Sie fühlten sich so offen und empfänglich für jeden Gruß aus der Höhe, so klar und entschieden im Glauben, so leicht und frei in der Erfüllung der Verheißung, daß das Reich der Wunder, durch die das Göttliche sich dem Staube offenbart, ihnen als eine natürliche Welt erschien, in welcher sie schon längst heimisch, und sie traten zum Tische des Herrn als in Allem Bekenner der Lehre ihrer Kirche.
XXI.
Schmerzen giebt es, deren Wunden Nur die _stumme_ Brust erträgt; Wenn das kühne Wort sie wägt, Ist des Duldens Kraft geschwunden.
Auf den nächsten Mittag war die Abreise bestimmt. Die Geschäfte wegen der Bergung waren schon einige Tage vorher zur Zufriedenheit beendigt, und Mander und Oswald nahmen von allen Bewohnern der Hallig durch Besuche in jeder Wohnung Abschied, und wurden allenthalben als liebe Freunde, die man nicht hoffen darf, wiederzusehen, mit der Feierlichkeit eines solchen letzten Zusammenseins aufgenommen und entlassen, an keiner Stelle ganz ohne Thränen der gutmütigen, für jede ihnen bewiesene Teilnahme leicht empfänglichen Halligbewohner. Da diese Leute, besonders auf der Hallig, die wir im Sinne haben, -- auf welcher, so weit das Kirchenbuch geht, keine außereheliche Geburt, und so weit die Erinnerung der ältesten Personen reicht, nie ein leidenschaftlicher Streit vorgekommen war, -- gar zu leicht geneigt sind, die Welt außerhalb ihrer kleinen Eilande, und besonders in den großen Städten, nur als eine ungläubige und zuchtlose sich zu denken, so hatte die Teilnahme der Fremden am Abendmahl diese in ihren Augen so gehoben, daß sie dieselben mit einer Art bewundernder Ehrfurcht betrachteten. Sie ahneten nicht, daß ihr Eiland erst das Emmaus gewesen war, wo jene den Herrn erkannten. Jede einzelne Familie brachte auch ihren besonderen Dank dar für die silbernen Altarleuchter, welche Mander der Gemeinde geschenkt, und die Hold freilich aus bestimmten Gründen nicht am gestrigen Tage schon auf den Altar gesetzt, aber sie den Hausvätern, die nach der Feier bei ihm gewesen, gezeigt hatte. Am bewegtesten war der Abschied von Hold. Einige Gaben, welche die Freundschaft und Dankbarkeit der Scheidenden dem Pastor und seiner Gattin darboten, wurden ohne Ziererei angenommen. War doch auch die Schwierigkeit, welche mit der Besorgung dieser Gaben aus der Ferne verbunden gewesen sein mußte, ein Beweis mehr, daß sie, wie lange vorbedacht, so auch Zeugnisse einer Freundschaft sein sollten, die länger dauern würde, als der Aufenthalt auf der Hallig. Nur gegen ein großes Faß mit Wein, das auf seiner Hausflur aufgestellt wurde, protestirte Hold, da er sich dieses Getränks längst entwöhnt habe. Doch er mußte auch hierin nachgeben, da Mander versprach, bei der ersten Gelegenheit für kleinere Gebinde zum Umfüllen zu sorgen, und darauf aufmerksam machte, daß, wenn auch Hold selbst keinen Genuß davon haben wolle, doch den Kranken und Schwachen in der Gemeinde eine solche Stärkung oft wohlthätig werden könne.
Wer hätte bei diesem Hin- und Herreden daran denken sollen, daß das Leben mehrerer Menschen ganz allein, und die Gesundheit der ganzen Gemeinde größtentheils allein von der Annahme dieses anfangs verschmähten Geschenkes abhinge!
Oswald trennte sich von Maria nicht ohne eine ernstere Regung, als mit welcher er von den übrigen Bewohnern der Hallig Abschied genommen, und Mander legte für sie und Godber, da er mit Hold auf eine baldige frohe Vereinigung dieses Paares hoffte, eine Summe Geldes bei dem Pastor nieder und machte sich zu einer jährlichen Summe schriftlich verbindlich. Auch den Verlobungsring Godber's, den Maria Jenem auf seinem Krankenlager vom Finger gezogen, hatte Idalia ihrem Vater zurückgegeben, um ihn Maria einzuhändigen. Mander gab ihn Hold, daß er die passende Gelegenheit zur Rückgabe abwarten möchte.
Am Ufer fanden die Abreisenden die ganze Gemeinde versammelt, und noch einmal rief ein Händedruck und ein herzliches Lebewohl alle Gefühle des Abschieds wach, und mit Thränen in den Augen bestiegen Mander und Oswald das Schiff. Auch Idalia wandte mehr als einmal den von einem feuchten Tau umflorten Blick auf das bald in einem lichten Nebel schwindende Eiland zurück. Sie hätte gern dem Schiffe Halt geboten, nicht um die Hallig wieder zu betreten, aber sie im Auge zu behalten. Alle ihre Gedanken und Empfindungen waren wie in einer Schwebe, und sie konnte ihnen ebensowenig die volle Richtung in die Zukunft geben, als sie in die Vergangenheit ganz zurückwenden. Sie hätte es für eine Wohlthat für ihr Herz gehalten, wenn das Schiff, das sie unaufhaltsam forttrug, von der Ebbe übereilt, stehen geblieben wäre zwischen den beiden Ufern, wie sie sich selbst auf einem leeren Raum zwischen dem Zeitstrom der Vergangenheit und dem der Zukunft zu stehen schien. Als sie die Küste des festen Landes betrat, da zitterte und schwankte sie, wie Einer, der nach einem langdauernden, heftigen Sturm den mit der wogenden Bewegung des Schiffs nicht durch frühe Uebung vertrauten Fuß an's Land setzt.
Auf der Hallig blieben die Bewohner derselben so lange am Ufer versammelt, als noch der Nebel einen Blick vom Schiffe erhaschen ließ, und sowohl die auf demselben, als auch die Zurückbleibenden winkten bis dahin einander zu, ohne bestimmt zu wissen, ob ihre Abschiedsgrüße noch bemerkt und erwidert werden könnten.
Hold war den Tag über in einer Stimmung, der er den Namen der Wehmut über die Trennung von den Freunden gab; und doch war es mehr als diese Trennung, was ihn so tief bewegte. Alle Träume seiner Jugend waren durch die Gespräche mit diesen Gästen aus der Welt, in welcher er sich früher so hoffnungsreich und lebenskräftig bewegt, wieder wach geworden. Seine früheren Freunde, denen er gleichsam ohne Kunde durch Versetzung auf die Hallig entschwunden war, winkten ihn nun von Neuem in ihren Kreis. Die Länder, die er an ihrer Seite durchpilgert, breiteten wieder alle ihre Schönheiten vor ihm aus. Das rege Treiben der politischen Welt, von der ihm jetzt kaum dann und wann die Zeitung eine dürftige Nachricht brachte, trat wieder vor seine Gedanken hin, als ein Zauberbild, das hell vor unserer Nacht vorüberzieht. Das reiche Feld der Wissenschaft blühte und duftete vor seinem Geist in der köstlichen Blumenpracht auf, aber wie ein schöner Garten, den wir durch ein Gitter anschauen, in welchem wir uns nicht ergehen dürfen. Und hier diese öde Hallig! Dies wüste Meer um sich her! Dieser Nebel, der ihn verhüllte, als wollte er ihn für immer von der Welt ausschließen. Hatte er denn den Becher Djemschids, auf dessen Rand sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft malt, nur an die durstenden Lippen gesetzt, um nun für sein ganzes Leben mit ungestilltem Verlangen nach einer Labung aus demselben zu schmachten? Mit welch' ganz andern Gefühlen, mit welch' schönen Hoffnungen für sein Erdenleben wandelte er auf den Schweizerbergen, an den Ufern der Ströme des Vaterlandes! des Vaterlandes, aus dem er nun vielleicht für immer fortgebannt war, vergessen auf einer von trüben Meeresfluten umflossenen Scholle, hingegeben jeder Entsagung und Entbehrung! Er ging hinaus an das Ufer. Er schaute sehnsüchtig in die Nebel hinein, als könne sein Auge sie durchdringen, und den Gedanken folgen, die über das Meer hinflogen und über Berg und Thal schweiften. Seine Sehnsucht wurde zum Liede, das wie ein langer Seufzer sich aus den Tiefen seiner Brust losrang:
Schwebt hinüber, Trauertöne, Grüßt den heimatlichen Strand; Grüßt das liebe, wunderschöne, Heil'ge, deutsche Vaterland.
Grüßt, wo über Thal und Hügel -- Hell des Jägers Horn erschallt, Wo der blaue Wellenspiegel Um die Fischerbarke wallt.
Grüßt, wo die Lawinen toben In des Staubbachs Silberduft, Ach! wie drängt das Herz nach Oben, Nach der Berge Himmelsluft;
Wo mit bräutlich schönen Kränzen In der Abendröte Glühn, Jungfrau, Deine Scheitel glänzen; Könnt ich dahinüber ziehn!
Oder hin zum Strand der Saale, Wo der Tannen schwankes Dach Wölbt sich über Heldenmale, Die der Zeiten Sturm zerbrach.
Allenthalben an der Elbe, An der Donau und am Rhein, Ist mein Vaterland dasselbe, Wert der Deutschen Land zu sein.
Reich an Reben, reich an Eichen, Felsenkräftig, blumenmild, Malt es rings in treuen Zeichen Seines treuen Volkes Bild.
Schwebt hinüber, Trauertöne, Grüßt den heimatlichen Strand, Alle Lust und alles Schöne Blieb zurück im Vaterland.
Ach! vergebens wecken Klagen Die verhaltnen Schmerzen nur, Keine milden Lüfte tragen Sie zur heimatlichen Flur.
Mich umrauschen Meereswogen, Nebel hüllen meinen Blick; Meine Grüße sind verflogen, -- Keine Antwort kommt zurück!
XXII.
Nur das Heute ist das Alte, Jede Morgenröte weiht Uns für eine neue Zeit, Und wer sagt uns, wie sie walte?
Godber war bald nach der Abreise der Fremden auf die Hallig zurückgekehrt und lebte einsam in seiner Wohnung. Wenn man ihn sah, schlich er trübsinnig und in sich gekehrt dahin und vermied mit ängstlicher Scheu jede Anrede. Sein Haus und seine Werfte waren während seiner langen Abwesenheit und nach dem Tode seines Vaters ganz verfallen; er aber that Nichts für die versäumte Ausbesserung und schien es nicht zu beachten, daß die Fluten in den stürmischen Weihnachtstagen große Beschädigungen anrichteten, die seinen Aufenthalt sehr unsicher machten.
Hold kam oft zu ihm und versuchte es, ihn zu neuer Lebenshoffnung zu erheben. Er erzählte viel, so wenig auch Godber solche Gespräche zu lieben schien, von Maria's frommer Ergebung in den Willen des Herrn, von der Ruhe, mit welcher sie ihr künftiges Geschick erwarte, von der Güte ihres Herzens, die keiner Beleidigung lange gedenke. Er suchte, ohne geradezu Godber's Verhalten zu entschuldigen, doch Alles auf, was es in einem mildern Lichte erscheinen lassen konnte, und wies hin auf die erbarmende Liebe Gottes, die uns nicht umkommen läßt unter der Bürde des bösen Gewissens.
Als er eines Tages auch wieder so sprach, erhob sich Godber, der bisher ihn schweigend angehört, von seinem Sitze, trat vor ihn hin, blickte mit starren Augen ihn an und sprach mit einer Stimme, die feierlich und schauerlich klang:
»Wird der Gott, den Du verkündest, auch jene Nacht wieder ungeboren machen, in der ich das Steuer des Schiffes verließ, um _Die_ zu retten, um deretwillen ich ein doppeltes Gelübde brach? Wird Er, wie Er Maria's verwundetes Herz zu heilen verstand, auch den schönen Bau wieder zusammenfügen, der durch mich zu einem elenden Wrack geworden ist. Wenn Du in blinder Leidenschaft Deine Kirche angezündet, würdest Du das so leicht vergessen, daß Du meinest, ich sollte vergessen, was ich an dem Schiff gesündigt? Wird Gott auch die drei Toten dort aus ihrer Gruft in's Leben zurückrufen, daß ich es von ihnen wieder höre: >Godber ist ein braver Steuermann!< ohne ein Hohngelächter der Hölle daneben zu hören?«
Hold erbebte sowol vor dem irren Ausdrucke in Godber's Zügen und Worten, als vor der Entdeckung einer nicht geahnten Bürde auf dem Gewissen des Jünglings. Godber aber fuhr fort:
»Du zitterst vor solchem Verbrechen und hörst es doch nur, und ich, der es gethan, sollte nicht zermalmt werden unter seiner Last? Für mich ist keine Hülfe mehr!«
Mit weicherer Stimme, deren leises Beben den Uebergang aus starrer Verzweiflung in eine wehmütige Rührung bezeugte, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu:
»Und kannst Du mir auch Maria bräutlich froh in den Arm legen, Du kannst nicht sagen: dieses Auge hat nicht um Deinetwillen geweint; dies Herz hat nicht um Deinetwillen geblutet; an der Treue des Halligsohnes haftet durch Dich kein Makel. Maria hat nur meine Schuld zu vergessen. So ein Vergessen ist leicht. Ich soll mich selbst vergessen. Da muß der Tod helfen. -- Und _der_ kann ja auch nicht helfen,« schrie er entsetzt auf, »denn droben ist das Gericht!«
Damit schlug er beide Hände vor's Gesicht und sank in dumpfem Brüten auf seinen Sitz zurück.
Hold bedurfte einiger Zeit, um sich zu sammeln, dann trat er vor Godber hin und sagte:
»Ich will nicht mit Dir reden von dem Schiffe; nicht Dich darauf aufmerksam machen, wie Deine Kunst und Erfahrung es doch vielleicht nicht hätte retten können; wie viel wahrscheinlicher Euer Aller Tod bei solchem Versuch gewesen wäre, während nun fünf Menschen Dir ihr Leben verdanken. Ich will aber reden von dem Amte, das die Versöhnung predigt. -- Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. So wir mit aufrichtigem Herzen prüfen unser Selbstwerk, müssen wir bekennen, daß wir nicht bestehen können vor dem heiligen und gerechten Gott, müssen bekennen, daß unter dem Licht und Gericht des göttlichen Gesetzes unsere Tugend wie ein Schattenbild zerfließt, und dagegen unsere Uebertretungen wachsen wie Wogen, die über unser Haupt zusammenschlagen. Vor dem Worte: >Ihr sollt heilig sein, denn Gott ist heilig!< vor der Wahrheit: >Ihr sollt Rechenschaft geben auch von jedem unnützen Worte, das aus Eurem Munde gegangen ist!< bestehet keine Entschuldigung, kein Vorwand, keine Rechtfertigung. Unsere Schwachheit ist Lüge, denn sie ist eine Frucht des Lügengeistes, der uns Gottes Gesetz verfinstert und entstellt, der diese Macht aber nicht haben würde, wenn wir sie ihm nicht selber gegeben, dadurch, daß wir die böse Lust in uns wuchern ließen. Was wir Verführungen und Versuchungen nennen, sind blos Antworten von Außen her auf die Lockstimmen der Sünde in unserm Innern. Wer das >Heilig< nicht in seiner ganzen Bedeutung nimmt, als eine völlige Reinigung unseres Sinnes und Wandels von allem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Lüften, als eine vollkommene Verklärung vom Kinde des Staubes zum Kinde Gottes in allen Gedanken, Worten und Werken, der weiß noch gar nichts von Gott und seinem Willen und unserer Berufung auf Erden, und meint noch teilen zu können zwischen Gott und dem Mammon; während alle Halbheit und Lauheit vor Gott ein Greuel ist, während, wer das Gesetz hält und sündigt an einem, des ganzen Gesetzes schuldig ist. Von solcher Strenge haben wir keine Macht, uns Etwas nachzulassen, und Gott selber hat nicht die Macht, denn Er ist heilig!«
Godber rang die Hände und schluchzte laut:
»Für mich ist keine Hülfe mehr!«
Hold aber fuhr fort:
»So wir nun solches zu Herzen nehmen, können wir nicht mit Freudigkeit weder vor Gott treten, noch mit Freudigkeit Sein Gesetz erfüllen. Denn zwischen Ihn und uns wird sich unsere Sünde legen und eine dunkle Scheidewand, die uns ausschließt von allem Trost und allem Hoffen; und unser Versuch zur Aenderung des Sinnes und Wandels muß scheitern, weil die Sünde, die einmal mächtig geworden ist in uns, nur in schweren Kämpfen überwunden wird; zu solchem Kampfe aber Freudigkeit zu Gott und Liebe zu Ihm gehören, die wir nicht haben, so lange unser beladenes Gewissen nur zeugt von dem Richter der Lebendigen und der Toten.«
»Er hat schon gerichtet!« rief Godber.